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Sport-Stammtisch (vom 21. November)

Löw zieht aus dem leeren Hut, dem Nichts namens Nationsdingsbums, weltweite Schlagzeilen. Wer derart zaubert, könnte auch fliegen. Will er aber nicht. Den richtigen Zeitpunkt des Abflugs hat er sowieso verpasst. Der war »nach einem derartigen Desaster unvermeidlich. Tritt er dennoch nicht zurück, wäre er das, was ihm seine Kritiker vorwerfen: abgehoben und über den Wolken schwebend« («Sport-Stammtisch« im WM-Juli 2018). – Er blieb. Und bleibt. Fliegt nicht, schwebt aber. Abgehoben. Ein fauler Zauber.
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Die Spieler sagten auf dem Platz, was sie von der Veranstaltung halten. Nicht verbal, sondern in Körpersprache. Sit-in im Stehen, provozierend teilnahmslos. Nur Kimmich trat vor Wut gegen das Krankenhausbett. Hoffentlich nicht mit dem operierten Bein.
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Wenn Claudia Roth ein »Eichhörnchen auf Ecstasy« (Harald Schmidt) ist, gibt es bei Überdosis ein wirksames Gegenmittel: Toni Kroos und seine einschläfernden Querpässe. Bei Robert Lembkes »Was bin ich?« (Jüngere, bitte googeln) konnte der Beruf des Gesuchten durch eine verräterische Handbewegung erkannt werden. Bei Kroos wäre das zu leicht für ein Quiz. Seine Fußbewegung, seine typische Körperhaltung beim Pass, verrät nicht nur den Beruf, sondern auch den Mann selbst. Unverwechselbar.
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Während alle Welt das Leben zurückfährt, düsen Fußball-Nationalmannschaften quer durch Europa, um Spiele zu spielen, die niemanden interessieren (es sei denn, sie enden 0:6) und die keinen sportlichen Sinn haben. Fast so verrückt wie Aluhüte. Gibt es etwas Systemirrelevanteres als diesen Wettbewerb. Das Fragezeichen spare ich mir. Welchen Titel trägt der Sieger? Weder Welt- noch Europameister. Straßenmeister? Nee, erst recht nicht. Das war schließlich ein Titel, bei dem es nicht um nichts, sondern um alles ging. Also: Dingsbumsmeister.
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Gegen die Überlastung der Spieler gibt es eine Lösung. Wenn schon Geisterspiele mit Atmosphäre-Lärm per Tonknopf, warum dann nicht gleich mit KFI, Künstlicher Fußball-Intelligenz? Es gibt ja schon einen Roboter namens »Curly«, der echte Curling-Sportler schlägt, und den zwei Meter großen »Cue3« von Toyota, gegen den Dirk Nowitzki beim Freiwurf nicht die Spur einer Chance hätte – »Cue3« trifft 2020-mal hintereinander (Quelle: Spiegel). Fußball-Roboter könnten täglich Nations League spielen. Aber bitte nicht mit Kroos’ Fußbewegung programmieren!
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Roboter tun so, als seien sie echte Menschen, Bitcoins, als seien sie echtes Geld. Mittlerweile boomen sie wieder. Aber Vorsicht! »Onecoin«, eine andere Kryptowährung, gilt als kriminelles Schneeballsystem, in Umlauf gebracht von einer mittlerweile spurlos verschwundenen Frau, der »Kryptoqueen« (Quelle: Zeit). Ihre immer noch treuen Kunden haben ein Handzeichen, an dem sie sich erkennen – ein »O«, gebildet aus Zeigefinger und Daumen. – Oh, dieses »O« kennen wir doch?! Aus dem Straßenverkehr. Denn Stinkefinger und ähnliche Beleidigungen sind strafbar, aber wenn mir einer die Vorfahrt nimmt und ich ihm das »O« zeige, heißt das insgeheim: »Dummes A…loch!« Was die Onecoin-Jünger nicht wissen: Die »Kryptoqueen« zeigt ihnen aus ihrem Schlupfloch das Auto-»O«. Falls das Loch nicht schon längst unter der Erde liegt …
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Echt und unecht. Wieso fällt mir da Christoph Daum ein? Zu seinem positiven Drogentest (die legendäre Haarprobe) sagt er jetzt in der SZ: »Ich stelle sehr hohe Ansprüche an mich und musste lernen, mir selbst zu vergeben.« Warum schüttelt es mich bei diesem Satz? Wissen Sie es? Schüttelt es Sie auch?
