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Sport-Stammtisch (vom 26. September)

Der Fußball »genießt offenbar Narrenfreiheit« (Frank Ulrich Montgomery, Chef des Weltärztebundes) und schreibt dennoch oder deswegen die schönsten Geschichten (siehe Javi Martinez, künftig Ex-Bayernspieler). Ein weites Feld, auf dem Fußball gespielt wird.
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Wenn es für die Nationalelf im Nations Cup um die verschrumpelte Ananas geht, wie von mir und hier gespottet, dann ging es für die Bayern gegen Sevilla um die vergiftete Kokosnuss. Wie die Operation am offenen Corona-Herzen der Gesellschaft endet, wird die nähere Zukunft zeigen. Dass sie sportlich überflüssig und pandemisch kreuzgefährlich war, ist jetzt schon keine Frage. Worum es ebenfalls geht: »Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!« (Margarete alias Gretchen). In diesem Fall drängen und hängen die UEFA und das von ihr vertretene Metier, das Goethe noch nicht kannte, sonst hätte er den Faust … ach, Quatsch … die Faust geballt und in sein geflügeltes Wort den Halbsatz geschoben: »Und am Fußball.« Ach, wir Armen!
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Das Stadion in der Goethe-Stadt hat wieder einen neuen Namen, den ich mir wie schon den vorigen nicht merken werde. Egal was draufsteht, Waldstadion ist drin. Früher haben arrogante Weltbanker (Koppers Peanuts, Ackermanns V-Zeichen) das Waldstadion und seine halbseidenen SGE-Protagonisten auf der Haupttribüne und im Vorstand verächtlich gemieden, jetzt suchen sie Schutz und Renommee bei einem solide geführten Verein mit gutem Ruf. Zeitenwende allüberall.
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Angeblich will die Bank dem Verein helfen, die Digitalisierung voran zu treiben. Beispiel Bratwurst (im Fußball öfter zitiert als Goethe): Um das Gedränge vor den Buden in der Halbzeit zu entzerren und den Umsatz davor und danach zu steigern, könnten die Preise im Sekundentakt geändert werden. In der Halbzeit teuer wie eine Ribery-Gedächtnisgoldwurst, davor und danach echte Schnäppchen-Häppchen. Während das Spiel läuft? Klar, ist doch Nebensache. Mit Fernseh-Service am Budchen. Und wenn dann Breaking News aus den FinCEN Files in Sachen Geldwäsche laufen – digitalisieren wir sie einfach weg.
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Von der brave new world zu einer untergehenden. Ihren Niedergang habe man bei den Hessischen Meisterschaften der Leichtathleten erkennen können, bei denen in manchen Disziplinen Leistungen zum Titelgewinn reichten, mit denen man früher nicht mal auf die Idee gekommen wäre, überhaupt teilzunehmen. Schrieb ich. Dazu merkt Reinhard Schartl (Bad Nauheim) an: »Ihre Bewertung ist zutreffend, jedoch muss auch berücksichtigt werden, dass Hessische Meisterschaften für Spitzenleichtathleten offensichtlich bedeutungslos sind.« Unser Leser führt prominente Namen wie Michael Pohl, Marc Reuther, Rebekka Haase oder Carolin Schäfer an, gibt jedoch zu bedenken: »Den vorne platzierten Athleten und Athletinnen ist aber zu bescheinigen, dass sie jedenfalls im eigenen Leistungsbereich häufig gute, teilweise Bestleistungen erzielten. Das Problem liegt also nicht allein im Niedergang – der allerdings nicht zu bestreiten ist.«
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Das sehe ich genauso, hatte es auch zuvor im Blog geschrieben, aus Platzgründen aber nicht in die Kolumne übernommen, was hiermit nachgeholt sei: »Glückwunsch an alle Teilnehmer, die eine persönliche Bestleistung geschafft haben und damit vielleicht sogar ganz vorne gelandet sind. Persönliche Bestleistung anzustreben, das war für mich immer der tiefere Sinn der sportlichen Betätigung, deshalb wurde ich Leichtathlet und blieb nicht im Handball, der für mich ›nur‹ Spiel war, ein schönes allerdings.« – Na ja, das dürften aktive Handballer heute anders sehen …
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Ist ja nicht ganz so einfach wie in manchem Modesport, in der Leichtathletik an die Spitze zu kommen, dafür muss man jahrelang trainieren, ohne Erfolgsgarantie. Eddie Hall, »stärkster Mann der Welt« (u.a. 500 kg im Kreuzheben), wollte kürzlich nebenbei richtig weit kugelstoßen. »Ich dachte wirklich, ich würde mindestens 20 Meter weit kommen.« Der 170-kg-Koloss kam im ersten Versuch auf neun Meter.
