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Sport-Stammtisch (vom 23. März)

Hymnen-Lippenleser atmen erleichtert auf: Alle haben mitgesungen, die ersten fünf Wörter sogar textsicher, nur Leroy Sanés Murmelei sei nicht zu entziffern gewesen. Aber von mir! Der Gelsenkirchener Bub aus England begann irrtümlich mit »God save the Queen«, bemerkte schnell seinen Fauxpas und wechselte verwirrt zum Schalker Vereinslied »Blau und Weiß«, um dann erleichtert am Schluss doch noch einzustimmen: »… Va-te-her-schland«.
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Er hätte gar nicht mitsingen müssen. Sein Deutschsein ist über alle Zweifel erhaben, vererbt durch die Mama, die eine olympische Medaille für Deutschland gewonnen hat. Mehr kann man für Volk und Vaterland nicht tun, das vererbt sich bis ins letzte Glied.
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»Blau und Weiß« … hat das einst nicht auch ein anderer Schalker mitgesungen, Mesut Özil? Mit der Textzeile »Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht«. Wenn DAS Erdogan erfährt, wird das nichts mit dem Trauzeugen!
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Entschuldigung, die ganze Chose ist nur albern zu ertragen. Jetzt aber im Ernst: Schön, dass Ilkay Gündogan wie selbstverständlich die Kapitänsbinde trug, als Dienstältester nach Manuel Neuer. So normal, dass es kaum registriert wurde. Gut so. Schön auch, dass der fatalerweise nicht für die WM nominierte Sané auf dem Spielfeld non verbal deutlich machte, wer als erster hätte zurücktreten müssen, freiwillig, Monate vor dem Zwangsrücktritt von Hummels & Co.
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Dennoch spielt einer noch ein paar Ligen höher als das Riesentalent Sané. Wenn Sie einmal begeistert staunen wollen, googeln Sie bitte mit den Suchwörtern »Messi« und »Sevilla«. Das dritte Tor des Zauberzwergs (auch das erste, der Freistoß-Strahl, ist ein Hit) ist ein Kunstwerk aus einer anderen Welt. Sogar die Heimzuschauer in Sevilla applaudierten eine Minute lang stehend.
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Ronaldo kann man zähneknirschend bewundern, aber wenn er in den Spiegel schaut, was er ja oft tun soll, und fragt, wer der Beste ist, wird ihm der Spiegel jedes Mal antworten: Du bist als Erdling ja ganz gut, aber hinter der Sonne, in fernen Galaxien, spielt ein Milchbubi ohne Muskeln, mit hängenden Schultern, blass, aber nur ohne Ball am Fuß farblos, der ist intergalaktisch viel besser als du. – Dass Messi seinen Zwergen-Hipster-Zauselbart abrasiert hat, kommt noch positiv hinzu.
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Aber selbst ein Messi wäre kein Messi geworden, hätte er seine Kindheit an der Spielkonsole statt auf dem Bolzplatz verbracht. Aktuelle Meldung dazu: Kinder und Jugendliche bewegen sich immer weniger, obwohl immer mehr in Sportvereinen angemeldet sind. Weil: Eine Stunde pro Woche im Verein wiegt nicht die zehn, 20, 30 und mehr Stunden auf, in denen früher auf Straßen und Bolzplätzen getobt und »geräust« wurde.
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Am Ende der Woche wird dann noch bekannt, dass der DFB eine E-Game-Nationalmannschaft nominiert. Und dass mit dem steigenden Cannabis-Konsum (und dessen Legalisierung) auch das Psychose-Risiko steigt. Und dass mit dem »Dritten Änderungsglücksspielstaatsvertrag« (lassen Sie das Monsterwort mal einen Bekifften aussprechen) das Zocken weiter liberalisiert wird. Alles hängt mit allem zusammen.
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Ich moralisiere nicht. Ich bin nicht gegen das Kiffen, sondern gegen die Legalisierung. Nicht gegen das Daddeln, sondern gegen das Ranschmeißen des DFB an den unsportlichen Zeitgeist. Nicht gegen das Glücksspiel, sondern gegen dessen Weg von nicht gesellschaftsfähigen Hinterzimmern in die City-Türme milliardenschwerer Wett-Paten. Die zudem als Sponsoren das Fußball-Geschäft am Laufen halten. Anything goes? Eben nicht. Beziehungsweise: nicht mehr lange.
