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Nach-Lese (Goethe!, Kestner und Lotte)
Wenn sich jeder schmerzlich Jungverliebte seinen Kummer mit einem Bestseller von der Seele schreiben könnte, wäre die Welt voller Leiden des jungen Werthers. Könnte jeder Lustgreis, der einen Teenager begehrt, seine Lächerlichkeit literarisch sublimieren, gäbe es Millionen und nicht nur die eine Marienbader Elegie.
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Martin Walsers Roman Ein liebender Mann erlebte jetzt auf der Meininger Bühne seine vergleichsweise abgeschiedene Uraufführung. Im Stück wie im Roman geht es um die nur für den weit über 70-jährigen Johann Wolfgang von Goethe nicht lächerliche Liebe zur 18-jährigen Ulrike von Levetzow. Er entsagt ihr, mit einer Selbstironie, die Walser, dem die Welt einmal angewidert »geschmacklose Greisensexualität« bescheinigt hatte, kongenial ‘rüberbringt.
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Goethe ist »in«. Auch der alte Goethe. Aber vor allem der junge. Der Film-Goethe mit »!«, was im listigen Streiflicht der Süddeutschen Zeitung »den Wunsch weckt, dass der Film das doch zuletzt arg ramponierte Ansehen des Ausrufezeichens wiederherstellen möge«. Goethe!, der Filmfilm also. Wenn das gewaltige Echo nicht täuscht, das durch die deutschen Feuilletons hallt, wird der Goethe-Film zumindest in Deutschland ein Hit wie Shakespeare in Love oder Amadeus, obwohl – oder gerade weil? – die Frankfurter Rundschau milde kritisiert, Regisseur Philipp Stölzl habe sich zu sehr »am Muster von Popstar-Biografien ortientiert«.
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So richtig miesgemacht wird Goethe! aber nur in der Süddeutschen Zeitung. Die SZ bemäkelt griesgrämig »ein konventionelles Eifersuchts- und Läuterungsdrama, das kaum jemanden interessieren würde, wenn nicht der Name Goethe darüber stünde«. Der Spiegel hingegen rühmt »eine erfrischend witzige und charmante Filmbiografie«, mit einem Sonderlob für den Hauptdarsteller: »So lässig, männlich und sexy kam ein deutscher Dichter im Kino selten daher wie Alexander Fehling als junger Goethe.« Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ahnt: »Den Schülern, die bald in Heerscharen in diesen Film getrieben werden, steht nun vielleicht kein neues ›Werther-Fieber‹, aber doch eine freudige Überraschung bevor: Auch Goethe war einmal jung.« Dazu Florian Illies in der Zeit: »Dies ist ein Film, der die Jugend verführen soll. Glücklicherweise ist die Verführung zu Goethe in Deutschland aber frei ab sechs Jahren. Stölzl hat als Regisseur von Videoclips für Madonna, Rosenstolz und Rammstein seinen Sinn für eine zeitgemäße Ansprache des jugendlichen Publikums sichtbar geschärft.«
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Doch die Literarische Welt befürchtet, der »laxe Umgang mit der historischen Wahrheit, was die Geschehnisse in Wetzlar angeht, das wird bei manchem Goethe-Liebhaber Anstoß erregen.« Warum eigentlich? Weil der laxe Umgang mit der historischen Wahrheit ein Privileg der Germanisten ist, die in hochpoetischer Interpretation nichts allzu nieder Menschliches auf ihren jungen Genius Goethe kommen lassen?
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Wie war es wirklich? Ganz genau weiß es niemand, aber die bekannten Fakten muss einer natürlich auswendig referieren können, der als Junge mit seinem ersten Taschengeld für zwei Mark das Goldmann-Paperback Goethes Jugenddramen (Götz/Clavigo/Stella) erstand und mit der gleichen Leseleidenschaft verschlang wie seine Billy Jenkins’, Enid Blytons und Karl Mays und dessen »w« im »gw« »Wetzlar« (als zweite Heimatstadt) bedeutet.
