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Sport-Stammtisch (vom 15. Mai)

Eintracht Frankfurt scheint die Champions League zu verspielen und der DFB von allen guten Geistern verlassen.
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Mieser Einstieg. Weil der Hesse in mir den ersten Teil des Satzes als defätistisch, also spielkraftzersetzend unter Strafe stellt und mein Sprachgefühl über den zweiten stolpert, der mit einer Art Zeugma (wörtlich: Joch) zwei unterschiedliche Aussagen brachial unter einem Verb zusammenspannt. Außerdem ist der DFB nicht erst jetzt von allen guten Geistern verlassen, denn diese trieben hier schon lange nicht mehr ihr Wesen.
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Hübsches Beispiel für die rhetorische Figur eines echten Zeugmas: »Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien« (Martin Luther). Passt, denn wir bleiben christlich. Paul-Ulrich Lenz, Pfarrer im Ruhestand, mailte nach dem Sportstudio–Interview mit DFB-Vize Koch, es gebe »Menschen, die vereinen die so unterschiedlichen Eigenschaften von Pattex und Teflon. Sie kleben fest und alles perlt von ihnen ab.« Nun aber gehen sie alle, jedoch nicht im Gleichschritt, denn der Arglose zuerst und der Gewiefte zuletzt, erst nach einem Jahr, in dem er schon zum dritten Mal als DFB-Interimspräsident die Strippen ziehen darf (Ätsch, du Argloser!). Dass Koch einziger Deutscher im UEFA-Exekutivkomitee bleibt, beweist zudem, was ein Bestseller einst von der Bibel behauptete: Und der Leser hat doch recht!
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Wie schnell ist Erling Haaland (das vierte BVB-Tor!) wirklich? Die USA haben eine neue Supersprinterin. Sha’Carri Richardson läuft in Serie deutlich unter elf Sekunden (Bestzeit: 10,72). Wer auf einem Instagram-Video sieht, wie sie im Nähmaschinen-Schrittstakkato wie einst Marlies Göhr die Bahn runtertrommelt, ist begeistert und skeptisch zugleich, denn trainiert wird sie von Ex-Sprinter Dennis Mitchell, der wiederum auch Justin Gatlin trainierte, zwei Namen mit DD (das zweite D steht für Donnerhall).
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Noch eine halbe Sekunde schneller läuft  DeKaylin Zecharius Metcalf (USA), der sich allerdings mit 10,37 Sekunden nicht für die US-Olympiaausscheidung qualifizieren konnte. Was nur Laien verwundert, die den Wide Receiver der Seattle Seahawks bei einem gewaltigen Sprint über das ganze Feld gesehen und erwartet hatten, dass der Football-Profi auch die Spezialisten in Grund und Boden rennen würde. Metcalf aber reagierte demütig, nachdem er als Letzter ins Ziel gekommen war. Er dankte »Gott für die Gelegenheit, gegen Weltklasse-Athleten antreten zu können« und habe gemerkt, wie sehr sich das Tempo »in der Leichtathletik von dem im Football unterscheidet«. Und dem im Fußball. Haaland ist schnell, Richardson schneller, Metcalf viel schneller, und dennoch … siehe oben.
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Vor zwei Jahren erwähnte ich im »Anstoß« die neuseeländische Gewichtheberin Laurel Hubbard, die als schon 41-Jährige vor zwei Athletinnen aus Samoa Siegerin bei den Pazifik-Spielen wurde. Was ganz Samoa empörte, denn Laurel hieß früher Gavin, war ein unterklassiger Schwergewichtsheber und hatte sich zur Frau umoperieren lassen. Seinerzeit in Deutschland noch kein Thema. Jetzt aber wird es ernst, denn Hubbard »wird voraussichtlich die erste Transgender-Athletin bei Olympischen Spielen« schreibt die Süddeutsche Zeitung und ergänzt: »In kaum einem anderen Bereich ist das binäre Geschlechtersystem so verankert wie im Sport.« – Aber das doch zu Recht! Merkwürdig nur, dass es diesen Eiertanz im Sport gibt, mit umstrittenen Hormon-Regularien und einer Testosteron-Obergrenze auf den Laufstrecken zwischen 400 Metern und einer Meile (Caster Semenya läuft jetzt sinnigerweise 3000 m). Der Frauensport ist wie bei Kindern, Jugendlichen und Senioren eine Schutzzone. Leistungsmäßig durchlässig nach oben, geschützt vor oben. Die Öffnung des Frauensports für interessierte Geschlechter wäre daher das Ende des Frauensports. Jeder sportlich Denkende würde Sha’Carri Richardson bei den Männern mitlaufen lassen, einen umoperierten Usain Bolt aber nicht bei den Frauen.
