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Montagsthemen (vom 23. März)

»Das Angstgehirn hat den IQ eines Huhnes«, sagt der Angstforscher Borwin Bandelow im Welt-Interview. Dennoch ist es »evolutionsgeschichtlich älter und stärker (Anm.: als das Vernunftgehirn) und hat deshalb im Moment die Oberhand über unsere Natur«.
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Dazu später mehr. Zunächst noch ein Wort zur Horxschen Bifurkation vom Samstag, bei der sich die Zukunft ändert, und meiner von der Hase, die sich bei Gesmold in zwei verschiedene Richtungen teilt. Die dritte Bifurkation steuert Dr. med. Hans Jürgen Glaum (Gießen) bei, »die wichtige bifurcatio tracheae, die Aufgabelung der Luftröhre in die beiden Hauptbronchien. Dient sie doch dazu durchzuatmen und für eine gute Hirndurchblutung zu sorgen, die aber offensichtlich einigen Stangenparkturnern im Stadtpark Wieseckaue und sonstigen Ignoranten mit der Diagnose ›Spasmus des Sphinkter Cerebri‹ abhandengekommen ist.«
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Als Dankeschön für den AltHandballer Hans Jürgen Glaum ein Schmankerl, gefunden in einem Spiegel-Interview mit Bundestrainer Alfred Gislason: »Handball ist deutlich komplizierter als Fußball, von der Taktik her, den Spielzügen. Es ist wie Schach mit Figuren, die denken und sich bewegen können.«
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Noch ’ne Abschweifung: Zuletzt zitierte ich Matthias Beltz, unseren Hessen im Himmel, den der Name Zatopek an die Flüchtlinge aus dem Sudetenland erinnerte. Dazu Gerd Ginzel (Gießen): »Seit Jahren lese ich Ihre Ausführungen. Wegen ›Zatopek‹ muss ich aber eine Korrektur anbringen. Die Sudetendeutschen waren keine Flüchtlinge, sondern Vertriebene. Das weiß ich – Jahrgang 1939 – aus eigener Erfahrung. Nichts für ungut.«
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Jetzt zum Angstgehirn. Meins schreckte aus tiefem Schlaf auf, nicht wg. C., sondern wegen eines kleinen »i«. Am Samstag geschrieben: Niklas Kaul macht zu Hause Stab-Übungen. Ich dachte wohl an ein Video seines Konkurrenten Kevin Mayer auf Instagram, der in einem Zimmer an Turner-Ringen Kraft- und Stabilisierungsübungen macht. Ich stellte mir vor, Kaul tut zu Hause das Gleiche an einer Art Pole-Dance-Stange … bis mir letzte Nacht das vergessene kleine »i« einfiel. Kaul macht »Stabi-Übungen«, Stabilisierung, aber wahrscheinlich ohne Stab oder Ringe.
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Kaul spricht auch ein Handicap an, das bei Olympia, wenn es denn stattfindet, die Chancengleichheit beeinträchtigen wird: die unterschiedlichen Trainingsbedingungen durch unterschiedliche Anti-C.-Maßnahmen, dazu kommt die aktuelle Doping-Anarchie (wer testet noch wann und wo und wen?). Dagegen hülfe nur meine naive (?) Vision von monatelanger Quarantäne wie im alten Olympia (siehe »Montagsthemen« vom 9. März)
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Zurück zum Angstgehirn. Das, so Bandelow, überschätzt völlig das statistische Risiko, vom Virus dahingerafft zu werden. Wir hörten im Vernunftgehirn zwar, dass es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass es uns trifft, aber unser Angstgehirn sage: »Du wirst der Nächste sein!« Zugegeben, mein Angst- und Vernunftgehirn kabbeln sich noch. Aber langsam ermüden beide. Am liebsten würden sie sich zusammen mit mir zu einem langen späten Winterschlaf zurückziehen und erst aufwachen, wenn die Sommersonne das Virus weggebrannt hat und Hopps Impfstoff vor dem Neuaufflackern im Herbst eingesetzt werden kann. Eskapismus. Na ja, auch nur ein anderes, euphemistisches Wort für Quarantäne.