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Zu guter Letzt die Presse-Schau. »Zahl der Corona-Toten steigt stark« (Spiegel-online-Schlagzeile). »Die Zahl der Todesfälle ist aktuell rückläufig“ (aus dem zugehörigen Spiegel-Text). Die soziologische Fachzeitschrift »Soziale Welt« behauptet, es sei wissenschaftlich festgestellt, dass es keine Flüchtlingskrise gegeben hat, sie sei vielmehr »vom Sozialstaat absorbiert« worden. Und überall wird Angela Merkel zitiert, die den Vereinten Nationen zum 75. Geburtstag gratuliert und »nationale Alleingänge scharf kritisiert« – das ist mal echte Selbstkritik! (gw)
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Veröffentlicht von gw am 25. September 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 19. September)

Das Auftaktspiel also doch ohne Zuschauer. Wann dürfen wo wie viele Zuschauer ins Stadion? Die Antwort geben Corona und die Politik. Eine mich mehr bewegende Frage kann nur der Fußball selbst beantworten, indem er die Behauptung der Protagonistin in Monika Marons neuem Roman »Artur Lanz« widerlegt, ehrenhafte »Ritterlichkeit« gebe es »heute nicht einmal im Sport. Eine Fußballmannschaft, der unrechtmäßig ein Elfmeter zugesprochen wurde, würde ihn bedenkenlos in ein Tor verwandeln und den unverdienten Sieg reuelos bejubeln«. – Eine Frage der Ehre. Ich hoffe auf das Debüt der Ritterlichkeit in der Bundesliga. Die Saison wäre für mich gerettet, Corona hin, Zuschauer her.
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An der Gegenwarts-Literatur Interessierte wissen, dass Monika Maron vom kulturpolitischen Mainstream als rechtsaußen aussortiert und abgestempelt wird (was absurd ist), ähnlich wie Botho Strauß (weniger absurd), der schon in seinem »Anschwellenden Bocksgesang« dagegen hält: »Der Rechte ist vom Neonazi so weit entfernt wie der Fußballfreund vom Hooligan.« Hübscher Vergleich. Noch hübscher das Wortspiel eines Twitterers, nachdem Trump Österreich als »Waldnation« erkannt hat, die in »Waldstädten« haust: »America First, Austria Förster.« – Apropos und ernsthaft (zur Exekution des iranischen Ringers): Staaten, in denen die Todesstrafe verhängt wird, sind Unrechtsstaaten. Iran hin, USA her.
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So früh vom Sport in heikle Gefilde abzuirren hat seinen Grund, denn im Mainstream komme ich damit sicher nicht an. Obwohl Wilfried Schwalb (Burkhardsfelden) bedauert: »Jetzt fangen Sie auch noch an, auf den Mainstreamzug aufzuspringen.« Ich hatte geschrieben, Verschwörungstheoretiker mögen sich den Aluhut auf- oder die Springerstiefel anziehen und sich in ihre rechte oder frei schwebende Ecke verziehen. Damit gehöre ich zum Mainstream der Medien, meint unser Leser (ungekürzt in der Online-»Mailbox«), »die einseitig informieren, Lügen verbreiten, die Bevölkerung verdummen und Ängste schüren«.