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Wieder mal abgeschwiffen. Oder heißt es abgeschwifft? Und wann wird geschleift und wann geschliffen? Auf seiner (immer sehr anregenden) Facebook-Seite zitiert Hessens SPD-Emeritus Gerhard Merz aus einem Zeitungskommentar, es sei »Wasser auf die Mühlen von Populistinnen und Populisten, wenn eine lange Sprachtradition geschliffen wird«. Merz juxt sprachlich geschliffen über das falsche »geschliffen« (statt geschleift). – Ich juxe mit: »Geschleift gehört das Genderbollwerk Populist(innenundPopulist)en« – Eine »Sara« kommentiert genervt (aber mit Lächel-Emoi): »Ach Jungs: Populist*innen!« – Sofort geantwortet: »Bin Gesinnungsmädel, aber Freund (*in wird geschleift) geschliffener Sprache.«
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Spontane Selbstfindung in einem Wort. Ich bin zwar kein Freund der Quote und ein Feind der gendernden Sprachverschandelung, aber auch ein Populistenchauvi? Nein, nun  weiß ich, was ich bin. Liebste Zielgruppe, viele Grüße, Euer Gesinnungsmädel: (gw)
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Veröffentlicht von gw am 20. November 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 14. November)

Nations League und andere Suppencups haben null Bedeutung, schaden den überstrapazierten Profis, sind absoluter Quatsch und sportlich so was von scheißegal … sage nicht ich, sondern – wörtlich – das Brüderpaar Toni und Felix Kroos (im Kroos-Podcast). Danke, Toni. Trotz aller Klasse zwar nicht mein Lieblingsspieler auf dem Platz, aber wichtiger ist ja oft neben ihm.
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»Wichtig is auf’m Platz« gehört zu den Perlen fußballerischer Wortkunst. Auf der Rangliste ganz oben steht natürlich Willi »Ente« Lippens (Schiedsrichter: »Ich verwarne Ihnen.« Lippens: »Ich danke Sie.«), anlässlich des 75. Geburtstags wieder vielfach zitiert. Ist ja auch zu schön.
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»Ente« wurde Lippens genannt, weil er wie eine solche watschelte. Übrigens, liebste Zielgruppe: Der Entengang ist die beste Übung, um aus dem »musculus gluteus maximus« (großer Gesäßmuskel) den ersehnten Knack-Po zu machen. Allerdings nicht im Entengang à la Lippens, sondern wie der legendäre vierfache Diskus-Olympiasieger Al Oerter. In der Hocke, Hintern unter Kniehöhe, watschelte er täglich um seine Sporthalle. Mit einer 260 kg schweren Hantel auf den Schultern. Wenn frau das macht, selbst mit drei, vier Zentnern leichterer Belastung, kann sie bald im Stehen ein Champagnerglas auf dem gluteus maximus abstellen (kennen Sie das ikonische Bild? War’s Grace Jones?).
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Abgeschwiffen … dazu passt die aktuelle Sprachperle von Bild online: »Kevin Trapp schreite die Freude über den Schlusspfiff deutlich hörbar im Stadion raus.« Auch die Perlen-Hitliste ist zum Schreiten komisch. Meine Favoriten liegen leider nur im hinteren Mittelfeld, zum Beispiel »Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär« von Hans Krankl…ach ich mich aber vor allem über Paul Gascoigne: »Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun.« Herrlich. Alle Kreter lügen, sagt der Kreter.