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Der Eskapismus sucht sich, wenn überhaupt, nette, kleine, harmlose Probleme, selbst beim bösen Wort »Quarantäne«. Wie spricht man es korrekt aus? »Kwarantäne« oder »Karantäne«? Eine Kiss-Frage. Ich halt mich raus. Sie haben die Kal der Wahl.
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Schluss mit dem Katsch. Zur Biologie. Hamster. Ich lasse hamstern, da altersmäßig und momentan leicht angeschlagen zweifache Risikogruppe. Hamstern für die Vögel im Garten. Meine personifizierte liebste Zielgruppe sollte aus dem Supermarkt Sonnenblumenkerne mitbringen. Aber es gab nur noch Streufutter. Das mögen meine Schnäuber nicht. Kommen angeflogen, picken die paar Kerne raus und bleiben beleidigt sitzen. Das Fettfutter kippe ich aus, dicke Tauben watscheln heran und stopfen sich voll, was übrig bleibt, holen sich die heimlichen Gartengenossen der Nacht. Und morgens thront im Napf der Dompfaff (?) und schilpt Protestarien.
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Immerhin gibt es in unserem kleinen Biotop deutlich mehr Vögel aller möglichen bunten Sorten als im Vorjahr. Im Teich tummeln sich so viele Molche wie noch nie, und auch die Erdkröten feiern schon ihre Massenorgien. Auch draußen der Wald hat sich erholt und über den nassen Winter seine Grundwasserspeicher aufgefüllt. Die schweren Oleanderbüsche habe ich schon längst aus dem Keller gewuchtet und rausgestellt. Jedes Jahr zwei Mal ein Kraftakt, jedes Mal sage ich zu ihr: Das schaffe ich nächstes Mal nicht mehr. – Brauche ich ja auch vielleicht nicht mehr, dank Klimawandel. Schon diesen Winter hätten die Oleander locker draußen überlebt. Man sieht: Ich pflanze in der Krise einen kleinen Apfelbäumchen-Hain. Dass der Borkenkäfer wieder in seinem Element ist … ach, man kann nicht alles haben.
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Zur Olympia-Diskussion ein Zitat, gefunden im Facebook-Post von Kathryn Mitchell, einer australischen Weltklasse-Speerwerferin (trainiert von 104-Meter-Legende Uwe Hohn). »Will the Olympic Games go ahead? Short answer is: Who the fuck knows.« Danach gibt sie eine lange, nachdenkliche Antwort, wägt Pro und Kontra ab und endet: »Mother Nature currently has the world by its balls and she is twisting.« – Das übersetzen Sie bitte selbst. Die Natur kann grausam sein.
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Breaking News: »Premier League plant Turbo-Saison ab Juni.« Olympia begänne am 24. Juli. In Karantäne-Zeiten killt Katsch aus allen Poren. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 22. März 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 21. März)

Wann ist der Spuk endlich vorbei? Wann haben wir unseren Alltag wieder? »Niemals«, sagt der Publizist Matthias Horx, Spezialität Zukunftsforschung, denn: »Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Diese Zeiten sind jetzt.«
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Bifurkation. »Bi« = zwei, »furca« = Gabel. Ich kenne das Wort nicht als Richtungsänderung der Zukunft, sondern der Hase. Die, nicht der. Der (März-)Hase springt in alle Richtungen, die Hase in zwei. In Gesmold bei Melle. Der Fluss gabelt sich hier und fließt als Hase und Else in verschiedene Richtungen weiter. Ein weltweit fast einzigartiges Naturphänomen. Bin auf Radtouren im Meller Land oft daran vorbeigekommen. Und habe gestaunt … wie unspektakulär diese Bifurkation aussieht. Ohne Hinweisschild ein Nichts in der Landschaft.
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Was man von Horx’ Bifurkation nicht gerade behaupten kann. Er schaut in die Zukunft, indem er aus ihr zurück blickt, nennt das folgerichtig nicht Prognose, sondern Regnose und kommt zu optimistischen Erkenntnissen wie:  »Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert« (kompletter Text: www.horx.com).