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Also: Der sturm- und drangbewegte junge Goethe kommt im Mai des Jahres 1772 nach Wetzlar, von seinem Vater dazu verdonnert, in alter juristischer Familiensitte am Reichskammergericht, in der öden Provinz, als Rechtspraktikant juristische Erfahrungen zu sammeln. Und da kommt ein ganz armer Wicht namens Kestner ins für ihn böse Spiel. Dieser fleißige Beamte, vom Charisma her das Gegenteil des flotten Hippies aus der Großstadt Frankfurt, ist mit der hübschen Charlotte Buff verlobt, die Goethe bei einem Ball kennengelernt hat. Tagsüber, wenn Kestner arbeitet, kümmert sich Goethe, der nicht arbeitet, um Lotte. Diese schmilzt dahin, der weltgewandte Plauderer sticht ihren Langweiler-Verlobten schnell aus, was Kestner, dumm ist er nicht, sorgenvoll, aber aufrichtig und anrührend seinem Tagebuch anvertraut: »Nachher, wie ich meine Arbeit hatte gethan, gehe ich zu meinem Mädchen, ich finde den Dr. Goede da. Er liebt sie und ob er gleich ein Philosoph ist und mir gut ist, so sieht er mich doch nicht gerne kommen, um mit meinem Mädgen vergnügt zu sein. Und ich, ob ich ihm gleich recht gut bin, so sehe ich doch auch nicht gern, daß er bey meinem Mädgen allein bleiben und sie unterhalten soll.«
Kurz danach feiert Goethe seinen ersten realerotischen Erfolg: Er küsst Lotte, was diese sich trotz aller Ziererei gerne gefallen lässt. Kestner notiert, alarmiert und aufgewühlt: »Abends das Geständnis von einem Kuss. Kleine brouillerie mit Lottchen.«
Kestner, dieser anständige Kerl, spielt mit dem Gedanken, auf Lotte zu verzichten. Er schreibt einem Freund, auch dieser Brief ist historisch überliefert und unzweifelhaft authentisch: »Es entstanden bei mir innerliche Kämpfe, da ich dachte, ich möchte nicht imstande sein, Lottchen so glücklich zu machen als er.«
Noch während Kestner mit sich kämpft und Lotte auf eine neue Verbindung hofft, durch die sie in höhere Stände aufsteigen könnte, verschwindet Goethe Knall auf Fall aus Wetzlar und kehrt nie wieder zurück.
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Was Goethe! daraus macht, sollte man sich ansehen, historisch hin, Wahrheit her. Streng an die bekannten Fakten hält sich eine recht andere Version: Goethe war in Wetzlar 22 Jahre alt, gesund und durch die würzige Landluft gestärkt. Er war im vollen Besitz seiner männlichen Kräfte, wusste aber nicht, wie er sie ausleben konnte. Die Verbindung mit Lotte schien die Lage zu ändern. Lotte, von niedrigerem Stand, war von Anfang an entgegenkommend, schnell in ihn verliebt und idealerweise schon vergeben, was mögliche Bindungsgefahren verhinderte. Goethes Problem: Lotte wollte von einem Verehrer umworben und, höchstes aller Ziele, später einmal geheiratet – und nicht als sexuelles Abenteuer abgehakt werden.
Um sein Ziel zu erreichen, wurde Goethe immer zudringlicher, Lotte reagierte mit scheinbarer Abwehr, was Goethe nur um so mehr anfeuerte. Sie unternahm stundenlange Wanderungen mit ihm, doch die körperlichen Mühen bremsten Goethe nicht, der Lotte in seiner ständigen Erregung immer heftiger bedrängte.
