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Paul-Ulrich Lenz: Ein Zwischenruf

Wie gut, dass es Leute gibt, die die grauenvollen Irrtümer der Theologie seit rund 1400 Jahren mit einem Rund-Umschlag aufdecken können. Jetzt muss die Theologie-Geschichte neu geschrieben werden, der 31. Oktober wird schon 2017 ein Arbeitstag und die evangelische Kirche weint sich reuevoll in die Gunst der Gebildeten unter den Verächtern der Religion zurück. Peccavi, bekennt sie und hofft auf Milde in den Spuren des Erasmus, weil das mit der Gnade ja so hoch problematisch ist.

 

Es gibt eine große Kränkung für das selbstbewusste und sich selbst erschaffende Ich. Für Menschen, die darauf setzen, dass sie ihr Leben zum gelingenden Leben machen können. Diese Kränkung lässt sich in einen Satz zusammenfassen: Vor der letzten Instanz der Welt zählt nicht unsere Leistung, zählen auch nicht unsere Fehlleistungen, sondern allein die Gnade. Im Vorletzten (Bonhoeffer) – der Wirklichkeit, in der wir leben – zählen Leistungen und Misserfolge, gibt es erfolgreiches Leben. Aber das alles ist eben Vorletztes.

Die Überzeugung Luthers und der ihm folgenden Kirchen – auch der Katholischen – ist allerdings: Dass im Letzten nur die Gnade zählt, wird auch das Verhalten im Vorletzten verändern. Für den, der so glaubt.

Die andere große Kränkung: Es gibt diese Einsicht in die Gnade nicht auf dem Weg des eigenen Denkens. Sie folgt nicht logisch aus der Welterfahrung. Weil: Es gibt die Erkenntnis Gottes nicht auf den Wegen der Vernunft. Deshalb  ist sie noch nicht gleich unvernünftig. Aber sie übersteigt unsere Denkwege. Darum redet die Bibel vielfältig davon, dass niemand Gott sehen kann. Dass wir scharfsichtigen und klardenkenden Leute in Sachen Gott und Gnade „Blinde“ sind und „Blinde“ bleiben, wenn uns nicht die Augen geöffnet werden.

So wird die Rolle der Vernunft scharf eingegrenzt: sie ist Gabe für die Zeit. Sie hat ihr Anwendungsgebiet in der Ordnung des Lebens. Da ist sie wirklich angesagt – glaubt auch Luther. Aber sie ist untauglich, um den letzten Grund der Welt zu erkennen: Dafür reicht sie nicht. Das hat wohl auch Immanuel Kant gewusst.

Die dritte Kränkung: das Leben ist nicht fair. Es trifft hart, oftmals sehr hart. Und nichts im Leben erlaubt eine Erklärung, warum es die einen trifft und die anderen nicht. Warum der eine promoviert und der andere Straßenarbeiter wird. Man tut gut daran, sich die eigenen Lebenserfolge nicht allzu rasch allein aufs eigene Konto zu buchen. Erst recht nicht, sie einer, wie auch immer gearteten Vorherbestimmung – Prädestination – anzulasten. Das ist keine Denkfigur heutiger Theologie mehr und war auch keine tragende Denkfigur bei Luther, schon gar nicht in der Gestalt einer Vorherbestimmung zum Unheil. Calvin scheint so gedacht zu haben.