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Der Trivia-Trash verschwindet … schön wär’s. »Ich bin NICHT die Laura Müller vom Wendler, sondern gerade in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele«, schrieb die Sprinterin Laura Marie Müller Anfang März auf Instagram, nachdem sie im Trivia-Trash der asozialen Medien übel beschimpft worden war. Die »Hater« hatten sie mit der Freundin eines Schlagersängers verwechselt, der in seinen Kreisen nur »der Wendler« heißt, in der Trash-Welt eine Berühmtheit ist und, wie ich  vermute, unseren Lesern völlig unbekannt.
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Ich bin gerade in der Olympia-Vorbereitung … Mittlerweile wächst die Skepsis. Auch bei Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul. Dennoch trainiert er konzentriert weiter. Momentan, nach einem Trainingslager in Südafrika, zu Hause in Saulheim. Im Garten und im Keller, auf dem Ergometer, mit Gewichten und Stab. Er will in Form bleiben. Für Olympia. Trotz allem. Was denn  sonst?
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Leider taucht Olympia in der Regnose von Horx nicht auf. Wie hilfreich wäre doch ein bifurkativer Satz (»Dummköpfe haben Olympia …«), der sich in zwei Richtungen gabelt: »… nicht rechtzeitig abgesagt« / »leider vorzeitig abgesagt«. In der Regnose wären wir schlauer, in der Prognose gibt es nur Meinungen. Als kleiner Fisch schwimme ich gerne gegen den medialen Mainstream: Absagen kann man immer noch. Ob heute, morgen, in einem oder zwei Monaten, das  spielt keine gesellschaftlich relevante Rolle. Pragmatische Fantasie kann sich Möglichkeiten vorstellen, Olympia auch in Zeiten langsam abklingender Corona stattfinden zu lassen. Manche Visionen haben sogar  sportlichen Charme, eine sehr traditionelle altolympische Lösung habe ich kürzlich an dieser Stelle beschrieben.
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Klar, falls die Pandemie nicht im frühen Sommer abklingt, wird es kein Olympia geben können. Aber warum bis dahin nicht Hoffnung und Zeit gewinnen? Wem schadet es? Niemandem, jedenfalls nicht im Vergleich zum schon entstandenen und noch zu erwartenden  Gesamtschaden.
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Absage jetzt? Dann würde, Stand heute, die Fußball-Bundesliga  ihre Saison ausgerechnet in jenen englischen Wochen beenden, die als olympische Wochen ausfallen. Absurder Gedanke.  »Geisterspiele«? Olympia, speziell ihr Kern Leichtathletik, lebt viel weniger von der Atmosphäre auf den Rängen als der Fußball und viel mehr vom Sport auf dem Rasen als dieser. Die Binse, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, spare ich mir. Mir reicht die  Hoffnung, dass mit Zeit auch Rat kommen könnte.
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Olympia kann noch warten, die Lufthansa nicht. Einschneidende Maßnahmen sind verkündet. Nur Cargo fliegt noch. Dass Peter Gerber Chef von Lufthansa Cargo ist, wissen unsere Leser spätestens seit dem Interview am letzten Samstag. Einige erinnern sich vielleicht sogar, dass der Gießener Gerber  als Student jahrelang unser fester »Freier« in Sachen Schach war. Mich hat er Demut gelehrt. Wie oft  habe ich mit ihm Schach gespielt, immer hatte ich das Ziel, über den 20. Zug hinaus zu kommen, kein einziges Mal hat es geklappt, spätestens nach Zug 17 oder 18 war ich mattgesetzt. Möge Peter Gerber   in diesen schwierigen Tagen Lufthansa Cargo so gut im Griff haben wie mich damals. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 20. März 2020 .
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Montagsthemen (vom 16. März)

»Das Coronavirus stoppt den Profifußball endgültig« (Süddeutsche Zeitung). »Endgültig«? Inflationär gebraucht und meist nur »vorläufig« aussagend. Daher, liebe SZ darf ich feststellen: So weit wird es nicht kommen. Irgendwann kicken sie wieder.