Langsam schwand Lottes Widerstand, denn auch sie war durch Goethes wochenlange Balz in einen von ihr noch nie erlebten erotisierten Zustand geraten. Doch als die Gefahr drohte, der edelmütige Kestner könnte ihm Lotte freiwillig überlassen, nicht als Objekt sexueller Begierde, sondern als Ehefrau, zog Goethe panikartig die Reißleine und floh am 11. September 1772 aus Wetzlar, in einem durch ein viermonatiges Vorspiel äußerst erregten Zustand. Er wanderte von Wetzlar die Lahn entlang bis zur Mündung, sprang unterwegs immer wieder in die herbstlich kühlen Fluten des Flusses und kam ruhig und ausgeglichen in Koblenz bei Sophie von La Roche an, einer Dichter-Kollegin, die durch modisch-empfindsame Briefromane zu literarischem Ansehen gelangt war. Er lernt deren Tochter Maximiliane kennen und versucht sich, eine Woche nach dem Abschied von Lotte, erneut als Aufreißer. In Dichtung und Wahrheit notierte er: »Es ist eine sehr angenehme Empfindung, wenn sich eine neue Leidenschaft in uns zu regen anfängt, ehe die alte noch ganz verklungen ist.« Gemeiner Kerl! Die arme Charlotte Buff! Der noch viel ärmere Kestner!
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In diesem Sinne schrieb einst ein junger Student aus Wetzlar am Germanistischen Seminar in Gießen eine Hausarbeit. Dafür gab’s die sehr schwache Note »knapp befriedigend« und zur Begründung als Zugabe eine schallende Ohrfeige: »Ihnen fehlt die poetische Ader.«
Und jetzt ab ins Kino. Goethe! (gw)
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gw am
22. Oktober 2010 .
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Nach-Lese vom 2. 10. 10 (Die Freiheit, sich das Leben zu versauen)
Da hat man nun letzte Woche versprochen, Freiheit von Jonathan Frantzen in einem Zug zu lesen, um heute sein unmaßgebliches Urteil zu verkünden, aber immer wieder kommt was dazwischen. Anderer Lesestoff, kürzerer, willkommene Abwechslung, wenn sich wieder ein Mitglied der Berglund-Familie hundert Seiten lang ins Unglück stürzt. Außerdem: 731 Seiten in einem Zug zu lesen, das schafft man allenfalls in der Transsibirischen Eisenbahn.
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Aua. Der Kalauer tut richtig weh. Immerhin bringt er uns zur Bahn und ihrem Denglisch, einem Thema der Nach-Lese vom 5. Juni. Mark Spörrle bedauert nun in der Zeit, dass »Bahnchef Rüdiger Grube die legendären englischen Durchsagen weitgehend abschaffen« will. Spörrles Bedauern ist verständlich, denn er ist Co-Autor des Bestsellers Senk ju vor träwelling, und »wann immer ein Zugchef sein ›Senk ju vor träwelling‹ in die Bordsprechanlage radebrach – er machte unentgeltlich Werbung für den Titel«. Die Abschaffung der legendären »Senk ju«-Durchsagen sei sogar ein Marketing-Fehler, meint Spörrle, denn »der Bahnchef beraubt sich eines Instruments zur Besänftigung unzufriedener Kunden«. Eine Ansprache wie »›We ärreive … Augs…, äh … Nürn …, äh Erfurt. It wos ä pläschure. Senk ju for (Pause) träwelling wizz Deutsche Bahn! And Gut! (Knacken, Pause) Beiii!‹, und schon hellen sich die verbitterten Mienen der gebeutelten Reisenden auf.«
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Mittlerweile schreibt Patty, unsere besonders verzweifelte desperate housewife, einen autobiographischen Bericht, der einen großen Teil der Freiheit beansprucht, was aber gar nicht so sehr auffällt, denn sie schreibt nicht in der Ich-Form, aber stilistisch haargenau wie Frantzen. Langsam kommt auch der sexuelle Zug in Fahrt, die »Stellen« häufen sich, für mein zartes Gemüt tropft etwas zu viel Sperma aus den Seiten, da ziehe ich mich scheu in mein Bahn-Abteil zurück.
