Archiv für die Kategorie »gw-Beiträge Anstoß«

Montagsthemen (vom 16. September)

Alcacers geniale Nicht-Aktion. Kein Torschuss, kein »Assist«, aber im Prinzip beides gleichzeitig. In der Statistik bekommt Reus das Tor, klar, und Sancho den Assist. Alcacer? Nichts. Egal – denn zu den wenigen erfreulichen Entwicklungen im Fußball gehört die allmähliche Abkehr vom fetischhaften Starren auf statistische Daten, die den Fußball in seine Einzelteile zerlegen und dadurch erklären sollten. Ihre Hochzeit hatte die Statistikeritis, als selbst ein Marcel Reif in seiner uninspirierten Endphase belanglosen Zahlensalat servierte – das allerdings im Gestus eines Sternekochs.
*
Niemand wird, zumindest mir nicht, erklären können, warum Leverkusen nach starkem Beginn demontiert wurde, warum Leipzig in der ersten Halbzeit wie ein Lehrling spielte, Bayern so meisterlich wie in besten Zeiten, beide aber nach der Halbzeit auf gleichem Niveau, oder warum Aufsteiger Norwich, den ein Klopp-Lehrling trainiert, die Milliarden-Truppe von Supersuper-Pep besiegen kann (schon fünf Punkte Vorsprung für Liverpool!).
*
Selbst die absonderliche Serie der Frankfurter Eintracht, gegen Bayern München schön öfter gewonnen zu haben als gegen Augsburg, hat keine superschlau aufzudeckenden Hintergründe. Reiner Zufall. Und auch bei diesem, siehe Roulett, gibt es immer wieder scheinbar unerklärliche Serien. Siege gegen Augsburg so selten wie »Zero« oder wie zehn Mal »Rot« beim Roulett – ungewöhnlich, aber möglich. Wissenschaftlich wirklich unerklärlich wäre nur, wenn es keine derartigen Serien gäbe.
*
In Augsburg wurde Hinteregger ausgepfiffen, aber eher weniger leidenschaftlich als Brandt in Dortmund von den Bayer-Fans. Obwohl sich Brand im Gegensatz zu Hinteregger bei seinem alten Verein rein gar nichts hat zuschulden kommen lassen. Die unerklärliche Liebe der Fans zu den »echten Typen«. Davon zehrt sogar noch heute einer wie Mario Basler, der typischste aller »Typen«. Und wie würden die Eintracht-Fans reagieren, wenn ihr vergötterter »Hinti« mit dem Logo seines neuen Sehnsuchts-Vereins auf dem Rucksack zum Training torkelt und danach mit dem neuen Verein seines Herzens in ihrem Stadion auftaucht?
*
Die Statistik-Mode im Fußball ebbt ab, eine andere ist schon Mainstream. Der Tor- und Siegesjubel, der kein befreites Jubeln mehr ist, sondern aggressiver Triumph, ohne beseelte Freude, mit verzerrtem Gesicht, weit aufgerissenem Mund und, um mal keine Stilblüte auszulassen, bis unter die Haarspitzen geballten Fäusten. Zu sehen schon bei Kindern auf der Tribüne und fast schon ein Muss bei Siegerfotos bis runter in die Kreisklassen. Passt zur wachsenden Aggressivität in der Gesellschaft wie die triumphierende Faust aufs Foto.
*
Schweigen. Nicht nur Metzelder schweigt. Schweigen auch im Medienwalde. Ein dröhnendes Schweigen. Ende offen. Egal wie’s ausgeht, der Anfang war ein Desaster vorpreschender Medien. Klar ist nur, dass am Ende Mitleid aufkommen wird – entweder mit den Opfern oder mit dem Opfer.
*
Was ganz anderes. Hockeyschläger. Vor Jahren schon ein Thema in »gw«-Kolumnen. Weil: Mit ihm schlugen sich Verkünder und Bestreiter des menschengemachten Klimawandels die Köpfe ein. Der US-Forscher Michael Mann hatte in einer Studie von 1998 die Kurve der Erderwärmung mit einem liegenden Hockeyschläger verglichen (mit langem Griff und, seit Menschen mitmischen, kurzer, steiler Kelle). Das Oberste Gericht von British Columbia in Kanada hat jetzt geurteilt, dass die Studie wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügt, weil sie nicht verifiziert werden könne. Dass sie dennoch im Ergebnis richtig ist, glaubt die Mehrheit zu wissen und bezweifelt eine ungläubige Minderheit.
*
Ich mache mich nicht lächerlicher als ich bin und beteilige mich daher nicht an der Diskussion. Sonst würden mich sogar die Wapitis in kanadischen Nationalparks auslachen. Denn dort soll man bei gefährlichen Begegnungen mit diesen Riesenhirschen einen Hockeyschläger über dem Kopf schwenken, um als Geweihträger ernst genommen zu werden. Was menschlichen Geweihträgern sowieso selten gelingt.
*
Und dann sind da noch die Salzburger Nockerln, die eine österreichische Journalistin Jürgen Klopp schenken wollte. »Nockerln? Ess i ned«, lehnte Klopp ab. Auf RTL.de gab es für deren stets bildungsbegierige Kundschaft die Hintergrund-Information: »Salzburger Nockerln, das ist ein anderes Wort für Mozart-Kugeln.« – Da ich Nockerln hasse und Mozart-Kugeln liebe, kann ich guten Wissens behaupten: Fake News, Kollegen! (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 15. September 2019 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Anstoß | Kommentare deaktiviert für Montagsthemen (vom 16. September)