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Aber es wird dauern. Wir fahren nur auf Sicht, doch schon ist klar zu sehen, dass die Fußball-EM nicht stattfinden wird, jedenfalls nicht so wie geplant. Das sollte auch frühzeitig, also jetzt, verkündet werden (wobei die mit dem Virus exponential sich vermehrenden Infos dazu führen könnten, dass dies zwischen meinem Schreiben und Ihrem Lesen bereits erledigt ist).
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Aber auch Olympia absagen? Das IOC und sein deutscher Präsident zögern, wiegeln ab, spielen auf Zeit. Thomas Bach hat nirgendwo eine schlechtere Presse als in Deutschland, und jetzt hagelt es wieder Ohrfeigen. Sogar Michael Gernandt, der ehemalige Sportchef der SZ und ein kluger, nachdenklicher Mann, beschimpft Bach aus dem Ruhestand als einen von zwei großen Ignoranten (der andere: Trump). Bach wird sich daran gewöhnt haben, Watschenmann der kritischen deutschen Sportmedienschaffenden zu sein, aber diesmal dürfte er sich doch wundern. Die Olympischen Spiele beginnen am 24. Juli. Wenn bis dahin noch Schutzmaßnahmen wie die aktuellen nötig sein sollten … dann gute Nacht Deutschland, good bye cruel world. Warum, will ich gar nicht erst auflisten. Zu gruselig. Es braucht ja auch nur wenig Fantasie, um die Dominosteine fallen zu sehen.
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Nur um das Klima müssten wir uns dann keine Sorgen mehr machen, denn zwangsweise hätten wir in drei, vier Monaten mehr an CO2 vermieden, als wir freiwillig in ebenso vielen Jahrzehnten einsparen könnten.
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Wenn sie gefallen sind, spielt es keine Rolle mehr, wann, ob und wie die Spiele abgesagt wurden. Dass noch diverse Olympiaqualifikationen ausstehen, genügt jedenfalls nicht als organisatorischer Grund für eine vorzeitige Absage. Über die Hälfte der Teilnehmer ist bereits bekannt, weil sie IOC-Kriterien erfüllt haben. Der Rest könnte mit Hilfe von Statistiken und Bestenlisten nominiert werden, selbst wenn keine einzige Qualifikation mehr stattfände.
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Olympia. Zuletzt 1940 und 1944 abgesagt. Gründe bekannt. Spätfolge: 1948 in London keine deutsche Beteiligung. Erst 1952 wieder. Und wer holte die ersten deutschen Medaillen? Matthias Beltz wusste es, 1999 in einer der legendären »Anstoß«-Jahresendzeitkolumnen (mit Matthias Altendorf alias Jan Seghers und »gw«): »Anderl Ostler im Bobfahren mit seinen Beifahrern, die hatten so komische Namen und sahen aus, als hätte man die Wildecker Herzbuben auf den Schlitten geknallt, absolut aufgepumpte Michelin-Männchen.«
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Beltz kannte auch Emil Zatopek, genannt »die tschechische Lokomotive«. Zatopek gewann in Helsinki über 5000, 10 000 Meter und im Marathon, jeweils laufend wie unter Folter, mit heraushängender Zunge und verzerrtem Gesicht. »Er sah ja, so wie er lief, aus wie eine Reklame für amnesty international. Man hatte das Gefühl, für ihn die Menschenrechte einklagen zu müssen.« – »Za-top-ek«, das Wort erinnerte Beltz an »die Namen der Flüchtlinge, die bei uns nach 45 auch nach Hessen eingefallen sind. Die kamen teilweise aus dem Sudetenland, das ja tschechische Nachbarschaft ist. Insoweit war dieser Zatopek auch für die Flüchtlinge ein Idol. Der Sieg von Emil Zatopek hat, das würde ich als politische These wagen, zur Versöhnung der Sudetendeutschen mit den Oberhessen geführt.«
