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Sport-Stammtisch (vom 18. November)

»Ich habe das Gefühl, dass sich die Kosten an den Transfersummen der Profispieler orientieren.« So verulkt unser Leser Heiko Sichau aus Krofdorf nicht den irren Preisschub auf dem Kunstmarkt, sondern er reagiert auf den Quantenhüpfer auf der Frankfurter Rennbahn, wo sich die veranschlagten Kosten der DFB-Akademie von 90 auf 150 Millionen erhöht haben. Wobei diese Zahlen erfahrungsgemäß nach oben offener sind als die auf der Richter-Skala der Seismologen.
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Dass die Kosten galoppieren, liegt angeblich an den Rennbahnbetreibern, die sich auf die Hinterhufe stellen. 60 Millionen für die Anwälte? Zum Wiehern. Aber auf der Fußballer-Skala liegt die DFB-Akademie immer noch bei vergleichsweise günstigen 0,67 Neymar. Der unter den Hammer gekommene Da Vinci, ein echter Hammer, kostet schon rund zwei Neymar, besitzt aber im Gegensatz zum Fußballer nicht mal ein überzeugendes Echtheitszertifikat.
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Von Neymar bis Da Vinci beweist der Markt schlagend, dass Geldwert nur eine lockere Vereinbarung ist. Obwohl sich das gemalte Bild nicht verändert, explodiert der Preis, und genauso kann er wieder implodieren, je nach subjektiver Echtheits-Vereinbarung der Kunstexperten. Aber ich will nicht auf dem philosophischen Flohmarkt stöbern. Heiko Seip bringt mich zurück zum Fußball und macht Laune, denn unser Leser hat den empirischen Beweis gefunden, dass die Frankfurter Eintracht schon lange vor dem Richtfest der DFB-Akademie deutscher Meister sein wird, denn: »’immer’ wenn Italien NICHT bei einer WM dabei war (1958), wurde Eintracht Frankfurt daraufhin deutscher Meister (1959)«.
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Der Titel 2019 ist also sicher, sicherer zumindest als die Echtheit des Da Vinci. Für diese Titel-Verheißung verdient Heiko Seip die gewünschte Belohnung: »… wenn Sie ggf. noch dazufügen könnten, dass ich der ’zukünftige Präsident’ der SG Oppershofen bin, wird dort bestimmt noch ein 50-Liter-Fässchen ’uffgemacht’«. – Voilà, ist erledigt. Na dann Prost!
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Die Bayern schlottern schon. Kein Wunder, dass der FC Bellheim alle seine alten Meister aus dem Keller holt. Und die sind echt und vor allem echt alt! Ihr letzter Da Vinci heißt Müller-Wohlfahrt, und den hat niemand besser beschrieben als der geniale Spötter Hans Zippert: »Der Mann ist ein Schamane. Sein genaues Alter kennt niemand, aber Historiker haben ihn schon auf Wandmalereien identifiziert und als Notarzt bei römischen Gladiatorenkämpfen.« Dass Müller-Wohlfahrt als Klümper-Schüler gilt, ähnlichen Guru-Status genießt wie früher der heute verfemte Freiburger »Doc« und dass er auf das aus Kälberblut gewonnene und sehr umstrittene »Actovegin« schwört, sei da nur am Rande erwähnt. Jedenfalls geht er mit den Fußballern sorgsamer um als Guardiola. Der spielte in München Playstation in echt und nahm keine Rücksicht auf angeschlagene Figuren, was zu einem der zwischenzeitlichen Rücktritte des »Mull« geführt hatte.
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Nun warten wir nur noch auf die Reaktivierung von Lothar Matthäus. Als Spieler. Als Trainer hat er sich ja selbst (den Mund) verbrannt. Schade, denn von allen Fernseh-»Experten« überzeugt er mich mit am meisten. Andererseits: Vor langer Zeit soll er das Kunststück fertiggebracht haben, in einem Satz alle derzeit heiß diskutierten Männer-Delikte unterzubringen. Sportlerinnen soll er, mit entsprechender Handbewegung, zugerufen haben: »Hey, unser Neger hat soo einen Langen!« Belästigung, Sexismus, Rassismus, weißer Minderwertigkeitskomplex und das N-Wort – reife Leistung.
