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Mein progressiver Alttag (mit neuer Folge vom 23. November 2019 / chronologisch gesammelt, neuer Beitrag jeweils hinten)

 

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Satirebelesene Altlinke könnten in der Überschrift einen Fehler vermuten. Ist aber keiner. Mein progressiver Alttag unterscheidet sich grundwesentlich von APO-Opa Chlodwig Poths legendärer »Pardon«-Karikaturserie »Mein progressiver Alltag«. Darin stolperte ein äußerst beflissen auf politische Korrektheit bedachter Werbetexter über die Fallstricke seines linksalternativen Alltags. Heute stolpere ich über die Tücken meines Alttags, der ebenfalls progressiv ist, jedenfalls im Wortsinn: fortschreitend ins immer ältere Alter.
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Wenn Sie als altes Ego ein alter Ego von mir sind, kennen Sie das beunruhigende Gefühl, wenn Sie mal wieder etwas vergessen haben: Schusseligkeit? Zerstreutheit? Hoffentlich nur das und nicht … Sie wissen schon, welcher Gedanke mich quält. Darüber macht man keine Scherze. Aber wer in die Jahre kommt, beschäftigt sich immer mehr damit. Noch »normale« Vergesslichkeit oder schon …?
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Wenn ich früher nach einem langen, harten Arbeitstag abends nicht mehr wusste, wo ich morgens geparkt hatte, irrte ich in den Straßen rund um die Redaktion herum, suchte mein Auto und verfluchte den Stress, der Schuld war. Klar, was denn sonst? Demenz? Nicht mal das Wort kannte ich.
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Doch nun häufen sich Situationen wie gestern früh im Bad. Clever, wie ich sein will, habe ich mir aber einige Tricks ausgedacht, um Herr der Gedächtnislage zu bleiben. Diesmal zum Beispiel hatte ich nach dem Duschen die Uhr in und noch nicht an der Hand, als mich eine glorreiche, eine geradezu grandiose Idee für eine »Nach-Lese«-Kolumne überkam. Zur Gedächtnisstütze legte ich sie, –die Idee, in Form der Uhr – zwischen einen Handtuchstapel, deutlich sichtbar blinkte sie chromfarben zwischen grünem und rotem Frottee. Unübersehbar. Der Trick: Wenn ich die üblichen Verrichtungen im Bad erledigt habe und mir schließlich die Uhr überziehe, werde ich sofort ins Arbeitszimmer gehen und die tolle Idee aufschreiben, denn wegen des ungewöhnlichen Ortes, an dem die Uhr liegt, werde ich sofort wissen, dass und an was sie mich erinnern soll.
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Clever, was? An mir sollten sich andere Alte ein Beispiel nehmen! »Alt werden ist nichts für Feiglinge«, sagte einst die, –Verzeihung, – uralte Hollywood-Diva Mae West. Aber stimmt das wirklich? Ansichtssache. Für einen alten Pessimisten ist das Glas fast leer, der greise Optimist aber schaut hinein und denkt fröhlich: Ist ja noch was drin!
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Agatha Christie gehörte unzweifelhaft zu den Optimisten: »Je älter ich werde, desto interessanter werde ich für meinen Mann.« Der war Archäologe. Giacomo Casanova dagegen litt schon mit 46 unter Alterspessimismus, »da sich das schöne Geschlecht nicht mehr einfach nur durch meinen Anblick für mich interessiert«. – Ach, Giaco, was du mit 46 erlebt hast, kennen andere schon mit 16!
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Ich jedenfalls will Optimist bleiben. Außerdem hat das Altwerden durchaus seine Vorteile. Zum Beispiel Lippenherpes. Gerade erst habe ich in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« gelesen, der Grind am Mund sei »Schicksal«, denn »eine Gensequenz macht anfällig für die Bläschen«. Und nun zu den Segnungen des Alters: Was in Jugendjahren eine existenzielle Katastrophe war und für mindestens eine Woche jede Hoffnung auf auch nur kleinste Erfolge beim bevorzugten Geschlecht zunichte machte, ist jetzt nur noch … ein bisschen lästig. Sonst nichts. Im Gegenteil, die Liebste spendet sogar Trost.
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Den entscheidenden Unterschied zwischen Jung und Alt entdecke ich aber in einer kleinen Meldung der »Süddeutschen Zeitung«. Sie informiert über eine Umfrage, nach der nur ein Viertel der Jugendlichen über den Sinn des Lebens nachdenkt. Vor einigen Tagen habe ich das an anderer Stelle (im Sportteil!) bezweifelt, auch weil ich sowieso ein notorischer Statistik-Zweifler bin. Überlesen hatte ich ein weiteres Ergebnis der Umfrage: Je älter, desto mehr Sinnsuche, das frühe Viertel steigt auf eine späte Hälfte. – Das leuchtet mir schon eher ein, denn es wäre Beleg nicht nur für den buchstäblich progressiven Alttag, sondern auch für den Optimismus des Alters: Je mehr wir mit den Jahren ahnen, dass wir den Sinn des Lebens in diesem Leben nicht mehr finden werden, desto unverdrossener suchen wir ihn. Wer bin ich? Was soll ich tun? Was soll das alles überhaupt? Ist ja vielleicht noch was drin!
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Ach so, die Geschichte von gestern, das Bad. Muss ich ja auch noch erzählen. Um die Mittagszeit schaue ich auf die Uhr. Das heißt, ich will auf die Uhr schauen. Doch ich blicke auf ein uhrloses Handgelenk. Mist, denke ich, da habe ich heute früh wohl vergessen, sie anzulegen. Macht aber nichts. Bin ja gleich zu Hause. Dort angekommen, gehe ich ins Bad, um mir die Hände zu waschen. Und was blinkt mir schon auf den ersten Blick entgegen, unübersehbar, chromfarben zwischen grünem und rotem Frottee?
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Erst in diesem Moment wurde mir blitzartig klar, warum ich die Uhr nicht am Handgelenk trug, warum sie derart albern hindrapiert war … und dass sie mich an etwas erinnern sollte. Nur – – an was bloß?

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Alec Guinness, der große englische Schauspieler, kam sich zeitlebens wie ein Hochstapler vor, weil er in seinem Alltag einen Erwachsenen spielen musste, obwohl er sich wie ein Kind fühlte. Stets fürchtete er, dass man ihm auf die Schliche kommen könnte. Ich kenne das Gefühl. Von früher. Doch den Erwachsenen darzustellen, das war ein Kinderspiel im Vergleich zu meiner neuen Rolle: der alte Mann. Ich fühle mich katastrophal fehlbesetzt. Merkt denn niemand, dass ich erst 14 bin? Aber leider kann ich die Rolle nicht ablehnen. Also spiele ich sie. Unverdrossen.

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Unverdrossen, das ist auch mein Zauberwort, um der neuen Aufgabe gerecht zu werden. Denn wer verdrossen durchs Alter schlurft, verkürzt seine Spielzeit auf der Lebensbühne. Gott weiß, welche Rolle danach auf uns wartet, weiß Gott nur Gott! Also spaziere ich unverdrossen durch meinen Alltag, der ein im Wortsinn progressiver Alttag ist, – fortschreitend ins immer ältere Alter.

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Von nun an will ich Sie an meinem »progressiven Alttag« teilhaben lassen. Dass dabei auch diverse Zipperlein zur Sprache kommen, liegt in der Natur der Sache. Aber auch das soll uns nicht verdrießen, denn je mehr Zipperlein wir kriegen, desto mehr neue Wörter lernen wir, das hält die grauen Zellen frisch. Heute kommt das »Articulatio carpometacarpalis pollicis« dran, das »Arpometakarpalgelenk des Daumenstrahls«, ein »Sattelgelenk zwischen dem großen Vieleckbein (Os trapezium) und dem ersten Mittelhandknochen. Da das Gelenk sattelförmige Gelenkflächen besitzt, kann es in zwei Achsen bewegt werden, wobei die Kombination der beiden Achsen eine Beweglichkeit ähnlich einem Kugelgelenk ermöglicht« (Wikipedia).

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Ermöglicht? Ermöglichte. Denn an meinem Daumensattelgelenk hat der Zahn der Zeit den Knorpel buchstäblich bis auf die Knochen weggenagt. Eine sehr typische Altersarthrose, sagt der Arzt, den ich nach langem, mit immer größerer Ungeduld ertragenem Leiden aufsuchte. Wenn mir früher die Liebste ein Glas in die Hand drückte, dessen Schraubverschluss sie nicht öffnen konnte, reichte sie es mir, ich drehte mal kurz, es klickte, und stolz reichte ich das Glas zurück. Wenn ich heute ein Glas nehme und hilflos am Schraubverschluss fingere, nimmt SIE mir das Glas aus der Hand, es klickt, und mitleidig reicht sie mir das Glas zurück.

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Leider wird es dabei bleiben, denn der Arzt machte mir keine Hoffnungen auf Besserung, – es sei denn, ich ließe mich operieren. Dabei werde der fehlende Knorpel durch ein Stück Sehne ersetzt…, doch davor gruselt es mich Hypochonder, davon will ich lieber gar nichts wissen. Wie damals, als ich erfuhr, dass meine beiden großen und schiefen Zehen einen gemeinsamen Namen haben: »Hallux valgus«, Großzehenschiefstand. Anscheinend erblich bedingt, denn auch meine große Schwester hatte schiefe Zehen. Sie ließ sie operieren und konnte danach ein Jahr lang nur mit einer Art Geschirr an den Füßen durch die Gegend humpeln. Ich blieb lieber mannhaft unoperiert und kämpfte mich mit meiner scheppen Zehe heldenhaft durchs Leben. Doch nun beginnt die Uhr zu ticken, mit der großen Zehe als Zeiger. Und der rückt vor, bedrängt den vergleichsweise gerade gewachsenen Zeh daneben (wie nennt man den? Zeigezeh?), was lästig und auch unangenehm ist, denn der Scheppe schabt am Nachbarn, schiebt sich langsam über ihn, so dass ich die Zehen mit der Hand auseinander drücken muss, bevor ich den Schuh über sie ziehe.

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Der Zeiger wandert unerbittlich voran beziehungsweise nach nebenan. Doch ich weiß Rat. Endlich kann ich etwas mit dem Kistchen Zigarren anfangen, das mir ein nicht sehr guter Bekannter zu Weihnachten geschenkt hat (wären wir besser bekannt, wüsste er, dass ich Nichtraucher bin). Schnipp, schnapp, schnipp, schnapp, schon ist die Brasil geviertelt, zwei der Stückchen hebele ich zwischen die großen und die von ihr bedrängten Nachbar-Zehen, was die großen leicht zurückschiebt, die kleinen besser vor ihnen schützt, – schon habe ich den optimalen Hallux-valgus-Puffer erfunden, denn die Zigarrenstückchen sind weich und stabil zugleich, drücken nicht und zerbröseln nur langsam – – eine Brasil hält zwei Tage.

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Aber stimmt das alles überhaupt? Habe ich das Alec-Guinness-Problem? Kann ich keinen Schraubverschluss mehr öffnen? Plagt mich der Hallux valgus? Bin ich Hypochonder? Laufe ich mit Zigarren zwischen den Zehen herum? Die alte Leserfrage nach dem Wahrheitsgehalt in Glossen wie meiner beantworte ich mit einer Gegenfrage: Glauben Sie etwa, Bosch kann sprechen, der alte Kühlschrank, mit dem der große Kollege Axel Hacke seine wunderbaren Dialoge führt? Aber ganz ehrlich: In dieser Kolumne lasen sie die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Mit einer kleinen Ausnahme: Ich kam zwar auf die Idee mit der Zigarre, habe sie aber nicht in die Tat umgesetzt. Zu groß ist meine Angst, wegen einer plötzlichen Alters-Unpässlichkeit in Ohnmacht zu fallen und im Krankenhaus zu erwachen, umringt von Ärzten, Schwestern und Pflegern, die kopfschüttelnd auf meine nackten Füße schauen, aus denen zwischen den Zehen zwei Zigarren hervorlugen –  – und schon den Weitertransport in die Psychiatrie veranlasst haben.

 

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Sooo alt bin ich nun doch noch nicht, dass ich … aber der Reihe nach. Zuletzt habe ich in meinem »progressiven Alttag« über Zipperlein wie Sattelgelenksarthrose und Großzehenschiefstand (Hallux valgus) geklagt. Vor allem für den »scheppen Zeh« gab es einige wohlmeinende Ratschläge, ich habe sie alle beherzigt, aber, o weh, o Zeh, nichts hilft, im Gegenteil, stünden meine großen Zehen in Pisa, wären sie, bei diesen Neigungswinkel, längst zusammengebrochen. Aber sie liegen ja schon und könnten es sich im Fußbett behaglich machen. Doch das genügt ihnen nicht, sie expandieren aggressiver als Putin auf der Krim. Mittlerweile könnten sie jeden Eid ungültig machen, und zwar doppelt, denn dazu benötige ich keine gekreuzten Finger hinter dem Rücken, sondern nur die gekreuzten Zehen im Schuh.

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Vielleicht sollte ich den Rat einer Leserin beherzigen, die schon vor Jahren Respekt bekundete, »wie Sie mit der scheppen Zehe mannhaft durchs Leben gehen. Es gibt jedoch eine wirksame Gymnastik gegen den Hallux valgus. Sie nennt sich Spiraldynamik. Es gibt Physiotherapeuten, die Kurse zur Spiraldynamik anbieten und in denen Sie ausschließlich auf Mitglieder Ihrer liebsten Zielgruppe treffen.« Verheißungsvoll. Das Stichwort »mannhaft« könnte mir dabei zu einer gewissen Spiraldynamik im sozialen Kontakt verhelfen, denn was beeindruckt die Damen mehr als Erzählungen von männlich-mannhaften Großtaten?

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Nichts! Also werde ich von meiner letzten Klassenfahrt berichten. Ist erst ein Jahr her. Na ja, nicht dass ich noch sooo jung wäre. Aber seit ein paar Jahren unternehmen drei alte Klassenkameraden regelmäßig gemeinsame Radtouren, letztes Jahr zum Beispiel waren wir drei Tage in Mainfranken unterwegs, bei 54 Grad im nicht vorhandenen Schatten, dabei mit den Rädern bis zu den Speichen im flüssigen Asphalt steckend, und haben dennoch einige Tausend Kilometer abgerissen. Ja, wirklich! Einer von uns –  – nicht ich natürlich! – – fuhr allerdings peinlicherweise mit einem Pedelec, einem Rad mit zuschaltbarem Elektro-Antrieb. Diese Memme! Nie würde ich derart kläglich vor dem Alter kapitulieren! So oder so ähnlich hätte ich im Großzehenschiefstand-Kurs auftrumpfen können, den ich mir als altersgemäß kontaktanbahnende Fortsetzung von Skigymnastik und Tuesday-Night-Skaten vorstelle, wenn, ja wenn mir die Allerliebste aus der liebsten Zielgruppe nicht leise lächelnd empfohlen hätte: »Am besten, du fährst mit deinem neuen Pedelec zum Kurs, kleiner Nestor.«

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Sagen Sie selbst: Ist es nicht ziemlich bösartig von ihr, mir so den Wind aus den Segeln zu nehmen? Gut, ich gebe zu, ich habe mir kürzlich ein solches Gerät zugelegt. Na und? Ich habe ja noch meine anderen Sporträder, mit denen ich unterwegs bin, mit schierer Muskelkraft und schnell wie der Wind. Manchmal. Immer seltener. Ach was, zugegeben: Eigentlich gar nicht mehr. Und Nestor! Ich weiß genau, was sie damit meint! Nestors Abgesang: »Wär ich doch so jung, und mir wäre die Kraft beständig«, klagt der alte Grieche und erinnert sich an seine Jugend: »Da kam kein Mann mir gleich. Mit der Faust besiegte ich Klytomedes und den Ankaios im Ringen, den Iphiklos aber überholte ich mit den Füßen, und mit dem Speer warf ich weit hinaus. So war ich einst!« Na ja, wie sich Greise eben glorifizieren. Nestors Abschied: »Jetzt aber sollen Jüngere solche Werke angehen; doch mir ist not, dem traurigen Alter zu gehorchen. Damals aber schien ich hervor unter den Helden.«

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»Damals aber schien ich hervor unter den Helden« – Welch eine Aussage! Ich werde auf den Spiralkurs verzichten. Mit dem Pedelec bin ich in meinem »progressiven Alttag« wieder ein bisschen weiter in die Gerontofizierung fortgeschritten bzw. fortgefahren. Ich nehme die Last, dem traurigen Alter zu gehorchen, mit Würde auf mich. Außerdem: ES IST EINFACH HERRLICH, DEN AKKU EINZUSCHALTEN! Gegenwind und Steigungen sind nicht mehr meine natürlichen Feinde, – ich ignoriere sie einfach und radle leichten Trittes weiter und immer tiefer in meinen »progressiven Alttag« hinein.

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So. Nun habe ich mich auch vor den Lesern geoutet. Leicht war es nicht. Ein wunder Punkt ist es immer noch. Schaute ich früher entgegenkommenden Radlern fröhlich ins Gesicht (vielleicht kennt man sich ja?), blicke ich nun beschämt nach unten, registriere aber aus den Augenwinkeln den mitleidig-abschätzigen Blick auf meine Antriebshilfe. Peinlich. Hoffentlich erkennt mich unter dem Helm keiner.

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Am schlimmsten ist es, wenn ich aus Fitnessgründen den Akku überhaupt nicht einschalte und mich redlich abstrample. Am liebsten würde ich dann den überheblichen Blicken der knallbunten Silberrücken, die mich auf ihren superleichten Rennrädern überholen (wartet nur, bald gebt auch ihr auf!), wütend hinterher brüllen: »Ich fahre ohne Akku! Das ist auf dem schweren Pedelec viel anstrengender!«

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Ich habe mir aber fest vorgenommen, über der Verachtung zu stehen. Schließlich ist nicht nur mein Alttag progressiv, sondern auch mein Radfahren. Früher gab es keine Gangschaltung, danach die Torpedo-Dreigangnabe, heute hat man beim Schalten auf dem Rad eine größere Auswahl als beim Zappen vor dem Fernseher, und morgen fährt die echte Avantgarde auf dem Rad mit Akku. Ich fahre schon mal voraus.

 


 

Mein progressiver Alt-Tag soll sich diesmal um die fortschreitende Unsichtbarkeit drehen, die auch das Älterwerden von Männern begleitet. Ich bastele noch an einem möglichst gelungenen Einstieg, komme nicht so recht voran, schaue zwischendurch in die Mailbox und stoße auf die Zeilen einer langjährigen Leserin meiner Kolumnen. Das Thema tut hier nichts zur Sache. Nur soviel: Sie erinnert mich an lange zurückliegende Kolumnen wie das »Italienische Tagebuch« zur Fußball-Weltmeisterschaft 1990. Fast ein Vierteljahrhundert ist es her. Und das war noch lange nicht der Anfang. Der war viel, viel früher … und plötzlich habe ich ein neues Thema für meinen progressiven Alt-Tag.

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Voila! Alles begann mit kleinen Sportberichten für die WNZ, meiner damaligen Heimatzeitung in Wetzlar. Vor fast einem halben Jahrhundert. Kommt mir wie gestern vor. Zum Beispiel der gewaltige Rüffel des Sportchefs, weil ich einen Leichtathletik-Bericht mit der Bemerkung beendet hatte, es sei ein sportlicher Skandal, dass zu Wettkämpfen der leistungsstarken Athleten des TV Wetzlar so wenige und zu den schwachmatischen Kickern von Eintracht Wetzlar so viele Zuschauer kämen. Der Sportchef der WNZ entdeckte es erst im letzten Moment, er stand kurz vor dem Herzinfarkt. Da merkte ich schon, dass man nicht alles schreiben darf, was man für richtig hält …

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Etwas später schrieb ich Artikel für die Jugendseite, meist Buch-Rezensionen. Ich nutzte die Gelegenheit, meine rebellische jugendliche Gesinnung verbal auszuleben. Zum Beispiel in der Rezension der Gesammelten Schriften eines Uni-Rektors: »Wie morsch und brüchig muss die Welt dieser Leute doch sein, in der ein ‚Vorsitzender des Vorstands des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft‘ ein schlaffes, aalglattes Geleitwort schreibt«…. Und so weiter. Angry young man,… Ha! Wow!