Sport-Stammtisch (vom 14. September)


 


Bohrende Langeweile beim Spiel gegen Nordirland. Ausschalten gilt nicht. Gucken ist Kolumnistenpflicht. Aber die Gedanken sind frei. Sie treiben ab, während das Spiel dahin plätschert. Nordirland. Irland. Backstop. Brexit … halt, keine Politik. Sport also. Wie viele britische Mannschaften gibt es? England, Schottland, Wales, Nordirland, Irland. Dürfen alle mitspielen. Warum? Darum. Tradition. Mutterland und so. Bei Olympia gibt es nur Großbritannien und Irland. Und in der EU? Und nach dem Brexit? Back, stop … Auf dem Bildschirm taucht eine neuer Zahl auf. Statt 0:0 0:1. Tor für Deutschland. Wer hat’s geschossen?
*
Klosterhalfen? Quatsch, die schießt nicht, die läuft. Wenn’s sein muss bis nach Oregon. Klostermann? Knapp vorbei. Halstenberg. Nicht Havertz. Der spielt nicht mit. Noch nicht. Wie bei Sané. Wenn sie jung und frisch sind, lässt Löw sie erst mal hängen. Warum? Weil er Bundestrainer ist. Und Weltmeister. Kritik kratzt ihn nicht. Sind doch alles Popel. Nur die eigenen jucken manchmal. Siehe Youtube.
*
Nordirlands Goalkeeper hält. Eine echte Robinsonade. Wie kommen die Wörter plötzlich in den Kopf? Goalkeeper, lange nicht mehr gehört. Greenkeeper schon. Das ist der Job, den Matthäus nicht kriegt. Nicht in München. Wie heißt das Bübchengesicht im nordirischen Tor? Egal. Im Kopf ist’s noch immer Harry Gregg. WM 58, beim 2:2 bringt er das DFB-Team zur Verzweiflung. Später sitzt er im Flugzeug, das in München abstürzt. Überlebt, rettet mehrere Mitspieler, unter anderen Bobby Charlton, wird mit dem königlichen MBE-Orden ausgezeichnet und gibt noch später zu, mit Amphetaminen gedopt zu haben. Nahm ihm niemand übel.
*
Aber die Robinsonade? Das war nicht Gregg, sondern … Smartphone gezückt … »literarisches Motiv der unfreiwilligen Isolation … Gulliver … Odyssee …« – erst mit dem Zusatz »Fußball« findet sich Jack Robinson, »englischer Fußballtorhüter und Namensgeber der Robinsonade«. Also ein Flieger für die Galerie. 1899 gewann er mit Southampton 6:0 in Wien und begeisterte das Publikum mit »seiner Flugkunst«. Nach dem Spiel die Zugabe: »Sein Tor soll mit sechs Bällen gleichzeitig beschossen worden sein, und dennoch habe Robinson nahezu jeden pariert«. Wie das?
*
Bevor ich über die Unmöglichkeit sinnieren kann, sechs Bälle robinsonierend gleichzeitig zu halten, öffnet sich die Tür. Die Dame des Hauses beendet ihr mehr als freiwilliges Fußball-Exil. »Na, wie war’s?« – »Du kannst dir nicht vorstellen, wie langweilig das war.« – »DOCH!« – Der Form halber fragt sie: »Wer hat gewonnen?« – »Deutschland. 1:0.« – Sie deutet auf den Bildschirm: »Und warum steht da 0:2?« – Och!? Stimmt. Gnabry spielt ja immer.
