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Montagsthemen (vom 13. Juli)

Die letzte Sekunde der Nachspielzeit entscheidet nach 34 Spieltagen über Aufstieg oder Klassenerhalt. Zwar sind mir Nürnberg und Ingolstadt egal wie ein hessischer Handkäs’ (riecht von beiden Seiten, für die einen duftet, anderen stinkt er), doch sportlich ist diese und jede Relegation … unsportlich. Da wird der Liga-Runde zum Schluss ein Pokalspiel aufgepfropft, das mit seinen »eigenen Gesetzen« dem Sinn der 34-Spieltage-Liga widerspricht.
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Im manchmal genialen »Rattelschneck«-Cartoon in der SZ, Gast am Tresen: »Bei Geisterspielen vermisse ich am meisten La Ola, ›Die Welle‹. Erinnert mich immer an meine Geburt. Fruchtwasser gerät in Bewegung, und dann freuen sich alle, dass ich da bin.«
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Alle würden sich freuen, wenn sie wieder da sein könnten, im Stadion, zur Massenveranstaltung. Dann ist Fußball wieder etwas ganz anderes, vor allem sind die Fußballer ganz andere. Sie wirken menschlicher, individueller, angenehmer als in vollen Stadien. In Ingolstadt kochten die Emotionen zwar am Schluss über, aber noch im menschlich verständlichen Rahmen. Man stelle sich bloß vor, was im voll besetzten Stadion und danach auf den Straßen los gewesen wäre.
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Srebrenica, 25 Jahre her. Viele hehre Worte am Gedenktag. Keine dazu, dass die Konflikte auf dem Balkan fast schon idealtypisch im Fußball zu beobachten waren und sind. Da benehmen sich die Fans der ethnisch fein säuberlich getrennten Klubs wie früher die Soldaten auf den Schlachtfeldern, und oft nicht nur die Fans, sondern auch die Spieler.
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Als ich noch ins Stadion ging und La Ola über mich schwappte, duckte ich mich auf der Pressetribüne schnell weg, als ob ich konzentriert Notizen machte. An der Welle teilzunehmen, mich gar rattelschneckig daran zu erfreuen, war und ist mir nicht gegeben. Was ist da mit mir schief gelaufen? Ich lese zur Selbstfindung ein Standardwerk von 1895. »Psychologie der Massen« von Gustave Le Bon. »Allein durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein, steigt der Mensch mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab. Als einzelner war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar.«
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»Massen sind unfähig, Meinungen zu haben außer jenen, die ihnen eingeflößt wurden. (…) Alle Herren der Erde (…) waren stets unbewusste Psychologen mit einer instinktiven und oft sehr sicheren Kenntnis der Massenseele.« – Ein Grund dafür, dass Trump die Wahl längst noch nicht verloren hat – er kennt seine Massen besser als jeder seiner Kritiker. Aber das ist ein anderes Thema.
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»Vielleicht bedeutet der Aufstieg der Massen eine der letzten Etappen der Kulturen des Abendlandes.« Klingt nach Oswald Spengler. Tja. Aber schon der dritte Satz im Buch irritiert den Leser, denn fast alles, was Le Bon in der Masse sieht, basiert für ihn auf dem Begriff der … Rasse: »Der Inbegriff der gemeinsamen Merkmale, die allen Angehörigen einer Rasse durch Vererbung zuteil wurden, macht die Seele dieser Rasse aus.« – Die Masse hat eine Massenseele, die auf einer Rassenseele basiert? Nein, »Rasse« gibt es ja gar nicht, heißt es heute. Wie kommt man aus dieser Nummer heraus, ohne die gesamte »Psychologie der Massen« für falsch zu erklären? Vielleicht so: Namen sind Schall und Rauch, man könnte »Rasse« einfach durch Masse ersetzen.