„Und doch gibt es auch in solchen Fällen ja immer die, die es ganz genau wissen. Die deshalb die Toten eines Tsunami nachträglich der ungezügelten und gott-losen Lebensführung bezichtigen. Die deshalb die Opfer eines Verkehrsunfalls immer unter den General-Verdacht „Raser“ stellen. Die es fertig bringen, bei Krebserkrankungen über unsolide Lebensführung und psychische Instabilität als Ursache zu schwadronieren. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang als oft genug lieblose Erklärung macht vor Unglücksfällen nicht Halt.  Und wieder sagt Jesus: Schaut auf euch. Urteilt nicht über andere. Maßt euch keine Urteile an. Es ist nicht Gottes Sache, Menschen für ihre verborgenen kleinen und großen Sünden durch öffentliche Unglücksfälle zu strafen. „Jesus ersetzt sowohl den in allem herum schnüffelnden wie den fernen Gott durch einen zärtlichen, der auf uns wartet und der uns, bevor er uns erwartet, einlädt.“ (F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/2; S. 378) Aber der Ruf zur Umkehr, zur Metanoia, gewinnt gerade so an Dringlichkeit. Denn wer sich diesem zärtlichen Gott nicht zuwendet, dem ist nach den Worten Jesu das Verderben, das Unheil in der Zeit gewiss. In alledem geht es aber um das Heil und Unheil in der Zeit. Es gilt vorsichtig zu sein, daraus flugs Aussagen über die Ewigkeit abzuleiten. Der Weg in die Freiheit ist der Weg der Hinkehr, Umkehr zu Gott – in dieser, unserer Lebens-Zeit.“ ( Blogg: Bibel, Gott und die Welt 23. 9.17) (Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R./Schotten)

Veröffentlicht von gw am 22. September 2017 .
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Paul-Ulrich Lenz: Post vom Clubhaus

Heute habe ich Post bekommen, durch die mir der frühere Bundestrainer, Vorgänger von Joachim Löw (Warum muss eigentlich ein 56 jähriger, der steil auf die 60 zugeht, immer noch mit dem Diminutiv bedacht werden?) in den Sinn kam. Von ihm gibt es ja, mehrfach bezeugt, die schöne Wendung: „Die Tore, wo ich geschossen habe.“ Das fiel mir ein, als ich im an mich und meine Frau adressierten Brief der Clubhaus-Chefin (so gw) las: „Für ein Deutschland, in  dem wir gut und gerne leben – darum geht es mir.“ So sehr ist sie für Deutschland, dass sie sprachlich aus der Reihe tanzt oder die Sprachlogik ein wenig misshandelt, sie umgeht, in dem sie so mit der Sprache umgeht. Mir liegt ja näher: um Deutschland geht es mir.  Und bis heute wusste ich auch nicht, dass es mehrere Deutschlands gibt und man deshalb ausdrücklich nachdrücklich betonen muss: ein Deutschland.

Aber vielleicht ist es ja so: Sie regiert und irgendwelche gut dotierten Menschen schreiben ihre Briefe. Vielleicht ist es auch besser so – Regieren und Briefe schreiben fein säuberlich auseinander zu halten. Man kann halt nicht alles gleich gut.

Was soll man aber auch erwarten von einer Partei-Zentrale, deren Chef der Gestalt gewordene Komparativ von taub ist. Und in deren Schwester-Partei einer, auf dem so manche Nachfolge-Hoffnung ruht, vom Babenhäuser Pfarrerkabarett mit dem spitzen Satz bedacht worden ist: „Wenns´ de glaubst, es geht net blöder, kommt um die Eck´ der Markus…..“

Aber es ist ja ohnehin ein Kreuz mit den Parteien. Kaum habe ich freudig erregt den absoluten Spitzen-Satz des von mir nur spärlich beobachteten Wahlkampfs gehört: „Ich verspreche Ihnen: Wir werden Fehler machen“  und gedacht: Donnerwetter – da traut sich einer was. Der sagt ja die Wahrheit. Da fängt er auch schon vor dem Wahltag an, sein Versprechen mit Forderungen nach Ämtern, wenigstens einem, einzulösen.

Überhaupt: als Wähler ist man arm dran. Beim persönlichen Test des Wahl-O-Mat habe ich erfahren: ich kann sie alle wählen – außer denen, die ich sowieso nicht wählen würde. Aber sonst alle, die zur Regierung drängen.

Das zeigt mir: Du darfst deine Entscheidung nicht an einen Roboter abtreten. Du musst selbst wählen. Vor Jahren hat ein Freund gesungen: “Womit hab, ich das verdient, dass ich hier leben darf? Ich habe die Qual der Wahl.“ Recht hat er.