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Oder ein Fake? Weil »Loddar« alles zuzutrauen sei? Dementiert hat er allerdings nie. Auch mein Verdacht verdichtet sich, dass der Tournee-»Gig« von Helene Fischer, in knapp 30 Sekunden eine Maß auf ex zu trinken, ein Fake-Gag sein könnte. Boulevard-Blätter zweifeln schon. Ich auch, wenn ich das Bild sehe, wie sie ein Kilo Bier plus massiven Glashumpen stemmt, ohne dass der Bizeps erkennbar angespannt wird.
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Auf dem Hometrainer werden andere Muskelgruppen gespannt, bei mir aber vor allem die Geduld auf die Folter. Weil ich, wie kürzlich beklagt, vor Langeweile vom Rad zu kippen drohe, erbarmen sich einige Leser und geben gute Tipps (die besten sind in der Online- »Mailbox« nachzulesen. Ich danke Doris Heyer/Staufenberg-Treis, Heinz Wenzel/Lich, und sogar mein alter Kumpel-Kollege »no« gibt aus dem Retiro gute Hinweise).
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Aber niemand hat mir empfohlen, beim Standradeln Sat.1 oder ProSieben zu gucken. Würde ich auch nicht tun, habe ich noch nie getan. Ehrlich! Ich weiß nicht einmal, wo die beiden auf meiner Fernbedienung liegen. Die ersten 18 gehören dort sämtlich zu den Öffentlich-Rechtlichen (ja! Trotz aller Kritik), und dann kommen die Sport-Kanäle. Auch Thomas Ebeling, der Vorstandsvorsitzende von Pro Sieben Sat.1, kann mich nicht locken, denn in einem Hintergrundgespräch, das natürlich öffentlich wurde, hat er seine »Kernzielgruppe« definiert: »Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen.« Der Mann scheint sich schneller aus dem Amt katapultieren zu wollen, als ich nach Einschalten seiner Sender vom Hometrainer fallen kann.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 17. November 2017 .
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Rehagels Spurillen (“Rück-Blog” vom 16.November)

Im Internet begleitet die Web-Site »Sport, Gott & die Welt« die »Anstoß«-Kolumnen von »gw«. In mehrmonatigen Abständen veröffentlichen wir im »Rück-Blog« kurze Auszüge
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10. September: Kühl, klamm, dunkel. Sommer vorbei. Morgen ist der 11. September. Beliebtes Gesellschaftsspiel: Wo waren Sie …? Ich auf Kreta. Im südöstlichsten Zipfel. Kein Einheimischer nahm groß Notiz vom Weltereignis. Wäre schön, jetzt dort zu sein. Aber mehr, als es uns in die Ferne zieht, zieht es die Ferne zu uns. Denn das Paradies, das sind wir. Für sie.
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24. September: Autofahrers Alptraum: Auf der Autobahn bei Rüsselsheim Stau, ein polnischer Kleinlasterfahrer will den Stau umfahren, wendet (!) und rast zurück. Drei Tote. Der Fahrer überlebt. Da fällt mir der bekannte Theologe ein, der eine Ausfahrt verpasst hatte, rückwärts zurückfuhr, von der Polizei erwischt wurde und keinerlei Unrechtsbewusstsein zeigte. Wichtiger Termin in Sachen Gott, wichtiger Mann unterwegs, da könne der Wichtige auch mal die STVO ändern: Wie ich fahre, ist richtig. Es war aber nicht jener Theologe, der nach einem EM-Spiel behauptet hatte, selbst Pferde träten keinen, der am Boden liegt, nur Kroaten. Der war von der anderen Fakultät.
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25. September: Das Rechtschreibprogramm unterkringelt den »Schiedsrichter« seit Jahren unverdrossen rot als Schreibfehler. Dummer Automat. Das sind so meine Sorgen. Die Welt hat heute andere, vor allem die deutsche Welt. Aber was ist eigentlich passiert? Die Prozentverteilung liegt noch im natürlichen Normbereich von ca. 10 jeweils links und rechts und 80 in der Mitte. Überhaupt scheinen die Befürworter einer hohen Wahlbeteiligung von den Geistern, die sie riefen, irritierter zu sein als ich von den rot unterkringelten Schiedsrichtern. Leute, das war doch klar! Mich wundert nur, dass rechts nicht noch mehr Prozente aufschwollen, nach diesem historischen Fehler der Chefin.