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Ganz schön angry, dieser young man! Neugierig geworden, lese ich weiter in seinen erbaulichen Schriften. Hier aus seiner allerersten Glosse, Thema: Jugend: »Man ist nur einmal jung – das scheint die Devise eines großen Teils der heutigen Jugend zu sein. Doch die Jugendlichen, die so denken, sind nur den Jahren nach jung, in Wahrheit seit Kindesalter vergreist. Für sie ist die Jugend als zeitlich festgesetzte Phase ihres Lebens eingeplant, wird bewusst erlebt und nach einer angemessenen Zeit bewusst beendet – hinter der frischen Coca-Cola-Keglerin und ihrem lachenden Partner stehen bereits die Frau, die weißer wäscht, und der würdige Herr von Asbach Uralt. Deutlich offenbart sich diese Geisteshaltung in der modernen jugendlichen Kleidung. Diese Uniformen der Jugendzeit werden pünktlich am Ende der Dienstzeit als Jugendlicher abgelegt. Während dieser Dienstzeit hat MAN zuerst reimlose Gedichte anzufertigen, Raucherzimmer in den Schulen zu fordern und die Tanzstundendame zu küssen, freie Liebe zu fordern oder, was seltener ist, sie auch zu praktizieren, Geld zu verachten, aber im Besitz eines Sparbuchs zu sein und die Leute, die in ihrem Lebensplan die Jugendzeit bereits absolviert haben, so lange zu verachten, bis man selbst an deren Stelle getreten sein wird.«

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Den Text schreibe ich aus einem alten, vergilbten Ordner ab (vor 50 Jahren gab es ein elektronisches Archiv nur in meinen Science-Fiction-Romanen). Unterdessen ändert sich meine Gemütslage: Eigentlich wollte ich als altgedienter und abgeklärter Journalist diesen jungen naiven Schreiber vor mir selbst vorführen und so richtig durch den Kakao ziehen, doch das ändert sich von Satz zu Satz. Am Schluss lese ich, nach einigen weiteren Beispielen schon einigermaßen beschämt: »Jugendlichkeit ist eine Eigenschaft, derer sich nur wenige erfreuen – – ein Leben lang. Wer das Leben lebt, nicht verplant, ist jugendlich. Zum Lebensstil vieler moderner Jugendlicher gehört aber, dass sie ihr Leben nicht leben, sondern verplanen, oft ohne sich dessen bewusst zu werden. Mir erscheint daher kennzeichnend für die meisten Jugendlichen unserer Zeit, dass ihnen die Jugendlichkeit fehlt.«

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Herablassend wollte ich ihn gönnerhaft veräppeln, diesen angehenden Journalisten, aber ich spüre, nicht ich Alter führe mich Jungen vor, sondern es ist umgekehrt. Bange Frage, deren Antwort ich lieber erst gar nicht wissen will: Habe ich seitdem jemals wieder eine so ehrliche, so wahre Glosse geschrieben? In meinem progressiven Alttag jammere ich augenzwinkernd und auch ein wenig kokett über manche Zipperlein, an denen man feststellt, wie alt man doch geworden ist. Aber alt, so richtig alt, ist man erst, wenn man sich über die Jahrzehnte hinweg weit entfernt hat von jugendlicher Aufrichtigkeit, von undiplomatischer Ehrlichkeit, auch von gewiss naiver Unbedingtheit. Dass wir alle nicht jünger werden, die Plattitüde stimmt zwar, aber nur für den Körper. Für den Kopf brauchen wir keinen Jungbrunnen, da reicht ein Aha-Erlebnis wie das meine. Ein wenig von unserem alter beziehungsweise »jünger ego« würde dem Ego von uns Alten gut tun. Was sind schon die paar Zipperlein an Arm und Bein gegen neue Frische im Kopf?!

 


 

Alles fing damit an, dass ich keine Grillen mehr hörte. Das sei ein Verlust an Lebensqualität, bedauerte die Liebste, wenn sie an einem lauen Sommerabend versonnen lauschte und unbedacht fragte: »Hörst du sie? Wie schön und romantisch … ach so. Du Armer.« Stets gefolgt von der dringenden Bitte, beim Hörgeräteakustiker vorstellig zu werden.

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Vielleicht fahre ich auch deswegen so gerne nach Griechenland. Dort höre ich sie. Zwar heißen sie nicht Grillen und sind auch keine, sondern Zikaden, eine andere Spezies, doch diesen kleinen Unterschied ignoriere ich gerne. Für mich sind es große Grillen mit entsprechendem Resonanzboden und daher vor allem: hörbare Grillen.

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Zuletzt hörte ich eine dieser Großgrillen in einem Kafenion auf Naxos. Ich war begeistert, sah sie sogar, riesig hing sie an der Wand. Polyglott und kommunikativ, wie ich nun mal bin, machte ich einen der einheimischen Kafenion-Hocker auf sie aufmerksam, indem ich stumm auf die Wand deutete. Der alte Grieche missverstand mich aber und fischte den scheinbar ruhestörenden Lärmer mit einer routinierten Handbewegung herunter, schleuderte ihn auf den Boden, zertrat ihn unter seinem Absatz – mit einem ekelhaft knirschenden Geräusch – und blickte mich Beifall heischend an. Seitdem möchte ich keine Zikaden mehr hören, mir reicht der Ton, den ich schon empfinde, wenn ich nur das Wort »Zikade« … knirschknackbrtzzz.

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Aber bald waren es nicht nur Grillen, die verstummten, sondern auch Gesprächspartner. Je mehr von ihnen in einem Raum waren, um so leiser redeten sie. Flüsterten sie. Bewegten sie nur noch die Lippen. Und ich musste krampfhaft überlegen, was sie gesagt haben könnten. Manchmal funktionierte es, wenn der Taube mit den Stummen sprach, aber immer öfter sah ich irritierte Blicke und ahnte, dass sich das Gespräch in ein Stille-Post-Spiel verwandelt hatte.

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Als schließlich auch die Diskrepanz in der Ehe unüberwindbar geworden war, überwand ich wenigstens mich und bat um professionelle Hilfe. Nicht bei der Eheberatung, sondern beim Hörgeräteakustiker, denn die Diskrepanz beschränkte sich nur auf das, was die Liebste beim Fernsehen als gerade noch erträgliche Lautstärke und ich als gerade noch hörbaren Ton bezeichnete. Ein Hörgerät musste her. Ist doch auch nur eine Brille, oder? Eine für die Ohren, und viel kleiner dazu, praktisch unsichtbar. Ich ging also zum Hörgeräteakustiker.

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Der eine Hörgeräteakustikerin war. Eine sehr hübsche. Eine sehr junge. Eine sehr liebenswerte. Sie umschmeichelte mich, lächelte mich an, berührte während ihrer fachfraulichen Verrichtungen zart und verstohlen meine rosigen Öhrchen, was nicht unbedingt unangenehm war. Bedingt aber doch, denn ich gehöre nicht zu der Sorte überreifer Männer, die es zwecks Aufrichtung des virilen Egos … wie soll ich sagen? … die unter dem Joschka-Münte-Syndrom leiden? Leiden leider nicht, sondern es genießen. Ich dagegen dachte: Ist das Mädchen etwa gerontophil? Um sie vor dieser Verirrung zu bewahren, gab ich mich griesgrämig, was mir nie schwerfällt. Es störte sie nicht. Im Gegenteil. Beim Abschied blickte sie mir noch einmal tief in die Augen, tätschelte mein Händchen und säuselte: »Kommen Sie übermorgen bitte wieder. Ich freue mich auf das, was Sie mir berichten können.« Schelmisch deutete sie auf meine Probe-Hörgeräte, aber natürlich meinte sie etwas ganz anderes.

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Die Welt wurde laut. In Gedanken versunken schreckte ich erst auf, als zwei Frauen direkt neben mir laut sprachen, ich sie aber nicht sah. Ich blickte mich um, zur Seite, nach vorne – niemand zu sehen. Bis ich sie erblickte, auf der anderen Straßenseite in ein Gespräch vertieft. Welch ein Wunderwerk, diese Hilfsöhrchen in meinen Ohren! Und die Welt wurde laut.

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Frohgemut betrat ich am übernächsten Morgen den Laden. Die spontanverliebte junge Schöne schaute mich strahlend an. Ich strahlte verhalten zurück. Mit Gerontophilie ist nicht zu spaßen. »Sie wünschen bitte?« Sprachlos starrte ich sie an. »Waren Sie schon einmal bei uns?« »Vor…ge…gestern«, stotterte ich. »Wie ist bitte Ihr Name?« Ich sagte ihn brav auf. »Ah, Herr …«, sie blätterte in ihren Unterlagen. »Wie ging es denn mit den Hörgeräten?« Wir entschwanden wieder ins Separee, sie lächelte mich an, berührte zart meine knallroten Ohren, behandelte mich, als sei ich ihr wichtigster Mensch auf der Welt … dabei war ich nur ihr nächster Kunde, mit dem sie hochprofessionell umging, mit routinierter Freundlichkeit.

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Von wegen Gerontophilie. Als Kunde war ich ihr Kurzzeit-König, als Mensch, als Mann ein Nichts. Wenn ich den Laden verlasse, wird sie mich sofort vergessen, meinen Namen, mein Gesicht, meine überreife männliche Attraktivität. Wenn Frauen in ein gewisses Alter kommen, klagen sie gerne, nein, nicht gerne, sie klagen über fortschreitende Unsichtbarkeit für das andere Geschlecht. Ich weiß jetzt, wovon sie reden. Mir bleibt nur das Hörgerät. Die Welt ist laut geworden. Zu laut. Von allen Seiten schallt es in meinen Kopf. Zu laut auch für zartes Zirpen.

Grillen höre ich immer noch nicht.

 


 

»Ein paar Jahre lang habe ich das Leben genossen. Ich hatte schicke Autos, und der gute Rotwein ging nie aus. Aber langsam kam die Frage in mein Bewusstsein: Warum lebst du? Das Alter ist ja die Strafe dafür, dass man nicht verstorben ist. Ich wollte wieder etwas Sinnvolles machen, daher …«

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Wie geht dieser Satz weiter? Möglichkeit eins: »… begann ich, Kolumnen aus meinem progressiven Alttag zu schreiben«. Möglichkeit zwei: »…feierte ich nach meinem Leben als erfolgreicher Börsenmakler ein Comeback als weltweit gefeierter Pianist«.

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Nun ja, nicht jeder kann ein Josef Bulva (71) sein. Die schicken Autos und den guten Rotwein habe ich aus einem »SZ«-Interview mit dem ehemaligen tschechischen Wunderkind übernommen, vor allem aber wegen der Strafe des Alters und des Wunsches, etwas Sinnvolles zu machen.

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Ob ich mit dem »progressiven Alttag« etwas Sinnvolles mache, muss bezweifelt werden, vor allem von mir selbst. Mir geht es ähnlich wie Hanns Dieter Hüsch (wer ihn nicht mehr kennt: eine Art Matthias Beltz vom Niederrhein) im »Liedermacher«-Song:

Karl-Gustav macht polit-gynäkologische Lieder / Fritz-Ottmar macht emanzipiert-protestantische Lieder / Heinz-Detlev macht sado-poetische Bekenntnislieder / Und ich mach nur Quatsch.

Mein Quatsch hat nun fast ein Jahr auf dem Buckel, und da die Zeit der Jahresrückblicke beginnt, presche ich mit dem vor, der für jeden von uns der wichtigste ist: mit dem eigenen. Erstes Thema in meinem progressiven Alttag war: Ist es noch »normale« Vergesslichkeit oder schon ……? Fortsetzung, kürzlich im Baumarkt: Ich stehe an der Kasse, eine lange Schlange hinter mir, ich will zahlen und finde mein Portemonnaie nicht. »Habe ich wohl im Auto vergessen«, stammele ich und sprinte so schnell die alten Füße tragen nach draußen, durchwühle mein Auto – nichts. Zurück zur Kasse. »Habe es wohl hier drinnen verloren.« Panik. Haste durch alle Gänge, den Blick auf den Boden gerichtet, Kunden anrempelnd, und langsam reift die Erkenntnis: Das Portemonnaie ist weg. Geklaut. Natürlich. Baumarkt, Gewühl, ist ja klar. In dem Moment ertönt ein Gong: »Herr Steines, bitte an der Information melden.« Woher kennen die meinen Namen? Da fällt der Groschen, und beschämt, aber erleichtert hole ich das Portemonnaie ab. Ein Baumarkt-Mitarbeiter hat es in dem Regal gefunden, aus dem ich eine Tube mit Handwaschpaste herausgenommen und dort offenbar als verwirrter Direktzahler das Portemonnaie hinterlegt hatte.

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In weiteren Kolumnen berichtete ich vom Zahn der Zeit, der an meinem Daumensattelgelenk den Knorpel bis auf die Knochen weggenagt  hat, eine typische Altersarthrose, und vom »Hallux valgus«, dem Großzehenschiefstand, den ich ererbt habe, der aber im Alt-Tag besonders progressiv wird und seine kleineren Zehen-Geschwister aggressiv bedrängt. Nun ja, es gibt auch Positives zu berichten: Gelenk und Zehe hielten Sommerschlaf. Danke dafür.

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Wunder Punkt, nicht nur des Sommers, blieb meine Scham, wenn entgegenkommende Rad-Silberrücken (klein, schlank, fit, durchtrainiert) abschätzige Aha-Blicke auf den Akku meines E-Bikes warfen. Wohler fühlte ich mich daher bei einer mehrtägigen Gruppenfahrt im Süddeutschen, denn da war ich nicht alleine mit dem peinlichen Gefährt unterwegs und in der Masse vor überheblichen Blicken geschützt. Dabei drängte sich aber ein neues Thema im progressiven Alttag auf: Warum legten wir an jedem zweiten Maisfeld, und es gab sehr viele Maisfelder, eine kurze Pause ein? Stets vom Gruppenleiter mit dem freudigen Ruf »Maisfeld!« angekündigt? Sie ahnen es. Erleichtert im Maisfeld.

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Ich kam erst später auf den Grund der erleichterten, der erleichternden Freude in der Gruppe, was ja alterspersönlich ein gutes Zeichen ist, aber so weit geht mein Drang, mein Mitteilungsdrang nun doch nicht, dieses Thema hier näher auszubreiten. Nur so viel: Das Maisfeld war für die Damen reserviert, die Männer verschwanden hinter Bäumen, dieses Altersproblem ist offenbar ein heterosexuelles.

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Bleibt noch die vorige Kolumne, in der ich von meiner schönen Hörgeräteakustikerin erzählte, deren professionelle Freundlichkeit ich mit gerontophiler Verliebtheit verwechselte, bis ich merkte, dass ich für die Schöne unsichtbar war – – ein Phänomen, das nicht nur reifere Frauen kennen. Aber war das wirklich eine wahre Geschichte? Bei dieser oft gestellten Frage kann ich immer nur auf den großen Kolumnisten Axel Hacke verweisen, der sich jahrelang mit seinem Freund Bosch unterhielt, einem Kühlschrank. Haben Sie Hacke etwa geglaubt?

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So, und nun lege ich, von meinem progressiven Alttag des Jahres 2014 leicht erschöpft, eine kurze Urlaubspause ein. Gebucht habe ich per Internet. Dabei muss man auch sein Geburtsjahr angeben. Dazu öffnet sich eine senkrechte Leiste mit Jahreszahlen. Die muss man runter scrollen. Und scrollen. Und scrollen. Bis man irgendwann, weit unten, auf das eigene Geburtsjahr stößt. Deprimierend. Aber immerhin wird mein Jahrgang überhaupt noch geführt. Erst wenn ich ins Nichts scrolle, wird’’s ernst.

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Aber nicht in dieser Kolumne. Ich bleibe mir und Hüsch treu:

Paul-Erich hat jetzt mit seinen Balladen die Schallmauer der Wirklichkeit durchstoßen / Krafft-Volker gehört mit seinen Knast- und Kinder-Opern zu den wirklich ganz Großen / Und Willibald hat mit seinen Aktionsstrophen der Gesellschaft mal wieder aufs Maul geschlagen / Dagobert will mit seinen ökumenischen Liedern das Christentum hinterfragen….

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…und ich? Ich mach nur Quatsch. Auch 2015. Versprochen.

 


 

Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten fahre ich mit dem Stadtbus. Also, der Fahrer fährt, ich stehe. Und stehe. Und denke an die Zeit zurück, als ich täglich mit dem Bus zur Schule fuhr und ebenfalls stand und stand. Denn sobald ich im Getümmel einen Platz erobert hatte, traf mich der strafende Blick eines uralten Männleins oder Weibleins, mindestens unvorstellbare 30 Jahre alt, und obwohl ich ein kleiner, bockiger Stoffel war, erhob ich mich zähneknirschend und gewährte dem greisen Krüstchen die Gnade seiner frühsteinzeitlichen Geburt. Lag es an den Genen, dass damals alle, egal ob braves Mädchen oder Rotzlöffel, wie selbstverständlich für Ältere aufstanden? Liegt es am genveränderten Frühstücksmüsli, dass sie heute allesamt störrisch und stur sitzen bleiben?

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Ich stehe unentwegt Ich würde mich so gerne setzen. Auf einen der sagenumwobenen Sitze direkt über dem Hinterrad. Sitzt man lange genug dort, so ging das Gerücht unter uns Schülern, erlebe man Sensationen der außergewöhnlichsten Art. Ich konnte es leider nie nachprüfen, denn ich stand ja unentwegt. So wie ich jetzt stehe und das bucklige Gerücht (es hat über ein halbes Jahrhundert auf demselben) immer noch nicht verifizieren kann.

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Meine Hand klammert sich an den Haltegriff, meine Gedanken schweifen ab. Zu Harald Martenstein. Der große »Zeit«-Kolumnist verficht zwar nicht expressis verbis die Aufsteh-Pflicht im Bus, aber er verlangt immerhin »Geriatrical Correctness«. So wie eine Berliner Genderforscherin nur noch mit »Professx« angeredet werden möchte (»man verrenkt sich fast den Kiefer und muss zum Kieferorthopädx«), fordert Martenstein ein gendergerechtes Wort für »alte Männer«, wobei ich aber seinen Vorschlag »Mumpf« nicht favorisiere, obwohl sich das Wort auch gebisslos leicht hinmümmeln lässt.

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Ich würde Martenstein, dem Ass aus der Glossen-Bundesliga, gerne mal die Hand schütteln. Dann wüsste ich nämlich, wer von uns beiden der biologisch Jüngere ist. Denn die Wissenschaft hat festgestellt, »dass der Kraftverlust in der Hand ein wichtiges Zeichen dafür ist, wenn Muskelschwäche und Altersbeschwerden drohen«, behauptet eine Altersmedizinx aus dem englischen Southhampton. Die Kraft des Händedrucks gebe Aufschluss über Lebens- und Gebrechlichkeitserwartung, und ein »fester Händedruck ist ein Kennzeichen für gesundes Altern« (Quelle: »SZ«).

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Aha. Dann wäre meine Linke, noch von jahrelangem Krafttraining zehrend, mopsgesund und kaum volljährig, während meine hundertjährige Rechte, von einer Arthrose im Daumensattelgelenk gepeinigt, schon gequält aufschreit, wenn auch nur die mumpfigste Mumpfhand nach ihr greift.

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Leistungssport ist also auch keine Anti-Aging-Lösung, weiß meine verschlissene rechte Wurfhand. Außerdem hat jener US-Arzt, der Menschen half, »die Probleme mit dem Älterwerden und der Leistung im Schlafzimmer hatten«, seine Spezialklinik in Florida geschlossen, denn sie wurde offenbar weniger von Patienten der Kategorie »Mumpf« als von solchen jener jungen Art frequentiert, die Probleme mit der Leistung auf dem Sportplatz hatten.

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Reisen sei die beste Anti-Aging-Methode, glaubte Günter Franzen, Autor der Frankfurter Allgmeinen Sonntagszeitung, und ging daher auf eine »Happy-Single-Reise«, nachdem seine Mitbewohnerin geklagt hatte, dass es mit ihm »seit meiner Freisetzung aus meinem Brotberuf nicht mehr auszuhalten sei: ›Du schleichst depressiv durch die Wohnung, setzt keinen Fuß mehr vor die Tür, vergraulst Freunde durch deine bissige Übellaunigkeit‹« – – ach, das kommt auch Ihnen bekannt vor, liebe Mitmumpfe? Franzen bereute die Reise schon am Flughafen, als sich »die Hochbetagten mit ihren Rollatoren und der Aggressivität antiker Wagenlenker an die Spitze der zum Ausgang drängenden Menschenmassen« setzten, »als ginge es nicht um einen Sitzplatz in der A-340, sondern ums nackte Überleben im Kolosseum zu Rom«.

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Vollends den Reise-Appetit verdarb es ihm, als er am Strand »an Hunderten von eingefallenen Gesäßbacken, hängenden Brüsten, aufgetriebenen Schmerbäuchen, in grauem Haargestrüpp baumelnden Gemächten« vorbeikam und an einer »Gruppe von Frauen in meinem Alter, die mir, breitbeinig in Liegestühle gefläzt« …. halt, stopp, als mein eigener Zensurbeauftragter muss ich hier einschreiten, denn das mag zwar heute jugendfrei sein, wird aber von meiner FSK ganz bestimmt nicht für die Altersgruppe unseres Magazins freigeben.

