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Muslima

 

 

 

 

Eine kurze Geschichte

von Gerhard Steines

 

 

 

 

 

 

 

Ein »Lumpensammler«. Der Typ, der sich mir gegenüber auf die zerschlissenen Polster fallen ließ, machte dem Namen des letzten Regionalzugs alle Ehre, der nach Mitternacht  in Frankfurt abfuhr und für die sechzig Kilometer bis Gießen eineinhalb Stunden brauchte, weil er sogar an Stationen hielt, die nicht einmal als solche zu erkennen waren.
Ich schaute ihn nur kurz an. Ein Blick genügte. Penner, Junkie oder Trinker, Schwarzfahrer. Wahrscheinlich alles in einem.
Ich schloss die Augen und bilanzierte mein Tagewerk. Im Gedränge der Botticelli-Ausstellung im Städel hatte ich eine Geldbörse erwischt. Etwas über einhundert Euro.
Die Börsen schickte ich immer sofort mit allen Papieren ans Fundbüro.
An den Geldautomaten hatte ich diesmal kein Glück. Ich machte sogar eine entnervte junge Frau, die mit dem Gerät nicht zurecht kam, auf die Scheine aufmerksam, die im Ausgabefach lagen. Sie bedankte sich nicht einmal. Hätte ich sie doch davongehen lassen und das Geld genommen!
Abends im »Trocadero« lief es dann besser. In der heruntergekommenen Vorstadtkneipe, früher ein Szene-Lokal, war ich als »Dr. Mathesius« bekannt, Paar-Therapeut, der nicht mehr therapierte, weil ihm die Frau weggelaufen war. Bei Beziehungsproblemen von Kneipengästen, und dort hatten alle welche,  machte ich eine Ausnahme, für 50 Euro pro Beratung.
An diesem Abend nahmen zwei Männer und eine Frau, alle drei schon leicht betrunken, meine Dienste in Anspruch. Im »Trocadero« vertrauten sie mir als Fachmann, der seine theoretischen Kenntnisse mit den traurigen praktischen Erfahrungen veredeln konnte, die meine Kneipen-Patienten nur zu gut kannten.
Zweihundertfünfzig Euro. Mittelmäßige Quote. Aber immerhin.
Doch wenn ich an die Zukunft dachte, wurde mir mulmig zumute. Was, wenn ich irgendwann einmal als Taschendieb überführt würde? Wenn mich eine Überwachungskamera als denjenigen identifizierte, der nach liegen gelassenen Geldscheinen  suchte? Wenn sie mich im »Trocadero« als Scharlatan rausschmissen?
Obwohl, davor hatte ich noch am wenigsten Angst. Guter Rat war mir nie teuer, niemand beklagte sich, im Gegenteil, ich hatte sogar schon eine sehr zufriedene Stammkundschaft.

Aber angenehm wäre es nicht, wenn im »Trocadero« bekannt würde, dass »Dr. Mathesius« kein Paar-Therapeut gewesen war, sich selbst noch nie länger als ein, zwei Wochen  gebunden hatte und dass er nicht »Dr. Mathesius« hieß, sondern Florian Schmidt, der als freiberuflicher Reisejournalist arbeitete, obwohl er noch nie in einem Flugzeug gesessen hatte, in das ihn auch keine zehn Pferde treiben könnten.
Die Reiseberichte schrieb ich aus den Erlebnissen von anderen Reisenden zusammen, von denen dankenswert viele ihre ausführlichen Urlaubs-Impressionen im Internet ausbreiten. Meine Methode: Zu jedem Ort oder Land stellte ich einen Extrakt aus mindestens zehn Touristen-Berichten zusammen, die mich zu eigenen Anreicherungen inspirierten. Bilder lud ich mir runter und verwandelte sie per Fotoshop in original Florian-Schmidt-Fotos.
Leider fanden meine Texte und Bilder immer weniger Abnehmer, daher hatte ich vor einiger Zeit die finanzielle Frankfurter Diversifikation  in Angriff genommen.
Zuvor war ich auf die Reiseseiten mittlerer Tageszeitungen  angewiesen und hatte in den guten Jahren mit einer einzigen Reportage bis zu fünfzehn Blätter beliefern können. Im Zuge der allgemeinen Zeitungskrise stellten aber immer mehr regionale Verlage ihre eigenständigen Reiseseiten ein, schlossen sich zu Pools zusammen oder fusionierten, so dass mein Kundenstamm genauso unaufhaltsam zusammenschmolz wie die Gletscher meiner letzten Reportage, für die ich trotz konkurrenzlos günstiger Honorarforderungen nur noch zwei Abnehmer gefunden hatte.