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Bevor Sie diese Kolumne mit dem Wort zum Sonntag verwechseln, lösen wir die erste »Wer bin ich?«-Runde des Jahres auf. Der Gentleman-Sportler mit dem »Hand-icap« heißt nicht Bert Trautmann (meist genannte falsche Lösung, auch von einigen WBI-Profis), sondern es ist »der Tennisbaron Gottfried von Cramm. Ich hatte den Baron als kleiner Junge auf dem Gelände des TC Bad Nauheim im Kurpark beim damaligen Bäder-Turnier spielen gesehen« (Werner Trautmann/Dorheim). – Gottfried von Cramm, »der – denunziert wegen einer angeblichen homosexuellen Affäre – 1937/38 sieben Monate im Gefängnis saß« (Dieter Neil/Buseck). Ihm fehlte »durch einen Pferdebiss im Kindesalter die Fingerkuppe des rechten Zeigefingers. Wegen dieses ›Hand-icaps‹ benutzte er einen besonders gearbeiteten Schlägergriff« (Manfred Stein/Feldatal).
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Den jeweils ersten Punkt sammelten Jost-Eckhard Armbrecht (Gr.-Buseck), Helmut Bender (Linden), Dieter Neil, Walther Roeber (Bad Nauheim), Rüdiger Schlick (Reichelsheim), Karola Schleiter (Florstadt), Prof. Peter Schubert (Friedberg), Werner Trautmann, Horst-Günter Schmandt, Reinhard Schmandt (beide Pohlheim), Wolfram Spengler (Hüttenberg), Manfred Stein und Ingrid Wittich (Mücke). – Glückwunsch und: Respekt! (gw)
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Veröffentlicht von gw am 22. März 2019 .
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Ohne weitere Worte (vom 19. März)

Offensichtlich mangelt es an hochklassigen deutschen Talenten, zumindest für bestimmte Positionen. Und Eintracht Frankfurt? Schreibt in Mailand mit 14 Spielern Geschichte, von denen nur vier in Deutschland ausgebildet wurden. Darunter – natürlich – der Torwart. (Dietrich Schulze-Marmeling in der taz)
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Seit einigen Wochen arbeitet Löw nun wieder am Umbau der Nationalmannschaft, was im Prinzip eine gute Nachricht ist. (…) Verblüffend ist allerdings, wie trampelig er das Zukunftsprojekt umsetzt. (…) Die drei Weltmeister von 2014 wurden von Löw abgewrackt wie durchgerostete Oldtimer. (Gerhard Pfeil im Spiegel)

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Ein Beispiel aus Liverpool: Zwei Profis, die dort Weltklasse verkörpern, übten einst nahe der deutschen Grenze – (…) Mané in Salzburg, (…) Salah in Basel. In der Bundesliga landeten sie nie. So geht es dem deutschen Fußball gerade kaum anders als dem ganzen Land, nur im Fußball, beim Elf-gegen-Elf, liegt die Erkenntnis wie ein offenes Buch auf dem Rasen. (Leitartikel von Klaus Hoeltzenbein in der Süddeutschen Zeitung; Thema: »Fußball – Der Abstieg)
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Es war besonders schmerzlich für den FCB, ausgerechnet an Liverpool und Klopp zu scheitern, diese kraftstrotzende Symbiose aus tausenden Zähnen und rasend schnellen Afrikanern und einer Zukunftsidee, die schon in der Gegenwart fruchtet. (Jakob Böllhoff in der Frankfurter Rundschau)
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Klopp versteht sich als Teil des Teams. Er liebt die Gemeinschaft mit den Spielern. (…) Er sprüht vor Energie. »Als extrem durchschnittlicher Fußballer, der ich war, darf ich heute mit Weltklassespielern zusammenarbeiten. Wenn mir das keinen Spaß machen würde, wäre ich nicht ganz dicht«, sagt er. (Pfeil/Spiegel)
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In der Öffentlichkeit feiert man die erfolgreichen Helden wie Übermenschen (…), man verdammt jene, die stolpern, als Bösewichte. Dafür, wie manche deutsche Boulevardmedien den gefallenen Rad-Helden Jan Ullrich mit ihrer sensationslüsternen Tratschtruppe gehetzt haben, sollten sie sich schämen. Sich über jene zu erheben, die man einst bewundert hat, macht einen eben gleich auch ein bisschen größer. (Julia Ordner/Vorarlberger Nachrichten)