*
Fortsetzung mit anderen (Stil-)Mitteln. Im Internet begleitet »Sport, Gott & die Welt« die »gw«-Kolumnen. Mit einer großen Bandbreite an Themen. In der »Mailbox« findet sich zum Beispiel die sehr hübsche Kritik von Barbara Tomsch aus Friedberg, die Marten T’Harts »abschätzige Typisierung als Superschlampe« nicht auf sich sitzen lassen kann« (siehe »Montagsthemen« vom 7.9.). Barbara Tomsch ist 71, hat sich soeben ihr drittes Tattoo stechen lassen, einen Tigerkopf, den man bei Facebook unter »ink-house-tattoo« bewundern kann. Die »Tiger-Oma« bleibt trotz T’Hart »ein fröhliches, tätowiertes Mitglied Ihrer liebsten Zielgruppe«! Danke! – Auf der anderen Seite der Bandbreite setzt der hessische SPD-Politiker und -Denker Gerhard Merz dort den Schlusspunkt unter unseren Dialog über »Empathie und Flüchtlinge«  (siehe »Anstoß« vom 15 Juli). Unbedingt lesen!
*
Und sonst? Sprinter Christian Coleman darf trotz dreier verpasster Dopingtests bei der WM starten und behauptet: »Ich bin der größte Befürworter eines sauberen Sports.« War Carl Lewis ebenfalls. Dem wurde schon damals auf Coleman-Art geholfen. Weiß nur kaum jemand. Böser Ben, guter Carl, und Christian ist ein ehrenwerter Mann. So geht das.
*
Nicht ärgern, nur wundern. Auch über die Naturrettung, die sich der grüne Turbokapitalismus auf die Fahnen geschrieben hat. Ölheizungen verbieten , neue kaufen, SUV verbieten, E-Autos kaufen – Wachstum, Wachstum über alles. Den Teufel mit Beelzebub austreiben?
*
Aber der Natur geht’s ja wirklich schlecht. Viele Arten verschwinden, neue, monströse tauchen auf. Wie die mittelhessische Riesenspinne. Die alarmierte Polizei wiegelt ab: nur ein Gummikrake. Oder der Taxifahrer in München, der meldet, einen riesengroßen Feldhamster mit großen Zähnen überfahren zu haben. Die Polizei beschwichtigt: nur ein Wildschwein. Ich weiß es besser. In dieser Woche auf der Landstraße zwischen Wettenberg und Frankenbach. Neben der Straße liegt ein riesiger Feldhamster mit soo großen Hauern. Sie sind unter uns! (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 13. September 2019 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Anstoß | Kommentare deaktiviert für Sport-Stammtisch (vom 14. September)

Ohne weitere Worte (vom 10. September)

