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Sport-Stammtisch (vom 6. März)

Die harten Themen der Woche werden anderswo abgearbeitet (das hessisch härteste: Bobic). Was bleibt? »Anstoß«-Themchen im Sinne des Erfinders, am Rande notiert und von dem aus beobachtet.
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Doppel-Interview in einer großen deutschen Zeitung, ein Interview von erhabener Belanglosigkeit mit einer »Fußball-Legende« und seiner Frau, einer »Lifestyle- und Foodbloggerin«, also einer (Ex-)Spielerfrau und »Influencerin«. Namen tun nichts zur Sache. Was das Interview überhaupt soll, bleibt unerfindlich, schon die erste Frage klingt wie vom PR-Agenten vorgegeben: »Sie machen gemeinsam Werbung für eine Unisex-Sportuhr. Hand aufs Herz: Was halten Sie von Pärchen-Workouts?« – Hand aufs Herz: Was soll der Scheiß?
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Doch dann gehen die Gedanken über dieses Interview, diese Zeitung und dieses Paar hinaus (deswegen tun Namen nichts zur Sache). Für viele junge Mädchen scheint das Lebens-Traumziel die Verpaarung mit einem berühmten Profi-Kicker zu sein. Für wie viele wird es später zu einem Lebens-Albtraum, mit einem Ex-Fußballer verpaart zu sein? Der sein Lebens-Ziel hinter sich hat, mehr oder weniger erfolgreich, und der ausgiebig abhängen möchte, während sie spürt, dass ihr Lebens-Ziel eine digitale Illusion war?
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Der Spiegel hat eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Massage bringt nichts, nämlich »keine signifikant verbesserten Kraft- und Ausdauerwerte«. Ach was!? Massage macht mich weder stärker noch ausdauernder? Muss ich also doch weiter trainieren?
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Mal im Ernst: Gute Physios sind weder Wunderheiler noch lebendes Doping, aber sie haben eine individuell unterschiedlich wichtige Funktion für den Sportler und sind, wenn sie menschlich und fachlich top sind, ein erheblicher Leistungsfaktor im psychosomatischen, also leibseelischen Sinn. »Muskelkneten« ist nur ein Laien-Schlagwort und geht, wie so viele, zielstrebig an der Sache vorbei.
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Noch so ’ne Diskussion, die die Welt nicht braucht. Der Spiegel fragt anklagend: »Warum so elitär, warum so weiß?«, um festzustellen: »Neun von zehn Nationalspielerinnen haben Abitur, fast alle sind weiß. Dem deutschen Volleyball fehlt es an Vielfalt.« Ich wusste gar nicht, dass Volleyball eine geschlossene Gesellschaft bildet, in diesem Fall eine der weißen jungen Frauen mit Abitur. Da hilft nur eine konsequente Quote: für Dunkelhäutige, Alte, Übergewichtige (warum sind die in der Nationalmannschaft alle so schlank?), Hauptschüler und für nicht-binäre Menschen. Vielleicht auch für alte weiße Männer trotz Abitur. Ich will Nationalspielerin werden! – Übrigens: Alice Schwarzer will den Frauentag  abschaffen, diese alte weiße Frau!
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Geschlecht wird überschätzt, mein altes Reden. Derdiedas Schafskopffisch weiß es, sie wechselt ganz einfach ihr Geschlecht, wenn er ihr zu sehr auf den Geist geht. Zu dieser Geschichte von letzter Woche passt eine viel ältere, im »Anstoß« vor 16 Jahren erzählt, sie handelt von einem echten männlichen Schafskopf von Fisch, dem Bootsmannfisch. Er lockt Bootsmannfischfrauen mit seinem Gesang an und produziert dabei derart laute Töne, dass lärmempfindliche Küstenbewohner nicht einschlafen können. Aber egal wie laut er singt, er wird erst erhört, wenn im Blut der Fischweibchen die Östrogen-Promilleanteile hoch genug angestiegen sind. Bei den meisten Menschenmännchen funktioniert’s ähnlich, nur andersrum: Sie fangen erst an zu singen, wenn ihr Promillegehalt hoch genug ist, aber je lauter sie grölen, desto weniger werden sie von den Menschenweibchen erhört, unabhängig von deren Östrogenwerten. Das alte Lied: Je größer die Gewissheit des Mannes, die Frau zu verstehen, desto gewisser die Frau, dass er gar nix kapiert.