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Gestern in der FAS: »Weiße Synchronsprecher für schwarze Stars – geht das noch?« – Geht’s noch? Ginge es nicht mehr, wäre das Rassismus in Reinkultur. Hintenrum. Aber bevor ich mich an dem Thema verhebe, zurück zu den Wurzeln, zum Sport. Niklas Kaul startet in diesem Jahr nicht mehr, er wurde am schon länger lädierten Ellbogen des Wurfarms operiert. Pech? Eher Glück. Bis Tokio wird er fit sein, zudem dann auch rein biologisch eher in der Lage, den sechs Jahre älteren Kevin Mayer zu gefährden, diesen Ausnahmeathleten, der derart »brennt«, dass er mittelfristig auszubrennen droht. Fände Tokio schon jetzt statt, Kaul ginge am zweiten Tag auf Aufholjagd, liefe beim Speerwurf an, seiner Paradedisziplin … und hielte sich vor Schmerz den Wurfarm … alles zum Glück nur im Konjunktiv. Die Wirklichkeitsform ist vorzuziehen.
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Auf einem anderen Blatt steht, dass Kaul die Nachricht auf Instagram verbreitet und die Zeitungen erst später nachziehen konnten. Aber aktuelle Meldungen sind schon lange keine Zeitungsdomäne mehr. Wir müssen einordnen, ergänzen, kommentieren und, ja, informierend unterhalten. Devise: Ich verpasse nichts, wenn ich den Artikel später lese, ich verpasse nur etwas, wenn ich ihn gar nicht lese. Wäre schön, wenn das auch für diese Kolumne gälte. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 12. Juli 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 11. Juli)

»Ich vermisse in letzter Zeit ein mehr Anstoßnehmen in Ihrem ›Anstoß‹«, bedauert Dr. Hans Jürgen Glaum, »früher gab’s bei mir mal ein: ›Das gibt’s doch nicht!‹« – Offenbar im Sinne von, um mal ein noch viel früheres Wort zu benutzen: Potztausend! Bin ich als Tiger abgesprungen und als zahnloses Kuscheltierchen gelandet? »Ecken Sie doch mal ein bisschen mehr an, grätschen Sie mehr dazwischen«, fordert der Leser. Also dritte Zähne angefeilt, reingeschoben und reingegrätscht.
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Aber zuerst zeigt Christian Lugerth Biss. Der Gießener Schauspieler, Theatermann und Dylanist bedankt sich für eine »Steilvorlage« (das seinerzeitige Banner am Stadttheater »Prädikat: garantiert ausländerfreundlich«) und merkt zu seiner alten Spielstätte an: »Da hängt gerne mal was draußen an der Fassade rum, was innen nicht wirklich gelebt wird. Wird da irgendwann mal plakatiert, in Übereinstimmung mit einer nicht nur behaupteten Realität: ›Stadttheater Gießen: garantiert mitarbeiterfreundlich!‹, kehre ich gerne dahin zurück.« – Wer knirscht da mit den Zähnen? Höre ich hinter den Kulissen dröhnend stummen Applaus?
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Früher, ja, da schrieb auch ich noch bissfest, al dente, zum Beispiel über den in die USA geflohenen Chemiker Grigorij Rodschenkow, der »in seinem neuen gelobten Land schon eine Stellung gefunden hat, für die er beste Referenzen mitbringt: bei einer US-Firma, die Doping-Tests für private Zwecke anbietet. Um für nicht private Zwecke, also offizielle Doping-Tests, ›sauber‹ vorbereitet zu sein?« – Potztausend! Aber die Realität übertrifft mich bei weitem. Rodschenkow, der als »Whistleblower« die Russland-Affäre angeschoben, Putin-Land aus Olympia katapultiert und viele Sportler namentlich beschuldigt hat, worauf diese gesperrt wurden, wird in einer  »Spiegel«-Geschichte  mit handfesten Indizien als Fälscher beschuldigt. Im Trump-Land wird er aber in Ehren gehalten – ist ja klar, ihm verdanken die USA einen großen Sieg im neuen kalten Sportkrieg.