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»Mainstream-Schreiberei« wäre für mich die größtmögliche Beleidigung und vernichtendste Kritik. Aber diesmal lasse ich mir den Vorwurf gerne gefallen. Wer ihn teilt, mag dies tun, ich bin weder Virologe noch Missionar. Was mir an »unseren« Maßnahmen aber gefällt: Sie sind kein deutscher Sonderweg, sondern in ihrer Konsequenz in etwa das Mittel der weltweiten Maßnahmen.
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Deutsche Sonderwege taten uns und der Welt noch nie gut, selbst wenn sie außerordentlich gut gemeint waren. Und was den Mainstream und mich angeht: Zu den fatalen Sonderwegen gehören auch die abrupte Energiewende und die deutsche Rolle im Flüchtlingsjahr 2015. Mit dieser Überzeugung paddele ich weiter (Moria …) nicht mit, sondern gegen den Mainstream an.
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Zum Sport. Leichtathletik. Hessische Meisterschaften. Beim Studium der Ergebnisse müssen alte Leichtathleten mehr als eine Träne im Auge wegblinzeln. Dass in Friedberg in manchen Disziplinen Leistungen zum Titelgewinn reichten, mit denen man früher kaum auf die Idee gekommen wäre, überhaupt teilzunehmen (z. B. 39 m mit dem Diskus), ist für die Zukunft dieser Sportart – nein, kein Alarmzeichen, die Alarm-Sirenen (diese funktionieren wenigstens …) schrillten schon vor vielen Jahren – erschreckendes Zeichen, dass der Niedergang nicht begonnen hat, sondern in vollem Gange ist. Und das Schlimmste: Dagegen scheint kein Kraut gewachsen, ob es Mihambo oder Vetter heißt. Das sind schöne Blüten in einer verdorrenden Vegetation. In der Leichtathletik ist der Klimawandel schon vollzogen.
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Glückwunsch. Der »Doppelpass« feiert Jubiläum, lese ich. Ich habe ihn noch nie gesehen. Das »Nie« ist keine Übertreibung, sondern Feststellung, denn sonntags schrieb ich jahrzehntelang erst den Blog und danach die jetzt dahingeschiedenen »Montagsthemen«. Immerhin kenne ich den kulturellen Mehrwert des »Doppelpass«, denn sein »Phrasenschwein« hat den deutschen Wortschatz bereichert (aber hoffentlich nicht allzu oft die gw-Kolumnen).
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Schließlich noch ein Wort zu Armin Laschet, der im Kampf um den Parteivorsitz enorm gewachsen ist, weit über seine 1,70 m hinaus. Nicht, weil er eine Wahlniederlage zum Sieg erklärt, das tun ja alle, sondern weil er direkt von Karl dem Großen abstammen soll. Wer daran herum meckert und mendelt, das könne nicht sein, Karl war 1,84 m groß, nach heutigen Maßstäben ein echter Nowitzki, den verweise ich auf mendelnde Generationssprünge und auf Karls des Großen Vater: Pippin der Kurze. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 18. September 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 12. September)

Tuut … tuut … tuut. Lästig wie Tinnitus taucht dieses Phantomgeräusch aus den Tiefen von Raum und Zeit auf und zermartert den Kopf. Habe ich damals tatsächlich …?
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Ablenkungsmanöver: Skandal, Skandal! Die Nationalelf fliegt nach Basel, statt mit Bus oder Bahn zu fahren. Oder gleich mit dem Fahrrad? Ach, hebt euch doch die Skandale für echte auf! Die Nationalspieler mögen abgehoben sein – aber nicht, weil sie mit dem Flugzeug abgehoben haben.
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Die deutsche Mannschaft verliert gegen den »Tatort« mit 6,5:8,2 Millionen, was uns als Negativ-Sensation verkauft wird und als Quittung für diverse DFB-Problematiken (u.a. das Abgehobene). Doch sensationell ist nur, dass überhaupt sechs Millionen bei einem Spiel um die verschrumpelte Ananas zuschauen, deren Modus niemand versteht und, wegen Belanglosigkeit,  gar nicht erst verstehen will. Über sechs Millionen! Habt ihr nichts Besseres zu tun?
