Archiv für die Kategorie »Mein Eintracht-Tagebuch«
“Leicht erhöht, aber immer noch sehr gut”
Liebes Eintracht Tagebuch,
immer gegen Ende des Jahres zieht man gerne Bilanz. Okay, an den Finanzmärkten dieser Welt lassen sie das dieses Jahr vermutlich mal ausfallen, aber sonst schon. Bei Opel gucken sie, wie viele Autos man verkauft hat, bei Adidas, wie viele Sportklamotten, bei RWE prüfen sie, ob die Störfälle bei den AKWs eventuell mehr gekostet als ihnen die Dinger eingebracht haben, und beim Kiosk an der Ecke checkt der Inhaber, was genau an Gummibärchen und Underberg abgesetzt worden ist.
Während der Automatenaufsteller einen genauen Blick darauf wirft, ob jetzt die Präservative mit Ingwergeschmack besser gegangen sind als die mit dem hübschen Namen »Amor Fucko Very Strongo« oder die mit Neoneffekt, damit man sich auch im Dunkeln zurechtfindet. Überall wird bilanziert.
Aber wenn du jetzt denkst, dass das eine eher neuzeitliche Einrichtung ist, dann täuschst du dich! Bereits 1494 beschrieb der Franziskanermönch und Mathematiker Luca Pacioli in seinem Buch »Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalità« die sogenannte »Venezianische Methode« (doppelte Buchführung), wie sie vermutlich im Fernhandel ausgeübt wurde.
Ja, schon damals zogen sie Bilanzen. Henker zum Beispiel rechneten nach, ob der Verschleiß ihrer Fallbeile oder Stricke auch in gesunder Relation zu der Zahl der Hingerichteten stand, und durchs Land fahrende sogenannte »Bader« wägten ab, ob sich der Absatz ihrer selbst gebrauten Medizinfläschchen auch gelohnt hatte oder sie vielleicht besser doch noch mehr Regenwasser dazupanschen sollten.
Bilanzen gab es schon immer. Natürlich auch im Fußball. Und wie jedes Jahr werden auch diesmal nicht alle zufrieden sein, wenn sie unter den selbst gezogenen Strich gucken.
Nehmen wir mal den VfL Wolfsburg, bei dem sie eigentlich schon seit Jahren davon ausgehen, dass man bald so was wie das »Manchester United von Deutschland« ist. Dort müssen sie sich eingestehen, dass auch das permanente Einkaufen von neuen Spielern nicht unbedingt was bringt! Ganz abgesehen davon, dass ein 200-Mann-Kader auch ausstattungstechnisch sauteuer ist! Und dass Felix Magath wahrscheinlich insgesamt, wenn man seine Ausgaben und diverse Gehälter addiert, den Verein mehr kostet als er einnimmt. Wobei man auch beim erwähnten Manchester United zum Beispiel dieses Weihnachten statt Geschenke legen eher unter den Baum kotzen wird, denn erstens steht ausgerechnet Lokalrivale Manchester City deutlich vor ihnen an der Tabellenspitze, und zweitens hat sie ausgerechnet der »Weltklub« FC Basel aus der Champions League gekickt!
In Dortmund werden sie das blöde Aus in Europas höchster Spielklasse genauso zu Recht bejammern wie den Verlust ihrer Unbekümmertheit, und selbst die Bayern werden angesichts des dünnen Vorsprungs in der Bundesliga nur bedingt zufrieden sein!
Klar sind auch die Sportzeitungen in diesen Tagen voll von Rückblicken und Bilanzen. Als ich zum Beispiel letzte Woche bei dem Internisten meines Vertrauens im Wartezimmer in einem renommierten Fußballblatt blätterte, stieß ich auf einen langen Artikel über unsere SGE und das zurückliegende Jahr. Das kam mir gerade recht, zumal ich am selben Tag noch eine Interviewverabredung mit einer Tageszeitung hatte, die genau das mit mir erörtern wollte. Was mir nach diesem verrückten Eintracht-Jahr allerdings alles andere als leichtfallen würde. Also stürzte ich mich gierig auf besagten Artikel, in der Hoffnung, ein paar schlaue Zeilen oder Gedanken aufgreifen zu können. Was aber schon Sekunden später scheiterte, weil mich die Sprechstundenhilfe in die Praxis rief.