 

Apropos Roboter: Man sollte nicht nur Wahlentscheidungen nicht an Roboter abtreten, auch wenn sie nett lächeln und auf gut Hessisch grüßen: „Ei Gude, wie?“  Dieses Setzen auf Roboter und ihren Segen ruft mir einen schönen Witz in Erinnerung:

Auf dem Bahnsteig setzt sich der Zug langsam in Bewegung, als von hinten ein Herr angerrannt kommt. Er winkt, fuchtelt, rennt, was das Zeug hält. Zum Schluss setzt er zum Sprung an und landet auf dem Bauch. Der Zug fährt ungerührt davon. Als er sich mühsam zu erheben versucht, fragt ein mitleidiger Passant: „Haben Sie den Zug verpasst?“ Die ein wenig aus dem Mund gepresste Antwort: “Nein, verscheucht werde ich ihn haben.“

Ich fürchte, dass Versuche mit Robotern nicht dazu geeignet sind, den fahrenden Zug des Zeitgeistes zu erreichen, um noch schnell aufzuspringen. Vielleicht sollte man sich andere Wege suchen. Bessere, die näher am eigenen Markenkern bleiben – von Angesicht zu Angesicht. Darum geht es ja, soweit ich das verstanden habe – beim Segen. (Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R/Schotten)

Veröffentlicht von gw am 22. September 2017 .
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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Huber, Luther und die Verhöhnung des Elends oder das zweifelhafte Jubiläum

Zum Lutherjubiläum kommen nicht nur die weithin bekannten Tatsachen aus der Geschichte der Reformation, wie Bekämpfung des Ablasshandels oder Kritik an dem Prunk der damaligen Kirche auf die Tagesordnung, sondern auch Luthers Theologie und Politik.

Luthers Theologie, von der die Kirche wenig redet, kann wohl nur als Theologie des Schreckens und Grauens bezeichnet werden. Grund ist die doppelte Prädestination, also notwendige Vorherbestimmung Gottes über das Seelenheil des Menschen im Guten (selten) und Bösen (also Verdammnis, häufig). Dass die Evangelische Kirche dennoch von sich selbst als „Kirche der Freiheit“ spricht, ist wohl erkennbar grotesk und höchst gefährlich. Denn die Theologie Luthers lässt alles Mögliche zu, aber moralisch zu verantwortende Grundentscheidung des Menschen nicht. Thomas Mann wies in Abgrenzung von Reformation und Humanismus darauf hin, wie wenig freiheitlich und wie stark rückwärts gewandt die Reformation war. Diese Auffassung kann man ironisch so mit Theodor Fontane so formulieren: „Es geht die Sage, dass mit dem Mann aus Wittenberg die Freiheit in die Welt gekommen sei. Was aber ist in die Welt gekommen: Unduldsamkeit und Hexenverfolgung“.   Nun, ich will nicht nur ironisch sein. Deshalb will ich es mit einer sachlichen Erklärung versuchen: was in die Welt gekommen ist, ist eine drastische Negation der menschlichen Willensfreiheit, wenn es eben um diese eine Grundentscheidung geht. Was aber auch in die Welt gekommen ist, ist die Wirtschafts- und Handelsfreiheit. Kaufleute und Kapitalinhaber profitieren langfristig von  dieser Art Freiheit.

Genau das aber wäre Freiheit, wenn die religiöse Grundentscheidung aus freiem Willen und in aller moralischen Verflechtung geschehe. Die Ev. Kirche ist also genau nicht „die Kirche der Freiheit“.

Und das führt zu einem Gottes- und Menschenbild, das seinerseits vor dem Elend der Welt nicht zu verantworten ist, weil die Angelegenheiten der Wirklichkeit fast als Schicksal verstanden werden, also in ein tiefes Mysterium getaucht werden. In einer solchen determinierten oder doch unerklärlichen Welt kann man nicht mehr verantwortlich handeln. Oder nur, wie neulich ein Theologe gesagt hat, darüber, ob man morgens Kaffee oder Tee trinken will.