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Auf der Straße kam mir eine Frau mit einem riesigen Stofftier in den Armen entgegen, obwohl gar kein Rummelplatz in der Nähe war. (»Laufende Ermittlungen« von Andreas Bernard im Zeit-Magazin)

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Gianulli wollte eigentlich gar nicht studieren, im August vergangenen Jahres sagte sie in einem Youtube-Video: »Ich bin nur wegen der Football-Spieltage und der Partys hier. Ich habe wirklich keinen Bock auf die Schule, aber das wisst ihr ja.« (Jürgen Schmieder in der SZ über die »Influencerin« Olivia Jade Giannulli, die durch eine 500 000-Dollar-Bestechung ihrer reichen und prominenten Eltern als angeblich »talentierte Sportlerin« zu einem College-Platz gekommen sein soll)
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Die verwahrloste Frau auf den Stufen des Bahnhofsgebäudes hatte die Beine elegant übereinandergeschlagen, beinahe damenhaft. (»Laufende Ermittlungen«/Bernard)
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Die Zahl ihrer Abonnenten ist seit Aufkommen des Skandals noch gestiegen. (…) Deshalb ist im Netz auch noch zu lesen, was sie im April 2017 bei Twitter geschrieben hat: »Es ist so schwer, sich in der Schule anzustrengen, wenn man sich für nichts interessiert, was man da lernen soll.« (Schmieder/SZ)

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Der zweite WhatsApp-Haken schwang sich neben den ersten wie ein Co-Pilot in den Beifahrersitz. (»Laufende Ermittlungen«/Bernard)
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Warum verliert ein vernünftiger Mensch (…) Herz und Verstand an Schalke 04? – »Das passiert, wenn der Verstand noch nicht so ausgebildet ist und sich das Herz zum ersten Mal entscheiden muss. Ich war sechs Jahre alt, ich spielte bei Fichte Hagen Handball, die hatten blaue Trikots. Das war’s. Wären es gelbe Trikots gewesen, hätte ich mich, wer weiß, Borussia Dortmund angeschlossen.« (Schauspieler und Schalke-Fan Peter Lohmeyer im Zeit-Interview)
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»Ich hatte damals – wie meine Kumpels – den Traum, Fußballprofi zu werden. Dazu hat es nicht gereicht, deshalb bin ich Schauspieler geworden.« (David Kross, Bert-Trautmann-Darsteller im Kinofilm, im Welt-Interview)
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Egal was demnächst passiert, (…) ob Schalke vielleicht sogar absteigt – Sie bleiben? – »Bis zum Schluss. ›Steh auf, wenn du Schalker bist!‹ Das wird auf meinem Grabstein stehen.« (Lohmeyer/Zeit)
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Ich löschte die Nachttischlampe und sah plötzlich das Wort »Ende« vor mir, wie nach dem letzten Bild eines alten Films. (»Laufende Ermittlungen«/Bernard) (gw)
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Veröffentlicht von gw am 18. März 2019 .
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Montagsthemen (vom 18. März)

Seit Wochen stand auf meinem Montagsthemenzettel die Drei-Wörter-Kombi »Ferrari/Mercedes/Déjà-vu«. Weil die Vorausberichte und Prognosen bis aufs Haar denen vor einem Jahr glichen. Dann machte es gestern pffft, die Luft war raus, und Mercedes liegt wieder weit vorn. Ich hätte also den großen Besserwisser spielen können. Wie beim BVB. Da stand seit Tagen auf dem Zettel, dass in Berlin die Vorentscheidung fallen werde. Für die Bayern. Und dann hält Reus am Schluss den Fuß hin, genialer als der geniale Fußhinhalter Alex Meier. Bei dem und St. Pauli scheint die Luft auch raus zu sein, exakt seit mir hier montagsthematisch geschwant hatte, er sei »drauf und dran, St. Pauli in die Erstklassigkeit zu schießen«.