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Schon naht das Zeilenende, dabei gäbe es noch so viel zu erzählen. Ich empfehle Leserbeiträge in der Online-»Mailbox« von Brigitte Landvogt, Heiko Seip (Gambach), Andreas Kautz (Florstadt) und anderen (Danke für überaus »gw«-freundliche Anmerkungen). Vor allem aber auch von Matthias Treimer aus der Wetterau, der »Ihre Beiträge seit mehr als 30 Jahren sehr gern und aufmerksam« liest, wobei er »nicht immer«, aber oft »Übereinstimmung« findet. So soll’s auch sein! Denn Karl Marx hat wenigstens einmal Recht gehabt: »Absolute Einmütigkeit gibt es nur auf dem Friedhof.« Todlangweilig ist sie auch noch.
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So, »gw« hat fertig für heute. Wer noch nicht genug hat, kann eine Zugabe im Seniorenjournal lesen („Mein progressiver Alttag“, für Wetterauer Leser nur online, Adresse siehe unten). Beinahe hätte ich vor ein paar Tagen schon final fertig gehabt. Mit dem Rad unterwegs, ein entgegen kommendes Auto passiert mich, in diesem Moment rauscht ein überholender Idiot mit mindestens 130 km/h zwischen uns durch, mit jeweils nur wenigen Zentimetern Abstand zu mir und dem anderen Wagen. Wahrscheinlich denkt er noch, er könne sich das leisten, weil er ein super Autofahrer ist. Beim Weiterfahren sinniert, dass das Leben nicht nur in Gottes Hand liegt, sondern auch in der von stumpfen Auto-Prolls. Zu 99,9 Prozent Männer. Männer! (gw)
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Veröffentlicht von gw am 5. März 2021 .
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Sport-Stammtisch (vom 27. Februar)

Beginnen wir mit einem vergleichsweise harmlosen Thema, der vermehrten Verletzungsanfälligkeit der Fußballprofis. Drastisches Beispiel: Jürgen Klopps FC Liverpool. Nur Pech? Oder unbewusste Verletzungsbereitschaft? Ein altgedienter Bundesliga-Physio erklärte mir einmal die »Organsprache«, durch die ein überstresster Spieler »unbewusst in das für ihn passende Kankheitsbild flüchtet«. Überstresst sind sie in Liverpool gewiss, denn die Methode Klopp mit ihrem unaufhörlichen Motivationsschub ist nicht unbegrenzt aushaltbar, siehe Endphase in Dortmund. Marcel Reif, allerdings nicht gerade Klopps bester Freund, drückt es so aus: »Die Spieler sind müde von zu viel Klopp.«
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Eine ganz andere »Verletzungsbereitschaft« spielt in den Fällen Metzelder und Boateng eine fatale Rolle. Ausgerechnet der intelligente, redegewandte Metzelder und der Brave, der Wohlerzogene unter den Boateng-Brüdern. Der »Kluge« und der »Gute«. Dem einen wird Kinderpornografie, dem anderen wiederholte Körperverletzung von (Ex-)Partnerinnen vorgeworfen. Hinter der Image-Fassade … das Grauen, das Grauen.
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Geistlichen wird schon von Berufs und Berufungs wegen Respekt und Ehrerbietung entgegen gebracht. Aber Schweinepriester gibt es überall, nicht nur in der Kirche. Missbrauch hat viele Gesichter beziehungsweise Fratzen. »Schweinepriester« – man kennt sie seit dem 12. Jahrhundert, als im Kloster angestellte und dort Ferkel kastrierende Hirten so bezeichnet wurden. Die heutigen »Schweinepriester« sind in der Mehrzahl keine Dienstleister aus der Unterschicht, sondern oft gescheite Menschen, freundlich und verständnisvoll auftretend und sehr empathisch wirkend. Bestes schlechtes Beispiel: Reformpädagogische Schweinepriester der Odenwaldschule.