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1. Oktober: Jahrzehntelang habe ich im Kolumnen-Ich als »gw« geschrieben, dessen wahres Ich 99,9 Prozent der Leser nicht kannten. »gw« ist so etwas wie eine Abspaltung, sein Ich eine aus der Realität gespeiste Fiktion. Seit (nach meinem altersgemäßen Abgang) Name und Kopf über Kolumnen, Kommentaren etc. eingeführt wurden (was ich allgemein nicht schlecht finde, speziell für mich aber sehr und daher stets verhindert hatte), vergesse ich oft, dass das Geschriebene dem wahren Ich zugeordnet wird und nicht (wie beabsichtigt) als »literarisches« Ich rüberkommt.
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8. Oktober: Meine alte Vermutung, dass Sport ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist. Aber was ist nicht alles in seiner vitalen Erscheinungsform nur ein Phänomen des 20. Jahrhunderts! Der Sport, die Demokratie, der Kommunismus – und ich.
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18. Oktober: Vorgestern ein Anruf. Sehr netter Mensch vom Zeit-Magazin Mann. Einladung zu einer Veranstaltung rund um die aktuelle Ausgabe, in der ich vorkomme. Rund 200 geladene Gäste. Christoph Amend, der Chefredakteur, möchte auf der Bühne ein Interview mit mir führen. Ich lehne ab. Weil ich glaube, meine Stärken (Schreiben) und Schwächen (Reden) zu kennen. Deshalb sei ich ja auch schreibender Journalist geworden. Der freundliche Anrufer zeigt viel Verständnis. Vielleicht hat er ja eine ähnliche Selbsteinschätzung.
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22. Oktober: Spurillen. Ich bin in keiner gestürzt, sondern über einen Poller, Leser wissen es und fragen mitleidig nach den Folgen. Danke der Nachfragen, alles in Ordnung. Glück gehabt. Im Gegensatz zu einer lieben Freundin meiner Liebsten, die jetzt in einer Spurille gestürzt ist und sich den Kiefer und einen Arm gebrochen hat. Armes Mädchen. Die Spurille ist natürlich eine Spurrille, aber seit ich das Wort zum ersten Mal an einem Verkehrsschild gelesen hatte, war es für mich eine »Spurille« mit Betonung auf der zweiten Silbe, ich rätselte lange, was es bedeutet, dieses Wort, das mich an eine Bakterie erinnerte. Erst spät kam ich auf den Trichter, dass das Schild vor Spur-Rillen auf der Fahrbahn warnt.
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28. Oktober: Gigs. Das Wort, das nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehört, hatte ich für den Sport-Stammtisch nachschlagen müssen, wobei mir meine Vermutung bestätigt wurde, dass es unter Künstlern, speziell Pop-Musikern, für »Auftritt« benutzt wird, auch für Teile der Inszenierung. So wäre also das Maß-Trinken der Helene F. als Teil der Inszenierung bei ihrer Tournee ein Gig als Gag. Oder so.
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7. November: Nun beginnt die öde, die radlose Zeit. Mit dem Rad, das nicht fährt, sondern steht. Auf dem Hometrainer vergeht die Zeit derart relativ langsam, dass sie mir absolut langsam erscheint. Ich schaffe auch nur höchstens eine halbe Stunde, um nicht vor Langeweile vom Sattel zu fallen.
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12. November: Muss mal im Archiv nachschauen, ich glaube, in früheren Jahren habe ich Rehhagel dummerweise oft mit nur einem »h« geschrieben, und niemand hat’s gemerkt. (nachgeschaut: In »gw«-Texten tauchen sieben Rehagels auf) (gw)
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Veröffentlicht von gw am 15. November 2017 .