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Steile These, typisch Beltz. Ich erwähne es nicht nur, um ein wenig vom Ernst der Lage abzulenken, sondern auch, weil die Speerwerferin, die in Helsinki am selben Tag wie Zatopek Gold gewann, am Freitag im gesegneten Alter von 97 Jahren gestoben ist: Dana Zatopkova, Zatopeks Frau. Bei ihren ersten Wurfversuchen mit dem Speer hatte sie ein Huhn erlegt, »aber mein Freund tröstete mich und sagte: Ist nicht schlimm, das kommt in die Suppe. Ich musste ihn einfach heiraten.« Emil starb viele Jahre vor Dana, aber sie sprach immer noch mit ihm. »Wenn mich Freunde besuchen, hole ich die Urne, stelle sie auf den Tisch, wir prosten ihr und uns zu und sprechen mit ihm. Das gefällt ihm sicher sehr.«
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Bleibt nur noch ein Stoßseufzer. Je nach Lage und persönlichem Befinden bezogen auf chaotische Ultras vom rechten Rand über hohle Fußball-Hools bis zu Chaoten von links, bekommt er in diesen Tagen eine neue und die Gesellschaft einende Bedeutung: Man müsste diese ganze Corona auf den Mond schießen! (gw)
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Veröffentlicht von gw am 15. März 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 14. März)

Um die beiden Spielerbänke scharen sich einige wenige Zugehörige. Der Ball ploppt bei jedem Pass, jeder Schuss wird von einem satten Patsch begleitet. Man hört jeden Ruf, jeden Hinweis. Ein »Geisterspiel«? Nein. Graswurzelfußball. Wöchentlich vieltausendfach zu sehen, bei Jugendspielen, in der Kreisliga, beim regionalen Frauenfußball.
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Das Virus richtet viel an, was uns ängstigt. Das soll hier aber kein Thema sein. Viele Berufene informieren über den Stand der täglich wechselnden Dinge, viel zu viele Unberufene quatschen mit. Wir bleiben beim Sport. Und bei den »Geisterspielen«, ein Begriff, den sich nur Fernsehfußballfreaks ausgedacht haben können. Die erkennen jetzt verblüfft, wo der Fußball her kommt.
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Ein Hannover-Profi infiziert, der Arsenal-Trainer … jeder neue Fall bekommt seine Schlagzeile. Nicht sehr hilfreich, wenn doch bald weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung betroffen sein wird. Dann werden manche andere Erregungen (leider nicht der Erreger selbst) in sich zusammenfallen. BVB-Blamage, Eintracht-Demontage, Klopp-Entzauberung? So what, wenn das Saisonbuch zugeklappt wird.
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Ich schreibe über Schlagzeilenfußball, Fernsehfußball, »Geisterspiele« – und ziehe schnell den moralischen Zeigefinger ein, denn ich lese in der Inhaltsangabe des Zeit-Magazins: »Daniel Batz musste mit 16 ausziehen, um seinen Traum zu verwirklichen, Fußballprofi zu werden.« Daniel Batz? Wer ist das?, denke ich, aber auch: Kommt mir bekannt vor … doch erst, als ich den Text aufschlage, geht mir das peinliche Licht auf: Saarbrückens Pokal-Held. Sic transit gloria pokalmundi (nur bei mir?). Das weiß auch Daniel Batz, nach seinen Interviews und dem Zeit-Text zu urteilen ein prima Typ, reflektiert und mit Bodenhaftung.
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Batz spielt in der Regionalliga beim Spitzenreiter Saarbrücken, in der selben Klasse wie der FC Gießen. Von der 4. Liga ist es zum Fernsehfußball so weit wie bis zum Graswurzelfußball. Gießen dümpelt dazwischen. Noch. Nach der Aufbruchstimmung des Vorjahres herrscht Angst vor dem Aus (bei manchem auch Schadenvorfreude). Jammerschade, wenn das, was viele mittelhessische Fußballfreunde erwartungsfroh elektrisiert hatte, schon vorbei wäre, bevor es richtig beginnen konnte.