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Als ich damals »Laurel Hubbard« googelte, fand ich nur englischsprachige Texte, klickte faul die automatisierte deutsche Übersetzung an und las: »Bis vor vier Jahren trat sie als Rüde an.« Kein Witz. Die Sache ist ja auch zu ernst. Ausgerechnet die Kardashian-Family aus der US-Realityserie gibt das Beispiel, das jede/n überzeugen müsste. Bruce Jenner war Zehnkampf-Olympiasieger 1976 und Weltrekordler, ein Ausnahmeathlet. Als Mitglied des Kardashian-Clans ließ er sich unter TV-Beobachtung zur Frau geschlechtsumwandeln. Hätte er dies im Athleten-Alter getan, wäre er als sie in fast allen Disziplinen unschlagbar gewesen. Absurde Vorstellung. Jetzt will Caitlyn Jenner Gouverneurin von Kalifornien werden, wie einst Schwarzenegger. Ob Schauspieler, Republikanerin (wie Jenner), Demokrat, Mann, Frau oder was auch immer: kein Problem. Völlig normal. Gut so. In der Politik, anderswo, überall. Nur im Sport unmöglich. So lange es Frauen-Wettkampfsport geben soll.  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 14. Mai 2021 .
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Sport-Stammtisch (vom 8. Mai)

Der Rassismus-Skandal hat eine neue Dimension erreicht: Quotenschwätzer Jens Lehmann bekommt Hausverbot bei seinem Heimatverein Heisinger SV! Mehr geht nicht. Von der Tagesschau bis Heisingen, ein langer Weg, ein weites Feld, das mittlerweile jeder rechtschaffene Kommentator mit Abscheu und Empörung gedüngt hat. Zuviel Gülle schadet bekanntlich, da will ich nicht noch meinen Mist dazu geben. Fast hätte ich Mitleid mit Lehmann, wenn, ja, wenn er nicht … und damit hat sein ehemaliger BVB-Mitspieler Karsten Baumann das getwitterte letzte Wort: »Du warst schon immer ein Vollidiot.«
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Vollidiot! Die meisten gängigen Verbalinjurien sind mir zu vulgär, zu dumm oder zu harmlos, aber Vollidiot, das fetzt, das tut gut. So gut, dass ich es fast täglich rausrotze. Aber mich selbst beschimpfend. Zum Beispiel, wenn ich morgens einen dummen Fehler in der tags zuvor geschriebenen Kolumne finde. Manchmal stimme ich aber auch anderen gerne zu. Gelle Karsten?
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Und jetzt lese ich, dass Lehmanns »Quotenschwarzer« Dennis Aogo als Sky-Experte behauptet, englische Fußballer trainierten »bis zur Vergasung« und dass DFB-Boss Fritz Keller sich persönlich bei Charlotte Knobloch, der Ex-Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, für seinen Freisler-Vergleich entschuldigt hat. Warum bei ihr? Juden wurden doch eher nicht von Freisler vor Gericht teuflisch erniedrigt, sondern gleich ohne den Blutrichter ins Gas geschickt. Oder wollte der um sein Amt kämpfende Keller bei der Mutter des DFB-Chefethikers Bernd Knobloch gut Wetter machen?
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Ich habe als Junge oft »bis zur Vergasung« trainiert. Doch als mir die – scheinbare – Bedeutung aufging, wurde das Wort tabu und blieb es auch, als ich erfuhr, dass die Vergasung schon im 19. Jahrhundert in der Naturwissenschaft im Sinne von »immer wieder« gebraucht wurde. Doch es gibt Ausdrücke (wie das N-Wort), die nicht der Political Correctness wegen tabu sein sollten, sondern weil sie Mitmenschen ohne Not beleidigen und, schlimmer noch, tief kränken könnten. Wer will das schon? Nur Vollidioten. Auf der anderen Seite sollte man aber auch keine Staatsaffäre aus unbedachten Äußerungen machen.