Mein Arzt registrierte schnell meine Verzweiflung. »Was habbe mer dann, Herr Nachtsheim?« »Ach, ich soll nachher ein Interview zum Thema Eintracht geben, und das letzte Jahr aus meiner Sicht beschreiben. Aber ich weiß noch gar nicht, wie ich das machen soll, des ging doch dauernd rauf und runter und wieder rauf…« Behutsam legte er das Blutdruckmessgerät um meinen linken Oberarm. »Verstehe. Aber vielleicht kann ich Ihnen helfe!« »Ja? Wie denn?« »Ganz einfach! Indem wir ihren Blutdruck messe…« Irritiert schaute ich ihn an. »Kapiere ich nicht!« »Des mescht nix. Des Einzige, was Sie wissen müsse, ist, dass der optimale Blutdruckwert bei 120:70 liegt.« Er schaute prüfend auf die Gerätanzeige. »Fange mer mal an mit dem Start in die Rückrunde. Wissen Sie des noch?« »Na klar, weiß ich das noch. Die Eintracht war Tabellensiebter und startete mit der Aussicht auf einen Europa-League-Platz. Das war total schön!« Er grinste mich an.« Was ihr Blutdruck bei diesem Gedanken bestätigt. Leicht erhöht, aber immer noch sehr gut!« Er kritzelte etwas auf einen Block, während seine Stimme plötzlich ernst wurde.
»Aber nur fünf Monate später kam der Abstieg!« Ich spürte, wie mir flau wurde. »Das stimmt, das war für uns Fans echt der Horror!« Er blickte erneut auf das Gerät. »Eieiei, und schon sind mer bei 150:90!« Ich hörte ihm gar nicht mehr richtig zu. »Nach dem Abstieg gingen nicht wenige, auch wegen Christoph Daum, auf Heribert Bruchhagen los, was mich als glühender Fan von ihm fast noch mehr traf als der Abstieg!« »Des sieht mer! 170:100!« »Gott sei Dank holte er aber kurz drauf mit Bruno Hübner einen superguten Sportdirektor…« »145:85…« »… und der wiederum überredete Armin Veh, die Mannschaft zu übernehmen…« »135:80…« »Allerdings startete die Mannschaft trotz guter Neuzugänge erst mal eher verhalten in die Zweite Liga…« »Jetzt wieder 140:90…« »… aber dann fing sie sich und verlor in der ganzen Hinrunde nur einmal!« »130:75…« »Am Montag haben sie zwar zu Hause gegen Fürth nur unentschieden gespielt, aber das war in Ordnung!« »Wobei wir jetzt bei 125:70 wären!«
Ich schaute ihn fragend an. »Und was hat das jetzt mit meinem Interview zu tun?« »Ganz einfach…« Er riss den Zettel vom Block und überreichte ihn mir. »Des hier nehmen Sie mit zum Interview und zeigen es den Leuten von der Zeitung. En besseren persönlichen Rückblick gibt’s doch gar net. Des sagt einfach alles!«
Ich schüttelte den Kopf. »Ob das wirklich jemand kapiert?« »Des weiß ich net. Aber Ärzte und Menschen mit Blutdruckproblemen können mit Sicherheit nachvollziehen, wie Sie das letzte Jahr empfunden habbe!«
Er stand auf und schüttelte meine Hand. »Für mich als ihr Internist und auch als Eintracht-Fan fand ich das jedenfalls hochinteressant!« Draußen wählte ich die Nummer des Journalisten, mit dem ich verabredet war. »Ich komm jetzt zu Ihnen. In 15 Minuten bin ich da!« »Schön, Herr Nachtsheim! Wir sind schon gespannt auf ihre Einschätzungen!« »Ich auch…«, murmelte ich. Hendrik Nachtsheim
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13. Dezember 2011 .
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Auf der Suche nach bekannten Pärchen
Heute, liebes Eintracht-Tagebuch, stand mal wieder der Nachbarsjunge aus dem Haus nebenan vor meiner Tür. In der einen Hand ein Schulheft, in der anderen einen Kugelschreiber. »Gott sei Dank sind Sie dehaam!«, sprudelte es aus ihm raus. »Acht hab ich … aber brauche tu ich zehn!« »Dann hast du ja schon mal den Großteil…«, antwortete ich verständnisvoll, ohne auch nur ansatzweise zu ahnen, um was es eigentlich ging.