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Was man heute »Whistleblower« (Pfeifenbläser) nennt, beschimpften wir früher in der Schule als »Petze«. In härteren Milieus, und nicht nur bei Edgar Wallace, hießen sie »Zinker«. Synonyme:  Spitzel, Verräter. Dennoch schallt der Ruf durch die Medien: Mehr Whistleblower braucht die Welt! Dagegen kann ich nur mein Lieblings-Grafito setzen: »Ich glaub euch nix!«
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Bleiben wir im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Die Washington Redskins sollen (und werden – der Tugend-Terror siegt) ihren Namen ändern, weil »Rothaut« eine Diskriminierung sei. Vor Jahren waren die Redskins  in die Schlagzeilen geraten, weil sie ihre Cheerleader zu Escort-Dienstleistungen gezwungen haben sollten. Das ist trotz MeToo-Zeiten irgendwie in Vergessenheit geraten. Dass die ganze Cheerleader-Chose, die ja auch bei uns rumpuschelt, ein Schlag ins Gesicht jeder echten Feministin ist (auch ich bin eine) … ach, jetzt werde ich zu bissig. Lieber Kuscheltier als Puschelschreck.
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So ähnlich gehen wir alle mit den Paralympics um. Hauptsache, nicht anecken! Haben Sie gelesen, dass Niko Kappel einen neuen Kugelstoß-Weltrekord aufgestellt hat? Klar. Vielleicht haben Sie sich auch die Weite gemerkt. 14,30 m. Aber sonst? Dass er in der Klasse F41 startet? Aber was bedeutet das? In dieser Klasse muss man zwischen 1,30 und 1,45 m klein sein und eine Armlänge bis maximal 60 cm haben. Gestoßen wird mit der Frauenkugel (4 kg). Wer eine Armlänge von 61 cm hat oder 1,46 m groß ist, wo startet der? Nicht bei den Paralympics, er muss bei den Unbehinderten mitmachen. Gegen Milliarden potenzielle Konkurrenten, statt gegen einen winzigen Bruchteil davon. Noch eine Zahl: Bei Olympia gibt es 47 Leichtathletik-Disziplinen, bei den Paralympics 177. Über all das könnte man mit Niko Kappel, der ein kluger, offener, sportlich denkender Mann sein soll, gewiss prima reden. Mit Unbehinderten eher nicht. Perfekt lösbar sind die Probleme sowieso nicht. Schließlich ist jeder Mensch eine (Schadens-)Klasse für sich.
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Auch Usain Bolt. Seine kleine Tochter heißt Olympia Lightning Bolt (»bolt of lightning« = »Blitzstrahl«). Olympia Lightning Bolt Bolt muss mit ihrem Namen ein Leben lang leben. Wie »A Boy Named Sue« von Johnny Cash. Der hat schon 1969 alles besungen, was zu den fast schon kinderschänderischen Namens-Marotten der Stars zu sagen ist. Kinder nach dem Ort ihrer Zeugung zu nennen (wie oberpeinlich für jeden Heranwachsenden!) oder nach eigenem Erfolg oder einfach nur irre, das ist … »the meanest thing that he ever did / (…) he (…) named me Sue« (»Das Gemeinste, was er jemals getan hat, war, dass er mich Sue nannte«).
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Jahre später trifft Sue den Vater in einer Kneipe: »My name is ›Sue!‹ / How do you do!? / Now you gonna die!« – Ganz so hart sollte Bolt nicht bestraft werden, aber womit Sue es dann belässt, das könnte dereinst auch Olympia Lightning Bolt Bolt tun: »I hit him hard right between the eyes.«
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Kuschelweicher Schluss.  Ringo Starr wurde  80. Der Schlichte, der Stille im Hintergrund, war das Herz der Beatles – nicht musikalisch, sondern menschlich. Die Geburtstagsschreiber ließen sich einen hundsgemeinen Satz von John Lennon nicht entgehen: »Er ist nicht der beste Drummer, nicht mal bei den Beatles.« Vor ein par Jahren gab Ringo ein Buch heraus (»Postcards From The Boys«), in dem er stolz die Karten veröffentlichte, die ihm John, Paul und George im Lauf der Jahrzehnte geschickt hatten, weit über das Ende der Beatles hinaus. Als es ihm dreckig ging (das Übliche: Alkohol & Co.) schrieben sie ihm: »Your are the greatest drummer in the world. Really.«
Ringo Starr. Lieb, treu und kein bisschen bissig. Wie:  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 10. Juli 2020 .