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Ich muss aussteigen. Meine starre rechte Klaue löst sich vom Haltegriff, leicht benommen und geschlaucht vom langen Stehen werfe ich noch einen sehnsuchtsvollen Blick zu den Sitzen über den Hinterrädern. Demnächst will auch ich auf Reisen gehen. Mit dem Fernbus. Für 14 Euro nach Bad Salzschlirf und zurück. Mit Platzreservierung. Sagenumwobene Sensationen warten auf mich.

 


 

Kürzlich schwappte eine Empörungswelle um den Globus. Ein unretuschiertes Werbefoto der Model-Ikone Cindy Crawford, heute 49 Jahre alt, erregte erregungsbereite Gemüter. Auf dem unautorisierten Bild, von hämischen Kleingeistern auf Twitter veröffentlicht, erkennt man sichtbare Schwangerschaftsstreifen, ein Bäuchlein und Cellulitis – – welch ein Skandal!

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In der Diskussion gab es zwei Pole: Die Empörung über unretuschierte Fotos – und auf der anderen Seite die Trotzreaktion, gipfelnd in der heuchlerischen Huldigung von Ü-60-Models als wahres Schönheitsideal. Beide Seiten wollen also die Realität vertuschen, die einen bildbuchstäblich, die anderen, indem sie nackte alte Haut zeigen und uns herausfordernd mitteilen: Seht her, ich bin nicht jung, aber immer noch schön und attraktiv. Und wehe, es wagt jemand, die Wahrheit zu sagen. Da müsste man, vor allem Mann, ja lebensmüde sein.

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Bin ich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich wage es trotzdem, aber nur mit mir als Argument. Ich bin nicht jung, und falls ich jemals attraktiv gewesen sein sollte, bin ich es jetzt jedenfalls nicht mehr, außer – hoffentlich! – in den liebevoll retuschierenden Augen meiner Frau. In meinem progressiven Alt-Tag beobachte ich den eigenen körperlichen Verfall aus unretuschierter Sicht, und was ich da sehe, macht mich weder traurig noch stolz. Mir fällt nicht ein, etwas wegzuretuschieren (zum Beispiel operativ), und auf die Idee, das Gegenteil von dem zu behaupten, was ich sehe, komme ich ebenfalls nicht. Ich beobachte mich wie ein Insektenforscher einen Ameisenhaufen: interessiert und sachlich. Zum Beispiel habe ich jetzt festgestellt, dass der alte, fiese Männerwitz (»Warum haben wir keine Cellulitis? – Weil es bescheuert aussieht«) auch sachlich daneben liegt. Ich jedenfalls habe Cellulitis. Oder so etwas Ähnliches. Man könnte es auch Broileritis nennen. Die breitet sich nicht am Oberschenkel aus, sondern … wissen Sie, wie unappetitlich es aussieht, wenn jemand keine Hähnchenhaut mag, sie abzuppelt und auf ein Häufchen am Tellerrand drapiert? Bräunlich-gelbliche Haut, labberig, mit kleinen, runden Dellen? Dann wissen Sie auch, wie es an der Innenseite meiner Ellbogen aussieht. Na und? Jammere ich? Werde ich deswegen depressiv? Nein, ich schaue mir die Bescherung jeden Tag interessiert an und bin froh: Hurra, ich lebe noch. Im Gegensatz zu den Broilern, deren Haut Tellerränder verunziert.

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Auch mit meinem Hals kenne ich keine falsche Scham. In einem »Spiegel«-Leserbrief zum schlipslosen Trend unter Politikern, nicht nur jungen griechischen, heißt es: »Alte Männer haben hässliche Hälse. Sie haben allen Grund, ihre Schildkrötenkehlen mittels Krawatten zu tarnen.« Tarne ich meine Schildkrötenkehle mittels Krawatten? Isch ›abe gar keine Krawatte!, schmettert es aus meiner hähnchenhäutigen Schildkrötenkehle.

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Apropos: Wussten Sie, dass sich Bruno Maccallini, der nette Italiener aus der Fernsehwerbung (»Isch ›abe gar kein Auto«), und Jutta Speidel nach elf Jahren Liebe getrennt haben? Das aber nur als Information am Rande, damit Sie nicht behaupten können, ich kreiste in meinem »progressiven Alt-Tag« nur um mich und ließe wichtige gesellschaftliche Entwicklungen außer acht.

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Zurück zur Kareta karetiensis, vulgo hähnchenhäutige Schildkrötenkehle. Ein Fisch würde mich dafür lieben, ein Fisch namens Richard Fish. Wir Älteren erinnern uns: Das ist jener Anwalt aus der 90er Jahre Fernsehserie »Ally McBeal«, den Hautfalten am Hals in höchste sexuelle Erregung versetzen. Nun ja, eigentlich nur bei älteren Frauen, aber angesichts meiner prachtvollen Halshautlappen vergäße sogar der betont heterosexuelle Fish seine geschlechtliche Fixierung.

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Nun aber ernsthaft. Die Crawford-Diskussion, das Retuschieren, das Manipulieren, Botox und Co., der Fitness-Wahn, der verzweifelte Kampf gegen den naturgegebenen körperlichen Verfall und sein noch verzweifelteres Ignorieren, all das – auch in einem Wort gebündelt: Madonnaritis – hindert uns daran, sich existenziell wichtigeren Dingen zuzuwenden. Wenn die medizintechnische Entwicklung den Wahn-Witz auf die Spitze treibt, wird sie bald jedem von uns eine Wunschgestalt verpassen, in die wir hineinschlüpfen können wie in ein OP-Hemd, nein, wie in einen hautengen KTU-Overall (taucht in jedem Fernsehkrimi auf), dann haben wir auch mit hundert noch unsere Traumfigur und unser Traumgesicht, ohne uns wahnwitzig abrackern zu müssen.

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Aber noch tun wir es. Haben wir eigentlich nichts Besseres zu tun? In unserem Alter? Jetzt ist die Zeit doch endlich reif, sich mit dem zu beschäftigen, was uns in der Kindheit umtrieben hat. Dazwischen lag das »normale« Leben, das mit seinen alltäglichen Verrichtungen und Verpflichtungen kaum Zeit lässt für die tieferen Fragen, die wir uns damals gestellt haben. Wer bin ich? Was wird aus mir? Was soll das alles eigentlich? Dass wir über diese kindlichen Fragen nicht hinaus- oder gar ihrer Antwort näher kommen, muss nicht entmutigen. Sisyphus hat es auch nicht bis auf den Berg geschafft. Aber wir können ihn uns, sagt Albert Camus, als glücklichen Menschen vorstellen. Glücklicher als alle, die im Alter der eigenen Jugend hinterher hetzen, von Madonnaritis geplagt, bis sie von der Bühne des Lebens purzeln.

 


 

Es ist ja nicht nur der körperliche Verfall. In meinem progressiven Alt-Tag läuft auch ein anderer Countdown ab. Er wirkt auf den ersten Blick etwas seltsam, denn die Zahlen scheinen durcheinander zu purzeln: Drei – eins – zwei … und dann folgt das Grauen. Drei – eins – zwei: Solche Zahlenreihen kennt man aus IQ-Tests. Setzen Sie die Reihe fort!, heißt es da. Nichts leichter als das, wenn man zwei Buchstaben vor die Zahlen setzt: HR 3 – HR 1 – HR 2 … HR 4.

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Es begann alles damit, dass ich ein Kofferradio bekam. Ein kleines, handliches. Ungefähr halb so groß und doppelt so dick wie heute ein i-Pad. Ideal zum Hören unter der Bettdecke. Die Eltern dachten, der Bub schläft tief und träumt süß, doch er war hellwach und erlebte per Kurzwelle grandiose Abenteuer. Beim Seewetterbericht flog mir vor Boje 5 die Nordsee-Gischt ins Gesicht, und wenn eine metallische Frauenstimme (»Einns, drrrei, fünneff, fünneff ..«) endlose Zahlenreihen runterratterte, steckte ich mitten in einem Agenten-Krimi. Aber zwischendurch schaltete ich immer wieder zur Mittelwelle rüber, drehte den Senderknopf nach hinten rechts auf der Skala, mit viel Fingerspitzengefühl, denn nur mit Feinjustierung konnte Radio Veronika zwischen all dem Rauschen eingefangen werden. Dieser Piratensender spielte von einem Schiff vor der Nordseeküste aus die beste Musik weit und breit. Klasse! Das war damals der höchstmögliche Superlativ, denn »geil« blieb anderen aufregenden Dingen vorbehalten. Aber das nur am Rande.

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Damals lag der fatale Countdown in weiter Ferne. Wo auch anfangen zu zählen, wenn HR 3 noch nicht einmal existiert? Der Startschuss zum dritten Radiosender des Hessischen Rundfunks fiel erst am 1. Juni 1964, und dieses dritte Programm beschränkte sich zunächst auf fremdsprachliche Informationen für Gastarbeiter, lag also auf der entgegengesetzten Seite der Interessen-Skala des Radio-Veronika-Piraten. Doch irgendwann, viel später, das Kofferradio gab es nicht mehr, Radio Veronika sowieso nicht, biologisch gehörte ich schon zu den Erwachsenen, da entdeckte ich diesen neuen Pop-Sender: HR 3. Der Countdown begann.

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Viele Jahre blieb ich HR 3 treu, bis mir der Pop zu bunt wurde, die Musik zu schrill, die Sprecher zu aufgekratzt. Wie wohltuend dagegen HR 1: Die Musik, die Themen, die Sprecher, das alles passte zu mir und wurde meine Radio-Welt. Doch allmählich überforderte mich auch HR 1, ich blieb dem Sender zwar treu, schaltete aber immer öfter zum Klassikprogramm von HR 2 hinüber. Wie wohltuend! Musik zur Kontemplation, keine Hektik, keine sich überschlagenden Stimmen, im Gegenteil, die Sprecher scheinen manchmal während des Musikprogramm sogar einzunicken, denn nach dem letzten Ton einer Symphonie höre ich bisweilen … nichts. Stille. Nicht eine oder zwei Sekunden lang, sondern drei, vier, zehn, viele. Dann endlich räuspert sich eine verschlafene Stimme und kündigt das nächste Stück an. Genial! Und irgendwie sogar up to date, denn so klingt praktizierte Entschleunigung.

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Läuft der Countdown im Alt-Tag weiter ab wie bisher, folgt auf HR 3, HR 1 und HR 2 demnächst HR 4, das Synonym für akustisches Grauen. Natürlich nur aus Hör-Sicht heutigen »Radio Veronika«-Geschmacks von Independent bis Tech-House. Denn ich habe schon mal hineingehorcht… – och jo, geht doch.

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Noch bedenklicher als dieser akustische Trend zum Senilen ist der visuelle Verfall. Selbst betulich-seriöse Feuilletons schwärmen von hochmodernen US-Serien, von ihrem rasanten Tempo, den schnellen Schnitten, von genial verwackelter Kameraführung, – doch mir ist das Tempo zu hoch, bei den schnellen Schnitten drohen Migräne-Anfälle, und die genial verwackelte Kamera wirkt wie eine »loose cannon«, unberechenbar und gemeingefährlich für meine Sinne.

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Es gibt auch die eine oder andere deutsche Serie, die dem US-Trend hinterher filmt. Wenn ich per Zufall in eine gerate, zappe ich extrem unentschleunigt weiter und verharre bei den Lieblingsserien meines progressiven Alt-Tags, bei den Nonnen von Bürgermeister Wöller oder auch in aller Freundschaft bei den Ärzten im Osten. Da weiß ich, was ich habe, und werde nicht von unangenehmen Dingen überrascht, zum Beispiel vom makabren Einfall, auf ein Happy-End zu verzichten. Denn ein voraussehbar glückliches Ende gehört zu jedem anständigen Film. Langes Leiden ertrage ich nicht mehr, existenzbedrohende Probleme ebenfalls nicht.

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Übrigens auch nicht in Nachrichten und Reportagen. Dass die Welt nicht heil ist, weiß ich. Es geschehen schreckliche Dinge, aber vor dem Fernseher verschließe ich Augen und Ohren davor, denn ich bin kein Masochist, der sich an Verzweiflung labt. Daher zuckt mein Daumen sogar bei schnuckeligen Tierfilmen (meinen neuen Favoriten) hektisch zappend, wenn ein Löwe der Antilope hinterher jagt, denn es könnte ja sein, dass der Kameramann auf die sadistische Idee kommen könnte, die Jagd realistisch enden zu lassen.

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Am bedenklichsten aber ist mein Alt-Tags-Trend zum Rührseligen. Das möchte ich hier aber nicht vertiefen. Zu peinlich. Wenn Sie wüssten, bei welchem Kitsch ich selig-blöde grinsend mit einem Kloß im Hals vor dem Fernseher sitze … Aber so richtig alt bin ich erst, wenn ich nur noch HR 4 höre, statt »Tatort« den ZDF-Kitschfilm am Sonntag anschaue, den Musikantenstadel einschalte, wonnig mitklatsche, Florian Silbereisen als James Dean unserer Tage verehre und rührselig werde, wenn er vor Helene Fischer, die ich mit Marilyn Monroe verwechsle, in die Knie geht und einen Heiratsantrag sülzt. Aber wenn es nur darum geht, werde ich mindestens 110.

 


 

Ich freue mich auf »Frank«. Der neue, vierte Bascombe-Roman von Richard Ford trägt den Vornamen unseres alten Freundes im Titel und ist soeben in Deutschland erschienen. Frank Bascombe begann als »Der Sportreporter«, war und ist ein stinknormaler Mittelstandsbürger und denkt nun, im vierten und wohl letzten Teil, als Rentner »über das Alter, über Männer und Frauen, über Liebe, Verlust und Tod« (Buch-Werbung) nach. Mein Reden: Sport, Gott & die Welt. Ich und Frank! Und die Luftballons. Wie schön, dass es ihn noch gibt. Harry »Rabbit« Angstrom, John Updikes (etwas sexistischerer) Bruder im Geiste von Frank, ist ja längst verblichen. Gestorben auf dem Feld des Sports, als es der unsportliche Alte mit einem jungen Basketballer aufnehmen wollte.

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Sport im Alter. Einige übernehmen sich, wie der völlig untrainierte »Rabbit«, andere tun gar nichts. Gesund wäre das Maß in der Mitte. Ich versuche, mich daran zu halten. Es gelingt nicht immer. Wenn ich zwei, drei Touren mit dem Pedelec gefahren bin, ungegrüßt von im Vorbeifahren verächtlich auf meinen Akku hinab blickenden Radsportlern, schwinge ich mich das nächste Mal aufs alte sportliche Treckingrad, und schon werde ich angelächelt, gegrüßt und wieder in den Kreis derer aufgenommen, zu denen ich gehörte und gehören will: zu den Sportlern.

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Richard Fords »Frank« trägt im Original den Titel »Let Me Be Frank With You«, ein Wortspiel, in etwa bedeutend: »Lassen Sie mich offen mit Ihnen sein.« Und da auch ich zu Ihnen frank und frei schreiben will, muss ich nun zu den Luftballons kommen und etwas gerontologisch völlig Unkorrektes zugeben. Alle wunderbaren Menschen, die sich um manchmal störrische Alte kümmern, mögen mir bitte verzeihen: Zu den Horrorvorstellungen in meinem Alttag, der ja nicht ideologisch, sondern biologisch ein progressiver ist, gehört die furchtbare Vorstellung, als Ex-Leistungssportler im Altersheim in den Stuhlkreis geschoben zu werden, um mir mit anderen Alten einen Luftballon hin und her zu ditschen.

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Bin gespannt, wie Rentner Frank sein Alter annimmt. Er hatte ja schon als Mittfünfziger im dritten Teil (»Die Lage des Landes«) Probleme mit der Prostata, die manchen Mann mit den Jahren ins Lager der Sitzpinkler treiben – weil mann so lange gar nicht mehr stehen kann, wie es läuft und läuft (wobei »läuft« ein Paradebeispiel für einen Euphemismus ist).

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Laufen, sitzen – liegen. Jeder alternde Sportler weiß: Zuerst verabschiedet sich die Sprungkraft. Daher leuchtet auch der Test ein, über den jüngst zu lesen war. Er soll uns sagen, wie alt wir wirklich sind, unabhängig von der progressiven Zahl der Jahre, die wir auf dem Buckel mitschleppen. Ich habe ihn gemacht, den Test: Wie schnell kann man, am Boden liegend, aufstehen? Ha, dachte ich, kein Problem, früher habe ich nur mal kurz mit dem »gluteus maximus« gezuckt, den beiden großen Popo-Muskeln – schon stand ich. Und jetzt, gestern Nachmittag: Wie ein Wurm wand ich mich am Boden, stützte mich auf das Handgelenk … das rechte mit der ausgewachsenen Arthrose im Daumensattelgelenk, von der ich in meinem progressiven Alltag schon berichtet habe … brach schreiend zusammen, wälzte mich ächzend auf die andere Seite, rappelte mich auf … mittlerweile wurde es dunkel … ach, lassen wir das.

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Vielleicht haben Stuhlreihe und Luftballons doch etwas für sich. Wie bei jenem Senior, dem beim Pritschen und Ditschen eine süße kleine Alte auffiel, die ihm zuzwinkerte. Diese blauen Augen! Und wie sie ihn anlächelte! Genau sein Typ! Und bei dieser tollen Frau hatte er auch noch Chancen! Als dann im Singkreis jeder sein Lieblingslied vortragen sollte, trällerte er den Song von Peter Cornelius und zwinkerte der Süßen dabei zu: Du entschuldige i kenn di, bist du net die Klane, die i schon als Bua gern g’habt hab. Die mit dreizehn schon kokett war, mehr als was erlaubt war, und die enge Jeans ang’habt hat. I hab Nächte lang net g’schlaf’n, nur weil du im Schulhof einmal mit die Aug’n zwinkert hast. Komm wir streichen 15 Jahr hol’n jetzt alles nach, als ob dazwischen einfach nix war. *

Statt 15, wie im Original, sang er »Fuffzig Jahr«. Und er hatte tatsächlich Erfolg mit seinem Gesäusel, dieser alte Schwerenöter! Die Angebetete, die ihm irgendwie bekannt vorkam, folgte ihm ins Schlafzimmer, küsste ihn zärtlich … und dann flüsterte ihm seine Frau leicht genervt, aber auch gerührt und zärtlich ins Ohr: »Gute Nacht, mein Schatz. Morgen komme ich wieder.« Da schlief er schon wie ein Murmeltier. Ich glaube, ich möchte später jeden Tag in den Stuhlkreis geschoben werden. Denn täglich grüßt der Luftballon.

 


 

 

Gestern habe ich in der Apotheken-Umschau geblättert. Keine gute Idee. Seitdem fühle ich mich als schlapper Greis unter hyperaktiven Temperamentsbolzen. Die alten Jungs und Mädels wirken fit und hipp, als könnten sie jeden Moment das Altersheim demolieren wie einst Pete Townshend von den Who sein Hotelzimmer. In der Werbung für Treppenlifte machen die Best-ager-Models sogar den Eindruck, als führen sie nicht mit dem Oldie-Aufzug in den ersten Stock, sondern direkt ins Berghain, um dort 30 Stunden durchzutanzen – – was die jungen Szenetypen nur mit ein paar Linien Koks als Durchhaltemittel schaffen, während wir uns mit Globuli und allenfalls einem Biss in die Ginsengwurzel begnügen.

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Ich möchte es in diesen Tagen nicht Terror nennen, aber ich fühle mich zumindest drangsaliert von diesem neuen Gesellschaftsvertrag, der aus uns Alten die neuen jungen Wilden machen will. Was ist so schlimm daran, in aller Ruhe und Gelassenheit das Jungseinwollen denen zu überlassen, die jung sein müssen? Sooo schön ist das nämlich gar nicht. Wer des Langzeitgedächtnisses noch mächtig ist, kann sich gut an Schwierigkeiten, Peinlichkeiten, ja auch an Armseligkeiten und Verletzungen frühester Jahre erinnern. Und wer noch weiß, wie kribbelig man wurde, wenn scheinbar alle anderen auf der Piste von einer Party oder Pinte zur nächsten unterwegs waren, während man selbst als weltweit einziger Jugendlicher zu Hause bleiben musste und alles verpasste, was das Leben lebenswert machte, der lehnt sich froh und gemütlich im Sessel zurück und sieht still und zufrieden zum siebenundzwanzigsten Mal einen Fernsehfilm über die bedrohte Welt der Eisbären.