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Zum Beispiel zwei Tage später die Beckenbauer-Doku im ZDF gucken. Ich hatte keine Lust zu sehen und zu hören, wie sich eifernde Journalisten wieder einmal an der Vernichtung des früher Verehrten abarbeiten und dabei selbst erhöhen. Aber dann stieß ich beim Zappen durch das langweilige Spätsommerprogramm doch noch auf das ZDF … und blieb hängen. Und schämte mich für meine Vorverurteilung. Der Film nähert sich der »Lichtgestalt« von allen Seiten, auch denen im Schatten, verzichtet aber auf moralische Vereinfachungen, führt Be- un Entlastendes vor und überlässt dem Zuschauer als Richter das Urteil. Ein Schmuckstück des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, ausgewogen im besten Sinne, also nicht langweilig austariert, sondern beide Waagschalen mit gewichtigen Argumenten füllend.
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Etwas zu ausgewogen – und damit rumpeln wir zu einem ganz anderen Thema – kommentiert die Süddeutsche Zeitung die Arbeitslosenzahlen vom August. Links auf der Online-Seite steht ein Artikel über eine »Trendwende«: »Die Zahl der Menschen ohne Arbeit steigt im August ähnlich stark wie jeden Sommer. Damit ist es schon der zweite Monat in Folge ohne große Corona-Auswirkungen.« Rechts, direkt daneben, die Schlagzeile im Nachrichtenüberblick: »Coronakrise lässt Arbeitslosenzahl weiter steigen.« Tja.
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Solche Schludrigkeiten befeuern die grassierenden Verschwörungstheorien rund um die »Lügenpresse«. Die es nicht gibt. Wer glaubt, Presse, Funk und Fernsehen verbreiteten bewusst Lügen, um die Bevölkerung zu verdummen und zu manipulieren, möge sich den Aluhut auf- oder die Springerstiefel anziehen (beides zusammen ist selten) und sich in seine rechte oder frei schwebende Ecke verziehen. Aber aus bald 50-jähriger Berufserfahrung weiß ich auch: In all den Jahren hat sich eine privilegierte Gemeinschaft der Gleichgesinnten formiert, die das Recht der Bevormundung auf ihrer Seite wähnt. Das kann nur leugnen, wer das Wissen und die Wahrheit genauso kategorisch gepachtet zu haben glaubt wie die Springerstiefel und Aluhüte und alles possierliche Getier dazwischen.

Oha. Schwieriges Thema. Zu einem ganz anderen. »Damals aber schien ich hervor unter den Helden« – diesen herrlichen Satz des alten, melancholischen Nestors war im Lauf der Jahrzehnte oft ein Versatzstück in »gw«-Kolumnen und steht jetzt auch in einer mir sehr wohlgesonnenen Mail von Dr. Raymund Geis (Reiskirchen/siehe Online-Mailbox), in der er, »bevor du allmählich im journalistischen Nirwana entschwindest«, kunstvoll auch andere »gw«-Themen aus mehreren Kolumnen- und Blog-Jahrzehnten miteinander verquickt. Danke!
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Nebenbei erwähnt der Mediziner Geis, dass »wir Menschen gut im Abspalten« sind. Schon macht es »tuut«. Denn als dieser Tage des 35. Todestags von Stefan Bellof gedacht wurde, erinnerte ich mich an Besuche des umwerfend sympathischen Gießener Rennfahrers in der Sportredaktion. Bellof hätte einer wie Beckenbauer ohne Schattenseiten oder Becker ohne Peinlichkeiten oder Ullrich ohne Blutbeutel werden können. In diesen  analogen Zeiten waren wir Redakteure via Fernschreiber noch die Herren der ersten aktuellen Nachricht. Autorennen wurden nicht live gesendet, sondern Stunden später allenfalls zusammengefasst, meist aber nur kurz vermeldet. Stefan Bellofs Mutter rief mich daher sonntags sehr oft in der Redaktion an, um über Stefans Abschneiden informiert zu werden. Sie hatte meine Durchwahl, nach der gewünschten Information plauderten wir über dies und das, verstanden uns prima. Als am frühen Nachmittag des 1. September 1985 die Schreckensmeldung aus der Eau-Rouge-Kurve über den Fernschreiber tickerte, hoffte ich inständig, dass Stefans Mutter diesmal nicht anrufen würde. Tat sie auch nicht, sie war wohl direkt von der Rennstrecke aus benachrichtigt worden.