Die Kirche nimmt diesen Fatalismus nicht zur Kenntnis und behauptet, dass die Freiheit, die aus dem geschenkten Glauben und damit aus der geschenkten, also nicht verantworteten, Tat kommt, eine wirkliche Freiheit im Sinne des Wortes, wie wir es verwenden, sei.

Damit redet sie nochmals Groteskes.

Wer wie Luther Willensfreiheit, wie schon sein geistiger Vater Augustinus, in der entscheidenden Frage von Prädestination und Verantwortung ablehnt, hat die philosophische Dimension des Freiheitsbegriffs nicht verstanden und die politische verfehlt. Mit dieser Theologie kann man alles rechtfertigen.

Hinzu kommt noch, dass auch sonst wenig Anlass zur Freude besteht, wenn man einmal von der in der Tat epochalen Leistung der Bibelübersetzung und der völlig berechtigten Kritik an der Verderbtheit der Akteure der damaligen allgemeinen (katholischen) Kirche absieht.

Der Kirche merkt man noch heute an, welche unheilvollen Ergebnisse Luthers Allianz mit den an Macht, nicht an Religion, interessierten Landesfürsten historisch hatte. In opportunistischer Weise hat er sich politisch den Fürsten in die Hand gegeben. Er behauptete, Politik sei nicht seine Sache. Und nicht die der protestantischen Religion. Aber Politik hat er gemacht: er hat seine Überzeugungen der Macht geopfert und z.B. die Bauern in ihren sozialen Bemühungen im Stich gelassen. Da konnte er ja doch Politik machen.

Diese Allianz besteht noch heute: Thron und Altar sind noch heute verbunden. Wir sehen es gerade heute wieder. Zum Glück aber hat die Kirche keinen Einfluss mehr und wenn der Zauber der aktuellen Politik vorbei ist, rückt sie wieder in das zweite oder dritte Glied.

Man müsse Luther aus seiner Zeit verstehen? Klar, aber dann dürfen wir diese Theologie nicht übernehmen.

Und außerdem: es gab schon damals ganz andere Akteure. Zu nennen ist hier nur sein großer Gegner, Erasmus von Rotterdam. Mit diesem hätte es wohl keine Glaubensspaltung gegeben, und ein rationalerer Umgang mit Glauben, Handeln und kirchlicher Praxis wäre heute Realität.

Heute ist in der  Nachfolge dieser Theologie von „globaler Menschenliebe“ Gottes und der Verpflichtung zur Nächstenliebe die Rede.  Wo bei dem moralischen Nihilismus der Protestanten plötzlich die Kategorie der Verpflichtung ihr Recht her bekommt, kann ich nur bei politischen Opportunismus – wie so häufig – vermuten.

Nein,  Luther ist auch im Lutherjahr einfach eine Zumutung  – und damit auch die Evangelische Kirche.  Auch theologisch ist die Lutherkirche  halbherzig und inkonsequent. Oder nur, wenn man die katastrophale Luther-Theologie zugrunde legt. Sicherlich verpflichtet das Gebot der Nächstenliebe, aber nicht uferlos und ohne jede Grenze für das Funktionieren einer Gesellschaft. Die Bergpredigt findet ihre Grenze darin, dass Jesus sie für eine christliche Gemeinde, für ihn gab es die aber noch gar nicht, d.h. also die Jüngergemeinde gehalten hat, also für Menschen, die rückhaltlos seine Gebote befolgen wollen. Das ist in der Gesellschaft aber nicht der Fall, so dass unbegrenzte Nächstenliebe diese zerstören würde. Es ist aber absurd, das zu zerstören, was für 80 Mio. Menschen politische und ökonomische Heimat ist, nur um den Willen einer Idee. Diese Zerstörung würde zudem die Basis für wirksame Hilfe für die Elenden dieser Welt nehmen.

Luther jedoch ist genau das Beispiel, das wir für globale Menschenliebe brauchen.