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Ich jedenfalls bin froh, nicht mehr jung sein zu müssen. In diesen empfindlichen Jahren hat jeder sein Päckchen zu tragen. Ich sogar mehrere. Zum Beispiel meine Haare. Rot waren sie. Nicht rotblond, sondern richtig rot. Zwar färben sich heutige Jugendliche die Haare auch mal knallrot und finden’s geil, aber früher hatte man sich als rothaariger Bub oft zu Tode geschämt, denn niemand hatte Erbarmen, sondern alle ihre helle Freude an dummen Sprüchen. »Schon widder en Fuchs un kei Flint!« »Guck ema, das Streichholz – uff’m Kopp rot, sonst käsweiß.« Und, in der Pubertät besonders peinlich: »Dein Vadder hat wohl Rost im Colt gehabt!«

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Heute wäre eine Glatze die Alternative, auch die ist hipp und in, und wer die richtige Kopfform hat, dem steht sie besser als jede Frisur. Damals war die Glatze aber noch keine modische Option, außerdem hätte sie mir nicht geholfen, sondern mein zweites Trauma zur Geltung gebracht. Bei der täglichen Begutachtung des unattraktivsten Menschen der Welt (ich wusste ja nicht, dass sich jeder zweite Junge vor dem Spiegel ähnlich fühlte) glaubte ich erkannt zu haben, dass ich ohne Haare aussehen müsste wie ein Neandertaler.

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Heute ist mir meine Frisur genauso gleichgültig wie Kopfform und Farbe der Haare. Die weichen zwar zurück, doch sehe ich im Spiegel keinen Neandertaler, sondern einen Homo sapiens sapiens, sogar einen besonders weis(s)en, denn zum Trost des Alterns gehört auch: Aus rot wird blond. Mein Name ist Blond. Hellblond.

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Zusatz-Bonus: Die optische Verwandlung in einen weisen silberhaarigen alten Herren verbirgt den Knaben, der in ihm steckt und der, behauptet man bzw. frau, an sittlicher Reife die Kindischkeit nie hinter sich gelassen hat.

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Erinnern Sie sich, dass ich in einem früheren progressiven Alttag über meinen Großzehenschiefstand geklagt habe? Beide großen Zehen bedrängten jeweils den gerade gewachsenen Zeh daneben (wie nennt man den? Zeigezeh?), was lästig und auch unangenehm war, denn der Scheppe schabte am Nachbarn, schob sich langsam über ihn, so dass ich die Zehen mit der Hand auseinander drücken musste, bevor ich den Schuh über sie ziehen konnte. Die Zehen haben nun ihre scheppe Hyperaktivität eingestellt, scheinen sogar ein bisschen gerader zu werden – offenbar ein weiterer Vorteil des Alters.

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Zusammen mit ihnen konnte ich nun auch wieder gerader gehen. Als ich in meiner zweiten Heimatstadt unterwegs war (als Gießener darf man es kaum zugeben, aber ich tu’’s: Wetzlar), wurde ich urplötzlich an ein weiteres Jugendtrauma erinnert: Meine Körpergröße. Ich litt an ihr, sie machte den unsicheren Pubertären nicht nur noch linkischer, sondern er fiel durch sie immer dann unangenehm auf, wenn er es am wenigsten wollte, denn er ragte wie eine Leuchtboje aus der Gruppe heraus, einen ganzen – – und auch noch rothaarigen! – – Kopf größer als die anderen.

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An einer Straße in Wetzlar hing ein Verkehrsschild bis über den Bürgersteig, ungefähr in einer Höhe von 1,90 m. In meiner Längenverzweiflung schwor ich, mich sofort umzubringen, falls ich eines Tages mit dem Kopf dagegen stoßen sollte. Da war ich 14. Mit 15 wuchs buchstäblich die Gefahr. Mit 16 wäre es soweit gewesen, denn ich wuchs weit über die Todesmarke hinaus. Doch da ich selbst in jugendlichster Verzweiflung niemals lebensmüde war, trickste ich mich aus, indem ich unter dem Verkehrsschild schiefer ging als meine großen Zehen später wurden.

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Jetzt sah ich das Schild wieder, es schien dasselbe zu sein, auf gleicher Höhe wie damals. Und ich ging stolz und aufrecht darunter durch. Was mich damals glücklich gemacht hätte, würde ich heute allerdings nicht unbedingt zu den Vorteilen des Alterns zählen. Aber wenn’’s sonst nichts ist als Schrumpfung, genieße ich meinen progressiven Alttag. In aller Ruhe und Gelassenheit.

 


 

Es ist nur ein Moment. Ein Schatten, der durch den Kopf huscht. Zähne geputzt, gegurgelt, ausgespuckt, Kopf gehoben … und plötzlich sieht mich dieser fremde alte Mann an. Wer ist das?

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Es ist wirklich nur der Bruchteil einer Sekunde, in dem ich nicht weiß, wer mich im Spiegel anschaut. Vor und nach diesem Zeitstrahl, der mich unvermittelt trifft, kenne ich diesen alten Mann gut genug. An sein Gesicht habe ich mich nicht nur gewöhnt – es gefällt mir sogar. Natürlich nicht im ästhetischen Sinn, so verblendet bin ich nun doch nicht. Aber dieser scheinbar gelassene, altersgereifte Graukopf ist das ideale Versteck. Schließlich gibt es nicht nur siebzehnjährigste Leimener, sondern auch vierzehnjährigste Gießener. Denn wie Alec Guinness, der große englische Schauspieler, komme ich mir wie ein Hochstapler vor, weil ich einen Erwachsenen spiele und wie Alec stets fürchten muss, dass man mir auf die Schliche kommen könnte. Das alte Gesicht im Spiegel schützt vor Enttarnung.

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Der Junge in mir schaut in seinem Körperversteck interessiert zu, wie absurd sich das Gesicht im Lauf der Jahre verändert. Und nicht nur das Gesicht. Über galoppierenden Großzehenschiefstand und fortschreitende Arthrose im Daumengrundgelenk habe ich in meinem progressiven Alt-Tag bereits ausführlich berichtet und auch Broiler-faltige Hautlappen in den Armbeugen nicht verschwiegen. Habe ich eigentlich schon meine zunehmende Hörschwäche erwähnt? Ach so, ja, diese peinliche Geschichte mit der hübschen jungen Hörgeräte-Akustikerin, deren professionelle Freundlichkeit ich einer gewissen Silberrücken-Attraktivität zuschreiben wollte. Bis sie mich tags darauf nicht einmal mehr erkannte.

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Nun kommt verfärbende Verwelkung an der Nagelspitze des Zeigefingers hinzu. Es fing damit an, dass ich beim Nägelschneiden einen kleinen schwarzen Punkt an der Spitze des zu lang gewachsenen Nagels entdeckte. Nach dem Schneiden war der Fleck weg, der Nagel wuchs wieder makellos – bis er vorne erneut einen schwarzen Punkt produzierte. Im Lauf der Maniküre-Monate materialisierte sich der Makel immer früher, mittlerweile verunziert er schon die extrem kurz geschnittene Nagelspitze.

* Aber was macht’’s? Wäre es der kleine Finger und ich ein alter Chinese, nur dann hätte ich ein Problem damit. Bekanntlich gilt ein mehrere Zentimeter langer Kleinfingernagel mancherorts in China immer noch als Statussymbol, und da wäre es mir recht peinlich, wenn – – je länger der Nagel, desto dicker wird der Fleck – – vorne ein schwarzes Etwas prangte, das zudem den Anschein erwecken könnte, Ohrenschmalz oder Nasenpopel zu sein; denn im zweiten Daseinszweck wird der lange Fingernagel zur pulenden Reinigung von Ohr und Nase genutzt. Aber diese Sorgen habe ich nicht, zur Not gehe ich ins Nagelstudio und lasse mir ein fesches Muster verpassen.

*

Als ich mein geheimes Alter erreichte und daran hängen blieb, hielt ich die Möglichkeit, so alt zu werden, wie ich nun schon geworden bin, für weitaus unrealistischer, als dass Jesus am Jüngsten Tag leibhaftig von der Himmelsleiter herabsteigt und Gericht hält (natürlich mit Freispruch und Paradies für mich; an Jungfrauen als Zugabe wagte ich nicht zu hoffen und wusste auch nicht, dass dafür ein anderer zuständig ist). Nun ist die phantastischere Variante eingetreten. Ich bin alt. Und das ist mit Humor eigentlich recht gut zu ertragen. Bis jetzt.

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Aber geht mit Humor wirklich alles besser, sogar alles am Altern? Was, wenn zu den belanglosen Zipperlein, über die ich mich lustig mache, schwere Krankheiten kommen? Am Ende auch solche, die … nun ja … am Ende kommen? Kann ich auch noch unter Schmerzen über mich selbst lachen? Schwarzer Humor treibt in der Theorie mit dem Entsetzen Scherz – aber in der Praxis auch mit entsetzlichem Schmerz?

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Einer kann das. Hans Zippert (u.a. „Zippert zappt“ in der Welt), ein Meister des fein justierten Humors. In »Der Tag, an dem mich der Schlag traf« schreibt Zippert nicht über Zipperlein, sondern über den Schlaganfall, der ihn vom Rad fegte. Unnachahmlich. Nachzulesen im Internet (Suchwörter: »Zippert« und »Schlaganfall«). Ein idealtypisches Beispiel für die Definition von »gutem Humor«, die der Wiener Autor und Schriftsteller David Schalko im SZ-Interview gibt: »Bei gutem Humor muss es immer auch ein bisschen um Leben und Tod gehen.«

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Ob ich es Zippert nachmachen kann bzw. muss oder bei Zipperlein bleiben darf? Nur die wenigsten ereilt im hohen Alter einigermaßen gesund und munter ein gnädiger Udo-Jürgens-Sekundentod. Alle anderen werden leiden. Statistisch gesehen auch ich. Werde ich darüber schreiben können und wollen? Mein progressiver Alt-Tag wird mich auf die Probe stellen.

 


 

Kennengelernt habe ich ihn im Jahr 1989. Seitdem begleitet er meinen Weg ins Alter. Vorgestellt hatte er sich mit den Worten: »Ich heiße Frank Bascombe. Ich bin Sportreporter.« In all den Jahren bin ich gut Freund mit ihm geworden. Obwohl er mich nicht kennt. Natürlich kennt auch Richard Ford mich nicht. Auf seinen vierten Roman mit dem vertrauten fremden Freund habe ich in meinem progressiven Alt-Tag lange gewartet, mittlerweile ist die deutsche Übersetzung erschienen. »Frank« heißt im Original »Let Me Be Frank With You“.

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Frank Bascombe schwadroniert und monologisiert durch sein Leben. »Der Sportreporter« wird in den späteren Romanen Immobilienmakler, leidet unter Beziehungsproblemen und schließlich an der Prostata. In seinem und meinem progressiven Alt-Tag kommt in »Frank« ein neues Problem auf uns zu: der Sturz und seine Folgen. Denn wenn wir Opas stürzen, ist das »ein nicht zu maskierendes Anzeichen dafür, dass die letzte Reise näher rückt. So werde ich auch nicht stürzen und mir die Gräten brechen.«

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Nicht stürzen! Auch ich hatte mir das auf dem Weg ins Alter vorgenommen. Früher, sehr viel früher, bin ich öfter mal gestürzt, beim Sport oder vom Rad. Dann rappelt man sich auf, lacht, schüttelt die jungen Knochen und macht weiter. So wie Frank: »Wenn ich früher auf Glatteis ausrutschte, fiel ich hin, sprang wieder auf und dachte nicht weiter darüber nach. Jetzt ist so was ein Todesurteil.«

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Aber erst, als nach einem stinknormalen Fall vom Rad die erste Rippe brach (ich war 50) und die zweite folgte (52), verbunden mit jeweils dreimonatiger Leidenszeit, dämmerte es mir: Vorsicht! Ich werde alt, die Knochen splittern. Doch kaum waren die Schmerzen vergangen, vergaß ich alle guten Vorsätze, verdrängte die glasknochenartige Alterserscheinung und pfiff wie Frank im Knochenwalde: »Was haben alle mit dem Stürzen? ›Er ist bös gestürzt und das war’’s dann.‹ ›Der Ärmste ist nach seinem Sturz nie wieder auf die Beine gekommen.‹ ›Er brach sich die Hüfte bei einem Sturz und war danach nicht mehr derselbe.‹ ›Er verschied relativ bald, nachdem er im Garten gestürzt war.‹ Wie tief stürzen diese Leute denn bitte schön? Von Gebäuden runter? Über schäumende Wasserfälle hinweg? In Kanalisationsschächte hinein? Ist es weiter bis zur Erde als früher?«

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Der Übermut rächte sich. Ich war 55, rutschte auf einer Ölspur aus, fiel vom Rad und merkte gleich: Aha, wieder eine Rippe kaputt. Aber nicht nur das. Ich pfiff aus dem letzten Loch. Was wörtlich zu verstehen ist. Die splitternde Rippe hatte die Lunge durchbohrt. Pneumothorax. In der Notaufnahme wurde mir – – bei lebendigem Leib! Ohne Narkose! – – die rechte Seite aufgebohrt und ein Schlauch in die Lunge geschoben (spür- und fast hörbar an Rippen entlang schabend, –ein unvergessliches Gefühl). Aber eins, auf das ich verzichten kann. Auch Freund Frank fragt sich mittlerweile: »Warum bin ich neuerdings ein wandelnder Unfall, der jeden Augenblick passieren kann? Warum macht mir das größere Sorgen als die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt?«

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Nun ja, die zweite Frage unterscheidet mich dann doch von Frank Bascombe. Aber seit dem Pneumothorax radle ich nur noch altersgemäß, und meine Rippen danken es mir. Seitdem ist keine gebrochen, geschweige denn in die Lunge gesplittert.

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Mein Schlüsselbein verzichtet allerdings auf Dankbekundungen. Mit 60 (nicht »Sachen«, sondern Jahren) flog ich fast im Stand dabbisch über den Lenker und brach mir den Knochen, dessen lateinischen Namen »Clavicula« ich mir nach der Methode »Wiederholung lernt am besten« gemerkt habe, als ich fünf Jahre später schlüsselbeinbrechend den gleichen trotteligen Sturz und mich hinlegte.

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Trotz dieser schmerzhaften Erfahrungen bin ich nicht wie der Philosoph Peter Sloterdijk (58) »zutiefst beeindruckt« von einer Fähigkeit vieler Fußballer, die er als »Manifest der Antigravitation« feiert: »Ich habe großen Respekt vor diesem raschen Aufstehen bei hingefallenen Spielern.« Wo hat er das bloß beobachtet? Sicher nicht bei den Profis. Die fallen in einem Spiel häufiger als ich in zwanzig Jahren und bleiben jedes Mal länger liegen als ich nach dem Pneumothorax. Aber das hat andere Gründe und ist ein anderes Thema.

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Jedenfalls neide ich den Jüngeren ihre bruchfreien Jahre nicht. Alles hat seine Zeit. Außerdem bricht ihnen zwar so schnell kein Knochen durch, aber Wichtigeres weg , zum Beispiel die Hoffnung auf eine Zukunft in ähnlichem Frieden und Wohlstand wie in unserer Vergangenheit.

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Überhaupt, das Alter hat durchaus seine Vorteile. Bin ich hässlich? Zu dick? Zu doof? Zu schüchtern? Zu hölzern? Zu groß? Zu klein? Gehöre ich »dazu«? Bin ich Außenseiter? Was wird aus mir? Wie wirke ich auf andere? Fragen über Fragen, je jünger man ist, desto selbstkritischer beantwortet man sie, in schlimmen Fällen leider sogar oft selbstzerstörerisch. Und im Alter? Da geht man gnädiger mit sich um, und die einst so wichtigen Fragen stellen sich erst gar nicht mehr.

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Der Gerontologe Andreas Kruse (61) antwortete einmal auf die Frage, ob man das Altern irgendwie aufhalten könne, mit der Gegenfrage: »Warum wollen Sie das denn tun? Ich merke auch an mir selbst, wie sich mit dem Altern meine Psyche graduell verändert. Ich werde mir mehr und mehr selbst zum Freund, kann meine Person annehmen.«

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Zum Beispiel dich, der keine großen Sprünge mehr machen kann und sich keine großen Stürze mehr erlauben sollte, du alter Trottel, mit dem ich schon so lange lebe, du bist doch eigentlich ganz in Ordnung, mein Ich, mein neuer Freund.

Haben Sie Ihren neuen Freund auch schon gefunden?

 


 

Gut geschlafen? Ältere antworten mit einem langen Monolog. Jüngere fragen sich, was die Frage soll. Gut geschlafen? Keine Ahnung, sagen sie. Woher sollen sie das auch wissen? Sie haben doch geschlafen.

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Die junge Welt spielt irgend so ein Smartphone-Spiel mit Monsterchen, ich spiele Skat. Gegen eine alte Frau und einen alten Mann. Mit eingeschobener CD auf dem Computer. Macht Spaß. Wage die wildesten Spiele, Kreuz ohne sechs, Null ohne Siebener. Leider sehen meine beiden Gegner auf dem Bildschirm aus wie schlimmste Spießer aus den 50er Jahren.

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Manche Männer mögen von ihrer plötzlich ins Zimmer kommenden Frau bei der Beschäftigung mit anderen Bildern auf dem Bildschirm peinsam überrascht werden, die meine rollt nur mit den Augen, wenn sie die beiden altvorderen Kleinbürger sieht. Vor allem die typische Hausfrau tief aus dem vergangenen Jahrhundert. Sie gewinnt sogar am häufigsten. Mir fast so peinlich wie Porno … Moment mal, pssst, …

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… ich hör da was. Jetzt sehe ich es auch. Sie fliegen also wieder. In V-Formation und mit schrillem Schrei. Kraniche. Immer wieder ein erhebender Anblick. Als ich jung war, sehr jung, habe ich sie nie gesehen. Gab es sie nicht? Flogen sie andere Routen? Oder habe ich nie in den Himmel geschaut, sondern nur nach vorne?

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Zum ersten Mal hörte ich von ihnen als kleiner Bub im Zeltlager (in Kirchvers. Waren Sie auch da?). Abends, beim Lagerfeuer, sangen die Großen das Lied von den Wildgänsen. »Unstete Fahrt, habt Acht, habt Acht, die Welt ist voller Morden.« Wohliger Grusel im dunklen Wald, aber inmitten der Großen fühlte ich mich geborgen. Die Flammen loderten hoch, und wenn ich später an diesen Moment zurück dachte, ahnte ich, was früher die Lichtdome bei den Reichsparteitagen sollten. Seitdem reagiere ich allergisch auf Massenwohlfühlaktionen. La Ola im Stadion? Schrecklich.

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Aber der kleine Bub fühlte sich schaudernd wohl, und als die Großen den Text variierten und »Wildsäue rauschen durch die Nacht« sangen, fand er das geradezu un-glaub-lich witzig.

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Nun ja, mein Humor hat sich gewandelt. Der eines anonymen Schreibers der linken »taz« offenbar nicht. Er glaubt, un-glaub-lich witzig zu sein, wenn er über »Brutzelrentner auf dem Grill« schreibt. Die sehen, so die »taz«, aus »wie Schweinebraten«, das sei ihnen aber »völlig egal«, denn »bei den vielen Krankheiten alter Leutchen fällt Hautkrebs sowieso nicht mehr auf. Außerdem braucht es bei all den Lappen und Runzeln einfach länger, bis die Sonne in jeden Winkel vorgedrungen ist.« »Die Brutzelrentner sollten deshalb durchhalten, bis sie durch und durch gar sind.« Als alter Kolumnenschreiber sage ich dem jungen: Un-glaub-lich witzig! Und ganz und gar nicht ganz gar.

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Och, wie humorlos, meine Reaktion? Mhmm. Kann sein. Aber ich finde es nun mal nicht spaßig, wenn ein für »Digitale Medien« zuständiger »FAZ«-Redakteur eine »neue Rebellion« fordert (»Es wird Zeit, dass die Jüngeren wieder härter mit den Älteren abrechnen«) oder ein ZDF-Mann twitternd und rhetorisch fragt, »ob es klug ist, dass bei Zukunftsentscheidungen Alte mit abstimmen dürfen«. Von »taz« über »FAZ« bis »ZDF« – die neue große Koalition der Unbarmherzigen.

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Wenn die Kraniche ziehen, denke ich in diesem Herbst zum ersten Mal an die älteren unter ihnen. Fliegen sie überhaupt mit? Oder bleiben sie zu Hause, demütig den Hunger- und Erfrierungstod erwartend? Oder rappeln sie sich auf, sammeln letzte Kräfte und flattern hinterher, – bis ihnen die Kräfte schwinden und sie wie Steine vom Himmel fallen?