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Ohne weitere Worte (vom 14. November)

Bis zum Ende hat dieser Maestro sich nicht unter Druck setzen lassen, schon gar nicht unter den, immer noch mehr zu verdienen. Das Angebot aus Katar ignorierte er, ging auf Ehrenrunde in New York. Weltstadt statt Wüste. Nun, mit 38, zieht er sich auf sein Weingut in der Lombardei zurück. Der passende Alterssitz für den lässigsten aller Spielmacher. (Christian Eichler in der Frankfurter Allgemeinen über Andrea Pirlo)
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Ein genauso unvergleichlicher Regisseur (…), der Spanier Xavi (…), ging, um seine Karriere ausklingen zu lassen, zum Al-Sadd SC in Katar. Dort spielt der 37-Jährige in vollklimatisierten, halbleeren Arenen. (…) Xavi erhält für seine Dienste pro Jahr angeblich zehn Millionen Euro. (Eichler/FAZ)
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»Die Berater wollten immer mein Bestes – mein Geld. Sie haben mich ausgenutzt, (…) noch eine Lebensversicherung angedreht: (…). Dafür kassierten sie Provisionen. Und ich hatte acht Lebensversicherungen.« (Ex-Nationaltorwart Eike Immel im Sport-Bild-Interview)
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»Mario Götze ist der beste Spieler, den ich je trainieren durfte. Er war unglaublich.« (Jürgen Klopp zum südafrikanischen Fußball-Magazin Soccer Laduma, gelesen in der Welt)
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»Das war schon sehr seltsam. Wir saßen im Besprechungsraum und fünf von uns wurde dann anderthalb Stunden vor dem Spiel gesagt, dass wir nicht spielen, plötzlich und ohne jede Erklärung. Die betreffenden Spieler waren geschockt.« (Jerome Boateng in der Süddeutschen Zeitung über die Situation vor dem Bayern-Spiel in Paris, nach dem Carlo Ancelotti entlassen wurde)
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Wie nehmen Sie die Schmähungen gegen Dietmar Hopp wahr? – »Ich finde das verrückt. (…) Er ist in der Öffentlichkeit und gibt ihr so viel zurück. Wie kann ich da als dummer Fan in der Kurve diesen Mann beschimpfen? Das geht mir nicht in den Kopf. Man muss doch ein bisschen was in der Birne haben.« (Hoffenheims Nationalspieler Sandro Wagner im Kicker-Interview)
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Sport (…) steckt in einer tiefen Vertrauenskrise. Sportführer erweisen sich als korrupt. – »Oberhalb der Trainer interessiert mich der Sport nicht. (…) Der Sport ist so kaputt, aber nicht die Sportler.« (Reinhold Messner im Interview der Frankfurter Allgem. Sonntagszeitung)
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»Ich bin hier jetzt im Vorstand. (…) Die Leute sind stolz, dass ich wieder hier bin. (…) Schickimicki brauche ich nicht mehr. (…) Wenn ich in Dortmund geblieben wäre, dann wäre ich heute schon tot. Von daher bin ich dankbar, dass ich heute gesund bin und noch lebe. In Stadtallendorf, meiner Heimat!« (Immel/Sport-Bild)
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Nicht der Schwule ist doch heute die Randgruppe, sondern der, der über ihn lacht.« (Thomas Hitzlsperger im Zeit-Interview)
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»Ich bin nicht der klassische Rasierschaum-Influencer, der die Produkte in die Kamera hält. Ich bin eher so eine Art Antidiskriminierungs-Influencer.« (Hitzlsperger/Zeit)
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Was bei Bayern-München-Spielen aber auch bedeutet: Ich muss Thomas Hayo bei seinen Auftritten als Halbzeit-Experte zusehen. Er arbeitet bei Germany’s Next Topmodel, spricht aber von »wir«, wenn er über die Bayern redet. Das sind die Momente, in denen ich mich nach Öffentlich-Rechtlichen sehne. (Mirko Borsche im Zeit-Magazin über Fußball bei Sky Go)
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Westernhagen: »Klar, du verlierst was. Vor zwanzig Jahren bin ich in Hamburg doppelt so schnell um die Alster gelaufen, als ich es heute könnte.« – Flimm: »Das ist mein Vorteil. Ich bin nie um die Alster gelaufen.« (aus einem Interview im SZ-Magazin mit Intendant Jürgen Flimm und Marius Müller-Westernhagen)
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Schlagzeilen machte Charr (…), als er in einem  Dönerimbiss niedergeschossen wurde. (…) »Als ich nach der Notoperation im Krankenhaus aufgewacht bin, waren da überall Frauen. Ich dachte, ich bin im Himmel.« Es waren die Stationspflegerinnen. (Spiegel über Manuel Charr, der seitdem eine künstliche Hüfte hat, aber demnächst um die WBA-WM boxen wird)
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»Ich hatte bei einem Praktikum bei Ihren Redaktionskollegen von 11Freunde versucht, im Print-Journalismus Fuß zu fassen. Da habe ich aber rasch gemerkt, dass der Deutschunterricht der Schulzeit schon lange zurückliegt.« (Hitzlsperger/Zeit)
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Aus dem Spiegel: Seine Deutsch wird immer besser. (aus der Rubrik Hohlspiegel im Spiegel)
(gw)
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Veröffentlicht von gw am 13. November 2017 .