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Zu keinem völlig anderen Thema, aber bei dem vergeht mir wenigstens nicht der Humor. Das Bikini-Verbot für die Beachvolleyballerinnen bei der World Tour in Katar wurde nach der öffentlichen Empörung aufgehoben. Das freut Frauenkämpferinnen ebenso wie alte weiße Männer, vor allem jene Lustgreise, die einst die korrekte Wettkampfkleidung vorgegeben haben. Der Weltverband teilt daher generös mit, »dass es keine Einschränkungen für Spielerinnen geben wird, in Doha Standarduniformen zu tragen, wenn sie dies wünschen«. Und was ist die »Standarduniform«? Der Bikini.
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Als die Volleyballerinnen zur »Standarduniform« – und minderjährige Turnerinnen zu knappen sexy Höschen – verpflichtet wurden, gab es nur eine Brise, keinen Sturm der Entrüstung. Was ich nie verstanden habe. Als Freund und Herzensmitglied meiner liebsten Zielgruppe habe ich zwar eine unkorrekte Meinung zur Quote und zur Sprachgenderung, reagiere aber allergisch auf männliche Bevormundung. Meines Wissens war ich sogar der erste, der das auch unter Frauen gebräuchliche Blöd-Wort »Landsmännin« zur Landsfrau geändert hat. Die sexistische Verwandlung kleiner Turnmädchen zu neckisch aufreizenden Lolitas habe ich schon 1972 in einer meiner ersten Kolumnen überhaupt kritisiert (»Schleifchen brutal«). Als Volleyballerin hätte ich aus Protest damals Sportkleidung im Sinne der Scheichs von Katar getragen, und wenn mir einer aus verkorkster Männlichkeit nicht die Hand geben wollte, gäbe ich ihm meine erst recht nicht und zeigte ihm das Piepvögelchen.
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Völlig verkorkst ist die Debatte um Caster Semenyas Startberechtigung. Sie geht jetzt in die nächste juristische Runde. Wissen denn nicht alle, dass eine Startberechtigung ohne Auflagen und zu Ende gedacht auch das Ende des Frauensports bedeuten würde?
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Zu guter Letzt finde ich im Tierreich, tief im Meer, eine verblüffende Lösung des Mann-Frau-Problems. Vor wenigen Tagen lief im Dritten eine Wiederholung der sensationellen BBC-Serie »Der blaue Planet«. Da schwamm ein großer Fisch auf mich zu, das hässlichste Wesen, das ich je gesehen habe, ein Schafskopffisch (googeln Sie ihn bitte, Sie werden mir zustimmen). Stirn und Kinn grotesk aufgebläht, krumme Stummelzähne im fiesen Maul mit den wulstigen Lippen, bedrängte er einen viel kleineren, zart und unauffällig gebauten Fisch. Das war, erfuhr ich, Frau Schafskopffisch, schon etwas älter und nicht mehr in der Lage oder bereit, dem riesigen Fiesling zu Willen zu sein. Sie floh in eine Höhle, blieb dort lange, und in dieser Zeit stellte sich ihr Hormonsystem um. Sie wuchs und wuchs, Stirn und Kinn und Lippen blähten sich auf – und Frau Schafskopffisch schwamm als Herr Schafskopffisch aus der Höhle.
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Die Moral von der Geschicht’? Keine gute. Als hässlicher Mann bedrängte die Ex-Frau ihre Ex-Geschlechtsgenossinnen genauso wie der fiese Wulstkopf zuvor sie. Schafskopffisch sein ist also auch keine Lösung. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 26. Februar 2021 .
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Sport-Stammtisch (vom 20. Februar)

Hansi und der Nerd, der Streit, das Medien-Trara, die Versöhnung – hinter dem aufgeblasenen Nichts (öffentlicher Notoriker vs. braver Trainer) und der – oft berechtigten – Bayern-Schelte lauert aber eine bange Frage: Wieso gibt es in der Fußball-Blase derart viele Infektionen? Theoretisch eine Miniaturkopie strengster Quarantäne, und dennoch dringt Corona in diese Hochsicherheitszone ein. Wegen dumm-nachlässiger Profis? Glaube ich nicht, schon gar nicht bei einem wie Thomas Müller. Oder wegen immer noch unbekannter Wege des Virus?