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So meine Erinnerung. Bis zum 35. Todestag, Und da, siehe Abspaltung, begannen die Zweifel. Hatte ich nicht aus Angst vor dem Anruf den Hörer schon früh neben die Gabel gelegt? Habe ich diese Feigheit 35 Jahre lang verdrängt? Und was hätten Sie an meiner Stelle getan?
Tuut … tuut … tuut.  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 11. September 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 5. September)

Ziemlich viel Klimbim um die verschrumpelte Ananas. Ingrid Steeger (zumindest alte weiße Männer erinnern sich) hat das erste und letzte Wort zu diesem Pokälchen: »Dann mach ich mir ’ne Nations League und find sie wunderbar.«
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Wann darf der Fußball die Stadien wieder füllen? Die Frage der Woche ist falsch gestellt. Richtig muss sie lauten: Kann der Fußball die Stadien jemals wieder füllen?
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Aber nicht »der« Fußball ist gefährdet, sondern dessen Millionensparte. Je kleiner die Liga, desto kleiner das Problem. An den Wurzeln ist Abstand möglich, oft üblich, und An- und Abfahrt sind vergleichsweise unproblematisch. Aber welcher Vater nimmt Frau und Kinder noch unbeschwert mit ins Bundesliga-Stadion (was ja bis Corona ein Wachstumsfaktor war)? Die Scheu vor dem Getümmel wird uns noch lange begleiten.
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Kein Wachstum mehr. Schrumpfend überleben – was die Tabak-Industrie hinter sich hat, könnte der Fußball vor sich haben. Wir von der Zeitung kennen das Problem ebenfalls. Fragt uns, wie das geht mit dem Überleben …
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Altes Mantra von mir: Die Ideologie des grenzenlosen Wachstums ist der Fetisch von schnöselbürschlingsglatten Flachseelen des Neo-Liberalismus. Omm!
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Oh? »Im Finger gejuckt hat mich immer Ihr ›Fetisch Wachstum‹. Fand ich gerade aus Sicht eines Sportjournalisten irgendwie lustig«, schreibt Thomas Koch, Referatsleiter im Hessischen Ministerium für Digitale Strategie und Entwicklung. Und dann nimmt mich der »gw«-Leser und alte Gießener so richtig schön auf den Arm, hintersinnig, verschmitzt und freundlich zugleich. Das lasse ich mir gerne gefallen (kompletter Text in der Online-»Mailbox«). Auszüge: »Keine Sportberichterstattung wird einen Verein loben, dass er zwei Plätze schlechter abschneidet als letztes Jahr oder einen Sportler, dass er nicht mehr so schnell läuft, wie er es schon einmal gemacht hat. Wir wollen dort schon eine Steigerung sehen, also Wachstum. Wachstum entsteht in der Regel doch durch Fortschritt. Und auf welchen Fortschritt wollen wir denn verzichten. Gerne auf den Fortschritt der anderen. Die Jugend braucht kein neues Handy, aber das E-Bike für die Senioren muss schon sein. Dem Drucker und Schriftsetzer und natürlich auch den Redakteuren haben wir gerne hin und wieder eine Lohnerhöhung gegönnt. Konnte am Ende nur durch mehr verkaufte Zeitungen, mehr eingeworbene Anzeigen oder gesteigerte Effizienz finanziert werden. Das ist Wachstum und nichts anderes. Jetzt sind wir die Hauptprofiteure des Wachstums der letzten 50 Jahre. Ich glaube, wir werden den Fetisch Wachstum nicht los.« Ohne, so Thomas Koch, hätte der Mensch sich »wahrscheinlich auch nicht auf den sportlichen Wettkampf, der uns so interessiert und fasziniert, eingelassen und es hätte auch keine Sportjournalisten gebraucht. Wäre doch schade gewesen.«