Wie die protestantische globale Menschenliebe aussieht, definiert ihr Erfinder, Martin Luther:

 

Was wir glauben sollen, muß verborgen sein. Am meisten verborgen ist das, was im Widerspruch steht zu Wahrnehmung und Erfahrung. Wenn daher Gott Leben schenkt, dann tut er das, indem er tötet. Wenn er uns rechtfertigt, dann tut er das, indem er uns zu Schuldigen macht. Wenn er uns in den Himmel erhebt, dann tut er das, indem er uns in die Hölle führt … So verbirgt er seine Güte und Barmherzigkeit unter seinem ewigen Zorn, seine Gerechtigkeit unter der Untat. Denn das ist die höchste Stufe des Glaubens, daß man glaubt, der sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt, daß man glaubt, derjenige sei gerecht, dessen Willen uns mit Notwendigkeit zu Verdammenswürdigen macht, so daß es, wie Erasmus sagt, so aussieht, als freue er sich an den Qualen der Elenden und habe eher unseren Haß als unsere Liebe verdient. Wenn ich aufgrund irgendeiner vernünftigen Überlegung glauben könnte, dieser Gott, der solchen Zorn und Untat aufweist, sei barmherzig und gerecht, dann wäre kein Glaube nötig“. (Luther, Über den freien Willen). Damit haben die Elenden, Armen, Unterdrückten dieser Welt Gottes globale Liebe zu spüren bekommen. Sie haben ja, was sie wollten: einen  verborgenen Gott, der sie liebt, in dem er sie und ihre Kinder krepieren lässt. So einfach darf es sich selbst eine luthereuphorische kirchliche Gemeinschaft nicht machen. Wie man sieht, so einfach ist das nicht mit der globalen Liebe, wenn sie denn nicht nur im Verborgenen blüht. Mir kommt dies  eher vor wie  eine Vertröstung für Arme oder überhaupt wie eine Verhöhnung der Öffentlichkeit.   Mit dieser Art Religion ist ein Höchstmaß an Vertröstung und Disziplinierung erreicht. Da man damit alles rechtfertigen und erklären kann, versteht man, warum Machthaber aller Art von Anfang an hier religionspolitisch zugegriffen haben, und man versteht, warum Aufklärer wie Lessing und Kant gegen diese grauenvolle Lehre aufbegehrt haben.

 

Zum Zusammenhang:

 

Nachdem sich weder die „Naherwartung“  Jesu – das Reich Gottes sei schon angebrochen und er müsse das Volk Israel nur noch darauf vorbereiten bzw. darauf einstellen – noch, nach seinem Kreuzestod, er, was man erwartet hatte, sofort wiederkam, mussten die ersten Theologen, wollten sie für ihre Religion eine Zukunft schaffen, das Elend der Welt in das Innere legen. Jesus war nun nicht mehr gekommen, die Welt konkret zu verändern, sondern sein Opfertod wurde als Überwindung der Erbsünde begreifen. Das ist verständlich, denn sonst wäre Jesu Botschaft in das Gleichgültige versackt. Ab sofort war der Mensch mit seiner Sündigkeit  der Gnade bedürftig, denn das Elend der Welt konkret zu überwinden,war ja nicht möglich, also musste das Paradies wo anders gesucht werden.

