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Ein schwer zu ertragendes Meisterwerk (Katherine Anne Porter: “Das Geisterschiff”
Zwanzig Jahre lang schrieb sie an an dem Roman, der ihr einziger bleiben sollte. Als er 1962 erschien, wurde er weltweit als Sensation, als großer literarischer Wurf gefeiert, der überdauern werde.
Nur in Deutschland nicht. Aber überdauert hat »Das Narrenschiff« von Katherine Anne Porter dennoch. Auch bei uns, denn hier kam einer der eindrucksvollsten Romane des 20. Jahrhunderts soeben in einer äußerlich ansprechenden und angenehm in der Hand liegenden (siehe »Klappentext«) Neuauflage auf den Buchmarkt
Als deutsche Rezensenten 1963 »Das Narrenschiff« als Rowohlt-Roman in der Hand hielten, zeterten sie wegen vermeintlich deutschfeindlicher Tendenzen: »Ein Dokument des Hasses« (»Welt«). Selbst der »Spiegel« reagierte deutschbeleidigt vergrätzt: »Tatsächlich verdeutlicht der Roman recht drastisch die Antipathie der Autorin gegen teutonische Mentalität.«
Heute erscheint nicht nachvollziehbar, wie »Das Narrenschiff« in germanozentrischer Nabelschau derart fatal verengt fehlinterpretiert werden konnte. Zwar sind viele der handelnden Personen Deutsche, keiner von ihnen verdient ungeteilte Sympathie und fast jeder nur das Gegenteil – aber das gilt für alle Figuren, und wer das Buch deutschfeindlich nennt, müsste es auch als spanier-, mexikaner-, US-amerikaner- und (sogar sehr) judenfeindlich bezeichnen. Denn in der Tat ist »Das Narrenschiff« eine nur schwer zu ertragende Lektüre, aber nicht wegen feindlicher Tendenzen gegenüber irgendeiner Nation, Rasse oder Religion, sondern wegen Porters kaltem, illusionslosen Blick auf alle menschliche Existenz. So rabenschwarz ist dieser Blick, dass man Lesern, denen das Wissen um das Elend des Menschseins das eigene Leben depressiv gefährdet, von der Lektüre dieses Meisterwerks abraten sollte.
Ausgangslage bzw. Ausfahrtshafen: Veracruz im August 1931. Eine Reisegruppe unterschiedlichster Menschen schifft sich ein, um nach Bremerhaven zu fahren. Kleines Kaleidoskop der Charaktere: Freytag, alleinreisend, wird vom Kapitänstisch verwiesen, als bekannt wird, dass er mit einer Jüdin verheiratet ist, und zum jüdischen Fabrikanten Löwenthal an einen separaten Tisch gesetzt. Allerdings ist Freytag kein »guter Deutscher«, kein Anti-Antisemit, und Löwenthal ist kein »guter Jude«, sondern ein unangenehmer Mensch, der alles Nichtjüdische zutiefst verachtet.
Die jungen amerikanischen Maler David und Jenny hasslieben und quälen sich, sezieren ihre Beziehungsprobleme mit sadomasochistischer Lust und machen sich das Leben gegenseitig zu einer kaum tragbaren Last.
Zu einer spanischen Truppe von Sängern und Tänzern, unpolitisch anarchistisch der kleinkriminellen Art, gehören zwei sadistische Kinder, die den Hund eines Passagiers über Bord werfen, aus reiner Freude am Bösen. Ein Mann aus dem Zwischendeck, mit 800 anderen aus Kuba ausgewiesenen spanischen Arbeitern zusammengepfercht wie Vieh, springt über Bord, rettet den Hund, ertrinkt aber dabei, was die Passagiere oben interessiert, aber unbewegt beobachten und achselzuckend zur Kenntnis nehmen.
Die Amerikanerin Mary Treadwell – im Roman nur eine beobachtende Randfigur, wohl auch ein alter ego von Porter – hat als einzige ungebrochene Sympathiewerte, obwohl oder weil ihr die Autorin am Ende erlaubt, im Vollsuff einen der unangenehmen Typen auf dem Schiff mit dem hohen Metallabsatz ihres Schuhs das Gesicht zu zerhacken.
Die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen, denn der Roman hat 704 Seiten, und Porter stellt mindestens einen Passagier pro Seite gnadenlos bloß. Am Schluss eskaliert die Lage in einem Maskenball, bei dem auch die letzten Masken fallen.