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Montagsthemen (vom 13. November)

Zwischen zwei Länderspielen … ab zur Eintracht. Spielt am Samstag in Hoffenheim. Das Dietmar Hopp groß gemacht hat. Zu befürchten sind weitere Unflätigkeiten gegen das Feindbild der Ultras, von diesen radikalen Tugendwächtern des Traditionalismus. Anderswo, in der Hansestadt H. und nicht in der Hopp-Stadt H., hört man wenig von Ultra-Protesten gegen einen millionenschweren Gönner. Der treibt sein willkürliches Wesen in einem der traditionsreichsten Klubs, wirkt aber wie das Zerrbild eines Sponsors. Hopp dagegen ist ein Mäzen alter und bester Schule.
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Leider ein  dünnhäutiger. Statt den Wutsabber der Proleten an sich abperlen zu lassen (nun ja, zugegeben, ein ekliges Bild), geht er juristisch gegen die Krakeeler  vor und wertet sie damit medial auf. Sein Rechtsanwalt will sogar den Anpfiff verhindern lassen, wenn aus dem Gästeblock Beleidigungen gegrölt werden. Juristisch lachhaft, glauben nicht nur Eintracht-Fans. Aber Vorsicht! Der selbe Rechtsanwalt hat vor vielen Jahren den scheinbar unvermeidlichen Frankfurter Abstieg in die dritte Liga verhindert. Nichts ist unmöglich!
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Als Sky-Kunde kann ich das Spiel live sehen. Leider nicht am Freitag das meines zweitbevorzugtesten Klubs. Schon mehrmals in der Saison spielten Eintracht und BVB im schwarzen Sky-Loch. Dennoch zahle ich weiter einen Fünfziger im Monat. Nur für Fußball. Na ja, selbst schuld, wenn ich nicht kündige. Die Zeit ist reif.
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Nicht zornig, sondern traurig verabschiede ich mich von Andrea Pirlo. Ganz leise, fast unbeachtet ist er abgetreten. Löws Schreckgespenst. Aktionsradius kaum größer als ein Bierdeckel, schnell wie eine Weinbergschnecke mit Kreuzbandriss, ausdauernd wie ein kettenrauchender Asthmatiker, aber listig wie ein Fuchs, mit genial hinterlistigem Fuß und cooler als alle Frankfurter Gassenkönige des Gallusviertels zusammen. Apropos Frankfurt: Ex-Trainer Veh meinte einst, Mark Stendera habe das Zeug zu einem wie Pirlo. Zwar hat unser comebackender Jungbart auch ein feines Füßchen, aber da hat Veh ihm einen ziemlich schweren Klotz ans Bein gekettet.
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Letzter Punkt zur Eintracht, ein Sympathiepunkt für Kovac, Vorname Robert: Der Co-Trainer hat vor Monaten bekanntlich einen flüchtenden Räuber verfolgt und gestellt. Er wurde zu Recht für seine Zivilcourage – und Fitness! – gelobt und geehrt. Vor Gericht wiegelte er bescheiden ab: »Wenn er nicht gestolpert wäre, hätte ich ihn wohl nicht gekriegt.« Wie hätte bloß einer wie Trump aufgetrumpft?
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Der beweist wieder einmal, wie vergeblich sich Satiriker an ihm abarbeiten. Ironie zwecklos. Aktuelles Dementi: Seinen koreanischen Kontrahenten würde er »NIE« als »klein« oder »fett« bezeichnen, sondern: »Ich bemühe mich so stark, sein Freund zu sein, und vielleicht wird es eines Tages dazu kommen.« – Unfassbar. Kindischkeit kennt keine Grenzen.