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Der »Spiegel« will in eine andere gut gesicherte Zone eindringen, den Fußball unterhalb der Profis und oberhalb der echten Amateure. Er findet »Zombies in der Provinz« (Schlagzeile), denn »Scheinverträge, Schwarzgeld, Steuertricks – die Regionalligen gelten als Tummelplatz für unterfinanzierte Klubs und dubiose Geschäfte«. Ach was?! Der Laie staunt, der Kenner schmunzelt, und ich wundere mich über die nachlässige »Spiegel«-Recherche, die herausgefunden haben will, dass »wegen des Shutdowns seit November die Regionalligen nicht mehr spielen dürfen«. Solch ein Lapsus (Südwest und West spielen) stärkt nicht  das Vertrauen in die recherchierten Fakten der »dubiosen Geschäfte«. Auch wenn es sie gibt (siehe »schmunzeln«).
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Die Chose um Rose endet mit dem festen Fakt, dass der Gladbacher Trainer zur (nicht „nach der“/nachträglich korrigiert) nächsten Saison zum Champions-League-Konkurrenten Dortmund wechselt. Klar, dass traditionsverbundene Anhänger aufheulen. Überreagierende Fans aber als »Dumpfbacken« abzutun, war keine übermäßig geschickte Aktion von Manager Eberl. Das Echo wird ihm nachhallen. Eine »Dumpfbacke« verzeiht nicht. Vor allem, wenn sie wirklich eine ist. Im Fußball wie im richtigen Leben.
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Auch meinem Gefühl für sportliche Fairness gefällt solch ein Wechsel nicht. Wie so vieles andere auch. Zum Beispiel die Abfahrts-Silbermedaille für Andreas Sander. Eine Hundertstel fehlte an Gold. So schnell kann ich nicht mal mit der Wimper zucken. Die unsportliche Macht der winzigen nackten Zahl. Zwei Goldmedaillen wären die fairste Lösung gewesen, jetzt und bei vielen früheren De-facto-Gleichständen.
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Zu oft fehlt das Fingerspitzengefühl. Und mit diesem grandiosen Übergang … halt, stopp, habe vergessen, dass wir in einer postironischen Zeit leben, vor allem mit der Selbstironie als unbekanntem Wesen. Also von vorne, ohne den grandiosen Übergang: Ob Fingerspitzengefühl »Der große Unterschied« (»Zeit«-Titelthema) zwischen Männern und Frauen ist, lasse ich mal offen. Jedenfalls »leben« wir Männer »kürzer«, sind »anfälliger für viele Krankheiten« und »auch von Corona stärker betroffen« (»Zeit«). Wir armen Kerle! Die »Süddeutsche Zeitung« greift (buchstäblich) einen anderen und  gar nicht so kleinen Unterschied auf, mit spitzen Fingern, und informiert in ihrem »Wissen«-Ressort über die Folgen der unterschiedlichen Fingerlängen von Mann und Frau. Reifere Leser könnten sich erinnern, dass dies ein alter »Anstoß«-Hut ist: »Bei einem ›richtigen‹ Mann ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger, während bei ›echten‹ Frauen beide Finger gleich lang sind. Grund: Im Mutterleib stimuliert Testosteron das Wachstum des Ringfingers und Östrogen das des Zeigefingers« (»gw«-Anstoß von 2008). Folgeerscheinung, und damit wären wir bei der zumindest theoretischen Kernkompetenz einer Sportkolumne: Gute Sportler haben längere Ringfinger als Nichtsportler, was wiederum für beide Geschlechter gilt. Ob das auch der Grund ist, dass Nichtsportler mangels Ringfinger-Potenz gerne mit dem langen moralischen Zeigefinger auf den Sport deuten?
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Und da wäre noch ein ganz anderer Unterschied zwischen den Geschlechtern und zwischen den Zeiten. Beim Zusammenstellen meiner Spielliste (ja, ich hab eine! Man nennt es auch Playlist)  bin ich auf den alten Maffay-Hit »Und es war Sommer« gestoßen und stutzte beim Wiederhören über das, was in früheren Jahren pubertäre Träume geweckt hätte:  »Ich war 16 und sie 31, sie ließ mich spüren«, was sie wollte: »Bleib bei mir, bis die Sonne rot wird.« »Sie wusste alles, und als ein Mann sah ich die Sonne aufgehn«, »zum allerersten Mal«. – Verführung Minderjähriger. Heute käme »Sie« vor den Kadi. Und was erst los wäre, wenn ein »Er« heute sänge: »Sie war 16 und ich …« Undenkbar.