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Und erlebe einen herrlichen Wutausbruch. Ein Ex-Eisenbahner behauptet in der Süddeutschen Zeitung, nicht Stuttgart 21 oder Denglisch sei das Problem, sondern: »Alle sind überfordert! Die Bediensteten hinter dem Schalter, weil sie immer nur freundlich sein sollen – auch zu den komischsten Vögeln. Die Reisenden sind überfordert, weil sie das ganze Tarifsystem nicht mehr verstehen. Früher war die Fahrkarte ein kleiner Papierschnipsel mit eindeutigem Aufdruck, und wenn man ihn sich am Schalter besorgte, musste man auch nicht für die Beratung einen Aufpreis bezahlen. Aber diese Jungdynamiker in den Vorstandsetagen haben von der Eisenbahn keine Ahnung mehr.«
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Herrlich. Darüber lachen sogar die Affen. Die können das! Sie lachten sogar als allererste auf der Welt und vielleicht sogar schon über die Welt. In der Welt am Sonntag werden die neuesten Forschungsergebnisse in Sachen Lachen beim Affen referiert, wobei für mich aber noch viel interessanter der Selbstversuch des US-amerikanischen Psychologen-Ehepaars Winthrop ist: »In den 1930er-Jahren schenkten sie deshalb nicht nur ihrem damals knapp einjährigen Sohn Donald ihre Aufmerksamkeit, sondern auch dem zwei Monate jüngeren Schimpansenmädchen Gua. Beide wurden gleich behandelt. (…) Das große Ziel war herauszufinden, worin sich Menschen- und Affenkinder in ihrer Entwicklung unterscheiden.« Das Experiment wurde ohne Angaben von Gründen abgebrochen, aber dass Gua lachte, ist dokumentiert. Ob abgebrochen wurde, weil Donald ständig weinte?
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Joey, Pattys Sohn, hat in der Familie Berglund auch nicht viel zu lachen, steckt’s aber als äußerlicher Stoiker scheinbar gut weg. Das kluge Kerlchen dringt sogar zum existenziellen Urgrund zwischengeschlechtlichen Seins vor: »Er sah ein, dass postkoitale Entscheidungen weit realistischer waren als präkoitale.« Eine echt postkoitale Erkenntnis.
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Schon wieder zu albern. Ich. Nicht der KulturSpiegel, der das große Ganze der Freiheit sieht und zusammenfasst: »Dieses Buch rührt an der großen Frage, wie wir diese 70, 80 Jahre Leben, die wir zu verbringen haben, wenn nicht sinnvoll, so wenigstens ohne Depressionen über die Runden bringen.« Und Frantzen »stellt, glänzend erzählt, die großen Gegensätze unserer Zeit gegenüber: Begehren gegen Berechnung, Prinzipien gegen Freiheit, Mensch gegen Natur, linksliberales Gutmenschentum gegen scharfsinnigen neokonservativen Zynismus.«
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Scharfsinniger Zynimus – Auftritt: Georg Baselitz. Der Welt am Sonntag gibt der Künstler ein Interview wie Donnerhall. Über zwei deutsche Großschriftsteller: »Wir hatten ja nur Deppen da (…) Es war eine totale Leere, die wir vorfanden. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum Günter Grass und Martin Walser überhaupt berühmte Schriftsteller werden konnten.« Rumms. Über die Einheit, im Westen: »Da war die Freude ja ziemlich groß, außer bei unserem Nationaldichter und ein paar anderen, denen nun die Felle wegschwammen.« Rumms. Im Osten: »Ich hätte mir ja nur die Parteimitgliederzahlen der SED angucken müssen, um zu wissen: Da werden sich bestimmt nicht alle so freuen wie ich.« Rumms. Über Andreas Baader: »Ja, das war so ein Bübchen, der viel von zu Hause hatte. Eine ziemlich blöde Person, eitel, ein Idiot.« Rumms. Über Rudi Dutschke: »Diesen Entertainer auf der ›MS Europa‹? Ich fand ihn schrecklich. Ich dachte, Goebbels wäre wieder da.« Rumms. Über Kultur und Subvention: »Erwähnte ich, dass wir Maler eben nicht von dieser Subventionswirtschaft abhängig sind, die all die anderen Kultursparten so hat verkommen lassen? Wir sind eben nicht Teil dieses morbiden Haufens, Teil der zu Tode geförderten offiziellen Kultur.« Rumms. Starke Worte. Auch richtige? Ansichtssache.