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Schluss mit lustig. Das Sinnvollste am sportlich sinnlosen C-Länderspiel vom Mittwoch war die Kapitänsrolle von Ilkay Gündogan. Er ist nicht nur ein angenehmer, reflektierter Typ, sondern als deutscher Spielführer ein wirksameres Zeichen als Wort- und Bildhülsen der üblich beflissenen Art.
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Früher gab es eine gewisse Keule als Totschlag-Argument, heute wird »gelabelt«. Manuel Neuer grölte im Urlaub ein kroatisches Lied mit, das er nicht verstand – schon war er Sympathisant der rechtsradikalen Ustascha. Antonio Rüdiger gibt jetzt einem Text, den er noch weniger versteht (weil kyrillisch), am digitalen Wasserhäuschen alias asoziale Medien ein »Like« – schon hat er das Label »Freund islamistischer Attentäter«. Leute, kommt bitte runter! Manchmal tippt der Finger schneller als der Kopf denkt. Wer aus einem gedankenlos dahingeklickten »Like« ein Problem macht, ist selber eins.
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Das Label kennen wir von Schallplatten, es etikettiert den Inhalt. Welches Etikett würden manische »Labeler« (eng verwandt mit dem Laberer) auf meine kleinen Meinungen zu Gündogan, Neuer und Rüdiger kleben? Oder wenn ich juxe, es sei Anti-Gender-Terror, dass eine »Geldautomatin der Eifel gesprengt« (Schlagzeile im Trierischen Volksfreund) wird? Oder wenn ich Wolfgang Joop zustimme, man könne »sich selbst im Leben nur in einem ganz kurzen Zeitfenster nackt ertragen«? Rassist, Frauenfeind, Altersdiskriminierer? Oder jeweils das Gegenteil? Schön wäre es, ich würde so viele unterschiedliche Label sammeln können wie andere Briefmarken. Lieber zwischen allen Stühlen als in einer Schublade – denn das bräche mir das Herz.
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Neues Modewort, fast nur im Netz vorkommend. Im wahren Leben sagt niemand »es bricht mir das Herz«, jedenfalls nicht leichtfertig dahin, aber gebrochene Herzen pflastern den medialen Weg und motzen Allerwelts-Emotionen zu scheinbar tiefster Betroffenheit auf. In wenigen Sekunden online zusammengeklickt: DTM-Boss Berger zum Aus der Class-One-Autos: »Bricht mir das Herz«. / Tochter Gianninna im Onlinedienst Twitter: »Es bricht mir das Herz, ihn (Diego Maradona am 60. Geburtstag) so zu sehen.« / »Corona bricht mir das Herz und den Geldbeutel.« (ein Gastronom, immerhin mit schwarzem Humor) / Funkenmariechen trauert um Karneval: »Die Absage brach mir das Herz.« / Für immer! Dieser Abschied (vom Flughafen Tegel!) bricht Helene Fischer das Herz / Und natürlich: Mädchen singt Lied für sterbendes Kätzchen: Video bricht Millionen von Menschen das Herz.
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Ist die allergische Reaktion auf unechtes Gefühlsgetue eine Alterserscheinung? Wie alt ich bin, fiel mir wieder einmal bei Helenes Abschied vom Flughafen Tegel auf. Bin ich nicht erst vorgestern in Tempelhof gelandet? Und gestern in einem der ersten Flugzeuge von Tegel aus heimgeflogen?
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Apropos alt. Zugaben – mit Label-Gefahr – an anderer Stelle im Blatt (»Senioren-Journal«) oder im Blog (Link zu »Mein progressiver Alttag«). Auf Wiederlesen dort und/oder am nächsten Samstag an dieser Stelle. Gelle!?  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 13. November 2020 .