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Anscheinend oder scheinbar? Die Super League macht den Unterschied deutlich. Haben die Fans anscheinend oder nur scheinbar gesiegt? Letzteres, tippe ich. Da stieg ein bunter Fake-Luftballon auf, damit ihn die Fußball-Kinder jubend zum Platzen bringen konnten, während die echte Blase stillschweigend weiter aufgeblasen wird. Für Traditionalisten gibt es nur ein solides Gegenmodell, bei dem der Fußball noch ganz bei sich und buchstäblich zu Hause ist: Tipp-Kick. Seit fast hundert Jahren fest in deutscher Hand, so gut wie unverändert und gegen Wechselangebote ausländischer Spielfirmen standhaft wie einst »uns Uwe« Seeler. Aber keine Rose ohne Dorn: Der schwäbische Familienbetrieb lässt Tipp-Kick in China produzieren. – Ach ja, liebe E-Sportler, ihr kennt es ja nicht: Tipp-Kick ist, wenn man euch den Stecker zieht.
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Und E-Sport verhält sich zu Tipp-Kick wie Formel 1 zum Bobbycar. Erinnern Sie sich an meine Verwechslung von Peggy March und Connie Francis? Ich hätte es besser wissen müssen, ich wusste es sogar besser, denn schon vor 17 Jahren schrieb ich im »Anstoß«:: »Da schob ein Moderatoren-Bübchen im weißen Anzug – Typ: Gebrauchtbobbycarhändler – einen desorientierten Zombie über die Bühne, angeblich Connie Francis, die dann die Lippen zu den unvergesslichen Hits unserer Kindheit bewegte.« Der Gebrauchtbobbycarhändler hat sich beruflich verbessert und fragt: »Wer bin ich?« – Liebe WBI-Nostalgiker: Die Frage wird außer Konkurrenz gestellt, aber vielleicht fällt mir für Olympia eine reguläre  Runde ein.
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Und da war dann noch das Golfloch-Syndrom, an das ich dachte, als Timo Werner wochenlang zum Gespött gemacht wurde. Im Erfolg, wenn es läuft, erscheint Sportlern das Golfloch, der Basketballkorb, das Fußballtor riesengroß. Mikroskopisch winzig dagegen kommt das Ziel den Grübelnden vor, die nach Misserfolgen ihre Zweifel mit in den Wettkampf nehmen. Als Gegenmaßnahme empfiehlt die Sportpsychologie, sich in der Fantasie bis zur Ver… nee, nee, immer wieder ein riesiges Golfloch oder ein scheunentürgroß offenes Fußballtor vorzustellen, dann treffe man auch wieder. Bei Timo hat’s geklappt. Obwohl er kurz verunsichert war: Das Tor von Real war noch scheunentürgrößer offen, als er es sich in seiner wildesten Fantasie vorstellen konnte. Egal, Hauptsache, es läuft wieder bei ihm. Im Flow wird er demnächst sogar treffen, wenn das Tor nur golflochgroß offen ist,
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Bis zur Ver… nee, dafür haben wir Hessen ein viel besseres, treffenderes und völlig unbelastetes Wort: »alsunnals«.  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 7. Mai 2021 .
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Sport-Stammtisch (vom 30. April)

Immer öfter ertappe ich mich beim altersmilden Verständnis für (fast) alles und alle, daher ergreife ich heute selbsttherapeutische Gegenmaßnahmen. Beginnend mit dem DFB-Präsidenten. Der anscheinend leider doch nicht übermäßig talentierte Herr Keller (diese Vorschusslorbeeren! Er wurde vorgefeiert wie einst Martin Schulz; Martin Who?) soll einen Präsidiumskollegen mit dem Nazi-Blutrichter Freisler verglichen haben. Rücktritt, aber sofort!, heißt es hoch empört. Rote Karte! Meinetwegen. Aber auch die ewig gleiche reflexartige Aufregung über unterirdische verbale Blödheiten der Nazi-Art sollte – nicht nur in diesem Fall – wenigstens mit Gelb bestraft werden. Die deutsche Schuld ist zu unermesslich, um sie als Spielball für interne Streitereien zu missbrauchen. Angemessen wäre ein schamvoller Abgang unter dröhnendem Schweigen.