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Montagsthemen (vom 6. Juli)

Das alte Leverkusener Lied: Sie haben ein’ Rudi Völler, aber immer noch kein’ Titel. Fragt sich Völler etwa, ob das zusammenhängt?
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Das alte Lied für Bayern-Gegner: Sie sind einfach zu gut für den Rest. Mittlerweile nicht nur auf Dauer, sondern auch punktuell, wie in einem Pokalfinale. Das Triple ist nahe, auch weil Deutschland einen Corona-Vorteil hat: Früher angefangen, besser organisiert, schneller in Form.
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Abstecher ins untere Fußballgeschehen. Norddeutschland, vierte Kreisliga, einem böse Gefoulten brechen Waden- und Schienbein. Er verklagt den Foulspieler, der wird verurteilt, muss 4800 Euro bezahlen. Begründung: Dieses Foul sei »nicht mehr von der durch die Teilnahme an einem üblicherweise körperbetonten Fußballspiel erteilten Bewilligung gedeckt« (Quelle: SZ). Der Schiedsrichter sagte während der Verhandlung, solche Fouls sehe er fast jede Woche. Schwebt nun der Knast als Damoklesschwert am seidenen Menetekel-Faden über jedem Kicker? Na ja, wäre nicht schlimm, wenn er reißt, solch eine Stilblüte tut nicht weh, nicht körperlich.
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Quatsch beiseite, aber weiter mit der Justiz, diesmal »nur« der sportlichen. Christian Coleman, aktuell schnellster Mann der Welt, durfte trotz dreier verpasster Dopingtests bei der WM starten und gewinnen. Wobei »verpasst« ein verharmlosendes Wort war, denn Coleman hatte bei zwei Tests eine falsche Adresse angegeben und war beim dritten nicht auffindbar. Als Nike-Sprinter hatte er gute Anwälte und tönte: »Jetzt bin ich Weltmeister, und das ist etwas, das mir keiner mehr nehmen kann.« Übermut tut selten gut, jetzt »verpasste« er wieder einen Test und wurde »provisorisch« gesperrt. Mal sehen, ob sich die hinter ihm stehenden Interessen wieder durchsetzen. Ich fürchte, sie werden.
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Habe ich eine Ironie verpasst oder nicht verstanden? Hat Mercedes seine Formel-1-Autos tatsächlich schwarz angemalt, um ein Zeichen gegen Diskriminierung zu setzen? Irgendwie zu grotesk schön, um wahr zu sein. Aber schließlich hing am Gießener Stadttheater auch schon ein Plakat »Prädikat: besonders ausländerfreundlich«, und in der Fußball-Bundesliga haben sie mal fünf Minuten ohne Rechtsaußen gespielt (also 85 Minuten mit. Pfui Teufel!). Hübscher Satz von Evi Simeoni in der FAZ, hier neidisch zitiert, da er mir lieber selbst eingefallen wäre: »Auch die schnellen Schwaben springen auf diesen Zug auf, mit dem man zurzeit auf Billigticket eine Gute-Gewissen-Reise in die Welt der Werte machen kann.« – Sooo fein! Chapeau!
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Da reise ich mit. Die Banane »ist ein Sinnbild des Neokolonialismus«, schlagzeilt die Frankfurter Rundschau auf ihrer Titelseite über »eine Frucht, die es vielleicht bald nicht mehr gibt«. Ich boykottiere die Banane schon lange. Habe noch nie eine gegessen. Schon als Kind war sie mir viel zu klebrig und schleimig. Leider wusste ich damals noch nicht, dass ich der erste Gute-Gewissen-Reisende war (psst, nicht verraten; aber Schoko-Bananen, die sind klasse!).
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Beim Streichholzwerfen kann ich leider nicht mithalten. War ein Quarantäne-Zeitvertreib, ich hab’s versucht, kam auf vier, fünf Meter. Weltrekord: 44 Meter. Gehalten von Uwe Hohn. Aber der hält ja auch die »ewigen« Weltrekorde mit dem Speer (104,80 m) und der DDR-F1-Handgranate (100,02). Echt jetzt? Ja!