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Als Wachstums-Profiteur des letzten halben Jahrhunderts habe ich dem wenig entgegenzusetzen. Dennoch bleibe ich bei meinem »Fetisch«, würde ihn nur entpolemisieren: Ständiges Wachstum ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Und das Problem am Problem ist der Mensch, zum Beispiel ich auf meinem bereits dritten, jetzt noch stärkeren E-Bike. Aber zum Thema »mehr Zeitungen, mehr Anzeigen« – na ja, siehe oben …
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Apropos Zeitungen, und damit vom hessischen Ministerium zu einer bayerischen Ex-Ministerin. Wer hätte gedacht, dass sich die Süddeutsche Zeitung als Speerspitze der fundamentalfeministischen Bewegung outet! Während ein feministisches Magazin noch das Sternchen benötigt (Schlagzeile: »Fast die Hälfte der Ärzt*innen sind Frauen« / Dank an Richard Albrecht von der Rickerschen Buchhandlung in Gießen für dieses hübsche Fundstück), kommt die Süddeutsche sogar ganz ohne aus. In einem Text über die ehemalige bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm heißt es: »1994 machte sie Edmund Stoiber zur Sozialministerin.«
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Es soll auch, höre ich in den Nachrichten, wieder mehr reine Mädchenschulen geben, als »Schonraum«. Aber was ist mit den Jungs? Brauchen die keinen? Ich war heilfroh, aufs reine »Gymnasium für Jungen« zu gehen. Bei all den peinlichen, erniedrigenden, beschämenden Szenen, denen man bzw. Männchen in der Schule ausgesetzt war, wäre die Anwesenheit des schüchtern verehrten, geheimnisvollen, uns magisch anziehenden anderen Geschlechts, womöglich kichernd oder uns gar auslachend, das Entsetzlichste überhaupt gewesen. Daher: Ein Hoch auf den Schonraum! Für alle, von Ministerin Stoiber bis zur Kolumnistin:  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 4. September 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 29. August)

Bayern-Fan müsste man sein, dann hätte man immer was zu feiern. Spötter behaupten, deswegen gebe es so viele Bayern-Fans – die wollten halt als Mitgewinner auf der Siegerseite sein. Echter Fan sei nur, wer in schweren Tagen mit seinem Verein leidet und bangt, um dann den solitären Erfolg um so herzbewegter zu genießen.
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Aber was kann der FC Bayern dafür, dass seine Konkurrenz keine mehr ist und ihm schwere Tage erst gar nicht bereitet? Zumindest in Deutschland nicht, und 2020 auch nicht in der Welt. Daher kommen die Spötter meist aus BVB-ähnlichen Kreisen. Sie kritisieren hämisch das, was sie so gerne selbst hätten – Glanz und Gloria der Bayern.
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In Frankfurt hat sich das seit dem epochalen Pokaltriumph ansatzweise geändert. Von ihm zehren die SGE-Fans noch viele Jahre, und da ausgerechnet der FC Bayern Spalier stehen musste, hat er einen kleinen Sympathie-Bonus sicher. Ohne ihn als Verlierer wäre der Triumph nur ein halb so schöner gewesen. Ach, wie Mijat Gacinovic auf und davon galoppierte, Hummels ihm hinterher humpelte, viel langsamer als die Meute von der Bank, die mitsprintete! Unvergesslich, noch in hundert Jahren wird Frankfurt davon schwärmen wie München vom 8:2 gegen Messi. Falls dann noch Fußball gespielt wird.
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Was ich stark bezweifle. Aber ich schweife ab, eigentlich sollte es um Gacinovic gehen. In der Corona-Pause nach Hoffenheim gewechselt, fast unbemerkt im Pandemie-Chaos. Wie schade. Jahrelang haben alle darauf gewartet, dass er sein Potenzial endlich umsetzt. Frankfurt trauert ihm nach und wünscht ihm, dass in Hoffenheim der Knoten platzt. Muss ja nicht unbedingt gegen die Eintracht sein.