Sein Anliegen schien jedenfalls dringend zu sein, denn ohne eine Einverständnisgeste meinerseits abzuwarten, schlüpfte er an mir vorbei, um Sekunden später an meinem Esstisch zu sitzen. Dort schlug er sein Heft auf, warf einen prüfenden Blick hinein, kratzte sich am Kopf und sagte erneut: »Acht hab ich …« »Ja ich weiß, und brauchen tust du zehn! Was mir in diesem Zusammenhang übrigens helfen würde, lieber Steffen, wäre noch die kleine Zusatzinfo, von was du bereits acht hast bzw. für was du noch weitere zwei brauchst!« »Pärscher!« »Was?« »Pääärscheeer!« »Ach Pärchen!«, begriff ich jetzt. »Was denn für Pärchen?«
»Mer habbe in Geschichte als Hausaufgabe aufbekomme, immer ein Pärsche zu bilden! Und zwar indem wir einen bekannten Begriff und eine berühmte Figur nennen, die mit dem Begriff zu tun hat!«
»Ich les Ihne ma vor, was mir dazu eingefallen is. Als Erstes hab ich ›Amerika und Kolumbus‹!« »Ah, verstehe! Ja, das ist gut. Kolumbus hat Amerika entdeckt, das passt! Was hast du noch?« »›Kirche und de Luther‹« »Auch okay!« »›Wetten dass…? und Thomas Gottschalk‹« »Sehr gut!« »›De Mond und Louis Armstrong!‹« »Moment, Du meinst Neil Armstrong! Der erste Mensch auf dem Mond hieß Neil Armstrong! Louis Armstrong hat Trompete gespielt!« »Ei dann hab ich ja aus einem gleich zwei gemacht!«, grinste er, und kritzelte seine neueste Errungenschaft in das Heft. »Dann hab ich noch ›Sexspielzeusch und Beate Uhse‹…« »Hey, wo hast du das denn her?« »Von meinem Vadder! Dann hab ich noch ›Philosophie und Sokrates‹« »Auch von deinem Vater?« »Nee, Google!« »Oh!« »Des nächste ist ›Hunde und Martin Rütter‹…« »Ach, der berühmte Hundeflüsterer. Stimmt, der hat den Hund erfunden. Behauptet er zumindest. Noch was?« »Ja, ›Schlimme Blähungen und mein Oppa‹!« Ich zögerte einen Moment lang. Sicherlich hatte Steffen gute Gründe, diesen Begriff und diese Person in einen direkten Zusammenhang zu stellen, dennoch befürchtete ich, dass ihm das eine schlechtere Note einbringen könnte. »Hmm, ich weiß nicht so recht. Zumal dein Großvater jetzt nicht unbedingt so bekannt ist wie zum Beispiel Kolumbus oder Thomas Gottschalk.« »Des sagen Sie! Aber als er noch Hausmeister war, hat eine Nachbarin mal zu meiner Mutter gesagt, de Oppa wär noch schlimmer als de Adolf Hitler! Und der war ja auch schon sehr bekannt!« »Ja, aber ich würde trotzdem jemanden nehmen, den noch mehr Leute kennen.« »Okay, wenn Sie meine…«
Er dachte kurz nach. »Ich weiß was: ›Apachen und Winnetou‹« Ich überlegte, ob ich ihn darauf hinweise sollte, dass Winnetou eine erfundene Figur sei, und dass das deswegen eigentlich falsch und vollkommener Blödsinn sei, aber da das möglicherweise eine ausschweifende Diskussion auslösen konnte, beschloss ich, es zu lassen. »Na gut, dann nimm das. Wie viele waren das jetzt?« »Neun.« »Also fehlt dir noch ein Pärchen. Noch ein Begriff und ein dazugehöriger großer Name.« »Ja, aaner noch, dann hab ich’s. Ham Sie vielleicht ’ne Idee?«