Mein Gegenüber stöhnte. Ich öffnete die Augen. Er starrte mich an, ein dünner Faden Spucke hing aus einem Mundwinkel. Ekelhaft. Ich schloss die Augen und dachte an etwas angenehmeres.
Muslima.
Auf diesen Namen hatte ich meine neue Nachbarin getauft. Sie wohnte erst seit einer Woche in der Wohnung neben mir und brachte meine Phantasie zum Blühen. Dabei wusste ich nicht, wie sie aussah, wie alt und ob sie überhaupt eine Frau war, denn sie ging nur in einem bodenlangen blauen Gewand  aus der Wohnung, das Gesicht und Haare vollständig verdeckte. Wie nannten die Muslime diesen Ganzkörpersack? Burka? War ja auch egal.
Muslima wohnte alleine. War sie vor ihrem besitzergreifenden Zwangsverheirater geflohen? Gäbe es bald einen  weiteren Ehrenmord? Oder bereitete sie einen Terroranschlag vor? Oder er? Der Ganzkörpersack als  Tarnsack für einen  Selbstmord-Bomber?
Wenn ich sie oder ihn auf der Treppe sah, grüßte ich freundlich. Muslima  beachtete mich nicht.
Nachts hörte ich oft ein Weinen aus ihrer Wohnung. Weinte meine Muslima, oder war es eine andere Frau, die ein männlicher »Muslima« dort gefangen hielt?
Ich beschloss, dass meine Muslima eine wunderschöne Frau war, die sich vor bösen Muslimen versteckte. Ich wollte wachsam sein!

Ein dumpfes Platschen riss mich aus meinen Muslima-Gedanken. Angeekelt schob ich den Penner zurück, der vornüber auf meine Oberschenkel gekippt war.
Er rührte sich nicht.
Total zugedröhnt.
Oder?
Plötzlich begriff ich.
Er starrte mich immer noch blicklos an. Rührte sich nicht.
Der Mann war tot.
Mit einem Stöhnen gestorben.
Und ich saß seit einer Stunde einem Toten gegenüber!
Ich sprang auf und schaute mich um.
Das Abteil war leer.
Eilig verließ ich es.
Im nächsten Abteil schlummerte ein Pärchen.
Ich ging vorbei, noch ein Abteil weiter.
Leer.
Aufatmend sank ich auf einen Sitz.
Damit wollte ich nichts zu tun haben.

 

Nächste Station Butzbach.
Auf dem Bahnsteig warteten ein paar Jugendliche.
Ich hörte ihr Lachen und Rufen, als sie einstiegen.
In das Abteil, in dem der Tote saß.
Jetzt grölten sie.
Hatten den scheinbar zugedröhnten Penner entdeckt.
Plötzlich Stille.
Ob sie Wiederbelebungsversuche anstellten?
Warum hatte ich es nicht versucht?

Niemand zog die Notbremse. Wäre auch dumm gewesen, wir würden in wenigen Minuten in Gießen ankommen, sicher hatten die Jungs schon per Handy einen Notarzt alarmiert.

