Archiv für die Kategorie »Sport-Leben«
Sport-Leben, Teil 4 und Schluss (mit Anhang April 2005)
Ich stehe auf der Klobrille, auf Zehenspitzen, reiche bis zur Nasenspitze an das kleine Toilettenfenster und blicke auf die Straße. Ich bin sechs Jahre alt, habe Stubenarrest und schaue sehnsüchtig den Kindern beim Fußballspielen zu. Nicht nur wegen des Stubenarrestes kann ich nicht mitspielen. Dürfte ich auf die Straße, würde ich dem Fußballspielen nur räumlich näher kommen, denn die älteren Kinder dort draußen lassen keinen Sechsjährigen mitspielen, und wenn Sechsjährige mitspielen dürften, würden mich die Älteren dennoch nicht mitspielen lassen, weil ich noch nicht gut genug Fußball spiele. Ich weiß zwar, ich werde älter werden, besser Fußball spielen und die Zeit der Stubenarreste hinter mir lassen. Aber würde das Leben leichter, wenn ich sieben, acht oder gar neun Jahre alt bin? Nein.
Der Sechsjährige auf der Klobrille, der auf Zehenspitzen mit sehnsüchtigen Augen aus dem Toilettenfenster schaut, läßt seine Gedanken wandern, während die älteren Kinder auf der Straße begeistert und verbissen-ernsthaft Fußball spielen. Wie oft hat er hören müssen, wie gut Kinder es doch haben. Erst als Erwachsener werde er den Ernst des Lebens kennenlernen, jetzt sei alles nur Spaß.
Wenn die Erwachsenen ihm dies mit herablassender Freundlichkeit versichern, wird ihm angst und bange, und er würde ihnen am liebsten gegen das Schienbein treten. Die haben ja keine Ahnung, keine Ahnung mehr, denn als Kinder müssen sie doch selbst gewußt haben, wie schwer es ist, ein Kind zu sein. Oder wird das Erwachsensein tatsächlich noch schlimmer als das Kindsein?
Ich, der Junge auf der Klobrille, nehme mir fest vor, diesen Augenblick und diese Gedanken nie im Leben zu vergessen: Klobrille, Toilettenfenster, Stubenarrest, die Kinder auf der Straße, das Wissen, wie schwer es ist, ein Kind zu sein. Und das Wissen, daß Erwachsene nicht die geringste Ahnung haben, welche Gedanken Kinder sich machen, und wieviel mehr sie vom Leben verstehen, als die Erwachsenen sich vorstellen können.
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gw am
4. Mai 2005 .
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Sport-Leben, Teil 3
Daß Jan sein Leben später konsequent zerstören wird, hätte ihm 1975 niemand zugetraut. Ich ihm schon gar nicht.
Eher traut man mir Selbstzerstörung zu. Ich mir auch. Noch geht Jan seinen Weg unbeirrt, erfolgsbesessen und mit hoher konventioneller Vernunft, während ich gegen meinen etwaigen Kugelstoß-Erfolg Amok laufe und scheinbar gleichzeitig alles dem erhofften Kugelstoß-Erfolg unterordne.
Ich bin nun auch offiziell ein 20-Meter-Stoßer, habe den vorolympischen Wettkampf gewonnen und gehöre zum Olympiakader. Ich könnte frohen Mutes das Wintertraining aufnehmen.
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gw am
8. Januar 2003 .
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Sport-Leben, Teil 2
Ich erlebe die Extreme wie in einem Film. Dreidimensionales Kino, mit mir als Hauptdarsteller. Wie in Träumen, in denen man weiß, daß man träumt, schaue ich mir interessiert zu.
Der Blutfleck an der Decke, die Ohnmacht unter fünf Zentnern Eisen: spannende Unterhaltung, aber nicht bedrohlich. Alles nur mein ganz privater, eigener Kinofilm.
Manche Rahmenhandlung fasziniert mich. Immer öfter treffen Jan und ich uns in Berlin, seiner Heimat, und trainieren gemeinsam. Zu dieser Zeit werden wir als die beiden einzigen bundesdeutschen Kader-Kugelstoßer geführt. Es gibt einen Jahres-Lehrgangsetat für das bundesdeutsche Kugelstoßen, aus dem wir unsere Trainings-Treffen in Berlin finanzieren. Der Bundestrainer ist selten dabei. Wir sind autark. Das förderungswürdige deutsche Kugelstoßen besteht nur aus Jan und mir. Wir organisieren alles selbst, planen unser Training unbeeinflußt von Sportfunktionären. Wir sind mündige Athleten und fühlen uns anderen Sportlern hoch überlegen, die sich von Trainern und Funktionären gängeln lassen. Wir machen, was wir wollen. Niemand kontrolliert uns.
Nach dem Abend-Training ziehen wir >>um die Häuser<<. In der Berliner Szene sind wir gern gesehene Gäste. Jan kennt man, mich lernt man kennen.
Vor allem die kleinen und großen Gangster lieben uns. Wir haben die Figur und das körperliche Gewaltpotenzial, die sie gerne hätten, aber weder mit Geld kaufen noch sich aus eigener Kraft erarbeiten wollen oder können. Zudem sind wir völlig harmlos, keine Kiez-Konkurrenz. Nur große, starke Teddybärchen. Pitbulls der siebziger Jahre, allerdings garantiert nicht bissig.
Veröffentlicht von
gw am
8. Januar 2003 .
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Sport-Leben Teil 1. Ungekürzt, aber neu bearbeitet.
Manche steigen aus, indem sie nach Nepal trampen, sich in Indien einer Sekte anschließen oder in Deutschland eine anarchistische Wohngemeinschaft gründen. Auch ich steige aus. Ich werde Kugelstoßer.
Veröffentlicht von
gw am
3. Januar 2003 .
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