Wem aber das Erlösungswerk Jesu – man dachte wohl eine Art Loskauf von der Macht des Satans – einen Sinn haben sollte, durfte der Mensch daran keinen Anteil haben, konnte er keinen Anteil  haben: alles ist Gnade: schon der Glaube, dann die daraus folgende „gute Tat“, also die Werke. Und um jedes Missverständnis zu vermeiden, erfand Augustinus 500 Jahre später die doppelte Prädestination. Der Mensch hat moralisch keinen Anteil an seiner Erlösung, an der Grundentscheidung, diese ist Gnade. Er kann sie nur annehmen, aber es bleibt ein Geschenk. Für Augustinus gab es letztlich keine Willensfreiheit, er konstruierte sie nur, bzw. behauptete sie, um den Menschen wenigstens für die erste, die Erbsünde, verantwortlich machen zu können. Dieses Konstrukt ist so ziemlich die grauenvollste Theologie, die man sich vorstellen kann. Danach ist etwas schon der Säugling sündig, weil er durch die Erbsünde sündig  gezeugt wurde. Selbst die Taufe nutzt nicht viel. Sie ist eine notwendige, aber keine hinreichen Bedingung. Die meisten Menschen sind von Anfang an – Prädestination – verworfen. Deshalb ist die Welt so schlecht. Was für ein Gottesbild, kann ich da nur sagen. Schon damals sagte  Bischof Julian über Augustus nicht viel Schmeichelhaftes. Er verstand nicht, wie ein Mensch derartig ungereimtes Zeug erzählen kann. Intellektuell minderwertig nannte er das. Die Alternative, die er vertrat, war der Pelagismus, nach Pelagius, einem schottischen Mönch, der zu dieser Zeit in Rom wirkte. Dieser lehrte die moralische Verantwortung des Menschen für seine Entscheidung  zum Glauben und für Gott und damit für seine Taten. Er anerkannte die Willensfreiheit aus der Überzeugung heraus, dass nur so ein guter Gott erklärt werden konnte. Pelagius wurde später von der Kirche – natürlich – geächtet. Augustinus heilig gesprochen und seine Lehre kanonisiert. Allerdings ohne Folgen. Die Theologen sprechen beim Katholizismus von Semipelagismus,

Luther hat, wie  man am oben aufgeführten Zitat sieht, das Ganze noch einmal in das völlig Unerträgliche gesteigert. Zu Luthers Zeit war der Gegenspieler Erasmus von Rotterdam. Die Auseinandersetzung aus dem 6. Jahrhundert wiederholte sich. Verschärft. Luther akzeptiert schlechterdings nur die Rechtfertigung vor Gott aus Gnade. Durch moralisches Handeln, das ja Willensfreiheit voraussetzt, niemals. Gerecht – also richtig – vor Gott wird man nur durch Gnade, durch ein Geschenk. Das hat Erasmus völlig anders gesehen und dem Menschen einen hohen Anteil an seiner Rechtfertigung zugesprochen. Luther konnte dies am Ende nur noch zusammenfassen mit: „Den Erasmus muss man zerdrücken wie eine stinkende Wanze“.

Sollen und wollen wir wirklich 500 Jahre einer solchen Religion der absoluten Unfreiheit feierlich begehen? Denn endlich wird ja durch diese Theologie sogar das Elend der Welt gerechtfertigt, politische Unfreiheit als notwendig betrachtete. Wenn dies auch in unserer Zeit abgemildert scheint, aber nur scheinbar. Noch vor 100 Jahren, 2014, zeigte auch die Ev. Kirche ihr wahres Gesicht, in dem sie den Kriegsausbruch als Willen Gottes  bezeichnete und die Opfer, ganz in der Manier Luthers, noch als „globale Liebe“, wie es Herr Huber 2017 ausdrückte, verstand. Auch 1932 zeigte diese Kirche noch einmal ihr Gesicht. Auch der NS-Staat wurde von Ev. Christen, nicht nur von Deutschen Christen, als Werk Gottes und Teil der Heilsgeschichte interpretiert. Man wird den Eindruck nicht los, als wolle sich die Ev. Kirche mit ihrer derzeitigen aggressiven Verhaltensweise gegen alle Andersdenkenden bei aktuellen politischen Fragen für ihre Vergangenheit entschulden. Nur, um fast wieder die selben Fehler zu machen. In ihrer grenzenlosen opportunistischen Anpassungssucht – ganz wie Luther – schwankt sie in ihrer Bibelauslegung: je nach kirchenpolitischer  Kassenlage wird das Neue Testament wörtlich, wie derzeit, oder symbolisch, wenn die Wort nicht passen wollen,  gelesen  und die daraus resultierenden „wissenschaftlichen“ Erkenntnisse dem staunenden Publikum verkauft. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Veröffentlicht von gw am 18. September 2017 .
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Michael Jungfleisch-Drecoll: Angeregt durch “Ohne weitere Worte”