Als der Zug in Gießen einfuhr, sah ich schon von weitem die roten Jacken des Notarzt-Teams.
Ich stieg als Letzter aus. Niemand beachtete mich, alles scharte sich um die schnell und sicher an meinem ehemaligen Gegenüber hantierenden Ärzte oder Sanitäter.
Eine Wahnsinnsfrau fiel mir auf. Blonde, lange Haare, üppig geschminkt, mit viel Schwarz um die Augen und ebenso tiefschwarzen langen Wimpern. Enger Pullover, Mini-Rock. Sah nuttig aus, wirkte aber nicht so, denn das ernsthafte, kluge Gesicht widersprach dem Anschein.
Irgendwie wirkte sie verkleidet.
Vielleicht eine Mutprobe?
Oder eine Polizistin in Zivil, auf Streife als Lockvogel? In der Handtasche die Waffe?
Sie drängte sich durch die Gaffer, musste das Gesicht des Toten gesehen haben, kurz bevor ihm eine der Rotjacken mit resignierter Miene die Plane über den Kopf gezogen hatte, denn sie schrie auf, fuhr herum und hastete auf klackernden Highheels davon.
»Nein, nein, nein!«
Sie klickte die Schuhe weg, lief barfuß weiter, an mir vorüber, mich berührend, panisch wegstoßend.
Ihr Gesicht vor Entsetzen wie erloschen.
War sie die Frau des toten Penners?
Unvorstellbar.
Ich ging nach Hause.

Ich konnte nicht schlafen. Tief in der Nacht saß ich auf dem Balkon meines Appartements im vierten Stock des schäbigen Hochhauses, in dem vor allem Menschen wie ich wohnten, die ihre beste Zeit hinter sich hatten. Oder nie eine gute Zeit erlebt hatten noch je erleben würden.
Ich suhlte mich im Selbstmitleid. Wie kam ich dazu, den Toten als Penner zu diffamieren? Ich selbst war der Penner. Zwar beklaute ich keine Armen, sondern Frankfurts bessere Bürgerwelt in Museen oder Opernhäusern, zwar fühlte sich keiner meiner »Patienten« im »Trocadero« betrogen, im Gegenteil, und wer sein Geld in Bankautomaten vergisst, hat sowieso zu viel davon. Auch meine Artikel betrogen niemanden, sie waren Lesefutter für Reisefreudige, die durch meine auf viele Informanten  gestützten Online-Recherchen besser vorbereitet waren als mit den üblichen Reiseführern.
Aber dennoch. Ich sollte mich schämen.
Meine beruflichen Beziehungen endeten noch schneller als die privaten. Ich war alleine auf dieser Welt. Ohne Freunde, ohne Liebe, ohne Geld.
Ich schniefte, kokettierte ein wenig mit einem Sprung vom Balkon, um dieses elende Leben zu beenden, musste bei dem Gedanken aber leise lachen: Erstens endeten hier schon zu viele Mietverhältnisse auf diese Art, mein individualistisches Leben würde also sehr gewöhnlich und unoriginell zu Ende gehen, zweitens lebte ich trotz allem recht gerne, und außerdem würde ich nie den Mut zu solch einem schrecklichen Sprung aufbringen.
Aber wie sollte es bloß weitergehen?