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So viel zu meinen Fähigkeiten als oberschlauer Sportkenner. Womöglich startet sogar Vettel noch durch. Ich würde es ihm gönnen. Nicht wegen der Formel 1, die interessiert mich nicht. Sondern alleine wegen Vettel, weil er ein prima Junge zu sein scheint. Hesse und Eintracht-Fan ist er obendrein. Besser geht’s nicht.
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Haben Sie Ibisevic gesehen? Ungerechte Sportwelt. Wird vom Platz gestellt, weil er Bürki aus zehn Metern den Ball an den Kopf geworfen hat. Beim Völkerball hätten sie ihn auf den Schultern vom Platz getragen.
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Aus dem Spaß wird ernst, und Ernst lernt jetzt … nee, heute keine pubertären Witzchen. Wirklich ernsthaft: In den Mutmaßungen und Analysen über das deutsche Champions-League-Desaster, vornehmlich des FC Bayern, überwiegt selbst bei dem nicht zu populären medialen Schnellschüssen neigenden Christian Eichler (gestern in der FAS) die Meinung, der Klub der »Mutlosen« habe »jedes Risiko auf dem Transfermarkt« vermieden. Also nicht genug Geld ausgegeben und zudem nicht in die richtigen Leistungsbringer investiert. In meinen Worten interpretiert: Wer absehbar mit der eigenen Leistungsfähigkeit nicht konkurrenzfähig ist und dennoch keine Fremdleistung einkauft, ist selbst schuld, wenn ihm »die Konkurrenz in der Champions League im Schnellzug davon« fährt. Ziemlich treffende Definition des Wortes »Doping«. Vulgo: Wer nicht dopt, kackt ab.
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Immerhin hat der Fußball den Glaubwürdigkeitsvorteil, dass er dieses De-facto-Doping de jure erlaubt, ja als Erfolgsrezept vorschreibt. Aber ich will nicht auf meinem alten Gaul rumreiten, der hat sein Gnadenbrot verdient. Außerdem würde ich auf ihm in eine nicht existiert habende glorreiche Vergangenheit traben, von allen von oben herab, also auf der Höhe der Zeit, verhöhnt und verlacht. It’s the football, stupid!
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Ich glaube, einer wie Klopp verstünde mich. Aber er kämpft nicht gegen Windmühlenflügel, sondern rotiert mit ihnen und beugt sich der normativen Kraft des Faktischen. Ach ja, Kloppo. Je größer sein Nimbus, bei desto mehr Klubs wäre er beinahe Trainer geworden. In Hamburg war es eine zerrissene Jeans, in München Klinsmann – und nach meiner exklusiven Recherche auf Schalke die BVB-Kappe, beim DFB die Kodderschnauze, in Hannover das Haar-Implantat (dort muss man einen Kind im Ohr haben), in Wolfsburg die Automarke, bei der GroKo das Geschlecht und beim Vatikan einfach alles. Außer dem Gottvertrauen. Aber das gilt dort sogar als Malus.
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Champions-League-Titel nicht unter einer Milliarden-Investition, aufgeblähte Klub- und Länder-WM, vorzugsweise in Nur-Profit-Ländern fantastillionär-despotischer Grundstruktur, geklonte Kicker im E-»Sport«, diesem elektronischen Tipp-Kick, angesagter als die Originale (oder sind auch das nur Imitate?) – denke ich an Fußball, nicht nur in der Nacht, kommt mir ein Bild vor Augen, das berühmte Gursky-Foto der Chicagoer Börse. Ein ameisenhaftes Menschengewimmel »zeigt das entscheidende Schlachtfeld unserer Zeit« (Zeit). Hunderte von Menschen alleine in Chicago, hoch bezahlt, rastlos tätig – aber womit? Keiner produziert etwas (nicht einmal Kolumnen  …), keiner heilt, keiner repariert, lehrt oder pflegt, aber jeder von ihnen verdient mehr Geld als 99,5 Prozent der Weltbevölkerung. Sie säen nicht, sie ernten nur.