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Aber was sagen Frauen, meine liebste Zielgruppe, heute zu dem alten und damals unbeanstandeten Maffay-Lied? Pfui Teufel? Oder etwa zum angegraut Angetrauten: Dir hätte so eine frühe Lehrstunde gut getan? Flucht in unheiklere Gefilde, von der Vergangenheitsform des Lieds in die Gegenwart, mit dem gesungenen Wetterbericht über das heuer allererste Mal: »Und es wird Sommer, fast schon 18 Grad warm.«
Schönes Wochenende! (gw)
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Veröffentlicht von gw am 19. Februar 2021 .
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Sport-Stammtisch (vom 13. Februar)

Jetzt sind sie also Weltmeister aller Klassen. Fast so gut wie Muhammad Ali. In dessen Liga spielen sie ja auch, gefühlt, denn »mia san mia« – und das macht aus einem gesetzlichen Nachtflugverbot einen »Skandal ohne Ende« (Hoeneß). Ali war allerdings drei Mal unumstrittener (»undisputed«) Weltmeister aller Klassen. Aber die Bayern haben zumindest die Klitschkos geknackt, denn die brauchten zwei ihrer Sorte (Vitali/WBF und Wladimir/IBF- /WBO/WBA), und als Vitali seinen Titel abgab, um das Brüderchen in den Ali-Status zu heben … ja, dann kam Joshua.
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Die Boxer begnügten sich jahrzehntelang mit »allen« vier Klassen. Als die Inflation der Box-Verbände und Titel Weimarer Ausmaße annahm, verlor der »Weltmeister aller Klassen« seinen Nimbus. Die Bayern sind schon bei sechs Klassen angelangt, ein bis zwei davon entsprechen dem sportlichen Wert des fünften und sechsten Verbandes von kaum zu zählenden im Boxen, und wie die Titel fünf und sechs im Fußball heißen und bedeuten … fragen Sie mich bitte nicht.
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So, genug gespottet. Spott aus, Spot an, auf die Spieler und ihren Trainer, die sportlich Epochales geschafft haben, unabhängig von der Titelsammlung. So wiegt ein 8:2 gegen Barcelona schwerer als nachrangige Titelchen hinter Champions League, Meisterschaft und Pokal. Selbst die Wutanfälle von Hoeneß und Rummenigge wären verständlich, Otto Normalflieger kennt das, und womöglich haben sich tatsächlich am Flughafen einige ins Fäustchen gelacht – aber das ändert nichts am korrekten Ablauf des Geschehens und auch nichts daran, dass die Bosse in ihrer Bubble besser schweigend souverän geblieben wären, als Wutgickel aber nur das Arroganz-Vorurteil bestätigt haben.
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Kein ganz anderes Thema. Überschrift eines Sport-Leitartikels in der Süddeutschen Zeitung: »Masken auf und durch« – es geht um Olympia in Tokio, und dagegen wettert der Kommentator: »Gesellschaftlicher Fortschritt? Gemeinwohl? Werden verramscht auf dem Markt der persönlichen und wirtschaftlichen Interessen«, »statt um das Gemeinwohl geht es um sterilen Fernsehsport«, und so »steuert das IOC auf seine traurigsten und entlarvendsten Spiele zu«. Na ja, vielleicht endeten die heiteren Spielen von München doch ein klein wenig trauriger. Aber hat die SZ nicht ein Widersprüchlein übersehen? Füllt sie nicht seit Monaten Tag für Tag ihre Sportseiten mit einem sterilen Fernsehsport und bietet ihm einen Markt der persönlichen und wirtschaftlichen Interessen? Wenn man alle Schutz- und Quarantänemaßnahmen des Fußballs, seine europaweit vielen hundert Profiklubs, seine vielen tausend Profis, Trainer, Betreuer und sonstige Beteiligte, seine ungezählten Gesellschaftsreisen über die Monate hinweg addiert, ist dagegen olympischer Aufwand an einem Ort über drei Wochen hinweg ein Klacks. Die SZ will auch ihren Intimfeind treffen, den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach, schießt sich aber selbst ins Knie. Masken auf und durch? Ein Auge zu und durch. Wer entlarvt da wen?