Nebenan bei Muslima war alles ruhig. Kein Weinen heute. Ob sie schlief? Oder noch gar nicht zu Hause war? Oder trieb sich ein männlicher Muslima noch auf Terroristen-Treffs herum?
Ich lehnte mich über meinen Balkon zu ihrem, versuchte vorsichtig, in ihre Wohnung zu schauen.
Vorhänge zu, kein Licht dahinter.
Ich sollte hinüber klettern. Vielleicht war die Tür nicht abgeschlosssen, und ich könnte Muslima ausspionieren.
Genau in dem Moment, in dem ich meinen interessanten Gedanken in die Tat umsetzen wollte, ging drüben die Tür auf.
Eine dunkle, schemenhafte, unförmige Gestalt erschien, auf der ein heller Fleck schwankte.
Gespenstisch.
Ich sank noch tiefer in meinen Klappstuhl.
Langsam bewegte sich die Gestalt zum Balkongeländer hin.
Ganz langsam.
Und jetzt ging alles blitzschnell. Das schummrige Licht der Straßenbeleuchtung reichte gerade bis zum vorderen Rand des Balkons, ein Bein schob sich über das Geländer, die Gestalt schwang sich hinauf, setzte sich freihändig hin, ein Arm fuhr hoch, ein Messer blitzte auf, die Gestalt beugte den Oberkörper vor – Selbstmord mit doppelter Absicherung! Jetzt musste sie fallen … und ich hechtete hinüber und riss sie vom Geländer.
Sie wehrte sich verzweifelt. Ich bekam das Messer zu packen, warf es in hohem Bogen weg.
Dann erschlaffte die Gestalt.
Ich packte sie, schob sie in ihre Wohnung, schloss die Tür und suchte nach dem Lichtschalter. Ich ließ sie nicht los, während ich die Wand betastete. Zum Glück die gleiche Anordnung wie bei mir.
Das Licht flammte auf, und ich sah, was ich schon im Dunklen vermutet hatte: Die unförmige Gestalt, das war Muslima in ihrem Ganzköpersack.
Der jetzt aber nicht den ganzen Körper bedeckte.
Der Kopf war frei und der helle Fleck ihr blondes Haar.
Meine Muslima war keine Muslima.
Es war die Frau vom Bahnhof.

 

 

Als sie wieder zu sich kam und realisierte, dass sie nicht tot war, sondern ein fremder Mann in ihrer Wohnung ihre Wange tätschelte, starrte sie mich an wie ein gehetztes wildes Tier, sprang auf und lief zur Balkontür. Ich erwischte sie am Fuß.
Wir kämpften lange. Muslima war unglaublich gewandt und kräftig. Aber schließlich setzte sich meine höhere Gewichtsklasse durch.
»Ich rufe jetzt die Polizei, den Notarzt, die Feuerwehr, was weiß ich, irgendeine Nummer, 112 oder so, die kennen die Adresse schon.«
Und dann wäre die Sache für mich erledigt.
Oder?
Die blonde Frau am Bahnhof, die schreiend weglief, als sie den Toten erblickte. Ich, der aus dem Zug stieg und verstohlen zusah. Vielleicht gab es sogar einen Zeugen, der mich im Abteil mit dem Mann gesehen hatte. Ausgerechnet ich melde einen Selbstmordversuch, ausgerechnet von der Blonden vom Bahnhof. Was, wenn sie behauptete, ich habe sie vom Balkon stoßen wollen? Beide bluteten wir. Sie hatte sich wild gewehrt. Ich war verdächtig. Wer war ich überhaupt? Eine dubiose Person, Reisejournalist mit geringfügigem Einkommen. Sie ermitteln gegen mich, kommen auf das »Trocadero«, die Bankautomaten, die ans Fundbüro geschickten Brieftaschen und Geldbörsen. Ich hatte den betrunkenen Mann im Zug berauben wollen, er wehrte sich, starb vor Aufregung, seine Frau, Freundin oder Geliebte sieht den Toten, läuft im Schock davon, ich hinterher, verschaffe mir Zutritt zu ihrer Wohnung und will die Zeugin beseitigen. Zeugin? Von was? Egal, irgendetwas wird der Mordkommission schon einfallen.
Mordkommission.
Mir wurde heiß und kalt.
»Oder versprechen Sie mir, es nie wieder zu versuchen?«
Sie reagierte nicht. Apathisch hockte sie auf dem Boden, mit dem Rücken an der Heizung.
»Oder soll ich doch anrufen?«
Nichts.
»Sie versprechen mir, es nicht wieder zu tun?«
Keine Reaktion. Ich gab auf. Schaute sie mir genauer an. Sah aus wie eine Wahnsinnige. Schwarze Schminke, verschmiert in Gesicht und Haaren, rote Streifen auf Händen und Wangen, Blut oder Lippenstift. Wie alt? Schwer zu schätzen. Sicher nicht viel jünger als ich.
Aber eine klassische, beeindruckende Schönheit, schon am Bahnhof war es unverkennbar gewesen, trotz der Maskerade.