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Gelbe Karte, Minimum, auch für Martin Hinteregger. Nein, nicht wegen seines belustigten Verständnisses für die verabredeten Kloppereien hohler Klub-Hooligans in Leverkusen. Diese schlagenden Verbindungen der vollprolligen Art interessieren mich nicht, nur sollte ihr Hobby nicht die anderweitig dringend benötigte Arbeitskraft von Polizisten, Sanitätern und Medizinern belasten. Sirenengeheul gehört ja zur luststeigernden Begleitmusik dieser ritualisierten Schlägereien. Mindestgegenmaßnahme: Für Polizeieinsatz zahlen, plus alle Kosten für medizinische Behandlung.
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Die gelbe Karte, die eine rote hätte sein können/müssen, gab es schon im Spiel zuvor, auf dem Platz, nach einem blindwütigen Irrsinnsfoul. Damit habe er »ein Zeichen setzen wollen«, sagt Hinteregger, ein üblicher Spruch der Art, die mir schon immer zuwider war. Eine große Frankfurter Zeitung verniedlicht die brutale Aktion zu einem »rustikalen Stopper«. Das mit dem Zeichen habe »ja auch geklappt und ’Hinti’ kurz darauf sein Team mit dem Führungstor noch schnell persönlich auf die Siegerstraße gebracht«. Sehr wohlwollend. Hätte der Schiedsrichter die rote Karte gezückt, Frankfurt das Spiel verloren und vorzeitig die Champions League verpasst – wetten, dass statt der Verniedlichung mit Abscheu und Empörung von einem »Bärendienst« die Rede gewesen wäre? Diese kurze Sicht der Dinge, immer nur vom Ausgang des aktuellen Spiels abhängig, kenne ich seit Jahrzehnten, sie ist ein Markenzeichen medialer Frankfurter »Analysen« in Sachen Eintracht.
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Ja, auch der Rentner weiß: Die Verlagslandschaft hat sich verändert. Der Text war auch in dieser Zeitung zu lesen, und der Schreiber, sicher ein angenehmer, freundlicher Mensch, ist sogar schon als Autor im »Anstoß« aufgetaucht, meinem »Baby«. Das ist mir erstens längst entwachsen, zweitens herrscht Meinungsfreiheit, drittens geht es mich nichts mehr an, aber vor allem kann ich auch über skurrilen Humor lächeln, der auf meine Kosten geht.
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Zwischendurch: Dortmunds Haaland ist die vielleicht heißeste Nummer im Weltfußball. Aber seine Art Fußball lässt mich kalt. Schnellste Dampfwalze der Welt, na gut. Mein Fußball-Herz ging nicht bei seinem Tor auf, sondern zuvor beim Pass von Dahoud. Das ist »mein« Fußball!
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Das ist nicht mein Sport, den Blake Leeper will, oder auch Caster Semenya. Leeper ist beidseitig unterschenkelamputiert und will in Tokio im Sprint starten, bei den nicht Amputierten, und er will auch die Ablehnung durch den Weltverband WA nicht hinnehmen. Trotz der WA-Begründung, die überlangen Karbonfaser-Prothesen verschafften ihm einen unfairen Wettbewerbsvorteil. Leeper wäre mit ihnen 15 cm größer als »normal«. So gesehen wäre eine hormonunregulierte Semenya im Vergleich zu anderen Frauen drei Meter groß. Egal wie es ausgeht: Zu Ende gedacht, bedeutete die Zulassung von beiden das Ende des ernstzunehmenden Wettkampfsports.
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Die »gereizte Gesellschaft«, ganzseitiges Thema in der FAS mit seltsamen Beispielen. Wie die beiden bedauernswerten Radfahrer, die nebeneinander auf der Straße fahren, von wütenden Autofahrern aus der »gereizten Gesellschaft« angehupt und beschimpft werden und sich wundern: »Die machen sich nicht mal die Mühe, sich in uns hineinzuversetzen: dass wir uns unterhalten wollen.« Das ist weder von den Radlern noch der FAS satirisch gemeint. Die blöden Autofahrer sollen gefälligst den Gesprächsbedarf tolerieren und hinterher zockeln.