Was für eine Frage! Natürlich hatte ich eine! Und das schon, seitdem ich wusste, um was es geht! Ich baute mich vor ihm auf, um ihm meinen genialen Einfall möglichst eindrucksvoll zu präsentieren: »›Eintracht Frankfurt und Heribert Bruchhagen‹! Wie findest du das? Das passt doch super, gerade jetzt, wo sie ihn wiedergewählt haben!« Zu meiner Verblüffung hielt sich Steffens Begeisterung deutlich in Grenzen. Er schüttelte den Kopf. »Des könne mer net mache!« »Warum denn nicht?« »Weil des dene annern gegenübber ungerecht wär. Klar hat de Bruchhagen in de letzte Jahrn der Eintracht unglaublich gutgetan, und ich freu mich auch, dass er bleibt. Aber die annern Jungs da habbe auch dadezu beigetrache, dass aus dem launische Drecksclub wieder was Anständisches geworn ist. De Dr. Thomas Pröckl, der die Finanze gereschelt hat, oder de Klaus Lötzbeier. Die ganzen annern im Aufsichtsrat! Und auch de Friedhelm Funkel in seiner langen Trainerzeit hier! Die alle ham des zusamme gemacht, da darf man net immer nur den eine rausheben!« Ich spürte eine gewisse Zerknirschtheit in mir aufkommen. »Und außerdem glaub ich, dass des dem Bruchhagen auch gar net recht wär. Grad nach dem Abstiesch letzte Saison jetzt schon wieder in einem Atemzug mit Sokrates oder anderen Berühmtheite genannt zu wern. Nee, so wie ich en einschätz, würd der des gar net wolle! Der ist schon zufridde, dass er bleiben tut!« »Verstehe«, murmelte ich leise.
Fragend, ja regelrecht fordernd schaute er mich an. »Des müsst was anneres sein…« Ich holte tief Luft. »Wie wär’s mit ›Cowboys und Old Shatterhand‹.« Steffen strahlte. »Super! Jetzt hammer’s!« Hendrik Nachtsheim
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gw am
29. November 2011 .
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“Ich ließ den Elfer ausführen … und rannte um mein Leben”
Liebes Eintracht-Tagebuch,
am vergangenen Wochenende hat ein Schiedsrichter, der schon lange in der Fußball-Bundesliga pfeift, versucht, sich das Leben zu nehmen. Unmittelbar vor dem Spiel, das er pfeifen sollte, und in letzter Sekunde noch von seinen Kollegen gefunden, die ihm, ob er das nun wollte oder nicht, das Leben gerettet haben.
In diesem Moment, in dem ich Dir schreibe, weiß ich noch nicht, was die genauen Gründe waren bzw. sind, warum er das machen wollte. Aber ungeachtet dessen schießen mir sofort viele verschiedene Gedanken dazu durch den Kopf.
Das fängt bei den vielen abfälligen Witzen über Schiedsrichter an, geht über all diese »journalistischen« Betrachtungen und Bewertungen in deutschen Sportzeitungen (Schiedsrichter-Ranking-Tabellen) bis zu den unglaublich persönlichen und vollkommen überzogenen Beleidigungen im Stadion. Wobei auch ich mich in meinem Leben sowohl als Fußballer als auch als Fußballfan schon mehr als einmal über Schiedsrichter-Entscheidungen lautstark aufgeregt habe. Ich habe sogar mal bei einem Turnier, an dem wir mit unserer Musikermannschaft teilgenommen haben, den Schiri nach einer krassen Fehlentscheidung so angemeckert, dass er mir dafür Rot gezeigt hat.
Was wiederum zur Folge hatte, dass ich ihm die Rote Karte aus der Hand gerissen und sie aufgegessen habe. Kein Quatsch, ist eine wahre Geschichte. Aber ich weiß auch, dass ich ihn nicht beleidigt, sprich als »Arsch!« oder »Drecksau« tituliert habe. Ich habe ihm in meiner Wut zwar gesagt, dass er ahnungslos sei, und das auch etwas zu laut. Aber trotz meiner Aufgebrachtheit hätte alles darüber hinaus meine innere Grenze überschritten.