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Ob sie Freunde fürs Leben werden? Wie der Intendant Jürgen Flimm und Otto Rehhagel? Die Theater-Größe und der große Trainer haben mit ihrer ungewöhnlichen Männerfreundschaft schon einige PR-Runden über der deutschen Interview-Landschaft gedreht. Aber was lese ich jetzt im SZ-Magazin? Riesiges Doppel-Interview mit Flimm und Marius Müller-Westernhagen. Über ihre Männerfreundschaft. Also: Flimm und Rehhagel mögen sich. Westernhagen und Flimm mögen sich. Sicher mögen sich auch Rehhagel und Westernhagen.« Das passt! Harmlos freundlich gemeint oder eine Art von bösartigem Induktionsschluss? Jeder nach seinem Geschmack.
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Ich sollte doch unbedingt auch das »dritte Geschlecht« satirisch kommentieren, fordert mich ein Leser auf. Nein. Das mache ich nicht. Im Gegenteil. Ich empfehle in der aktuellen Diskussion den wunderbaren Roman von Jeffrey Eugenides als Begleitlektüre, dessen Titel schon alles sagt –»Middlesex«.
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Die ultragegenderten 60 und mehr Geschlechter sind dekadente Beschäftigungstherapie, das dritte Geschlecht aber ist ein existenzielles Lebensproblem. Da sind Witzchen fehl am Platz. Am einfachsten wäre es, komplett auf offiziell unterschiedene Geschlechter zu verzichten. Jeder ist sowieso seine eigene Klasse. Wie im Sport. Nur hätte der damit ein Problem, ein praktisches. Und die Ultra-Feministinnen ein ideologisches.
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Einfache Lösungen gibt es nicht. Obwohl sogar ein anerkannter psychologischer Persönlichkeitstest von einem simplen Entweder-Oder ausgeht. Dass zum Beispiel einen Menschen »Offenheit« auszeichnet, erkenne man daran, dass er bereit ist, neue Erfahrungen zu machen, statt lieber am Bewährten und Gewohnten festzuhalten. – Nun ja, je nachdem, oder?
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 12. November 2017 .
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Sport-Stammtisch (vom 11. November)

Ein Fußballspiel, in dem es um nichts geht, der Trainer experimentiert und der Gegner mit einer B-Elf aufläuft … wurde seit Tagen im ZDF als Mega-Hammer-Super-Wahnsinnsding verkauft. Im Trailer, wie diese medialen Marktschreiereien neudeutsch heißen, tönte und dröhnte es großspurig und an jeder sportlichen Wahrheit vorbei, als ob Mini-Trumps ihrem großen Vorbild nacheiferten. Vielleicht war das Spiel ja ein großartiges, spektakuläres, ich weiß es noch nicht, während ich diese Zeilen schreibe. Aber mit Sicherheit konnte es nicht halten, was der Trailer versprach.
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So! Grimmig geht es aber nicht weiter.  Den Anstoß gibt Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim). Sie stieß im Internet auf einen Dialog, der sie »vor Lachen fast vom Stuhl fallen ließ«. Auch Sie werden fast vom Stuhl fallen, vor allem, wenn Sie das Folgende mit dem gestrigen Fußball-Total-Fernsehabend vergleichen. Vorgeschichte: WM-Qualifikationsspiel 1968 auf Nikosia, dort, wo kürzlich die BVB-Krise begann und damals die Zypern-Krise schwelte. Es gab Übertragungsprobleme, die zu einem irrwitzigen Dialog des Moderators im Studio und dem Reporter in Nikosia führten. Ror Wolf, Schriftsteller und Künstler auch in Sachen Fußball, hat ihn dokumentiert (Punkt ist Punkt. Fußball-Spiele. Suhrkamp 1971).