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Wie die Freiheit. Ich biege in die Zielgerade ein und stimme dem KulturSpiegel zu. Das Buch zieht mich immer mehr in seinen Bann. Frantzen ist ein Großer. Obwohl es zu solch einem Urteil keine objektiven Kriterien gibt. Freiheit ist immer auch die Freiheit des Anderslesenden.
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»Man mag arm sein, aber das eine, das einem keiner nehmen kann, ist die Freiheit, sich das eigene Leben zu versauen, wie man will.« Worte von pater familias Walter Berglund, der geradezu exzessiven Gebrauch von dieser Freiheit macht, aber eine fulminante, furiose Schlussrunde hinlegt, die man gelesen haben muss.
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Erwähnte ich, dass Frantzen auch ein Großmeister des satirischen En-passant-Witzes ist? Allerdings wird nicht jeder darüber lachen können, es gehört schon ein wenig Selbstironie dazu (also die Bereitschaft, sich als virtuelles Mitglied der schrecklich-schaurig-schönen Familie Berglund zu erkennen), um sich zwischen den Zeilen kringeln zu können.
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Darauf einen (zugegeben: alten, erst kürzlich im Sport-Anstoß zu lesenden) Witz, über den alle lachen können, ob Mensch oder Affe. Denn der Lach-Forscher Professor William Fry (nicht lachen! Den gibt’s wirklich!) glaubt, den ultimativen Witz gefunden zu haben, über den jeder lacht, egal, welcher Humorfakultät er angehört. Und der geht so: Zwei Männer unterhalten sich. Sagt der eine: »Manchmal frage ich mich, was schlimmer ist: Ignoranz oder Apathie.« Sagt der andere: »Das weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht.« (gw)
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gw am
1. Oktober 2010 .
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Nach-Lese vom 25. 9. 2010 (Das angedotzte Ei)
Das Buch, über das alle redeten, bevor es erschienen war, vor allem der Autor selbst in unzähligen Interviews, es ist endlich da. Nun lese ich es also. Aber schon auf den ersten Seiten beschleicht mich leises Unbehagen. Kleine Schlampereien, stilistische Holperer und Geschwätzigkeiten erstaunen mich. Aber ich gebe nicht auf. Noch will ich mir kein Urteil erlauben.
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Ich bin schließlich nicht die Kanzlerin, die in der FAZ bekennt, das Sarrazin-Buch nicht gelesen zu haben: »Die Vorabpublikationen sind vollkommen ausreichend«, sagt sie, und da hakt Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fassungslos nach: Es handele sich »um einen Skandal und um ein Paradebeispiel dafür, dass Politik die Ebene von Macht und Meinung immer weniger auseinanderhalten kann. Gerade wenn die Bundeskanzlerin der Meinung ist, Sarrazins Buch sei so gefährlich, dass er als Person nicht mehr tragbar ist: Müsste sie dann nicht wissen wollen, was Millionen Menschen in Deutschland diskutieren?«
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Dass Sarrazin »sozial stigmatisiert wurde und die politische Klasse ihn als Gesprächspartner ausschloss«, führt Schirrmacher zu der rhetorischen Frage: »Kann man, in einer Welt, in der man um des lieben Friedens willen bereit ist, mit aufgeklärten Taliban zu reden, allen Ernstes glauben, dass diese Form des Diskurses glaubwürdig ist?«
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»Aufgeklärte Taliban«? Ist das nicht eine contradictio in adiecto, ein rundes Quadrat? Aber was interessiert mich das Sarrazin-Buch, alles ist gesagt und durchgenudelt, da werde ich die Leser doch nicht mit der x-ten Senfbeigabe langweilen! Zumal das Kind längst in den Brunnen gefallen ist – die Lage ist nicht ernst, aber hoffnungslos. Gunnar Heinsohn, emeritierter Professor für Sozialpädagogik, weist in einem Gastbeitrag für die Welt darauf hin, dass laut Gesetzeslage »jeder legal in Deutschland Lebende ohne Einkommen bis ans Ende seiner Tage von den Mitbürgern für eine menschenwürdige Existenz bezahlt werden muss. Das Problem kann sich mithin niemals auswachsen. Die 25 Prozent unserer 15-Jährigen, die bereits 2009 von der Bundesregierung als nicht ausbildungsreif bezeichnet wurden und ganz überwiegend selbst schon vom Sozialgeld leben, wechseln bald in die Langzeitarbeitslosigkeit über und haben dann alle Zeit der Welt für eigenen Kindersegen.« Für muslimischen, christlichen oder atheistischen Kindersegen – Hauptsache, er bleibt in der kulturfernen Unterschicht. By the way: In den USA gehören die türkischen Einwanderer überwiegend zur Oberschicht.