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Selbstkritik. Nach der Segel-Erinnerung in der letzten Samstags-Kolumne verunsicherte mich der Gedanke, dass Erinnerungen trügen können, vor allem, wenn sie sehr lange zurück reichen und im Lauf der Jahre vom Gehirn bearbeitet worden sind. Aber mich beruhigte der Gedanke, dass kein Augenzeuge widersprechen könnte, dass ich den Eimer vor Schreck über Bord geworfen hatte. Doch dann kam eine Mail von Reinhard Schmandt (Ex-Kommilitone, Ex-Sprinter und Watzenborn-Steinberger Fußball-Größe): »Ich war Augenzeuge in der Kieler Förde und mit Dir zusammen Mitglied jener Segel-Crew. Jedenfalls musste auch ich mit einem Eimer Wasser aus dem Boot schippen, hatte aber einen besseren Standplatz als Du auf dem Boot und musste dem Segel nicht ausweichen. Wir waren alle froh, als wir wieder Boden unter denn Füßen hatten.« Und damit hat auch meine Erinnerung wieder Boden unter den Füßen – so »wahr« das also wirklich!
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Wirklich wahr: Nicht nur »das Merkelchen« Ramelow surft auf der neuen Clubhouse-Welle, sondern auch Max Kruse, der sein Image als etwas anderer Fußballprofi sehr pfleglich behandelt, von Poker bis Pimmel (den und sich hatte er gefilmt, ein Hit im Netz). Jetzt schwärmt er in höchsten und angesagtesten Tönen von »Clubhouse«: »Boah, krasse Nacht, Alter. Meine Fresse, das ist nix für schwache Nerven, aber es war geisteskrank geil.« Doch dann rutscht ihm ein Satz raus, der so gar nicht zum Slam-Slang passt, sondern eher zu einem wohlerzogenen Fünfjährigen: »Es war so lustig.« Und das ist soo putzig!
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Die »Bubble« (sind Sie über das Wort gestolpert? Sollten Sie auch). Alle Welt babbelt von der Bubble, dem neuen Anglizismus in der Fußball-Blase. Ich bevorzuge die doppelte Blase, »Dubble Bubble«, das knallbunte, süße Kaugummi aus der Kindheit, mit dem man schöne große Blasen machen konnte, die im Gesicht zerplatzten und als hartnäckige Fädchen abgepopelt werden mussten. Das war so lustig! (gw)
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Veröffentlicht von gw am 12. Februar 2021 .
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Sport-Stammtisch (vom 6. Februar)

Das Haland-Tor. Regeltechnisch halte ich mich raus. Ich staune nur, wie sie es fertigbringen, die Existenzberechtigung einer sportlich sinnvollen, ja zwingend notwendigen technischen Verbesserung immer wieder zu sabotieren.
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Noch staunenswerter, wie ein Spartensport die deutschen Medien erobert hat, vor allem die ganz großen, von FAZ über SZ und Spiegel bis zur Zeit. Auch ARD und ZDF stiegen in die konzertierte Aktion ein, eine echte Symphonie (= Zusammenklang), die ihren Paukenschlag – nicht wie bei der von Haydn – schon lange vor den ersten Takten hatte, als der Solist eine gewisse Greta über den Atlantik schipperte und sich mit diesem ersten PR-Coup der Weltöffentlichkeit vorstellte.
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Boris Herrmann und die Vendee Globe, diese Hightech-Regatta sündhaft teurer Segelgeschosse. Eine Meisterleistung der Public Relations, die „durch strategische Kommunikation die Beziehungen einer Organisation mit der eigenen Zielgruppe« (Wikipedia) pflegt. Mit den Medien als willigem Medium. Während des Rennens tauchte Herrmann am Ende der Tagesschau öfter auf als die deutschen Rodler, und das will im Winter was heißen. Auch Herrmanns vorschnelle Schuldzuweisung an ein Fischerboot wurde geschickt wegkommuniziert.