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Der Zug der Kraniche: Survival of the fittest = Death of the oldest? In der Natur hat der Mensch in Sachen Senioren ein Alleinstellungsmerkmal. Noch. Trotz »taz«, »FAZ« oder »ZDF«

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Das »Moment mal« hat einen Moment zu lange gedauert. Was wollte ich heute so alles aus meinem progressiven Alttag erzählen! Der Schrei der Kraniche hat es verhindert. Bleibt mir nur noch, von meiner völlig neuen physikalischen Erkenntnis zu berichten. Wie man weiß, ist das Glas für den Optimisten halb voll, für den Pessimisten halb leer. Jetzt aber komme ich in die Jahre, in denen der leere Bierkasten von Woche zu Woche voller wird, wenn ich ihn zum Auto trage. Aber bis der leere Kasten so schwer wie früher drei volle wirkt, werde ich auch das noch schaffen. Und immer daran denken: Unstete Fahrt, habt Acht, habt Acht …

 


 

Als ich vor Jahren begann, über meinen progressiven Alttag zu berichten, war mein Alltag noch kein echter Alt-Tag und das Schreiben darüber eher eine kokette Spielerei. Mittlerweile bin ich wirklich alt geworden und weiß: Das Alter ist kein Kinderspiel. Aber wem schreibe ich das?

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Ich will Sie nicht mit meiner Krankenakte langweilen. Sie ist ja auch, toitoitoi, nicht sehr umfangreich. Selbst als Hypochonder muss ich zugeben: Sie ist sogar recht schmal. Denn meine Beschwerden werden meist, zu meiner Erleichterung und Empörung, von medizinischer Seite mit dem immer gleichen Satz abgetan: »Das haben fast alle in Ihrem Alter.«

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In meinem Alter? Vor wenigen Monaten war ich noch 68, jetzt bin ich 69, beide Zahlen nicht unbedingt Alters-Symbole. Die eine steht für revolutionäre Aufbruchstimmung aufmüpfiger Jugend, die andere … um was geht’s dabei eigentlich? Hab’s vergessen.

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Entschuldigung. Meine Kindischkeit kennt immer noch keine Grenzen. Eigentlich ein gutes Zeichen. Denn richtig alt sind doch nur die, deren Miene und Haltung noch auf dem zweitstillsten Örtchen gravitätische Würde ausstrahlen. Sie müssten nicht mal lächeln, wenn der unvergessene Heinz Erhardt ihnen vom stillsten aller Orte aus zuriefe, die Brille, auf der sie hocken, sei wie das Leben: »Man macht viel durch.«

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Überhaupt, das fehlende Lächeln. Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass die Menschen desto weniger lächeln, je älter sie werden? Vor allem die Männer sehen mit den Jahren immer griesgrämiger aus. Wie mies gelaunte Muppet-Opas, die auch schweigend wirken, als grummelten, knurrten und schimpften sie innerlich.

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Sind es die sich vertiefenden Falten? Verlieren auch die Gesichtsmuskeln, es gibt immerhin 26 davon, im Alter ihre Kraft und Elastizität, verlangt auch hier die Schwerkraft ebenfalls ihren Tribut und zieht die Mundwinkel herunter? Nein, ich glaube nicht, dass es daran liegt. Soo alt ist unsere Bundeskanzlerin ja nicht und … aber jetzt komme ich zu einem persönlichen Problem: Schon in früheren Jahren wirkte meine Miene schon im entspannten Naturzustand oft grimmig und abweisend, als wolle sie signalisieren: Lasst mich ja in Ruhe! Wenn ich diesen schlechten Eindruck mit betont freundlicher Mimik verhindern wollte, zum Beispiel für Fotoaufnahmen, hatte ich das Gefühl, eine groteske Grinsefratze zu ziehen, mit bis zu den Ohren hinauf verzerrten Mundwinkeln – – doch auf dem Bild zeigte ich dann allenfalls den Anflug eines leichten Lächelns. Kaum als solches zu erkennen. Wie auf dem Konterfei, das Sie auf dieser Seite sehen können. Obwohl ich mich doch buchstäblich fürchterlich angestrengt habe, Sie anzustrahlen!

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Schade, dass ich kein Russe bin. Oder Franzose, Japaner, Iraner … in allen diesen Ländern gilt unverkrampft freundliches Lächeln als Indiz für Dummheit. In der Schweiz, England oder auf den Philippinen wirkt man dagegen als ständiger Lächler intelligenter als andere. In Deutschland sei dieser Effekt sogar am größten, behauptet eine Studie über nonverbales Verhalten. Ich lächle, also bin ich schlau? Ach, wir fallen auch auf jeden Blödsinn herein! Liebe Mitbürger, merkt euch bitte: Wir alten Grantler sind gar keine, wir haben keine schlechte Laune, sondern strahlen die Weisheit des Alters aus!

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Ich komme sowieso mit dem Altern recht gut zurecht und trauere der Jugend nicht nach. Man müsste noch mal 20 sein? Wer das alte Lied singt, dem schreibt Marc Chagall, der kindlichste unter den großen Malern, ins Stammbuch: »Die nicht zu altern verstehen sind die gleichen, die nicht verstanden haben, jung zu sein.«

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Eine Freude früherer Jahre wünschte ich mir aber doch zurück. Im Frühherbst habe ich sie noch einmal herauf beschworen – – die Lust, auf meine Art Griechenland zu bereisen. Mit leichtem Gepäck und auf eigene Faust. Von Korfu über Lefkas und Kefalonia nach Zakynthos. Zwei Tage Pause, dann weiter nach Patras und über den Peloponnes nach Athen. Mit Nah- und Fernbus, Fähre und kleinem Propeller-Flugzeug. Alles in nur fünf Tagen. Völlig geschafft kam ich zu Hause an und stellte resigniert fest: Schön und gut war’’s, aber diese Art des Reisens wird meine letzte gewesen sein. Dafür bin ich nun wirklich zu alt.

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Im leichten Gepäck war kein Platz für das Rasiergerät. Seitdem lasse ich es weiter wuchern. Schon sind mindestens 20 Gesichtsmuskeln nicht mehr zu erkennen. Ich wirke schon viel freundlicher, sagt man und vor allem frau. Nun hat also nicht nur mein Witz (die Brille, diese entsetzliche Brille …) sooo’n Bart.

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Ach ja, was ich noch erzählen wollte: Beim Anflug auf Frankfurt schwebten wir schon dicht über der Landebahn, da riss der Pilot die Maschine hoch, steil ging es wieder in die Luft. Eine zuvor gelandete Maschine hatte die Bahn noch nicht verlassen können.

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Aber wollen wir nicht alle vor der endgültigen Landung noch einmal so richtig abheben?

 


 

Viele Menschen an vielen Tischen. Angeregte Unterhaltungen, Stimmengewirr, Hintergrundmusik. Für Normalhörige ein entspannter, froher Abend in angenehmer Runde – für uns Schwerhörige stundenlange Hör-Schwerstarbeit, um in dem Geräuschmischmasch wenigstens ein paar Wörter richtig heraus zu hören. Gelingt immer seltener, und immer öfter spiele ich unfreiwillig stille Post, indem ich auf Sätze antworte, die ich verstanden zu haben glaube, die aber ganz anders gefallen sind. Das nervt Normalhörige. Bestenfalls lachen sie, wenn es besonders absurd wird. Schwerhörige werden diskriminiert! Es lacht doch auch keiner, wenn ein Schwachsichtiger weniger sieht als andere. Ich sollte eine Selbsthilfegruppe gründen.

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Angenehmeres Altersleiden: senile Bettflucht. Viel zu viel wertvolle Lebenszeit haben wir in der Jugend verpennt. Jetzt sind wir morgens um sechs schon lange hellwach. Woran liegt das eigentlich? Um diese Zeit wusste ich früher gar nicht, dass es diese Zeit gibt. Allenfalls manchmal als späte Zu-Bett-Geh-Zeit. Sind die Hormone daran schuld? Oder sogar an allem?

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Daran könnte man endzeitliche Gedanken knüpfen. Ist der Mensch ein selbstbestimmtes Wesen oder ein Hormon-Automat? Selbstständig oder nur selbsttätig? Den Unterschied begriff ich schon früh im Schulbus: »Achtung! Türen öffnen selbsttätig!« Sind wir nur Schulbustüren? Alte Schulbustüren, ausrangiert und auf dem Abstellgleis?

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Welch eine Stilblüte! Ich lasse altersverwirrte Vor-sechs-Uhr-Gedanken wie die ausrangierte Schulbustür auf dem Abstellgleis liegen, stehe auf und »checke« (den Neu-Sprech hab ich schon drauf!) meine Mails. Aber auch hier holt mich der progressive Alttag ein. Penisverlängerungen werden mir schon gar nicht mehr angeboten, sondern in der Spam-Post vom Treppenlift verdrängt, und selbst der Doppelklick klappt kaum noch, was die Arbeit am Computer lästig beeinträchtigt. Wenn ich sehe, auf welche Geschwindigkeit Jüngere ihre Maus eingestellt haben, wird mir beim Zuschauen schwindlig.

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Apropos Schwindel. Meine Kinetose wird von Jahr zu Jahr buchstäblich schwindelerregender. Kinetose – klingt geheimnisvoller, mitleiderregender, für einen Hypochonder viel eindrucksvoller als das deutsche Wort … Reisekrankheit. Ich will Sie nicht mit medizinischen Details langweilen. Die Kinetose hat irgendwas mit den Ohren und dem Gleichgewichtssinn zu tun, verläuft bei den meisten Menschen harmlos, bei mir aber dramatisch. Natürlich. Wie sonst, bei einem Hypochonder?

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Vererbt hat sie mir der Vater, und mit ihm zusammen erlebte ich den ersten Ausbruch der Kinetose: Bei der Frühjahrsmesse am Oswaldsgarten (ja, gab’’s dort, Jüngere mögen ihre Großeltern fragen) durfte ich mit ihm zusammen Karussell fahren. Einmal und nie wieder, schwor ich mir, denn kaum hatten wir festen Boden unter den Füßen, übergaben wir uns gemeinsam an der Westanlage.

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Ein weiteres Altersleiden klingt noch eindrucksvoller als die Kinetose: Ophtalmique. Sie ereilt mich urplötzlich und scheinbar grundlos mit Sehstörungen, als schaute ich durch gesprungenes Glas, auf dem ein gewundener roter Faden leuchtet wie die Spiralen in alten Elektro-Heizöfchen. Ophtalmique. Vulgo: Augenmigräne. Klingt leider viel weniger interessant.

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Aber zugegeben, das sind vergleichsweise harmlose Leiden, die kein echtes Mit-Leiden verdienen. Wie schrecklich dagegen die furchtbare Krankheit, an der Wolfgang Joop (72) dahinzusiechen scheint. Er leidet extrem am Alter. Präziser: Andere Alte überhaupt anschauen zu müssen. Seine – möglicherweise etwas eingeschränkte – Lebenserfahrung als Modeschöpfer sagt ihm nicht nur, »dass dicke Frauen keine dicken Models sehen wollen«, sondern auch: »So geht es den Leuten auch mit alten Menschen. Ich zum Beispiel kenne keinen Siebzigjährigen« (Quelle: FAS-Magazin). Ist das Wahnsinn oder Ironie? Oder kennt er sowieso nur sich selbst?

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Siebzig. Die Zahl kommt auch auf mich zu. Ich fürchte sie nicht, ich lasse sie links liegen. Außerdem ist 70 die neue 66, gesungen nicht von Udo Jürgens (80†), sondern von Hörgeräte-Millionär Martin Kind (72), Apotheken-König Dirk Roßmann (70) und Altbundeskanzler Gerhard Schröder (72), die als »die Bellheims der Liga« (Bild) Hannover 96 zurück in die Fußball-Bundesliga führen wollen. Schröder: »Wir sind im besten Alter, die goldenen 70er starten gerade.« Make Hannover great again!

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Einen besonders goldenen Siebziger ließen wir soeben in der »Wer bin ich?«-Serie der Gießener Allgemeinen suchen: Thomas Zacharias, Hochspringer und Sohn des »Zaubergeigers« der 50er Jahre. Zacharias junior übersprang 1971 2,22 m, sein Altersweltrekord für Fünfzigjährige (2,00 Meter!) steht immer noch, und seinen letzten Rekord stellte er erst dieser Tage auf, mit 1,51 m in der Klasse der Siebzigjährigen. Zacharias wollte immer hoch hinaus, kommt mit jedem Rekord tiefer herab – und verdient mit jedem verlorenen Zentimeter mehr Bewunderung.

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Dennoch eifere ich ihm nicht nach, auch nicht dem Triumvirat von Hannover oder dem Unikat Joop. Ich nehme es, wie es kommt, und erlebe das Altern als interessanten Selbstversuch.

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Jedenfalls so lange es nur Zipperlein sind, die mich piesacken. Wie Kinetose und Ophtalmique. Oder wie der Hallux valgus, der Großzehenschiefstand, von dem ich an dieser Stelle schon ausführlich berichtet habe. Was mir mittlerweile etwas peinlich geworden ist. Denn man lernt auch mit fast 70 nie aus: Großzehenschiefstand, lese ich, entsteht zum Beispiel, wenn man zu lange und zu oft auf High Heels unterwegs war. Eine geheime Leidenschaft, der schon ein weltberühmter US-Filmstar frönte, der gerne inkognito nach Paris flog und dort in Frauenkleidern und auf Stilettos über die Champs Elysées stöckelte.

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Ich mag ja auch High Heels. Sehr sogar. Aber nie … ich schwör’’s!

 


 

Schwupps, ist er an mir vorbei gesurrt. Der alte Mann auf seinem Pedelec. Mitten im dichten Stadtverkehr hat er mich überholt, bolzengerade aufrecht sitzend, gemütlich tretend, in der rasant angefahrenen Kurve gefährlich schwankend, weil am Lenker drehend, als säße er am Steuer seines Autos. Wieder einer der Spätberufenen, die erst durch den Elektro-Antrieb zum Fahrrad gefunden haben? Kommen zu den jungen Wilden, die mit wummernden Bässen über den Anlagenring toben, nun die tütteligen Alten, die mit voll auf Turbo gedrehtem Antrieb die Straßen der Stadt unsicher machen?

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So jedenfalls das Vorurteil, das uns Elektroradler diskriminiert. Als ob wir senilen Trottel ständig vom Rad fielen. Jetzt will uns sogar die Statistik weismachen, dass wir gefährliche Verkehrshindernisse sind. 2016 gab es 39 Prozent mehr Unfälle mit dem Pedelec als 2015, verkündet das Statistische Bundesamt. 39 Prozent! Wahnsinn! Aber der hat Methode, denn es gab im selben Zeitraum einen noch deutlich höheren Zuwachs – an Pedelec-Fahrern. Schon sagt uns die Zahl 39 … nichts mehr. Erneut ein Indiz, dass die Kohl-Doktrin (»Wichtig ist, was hinten rauskommt«) in der Statistik nur umformuliert gültig ist: Was hinten rauskommt, ist nur dann wichtig, wenn vorne richtig reingesteckt wurde.

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Als ich dieser Tage mit elektrischer Unterstützung am Fuß, aber nicht im Ohr (das Hörgerät darf nicht nass werden, sonst gibt es den Geist auf) zum Friseur zwei Dörfer weiter pedelecte, war ein »Tatütata« dennoch nicht zu überhören, und nach wenigen Minuten sah ich den Anlass für den Einsatz: Auf der kurvigen Bergstrecke lagen zwei Motorräder im Graben. Später las ich in der Zeitung von schlimmen Folgen. – Über die Häufigkeit von schweren Motorradunfällen möchte ich lieber keine statistischen Zahlen erfahren. Zu gruselig.

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Mein Friseur heißt Harun, sieht auch so aus und ist gerade Papa geworden. Zu meinem Termin hat er sich um eine Minute verspätet, weil er noch im Krankenhaus war. Eine Minute! Wortreich entschuldigt er sich. Echt deutsch. Echt undeutsch, wie Harun und seine Mädels gut gelaunt lachen und plappern und dass sie den stummen deutschen Klotz einbeziehen, der aber außer hilflosem Lächeln nichts zur guten Stimmung beitragen kann. Auch, weil er mangels Hörgerät nur jedes dritte Wort versteht.

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Aber das nur am Rande meines progressiven Alttags. In diesem stelle ich immer öfter fest, dass Adorno heute mehr denn je recht hat: »Wir finden uns einer angeblich jungen Generation gegenüber, die in jeder ihrer Regungen unerträglich viel erwachsener ist, als je die Eltern es waren« (aus »Minima Moralia« von 1950). Als ich jetzt wieder zu dem Buch griff, stolperte ich gleich zu Beginn über diesen Satz und erinnerte mich an meine erste Glosse, lang, lang ist’s her, als ich über Jugendliche schrieb, die nur den Jahren nach jung, in Wahrheit seit Kindesalter aber vergreist seien. Hinter der frischen Coca-Cola-Keglerin und ihrem lachenden Partner stünden bereits die Frau, die weißer wäscht, und der würdige Herr von Asbach Uralt (Leser aus meiner Alters-Kohorte erinnern sich an diese Werbespots).

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Ich sag’’s ja immer: Jungsein wird überschätzt. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren behauptete Solon: »Je älter ich werde, desto mehr lerne ich.« Ich auch! Muss ich ja, bei dem vielen Gelernten, das ich nach und nach und immer schneller vergesse. Man kann die Vorzüge des Alters aber auch übertreiben. Wie Martin Walser, der seinen Protagonisten in »Ohne einander« behaupten lässt: »Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung.«

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Mathematisch gesehen bin ich demnach lebenslang immer ein Jahr zu jung. Dass ich ein Mathe-Versager war und bin, ist leider die unschöne Wahrheit, denn »Mathe ist lästig, verlängert aber das Leben«, lese ich im »Wissen«-Ressort der Süddeutschen Zeitung.

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Kommt der Sensenmann um so näher, je schlechter man rechnen kann? Statistisch gesehen ja, denn »der Zusammenhang zwischen numerischen Grundkenntnissen und höherer Lebenserwartung lässt sich durch viele Beispiele belegen«. Die zum früheren Tod führende Zahlenallergie hat sogar einen Namen: »Numerischer Analphabetismus.«

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Ich tröste mich mit meiner Version der Kohl-Doktrin. Sicher ließe sich auch für mich vorne etwas reinstecken, das hinten als Unsterblichkeit heraus kommt. Und schon werde ich fündig, wieder in einem »Wissen«-Ressort, diesmal in der Welt, die vom besten Gegenmittel bei numerischem Analphabetismus berichtet. Parmesan! Der Käse, den ich so gerne über der Pasta zerreibe, enthält besonders viel von einem Stoff, der, an Mäuse verfüttert, deren Leben signifikant verlängert hat und in dem »möglicherweise auch ein Jungbrunnen für Menschen« steckt. Der Wunderstoff – »ein echtes Anti-Aging-Mittel, auf das viele sehnsüchtig warten?« (Welt) – heißt Spermidin, wobei Nomen durchaus Omen ist, da diese Substanz zuerst im männlichen Sperma entdeckt worden ist, wo es »in besonders üppiger Konzentration« gefunden wurde. Anscheinend ein Pendant zu jenem Hormonpräparat, das Doper für sich entdeckt haben und das aus dem Urin von Frauen gewonnen wird, die das Klimakterium hinter sich haben. Weltweit größter Lieferant soll der Vatikan sein – dort leben die meisten Frauen im richtigen Alter …

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Wirklich wahr? Ich gebe keine Gewähr. Mir wurde es vor vielen Jahren aus der Doper-Szene ins Ohr geflüstert. Und auch beim Spermidin kann ich nur die Welt als Beleg nennen. Meine weitergehende Folgerung, dass man doch gleich, statt Parmesan … also nee, so schlüpfrig wird mein progressiver Alttag nun doch nicht.

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Also zerreibe ich weiter fleißig Parmesan über der Pasta. Im endlichen Sinne von Matthias Beltz, zu dessen seinsphilosophischen Erkenntnissen auch die vom Käse aus Parma gehört. Gereimtes »Vanitas!« unseres Hessen im Himmel:

»Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben?

Partisan und Parmesan, alles wird zerrieben.«

 


 

Bei der Wahl der Qual haben wir die Qual der Wahl. In meinem, in unserem progressiven Alttag aber nicht. Da gibt es keine Alternative. Die einzig mögliche haben wir längst verpasst: »Only the good die young.« Sang Billy Joel. Für mich der bessere Elton John.

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Beinahe hätte ich es geschafft, die Sache mit dem frühen Sterben. Denn bei Mutproben packte mich immer der Ehrgeiz. »Ich wette, du traust dich nicht …« – – und schon traute ich mich. Zum Beispiel beim ersten zarten Überfrieren der Lahn. Wer wagt sich aufs knisternde Eishäutchen? Na klar, ich. Stolz erzählte ich es abends dem Vater. Da setzte es die erste und einzige Tracht Prügel. Oder die Sache mit dem Pinkeln. Auf die Stromleitung. »Ich wette, du traust dich nicht!« Im letzten Moment riss mich einer der Älteren zurück. »Bist du verrückt? Du kriegst einen Schlag und bist tot!« – Stimmt das? Ich weiß es bis heute nicht.