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Von dort kommt auch das Buch, das ich gerade lese. Der geneigte Leser ahnt: Es ist die Freiheit von Jonathan Frantzen, Nachfolger seines Mega-Erfolges Die Korrekturen. Noch hat der Autor fast 700 Seiten, um mich von meinem leisen Unbehagen zu befreien. All diese hymnischen Vorabbesprechungen! Als würde Frantzen den Roman neu erfinden, hyperventilierte es in den deutschen Feuilletons. Eine Art umgekehrter Sarrazin-Effekt? Haben das Buch noch nicht gelesen, kennen wie die Kanzlerin nur Vorabpublikationen, überschütten es aber in stillschweigender Übereinkunft deutscher Kultur-Nomenklatura mit dröhnendem Lob?
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Ich lese weiter: »Heut nachmittag fand ich in der Nähe der Latrine von der Festung Altenburg zwei noch zusammenhängende Finger- und Mittelhandknochen. Ich hob sie auf und hatte den geschmackvollen Plan, sie zu einer Zigarrenspitze umarbeiten zu lassen. Jedoch es klebte, genau wie an der Leiche im Stacheldrahtverhau bei Combres noch grünlich weißes verwestes Fleisch zwischen den Gelenken, deshalb stand ich von meinem Vorhaben ab.«
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Igitt, was ist denn DAS! Da hab ich versehentlich das soeben erschienene Kriegstagebuch 1914-1918 von Ernst Jünger erwischt. Das lehrt mich zweierlei: Ich bin kein Multitasker, und Jünger kann mir gestohlen bleiben.
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Ich konzentriere mich auf die Freiheit, ohne anderweitige Lese-Ablenkung, komme gut voran, und trotz des anfänglichen Unbehagens beginnt mich der Roman in seinen Bann zu ziehen. Auch der Titel stört mich nicht mehr. Auch das Titelbild nicht: ein angedotztes Ei, als freundliche Sinnsuchehilfe, will sagen: Freiheit ist ein geknicktes Ei, von Bush dem Jüngeren (»Operation Freedom«) bis Marius dem Älteren (»Freiheit, Freiheit / ist die Einzige, die fehlt«), alles ist Freiheit, ich zünde mir ein Räucherkerzlein an und vertiefe mich in die Geschichte von Patty, einer besonders verzweifelten desperate housewife, um deren Familie herum Frantzen seinen Roman mäandern lässt.
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Und? Wie gefällt’s? Sag ich noch nicht, ich bin doch nicht die Kanzlerin. Erst lese ich zu Ende, dann melde ich mich wieder. Nächste Woche an dieser Stelle, gelle? (gw)
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gw am
24. September 2010 .
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Risiken und Nebenwirkungen (Richard Yates: Ruhestörung)
Im Spätsommer 1960 begann für Janice Wilder alles schiefzugehen. Und das Schlimmste daran war, sagte sie später immer wieder, das Schreckliche daran war, dass es aus heiterem Himmel zu geschehen schien.