Ich fasste einen Entschluss.
Mein leichter Depressions-Anflug auf dem Balkon.
Ihr Selbstmordversuch.
Hatte ich schon jemals etwas Sinnvolles getan im Leben?
Was hatte ich zu bieten?
Nichts. Es sei denn, meine tragische persönliche Lage nicht allzu tragisch zu nehmen. Genaugenommen nahm ich sie überhaupt nicht tragisch, außer nach solch einem Tag nachts auf dem Balkon. Und selbst dann behielt ich meinen unbegründeten Optimismus. Irgendwie geht’s immer weiter.
»Irgendwie geht’s immer weiter. Ich bin Therapeut, kann Ihnen helfen. Sie müssen sich nur helfen lassen wollen.«
Mein Lebensmotto, laut und zuversichtlich ausgesprochen, meine Lüge und meine Floskel weckten eine erste Reaktion.
Muslima blickte mich an.
Voller Verachtung.

 

 

Es dauerte Tage, bis sie mit mir sprach.
Bis dahin hatte nur ich gesprochen.
Ich erzählte ihr alles.
Alles von mir.
Ich gab zu, sie angelogen zu haben.
Ich. Kein Therapeut, kein polyglotter Reisejournalist, sondern ein Gescheiterter, ein mieser Hochstapler und Taschendieb.
Und dennoch lebensfroh.
Daran könnte sie sich doch ein Beispiel nehmen?
Sie blieb stumm.
Erst als ich von der Zugfahrt erzählte, von dem Mann, der vor meinen Augen starb, dass ich ihm nicht half, dass ich dann sie am Bahnhof sah, von ihr angerempelt wurde, dass ich mich wunderte, was eine Frau wie sie mit solch einem unangenehmen Typen zu tun haben könnte, erst da erwachte sie aus ihrer Apathie.
Aber statt zu sprechen, gab sie mir ein Blatt Papier, einen Zettel mit der krakeligen Schrift eines Halbanalphabeten. Eine Art Brief, eine Ankündigung: »Am Mittwoch kome ich. Mit unserem Zug! Mein Täubchen, balt bin ich bei dir.«

Seit der Nacht auf dem Balkon hatte ich sie keine Minute allein gelassen. Ihre Wohnung war unmöbliert. Kein Schrank, kein Fernseher, nur ein Bett und ein Stuhl und ein paar Müllsäcke.
Ich bestand darauf, dass sie zu mir kam. Sie schlief in meinem Bett, ich auf der Couch.
Alle Messer und sonstigen spitzen Gegenstände schloss ich weg.
Sie ließ meine Fürsorge über sich ergehen.
Nur  als ich sie einmal zufällig berührte, schrie sie auf und begann am ganzen Leib zu zittern.
Seitdem vermied ich es, sie zu berühren.
Mit tat es gut, ihr aus meinem verpfuschten Leben zu erzählen. Ich dachte, es hilft ihr zu wissen, dass andere Menschen auch Probleme hatten und dennoch in den Tag hinein lebten, doch zunächst einmal half es nur mir.
Sie blieb stumm.
Bis sie mir den Zettel reichte.