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Wie Olympia in Tokio? Das Feuer ist schon auf dem Weg und leider nicht schon lange weg, dieses schwülstige Brimborium mit einer »Hohe Priesterin« im »Heiligen Hain« von Olympia. Nur zur Erinnerung: Der Fackellauf ist eine Nazi-Erfindung, Premiere in Berlin 1936. Klappte auf Anhieb. Sie hatten ja schon jahrelang auf Reichsparteitagen geprobt.
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Womöglich bleibt der Fackellauf die einzige olympische Sportart des Jahres 2020. Die Athleten stecken schon mitten im Vorbereitungstraining, eine Absage wäre für sie weitaus schlimmer als für Fußballprofis das vorzeitige Saisonaus. Die haben rund 50 Topspiele pro Jahr, olympische Kernsportarten bekommen alle vier Jahre einmal ihre Spiele. Welche Dimension eine Absage hätte, lässt der Blick in die Geschichtsbücher erahnen. Letzte Absage: 1944. Und davor 1940. Damals grassierte ein katastrophales und eindeutig deutsches Virus.
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Trump redet von einem »ausländischen« Virus, was an Dummheit nur von seiner Dreistigkeit übertroffen wird. Aber Corona hat sogar Tröstliches zu bieten: Selbst die simpelsten Gemüter ahnen, dass Typen wie dem Unsäglichen und Medien wie Facebook oder Twitter nicht zu trauen ist. In diesen Zeiten sind wieder verlässliche Informationen gefragt. Was ARD, ZDF und die »alten« Zeitungen und Zeitschriften auch immer an Kritikpunkten geboten haben, jetzt können sie sich wieder unverzichtbar machen. Eindruck: Es scheint zu gelingen
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Ach ja, Facebook. Auf dem Smartphone ploppt die Information auf, »ein Freund hat dich in einem Kommentar erwähnt«. Neugierig schaue ich nach. Der »Freund« (Ex-Leichtathlet, persönlich kenne ich ihn nicht) hat einen Ausschnitt der Sendung »Erika Steinbach bei ›Chez Krömer‹ kommentiert: »Frau Steinbach war klasse.« Aber ein Algorithmus muss ihm dazwischen gefunkt und in seinem Freundeskreis einen ähnlichen Namen gefunden haben, so dass er das Bekenntnis in die Welt geschickt hat: »Frau Gerhardsteinesbach war klasse.«
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Frau? Warum nicht, in Symbiose mit meiner liebsten Zielgruppe. Gerhardsteines fett gedruckt? Ein bisschen viel der Ehre. Aber was hab ich bloß für Freunde?! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Veröffentlicht von gw am 13. März 2020 .
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Montagsthemen (vom 9. März)

Heute kein aktueller Fußball, keine Ultras und nur ein kleiner Hopp-Happen, gefunden auf Facebook: »Der Dietmar Hopp vom FC Bayern heißt Telekom … von Borussia Dortmund Evonik …. von Eintracht Frankfurt Indeed … vom SC Freiburg Schwarzwaldmilch.« Werner Kleine listet sie alle 18 auf und fragt rhetorisch: »Ist Evonik wirklich besser als Dietmar Hopp? Kann man einer Aktiengesellschaft wie BVB Dortmund wirklich in ›echter Liebe‹ folgen? Ist der FC Schalke 04 wirklich noch ein Malocherverein? Meine Güte, was für eine Bigotterie!«
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Werner Kleine ist Pastoralreferent beim Erzbistum Köln. Kein Wunder, dass er die frühesten Hopps kennt, die ersten christlichen Mäzene. Jesus »wanderte von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn und auch einige Frauen (…) Sie unterstützten Jesus und die Jünger mit ihrem Vermögen.« (Lukas 8,1-3).