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Zum Glück kann ich hier Streichholz schreiben, muss es nicht laut sagen. Denn Schtreischholz ist für uns eschte Hessen noch schwieriger auszuschpreschen als die Kirsche, wenn sie nicht die Frucht ist.
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Dieser Tage machte ich meiner aus Norddeutschland stammenden Frau eine unfreiwillige Freude (neben vielen freiwilligen, damit das klar ist!) und berichtete ihr, wie viele Störche ich in der Lahnaue zwischen Gießen und Atzbach gesehen hatte. Sie zeigte großes Interesse und fragte immer wieder nach den Störchen, seltsamerweise von Lachanfällen geschüttelt. Ich sage jetzt zum letzten Mal, wie viele ich gesehen habe: zwölf Schtörsche, ehrlisch!
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Als Kind hatte ich oft vom sagenhaften Storch in Atzbach gehört. Damals eine Sensation, jetzt schon Alltag. Irgendwann eine Plage? Heißt es dann: »Was die alles wegfressen! Weg mit ihnen!«? – Hundert Jahre später wird wieder ein Storch gesichtet. Dann heißt es: Wie schön! – Und die Moral von der Geschicht …  verrat isch nischt.  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 5. Juli 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 4. Juli)


4. Juli 1954. Schnapszahl-Jubiläum. Mit 66 Jahren … verliert der deutsche Helden-Tag langsam seine Strahlkraft. Zum Hundertsten werden alle Kindheitserinnerungen verschwunden sein. Wen werden wir dann noch feiern?
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Tönnies hätte nicht zurücktreten sollen. Nicht jetzt. Sondern schon viel früher. Als er Kraftwerke für Afrika forderte, damit sie dort aufhören, Kinder zu machen, wenn es dunkel wird. Da hätte er aus Schreck und Scham über sich selbst abtreten müssen.
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Dieser Ausbruch eines latenten Rassismus wurde als untypischer Ausrutscher bagatellisiert. Weil er vielen von uns hätte unterlaufen können? Der vollzogene Rücktritt ist der eines Sündenbocks. Tönnies steht für die gesamte Branche, er muss deren Sünden ausbaden. Das mag ungerecht sein, aber es geschieht ihm recht.
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Um einen geflügelten Filmtitel zu zitieren: Nicht der Fabrikant ist pervers, sondern die Welt, für die er fabriziert. Man stelle sich bloß vor, zum Pflichtprogramm für unsere Schüler gehörte ein Besuch im Schlachthaus, mit genauem Beobachten aller Arbeitsschritte. Mangels Masse gäbe es bald keine Massenschlachtereien mehr.
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Nach 40 Bayern-Jahren hört »Mull« Müller-Wohlfahrt auf. Tief beeindruckt verweisen die Lobredner auf »weit über 100 000« Actovegin-Spritzen, die er gesetzt hat. Ein Wirkstoff, der aus Kälberblut gewonnen wird. Wo kommt das eigentlich her? Aus Steinen gepresst, von den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen? Und haben Sie schon die Grillfleisch-Schnäppchen für heute Abend gekauft?
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Jetzt wird ein X für ein U vorgemacht. Das Namensrecht von U am Frankfurter Waldstadion endete am Dienstag, seitdem heißt es X. Als hessischer Sturkopf habe ich U nie genannt. Zum Abschied sei’s hier erstmals geschrieben: Commerzbank Arena ade. X muss darauf warten. Vertrag läuft bis mindestens 2027.
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Was im Idealfall alles möglich ist! Heidenheim hat 50 000 Einwohner und eine alte Fußball-Kultur. Die Stadt und die Region stehen hinter ihrem Klub. Gießen hat mehr Einwohner und ebenfalls eine alte Fußball-Kultur. Die Stadt und die Region …?