Das schreibe ich Dir aber nicht, weil ich mich deswegen für menschlich besser halte als die, denen in Richtung Schiri regelmäßig sehr viel deutlicher der Gaul durchgeht (ganz abgesehen davon, dass das Aufessen der Roten Karte auch nicht gerade ein Zeichen hohen Respekts ist!). Ich glaube, es lag damals einfach daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt auch schon selbst wusste, wie es ist, in der Öffentlichkeit zu stehen. Etwas, dass ich heute natürlich noch sehr viel besser beurteilen kann! Und dass das zwar oft viele Privilegien und angenehme Seiten mit sich bringt … andererseits aber auch durchaus Druck erzeugt. Weil man von sehr vielen Menschen gleichzeitig wahrgenommen und von vielen Seiten beurteilt wird.
Natürlich lernt man im Laufe der Zeit damit umzugehen, und vermag es zum Beispiel auch mal, eine schlechte Kritik richtig einzuordnen – aber ich bin mir nicht sicher, wie ich damit zurechtkäme, wenn ich fast regelmäßig spür- und hörbarem Hass ausgesetzt wäre. Die Schiedsrichter müssen das aushalten. Die Pfiffe und Beschimpfungen der Fans, das beleidigte Lamentieren der Trainer und Manager nach dem Spiel usw.
Ich selbst war nur ein einziges Mal Schiedsrichter, vor vielen Jahren bei der Neu-Isenburger Stadtmeisterschaft für Freizeitmannschaften, die damals eine große Bedeutung für alle Teilnehmer hatte.
Die Partie, die ich leiten musste, war ein entscheidendes Gruppenspiel zwischen einer Druckereimannschaft und dem Werksteam einer Metallverarbeitungsfirma. Bis eine Minute vor Spielschluss stand es 1:1, was den Metallern das Weiterkommen und den anderen das »Aus« beschert hätte. Dann gab es aber im Strafraum, direkt vor meinen Augen, eine brutale Blutgrätsche, und alles andere als Elfmeter für die Drucker wäre ein Witz, ja eine Lüge gewesen. Also pfiff ich Elfer. Was zur Folge hatte, dass ich sofort von einer Horde bulliger Metallarbeiter umgeben war, die mir glaubwürdig versicherten, dass sie mir unmittelbar nach Spielschluss nicht nur meine langen Haare abschneiden, sondern auch fachgerecht die Fresse polieren würden. Ich ließ den Elfer trotzdem ausführen, wenn auch verbunden mit einer gewissen Sicherheitsmaßnahme. Ich schlich mich nämlich heimlich und langsam zum Mittelkreis, was in der angespannten Situation keiner mitbekam. Von dort aus gab ich den Strafstoß per Pfiff frei, um unmittelbar nach dessen Verwandlung das Spiel sofort abzupfeifen. Dann rannte ich wie um mein Leben direkt nach Hause!
Ich weiß noch, dass mich das damals alles mehr mitgenommen hat, als ich mir das selbst eingestehen wollte. Und ich weiß auch noch, was ich damals zu einem Freund gesagt habe: »Ich liebe Fußball wirklich, aber das steht alles in keinem Verhältnis mehr dazu!«
Im Prinzip ist es bis heute so geblieben. Fußball ist ein wunderbarer Sport und gleichzeitig eine der meistüberschätzten und überbewerteten Dinge auf diesem Planeten. Unser Verhältnis zu ihm wäre mit »ambivalent« nur unzureichend beschrieben, »bescheuert« trifft es da schon eher. Fußball verzaubert uns und trübt dabei gleichzeitig unseren Verstand, unseren Gerechtigkeitssinn und vieles mehr, was man zum Miteinander so braucht. Das fängt beim biederen Familienvater an, der plötzlich zum asozialen Choleriker mutiert. Geht weiter über all die öffentlichen Wichtigtuer, die schon lange eine angemessene Selbstwahrnehmung sowie die reale Einschätzung ihres wirklichen Stellenwertes in der Gesellschaft irgendwo in den eitlen Untiefen ihres Resthirnes versenkt haben. Bis hin zu den Fundamentalisten, für die Fußball vor allem Krieg und der Gegner deswegen automatisch Feind ist. Und die »falsch pfeifenden« Schiris auch gerne mal mit Mord drohen.