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Sind die Lemminge des Fußballs der Zeit  nur voraus, stürzen sie blindlings über die Klippe? Ach, selbst diese Metapher für den schicksalhaften Drang zum Untergang ist ein schiefes Bild, seit ihn ein Disney-Film im Jahr 1958 mit eindringlichen Aufnahmen »bewiesen« hat. In Wahrheit kennt die freie Natur keine Massenansammlung von Lemmingen – die Disney-Filmer hatten ein paar der Tiere eingekauft, sie auf eine rotierende Drehscheibe gesetzt und so geschickt gefilmt, dass der Eindruck einer panikartigen Massenflucht entstand.
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Auch das noch: Einst war ich verknallt in das »Engelchen oder die Jungfrau von Bamberg«. In dem Film aus den Sechzigern zeigte »Engelchen« Gila von Weitershausen kurz den nackten Rücken. Wie aufregend! Heute gucken Elfjährige brutale Pornos auf dem Tablet. Gila von Weitershausen wird in dieser Woche 75. Wie isses bloß möglich? Für mich sind das Fake-News.
(gw)
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Veröffentlicht von gw am 17. März 2019 .
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Sport-Stammtisch (vom 16. März)


Literaturhistorisch ist »Das Leben ein Traum« (Calderon) oder »Der Traum ein Leben« (Grillparzer). Jetzt gibt es eine dritte Variante, die fußballhistorische: »Wir leben unseren Traum« (Eintracht-Fans). Und er lebt weiter. Es begann mit dem nicht enden wollenden Lauf von Gacinovic in Berlin, und er läuft und läuft und läuft und führt … ja, wohin, führt er? Nach Baku?
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Italien-Reisende kennen den »Giro«, den obligatorischen Spaziergang abends kurz vor acht, wenn sich die Straßen plötzlich mit umherwandelnden Familien füllen, um eine Stunde später wieder menschenleer dazuliegen. Am Donnerstag blickten die Italiener bass erstaunt auf einen Monster-Giro, als zigtausend vorfreudige Eintracht-Fans, friedlich und gut drauf, vor der erhabenen Kulisse des Mailänder Doms über die Piazza del Duomo spazierten.
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Arme Bayern-Fans. In Mailand preschten Frankfurts »Itsche« wie Irr- und Derwische ruff unn runner, einfach fantast-ic, dagegen wankten in München Untote über den Platz, und auf den Rängen wollten sie die Stimmung mittels einer Megafon-Anlage in der Südkurve künstlich aufdrehen. Jetzt benötigen sie chemische Stimmungsaufheller.
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In München wird die Grillparzer-Variante aufgeführt, denn in dessen Märchen entwickelt sich der Traum zum Alptraum. Ach was, nicht nur München, ganz Fußball-Deutschland versinkt in einem Alptraum. Denn so sind wir nun mal gestrickt: Entweder himmelhoch »Schland«-jauchzend, oder zu Tode betrübt.
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Aber macht mal halblang. Beispiel Bayern und Kovac. Die Süddeutsche Zeitung, das dortige Lokalblatt, gibt in mehreren tiefschürfenwollenden Artikeln dem Trainer die Schuld. Haupt-Schlagzeile: »Pizza alla Kovac«. Das Bild soll sagen: Der Trainer hat die besten Zutaten, kriegt sie aber nicht richtig gebacken. Aber nun stellen wir uns einmal vor, Neuer irrt nicht hinaus, und der FC Bayern setzt in Halbzeit zwei fort, was er kurz vor der Pause begonnen hatte. Die SZ, und nicht nur die, hätte Kovac als Trainer-Fuchs gefeiert. Ich denke da an die Halbzeit-Analysen bei Sky. Und bei Ihnen vor dem Fernseher auch, oder?
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Keine Frage, der FC Bayern München steht wie die deutsche Nationalmannschaft überreif und behäbig am Ende einer erfolgreichen Epoche. Vielleicht wird man sie einmal die Schweinsteinzeit nenne, die mit einem Sturm-und-Drang-Basti begann und dem heroischen Finalkämpfer Schweinsteiger endete. Aber DAS ist zum Glück noch nicht »Der Untergang des Abendlandes«, wie ihn Oswald Spengler vorausgesagt hat. An dem arbeiten bei uns ganz andere Kräfte. Aber das ist heute nicht unser Thema.
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Unseres ist der Fußball. Und da haben die Briten ihren Brexit fatal missverstanden. Kein Wunder, dass dieser Alptraum noch länger dauern wird als unser ausschweifender hessischer Glückstraum. Ihr solltet doch raus aus der CL und drinbleiben in der EU, nicht umgekehrt!