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Führe ich hinter den beiden her, würde ich das auch tun, bis ich gefahrlos überholen könnte. Säße ich auf dem Rad vorne, würde ich kurz einschwenken, um den Autofahrer vorbei zu lassen. Im empathischen Optimalfall passiert das gleichzeitig, und Auto- und Radfahrer lächeln sich zu. Aber die Welt, sie ist nicht so. In ihr überwiegt die Spontan-Metamorphose. Sie tritt ein, wenn Autofahrer aufs Rad steigen oder Radfahrer ins Auto. Manche metamorphieren sogar mehrmals am Tag. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 29. April 2021 .
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Sport-Stammtisch (vom 24. April)

»Kommt die Super-Liga wirklich?«, fragt die »Zeit« am Donnerstag in Ungnade ihrer späten Geburt, als sie längst unter Schmähgesängen beerdigt worden war (die Super-Liga, nicht die gute alte Tante Zeit). Der Druck auf Papier ist auch ein Zeitdruck, den wir Zeitungen immer verlieren werden. Gewinnen können wir nur, wenn wir nicht kurzatmig der digitalen Aktualität hinterher hecheln, sondern analog zu ihr sagen, was ist. Und das ist diesmal nicht einmal ein Pyrrhus-Sieg des Fußballs, denn der alte Grieche hat ja wenigstens ein paar Mal gegen die Römer gewonnen, bis er sich zu Tode gesiegt hatte. Eher ein Potemkinsches Dorf der UEFA, die sich ihre Fassade schön malt, hinter der fußballfreundlichen Kulisse aber wie Dagobert Duck in den Fantastillionen badet, die ihr die Klaas-Klever-Konkurrenz abjagen wollte. Kaum jemand motzt da noch gegen die um zusätzliche hundert Spiele aufgeblähte Champions League.
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Alles nur ein Fake, ein schnell auf- und wieder abgebautes Potemkinsches Dorf? Die etablierten Geschäftemacher haben die neue Konkurrenz besiegt, verloren aber hat, wieder einmal, der Fußball-Fan (siehe zusätzliche 100). Der freut sich aber dennoch. Wie Hans im Glück. Vielleicht endet er auch glücklich erlöst wie dieser. Wenn er den großen Fußball ganz verloren hat, spürt er, dass ihm nichts fehlt und dass Selberkicken oder leibhaftiges Zugucken bei Selberkickern des Heimatvereins mehr ist als eine Ersatzdroge. Sondern das Ding an sich.
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Aber wenigstens einer hat allen Grund, der Super-Liga dankbar zu sein, denn sie stellte ihn buchstäblich zurück in den medialen Schatten. Friedhelm Funkel war ein gestammeltes Quatscherle über »die schnellen Stürmer von Leverkusen« rausgerutscht, »diese … das darf man ja heute nicht mehr sagen«. Entrüstete Reaktionen plus Shitstorm im Netz, bei Twitter & Co., also dort, liebe Alterskohorte, wo wir nicht sind. Aber nehmen wir’s trotzdem mal fast ernst. Bis tief ins letzte Jahrhundert hinein standen auf der 100-m-Weltrekordliste nach meiner Erinnerung ausschließlich Sprinter of Color. Der letzte of no color, also der letzte bleichweiße, war … Armin Hary (1960/10,0). Der zweitletzte: Heinz Fütterer (1954/10,2). Aber gibt es heute nicht auch im Fußball pfeilschnelle Bleichgesichter wie Werner und Haaland? Was lehrt uns das? Nichts. Außer: Kot-Orkane tiefer hängen. Dorthin, wo sie am besten aufgehoben sind. Auf dem Lokus.
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Dort und nicht hier mögen Aktivisten nähmlich (ha!) auch befinden, ob Funkel ein Rassist ist – oder als altvorderer Fußballmensch ein Opfer des Klassismus. Denn wer im Interview ungeschmeidig stammelt oder nämlich mit »h« oder »Goethe mit ö schreibt, ist unten durch. (…) Klassismus: Aktivisten haben eine scheinbar neue Form der gesellschaftlichen Abwertung ausgemacht« (»Spiegel«).