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Mit diesem Nichtwissen bin ich alt geworden. Was immerhin auch eine Leistung ist, denn jung ist jeder mal. Alt nicht. Das ist »ein verfluchtes Privileg«, sagt Martin Suter im taz-Interview. Aussagen wie diese des Schweizer Autors über das Alter und das Altern habe ich seit der letzten »Alttag«-Kolumne im Mai gesammelt. Nicht die alten Schoten wie die von der Hollywood-Diva Mae West (»Alt werden ist nichts für Feiglinge«), die haben sooo’n Bart, sondern Frisches, Inspirierendes. Wie das Rezept des in Fachkreisen legendären »Yello«-Musikers Dieter Meier: »Eine große Portion Selbstironie hilft schon sehr, diesen kurzen Besuch auf dem Planeten, diese paar zehntausend Tage Leben, die wir haben, als eine Art ›Holiday from being dead‹ zu sehen. Aus dieser Grundhaltung strahlt dann ein Gesicht eine gewisse Fröhlichkeit und Gelassenheit aus« (Quelle: FR).

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Die Grundhaltung des Musiker-Kollegen Josef Bulva ist eine ganz andere, und die strahlt der Konzertpianist im SZ-Interview auch bitterböse aus: »Das Alter ist eine harte Schule, selbst wenn man nicht hingehen will. Eine Strafe dafür, dass man nicht verstorben ist.« Tja, der grimmige alte Mann hat wohl zu oft die Schule geschwänzt, würde mein Lieblingsmaler sagen, denn: »Die Leute, die nicht zu altern verstehen, sind die gleichen, die nicht verstanden haben, jung zu sein« (Marc Chagall).

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Ich blättere in den gesammelten Zitaten und merke: Frisches, Inspirierendes ist leider die Ausnahme. Die meisten prominent Interviewten sehen das Alter so wie die Schriftstellerin Ruth Klüger: »Schlafen gehen, aufwachen, Zähne putzen, duschen, abtrocknen, essen müssen, trinken müssen – was soll das alles? Immer das Gleiche, außer, dass es anstrengender wird. Das müsste eigentlich aufhören, denkt man sich« (Quelle: SZ-Magazin).

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Nein, nein, nein! Bevor mich die Promis runterziehen konnten, ging ich zu einem sehr alten runden Geburtstag. Er begann mit einem Sektempfang. Anschließend verputzte jeder Gast einen großen Salat- und Obstteller. Es folgte ein sehr deutsches Mittagessen mit Schweinebraten, Salzkartoffeln und Blumenkohl. Mit Nachschlag für alle, auch beim Schweinebraten. Zum Nachtisch ein großes Eis mit Erdbeeren und Sahne. Nahtlos ging es über zum Kaffee mit diversen Kuchen- und Tortenplatten. Zwischendurch machten einige der Greise (und vor allem der Greisinnen!) ein Zigarettenpäuschen. Ich war baff und platt und pappsatt, obwohl ich vergleichsweise nur wie ein Mäuschen knabberte und nippte. Scheint was dran zu sein am Spruch vom Essen als Sex des Alters. Mit der Fluppe als Quickie zwischendurch.

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Ist Ihnen das Sex-Geschwafel peinlich? Mir nicht. Es ist ja auch ein Vorteil des Alters, dass einem nichts mehr peinlich sein muss. Die peinlichste Situation meines Lebens habe ich sowieso schon lange hinter mir. Ich war zwölf, hatte mir beim Fußballspielen den Mittelfuß gebrochen und kam ins Krankenhaus. Drei Tage lag ich dort, bis die Schwellung zurückgegangen war und der Gips angelegt werden konnte. Drei Tage, in denen ich mir das große Geschäft verkniff, da es im Bett verrichtet werden musste. Drei Tage, in denen es mir im Krankenzimmer, einer Art Großraumbüro hinfälliger alter Männer, immer gruseliger wurde. Einer hatte die Beinprothese neben dem Bett stehen, ein anderer rotzte unentwegt in den Spucknapf, ein Dritter zeigte mir stolz seinen Leistenbruch, der wie ein drittes Bein zwischen den beiden regulären lag. Drei Tage, bis eine Krankenschwester fragte: Wer hatte keinen Stuhlgang? Als ehrlicher Junge meldete ich mich. Obwohl ich doch so sehr musste. Nichtsahnend. Ich bekam einen Einlauf verpasst und ein »U-Boot« untergelegt. Kurz darauf ging die Tür auf. Eine junge Frau kam herein. Sehr, sehr hübsch. Mit dem Staubsauger. Begann zu saugen. Und in mir brodelte und toste es. Kurz und schlecht: Das Gewitter brach aus, und bevor ich peinsamkeitsgeplagt die Augen schloss und den Kopf zur Wand drehte, sah ich noch, wie sie sich ratlos zum Staubsauger bückte. Dachte sie, der Motor sei explodiert?

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Auch das werde ich nie erfahren. Aber halt, die Sache mit dem Schlag, den man angeblich bekommt, wenn man auf eine Stromleitung pinkelt, ist mittlerweile geklärt, lese ich in der Zeit. Urin leite zwar, heißt es, aufgrund der enthaltenen Salze den Strom hervorragend, aber da der Strahl sich schon in kurzer Entfernung von der Quelle in einzelne Tröpfchen auflöse, gebe es keinen zusammenhängenden Leiter mehr, folglich könne kein Strom fließen. Dennoch würde ich keinem Jungen raten, die Probe aufs Exempel zu machen. Der junge Strahl trägt noch zu weit. Nur wir alten Männer können gefahrlos an jede Stromleitung pinkeln. Tröpfchen für Tröpfchen.

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Zurück zum Geburtstag. Beim Abschied packte einer der fröhlichen Esser schraubstockartig meine Hand, zerdrückte sie fast und fragte, unentwegt meine Hand schüttelnd, wie alt ich sei. Ich: 70. Er hohnlachte, ich Kind sei 23 Jahre jünger als er. In dem Moment fühlte ich mich mindestens 23 Jahre älter.

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Mit einer Portion Selbstironie zu einer gewissen Fröhlichkeit und Gelassenheit zu kommen, das ist mir bei und mit dem Schreiben dieser Alttag-Kolumne gelungen. Es wäre schön, wenn Ihnen das auch beim Lesen gelungen sein sollte.

 


20 Jahre Senioren-Journal. Alter, wie die Zeit vergeht! Auch jedes einzelne der fünf Jahre, seit denen ich aus meinem progressiven Alttag erzähle, ist schneller vergangen als früher ein Tag in den Sommerferien, die ewig dauerten. Um zu verstehen, dass die Zeit relativ ist, muss man kein Einstein sein. Nur alt.

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Aber auf dem Fahrrad bleibt das Tempo gleich. Gemütlich im Jubiläumsschnitt von 20 km/h. Dank Elektro-Motor. Vor fünf Jahren schaute ich mitleidig auf den Akku vorbei radelnder Senioren, dann schauten andere hämisch auf meinen, und mittlerweile schaut kaum noch einer, denn die »Stromer« werden immer zahlreicher und immer jünger. Schon gilt das Pedelec als »in«, und wir Alten waren die Trendsetter. Hipster wie du und ich.

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Wir werden immer jünger. Als hätten wir in Lucas von Cranachs Jungbrunnen gebadet. Übrigens ein fast 500 Jahre altes Beispiel der Diskriminierung. Von uns Männern. Auf Cranachs Bild baden nur Frauen. Eine allerdings hat den Badetag versäumt. Albrecht Dürers »Mutter«. Porträtiert als 62-Jährige, sieht sie so alt aus wie heute keine Hundertjährige. Demnächst sehen sogar 500-Jährige jünger aus als sie. Bill Maris hält das für möglich und zeigt sich selbst als Prototypen vor – – der Gründer von Googles Calico-Projekt, das schon 1,5 Milliarden Dollar ins halb ewige Leben investiert hat, ist knapp 40 und sieht aus wie ein Twen. Maris ist auch Hobby-Zauberer und als solcher Experte für Sein und Schein. Was mich an den Diät-Guru Robert Atkins erinnert. Als er starb, wog er bei einer Größe von knapp 1,80 m 116 kg. Ein paar Wochen vor ihm starb Olivia Goldsmith, die Autorin des Romans »Der Club der Teufelinnen«, in dem sie den Wahn der Schönheitschirurgie ätzend veräppelt hatte. Mrs. Goldsmith verschied nach einer Schönheitsoperation. Fake, wohin man auch blickt.

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Vergessen wir die 500. In meinem progressiven Alt-Tag beschäftigt mich eine andere Zahl. Eine krumme. Knapp 70,5. Mein Alter. Mit ihm sitze ich zwischen den Stühlen. Denn Gehirnforscher teilen uns auf in junge Alte (60 bis 70) und alte Alte (71 bis 80 Jahre). In einem Test (»anticipatory motor planning«), von dem die »Zeit« berichtet, fanden Forscher heraus, dass die Fähigkeit der Bewegungsplanung mit 60 langsam und mit über 70 rapide schwindet. Im Alltags-Alttag erkenne man das Manko an verlangsamten und unsicheren Bewegungsabläufen sowie am Unvermögen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

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O weh, Multitasking also. Darin war ich schon immer schlecht. Beim Autofahren werde es besonders deutlich, heißt es, denn alte Menschen würden, wenn sie beim Fahren reden müssten, verkehrsgefährdend langsam. Ich auch! Das gleichzeitige Reden und Fahren provoziere sogar unfallträchtige Lenkfehler, behauptet die Forschung. Womit ich meine ständige Beifahrerin nun immer auf das wissenschaftlich abgesicherte Schweigegebot hinweisen kann. Sonst … »Wo fährst DU denn hin?!«

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Auch bei einem anderen Alterstest sehe ich alt aus. Man geht aus dem Zimmer, betritt ein anderes … und hat schon vergessen, was man dort wollte. Dieser »Türrahmen-Effekt« erwischt mich in seiner verschärften Form: Da ich ihn kenne, nehme ich mir beim Hinausgehen vor, ja nicht zu vergessen, was ich mir vorgenommen habe … und weiß im nächsten Zimmer nur noch, dass ich mir vorgenommen habe, irgendetwas ja nicht zu vergessen. Nur – was? Zum Glück funktioniert bei mir der »Türrahmen-Effekt« auch andersrum: Zurück ins Zimmer gehen, aus dem ich gekommen bin, schon weiß ich’’s wieder.

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Türrahmen und Multitasking lassen mich befürchten, dass ich schon zu den alten Alten zähle. Aber was ist mit den über 80-Jährigen? Diese ständig wachsende Alters-Kohorte taucht beim Test der Gehirnforscher gar nicht mehr auf. Typischer Fall von »Ageismus«? Darunter versteht man, erläutert das Bremer Gender-Institut, »Altersfeindlichkeit als Form sozialer und ökonomischer Diskriminierung«, die zur »gesellschaftlichen Ausgrenzung« führe.

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Ja, auch ich werde diskriminiert! Von Mädchen und Frauen. Wenn sie mir auf dem Seltersweg entgegen kommen und durch mich hindurch sehen … aber ich will mich nicht beschweren. Dieses Phänomen der Unsichtbarkeit ist kein spezifisch altmännliches, darüber klagen ja auch unsere besseren Hälften.

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Noch mal zu den über 80-Jährigen. Dass sie beim Alters-Test nicht mehr vorkommen, liegt womöglich nicht am Ageismus, sondern an einer wundersamen Verwandlung. Gibt es Cranachs Jungbrunnen vielleicht doch auch für Männer? Mit kleiner Nebenwirkung allerdings, denke ich, als ich im »Spiegel« die Überschrift eines Interviews mit einer Psychologin lese: »Die neue Frau ist der alte Mann.«

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Spaß beiseite. Gemeint ist, dass sich selbstbewusste moderne Frauen ähnlich verhalten wie der alte Adam. Es gibt also keine Wundermittel gegen das Altern, Jungbrunnen ade. Aber nur keine Bange vor dem Altwerden! Der wunderbare Schauspieler Joachim Król nimmt uns (im chrismon-Interview) die Angst: »Älter werden ist wie atmen, es passiert einfach, und wenn es nicht mehr passiert, wird man auch nicht mehr älter.«

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Dennoch schadet es nicht, wenn man ein bisschen gegensteuert. Durch Multitasking-Training. Zum Beispiel, indem ich während des Schreibens singe. Mal versuchen: »Man müsste noch mal zwnsich seyn unt soh veli… – »Was schreibst DU denn da!?«

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Ach was. Ich möchte nicht noch mal zwanzig sein, und verliebt bin ich sowieso noch. Egal ob als junger oder alter Alter, ob davor oder danach. Immer in dieselbe Frau. Auch Monotasking hält jung

 


 

Ich war schüchtern, und das bin ich bis heute. Ich bin 70, aber wenn ich einen Raum mit Menschen betrete, fühle ich mich immer noch wie das Kind oder der junge Mann von früher.

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Ich war schüchtern, und das bin ich bis heute … schreibe ich über mich? Oder über Sie? Falls ja: Wir sind nicht allein! Denn mein progressiver Alttag begann heute nicht mit einem Bekenntnis von mir, sondern mit dem des Queen-Gitarristen Brian May in der Süddeutschen Zeitung. Der alte Rock-Star lässt noch tiefer in seine, in meine, in Ihre (?) kindheitsgeprägte Seele blicken. Aber jetzt korrekt weiter zitiert, also mit den oben ausgelassenen Tüttelchen: »Ich stelle dauernd infrage, ob ich gerade das Richtige tue, am richtigen Ort bin, das Richtige sage. Ich bin jedes Mal überrascht, dass Leute mir mit Respekt begegnen.«

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Von Letzterem abgesehen –- nicht mal mein Hund respektiert mich –- kann ich Brian May bestätigen. Auch ich stelle mir immer häufiger die Frage, ob ich gerade am richtigen Ort bin. Wo bin ich hier überhaupt? Warum und wozu? Und wo habe ich mein Auto geparkt? Immerhin scheint jeder Aussetzer des Kurzzeitgedächtnisses seinem Langzeit-Kollegen einen Schubs zu geben. Es hilft mir zwar wenig, wenn mir nach Jahren wieder einfällt, wo ich heute geparkt habe, aber solch ein Schubs kann schwupps auch andere verstaubte Kopfschwupps … quatsch: Kopfschubladen öffnen. Wie vor ein paar Tagen, als Günter Netzer aus der Tiefe des Raumes kam und in der Zeit bekannte, nach sechs Bypässen sei er nur noch 1,78 Meter groß. »Zwei Zentimeter sind verloren gegangen«, ärgerte er sich. Ach, Herr Netzer, nicht die sechs Bypässe in der Brust haben Sie kleiner gemacht, sondern die sechzig Jahre, die Sie mehr auf dem Buckel haben, seitdem Sie sich selbst eingewechselt haben, damals, im Pokalfinale.

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Wie es der Zufall will, wurde ich kurz danach selbst vermessen, in der Arztpraxis bei einem Routinecheck. Ich dachte an Netzer, ahnte bang, dass auch ich geschrumpft bin … und schon öffnete sich quietschend eine dieser Kopfschubladen. Denn die Bangigkeit, ich kenne sie. Sie hatte mich schon mit 13 im Griff. Allerdings fürchtete ich nicht, zu schrumpfen, sondern panikte, wenn ich unter einem ganz bestimmten Straßenschild herging. Ich war eine 1,85 m lange Bohnenstange, das Schild ein paar Zentimeter höher, und ich schwor mir, mich umzubringen, sobald ich mit dem Kopf anstoßen würde. Denn 13, 1,85 und dazu rote Haare, das gab eine prima Zielscheibe ab. Und dann diese Sprüche: »Had dein Fadder Rost in de Flint?« Nichts war peinlicher, als die Eltern mit Sex in Verbindung zu bringen. Ich wusste, je länger ich würde, desto mehr Spott käme über mich. Daher gab mir der suizidale Vorsatz eine fast tröstliche Perspektive. Klingt lustig, war es aber nicht.

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Zum Glück hing ich auch in tiefster Pubertäts-Depression am Leben. Als es soweit war, ging ich ohne anzustoßen, weil listig seitlich abknickend, unter dem Schild hindurch. Die Angst vor dem Wachsen verwuchs sich, und bald grämte mich sogar, dass ich bei 1,96 hängen blieb. Mein bester Freund, 2,01 m lang, wusste, wie er mich ärgern konnte, und so nannte mich der Berliner gerne »meen Kleener«.

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Kopfschublade zu und zurück zur Vermessung in der Praxis. – MTA: »Wie groß sind Sie?«– Ich, trotzig: 1,96. Ich muss die Schuhe ausziehen, mich an die Wand stellen, ich strecke mich leicht auf die Zehen, die MTA greift nach oben, haut mir mit Kawumm eine Art Schublehre auf den Kopf, so dass ich einknicke und auf platten Füßen stehe. – MTA, triumphierend: »Von wegen 1,96 – Mehr als 1,89 sind nicht drin.«

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Sieben Zentimeter spurlos verschwunden! Von der Sonne weggeschrumpft? Weil ich ihr im Kampf gegen die Blässe der Rothaarigen jahrzehntelang tapfer den Kopf hingehalten habe? Exzessives Sonnenbaden rächt sich erst im progressiven Alttag. Nächster Arztbesuch, eine wachsende Schwellung am Kopf beunruhigt den alten Hypochonder. Beruhigende Diagnose: harmlose Alterswarze. Ich hätte mir ein weniger diskriminierendes Wort für diese Beule gewünscht, mit der »Alterswarze« kann ich niemanden beeindrucken.

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Kleine sündige Gedanken bestraft der liebe Gott sofort, denn die Ärztin entdeckt an der Nase auch ein Basaliom. Da hatte ich den beeindruckenden Namen, zumal dahinter sogar das böse Wort »Krebs« lauert (»weißer Hautkrebs«). Aber auch der gilt als eher harmlos, er muss halt nur weg. Und so lief ich dreimal tagelang mit einem beeindruckenden Nasenverband umher, denn so oft musste geschnippelt werden, bis alles Basaliomische verschwunden war. Wieder hagelte es Spott. »Wohl was auf die Nase gekriegt?« Großspurig gab ich Kontra: Nee, sonst würde ja der andere so aussehen.«

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Seitdem ist meine Nase nicht nur, wie fast immer, leicht verschnieft, sondern auch verschieft, aber niemandem fällt es auf. Als Teenie hätte ich mich nicht mehr auf die Straße getraut, aber, meine Alterskohorte weiß es, für unser bevorzugtes Geschlecht sind wir schon längst unsichtbar geworden. Mann, alter Mann könnte mit dem Kopf unterm Arm über den Seltersweg gehen und fällt nicht auf.

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Auf dem Seltersweg würde auch niemand sehen, ob ich Fusseln im Bauchnabel habe, denn bauchfreie Mode ist nicht mein Stil. In der Zeit lese ich, dass ein Forscher einmal den Ig-Nobel-Preis gewonnen hat, weil er nachwies, dass doppelt so viele Männer Fusseln im Bauchnabel haben wie Frauen. Grund: Die Fusseln wandern auf einem haarigen »snail train« nach oben, und Männer haben nun mal den behaarteren Bauch. Dieser Forscher reiht sich in eine illustre Schar von Ig-Nobel-Preisträgern ein. Einer hat aus dem Stuhl von Säuglingen Wurst hergestellt, andere entdeckten, dass Coca-Cola bei intravaginaler Zufuhr ein perfektes Verhütungsmittel ist und dass sich Heringe bei Gefahr durch unterschiedlich lautes Furzen verständigen.

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Seit dem Fussel-Preis von 2001 haben sich die »snail trails« grundlegend geändert. Glatte Bäuche bei Männlein und Weiblein, wohin man bei freier Sicht auch blickt. Nur wenige, vor allem ältere Männer, verweigern den Trend. Wie meine Fussellage ist, will ich ihnen jetzt … ganz gewiss nicht verraten. So weit geht die Selbstentblößung in meinem progressiven Alttag nun doch nicht.

 


 

Mein progressiver Alttag ist nie Alltag, sondern ein ständiger Ausnahmezustand. Er beginnt schon mit dem ersten Mausklick für diese Kolumne, denn der muss ein Doppel-Klick voran gehen. Was Jüngeren alltäglich leicht von der Hand geht, gerät der älteren Hand zum Wettkampf mit der Zeit. Ich muss ihn unbedingt gewinnen, um überhaupt mit dem Schreiben beginnen zu können.

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Sieg! Und das, obwohl die Runzelhand durch eine Arthrose im Daumengrundgelenk doppelt gehandicapt ist. Ein Erfolgserlebnis, um das mich Jüngere … nein, beneiden werden sie mich nicht. Aber ihr Mitleid will ich auch nicht. Außerdem doppelklicke ich bald schneller als jeder junge Nerd. Wenn das mit dem Zittern so weiter geht …

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Die alttägliche Diskriminierung dagegen ist eine alltägliche. Wie auf diesem Befund vom Augenarzt: »Cataracta senilis« und »Netzhaut-Degeneration«. Senil und degeneriert? Kann man das nicht etwas gerontophiler ausdrücken? Auch für die verdächtige Ausbeulung an meiner Schläfe hätte ich gerne einen weniger peinlichen Befund als die zwar beruhigende, aber überdeutlich deutsche »Alterswarze«.