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Aber ernsthaft: Bei all den mehr oder weniger gescheiten Nachbetrachtungen kommt mir der Respekt vor der Leistung der Sieger zu kurz. Manés beineverheddernde Drehung, der Rammstoß des fliegenden Holländers und Salahs Zuckerpass aus dem »Handgelenk« – allererste Sahne! Wie auch tags zuvor die Sahne-Leistung des jungen Deutschen mit der Betonung auf der zweiten Silbe. Der wird uns noch viel Freude bereiten. Mit oder ohne Löw.
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Den Faktor Klopp habe ich noch gar nicht angesprochen. Dass über die Hälfte aller Deutschen nicht den Bayern, sondern Liverpool die Daumen gedrückt hat, liegt nicht an der verbreiteten Aversion gegen den FCB, sondern an der Kloppo-Begeisterung. Ihn gut zu finden ist Mainstream, selbst in fußballintellektuellen Kreisen. Da paddele ich mal wieder gegen den Strom: Haben Sie den Mann mit Hut gesehen? Franz Beckenbauer im Sky-Interview. Das Studio-Publikum ehrte ihn mit Standing Ovations. Die kritische Presse reagierte ungehalten und erhob den moralischen Zeigefinger. Von mir bekäme er eine stehende Ovation.
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Für Ronaldo würde ich nicht aufstehen, obwohl seine sportliche Leistung ganz und gar außergewöhnlich ist. Aber ansonsten … wenn er sich an die, sorry, Eier greift und hengstartig protzt, greife ich mir an den Kopf. Vor allem weil Simeone, den er imitiert hat, ihn und sich sogar lobt: »Ihm ging es genau wie mir darum, Charakter zu zeigen.« Charakter? Man stelle sich bloß vor, eine Frau würde mit der gleichen Geste triumphierend mit ihrem Busen protzen. Nee, unvorstellbar. Frauen sind wohl doch die angenehmeren Menschen. Meistens.
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Apropos Busen. Als die Welt der alten weißen Männer noch in Ordnung war, wurde der französische Dichter Gustave Flaubert beim Anblick eines weiblichen Torsos auf der Akropolis schier narrisch vor Begeisterung: »Was für Titten! Bei Gott! Was für eine Brust!«
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Anderes Extrem. Kürzlich klagte eine Journalistin im Interview, sie werde immer auf ihren großen, offenbar sehr großen Busen reduziert. Sinngemäß: Eine großbusige Frau habe das Recht, auch mit einem Dekollete bis zum Nabel von männlichen Blicken auf ihren Busen verschont zu bleiben. Was würde bloß Flaubert dazu sagen? Ich sag da mal … lieber nichts. (gw)
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Veröffentlicht von gw am 15. März 2019 .
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Ohne weitere Worte (vom 12. März)

Löws Säulenheilige, die er jetzt mit der Abrissbirne abräumte. Nachdem er erst die jüngere Generation kleingehalten hatte, hat er nun die alte umstandslos einen Kopf kürzer gemacht. (…) Was nach dieser Woche kommt, ist noch lange nicht gesagt. Was kaputtgegangen ist, hingegen schon. (Christian Kamp in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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Zu sehen ist ein mitleidloser Grabstein mit den Namen Müller, Hummels, Boateng. Eine Beerdigung dritter Klasse, ein Armengrab des DFB. Dürre Pressemitteilungen statt einfühlsamer Reden, Kränze, Abschiedsspiele. Für mich wurden Müller, Hummels, Boateng verscharrt. (»Post von Wagner« in Bild)
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»Ich wüsste keinen Trainer der Welt, der das in dieser Situation (Anm.: der Bayern zu Saisonbeginn) bis heute besser hätte machen können als Niko Kovac. Die Bayern müssen froh sein, dass sie ihn haben.« (Didi Hamann im Interview der Süddeutschen Zeitung)
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»Ein Pass muss eine Nachricht besitzen. (…) Wenn ich ein Rumgeschubse habe, schläfert das meine Mannschaft ein. Aber wenn es bumm, bumm, bumm geht – immer mit maximal zwei Kontakten und kurzer Kontaktzeit – Annahme/Spiel, Annahme/Spiel, dann ist das eine Message.« (Niko Kovac im Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)