Matthijs de Ligt und Virgil van Dijk auf der einen Seite im Abwehrzentrum, Matthias Ginter, Niklas Süle und Jonathan Tah auf der anderen – man muss es schon sehr gut mit den Deutschen meinen, um da keine Qualitätsunterschiede erkennen zu wollen. (Peter Penders in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
*
Was will er eigentlich beim AC Mailand? Die spielen in dieser Saison nicht international, wo, bitte schön, ist da die sportliche Herausforderung? (…) Ihm ging es einfach nur darum, so schnell wie möglich von Eintracht weg zu gehen. Da musste er eben nehmen, was übrig bleibt. (…) Aber dann noch schnell vorher das Wappen küssen. (Thomas Berthold in einem Gastbeitrag für Bild über den Rebic-Weggang)
*
Im Amateurfußball ist Spielen unter falschere Identität Alltag. (…) Bezirksligaabwärts wird im deutschen Fußball gemogelt, getäuscht und gefälscht. Je mehr die gepflegten Doppelpässe in den unteren Ligen auf dem Platz abnehmen, desto verlässlicher steigen sie in den Datenbänken der Vereine. (Lutz Wöckener in der Welt)
*
»Es gibt Spieler, die am Wochenende vier Mal auf dem Platz stehen für vier verschiedene Vereine.« (Ralph-Uwe Schaffert, Verbandssportgerichtsvorsitzender in Niedersachsen, zitiert in der Welt)
*

Lukaku wurde von einer Ultra-Gruppe des eigenen Vereins (…) aufgeklärt, dass die Gorilla-Geräusche nicht rassistisch gemeint seien. Die Fans von Cagliari hätten nur ihrem Team »helfen« wollen. Und er könne damit rechnen, dass auch sie, die Inter-Fans, versuchen würden, dunkelhäutige Spieler gegnerischer Mannschaften mit Affenlauten aus dem Konzept zu bringen. Das sei keine Diskriminierung. Das sei ein Zeichen von Respekt. (Evi Simeoni in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)
*
Respekt? Wer Affenlaute von sich gibt, um andere zu verletzen, hat nicht einmal vor sich selbst Respekt. (Simeoni/FAZ)
*
Die Geschichte, wie aus Nowitzki der große Nowitzki wurde, (…) ist die eines jungen Lehrlings und eines alten Meisters, der tatsächlich etwas rätselhaften, faszinierenden Figur Holger Geschwindner, Nowitzkis sportlichem Mentor seit Jugendtagen. (…) Auch Geschwindner, der selbst ein fantastischer Basketballer war (…), hatte als junger Mann einen Mentor, einen Afroamerikaner namens Ernie Butler. (…) Der mittlerweile 85-jährige Butler ist Saxofonist, und in seinem früheren Leben spielte er Basketball für den MTV 1846 Gießen. »Ball is Jazz«, hat er seinem einstigen Eleven Geschwindner beigebracht, es ist die hohe Kunst der Improvisation zwischen den fünf Leuten einer Mannschaft auf dem Basketballcourt. (aus einer Rezension der Biografie »The Great Nowitzki«/Autor: Thomas Pletzinger von Dirk Peitz in der Zeit)
*
»Wir haben das beste Team, das Deutschland je hatte. (…) Ich glaube, diese Generation könnte sich noch länger an der europäischen Spitze halten als das Team um Dirk Nowitzki, das 2005 noch einmal Silber bei der EM gewann.« (Bundestrainer Henrik Rödl vor der WM im Spiegel-Interview)
*

Selbst Oliver Pocher hat sich gegen die AfD positioniert. (…) Man kann so das eigene Schaffen veredeln. (…) Die Pose des Widerstandskämpfers ist gerade unter Satirikern sehr beliebt. Dazu hat der großartige Kabarettist Josef Hader in seiner Filmrolle als Stefan Zweig das Nötige gesagt: »Jede Widerstandsgeste ohne Risiko ist nichts als Geltungssucht.« (Timo Frasch in der FAZ über »saftlose Humoristen«)
*
»Es gibt ja Frauen, die sonnen sich in der Anerkennung. Aber bei mir funktioniert das nur bei jemandem, den ich auch als Sonne akzeptiere.« (Autorin Ildiko von Kürthy im Interview der Süddeutschen Zeitung)
*
Moderatorin Laura Karasek: »(…) Frauen sind die neuen Männer!« Wenn nun Frauen die neuen Männer sind, was sind dann die alten Männer? Die neuen Frauen? Oder gar die alten? (aus »Herzblatt-Geschichten« von Jörg Thomann in der FAS)
*
Ist männliche Stärke nicht attraktiv? – »(…) Man sagt, der Mann muss Schwäche zeigen können, aber dann hast du einen mit Arthrose, der weint bei Moby Dick, den willst du dann auch nicht.« (von Kürthy/SZ) (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 9. September 2019 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Anstoß | Kommentare deaktiviert für Ohne weitere Worte (vom 10. September)