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Trainingseindrücke auf Instagram, Disziplin Kugelstoßen. Kovacs (10×320 kg Kniebeugen!), Walsh, Crouser (3×240 kg Bankdrücken) ackern und ackern. Unser David Storl hat doppelt so viel Talent wie alle drei zusammen. Auf Instagram macht er Pipifax. Einer von den Vieren wird spätestens in Tokio Weltrekord stoßen. Storl ganz sicher nicht. Ein gutes Fördersystem ist ein sanftes Ruhekissen.
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Ganz anderes starkes Stück. Formel-1-Ex-Boss Ecclestone wurde wieder Vater. Mit 89. Sein Sohn heißt Ass. Das arme Kind. Nomen soll Omen sein. Wenigstens hat der alte Papa in diesem Sinne auf das »-hole« verzichtet, das bei ihm gerne angehängt wird.
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Zum Beispiel jetzt wieder. In diesem Fall aber unberechtigt. Ecclestone: »In vielen Fällen sind schwarze Menschen rassistischer als weiße Menschen.« Skandal! Skandal? Abgesehen davon, dass Ecclestone an sich ein Skandal ist, sagt er nur, dass die Erde keine Scheibe ist. Oder sind Schwarze die besseren Antirassisten? Nee, diese Spitzenstellung lassen wir uns nicht nehmen. Unstrittig aber: Dunkelhäutige haben mehr unter dem Rassismus Weißer zu leiden als Weiße unter dem Rassismus Dunkelhäutiger.
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Rasse. Das Wort soll es nicht mehr geben. Aus dem Grundgesetz streichen, sofort! Wie bei kleinen Kindern, die sich die Augen zuhalten, um nicht sehen zu müssen, was sie nicht sehen wollen. »Zwei Dinge sind die Feinde klugen Rats: die Eile und die Wut« (Thukydides, 5. Jahrh. v. Chr.).
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Doppelte Dosis der anderen Rassismus-Art, dahingeplappert wie von Tönnies, aber schwadroniert von Frankreichs Ex-Nationalspieler Dugarry zum Konflikt zwischen Messi und Griezmann beim FC Barcelona: »Warum hat er Angst vor einem Jungen, der 1,50 m groß ist und halb autistisch?« – Messi ist ein Fußball-Riese und menschlich angenehm zurückhaltend, also das Gegenteil von Dugarry.
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Gestern Kekse gekauft. Waffelblätter mit dunkler Schokolade von Bahlsen. Markenname: »Afrika«. Wie heißen die Waffeln mit heller Schokolade? Arktis? Oder Albino?
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Die Welt ist aus den Fugen, und der Untergang des Abendlandes in vollem Gange … würde ich sagen, wenn das nicht schon alle alten Säcke aller Zeiten gesagt hätten. Und dann ging’s, und dann geht’s … als weider! (gw)
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Veröffentlicht von gw am 3. Juli 2020 .
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Montagsthemen (vom 29. Juni)

»Täusche ich mich oder werden Sie immer kritischer gegenüber dem Sport im Allgemeinen und dem Fußball ganz besonders?«, fragt ein geschätzter Leser, leider nur »unter uns«, seinen Namen möchte er hier nicht lesen. – Antwort: Sie täuschen sich nicht.
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Allerdings gebe ich zu, dass der Neustart gelungen ist, entgegen aller (auch meiner) Unkerei. Wieder einmal trifft Jürgen Klopp den richtigen Ton: »Es ist natürlich nicht, wie es sein sollte. Aber es ist so gut, wie es sein kann.« Zumal er ein Profiteur der Bundesliga ist, ohne sie würde er jetzt nicht gefeiert wie sonst kein Deutscher in der Welt. Erst der Neustart gab den Startschuss in England und anderswo.
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Wie geht es weiter mit Klopp? Alles erreicht, da macht sich Leere breit. Was soll jetzt noch kommen können? Ich kenne das. Aber nur aus jugendlichen Träumereien, in denen ich Weltrekordler wurde. Selbst im Tagtraum taucht dann die bange Frage auf: Und nun? Wenn der Weg das Ziel ist, was bleibt am Ziel? Na ja, für Klopp der WM-Titel. Aber das hat noch viel Zeit.