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In England ist der Kampf um die Meisterschaft zu einem Zweikampf geworden: der Rock-’n’Roll-Trainer Jürgen Klopp gegen den in Gedanken mit sich selbst Schach spielenden Pep Guardiola. Der rasende Sabotage-, Überfall- und Pressing-Fußball Liverpools gegen das dichtmaschig geklöppelte Präzisionswunder aus Manchester. (Peter Kümmel in der Zeit)
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Ich weiß, no jokes with names, aber sein Kind Harry zu nennen, wenn man Kane mit Nachnamen heißt, ist schon sensationell. Waren die Eltern selbst Sportasse, die genau wussten, dass ihr Kleiner irgendwann mal ein Wirbelwind in der Spurs-Offensive sein würde? (Liveticker BVB – Spurs des Fußballmagazins 11Freunde)
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Privates Geld (schießt) in die englischen Vereine in einem Ausmaß, von dem selbst die Wurstfabrikanten unter den deutschen Fußballpräsidenten nur träumen können. (Kümmel/Zeit)
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So wie sie jetzt auch »Box« im Fußballfernsehen sagen und nicht mehr »Strafraum« oder Sechzehner« wie früher. Daran stirbt natürlich keiner, aber es täuscht so eine peinliche Weltläufigkeit vor, als sollte man dem Kommentator glauben, dass er eigentlich reif für die Premier League wäre, aber jetzt doch erst noch bei Duisburg gegen Paderborn ran muss. (Tobias Rüther in der »Teletext«-Kolumne der FAS)
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Liverpool ist eine der ärmsten Städte Großbritanniens. Das Volk partizipiert am Reichtum des FC Liverpool, wenn überhaupt, auf krummen Wegen und schiefen Bahnen; etwa indem in die Villen der Spieler eingebrochen wird, während sie Champions League spielen. Dem Spieler Sadio Mané ist das während des Bayern-Spiels zum zweiten Mal passiert. (Kümmel/Zeit)

Wenn es irgendwas gab, worin sich Andreas Baader, Rudi Dutschke und der Polizisten verprügelnde junge Joschka Fischer mit Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt und Helmut Kohl einig waren, dann vermutlich darin, dass sie nicht über den Karneval reden wollten. (Richard Kämmerlings in der Welt)
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Sie gehören zu dieser beneidenswerten Kategorie Frau, die niemals älter zu werden scheint. Wie machen Sie das? – »Das ist immer noch der Kühlschrankeffekt. Ich war halt wirklich lange auf dem Eis und habe mich irgendwie frisch halten können.« (Katarina Witt in der Welt)
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»Um ehrlich zu sein, bin ich gerne Frau. Ich genieße es. Vielleicht nicht gerade auf einer Autobahn-Toilette, da haben es Männer sicherlich leichter.« (Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz in der Rheinischen Post/zitiert bei dpa)
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Ein intimes Interview geben Birgit Schrowange und ihr Partner Frank Spothelfer Bunte. »Sex ist wie Radfahren: Man verlernt es nicht«, sagt Schrowange. Genau, und es gibt noch viel mehr Analogien: Es kann dabei zu Stürzen kommen, im Regen macht es weniger Spaß, und manchmal hat man einen Platten und muss den Schlauch neu aufpumpen. (»Herzblatt-Geschichten« von Jörg Thomann in der FAS)
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Keine einzige Frau hat ein besseres Schicksal, wenn man männlichen Machtdemonstrationen (…) mit der Sprachpolizei zu Leibe rückt. Das geht mit ungezügeltem Sprachwitz, mit Frechheit und quecksilbriger Freiheit viel besser. (die Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff in der Literarischen Welt)
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Vielleicht wäre die Biosphäre in der Lage, unsere schmutzigen alten Freunde Kohle und Erdöl zu verkraften (…). Aber wie lange kann sie einem Konsumrausch widerstehen, der so fieberhaft ist, dass die dunkle Seite des Planeten nachts vom Weltall aus gesehen wie ein Stück Kohle glüht? (aus Roland Wrights »Kurze Geschichte des Fortschritts« aus dem Jahr 2005)
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 11. März 2019 .
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