Montagsthemen (vom 9. September)

Jetzt wird sogar schon Hummels’ sagenumwobene »Spieleröffnung« vermisst. Kein gutes Zeichen. Außerdem hat er beim BVB genug zu tun, vor allem mit sich selbst. Bisher ist er dort wie andere Rückkehrer (Sahin, Kagawa, Götze) lediglich Mitläufer.
*
Man sehe sich nur die Namen in der Defensive an und ahnt: Auf tönernen Füßen nützt aller Speed nichts. Den hat die Nationalelf vorne wie kaum eine andere Mannschaft. Wie ein Vollblutsprinter, dessen Startblock wackelt und wegrutscht. Gegen hohe Qualität geht’s garantiert schief. Gegen (noch) mittlere wie Holland nicht unbedingt (zwei erste Halbzeiten hätten genügt). Nordirland ist ein anderes Kaliber. Muss machbar sein. Ändert aber nichts am Problem.
*
Dennis Aogo war einmal einer der Namen, die hinten kamen und gingen. Und jetzt das: »’Meine Freundinnen warnten mich vor Dennis.’« Über diese Spielerfrau redet ab jetzt ganz Deutschland. Ina Aogo erzählt alles. Exklusiv! Die vierteilige Bild+ Video-Doku.“ – Kotz, Grmppf, Würg. Wer zieht solchen Spielerfrau-Aktivistinnen den Stecker?
*
Kulturbewegte Umweltaktivisten freuen sich über das Projekt eines Beuys-Schülers, der im Klagenfurter Zweitligastadion rund 300 bis zu 15 Meter hohe Bäume … gepflanzt? … nein, implantiert hat. »For Forest« soll ein Mahnmal gegen die Umweltzerstörung sein. Leider sieht man zwar durch lauter Bäume einen Wald, aber der Durchblick auf den verzapften Unsinn fehlt. Die Bäume wurden aus vielen Teilen Europas herangekarrt, müssen wieder weg, und egal wann, wie und wohin, »For Forest« hinterlässt einen gewaltigeren ökologischen Fußabdruck als Gulliver und Gretas Segel-Törn zusammen.
*
Beuys’ Fettecke und ein paar seiner Filzlappen hätten es auch getan. Ökologisch vorbildlich, und einen überzeugenden Sinn hätte man auch reininterpretieren können. Wie in fast alles Kunstwerk. Cem Özdemir, dem ehemaligen Handball-Torwart (der alleine schon dadurch Respekt im Handkäsland verdient), wäre solcher Pragmatismus zuzutrauen. Realo Cem hat seine Kandidatur für den Fraktionsvorsitz angekündigt. Dröhnendes Schweigen im grünen Lande. Als wär’s ein Pups in den Gegenwind.
*
In diesem Umwelt-Zusammenhang: »Die Gletscher schmelzen – und dann tritt auch noch Marcel Hirscher zurück.« Herrlicher Satz aus der FAZ, der ausdrückt, was das für die Ösis bedeutet. Deren Super-Felix ist wie unser ebenfalls zurückgetretener Neureuther ein Sympathiebolzen. Zusätzlicher Stein im Brett: Bei seiner Abschiedsankündigung erschien er im einfachen weißen T-Shirt, also ohne Werbe-Kragen und ähnliche Sponsoren-Anhängsel.
*
»Stein im Brett«? Die Redewendung kommt von einem mittelalterlichen Brettspiel und taucht literarisch erstmals in »Wallensteins Lager« auf (erster Kürassier über Max Piccolomini: »Hat auch einen großen Stein im Brett / Bei des Kaisers und Königs Majestät«). Nicht gewusst, sondern gegoogelt.
*
Auch Malaika Mihambo gehört zu den erfreulichen Erscheinungen im Spitzensport. Die Weitspringerin aus dem badischen Oftersheim gewann die Diamond League und 50 000 Dollar, die »ein Boost für meine Reisekasse« sind. Vom »Boosting« haben wir ja schon gehört, bei dem sich dopende behinderte Sportler angeblich Nägel in die gelähmten Körperteile treiben, was durch vermehrten Adrenalinausstoß die Leistungsfähigkeit deutlich steigern soll. Heißt es. Ob’s stimmt? Was weiß denn ich. Aber »Boost«, weiß mein Wörterbuch, ist ebenfalls eine künstliche Leistungshilfe, die wir Malaika jedoch gönnen, denn hier bedeutet es »Finanzspritze«.
*
Herr Doktor, Eure Spritze! Herbst, klamm, kühl, regnerisch, Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Eine Männergrippe katastrophalen Ausmaßes im Anmarsch. Früher sagte der beste Freund dazu: »Fühl’ mich wie ein vollgeschissener Strumpf.« Nur wir selbst nahmen uns ernst.
*
Ironie, zumal Selbstironie, ist Glücksache in diesen Zeiten. Gesprächsweise wird sie oft durch das »doofste Handzeichen« überhaupt unterstrichen, durch »mit den Fingern in die Luft gemalte Gänsefüßchen«, sagt der Schweizer Erfolgsautor Martin Suter, denn »Ironie sollte man auch ohne Handzeichen erkennen«.
*
Sollte. Aber Ironie ist Glücksache. An dieser Stelle wären Handzeichen manchmal hilfreich. Geht ja nicht. Hilfsweise genügt Kursivsetzung.
*
Ach ja, die Männergrippe. Etwas gibt ihr immerhin die richtige männliche Würze – eine Stimme wie Lee Marvin.
I was boo-orn under a wandering star.  (gw)
*
(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 8. September 2019 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Anstoß | Kommentare deaktiviert für Montagsthemen (vom 9. September)