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Zugabe: »Lookismus«. »Ugly Lives Matter« überschreibt die »FAS« ihren Text über die »Diskriminierung von Hässlichen«, eben den Lookismus. Zu dessen Opfern gehören allerdings auch Dicke, Dünne, Lange, Kurze, Roothaarige (ich weiß es!). Jeder Mensch leidet irgendwann einmal unter irgendeinem Ismus, und wer nicht, ist dennoch nicht zu beneiden, denn ihm fehlt eine prägende Lebenserfahrung, die zu mehr Empathie verhilft.
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Meine gilt auch jenen Mädchen, die sich wider Willen und Körpergefühl dem Bauchfrei-Zwang unterwerfen. Auch ihnen hilft die demonstrative Aktion von Turnerinnen, sich im langen Gymnastikanzug dem sexbetonten, von Turn-Opas vorgegebenen Dress-Code zu entziehen. Aber warum bloß laufen fast alle Leichtathletik-Mädchen freiwillig in einer Art Bikini? Sicher nicht aus Leistungsgründen, sonst würden auch die Männer freibäuchig laufen.
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Lookismus. Laschet. Habeck … »Wären die Parteien wie Profifußballmannschaften organisiert, dann hätte die Union den Grünen ein Millionenangebot für Robert Habeck angeboten, um einen schlagkräftigen Kanzlerkandidaten zu bekommen«, juxt unser Leser Heiko Sichau. Neben seiner Mail finden sich in der »Mailbox« von »Sport, Gott & die Welt« viele andere bemerkens- und nachdenkenswerte Beiträge wie die von Dr. Sylvia Börgens, Arno Baumgärtel, Paul-Ulrich Lenz, Dr. Raymund Geis, Andreas Kautz oder Sigi Köppl. Danke!
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Und dann war da noch, Stichwort Druck auf Papier, der »Hintermannn«. Letzten Freitag geschrieben und vorzeitig in die Online-Ausgabe gestellt. Noch am selben Tag mailte Christian Lugerth, der Gießener Theatermann: »Hintermann mit drei N hinten dran? Wenn es eine Dame über den Fußballacker ruft? Das ist doch mal wieder formulierte Absicht.« – Ich mailte zurück: »Ist doch ein hübscher Gag. Allerdings keine formulierte Absicht. Ich lasse den Schreibfehler stehen und mich überraschen, ob er bis zum Druck durchgeht.« – Ging durch. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 23. April 2021 .
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Sport-Stammtisch (vom 17. April)

Champions League ohne Bayern und BVB – es wird Zeit, dass Eintracht Frankfurt die deutsche Sache in die hessischen Füße nimmt. Leider ohne die Langhosen oben (Bobic, Hütter, Hübner) und wohl auch ohne den einen oder anderen kurzbehosten Hochbegabten unten, da wo wischdisch iss. Obwohl die Pandemie, oder was auch immer, die adipreißlerische Fußballweisheit sozusagen von den Füßen auf den Kopf stellt. Nicht jobhoppende Fußball-Legionäre, sondern die Flicks, Brazzos, Löws, Roses, Nagelsmanns und Rangnicks beherrschen die Schlagzeilen und Emotionen.
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Preißler war ein anderer Adi als Hütter, bei ihm kürzte die Niedlichkeitsform seinen Alfred ab. Bei Hütter könnten Frust-Fans auf dem kompletten Vornamen beharren, was fast die Höchststrafe wäre. Und natürlich nur Schmäh, Ösi-Adi kennt das ja.
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Das Meinungsbild der Leser reicht von Ärger (»Es geht NUR noch um’s Geld!«/Kai Velte) bis Verständnis (»Es gefällt mir nicht, dass Trainerwechsel so rasch auf Geldgier reduziert werden. Es könnte auch die Hoffnung auf ein neues, erfolgreiches Projekt sein. (Paul-Ulrich Lenz/Schotten).
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Das mediale Meinungsbild zum Doppel-Knockout BVB/Klopp gleicht sich langsam frühen »gw«-Sätzen an, dass die Methode Klopp mit ihrem unaufhörlichen Motivationsschub nicht unbegrenzt aushaltbar sei, siehe Endphase in Dortmund. Und jetzt in Liverpool. Die Mannschaft wirkt wie mein E-Bike-Akku nach 80 km vor dem letzten Berg: leer.