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Es wäre der fünfte. Das Schnapszahl-Jubiläum des ersten (54/66) feiern wir in dieser Woche. Aber 60/60, welches Jubiläum ist das? Klar, Armin Hary, der Weltrekord, danach der Olympiasieg in Rom. Vor einer Woche schrieb ich über das Foto, auf dem Hary seine Sportschuhe in Händen hält – einen von Puma (beim Gold-Lauf getragen), einen von Adidas (bei der Siegerehrung). Auch Dr. Raymund Geis (Reiskirchen) war sofort aufgefallen: »Zwei Spikes mit unterschiedlichen Logos, ein Schelm, der Böses dabei denkt.« Unser Leser, zu seiner Zeit einer der besten deutschen Hochspringer, trug bei Wettkämpfen sogar Puma und Adidas gleichzeitig, am Sprungfuß Puma (der andere barfuß) »und für die anderen Disziplinen Adidas-Treter«.
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Anderes Thema. »Hass auf die Polizei. Warum Polizisten verachtet und angegriffen werden« (FAS gestern). Zuvor schon stand ein Satz auf dem Themenzettel für diese Kolumne, einer von zwei, die ich aus einem Welt-Interview notiert hatte, mit jungen Frauen, Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien, die soeben ihr Abitur bestanden haben. Mit Noten jenseits meiner eigenen abituriellen Vorstellungskraft (Mix aus 3 und 4 + Sport-1). Die beiden Sätze bekommen von mir eine 1 mit Sternchen. Was denken Sie, wenn Sie die Polizei sehen? – »Sicherheit. In Syrien mussten wir Angst haben, wenn wir sie gesehen haben.« (Hazar Abaza/20/2,5). Und: Haben Sie Angst vor der AfD? – »In einem demokratischen Land wie Deutschland nicht.« (Sedra Al Tarris/20/1,3).
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Die beiden sprachen noch vor drei, vier Jahren kein Wort deutsch. Sensationell. Rassismus ist nicht, wenn man Schmarotzer und Kriminelle Schmarotzer und Kriminelle nennt, sondern wenn man Menschen wie diese beiden Syrerinnen nicht als Zierde für unser Land respektiert und würdigt.
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Ebenfalls gelesen: »Das Karen-Problem« (SZ). Wie bitte? »Der Karen-Begriff hat sich in den USA für weiße, selbstgerecht-arrogante Frauen etabliert«. – Aus den USA schwappt vieles rüber und belästigt uns, vorneweg Trump-Twitterei, aber behaltet diesen Quatsch doch bitte bei euch! – Nee, falsche Adresse, liegt an uns. Bitte nicht importieren, also »gar nicht erst injorieren«, wie Adenauer sagte.
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Adenauer? Was’ndas? Aus der Mail jenes Lesers, der leider ungenannt bleiben will: »Viele Menschen denken nicht mehr in geschichtlichen Dimensionen, wissen nur noch wenig über die Vergangenheit (Bismarck? Ist das Mittelalter?, fragte mal eine Schülerin, die ein Referat anfertigen sollte im Fach Gesellschaftslehre), stellen sich womöglich vor, dass vor 1945 alles schwarzweiß war und verstehen Ironie überhaupt nicht« – Tja.
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Da fällt mir ein, was meine Frau gestern gefragt hat: »Weißt du eigentlich noch, dass du mal gesagt hast, auf deinem Grabstein solle nur ein Wort stehen?« – »Nee. Was denn?« – »Tja«
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Und sonst? Jugendliche haben durch Corona viel an Lebenszeit verloren, heißt es. Andererseits werden sie im Gegensatz zu uns im Schnitt 100 Jahre alt. Wie zerronnen, so gewonnen. Nutzt die Zusatz-Zeit. Nicht nur, um unsere Schulden abzubauen …
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Was ich noch zu sagen hätte, dauert keine Zigarette, wie bei Reinhard Mey, es ist sogar noch kürzer als bei Horst Hrubesch (»Ich sage nur ein Wort: vielen Dank!«), ist aber wirklich nur ein Wort:

Tja.                                                                                                         (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Veröffentlicht von gw am 28. Juni 2020 .
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