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Letzte Worte zu den Über-Bayern. »Gibt’s noch die Kolumne ›Ohne weitere Worte‹ oder was Adäquates?«, fragt Beate Miller aus Rockenberg. »Ich hätte eine schöne Stilblüte von Thilo Kehrer, gehört in einem Interview bei Sky: ›Wir sind wirklich ein eingeschweißter Haufen.‹« – Sehr hübsch. »OWW« ist verblichen, aber der »Sport-Stammtisch« übernimmt gerne mit weiteren Worten. PSG ist ein eingeschweißter Haufen, natürlich in Plastik, doch jetzt haben ihn die Bayern ökologisch korrekter verpackt und eingetütet.
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Nicht nur Beate Millers »eingeschweißter Haufen« steht im Online-Blog »Sport, Gott & die Welt«. Auch einige freundliche und bedauernde Worte zum Abschied von den »Montagsthemen« sind dort zu finden (Dank an Dr. Sylvia Börgens/Geisenheim, Arno Baumgärtel/Gießen, Andreas Kautz/Florstadt), und einmal auch gar keine mehr. Paul-Ulrich Lenz aus Schotten wunderte sich: »Wohin ist die Mail entschwunden? Ins Nirvana?«
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Welche Mail?  Es gibt eine Doping-Opfer-Hilfe (DOH), deren einst befreundete Mitanführer sich derart in die Wolle gekriegt haben, dass sie sich, ein älterer Herr (Rechtsanwalt Lehnert) und ein noch viel älterer (Prof. Franke) öffentlich gekloppt haben wie die Kesselflicker. Es ging um »transgenerationale Traumatransmission«, durch die auch Nachkommen angeblicher DDR-Dopingopfer in den Genuss einer staatlichen 10 500-Euro-Prämie kommen sollen. Initiiert von Ines Geipel, Ex-DDR-Sprinterin, die Opfer-Ikone schlechthin, von der Franke-Fraktion (in der SZ  gut vertreten) heftig angegriffen und von der FAZ verteidigt. Ich hatte meinen Spaß an dem Hick-Hack.
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Dann kam eine Mail von Henner Misersky. Er gehört zur Franke-Fraktion, war ein guter Hindernisläufer in der DDR, als Trainer verweigerte er, seinen Athletinnen (u.a.  Tochter Antje) Anabolika zu verabreichen. Er wurde fristlos entlassen, Antje  erhielt Wettkampfverbot. Misersky führt schon lange einen auch gerichtlichen Kampf gegen Ines Geipel, die eher Täterin als Opfer  sei. In seiner Mail machte er Geipel schwere Vorwürfe, ich veröffentlichte sie in der »Mailbox«, zog sie aber blitzschnell zurück, als mir dies eine Sachverständige im Leserbriefrecht, praktischerweise die Allerliebste meiner liebsten Zielgruppe, aus juristischen Gründen dringend empfahl. – Letzte Pointe: Christian Schenk, Zehnkampf-Olympiasieger von 1988, schreibt in seiner Autobiographie: »Ich habe gedopt, und ich wusste, dass ich dope.« – Dennoch wollte auch Schenk die 10 500 Euro Opfer-Hilfe beantragen …
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Zu guter Letzt freue ich mich auf die Tour, trotz aller Gefahren und Einschränkungen. Und trotz der Verletzungen von Buch- und Schachmann. Wie Buchmann zurecht kommt, kann ich nicht beurteilen. Aber als anerkannter Clavicula-Fachjournalist kann ich nach zwei Schlüsselbeinbrüchen Schachmanns Verletzung kompetent analysieren: DAS TUT SOOO WEH! Ich jammerte und litt drei Monate, er fährt klaglos drei Wochen Tour. Wenn es denn noch Rassen gäbe, würde ich behaupten: Radrennfahrer sind eine eigene Menschenrasse.
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Beiden mögen die Merseburger Zaubersprüche helfen: »sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki: ben zi bena, bluot zi bluoda, lid ze gelieden, sose gelimida sin.« Bei Bein-, Blut- und Glieder-»Verrenkung« möge Bein wieder zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied kommen, so wie sie »geleimt« sind. Bonne chance! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Veröffentlicht von gw am 28. August 2020 .
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