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Ein anderes Altersproblem hatte ich nur in der Jugend. Was mache ich bloß, wenn die senile Kopfhaar-Degeneration beginnt? Lange und bange bildete ich mir ein, dass die Gene eines Neandertalers an meiner Kopfform mitmodelliert haben mussten. Zurückgehender Haaransatz würde diese Blöße gnadenlos aufdecken und mich zum Gespött machen, vor allem der Mädchen. Ich war mir sicher. Nun ist es soweit. Niemand spottet. Kein Mädchen kichert. Niemanden interessiert es. Nicht mal mich.

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Diese Art der Gelassenheit gehört zu den erfreulichen Vorteilen des Alters. Der junge Mensch ist eine offene Wunde, die beim alten längst vernarbt ist. Was aber nicht bedeutet, dass, wie ich irgendwo gelesen habe, das Erregungspotenzial im Alter schwindet. Im Gegenteil. Manchmal genügt bei mir ein einziges Wort, und ich errege mich in ohnmächtiger Wut. Sagen Sie jetzt bitte nicht »Trump«, sonst …

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Schon gut. Ich rege mich ab. Das alte HB-Männchen geht zwar noch an die Decke, kommt aber schneller runter. Auch das ein Vorteil des Alters: Man hat sich besser im Griff. Auch wenn’’s innerlich brodelt.

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Was überhaupt braucht es, um gut zu altern? Darauf die französische Schriftstellerin Virginie Despentes im SZ-Interview: »Dass man früher dran denkt.« Was aber die wenigsten tun. Daher sind wir hier im Senioren-Journal auch unter uns. Oder liest die Jugend etwa mit? Falls ja – bitte melden!

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Auch ich habe erst spät daran gedacht. Doch schon der Slogan eines Haarwuchsmittels der 50er Jahre wusste: »Es ist nie zu spät und selten zu früh für … Diplona«, junge Neandertaler und alte Doppelklicker.

 


 

So viel Sommer war selten. Für mich prägte ihn nicht die große Hitze, nicht die lange Dürre, sondern der ständige Konflikt von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Oh, die alte Leier? Auch in diesem Text DAS Thema der Saison? Keine Angst, liebe Leser, in meinem progressiven Sommer-Alttag spielte nicht die Mutti aller deutschen Gegenwarts-Probleme die Hauptrolle, sondern ich als Opa des Grauens.

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Nichts war schöner in diesen heißen Tagen, als sich aufs E-Bike zu schwingen, den Akku anzuwerfen und sich wohlig in den Wind zu legen, in diese selbst erzeugte frische Brise, die dank »Turbo«-Schalter anstrengungslos zu genießen war. Wie herrlich, wenn das kühlende Lüftchen sanft die bloßen Beine streichelte und die nackte Männerbrust umkoste!

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Doch hier kommt der Opa des Grauens ins Spiel, mit seinem Konflikt zwischen Gesinnung und Verantwortung. Als alter Mann halb nackt die Radwege unsicher machen? Außerdem kenne ich meine Falten und Runzeln, die viel zu viele Haut, die den alten Körper umflattert wie ein zerschlissener Mantel. Prall umspannte sie früher jene Muskeln, die im Lauf der Jahrzehnte verschwunden sind, nun schlabbert sie über dem einst stolzen Pectoralis major, dem großen Brustmuskel, im eigenproduzierten Wind.

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Gesinnt, nicht auf die große Labsal zu verzichten, keine falsche Scham zu kennen, den Sommer auf dem Rad zu genießen, aber von der Verantwortung gezähmt, andere Menschen nicht ästhetisch zu belästigen, schloss ich mit mir selbst einen Kompromiss: Untenrum Haut zeigen zwischen Schuhen und Radhose, das darf ich der Welt um mich herum zumuten. Aber oben rum muss ein T-Shirt die Altersblößen verdecken. Es sei denn, ich radle auf einsamen Waldwegen im Hinterland – da reiße ich mir das Hemd vom Leib, breite die nackten Arme aus … und so genoss ich abseits scheeler Blicke freihändig und nacktbrüstig diesen Sommer, der ein großer war.

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Allerdings sind auch bloße altmännliche Unterschenkel kein besonders erfreulicher Anblick, auch weil sie oft zerschunden und verpflastert sind. Hier sitzt die Haut stramm über dem Schienbein, scheinbar direkt auf dem Knochen, wie Pergament und genauso empfindlich. Die zarteste Berührung, zum Beispiel mit einer Pedale, reißt sie ein, Blut fließt, und selbst kleine Schrammen heilen nur langsam aus, so dass bei Senioren-Gruppenfahrten der Blick auf andere Männerbeine fällt, dann hinauf zum dazugehörigen weißen Schopf – und ein einverständiges doppeltes »Tja« jedes weitere erklärende Wort erübrigt.

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Wir alten Männer sollten also unsere nackte Haut verbergen, um die Mitwelt nicht ästhetisch zu belästigen? Weil uns sonst »vom Hängebauchschwein nur noch der aufrechte Gang unterscheidet. Weitere körperliche Unschönheiten, die Männer auf diese Weise präsentieren, lassen wir pietätvoll beiseite« (gelesen in der taz). Ja, dankeschön, sehr pietätvoll. Und nun stelle man, stelle frau sich vor, Derartiges wäre nicht über alte Männer, sondern über … schon verbietet sich das Wort (»alte« Frauen) … die reifere Damenwelt zu lesen. Unmöglich. Unvorstellbar. Selbstmörderisch. Ich habe ja sogar kürzlich einen Leserbrief zensiert, in vorauseilender männlicher Unterwerfung zu Ehren des Matriarchats, dessen gehorsamer Untertan ich bin. Aus dem Zitat eines Gießener Marktbeschickers (»Is ja auch immer noch e Mordsfrau«) strich ich das »immer noch« – das ist echte Pietät, liebe taz!

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Aber das nur am vergenderten Rande. Zurück zum Rad-Opa des Grauens. Mir fällt seit einigen Wochen auf, dass die Umgangsformen rauer geworden sind. Sowohl vom Rad als auch vom Auto aus werde ich oft angepflaumt. Spätfolgen der Hitze? Indiz für ein Richtung Gewalttätigkeit tendierendes gesellschaftliches Klima? Als zuerst immer die Schuld bei mir Suchender denke ich aber primär: Ist es jetzt soweit? Wirst du als seniler Dappes zum Verkehrshindernis?

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Diesen Gedanken hatte ich jüngst auch, als ich ansetzte, zwei Mädchen zu überholen, beide etwa zwölf Jahre alt, beide auf schicken Rollern. Plötzlich schwenkte eines der Mädchen nach links aus. Kein Problem, ich fuhr sowieso langsam, passe beim Überholen immer auf, denn dafür ist der Überholende, nicht der Überholte zuständig. Ich vermeide die Kollision, fahre weiter, da ruft mir das Mädchen hinterher …

… * …

Ja, was ruft es? »Du alter Sack, pass doch auf! Blödmann! Idiot!« Oder Schlimmeres? Nein, flehend schallt es mir hinterher: »Tut mir leid! Tut mir leid!« Ich winke den Mädchen beschwichtigend zu, fahre in meinem progressiven Alttag fröhlich weiter, gerührt von dieser jungen Generation … bis mir wieder so ein alter schimpfender Muffkopf die Laune verdirbt.

 


 

Ich kenne das Gesicht im Spiegel besser als jedes andere. Gehört ja mir. Schon sehr lange. Da schaut man nicht mehr so genau hin. Auch beim Zähneputzen geht der Blick durch den Gewohnheitskopf im Spiegel hindurch, der Sehnerv meldet dem schon anderweitig beschäftigten Hirn nur ein schemenhaftes Gesicht. Same procedure as every day.

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Doch gestern morgen, als würde das Bild wie von einer Kamera im Kopf urplötzlich scharf gestellt: … WAS IST DENN DAS??!! Diese Ohren! Ist mir ja noch nie aufgefallen, wie elefantengroß sie vom Kopf abstehen. Da schrumpfe ich von Monat zu Monat, schon lange sagt kein Mensch mehr »Langer« zu mir (ich wette übrigens, dass auch der vergleichsweise junge Hüpfer Dirk Nowitzki keine 2,13 m mehr misst), aber die Ohren, sie wachsen und gedeihen. Auch hängen sie nicht schlaff und faltig erdwärts, wie Halslappen und Tränensäcke (Bauchschürzen erwähne ich erst gar nicht, schon das bildhafte Fachwort gruselt), sondern stehen stolz und kräftig vom Kopf ab, elastisch, straff und biegsam, ganz anders als … ach, lassen wir das.

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Dieses groteske Missverhältnis zum Rest-Körper wird optisch noch verstärkt durch den Schwund der Haare, deren karge Reste schütter am Kopf kleben. Früher hat man und vor allem Frau beziehungsweise Mädchen meine kleinen, süßen Öhrchen nicht mal gesehen, da vollkommen überwuchert von drahtdicken Haaren einer Beatles-Mähne, aber jetzt sind die beiden absurd gewachsenen Riesendinger schutzlos den Blicken preisgegeben. Und wenn mich jemand auffordert: Halte die Ohren steif!, kann ich nur entgegnen: Nichts leichter als das!

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Ja, ja, ich weiß schon, was Sie denken: Der übertreibt aber gewaltig! Stimmt nicht. Dieses Missverhältnis zwischen Haar- und Ohrwachstum habe ich fast wissenschaftlich exakt beschrieben. Ich wünschte, es wäre umgekehrt.

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Apropos Wissenschaft. Kennen sie die String-Theorie vom Multiversum? Nach der es unendlich viele Universen gibt, für jede denkbare Möglichkeit eine eigene Welt? Zum Beispiel eine, in der Angela Merkel Gerhard Schröders sechste Frau und Friedrich Merz Motorrad-Weltmeister wird (mit dem Moped geübt hat er ja schon als Halbstarker, verbotenerweise über Grüne-Plan-Wege im Sauerland knatternd, sogar ohne Helm, der wilde Hund!) … aber ich schweife ab. String hin, Multiversum her, der Philosoph Wittgenstein hat es schon viel früher auf den Punkt gebracht als die modernen Astrophysiker: Die Welt ist alles, was der Fall ist. Und der Fall ist in diesem meinem einzigen Universum: wenig Haar, viel Ohr.

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Aber es war nur der erste Schreck, eine Spontan-Xenophobie im wörtlichen griechischen Sinne, also die Furcht vor und nicht der Hass auf das Fremde, in meinem Fall die Angst vor dem blitzartig scharf gestellten fremden Gesicht im Spiegel. Ist doch nicht so schlimm, nicke ich nach der Schrecksekunde selbsttröstend meinem mit mir gealterten Spiegelbild zu, und es wackelt zustimmend mit seinen Elefantenohren zurück.

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Diese äußeren Alterserscheinungen sind nicht schlimm, gar nicht schlimm, sogar ziemlich gut. Weil soviel Stress wegfällt. Wie sehr haben wir Jungs (ihr Mädchen natürlich auch, das weiß ich doch) an kleinen echten und vor allem großen eingebildeten körperlichen Makeln gelitten – das spielt heute alles keine Rolle mehr. So sehr auch die Figur im Alter sich der Schwerkraft ergibt und verrutscht, es rutscht mir den Buckel runter.

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Wer jedoch zeitlebens den großen Macker gespielt hat oder es sogar war, wie Karl der Große, kommt nur schwer zurecht mit dem Unbild im Spiegel und all den anderen Unbilden, diesen laut Duden »unangenehmen Auswirkungen« des Alters. Als Karl der Große genauso alt war wie ich heute, ging er zwar noch auf die Jagd, und zwar zu Pferd, aber der vom Alter schon schwer gezeichnete Charlemagne musste von zwei Reitknechten aufs Pferd gehievt werden, um seinem Nimbus als Karl der große Jäger gerecht zu werden. Theodulf von Orleans, Karls alter Freund, hatte ihm kurz zuvor ein Gedicht geschickt, das »Greisenlied«:

»Die Mauer, in der Jugend so fest noch und kunstvoll gefügt, weist Risse auf, künftigen Verfall ankündigend. Des Lebens Süße hat die alternde Welt verlassen und nichts, nichts mehr bleibt von der Kraft des Mannes.«

Karl wollte es nicht wahrhaben, doch der ehemalige Kraft- und Macht-Bolzen schrumpfte zum gewöhnlichen Sterblichen. Uns kann das nicht aus der Fassung bringen, denn das kennen wir seit Kindesbeinen.

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Auch Horst Seehofer ist nicht mehr der große Macker. Ihm werden hämisch-geniale Gags hinterher geworfen (Kommentar-Schlagzeile in der Süddeutschen Zeitung: »Abgeschoben«), und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung überschreibt ihren Aufmacher-Artikel mit der Feststellung: »Um Seehofer wird es einsam.« Wird? Ist es das nicht schon immer? Jetzt steigt wohl kein Fernseh-Team mehr zu ihm in den Keller, um mit Horsti und dessen riesiger (20 Quadratmeter!) Modelleisenbahn zu spielen. »Ich habe hier mein Leben lang mein eigenes Leben nachgebaut«, gab er einmal preis.

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Seehofer im Spielzeug-Keller, Karl der Große zur Jagd getragen – da stellt die Kamera im Kopf das Bild scharf, und ich sehe, dass auch Horsti und Charly nur alte Knaben wie ich sind. Arme kleine Schweinchen, nie älter geworden als dreizehn oder vierzehn, verloren und hilflos in der Ecke unserer kleinen Welt herumstehend, ziehen wir unser Rollenspiel als Erwachsene durch. Muss ja.

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Und manchmal macht’’s sogar Spaß. Vor dem Spiegel mit den Elefantenohren wackelnd, dass die Halslappen und Tränensäcke tanzen und mir die Bauchschürze den Buckel runter rutschen kann.

 


 

Vor dem Supermarkt fällt mir der Chip aus der Hand und rollt unter die angekettete Kolonne der Einkaufswagen. Schnell bücke ich mich. Der Chip rollt. Und rollt. Jetzt liegt er. Weit hinten. Ich gehe auf die Knie, greife nach ihm. Komme nicht dran. Lege mich hin, in den Dreck, lang hingestreckt liege ich alter Mann flach auf dem Boden, stöhnend und mich windend, mit ausgestrecktem Arm und zuckenden Fingern unter den zusammengeschobenen Wagen. Endlich habe ich ihn. Mit dem Chip in der Hand rappele ich mich auf – und starre in schreckgeweitete Augen. Ein Déjà-vu für diese Zuschauerin? War sie etwa dabei, als …
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Zwei Tage zuvor. Ich bin mit dem Rad unterwegs, auf meiner Hausstrecke, biege auf einen Grüner-Plan-Weg ein. In der Ferne sehe ich eine kleine Menschenmenge. Und, ja, jetzt erkenne ich es, da steht auch ein Notarztwagen. Beklommen fahre ich weiter. Ich komme näher. Will nicht gaffen, weiche über die Wiese aus. Kurzer Blick nach links, das Bild prägt sich ein: Zwischen den Beinen der Menge ein Mann, auf dem Rücken liegend, lang hingestreckt, mit um die Brust geöffneter Kleidung. Die Ärzte nicht mehr aktiv, die Menschen bedrückt wirkend, scheinbar ziellos in die Ferne schauend. Der Mann am Boden liegt reglos auf dem Asphalt zwischen ihnen, als sei er der Welt schon entrückt. Oder bilde ich mir das nur ein? Dramatisiere ich, was ich nur im Augen-Blick gesehen habe?
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Vor dem Supermarkt ziehe ich mich an einem Einkaufswagen in die Senkrechte, zeige, achselzuckend um Verständnis heischend, den Chip vor, den ich mit vollem körperlichen Einsatz aufgeklaubt habe. Peinlich berührt schiebe ich den Wagen in den Markt. Am nächsten Tag komme ich auf dem Grüner-Plan-Weg mit dem Rad wieder an jener Stelle vorbei. Eine getrocknete Blutlache. Darauf eine Blume. Am Wegrand ein ewiges Licht.
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Memento mori. In Momenten wie diesen stellen sich die großen Fragen des Seins, und dann ist man in der Stimmung, sie negativ zu beantworten. Mir kam beim Weiterfahren ein Satz aus der Zeit in den Sinn, kürzlich gelesen und so richtig zum Runterziehen: »Was, wenn wir das Leben nur schön finden wollen, weil die Alternative nicht zum Aushalten ist?«
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Doch in der Gefahr, in Melancholie zu versinken, wächst das Rettende auch, wusste schon Hölderlin, so oder so ähnlich. Zu Hause angekommen, lenke ich mich beim Lesen der FAZ ab, in der ich auf die Rezension eines Gedichtbandes von Paulus Böhmer stoße. Paulus Böhmer? Den Namen hatte ich zuvor noch nie gehört. Ich lese den Text und bin beeindruckt. Und beschämt. Ich Ahnungsloser! Böhmer hat einen großen Namen in der neuen deutschen Literaturgeschichte, gilt als Meister des Langgedichts. Ich bildete mir bisher ein, zu den überdurchschnittlich Belesenen zu gehören, und dennoch kannte ich keine einzige Zeile von ihm – und das, obwohl er aus unserem Oberhessen kam (kam, ja, er ist tot, im Dezember 2018 mit 82 gestorben), und die Ohm, unsere Ohm, fließt, wie ich jetzt erfahre, durch fast alle seine Dichtungen.
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Wie hier: Einmal, einen winzigen Augenblick lang, / war ich im Sommer, am Ohmufer liegend, alleine, / dem Geheimnis der Fische nahe und verstand / ihre Sprache, die ein Einverständnis war. – Oder: Aus der Ohm / wachsen Inseln. Gewitter wuchern. / (…) Als eine Frau das Kinn eines Mannes berührt, um seinen Blick / aufzurichten, beginnt er zu weinen.
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Auch Paulus Böhmer stellt die großen Fragen des Seins, versteckt sie aber in kleinen, scheinbar grotesken Fragen, signalisierend, dass er der Sache zwar auf den Grund gehen will, aber wissend, dass dieser für uns Menschlein im doppelten Wortsinn grundlos ist: Weiß Gott, was ich denke? / Ich weiß es nicht. / Kann sich ein Maikäfer schämen? / Bilden Schnecken Begriffe? / Welch’ Leid trägt der Tausendfüßler mit sich herum? / Wird auch ein Tiger / zuweilen von Heulkrämpfen geschüttelt?
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Manchmal stößt man in seinem progressiven Alttag sogar bei Alltäglichem – wie dem FAZ-Lesen – auf Unerwartetes, Überraschendes, das neue Horizonte eröffnet. Paulus Böhmers Werk wartet auf mich, und ich freue mich darauf.
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Carpe diem. Wenn wir ins Grund-Lose abgetaucht waren, gründelnd wie ein Karpfen, tauchen wir auf und wundern uns über die aufgewirbelten Probleme, die unsere Kulturgesellschaft in diesen Zeiten umtreiben. Feinstaub? Ach, das sollen erst mal die Lungenärzte unter sich klären. Die gegenderte Sprache? Macht, was ihr wollt, ich mache nicht mit. Die zwei, drei, vielen Geschlechter? Dito. Sowieso ist jeder seine eigene Nuance zwischen männlich und weiblich.
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Überhaupt, der Sex und die Hormone – auch da hilft der gelassene Blick des Alters. Da gibt es die verzweifelten Männer, die ihre Jugend nacherleben wollen und sich doch oft genug nur zum Gespött machen, wenn sie den großen und einst verpassten Kick suchen. Wie jener 70-Jährige, der einen Unfall baute, weil er während der Fahrt mit einer 34-Jährigen kopulierte (lassen wir das beschwichtigende »Sex gehabt« oder »geschlafen«). Sie saß dabei auf seinem Schoß und lenkte, was selbst aus mir den Macho-Spruch von der Frau am Steuer herauskitzelt.
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Das Auto und der Sex, und das auch noch gleichzeitig – der pubertäre Traum, verwirklicht im Greisenalter … rumms. Da wird die Straßenverkehrsordnung gleich mehrfach verletzt, und der Mann spottet jeder Beschreibung. Befreit vom Joch der Hormone, die aus Männern radschlagende Pfauen und brünftige Hirsche machen, aus harmlosen Häschen kopflose Rammler, könnten wir uns den kleinen, feinen Dingen des späten Lebens widmen. Zum Beispiel Böhmer lesen: Wenn ich Gott wäre, ich würde mich zu Tode schämen. / Ich auch, sagte der Teufel. – Oha! Dieser Dichter hat unter anderen den Robert-Gernhardt-Preis bekommen und verdient.
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Irgendwo schreibt der Lyriker Paulus Böhmer auch: Ich war nie älter als fünfzehn. Beinahe hätte ich ihn als Bruder im Geiste vereinnahmt. Aber ich war nie älter als vierzehn. (gw)