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Ausschnitte: Moderator (Telefon am Ohr): »Hallo!« – Reporter: »Ja.« – M: »Ah, da sind Sie ja. Wie war das Spiel?« – R: »Ich habe Ihre Frage nicht verstanden.« – M: »Meine Frage war, wie war das Spiel?« – R: »Das Spiel?« – M: »Jawohl.« – R: »Welches Spiel?« – M: »Na, ich denke, das Spiel, über das Sie uns berichten wollen, das Länderspiel in Nikosia.« – R: »Was?« – M: »Das Länderspiel.« – R: »Das Länderspiel?« – M: »Ja. Wissen Sie, wie es ausgegangen ist?« – R: »Ich kann es nicht beurteilen , weil ich das Spiel nicht gesehen habe.«
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So geht es weiter hin und her, wir blenden uns aus und steigen im späteren Verlauf des Dialogs wieder ein. Wir schieben einen gut gemeinten, einen sehr gut gemeinten Vorschlag von Ilkay Gündogan dazwischen: Für junge Fußballer sollte es eine Gehaltsobergrenze geben, fordert der Nationalspieler. Schön wär’s, und vor allem sinnvoll. Aber leider, leider … lacht man sich in Katar einen Katarrh. Dann fließen die Fantastillionen eben nicht aufs Gehaltskonto. Berater, Eltern und andere Vertrauenspersonen haben auch ein Girokonto, und offshore gibt’s, wie man nicht erst jetzt weiß, auch eine beliebte Alternative.
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M: »Ich freue mich, dass wir uns jetzt endlich verstehen.« – R: »Was?« – M: »Ich freue mich, dass wir uns jetzt verstehen!« –R: »Was meinen Sie? Ich kann sie nicht verstehen.« – M: »Sie können mich nicht verstehen?« – R: »Doch, ich verstehe Sie gut.« – Sie reden weiter aneinander vorbei. Unterdessen freue ich mich über eine aktuelle Entwicklung. Aus dem Video-Kuddelmuddel kristallisiert sich etwas heraus, was in meine schon ungefähr in der Halb-Zeit zwischen 1968 und 2017 vorgeschlagene Richtung geht: Nicht Video-Beweis, sondern Video-Hilfe für den Schiedsrichter, nur in Ausnahmefällen und mit seiner letztgültigen Entscheidung. Die Zeit zum Video-»Beweis«: »Schon der Begriff führt in die Irre.« Danke.
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Wir springen zum Schluss des denkwürdigen Dialogs:  M: »Und wissen Sie, wie es ausgegangen ist?« – R: »Was?« – M: »Das Spiel, wie ist das Resultat?« – R: »Ich glaube ja.« – Um Sie nicht auf die späte Folter zu spannen: Deutschland gewann. 1:0. Tor in letzter Minute. Natürlich von Gerd Müller. Der auch ein Dichter war, wie seine frühe Autobiographie »Tore entscheiden« beweist: »Ursula, meine Frau, die ja erst 18 Jahre alt ist, macht sich als Hausfrau recht gut. Sie findet allerdings, ich könnte ruhig etwas mehr Ordnung halten.«
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Zwischen Dicht- und Fußballkunst herrschte immer ein reger Austausch. Friedrich Torberg trug das schon in seinem Namen. Aus seinem Gedicht »Auf den Tod eines Fußballspielers«: »Er spielte Fußball, und er wusste / vom Leben außerdem nicht viel. / Er lebte, weil er leben musste, / vom Fußballspiel fürs Fußballspiel.« – Der Österreicher Torberg verewigte allerdings nicht Gerd Müller, sondern Mathias Sindelar. Müller hingegen hatte noch andere Interessen als Fußball: »Wir verstehen uns prima, und sie sorgt wunderbar für mich. Sogar im Essen stimmen wir überein. Vor allem essen wir beide furchtbar gerne Kartoffeln.«
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Manchmal pfuscht der DFB den Dichtern leider ins Handwerk. Als eine hessische (!) Schlagertexterin einen WM-Song schrieb, in dem die Zeile vorkam »Deutschland gewinnt, / wir jubeln allen zu, / hey Philipp das schaffst du!«, grätschte der Verband dazwischen und verbot das Lied, weil »durch die Verwendung der Spielernamen (…) ein direkter Bezug zu einem Produkt des DFB hergestellt wird«. Die Dichterin überarbeitete den Text, die SZ fragte sie: »Was haben Sie verändert?« Antwort: »Statt: ›Wir jubeln allen zu, / Philipp das schaffst du‹ habe ich genommen: ›Wir jubeln allen zu, / wir schießen ihn heut rein.« – SZ (erstaunt): »Das reimt sich ja gar nicht.« – Dichterin: »Stimmt. Das ist nicht mehr so, wie es mal war.«
Ach, nichts ist mehr so, wie es mal war.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 10. November 2017 .
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Baumhausbeichte - Novelle