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Sport-Stammtisch vom 7. November

Es ist ja nicht mehr zum Aushalten, daher gönnen wir uns das bisschen Eskapismus, in dieser Kolumne kein Wort über den Irrsinn unserer Zeit zu verlieren. Lieber gleich zu einem hirnschnellen Fußballer, danach zu einem männlichen Meister sich nicht gabelnder Kleidungsstücke (Thema der Kolumne vom vergangenen Samstag, erinnern Sie sich?) und zu einem eher stillosen Vertreter männlicher Minirock-Mode. Den Schluss macht ein besonders liebenswerter Mann und Fußballer …
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… aber vorneweg mein neues Lieblingswort. Ochlokratie. Das ist »die Verfallsform der Demokratie, dass also die Pöbelherrschaft übernimmt, wenn die Demokratie entartet« (Ilja Leonard Pfeijffer, niederländischer Schriftsteller, im SZ-Magazin). Mancherorts steht der Pöbel schon Gewehr bei Fuß, was bei uns im Gegensatz zu den USA zum Glück – noch? – nicht wörtlich zu nehmen ist.
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Jetzt aber schnell zu Mats Hummels geflüchtet. Ob er heute spielen kann? Zum Glück hat der Muskel nur »zugemacht« und ist nicht gerissen, denn »für ’nen Muskelfaserriss bin ich zu langsam«, hat Hummels selbstironisch getwittert. Er kann einfach alles. Außer schnell zu Fuß. Wäre er das auch noch, es gäbe weltweit keinen besseren Innenverteidiger, schon gar nicht als zudem strategischer Kopf der Mannschaft.
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In der liebsten Zielgruppe nachgefragt (ohne die Beste, die keine Fußballer kennt). Mehrheitsmeinung: Hummels ist als Mann so sexy wie der junge James Bond. Aber nicht ganz so attraktiv wie der in Würde gereifte Sean Connery. »Für ihn« hat Dr. Sylvia Börgens »schon immer geschwärmt«. Ausnehmend gut gefiel unserer Leserin auch, wie der Schotte im Kilt von der Queen geadelt wurde (https://www.youtube.com/watch?v=Bk6GTUGXzmA), also in einem sich nicht gabelnden Kleidungsstück: »Wie großartig, wie stilvoll! Dass die Zuweisung der Bekleidung der unteren Körperregion für die Geschlechter unzweckmäßig ist, liegt ja auf der Hand. Schotte müsste mann sein…«
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Mann kann aber in einem sich nicht gabelnden Kleidungsstück auch weniger stilvoll wirken. Wladislaw Komar zum Beispiel, der Kugelstoß-Olympiasieger von München 1972. Wenige Stunden vor dem großen Meeting im Züricher Letzigrund polterte er Mitte der 70er Jahre in mein Zimmer. Gerade erst war er aus Schottland zurückgekommen, wo er einen Wettkampf im Baumstammweitwerfen gewonnen hatte. Der Zweieinhalbzentner-Mann trug noch die standesgemäße Wettkampfhose der Baumstammweitwerfer, ein besonders kurzes Schottenröckchen über dicken, weißen, nackten Beinen. In der Hand schwenkte er eine Flasche Wodka, die er nun zusammen mit mir leeren wollte – zum Zeichen unserer unverbrüchlichen Freundschaft. Obwohl ich ihn kaum kannte. Die Freundschaft zerbrach auch sofort wieder, da ich vorstartnervös den Wodka verweigerte. Beleidigt zog er ab. Und nun raten Sie mal, wer im Wettkampf vorne lag: der nüchterne Deutsche oder das wettkampf- und wodkaharte Unikum aus Polen …
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Fritz Walter tendierte stilistisch eher zu Sean Connery als zu Wladislaw Komar. Vorige Woche wäre er 100 Jahre alt geworden, er ist gebührend gefeiert worden. Als Fußballer und als Mensch eine Ausnahmeerscheinung, auch für die Beste aus der liebsten Zielgruppe, denn Fritz Walter ist der einzige Fußballer, den sie jemals persönlich kennengelernt hat. Bei einem Interview im Gießener Gefängnis, wo er Inhaftierte besuchte, mit ihnen sprach und sie zu motivieren versuchte. Ein Engagement, das er viele Jahre lang  pflegte, ohne großes Gewese darum zu machen. Seine Interviewerin war sehr angetan von dem »liebenswerten älteren Herrn« – dass er auch ein großer, vielleicht Deutschlands größter Fußballer war, wusste sie zwar, es interessierte sie aber nicht. Entscheidend war auf dem Platz, auf dem Gefängnishof: die angenehme, zugewandte und menschenfreundliche Art von Fritz Walter. (gw)

 

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Veröffentlicht von gw am 6. November 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 31. Oktober)

Der Sport, die Pandemie und der De-facto-Lockdown. »Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.« Manche kennen das Zitat als Marcel Reich-Ranickis Schlusssatz im »Literarischen Quartett«, einige Ältere wissen sogar aus der Schul-Pflichtlektüre, dass der Satz im Epilog von »Der gute Mensch von Sezuan« fällt, in dem uns Brecht didaktisch einhämmert, dass Sezuan überall ist. Wie Corona.