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Man mag’s beklagen, aber ich stelle nur fatalistisch fest: PR, so ne und solche, regiert die Welt. Herrmann und seine Crew off Board haben einen tollen Job gemacht, im Segeln und in der Öffentlichkeitsarbeit. Was bleibt, ist das Staunen. Und der Neid der besitzlosen Nischensportler, die allenfalls in den »kurz notiert«-Spalten engagierter Sportredaktionen auftauchen. Für die ist natürlich fatal, was ich fatalistisch feststelle.
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Meine persönliche Segel-Geschichte begann früh und endete schnell. Auf der Kieler Förde. Kieler Studenten boten ihren Gießener Kommilitonen nach einem Leichtathletik-Wettkampf einen kleinen Segeltörn an. Jeweils zwei Kieler und zwei Gießener in einem Boot. Mir wurde die niederste Arbeit zugewiesen, eventuell reinschwappende Wellen per Eimer in ihr Element zurück zu befördern. Weit draußen begann es stark zu schwappen. Ich eimerte fleißig, doch als es plötzlich »Achtung« rief und das Segel über mich auf die andere Seite geschwenkt wurde, ließ ich vor Schreck den Eimer beim Wasserschippen los, und er flog im hohen Bogen über Bord. Wir kamen grade noch rechtzeitig im Hafen an, bevor das Boot untergehen konnte. Niemand schimpfte mit mir. Gute Gastgeber. Niemand lud mich zu einer Wiederholung ein. So weit ging die Gastfreundschaft dann doch nicht.
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Fit in den Frühling. So hieß eine »gw«-Serie, die als »Zeitungs-Trimme« begonnen hatte, also schon in der Steinzeit. Heutzutage übernehmen Youtuber diesen Job, zum Beispiel jener Vielgeklickte mit seiner Heilslehre: Liegestütze, täglich, und die Zahl stetig steigernd. Er schaffe mittlerweile 100 am Stück, und seine Brustmuskulatur sei nun seine größte Muskelgruppe. Der Mann hat zwar recht, doch mit Einschränkungen: Wer seine Muskelmasse steigern will, sollte nicht so viele, sondern so langsame Wiederholungen wie möglich machen. Isokinetisch, was man sich so vorstellen muss, als ob man die Übung mit den Händen auf zwei Personenwaagen macht, deren Anzeige sich dabei nicht ändern darf. Seit ich das als Senioren-Reha nach unfreiwilliger Gewichtsabnahme praktiziere (für Fachleute: aktuell 10×12 abgefälscht isokinetisch), könnte ich oben rum als California Dream Opa auftreten. Allerdings hängt meine größte »Muskel«gruppe seitdem etwas tiefer, da ich mich für die Plackerei mit zwei Nussecken und roter Grütze mit Vanillepudding belohne. Täglich, unermüdlich. Nennt mich ruhig Plauzen-Opa. Neben dem Youtuber, der stolz seine 100-Liegestütze-Figur vorführt, komme ich mir vor wie der Pechvogel Dr. Jüngel in Martin Mosebachs neuem Roman »Krass«: »Wie ein wässriger kalifornischer Pfirsich aus der Dose.« Herrlich. Wie der ganze Roman.
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In der vorigen Kolumne habe ich die bissigen Eichhörnchen von New York erwähnt und geulkt, demnächst würden Lämmer tollwütig und alle Menschen lammfromm. »Vielleicht liegen Sie ja gar nicht so fern mit Ihrer Prophezeiung«, mailt der geschätzte alte Kollege A. M. von der ehemaligen Konkurrenz. »Der Prophet Jesaja hat es ähnlich prognostiziert: ›Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern.‹« – Und die Bibel hat doch recht?
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Aktueller Sport spielte heute wieder einmal keine große Rolle in dieser Kolumne. Aber auch die Themen Gendern, Geschlecht, Rassismus und Rasse nicht. Die habe ich abgehakt, für immer, und will nicht rückfällig werden. Als Schlussstrich bleibt nur mein Mantra stehen: Geschlecht wird überschätzt, und jeder Mensch ist eine Rasse und Klasse (und meinetwegen auch: ein Geschlecht) für sich. Hugh, der alte, weiße Mann hat gesprochen. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 5. Februar 2021 .
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