 


 

Als ich noch täglich in die Redaktion fuhr, drehte ich zuvor eine kurze Radrunde im Hinterland. Um neun ging’s los. Gegen halb zehn kam ich regelmäßig an einer kleinen Frauenrunde vorbei. Fast immer in derselben Kurve unterhalb ihres Dorfes. Einmal hielt ich an und unterhielt mich kurz mit ihnen. Sie gingen, sagte eine, jeden Morgen zwischen Frühstück und Mittagessen ihre Runde, nach und vor der Hausarbeit (Ha! Balsam auf die wundgescheuerten Seelen alter weißer Männer!).
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Kürzlich fuhr ich erstmals nach sieben Jahren die Runde wieder zu dieser Zeit, und um Punkt halb zehn, in der Kurve … tatsächlich, meine alten Bekannten. Kurzer Plausch, weitergefahren. Und gedacht: In unserer wahnwitzigen Zeit ist seitdem so viel passiert, von Flüchtlingen, AfD, Brexit, Meinungsterror, Shitstürmen und Konsorten bis zum totalen Irrsinn in den USA (dass ein böser Clown wichtigster Weltenlenker sein soll, übersteigt immer noch meine sonst so rege Phantasie) – aber manches ändert sich nie.
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Vor mehr als einem halben Jahrhundert habe ich Jürgen und Kurt kennengelernt. Jürgen als Spieler einer gegnerischen Jugend-Handballmannschaft, Kurt als Trainer des weiblichen Leichtathletik-Nachwuchses seines Vereins, der uns Jungs sehr interessierte. Aus Jürgen wurde ein bundesweit bekannter Handball-Zampano, aus Kurt ein Urgestein der hessischen Leichtathletik. Und jetzt: Nach dem Gassi- bzw. Feld-und-Waldi-Gehen mit dem Hund in den Höhen über Königsberg fuhr ich langsam auf dem Feldweg zurück, bremste für zwei ältere Männer, einer mit Stöcken, offenbar auf Walking-Tour, und dachte, der eine kommt mir doch bekannt vor … hielt an, stieg aus, sah den anderen … der kam mir auch bekannt vor. Großes Hallo. Der Handball-Trainer, der Leichtathletik-Macher, der handballernde Leichtathlet. Nach über einem halben Jahrhundert Zufallstreffen dreier alter Zausel, erstmals zu dritt zusammen.
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Ob dieses Treffen noch in mir rumorte, als der Saisonauftakt nahte? Mein Comeback stand bevor, doch je näher der Wettkampf rückte, desto klarer wurde mir, dass ich schlechter abschneiden würde, als ich gehofft hatte, viel schlechter, katastrophal schlecht … schon begann der Wettkampf … was habe ich hier zu suchen, was mache ich bloß? Quälend lange wälzte ich das Problem und mich im Bett hin und her, bevor die erlösende Erkenntnis aus den Nebeln der Nacht aufstieg: Junge, du bist 71 und nicht 17, dir reichen ein paar Liegestütze im Keller und das genießerische Radfahren in der Natur und mit E-Motor.
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Auch Johano Strasser katapultierte mich in die ferne Vergangenheit. Der »Vordenker und Humanist« wurde dieser Tage 80 (seine Belästigungs-Affäre erwähnten die Laudatoren in MeToo-Zeiten lieber nicht; falls Interesse: bitte googeln). Strasser zeigt immer noch viel Verständnis für die Jugend, denn er lobt, ihr freitägliches Schuleschwänzen sei »ein Akt des zivilen Ungehorsams«. Ja, klar, kenne ich. Obwohl es für mich eher ein Akt der seelischen Befreiung war, wenn ich, auf dem Weg zur Schule, voll böser Vorahnungen und angstbibbernd, nach inneren Kämpfen den Weg des geringsten Widerstands ging, erleichtert abbog und in die runtergekommene Kneipe schlich, die schon am frühen Morgen geöffnet hatte, und den Vormittag am Flipper verbrachte, mit 50 Pfennig wie ein Löwe um Freispiele kämpfend …TILT TILT TILT
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Der heilige Ernst, das »Wissen« von Gut und Böse, gehört zum Jungsein. So war ich auch. Aber älter zu werden, das sollte wenigstens den Sinn haben zu erkennen, was aus den frühen Überzeugungen würde, wenn man sie zu Ende denkt. Wer das nicht tut, wer sich wonnig in die Arme der Jugendlichen stürzt (was die gar nicht wollen; ich jedenfalls konnte ranschmeißerische Erwachsene nicht ausstehen), trauert nur seiner eigenen Jugend nach, in der das Leben schwer genug war, aber es wenigstens leichtfiel, theoretisch alles zum Besten zu wenden.
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Doch kein böses Wort über die Masse der jungen Demonstranten. Als Beobachter aus einer anderen Zeit erinnern sie mich an diese andere Zeit. Immer der gleiche Typ, der das große Wort führt, den Anführer macht (heute, das mag ein Fortschritt sein, eher die Anführerin), die gleichen inbrünstigen Mitmacher, die gleichen Mitläufer und die Gleichen, die eine Demo für ihre Zwecke nutzen (Anbändeln, Schwänzen usw.). Nein, halt, etwas ist anders: die Galionsfigur, das seltsame Mädchen aus Schweden. Sie passt in kein Klischee.
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»Mit vierzehn weiß man ganz genau, was Vernunft ist. Man weiß alles besser.« Das ist kein Kommentar zu den Schüler-Demos, denn der Psychiater und Autor Manfred Lutz, ein gläubiger Katholik, spricht im Oster-Interview der Frankfurter Rundschau über das Christsein und die Auferstehung. »Mit 14 hatte ich meinen Glauben verloren. Ich war Atheist geworden (…) und dachte: Nur wenn man so bescheuert ist wie ein Kind, dann glaubt man den ganzen Quatsch.«
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Manche bleiben ihr Leben lang Atheist. Mario Adorf, 88, im Spiegel-Interview auf die Frage »Für Sie ist der Tod: Licht aus?« – »Ende.« Nachfrage: »Was bleibt? – Adorf: »Staub.« Frank Elstner, 77, dagegen hofft (im Zeit-Interview), »dass es irgendetwas gibt, das dieses Wahnsinns-Universum dirigiert und das in den Grundfesten freundlich ist«.
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Mir bleibt von der Wiege bis zur … nee, soweit sind wir noch nicht … bis in die vorletzte Kurve meines progressiven Alttags als ewig Zweifelnder wenigstens eine Gewissheit: Fromme wissen, dass sie glauben, Atheisten glauben, dass sie wissen. – Und ich? Ich kenne schon die Bild-Schlagzeile nach dem Jüngsten Tag: ALLES GANZ ANDERS!
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»Wir heißen euch hoffen«, so endet Goethes Gedicht »Symbolum« über das Wandern durch Leben und Tod. Um die Kurve zur Anfangs-Begegnung zu kriegen: Ich habe versprochen, die Damen in sieben Jahren wieder zur gleichen Zeit in unserer Kurve treffen zu wollen. Wir heißen uns hoffen.

 

 


 

 

Der Sommer war groß. Lingen, 41 Grad, nicht schlecht, aber mein persönlicher Hitzerekord wurde nicht erreicht. 45 Grad 1999 in Sevilla. Leichtathletik-WM. Ich war als Journalist fast nur mit dem Leihrad unterwegs, sah in der Stadt an jeder Kreuzung die offizielle Temperaturangabe und immer wieder kleine Menschenaufläufe um ein touristisches Hitzeopfer. Ich genoss die Hitze, auch in dem scheinelitären Bewusstsein, als weißhäutiger, rotblonder Germane allen Klischees zu trotzen. Hitze, Sonne – ja bitte! Macht mir doch nichts aus! Mit einem Pedaloboot kurbelte ich auf dem Guadalqivir herum, kein Tourist weit und breit, Einheimische sowieso nicht (sind ja nicht blöd), mit nacktem Oberkörper. Sonnenschutz? Quatsch, nie eingecremt, Ehrensache.
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Schon in der Pubertät nicht. Mit weißer Haut ins Schwimmbad? Nie im Leben! Erst musste die käsige Pelle unter Ausschluss der Öffentlichkeit sonnengeflämmt werden, einmal, zweimal, dreimal, zwischendurch wurde die verbrannte Haut in Streifen abgezogen, bis endlich die vermeintlich attraktive Bronzehaut zum Vorschein kam. Erst dann traute ich mich ins Freibad. Hätte mich damals jemand gewarnt, mit 70 bekäme ich weißen Hautkrebs oder andere lästige Geschichten wie aktinische Kreatose, ich hätte ihn nur verständnislos angeschaut: Mit 70? Was soll das? Wer so unvorstellbar alt wird, sollte sowieso  husch, husch in die Urne!
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Und jetzt, über 70, meide ich die Sonne, creme mich vor dem Radfahren ein, Faktor 50, liege nicht mehr stundenlang in praller Sonne an südlichen Stränden, verkrieche mich im Garten unter den früher verpönten Sonnenschirm und erfülle alle Vorsorge-Forderungen besorgter Hautärzte … ein halbes Jahrhundert zu spät.
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Beim ersten Hautscreening fragte die Ärztin: »Waren Sie Bauarbeiter?« Ich beichtete den Lebenslauf meiner armen Haut. Ihr resignierter Kommentar, denn von so viel Dummheit hört sie oft: »Dafür sieht es sogar noch ganz gut aus.« Immerhin.
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Die Hitze geht, der Herbst kommt, ich habe andere Sorgen. Armbanduhr kaputt. Karstadt. Uhrenabteilung. Lange Schlange. Der alte Herr vor mir ist dran, rückt mit dem Rollator vor, nestelt eine Uhr aus der Tasche. Nuschelt etwas. Sein Gegenüber versteht nicht, bleibt aber engelsgeduldig. Endlich wird klar, dass ein Glied aus der Kette entfernt werden soll. Die Uhr schlackere am Handgelenk. Reparateur (skeptisch): »Ein Glied? Bringt nichts. Da müssen drei weg.« Kunde (störrisch): »Nein, ein Glied.« – Nach einigem Hin und Her gibt der gleichbleibend freundliche Angestellte auf. »Also gut. Bringt zwar nichts, kostet aber sechs Euro.« – Kunde (jetzt ungenuschelt, laut und vernehmlich): »Beim letzten Mal war das aber umsonst!« – »Tja, wahrscheinlich noch Kulanz.« – Der alte Herr schnauft empört, nimmt die Uhr, stampft mit dem Rollator auf. Schneidend scharf: »Guten Tag! Ich werde Sie weiterempfehlen!« Geht ab. Freundliche, unaufgeregte Reaktion: »Tun Sie das. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.« – Ich bin dran. Wir reden nicht über die Szene, zwinkern uns nicht zu. Aber wir verstehen uns.
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Hoffentlich werde ich nicht auch so ein Griesgram, denke ich beim Weggehen. Da kommt ja noch einer! Ich sehe ihn nur aus den Augenwinkeln, schaue nicht richtig hin, aber mir fällt es sofort wieder auf: Warum wirken ältere Männer oft so griesgrämig? Es ist nur ein Moment, vielleicht nur eine Hundertstelsekunde, in der mir der Gedanke durch den Kopf schießt. Denn augenblicklich erkenne ich den Mann. Im Spiegel hinter der Schaufensterscheibe. Das bin ja ich!
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Griesgram. Nicht schön, einer zu sein, aber schön das alte deutsche Wort. Abgeleitet vom mittelhochdeutschen grisgram (»Zähneknirschen«). Goethe, wer sonst, hat ihn verewigt: »doch hat er einen harten kopf, / der widerwärtige sauertopf, / das ganze menschliche geschlecht / machts ihm, dem griesgram, nimmer recht.«
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Ich will kein Griesgram sein. Auszusehen wie einer gehört nicht zu den Lastern, sondern den Lasten des Alters. Schwerkraft und Muskelerschlaffung vermiesen die Miene, sind aber mann- und frauhaft zu ertragen. Innerlich sind wir Alten doch alle, also fast alle, Gute-Laune-Bärchen. Obwohl – die Jugend von heute ….
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Ich fahre nach Hause. Auf dem Radweg vor mir eine Gruppe Jugendlicher. Sie unterhalten sich. Ein Rad steht auf dem Weg, aber nicht so, dass man nicht vorbei könnte. Einer sieht mich kommen, will das Rad wegziehen, ich knurre »geht schon«, fahre vorbei, der Junge ruft »Danke«, und: »Gute Fahrt noch!«, ich rufe zurück: »Euch auch!«, die Gruppe unsisono: »Danke!« Staunend fahre ich weiter.
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Zu Hause googele ich den Griesgram (daher mein Schlauberger-Wissen, siehe oben). Plötzlich ploppt auf, was in letzter Zeit oft aufploppt. Spam-Mails mit Angeboten zur Penisverlängerung kommen schon lange nicht mehr, aber diese nervige Werbung stört immer öfter: »Ihre Tabletten-Erinnerung …« Ich lese gar nicht erst weiter, klicke das lästige Ding weg.
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Später überlege ich, was das sein soll, diese Tabletten-Erinnerung. Ein Kästchen, in das man seine Tabletten nach Uhrzeit geordnet ablegt? Die zwei, drei Pillen kann ich mir doch merken! Kopfschüttelnd wende ich mich wieder dem Griesgram zu. Plötzlich durchzuckt es mich … heute früh habe ich vergessen … oder etwa nicht? Was nun? – Beim nächsten Aufploppen lasse ich mir mehr Zeit.

 


 

Plusquamperfekt. Plötzlich ploppt das Wort im Kopf auf, bleibt hartnäckig wie ein lästiger Ohrwurm und fragt listig: Kennst du den Unterschied zwischen mir und Präteritum, Imperfekt und Perfekt? Klar, also, äh … schon komme ich ins Stottern. Als Sextaner hätte ich nicht gezögert. Damals ist mir alles zugeflogen. Grammatik, Rechtschreibung, sogar Mathe. Doch schon in der Quinta ging es den Bach runter. So schnell, wie die Pubertät kam, ging der IQ und blieb im Plusquamperfekt verborgen, in der vollendeten Vergangenheit.
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»Wär ich doch so jung und mir die Kraft beständig«, klagt ein anderer alter Mann in seinem progressiven Alttag, doch »mir ist not, dem traurigen Alter zu gehorchen«. Nestor ist es, der weise Greis aus der griechischen Mythologie, der sich wehmütig und stolz an seine Jugend erinnert: »Da kam kein Mann mir gleich«, denn »damals schien ich hervor unter den Helden«. Na ja, wie sich Greise eben glorifizieren. Ich taugte nie zum Helden. Auch damals nicht. Mein Leben nach der Sexta begann mit pubertären Wunschträumen, inspiriert vom Minnesänger Walther von der Vogelweide (»küszt sie mich? wol tusentstunt. Tandaradei«), der auch den gerontologischen November-Blues singt: »Oewe war (wohin) sind verswunden alliu miniu jar?«
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Meine Vorvergangenheit ist in der Sexta verswunden und verschollen. Erhalten blieb aber der hessische Plusquamperfekt: Warst du das wirklisch gewese?, fragte er, als ich dieser Tage uralte gw-Artikel sichtete und über meine jugendlich unbekümmerte Schlagzeile stolperte: »Altenwohnheime – Wartezimmer des Todes?« Als Volontär hatte ich einst im Mai den Auftrag erhalten, einen ganzseitigen Artikel über Altenwohn- und -pflegeheimen zu schreiben und ging an dieses äußerst exotische Thema (Alter? Was ist das?) sehr resolut und nur vordergründig einfühlsam heran. Ach, da fällt mir ein: In einem privaten Heim klagte mir die resolute Leiterin vertrauensselig ihr Leid: Sie habe so wenig Personal, dass sogar die Putzfrauen den Alten Spritzen setzen müssten. Was ich prompt schrieb. Als den Heimbetreibern die Brisanz klar wurde, hätten sie mir am liebsten von einer Putzfrau eine Luftinjektion verpassen lassen . . .
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Aber das nur am Rande meines progressiven Alttages. Mittendrin geht der Verfall weiter. Ich beobachte ihn interessiert und erstaunt und auch, ja, ein bisschen angewidert. Von mir, dem Faltentier, mit Hautlappen am Hals wie bei einem verschrumpelten Broiler. Und erst die verwitterten Hände! Aber es gibt eine Lösung, Beatrice Richter (70), als Fernseh-Komikerin unserer Alterskohorte noch gut bekannt, verrät im Zeit-Interview: »Meine faltigen Arme? Meine Beine? Kein Mensch wird sie je mehr zu sehen bekommen. Ich trage hochgeschlossene Kleidung. Auch der Hals verschwindet weitgehend. Ich finde, das ist eine gute Kompromisslösung zwischen mir und der Welt.« Ja! Zwischen mich und die Welt passt kein Blatt Papier, sondern ein großes Stück Stoff. Es gab ja schon einen kompromisslosen Protagonisten dieser Kompromisslösung. Aber sollte ich wirklich mit Stehkragen und weißen Glacéhandschuhen durch die Lande radeln, als oberhessischer Karl Lagerfeld?
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Körper verwelkend, Geist verkalkend, aber, o Wunder, ein besonderes Talent bleibt nicht nur erhalten, es verbessert sich sogar. Mein Gehirn hortet Schlagertexte, von denen ich jahrzehntelang nicht einmal wusste, dass ich sie kannte. Damit gehöre ich zu den Wissenden, den »Savants«, den Binnen- oder Inselbegabten. Ich kenne unglaublich viele alte deutsche Schlagertexte auswendig, vor allem auch solche, die ich beim ersten Hören verachtet hatte – als Namen wie Freddy Quinn für meine Generation gleichbedeutend mit »völlig daneben« waren. Mein Schicksal als Schlager-Savant wollte es, dass nicht die Texte der vielgeliebten Beatles-Songs im Kopf hängen blieben, sondern … doch der Fluss stieg übers Ufer / nahm ihm all sein Hab und Gut / seine unerfüllten Träume / die verschwanden in der Flut / Du musst alles vergessen / was du einst besessen, Amii-goooo . . . oohhh, warum kenne ich diesen Text und nicht, wie ein bekannter Savant, die ersten 22 514 Ziffern der Kreiszahl Pi?
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Immerhin verschaffte mir das ganz besondere, ganz besonders überflüssige Talent einen Auftritt in der neuen Ausgabe der Schlager-Illustrierten »Hossa«. Deren leitender Redakteur, mein früherer Kollege Michel Humboldt, hatte sich an diverse Schlager-Erinnerungen in »gw«-Kolumnen erinnert und um einen nostalgischen Text gebeten. Ist geschrieben und erschienen – Hossa! Zuvor hatte ich nur in Familienkreisen den Ruf eines Schlagertexte-Fachmanns. Einmal erreichte mich der Anruf einer nahen Verwandten aus ferner Stadt. In froher Runde hatten sie ein seltsames Lied gehört, es ging irgendwie um heißen Sand, keiner wusste, was das bedeuten sollte und wer es sang, aber klar war: Ein Anruf bei mir, und ich würde aufklären. Spontan sang ich ins Telefon: Heißer Sand und ein verlorenes Land und ein Lääben in Gefahr / Heißer Sand und die Erinnrung daran, dass es einmal schöhöner war. Natürlich Heißer Sand von Mina. Mit dem schwarzen Tino … deine Nina, stand dem Rocco schon im Wort … darum: Mord! Mein Nimbus wuchs ins Legendäre.
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Vorbei. Kein Schwein ruft mich an. Tauchen derartige Fragen auf, werde nicht mehr ich konsultiert, sondern das Smartphone. Schnell gezückt, kurz gedrückt, prompt gewusst. Es hat den einzigen Sinn meines sinnlosen Wissens auf dem Gewissen. Du, du, du, du gehst vorüber, / du, du, du, du tust mir weh / Ich muss weinen, muss weinen, wenn ich dich seh … schon gut, ich hör ja auf.
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Das Plusquamperfekt hat mich auf Abwege geführt, ich hoffe auf Ihr Verständnis. Abhilfe ist schon geschaffen, denn der Ohrwurm ist weg, abgelöst von einer fixen Idee: Wenn der Testosteron-Spiegel im Alter wieder auf Sexta-Niveau sinkt, dann müsste doch im Gegenzug der Intelligenz-Quotient steigen?! Wie war das noch schnell – schnell, schnell! – mit dem Plusquamperfekt? Ganz einfach, also, äh … Oewe war sind verswunden alliu miniu jar? / Ist mir min leben getroumet oder ist ez war?« – Tandaradei. (gw)

 

Fortsetzung folgt (hoffentlich)

Veröffentlicht von gw am 5. Februar 2019 .
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