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Der Vorhang ist im zweiten Akt gefallen, nach der Hybris des Sommers. Ob der dritte die Katharsis, die reinigende Läuterung bringt? Auch diese Frage bleibt offen, wie die entscheidende: Sind die Maßnahmen richtig? Oder verhängnisvoll? Oder beides? Auch im Sport, in der »Miniatur-Kopie der Arbeitswelt«, wie H. E. Richter sagte, der fast Vergessene? Nur die sprichwörtliche Frage in Richters Bestseller (»Flüchten oder Standhalten?«)  findet ihre Corona-Antwort, da Flucht keine Alternative ist: Standhalten. Muss ja.
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Standhalten. Vertrauen in die Schwarmintelligenz der Wissenschaft und, ja, auch in die der Politik. Obwohl uns viele Fragen quälen. So ist Cristiano Ronaldo schon 18 Mal (!) positiv auf Corona getestet worden. Ronaldo, der Fitness- und Gesundheitsfreak, der, so weit wir wissen, alle Vorsichtsmaßnahmen einhält und selbst Tattoos ablehnt, weil das Stechen seiner Form schaden könnte. Ronaldo, der abgeschirmt wird wie kaum ein anderer, in einem Metier, das aus Selbsterhaltungstrieb die Regeln besonders strikt einhält. Wie kommt ein Ronaldo zu dem Virus, wie das Virus in Ronaldo? Oder in all die anderen Profi-Fußballer, die positiv getestet werden, obwohl sie quasi in Quarantäne leben?
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Fragen über Fragen. Finale Antworten gibt es frühestens nach dem letzten Akt. Bis dahin geht der Vorhang auf … und zu … und auf …
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Sähen wir das fiese Virus,  könnten wir es meiden. Jedes einzelne ein rot leuchtender Punkt, und wir wüssten, wie  es sein Unwesen treibt und wie weit die gierigen Hände des unsichtbaren Schurken reichen. – Schurke. Schönes, altes deutsches Wort.  Wie sein Bruder, der Schuft, und sein Vetter, der Halunke. Alle drei sind vor rund 400 Jahren fast aus dem Nichts aufgetaucht, kaum noch herzuleiten, woher sie kamen. Selbst die  revolutionären Sprachgarden haben sie noch nicht enteiert – zu Recht, denn in meiner liebsten Zielgruppe kenne ich  keine SchurkInnen, SchuftInnen oder HalunkInnen.
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Zurück zum Sport. Ist Christian Coleman ein schuftig-schurkiger Halunke oder ein schuldloses Opfer böswilliger Dopingtester? Etwas ist er bestimmt: dreist. Coleman wurde 2019 100-m-Weltmeister, obwohl er drei Doping-Tests »verpasst« hatte. Aber der Nike-Sprinter hatte gute Anwälte.