Das Werk des bereits 1992 gestorbenen US-Autors Richard Yates (Jahrgang 1926) wird seit der Jahrtausendwende peu à peu auch in Deutschland veröffentlicht, nachdem es zu Yates’ Lebzeiten selbst in seinem Heimatland fast unbekannt gewesen war. Erst nach seinem Tod fand Yates in den USA die Wertschätzung, die ihm zuvor schon durch Größen wie Richard Ford und Raymond Carver zuteil wurde, denen er Vorbild und Inspiration war.
Die nun in Deutschland erschienene »Ruhestörung« stammt aus dem Jahr 1975, ist aber (leider) keineswegs veraltet und liest sich »wie neu«.
John Wilder, ein »Normalo« des leicht gehobenen Mittelstands, hat eine liebende Frau, einen zehnjährigen Sohn, Erfolg im Beruf und den Alkohol.
Eines Abends ruft er seine Frau Janice an – von einer Telefonzelle in einem Hotel, ganz in der Nähe. Er könne nicht nach Hause kommen.
»Bist du betrunken?«
»Lässt du mich bitte ausreden? Nein, ich bin nicht betrunken. Ich habe etwas getrunken, aber ich bin nicht betrunken.«
In dem Dialog mit seiner insistierenden Frau, die natürlich unbedingt wissen will, warum er nicht nach Hause kommen könne, schiebt Wilder Gründe vor, die nicht erfunden, aber nicht die wahren sind.
»Okay, hier ist noch ein Grund. Da war eine Frau in Chicago (…) Ich habe sie im Palmer House fünfmal gevögelt. Wie findest du das?«
Es stimmt zwar, aber sie glaubt ihm nicht. Auch die nächste Ausrede zieht nicht: Er könne »in einen großen silbernen Vogel steigen und zum Beispiel nach Rio fliegen«. Dann sagt er die Wahrheit.
»Willst du es wirklich wissen, Schatz? Weil ich Angst habe, dass ich euch umbringen werde, deswegen. Euch beide.«
Wir sind erst auf Seite 9 und schon mittendrin in der menschlichen Katastrophe. Janice alarmiert einen Freund ihres Mannes, der fährt zum Hotel, findet Wilder an der Hotel-Bar, volltrunken und/oder mit Nervenzusammenbruch, er bringt den Kollabierten in die Psychiatrie, es ist Wochenende, Thanksgiving, kein Arzt da, tagelang nicht, Wilder verbringt fünf Tage und Nächte in der geschlossenen Abteilung (die Szenen erinnern an »Einer flog über das Kuckucksnest«, nur noch härter), und als Wilder die Psychiatrie endlich verlassen kann, bedeutet dies nicht das Ende, sondern erst den Anfang eines zerstörerischen Alkoholexzesses.
Der Leser weiß von Beginn an, wie böse das alles enden muss, das Ende ist unweigerlich, aber nicht nahe, denn Wilders Höllenfahrt dauert und dauert. Fast wie im richtigen Leben eben, denn Yates weiß, wovon er schreibt, der Sohn einer Alkoholikerin trank ein Leben lang und starb am Alkohol, und die Psychiatrie, in die Wilder eingeliefert wird, konnte er aus eigenem Erleben beschreiben, denn dort, im auch real existierenden »Bellevue«, hat er viel Zeit als Patient verbracht.
Das alles ist kaum auszuhalten, selbst wenn man es nur liest. Yates hat einen grandiosen Roman geschrieben, stilistisch klar und kalt, eindringlich und beängstigend.
Aber: Wer liest so etwas freiwillig? Nur gefestigte Menschen sollten es tun, denn wer zu Depressionen neigt, bekommt durch die Lektüre ganz sicher welche.
»Ruhestörung« ist das Hohelied auf den ätzenden Nihilismus, ein bitter-sarkastischer Abgesang auf Sinnhaftigkeit und Selbstbestimmung. Egal, was man tut, alles ist nichtig, ist eitel. Vanitas, Vanitas!
Mag ja sein. Aber wer sich dieses Leid lesend antut, der sehnt sich nach einem leichten, amüsanten, lebensbejahenden Buch oder Film mit wunderbar kitschigem Happy End.