Vielleicht, liebes Tagebuch, sind die Gründe für diesen Selbstmordversuch aber auch eher privater Natur. Dann würden all meine Gedanken gar nicht so recht dazu passen. Aber schreiben wollte ich Dir das trotzdem mal. In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim
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gw am
23. November 2011 .
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Assoziationen
Liebes Eintracht-Tagebuch,
weißt du, was richtig blöd ist? Wenn man an etwas denkt, an das man eigentlich gar nicht denken möchte. Oder um es etwas genauer zu sagen: Wenn einen irgendetwas, das man sieht, hört oder riecht, automatisch an etwas ganz Bestimmtes erinnert.
Wir nennen das auch »Assoziation«. Warum das so ist, weiß ich nicht wirklich. Aber Wissenschaftler sagen, jeder Mensch und auch jedes Tier habe im zentralen Nervensystem ein sogenanntes Assoziationszentrum, das dafür verantwortlich sei, dass sich Informationen aus der Außenwahrnehmung mit gespeicherten Gedächtnisinhalten verknüpfen.
Ja, das klingt kompliziert, und ist es vermutlich auch. Aber trotzdem kann ich dir anhand von ein paar Beispielen verdeutlichen, wie einfach das bei mir funktioniert!
Wenn ich zum Beispiel (was zum Glück nur noch selten vorkommt) den Geruch von 4711 in die Nase bekomme, sehe ich unweigerlich diese eine meiner Tanten auf mich zustürmen, deren Spezialität es war, einen bei der Begrüßung mit einem Catchergriff so lange an sich zu drücken, bis man blau angelaufen war. Höre ich »the long and winding road« von den Beatles, denke ich sofort an ein Mädchen aus meiner Schulzeit, das zwar Stehblues mit mir tanzte, sich aber partout nicht küssen, geschweige denn befummeln ließ! Rieche ich irgendwo verschmortes Metall, dann stehe ich im Geiste wieder in dieser Anhängerkupplungsfabrik, in der ich damals in den Ferien gejobbt habe, usw., usw.
Das alles sind komplett subjektive Assoziationen, ohne auch nur den Hauch von Allgemeingültigkeit. Hören wir aber zum Beispiel den Vornamen »Adolf«, denken die meisten von uns an eine unrühmliche Epoche dieses Landes, und sobald wir das Datum 11. September lesen, haben wir die Flugzeuge und die Türme vor Augen. Das sind dann nicht nur weit verbreitete Assoziationen, es sind zudem auch für viele Menschen sehr unangenehme. Weil bestimmte Leute, wie zum Beispiel Hitler oder El Kaida, es geschafft haben, bestimmte Dinge inhaltlich zu besetzen. Ungeachtet der Tatsache, dass es auch in der Nazi-Zeit in Deutschland bestimmt jede Menge weiterer Adolfs gab, die trotz ihres Namens keine Faschisten waren. Und mit Sicherheit gibt es Abertausende von positiven Ereignissen an den 11. Septembern unserer Weltgeschichte. Theodor Adorno zum Beispiel ist an einem 11. 09. geboren … genauso wie Franz Beckenbauer übrigens auch!
Ja, genau betrachtet sind solche Assoziationen eigentlich ziemlich ungerecht. Und auch im Fußball, liebes Tagebuch, gibt es Unmengen davon. Wobei man hier zumindest über den Tatbestand der Ungerechtigkeit leidlich streiten könnte. Wenn ich zum Beispiel im Rahmen meines Soloprogramms den Namen »Lothar Matthäus« erwähne, lachen schon alle, bevor ich ihn überhaupt kurz zitiert habe. Bei »Bayern München« denken alle Anhänger anderer Klubs an Dominanz und Überheblichkeit, bei »VfL Bochum« an graue Mäuse, bei »Fallrückzieher« (zumindest die Älteren) an Klaus Fischer, bei »Manchester United« an Alex Fergusson, der dort schon seit über 600 Jahren Trainer ist, bei »Mario Basler« an Intellekt pur, und bei »David Beckham« schießt vielen sofort der Begriff »metrosexuell« in den Kopf.