Zu sprechen begann sie, weil sie an eine göttliche Fügung glaubte. Dass ich diesem Mann gegenüber saß, er vor meinen Augen starb, ich ihm nicht half und er schon steif und kalt war, als er in Gießen herausgetragen wurde, das konnte kein Zufall sein, sagte Muslima, die in Wirklichkeit Marte hieß. Für mich blieb sie Muslima.
Ihre schreckliche Geschichte begann vor fünfzehn Jahren mit einer einwöchigen Abi-Feier auf Naxos, der größten Kykladen-Insel in der griechischen Ägäis. Sie genoss die Zeit, flirtete ausgelassen, verliebte sich aber nur in Sonne, Strand und Meer der Insel.
Naxos war nicht so penetrant vom Tourismus geprägt wie andere Kykladen-Inseln, da man nach Naxos  nicht im Charter-Jet fliegen konnte, sondern in Athen nach Piräus fahren musste und dort noch sechs Stunden Fährpassage zur Insel vor sich hatte. Reisejournalist Florian Schmidt  wusste das natürlich, auch, dass Naxos einen kleinen Airport für innergriechische Flüge hatte, den aber nur Einheimische und erfahrene Einzelreisende nutzten. Vor ein paar Jahren erst hatte ich eine große Naxos-Reportage geschrieben, für die sich eine Leserin ausschweifend bedankte, da ihr die »staunenswerten Detailinformationen des absoluten Insiders« zu einem wunderbaren Urlaub verholfen hätten.
Na ja, das gehörte hier nicht hin. Ich verkniff mir besserwisserische Unterbrechungen und hörte Muslima zu, von Minute zu Minute gebannter und entsetzter, denn auf die Idylle folgte die Hölle.

Muslima … oder Marte, nennen wir sie in dieser Geschichte noch mit ihrem richtigen Namen, also Marte war 19, noch Jungfrau und blieb es auch. Nach der Rückkehr aus Naxos feierte ihre Klasse in einem Frankfurter Klub endgültig Abschied vom Schüler-Dasein. Sie feierten bis zum frühen Morgen und wollten erst mit dem Frühzug nach Gießen zurück. Marte fuhr schon mit dem Spätzug, dem »Lumpensammler«, weil sie, die sich auf das Studium freute, am nächsten Morgen in Gießen eine Informationsveranstaltung des Germanistischen Seminars besuchen wollte.
Der Zug fuhr ab. Er war fast leer.

Marte saß alleine in einem Abteil, als sich die Tür öffnete und ein Mann hereinkam.

Dollinger.
So hieß er. Der Kerl, der fünfzehn Jahre später vor meinen geschlossenen Augen starb.
Er setzte sich ihr gegenüber.
Als Marte aufstehen wollte, hielt er sie fest.
Ihr Martyrium begann.
Sie beschrieb es in allen Einzelheiten. Ich werde sie nicht wiederholen. Nur so viel: Dollinger, ein verurteilter Doppelmörder, war aus der Haft entflohen. Er wusste, dass er wieder geschnappt würde, doch bis dahin wollte er »seinen Spaß« haben. Marte, in ihren ihn aufreizenden Feten-Kleidern, kam ihm gerade recht.
Auf der Fahrt nach Gießen fummelte er brutal an ihr herum, küsste sie geifernd und kündigte ihr haarklein an, was er mit ihr   machen werde. »Wenn der Schaffner kommt, hältst du das Maul, verstanden? Ich habe nichts zu verlieren, wenn du plapperst, bist du tot.« Grinsend ließ er ein Klappmesser aufschnappen.
Im Schrecken erstarrt, wäre Marte sowieso stumm geblieben, aber kein Schaffner kam, keine Fahrgäste stiegen ein.
In Butzbach zerrte Dollinger sie zum Klo, sperrte sich mit ihr ein und begann mit den widerwärtigsten Manipulationen. Dann vergewaltigte er sie.
In Gießen verabschiedete er sich höhnisch . »War doch nett mit mir, oder?«, rief er ihr noch zu, sprang auf den Bahnsteig … direkt in die Hände eines mobilen Einsatzkommandos.
Marte hatte schon bei den ersten Attacken Dollingers die Notruftaste ihres Handys gedrückt, die Polizei ortete den Anruf und hatte leichtes Spiel, den entflohenen Doppelmörder wieder einzufangen.
Marte wurde als tapferes Mädchen gelobt.
Aber seitdem war sie wie erloschen.