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Mann-schaft. In einem Vereinsheft lese ich von Erfolgen der Frauen »in einer Zeit, in der es noch sehr viel mehr Damenmannschaften als heute gab«. Nun sprechen zwar selbst emanzipierte Fußballerinnen nicht von Frauschaften (die sind ja auch NS-kontaminiert) und verständigen sich auf dem Platz ungegendert (»Achtung, Hintermannn!«), da ist also noch ein weites Feld längs und vor allem quer zu beackern. Aber stimmt es wirklich, dass es früher mehr aktive Fußballerinnen gab? Medial boomt der Frauenfußball jedenfalls.
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Was man vom Gewichtheben nicht behaupten kann. Liegt natürlich an jenem Thema, an dem ich mich nicht mehr abarbeite. Dieser Tage fand die EM statt, unter dem medialen Radar, wobei der georgische 175-kg-Klotz Talachadse mit 222 kg einen gigantischen Weltrekorde im Reißen aufstellte. Haben Sie davon irgendwo eine Zeile gelesen?
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Laurel Hubbard kommt aus Neuseeland, war also nicht startberechtigt. Hubbard war ein unterklassiger Schwergewichtsheber, ließ sich umoperieren und ist seitdem eine Weltklasse-Heberin. Sehr zur Freude der Konkurrentinnen. Also … nein, lieber nicht. Ohne weitere Worte.
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Weitere Worte von Heinz Wenzel aus Lich zur Kolumne vom letzten Samstag: »Sehr schön zu lesen. Da wünsche ich mir, dass ich solche Genüsse in meiner Tageszeitung noch lange genießen kann.« Kaum gefreut, ploppt die nächste Mail auf, von Wolfgang Happich, kurz, lakonisch, ironisch: »Wir Alten wissen es: Connie Francis und nicht Peggy March.« Autsch! Ausgerechnet auf dem Gebiet, in dem ich mit Armin Laschet ein unschlagbares Quiz-Duo bilden könnte, habe ich schmählich versagt. Obwohl ich es besser wusste. Beweis: »Einst sang Connie Francis: ›Die Liebe ist ein seltsames Spiel‹. Sie kannte den Fußball nicht.« Vor sechs Jahren geschrieben, fast identisch im Text – nur jetzt fälschlich mit Peggy March (ihr echter Top-Hit: »I will follow him«).
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Frage im Zeit-Magazin: »Können Sie etwas, auf das kein Mensch kommen würde?« Antwort Laschet: »Ich kann fast jeden Schlager der Siebzigerjahre im Wortlaut.« Und ich jeden der Sechziger! Nur mit den Namen scheint’s zu hapern.
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Vielleicht sollte ich mich auf ein anderes Fastganzalleinstellungsmerkmal konzentrieren. Hula Hoop ist wieder da, »denn das einstige Kinderspielzeug hat sich zum begehrten Sportgerät gemausert« (FAS). Zugegeben, von allen Trends, die gekommen und vergangen sind, ist Hula Hoop der beste Bauchfett-Killer überhaupt. Während wir auf Kickboard, Inlines, Roller und Rad unsere Wampe nur spazieren fahren, muss sie sich beim Hula Hoop selbst bewegen. Das Problem: Man muss den Reifen lange kreisen lassen, um Wirkung zu erzielen. Was mit 12, 13 kein Problem war, ich konnte den Reifen über den vorstehenden Hüftknochen und dem nicht vorhandenen Bauch unendlich lange kreisen lassen. Aber was, wenn man keine sichtbaren Hüftknochen und stattdessen einen sehr sichtbaren Bauch hat? Da verliert  nur der Riesenplanet Saturn seine Ringe nicht. Verflixtes Hula Hoop: eine super Übung für den Bauch, wenn man keinen hat, aber mit Wampe eine zum Scheitern verurteilte Qual. Ich lass es lieber. Und schwelge in Erinnerungen an damals, als ich den Hula-Hoop-Reifen mit den Hüftknochen schneller kreisen ließ als ein Speed-Karussell und mit Petula Clark im Chor sang: Der Fußball ist ein seltsames Spiel … oder so. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 16. April 2021 .
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