Es gibt sie zuhauf, und die meisten sind eher harmlos. Blöd wird es aber, wenn zum Beispiel Vereine bzw. deren Namen fiese Zusammenhänge in unseren Köpfen herstellen. Nimm als aktuelles Beispiel Dynamo Dresden. Damit verbinden wir dieser Tage nichts außer Gewalt durch unterirdische Volldeppen. Keiner unserer Gedanken gilt einem Traditionsklub, der im ostdeutschen Fußball Geschichte geschrieben hat und dessen Erfolge für eine ganze Region emotional so wichtig sind. Und der sich sportlich nach langen Talbesichtigungen langsam wieder nach oben gearbeitet hat. Nur weil eine gewisse Gruppe Primaten kollektiv ihre Gehirne in der Elbe versenkt haben. Ich habe Freunde in Dresden, die schämen sich dafür in Grund und Boden, was natürlich vollkommener Quatsch ist! Dass man jetzt erwägt, Dynamo aus dem DFB-Pokal nächste Saison zu nehmen, ist schlimm, trifft in großer Mehrheit die Falschen und ist zudem durchaus Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit seitens des DFB.
Bleibt die Frage, wie es mit den Assoziationen bezüglich unserer Eintracht aussieht. Auch in Frankfurt gibt es derzeit ein paar geistig ausgesprochen übersichtlich strukturierte Jungs, die den Ruf unseres Vereins durchaus zu schädigen versuchen. Ich glaube aber, dass wir, die wirklichen Fans, sie ignorieren sollten. Denn gerade jetzt ist ein guter Zeitpunkt, das Loserimage nach dem Abstieg zu korrigieren. Wir haben einen charakterlich starken Trainer, einen ausgesprochen erfahrenen und guten Sportdirektor, und wir haben einen Chef, der bereit war und ist, aus Fehlern zu lernen (und genau deshalb die beiden Erstgenannten geholt hat). Dazu kommt, nicht ganz unwichtig, eine Mannschaft, die zwar, wie in Ingolstadt und auch in Aue zu sehen war, nicht immer Glanz verbreitet, die aber an sich glaubt!
Und die genau deswegen immer noch ungeschlagen ist. Wäre doch schön, wenn man in absehbarer Zeit irgendwo in Deutschland jemand nach Eintracht Frankfurt fragt, sich dessen Gesicht erhellt, und der dann sagt: »Geiler Verein!« In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim
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gw am
9. November 2011 .
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Brocken und Gulliver
Liebes Eintracht-Tagebuch,
vor ein paar Tagen hatte ich ein hochinteressantes Gespräch mit meinem Kumpel Brocken. Wir saßen in der kleinen Sitzecke einer hiesigen Bäckerei, aßen abwechselnd Puddingstückchen und belegte Brötchen mit Kalbsleberwurst, als er mir erzählte, dass er sich die Neuverfilmung von »Gullivers Reisen« mit Jack Black auf DVD angeschaut hatte. Und dass ihm sowohl der Film als auch die Story sehr gut gefallen hätte. Statt ihm zu verraten, dass ich diese Geschichte selbstverständlich kannte und schon als Jugendlicher die Originalversion von Jonathan Swift gelesen hatte, stellte ich mich unwissend.
»Erzähl doch mal, um was geht’s denn da?« »Pass uff, da ist so’n Typ, der verunglückt mit’m Schiffsche, dann wacht er irgendwann uff, liegt am Strand, und um ihn rum lauter so klaane Hüpper, die ihn gefesselt habbe!« »Was für ›klaane Hüpper‹?« »Ei Zwersche, Du Depp! Die nemme ihn jedenfalls gefange, abber irgendwann hilft er ihne en paar Mal in bedrohliche Situatione, dadefür finden sie ihn dann doch gut und mache ihn quasi zum Könisch. Und irgendwann später isser plötzlich in nem annern Land, wo nur riesische Riesen lebe, die ihn in nem Puppehaus gefange halte!« »Riesige Riesen – aha! Und des war’s dann?«
»Naa! Da befreit er sich natürlich …« »Logo!« »… und kommt dann noch e ma zu dene klaane Hüp… also dene Zwersche, und dann heiratet er zum Schluss!« »Ne Zwergin?« »Doch keine Zwerschin! Seine Kollegin, die ihm dadehin nachgereist is!« »Und dann bleiben die für immer da?« »Nee, die fahren dann zurück und leben dann unner ihresgleichen.«
»Klingt gut, Brocken!« Der Gesichtsausdruck meines gewichtigen Freundes änderte sich plötzlich, und seine eben noch fast kindliche Begeisterung wich einer beeindruckenden Ernsthaftigkeit. »Und weißte, was mir am näschste Tag klar geworn ist…?« Ich schüttelte den Kopf und wartete stumm und gespannt auf das, was jetzt kam. »Mir is klar geworn, dass die Geschichte von diesem Gulliver und seinen Reisen im Prinzip gleischzeitisch die Geschichte von Eintracht Frankfurt ist. Oder annerster gesagt: Wenn es so was wie den Gulliver der Gegenwart gibt, dann isses die Eintracht!« »Aha!«, antwortete ich, was so viel bedeutete wie: »Ich hab keine Ahnung was du meinst!« Aber Brocken wartete ohnehin auf keine Reaktion meinerseits, sondern freute sich vor allem, mir seine Erkenntnisse auszubreiten.