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Coleman danach: »Jetzt bin ich Weltmeister, und das ist etwas, das mir keiner mehr nehmen kann.« Dreist, dreister, am dreistesten: Danach »verpasste« er wieder einen Test. Zwei Jahre Sperre, Olympia 2021 passe? Er hat immer noch gute Anwälte …
Coleman erklärt sich natürlich zum unschuldigen Opfer. Wer’s glaubt, zieht sich die Hose mit der Kneifzange an.
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Also nicht Mark Bryan … einen Moment bitte, für diesen Übergang muss ich mir mal kurz auf die Schulter klopfen …, denn der heterosexuell verheiratete Liebhaber von Porsches und schönen Frauen zieht sich erst gar keine Hose an, sondern lieber Bleistiftrock und Pumps, schreibt die ihn interviewende Süddeutsche Zeitung. Auf dem Foto trägt Mark einen engen Rock im Leopardenlook mit Schlitz im Kleid sowie High-Heel-Stiefel. Fesch. Problem: »Im Winter wird’s untenrum ein bisschen kalt« (Bryan).
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Langjährigen »gw«-Lesern dürfte dieses Steckenpferd bekannt vorkommen. Tief im vergangenen Jahrhundert stellte ich den wahren Rock-Pionier vor, einen US-Landsmann von Bryan, der als Briefträger den Dienst an und in der Hose verweigerte, weil »ein sich nicht gabelndes Kleidungsstück«, vulgo Rock, der Anatomie des Mannes besser entspräche. Der echte Rocker kämpfte gegen die Bekleidungsvorschriften der Gewerkschaft und flehte: »Bitte öffnet eure Herzen und Nähte.« Vergeblich. Wer zu früh im Rock kommt, den bestrafen die Kollegen. Bryan kommt rechtzeitig, er hat auf Instagram schon fast 200 000 »Follower«.
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Auch ich stehe sich nicht gabelnden Kleidungsstücken, nun ja, aufgeschlossen gegenüber. Schon als Kind ging ich im Fasching lieber als Mädchen denn als Cowboy oder Indianer, und ehe ich sprachlich anfinge zu gendern, würde ich mit Schlitz im Kleid auf High Heels Briefe austragen. Auch wenn es untenrum ein bisschen kalt würde. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 30. Oktober 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 24. Oktober)

»BILD erklärt, was nicht zu erklären ist.« Prima Schlagzeile für Freunde einfacher Lösungen in komplizierten Zeiten. Geht es um Echsenmenschen, Kinderblutsauger, die Illuminaten? Nein, »Bild« wagt sich an ein größeres Mysterium, an »die zwei Gesichter von Borussia Dortmund« und erklärt, »was nicht einmal Einstein verstehen würde«.
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Wenn Einstein nicht, dann ein Steines erst recht nicht. Nur den Unterschied zum FC Bayern, den kapiere ich auch ohne »Bild«. Der liegt nicht nur am »Mir san mia« gegenüber dem »Was sind wir überhaupt?«, sondern wird auch deutlich im Kader. Jeder Stammspieler des FCB wäre es auch in Dortmund. Aber welcher BVB-Stammspieler ebenso in München? Mir fällt keiner ein. Selbst Haaland wäre nur Backup von Lewandowski
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Die komplizierte Beziehung zwischen Favre und den Borussen gleitet langsam ins Fatale ab. Beide Partner sind guten Willens – aber es passt nicht. Beide wissen es, wollen es aber nicht wahrhaben. Und immer, wenn der Glaube schwindet, kommt ein trügerischer Glücksmoment und verzögert das Unvermeidliche. Ende nicht offen. Offen nur, wie nah das Ende ist. Und die Erklärung des Unerklärlichen? Liegt hinter der »Bild«-Bezahlschranke. Zahle wer will.