Martin Schulz hat Angela Merkel angeboten, nach der Wahl in sein Kabinett einzutreten und Vizekanzlerin zu werden. Das hört sich (…) ein bisschen so an, als hätte der Präsident des SV Elversberg Lionel Messi angeboten, nach der Winterpause in die Regionalliga Südwest einzutreten, um dort rechter Verteidiger zu werden. (Peter Dausend in der Zeit)
Sollte Messi dieses Angebot wider aller Erwartungen doch ablehnen, habe ich für den SV Elversberg einen ganz heißen Tipp: nehmt doch Martin Schulz, den bisher verhinderten Fußballprofi!!! (Michael Jungfleisch-Drecoll)

Veröffentlicht von gw am 18. September 2017 .
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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Verein A

Ihre Geschichte vom Verein A trifft die Lage der Vereinsgemeinschaft, von der Sie ja in Metaphern sprechen, ganz gut. Aber – immer nur aus meiner Sicht – nur „ganz“ gut, will sagen: nicht vollständig.

Es sind drei Punkte, über die zu reden sein würde, wenn Sie denn reden wollen überhaupt.

1, Sie erwähnen den Vorstand nicht in der Bedeutung, die er als Metapher hat. Er ist lediglich geschäftsführend, das oberste Organ ist die Vollversammlung. Und die müsste bei derartig radikalen Veränderungen nach Satzung sicherlich gefragt werden. Denn:

  1. Es sind ja nicht nur zahlenmäßige und materielle Veränderungen, die bei einer derartigen Eintrittswelle auf den Verein zukommen. Es werden sich, bedingt durch die doch sehr unterschiedliche Sozialisation der Neu-und Altmitglieder, heftige Verschiebungen des Vereinszwecks ergeben – oder könnten sich doch nahe liegender Weise ergeben. Wie sagte doch die Vereinsvorsitzende vor einiger Zeit: „Eine solche Eintrittswelle wird unseren Verein stärker verändern als alles, was er in seiner langen Geschichte erlebt hat“. Dazu würde nicht nur die erwähnte kleine Opposition jedes Recht haben, eine Vollversammlung zu verlangen.
  2. Einige weitsichtige und rational denkende Mitglieder halten dem Vorstand entgegen, dass die Zahl jener, die grundsätzlich dem Verein beitreten wollen oder könnten, aufgrund ihrer Motivlage, die Zahl der aktuellen Mitglieder um ein zehnfaches übersteigt. Ob denn der Verein oder sein Vorstand dafür ein nachvollziehbares Konzept hat? Diese kleine Gruppe speist ihre Kenntnisse aus den Erkenntnissen einiger Wissenschaftler und der eigenen, durchaus menschlich mitfühlenden. Beobachtung. Der Vorstand antwortet nicht. Dann aber fragt sich, was mit „für seine Zwecke nutzen“ gemeint ist, wenn der Autor der kleinen, guten Geschichte von der Opposition spracht, die das für ihre „Zwecke nutzen“ wolle. Im Übrigen hat diese Gruppe keineswegs Angst, man verbittet sich einfache Psychologisierung. Es sind handfeste vereinsrechtliche Gründe vorhanden für diese Einwände.

Auch meine Darstellung ist natürlich metaphorisch schief mindestens in einem Punkt: ein Verein hat zwischen der Vollversammlung, die im wirklichen Leben nicht vorgesehen ist, oder angeblich nicht möglich erscheint, und der Vereinsgeschäftsführung, dem Vorstand, kein weiteres repräsentatives Gremium mehr, das opportunistisch stets dem Willen der Geschäftsführung folgt. Ich möchte nun einmal den Verein sehen, der sich es gefallen lässt, wenn der Vorstand ständig eine Geschäftsführung ohne Auftrag und ohne satzungsgemäße Deckung betreibt. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)


        

Veröffentlicht von gw am 16. September 2017 .
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Baumhausbeichte - Novelle