»Also, ich geb dir en Beispiel: Letzte Saison war die Eintracht nach de Hinrunde Siebter! Also war sie für viele Vereine, die hinner ihr standen, ne Nummer zu groß und erstema net erreichbar. Ganz zu schweische von dene Zweitligisten!« »Ja und?« »Kapierste des net? Für all die war die Eintracht, des was für die Zwersche de Gulliver war! En Riese!« »Ja?« »Ja! Aber als die Eintracht dann plötzlich abgestiegen war, war sie plötzlich net mehr so groß, sondern aus der Sicht von allen Vereinen über ihr plötzlich en Zwersch! Genauso wie beim Gulliver, als er plötzlich des Land gewechselt hat!«
Brockens Augen leuchteten, während mich seine hüpfenden Backen und sein fülliger Hals an diese Wackelbildchen von früher erinnerten. »Und so war es ja schon immer. Ruff … runner … ruff … runner! Abgestiegen, uffgestiegen, abgestiegen, uffgestiegen. Mal Riese, mal Zwersch! Genau wie de Gulliver! Des is doch en super Vergleich, oder?« »Naja«, antwortete ich, »nur ist ja die Eintracht beileibe nicht die einzige Fahrstuhlmannschaft. Was ist mit Bochum, Bielefeld, Hertha usw.? Die waren auch schon zig Mal Riesen und dann wieder Zwerge. Die waren auch schon oft Gulliver.«
Brockens Euphorie schien jäh gestoppt. Seine freundschaftliche Haltung mir gegenüber allerdings auch. »Des kann man überhaupt net vergleiche!«, brummelte er. »Ach ja? Und warum nicht?« »Weil … weil …« Sein Blick schweifte unruhig über die Glastheke mit den Backwaren hin und her, so als würde er irgendwo zwischen Brezeln, Laugenbrötchen und Quarktaschen die richtige Antwort vermuten. Was anscheinend tatsächlich der Fall war. Denn schon stoppten seine eben noch unruhigen Pupillen und fixierten nun wieder mich. »Weil de Gulliver, wie ich es ja auch in dem Film gesehen hab, en sympathische Typ is. Und des Wort kannste bei Bochum, Bielefeld oder so ja wohl vergessen! Des passt nur auf einen sympathischen Verein. Und da gibt’s halt nur einen! Oder siehst du des annerster?«
Grinsend gab ich auf. So hanebüchen und an den Haaren herbeigeholt diese These auch zu sein schien, ich mochte das, wenn er Dinge gnadenlos durch die rotschwarze Brille betrachtete. »Nein, natürlich nicht. Eintracht Frankfurt ist definitiv der Gulliver des deutschen Fußballs, da hast du komplett recht!« Er nickte zufrieden. »Bleibt aber noch was zu klären, lieber Brocken. Wie das nämlich am Mittwoch beim Pokalspiel gegen Kaiserslautern ist. Welche Gulliver-Version sind wir denn da?« »Des is doch einfach! Vorm Spiel sind wir als Zweitligist de Zwersch. Nach’m Abpfiff net mehr!« In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim
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gw am
25. Oktober 2011 .
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