Sport-Stammtisch (vom 7. September)

Welches ist die unmöglichste aller undenkbaren Schlagzeilen? Vielleicht diese: Papst im Puff erwischt. Im Sport wird das Unmöglichste nun möglich: Saubermann gedopt. – Gedopt? Ja. Sie lasen soeben die ersten Sätze einer »gw«-Kolumne von 1999, als Dieter Baumanns Doping-Affäre bekannt wurde. Dem Saubermann, an den Sie denken, wird unvergleichlich viel Schlimmeres vorgeworfen. Metzelder und die Kinderpornografie – seit Baumann, seit 20 Jahren hat mich keine Schlagzeile aus dem Bereich des Sports derart umgehauen.
*
Ausgerechnet Christoph Metzelder. War er nicht sogar als DFB-Präsident im Gespräch? Der nüchterne, angepasste, eloquente, unaufgeregte, vertrauenerweckende, scheinbar kluge und total normale … Langweiler. So empfand jedenfalls ich ihn, als Fußballer und am Mikro. Sein Leben liegt in Trümmern. Kein Mitleid, sondern Genugtuung, falls die Vorwürfe berechtigt sein sollten. Falls nicht? Undenkbar. Sollte an der Sache, die noch sehr rätselhaft wirkt, wenig bis nichts dran sein, wäre Metzelder medial hingerichtet worden, mit Bild als Henker und der Staatsanwaltschaft als williger Helferin.
*
Wir kennen ja aus Kunst und Literatur von Balthus bis Nabokov die verherrlichende Darstellung jungmädchenhafter Erotik. Für mich zwar ebenfalls abstoßend, aber kein Vergleich mit seelenzerstörenden kinderpornografischen Schandtaten. Ähneln die WhatsApp-Bilder »nur« Balthus-Bildern oder gleichen sie dem Unsagbaren aus dem Lügde-Prozess? Noch ist nichts bewiesen. Wie auch nach 20 Jahren im Fall Baumann nicht. Da spricht sogar viel dafür, dass der Läufer nicht Täter, sondern Opfer war. Bei Metzelder wirkt allerdings sein Schweigen sehr beredt. Aber auch das ist schon wieder Spekulation. Schwarzer Humor, der mit Entsetzen Scherz treibt, steckt in einem Tweet, der im Internet verzwitschert wurde: »Entwarnung! Es sind nur Bilder aus der Kabine mit Philip Lahm.«
*
Ach ja, das Netz. Fast gleichzeitig wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft schon seit Monaten gegen Jerome Boateng ermittelt, wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung, angezeigt von seiner ehemaligen Lebensgefährtin. Ebenfalls noch längst nicht spruchreif. Auf Facebook lese ich Widerwärtiges dazu: »Gauland, der alte Fuchs! Was hat er damals schon gewusst??? Will ihn noch wer als Nachbarn?« Gepostet von einem Typen, den ich nicht kenne, der nicht mein FB-»Freund« ist, dessen Beitrag auch niemand geteilt hat und der unablässig ähnlich AfD-nahe Texte postet. Wie ich jetzt weiß: Er ist sogar AfD-Funktionär. Wie ist das bloß möglich, Facebook?