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Auch das noch: »Kinder mit den Namen Sebastian, Kevin und Philipp haben später einmal gute Chancen, Profifußballer zu werden.« Behauptet eine Analyse der »Informationsplattform Wettbasis«, indem sie die Namen aller Bundesligaspieler nach ihrer Häufigkeit auflistete. – Hübscher Beleg für die Sinnlosigkeit solcher Abzähl-Statistiken. Wenn im ersten Satz wenigstens statt »haben« »hatten« stünde…
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Mit Corona nach Olympia. Diesmal geht, trotz aller Randerscheinungen (Klopapier!), keine »german angst« um. Draußen in der Welt grassieren mit dem Virus Furcht und drakonische Maßnahmen, da geht es bei uns im Vergleich ungewohnt unaufgeregt zu. Erfreulich, aber auch merkwürdig. Ich habe mangels Wissen keine Meinung. Nur eine Frage: Wenn das Corona-Virus weniger schlimme Folgen hat als ein hundsgemeines (für Betroffene: Betonung auf »gemeines«) Grippe-Virus, warum dann die in dieser Form noch nie erlebten Schutzmaßnahmen? Das macht stutzig.
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Etwas glaube ich aber zu wissen: Corona hat schon mehr CO2 eingespart als alle Klimaschützer zusammen. Und da kommt »mein« Fetisch Wachstum ins Spiel. Am besten wirkt Verzicht auf unnötige Produktion für unnötigen Konsum (den Motor des Fetischs, um mal keine Stilblüte zu vermeiden). Im Moment verzichten wir hoffentlich nur kurzfristig, gefordert à la Greta wird aber der radikale Verzicht. Auf den das Risiko folgt: Eine Wirtschafts- und Finanzkrise, die den Lebensstandard in Deutschland und weltweit massiv bedrohen und zu katastrophalen Verwerfungen führen würde. Zwischen Skylla und Charybdis muss man vorsichtig navigieren, mit Augenmaß, ohne Kinder am Ruder.
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Mit Corona nach Tokio. Das heißt, nicht mit dem Virus, sondern mit dem Beispiel, das es gibt: Quarantäne. Ja! Denn da käme ich ins Spiel. Beziehungsweise meine Vision der olympischen Quarantäne, die auch gegen Doping schützen würde. Back to the roots! Die alten Olympier mussten schon Wochen vor ihrem Wettkampf in Olympia erscheinen. Quarantäne! Die modernen Olympioniken gehen Monate vor den Spielen freiwillig in abgeschiedene Trainingslager. Warum nicht alle zusammen, an einem Ort? Im olympischen Dorf? Szenario: Teilnehmen darf nur, wer sechs Wochen vor Wettkampfbeginn im hermetisch abgeriegelten olympischen Dorf eintrifft und es bis zu seinem Wettkampf nicht mehr verlässt. Zuvor ist er gründlich untersucht worden, auf Corona und Doping. Zutritt haben nur Befugte, die gründlich kontrolliert werden. Unter diesen Umständen gehen die Athleten mit größtmöglicher Chancengleichheit an den Start. Chancenungleichheit herrscht noch sechs Wochen vor dem Wettkampf, danach werden die zuvor Gedopten von Tag zu Tag unsicherer, die auch vorher schon Sauberen täglich selbstbewusster und stärker. Das Wissen, nicht (mehr) dopen zu können, wirkt bei den Dopern als negativer, bei den sauberen Athleten als positiver Placebo-Effekt, der sich bis zum Wettkampf ständig steigert.
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Olympische Quarantäne – das ist weder eine organisatorische oder finanzielle, noch eine menschliche Zumutung Sechs Wochen bei freier Kost und Logis, bester ärztlicher Versorgung, hervorragenden Trainingsbedingungen. Gleichzeitig die ernsthafteste und durchgreifendste Maßnahme gegen das Doping-Unwesen.
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Den Vorschlag habe ich schon einmal gemacht. Er wurde zwar sogar – wirklich! – von einer Expertenkommission des DOSB geprüft. Ergebnis: sympathische Vorstellung, aber unrealistisch.
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Statt sympathisch unrealistisch bleibt es also unsympathisch realistisch. Nicht nur bei Olympia. Schauen Sie sich mal in der Welt um.  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 8. März 2020 .
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