Sie verkroch sich in ihrem Zimmer, ließ niemanden an sich heran, sprach mit niemandem, auch nicht mit ihren Eltern.
Die wenigen Freundinnen und Klassenkameraden, die Kontakt mit dem gebrochenen Opfer halten wollten, gaben bald auf.
Nach dem zweiten und diesmal fast geglückten Selbstmordversuch wurde sie stationär in die Psychiatrie eingewiesen. Sie wehrte sich nicht dagegen. Aber alle Behandlungsversuche prallten an ihr ab.
Wegen latenter Suizidgefahr konnte sie nicht entlassen werden.
Der Vater ertrug die »Schande«, die Mutter das Leid ihrer Tochter nicht. Der Vater starb bei einem Autounfall, als er auf schnurgerader Strecke gegen einen Baum fuhr. Die Mutter magerte ab und verschwand buchstäblich aus dem Leben. Als sie starb, wog sie keine fünfzig Pfund mehr.
Marte blieb fast fünfzehn Jahre im festen Haus der Psychiatrie. Dass irgendwann die Geldstücke anders aussahen, dass in New York zwei Hochhaustürme zusammenkrachten oder dass im Irak ein Despot aus einem Erdloch gezogen wurde, all das bekam sie nur am Rande mit.
Nach einigen Jahren aber veränderte sich die Ohnmacht des Suiziddrangs allmählich hin zu mörderischen Machtphantasien.
Als die zunächst nur zaghaft zugelassenen Rachegedanken stärker wurden und sie erstaunt feststellte, dass sie ihr Leid linderten, fasste sie einen Entschluss: Den Triumph ihres Todes wollte sie ihrem Peiniger nicht auch noch gönnen – die Kreatur, die ihr das angetan hatte, sollte eher sterben als sie. Als sie, die ich jetzt wieder Muslima nennen will.
In der Psychiatrie war man froh, dass die bedauernswerte junge Frau wieder Lebensmut fasste.
Muslima taute scheinbar auf. Nach vielen Jahren vergeblicher psychiatrischer Therapierungsversuche beherrschte sie den Fachjargon wie eine perfekt gelernte Fremdsprache, mit der sie mühelos die freudig um sie bemühten Ärzte und Pfleger täuschen konnte.
Sie würde sich umbringen. Das Leben ekelte sie an. Aber vorher … Muslima nahm an Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskursen teil – ich hatte ihre Kraft und Geschicklichkeit zu spüren bekommen! – und erreichte, zum krönenden Abschluss ihrer erfolgreichen Therapie, dass sie schriftlichen Kontakt zu ihrem Peiniger aufnehmen durfte, um dieses schlimme Kapitel ihres Lebens abschließen und ein neues beginnen zu können.
Panik ergriff sie, als sie erfuhr, dass Dollinger kurz vor der Entlassung stand.
Nicht weil sie Angst vor ihm und um sich hatte, sondern weil sie fürchtete, er könne spurlos verschwinden.
Sie schrieb ihrem Peiniger. Sie verzeihe ihm und wolle ihm das auch persönlich sagen.
Muslima flehte die Ärzte an, sie aus der Psychiatrie zu entlassen. Sie sei bereit für das Leben. Ein Gutachten bestätigte das.

Ihr wurde die Wohnung neben mir zugewiesen. Das Hochhaus wurde von städtischen Behörden aus mir unerfindlichen Gründen zu allerlei Integrations- und Resozialisierungsmaßnahmen genutzt, obwohl es nach meiner Erfahrung deren Ende bedeutete.
Muslima bemühte sich nicht, sich wohnlich einzurichten. In einem türkischen Geschäft kaufte sie den Ganzkörpersack, in einer billigen Parfümerie schwarze Schminke und Lippenstift, und aus ihren und ihrer Eltern in einer Speditionshalle eingelagerten Habseligkeiten kramte sie nur die Kleider hervor, die sie an jenem Tag vor fünfzehn Jahren anhatte.
Die Tage und Nächte des Wartens schienen kaum auszuhalten.
Doch dann die Erlösung. Dollingers Brief. »Am Mittwoch kome ich. Mit unserem Zug! Mein Täubchen, balt bin ich bei dir.«