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Zurück in die Nationalmannschaft? Hummels und Müller halten sich zurück, lassen aber durchblicken: allzeit bereit! Leider. Denn beide sind idealtypische Vertreter des mündigen, souveränen, intelligenten Fußballprofis. Sie haben es nicht nötig, auf einen Sinneswandel von Löw zu hoffen und sich zum Spielball des mehr und mehr abgehobenen Bundestrainers zu machen. Zumal der dort oben immerhin die konsequente Arroganz hat, alle Rufe nach den beiden Routiniers zu ignorieren. »Ich stehe über den Dingen, was Kritik angeht.« Kann nur einer wie Trump sagen? Sagt aber Löw.
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Wahrscheinlich bekommt der Stuttgarter Kickers-Trainer – Sie kennen die Geschichte – diverse Fairplaypreise. Aber besser wäre es, den Grund für das »Fairplay« zu beseitigen, der oft ein unfairer ist. Liegt ein Spieler am Boden, sollte nur der Schiedsrichter entscheiden, ob unterbrochen wird. Die Anstandsregel, den Ball ins Aus zu schlagen und ihn beim Einwurf zurück zu bekommen, wird zu oft als taktisches Mittel missbraucht. »Gelb« für absichtlichen Einwurf zum Gegner? Könnte das Problem lösen.
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Rugby ist ein harter, aber besonders fairer Sport. Rudelbildung gibt es nur beim »Gedränge«, das der Schiedsrichter anordnet, der unbedrängte Respektsperson ist. Fair auch, dass der Welt-Verband beschlossen hat, Transfrauen in Frauenteams zu verbieten. KampfgenossI*nnen (oder so) nennen es jedoch Diskriminierung. Man könnte lang und breit diskutieren, wieder bei Adam, Eva und Semenya beginnen … aber nur, wenn man kein Sportler, keine Sportlerin ist. Die wissen: Wenn das Geschlecht wählbar wäre, gäbe es keinen Frauensport mehr.
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Bleiben wir beim kleinen Unterschied. Beim sehr kleinen. Eine Frau, vom Freund verlassen, postet aus Rache auf Instagram ein Foto vom Mini-Penis des Ex. Der ist empört, beleidigt, schämt sich, niemand bemitleidet ihn, im Gegenteil, das Netz johlt. Übrigens aus Unwissen, denn die Fachwelt kennt den gar nicht so kleinen Unterschied zwischen Blut- und Fleischpenis. Hier nur so viel: Der scheinbar kleine B.-Penis ist, wenn er sich aufregt, ein Hulk im Vergleich zum schlappen Bruder F.-Penis.
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Aber im Ernst: Welchen globalen Aufstand gäbe es in der diversen Szene, wenn der Ex aus Rache unvorteilhaft wirkende primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale der Verflossenen gepostet hätte! Tja.
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Wenn Geschlechtsdefinitionen ins Wanken geraten, trösten sich alte, weiße Männer mit dem guten, alten Beat. »I’m a Man!«, konnte Spencer Davis geschlechtsgewiss röhren. Jetzt ist auch Davis tot. Gestorben mit 81, also nach Pop-Maßstäben älter als ein Baum.
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»Alt wie ein Baum / möchte ich werden«, singen die Puhdys. Bei Spotify gefunden, wie andere DDR-Musik (Karat, Michaelis), die in Ostzonenzeiten unbemerkt an mir vorübergezogen ist (außer Maffays Brücken-Kopie). Noch ne Entdeckung: Imaginary Future alias Jesse Epstein. Singt wie ein Bekiffter kurz vorm Einschlafen. Spencer-Davis-Kontrastprogramm. Schön kontemplativ.
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Alt wie ein Baum / möchte ich werden… schon fällt mir auf: Ich bin’s ja schon. Zwar acht Jahre jünger als Spencer, aber eine immer wieder schockierende Erkenntnis. Ich? So alt? Kann nicht sein. Andere alte Mädels und Jungs kennen das. Spencer Davis röhrt und rät uns: Keep on Running! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Veröffentlicht von gw am 23. Oktober 2020 .
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