*
Eine Meldung macht mir  aber besonders viel Freude: Die Ermittlungen gegen Bakery Jatta sind eingestellt, die Identität des Flüchtlingsjungen ist nicht nur kein Thema mehr, sondern der DFB liebäugelt sogar  damit, Jatta  bei den Olympischen Spielen einzusetzen. Refugee welcome! Mancher Rechtsradikale mag vor Wut schäumen, mancher Stinknormalo schnell die Fähnchenfarbe wechseln (wie bei Anthony Sabini im alten »Badesalz«-Sketch), und ich möchte nicht missverstanden werden: Nicht jeder Refugee ist welcome, der sich im Zuge des deutschen 2015-Blackouts von unserer Flüchtlingsbeseeltheit hat einladen lassen, nicht alles, wofür die AfD steht, ist keiner Diskussion wert, und ihre generelle mediale und parteipolitische Missachtung stärkt sie nur und macht aus einer Splittergrupe ein Schreckgespenst.
*
Schluss mit unlustig. Ich möchte mit Ihnen, liebe Leser und vor allem liebste Zielgruppe, mein Schmunzeln über »Magdalena« teilen. So heißt die Mutter des großen niederländischen Schriftstellers Maarten ’T Hart, der ihr in seinem gleichnamigen Buch ein bizarres Denkmal errichtet. Die christliche Ultra lehnte jegliche Zerstreuung als gottlos ab, aber »in ihren späteren Jahren schaute sie häufig fern, sogar Fußballspiele. ›Wieselflink rennen sie in ihren Unterhosen von der einen Seite zur anderen, und wie von Zauberhand drehen sich dann alle um und rennen in ihren Unterhosen in die andere Richtung. Und ständig liegen die Spieler laut jammernd auf dem Boden (…), und wenn man schließlich denkt, Junge, Junge, jetzt ist einer tot, dann springt die Leiche wieder auf und rennt wieder herum wie eine Ameise, und diejenigen, die am häufigsten auf dem Boden gelegen haben, die gewinnen am Ende. Achte mal drauf.‹« – Soo schön.
*
An anderer Stelle gibt ’T Hart eigene leicht vulgäre Vorlieben preis wie »riesige Ohrhänger« oder »Stiefel mit haushohen Absätzen«, aber »tja, so hübsch das auch sein mochte, heutzutage haben solche Superschlampen immer auch Tattoos auf Armen, Beinen, Schulterblättern und um den Nabel herum, und beim Anblick jeder auch noch so kleinen Tätowierung überkommt mich großer Widerwillen.«
Kommt mir bekannt vor. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 6. September 2019 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Anstoß | Kommentare deaktiviert für Sport-Stammtisch (vom 7. September)