 

Stolz und stark wollte sie ihm entgegen gehen, wenn er aus dem Zug stieg. Dollinger sollte erkennen, dass er sie nicht gebrochen hatte. Dann würde sie zustoßen. Erst wenn sie sicher sein konnte, dass er tot war, würde sie noch einmal zustoßen. Dann wäre sie erlöst.
Dass Dollinger auf dem Weg zu ihr gestorben war, vor meinen – allerdings geschlossenen – Augen, hilflos und erbärmlich, so wie er es verdiente, betrachtete Muslima als göttliche Fügung, weil sie dadurch nicht die Sünde des Mordes begehen musste, bevor sie sich in eine leidenslose Ewigkeit verabschiedete.
Sie war mir dankbar. Aus tiefstem Herzen.
Aber in ihrem Entschluss blieb sie unbeugsam.
»Irgendwann passt Du einmal nicht auf, der Tag wird kommen, und dann ist es vorbei. Mach dir keine Vorwürfe, wenn es vorbei ist. Du kannst es nicht verhindern.«
Ich würde es verhindern.
Mein Leben hatte einen Sinn.
Zwei Jahre ist das her. Ich arbeite als freischaffender Reiseführer auf Naxos. Im Sommer verdiene ich gut, im Winter komme ich mit meinem Ägäis-Newsletter über die Runden, den Griechenland-Freunde  online lesen. Meine zufriedenen Sommer-Kunden sorgen durch Mund-zu-Mund-Propaganda für steigende Abo-Zahlen.

Mit Muslima hatte ich es anfangs sehr schwer. Als sie spürte, dass mich die Suizidverhinderungswachsamkeit in die totale Erschöpfung trieb, bot sie mir einen Kompromiss an: Einmal noch wollte sie nach Naxos, bis dahin, versprach sie, würde sie am Leben bleiben wollen.
Erstmals in meinem Leben stieg ich in ein Flugzeug, erstmals betrat ich den Boden eines Landes, über das ich zuvor nur geschrieben hatte.
Nach drei Tagen bat ich sie um Kompromissverlängerung. Sterben könne sie noch früh genug.
Sie erbat sich einen Tag Bedenkzeit.
Seitdem verlängern wir den Kompromiss Woche für Woche.
Nicht, dass ich glaube, diese Lebens-Verabredungen geschähen nur noch pro forma. Muslima bleibt unbeugsam. Es ist alles nur eine Frage der Zeit.

Ich liebe sie, aber das werde ich ihr nie verraten.
Ich weiß, dass diese Liebe hoffnungslos ist. Muslima wird, solange sie lebt, freiwillig keinen Mann berühren. Ich tue alles, damit sie noch lange lebt. Mehr will ich nicht, mehr werde ich nie bekommen.

Seit gestern habe ich Angst.
Zum ersten Mal seit jener Nacht auf dem Balkon habe ich Muslima berührt.
Es war ein Versehen.
Wir lagen am Strand, lasen beide.
Ich drehte mich auf die Seite, Muslima tat dies gleichzeitig.
Mein Knie berührte ihren Oberschenkel, meine Schulter ihre Schulter.
Muslima zuckte zurück und schrie auf.
Zwei Jahre, und jetzt hatte ich es vermasselt.
»Entschuldigung.«
Sagte ich.
Sagte sie.
Gleichzeitig.
»War keine Absicht.«
Sagte ich.
»Ich weiß.«
Sagte sie.
Muslima lächelte mich an.
Noch nie hatte ich sie lächeln gesehen.
»Lass uns weiter lesen.«
Ich brachte keinen Ton heraus, nickte nur.
Wir lasen weiter.
Als sei nichts geschehen.

Seitdem habe ich Angst.
Vor der Hoffnung.

 

Veröffentlicht von gw am 19. Januar 2019 .
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