Oder er braucht dringend einen Schnaps. (gw)
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gw am
20. August 2010 .
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Die Ibisse des Gebeutelten (Michael Kleeberg: Das Amerikanische Hospital)
Ich saß oben auf meinem Bradley und sah zu, in die Sonne hinein, wie die sieben Ibisse die Hälse reckten und die Schnäbel nach oben hielten, und wie die Schnäbel sich öffneten, als bettelten sie die Sonne an. Ich habe zweien meiner Männer befohlen, sie abzuschießen.
So endet eine der eindrucksvollsten Szene in Michael Kleebergs neuem Roman, der nicht minder beeindruckend und dramatisch beginnt: Der US-Soldat David Cote bricht im amerikanischen Hospital von Paris vor den Augen der Französin Hélène zusammen. Sie ist dorthin gekommen, weil sie hofft, mit Hilfe der modernen Reproduktionsmedizin ein Kind bekommen zu können, er leidet nach der »Operation Desert Storm« an einem schweren Kriegstrauma.
Die beiden aus unterschiedlichen Gründen seelisch Versehrten begegnen sich wieder, lernen sich kennen und mögen, erzählen einander von ihren Lebensschmerzen und den Strategien, diese aushalten zu können.
Die Ibisse. Warum wurden sie erschossen? Schon als der erste die Oberfläche des Sees erreichte, konnte man sehen, dass etwas nicht stimmte. Aber da war es bereits zu spät. Eigentlich hätte es eine Gischtwolke geben müssen, tausend in der Sonne funkelnde Tröpfchen. Aber als der Körper aufkam, ging da nur eine schwarze, teerige Welle hoch, die die Vögel bespritzte, und sie wurden ruckartig gebremst, als seien sie in schlierigen Klebstoff getaucht. Es war kein See, Es war ein Ölteich.
Flüchtende Iraker hatten Ölquellen geöffnet, die glatte, glänzende Oberfläche des tödlichen Sees verlockte die Ibisse zu einer unverhofften Rast.
Natürlich versuchten die Ibisse sofort wieder hochzufliegen. Aber das ging nicht. Die Schwungfedern waren schon verklebt. Dann begannen sie die Hälse zu drehen und versuchten sich das Gefieder zu putzen. Und nun hatten sie das Öl auch am Schnabel, am Kopf.
Es gibt noch einige andere ähnlich dichte, beklemmende Szenen in dem schmalen 200-Seiten-Roman, der sich viel vorgenommen und aufgeladen hat: Krieg, auch der Krieg der modernen Medizin, der amerikanische »Glauben an die Lösung aller Probleme durch technischen Fortschritt, an die Überwindung von Natur und Schicksal durch den Menschen« (Kleeberg im Interview), auch moderne US-Lyrik spielt eine wichtige Rolle, wie auch die Stadt Paris und nicht zuletzt ein mysteriöser Dritter, der Ich-Erzähler im Roman. Fast tollkühn, dieses Zusammenbringen scheinbar unzusammenhängender Thematiken. Von der Konstruktion her ein Trapezakt, verzichtet Kleeberg klugerweise auf stilistische Artistik, denn »es war schnell klar, dass diese Geschichte nicht erlaubt«, zusätzlich auch noch »ein Feuerwerk schriftstellerischer Virtuosität« (Kleeberg) abzubrennen.
Dann konnten wir sie hören. Ibisse geben normalerweise keine Geräusche von sich. Aber jetzt reckten sie die Hälse weit nach oben und die gebogenen Schnäbel zum Himmel empor wie Versinkende und krächzten. Sie begannen langsam zu ersticken.
Ein erstickendes Gefühl auch, dies lesen zu müssen, zu dürfen.
Kleeberg hat vielleicht zu viel gewollt, aber er hat auch viel erreicht.
Ein bemerkenswerter, ein intensiver, ein außergewöhnlicher Roman. (gw)
Veröffentlicht von
gw am
20. August 2010 .
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