»Das menschliche Leben selbst ist ein einziges Chaos. Mangel an Verständnis und Isolierung sind die natürlichen Lebensbedingungen des Menschen. Wir sind alle Passagiere auf diesem Schiff, doch wenn es ankommt, ist jeder allein« (Katherine Anne Porter in einem frühen Interview). Im Sommer 1932 hatte sie Sebastian Brants 1494 geschriebenes »Narrenschiff« (»Stultifera Navis«) gelesen und von ihm den Titel und das Bild der isolierten Schiffs-/Lebensreise übernommen, die auch auf einer eigenen Schiffsreise ähnlicher Art basiert und trostlos inspiriert sein dürfte von ihrer persönlichen Lebensreise: Katherine Anne war viertes von fünf Kindern des Ehepaares Porter, ihre Mutter starb bei der Geburt des fünften Kindes, ihr Vater, ein Versager, sorgte nicht für die Kinder, sie lebten bei der Oma, die aber starb, als Katherine Anne erst zwölf war. Sie heiratete schon mit 16 einen Alkoholiker, der sie misshandelte, erlitt diverse Fehlgeburten, erkrankte an Gonorrhoe … aber genug des Elends: Katherine Anne Porter entkam schließlich diesem Strudel des Entsetzens, machte sich einen Namen als Journalistin und schrieb »Das Narrenschiff«, das man nach dieser Beschreibung vielleicht lieber nicht lesen möchte, aber einfach gelesen haben muss.
Außerdem ist Horror »in« und beherrscht die Bestsellerlisten. Aber Vorsicht: Die gängigen Romane dieses Genres wirken gegenüber dem »Narrenschiff« wie fromme Legenden für Kinder.
Ebenfalls eine Legende, aber eine aus dem prallen Internet-Leben, gelesen in einer Terminvorschau bei »Literra – die Welt der Literatur«: »Hamburg, Termin: 21. November 2010. Katherine Anne Porter liest aus dem Buch ›Das Narrenschiff‹.«
Reife Leistung für eine vor 30 Jahren im Alter von 90 Jahren Entschlafene. (gw/4.12.10)
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3. Dezember 2010 .
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Nach-Lese vom 20.11.10 (Das Tageboombuch)
»Schreckte heute früh aus dem Schlaf hoch und stieß dabei meiner Frau den Ellbogen so unglücklich ins Gesicht, dass sie vor Schmerz aufschrie. Danach wieder eingeschlafen.«
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Was soll das, in diese Kolumne, die doch recht viele mir Fremde lesen, mit solch einem belanglosen und sehr privaten Tagebuch-Eintrag zu starten? Nur weil Tagebücher der Renner der Saison sind, muss ja nun nicht jeder Hinz und Kunz und »gw« seine alltäglichen Befindlichkeiten öffentlich ausbreiten – wir sind hier nicht im Unterschichten-Fernsehen!
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Tja. Eigentlich wollte ich mir den bescheidenen Gag für den Schluss der Kolumne aufheben, doch die Vorstellung, der Leser könnte so lange die mir äußerst peinliche Vermutung hegen, ich würde ihn mit ebenso intimen wie unerheblichen Auszügen aus dem eigenen Tagebuch belästigen, ist mir dann doch zu unangenehm. Also: Der Ellbogen-Mann heißt Samuel Pepys, er schrieb diese Zeilen am 1. Januar 1662 in London, und damit beginnt auch Das Buch der Tagebücher (Piper), in dem der Herausgeber Rainer Wieland über tausend Tagebucheinträge aus mehreren Jahrhunderten gesammelt und chronologisch Tag für Tag von Silvester bis Neujahr geordnet hat. Zwar lässt sich über das Konzept streiten: Auf Pepys’ folgen 1.-Januar-Notizen u. a. von Hans Christian Andersen (1834), Robert F. Scott (1912), Victor Klemperer (1931) und Ernst Jünger (1968), was vom Leser im Minutentakt Konzentrationswechsel auf andere Zeiten und Verhältnisse verlangt, eine Art Hirn-»Zappen«, doch wer sich daran gewöhnt, hat seine helle Freude an dieser Sammlung, die auch eine der Weltliteratur ist und nicht zuletzt Entscheidungshilfe geben kann, wessen Tagebuch in voller Länge zu lesen lohnt.
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Etwa das von Pepys? Der adlige Beamte hat zehn Jahre lang Tagebuch geführt, das Mammutwerk liegt seit diesem Jahr erstmals komplett auf Deutsch vor, zum allerdings sehr stolzen Preis (Die Tagebücher 1660 – 1669, nur bei 2001, 169,90 Euro für die neun Paperback-Bände). Noch scheue ich vor dem Preis zurück. Mal Weihnachten abwarten.
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Bei Ernst Jünger scheue ich nicht vor dem Preis zurück, sondern vor Ernst Jünger. Erst kürzlich sind seine Kriegstagebücher erschienen, sie mag lesen, wer will, ich will nicht. Wenn Jünger im Krieg neben dem Klo eine skelettierte Hand findet, die er zu einer Zigarrenspitze umarbeiten lassen würde, wenn ihn nicht »noch grünlich weißes verwestes Fleisch zwischen den Gelenken« davon abhielte, mag das Plastinations-Fans faszinieren, die ihren Leichen-Fetischismus aber bekanntlich von einem anderen als Jünger kitzeln lassen. Und Jüngers »Haltung«, die hoch gerühmte, ist nicht einmal eine Sekundär-Tugend, sondern gar keine, wenn nicht mit menschlichen Primär-Tugenden verbunden.
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In der Geisterbahn scheut man nicht vor dem Preis zurück, denn das Online-Tagebuch des Krimi-Autors Jan Seghers kostet nichts. Blogs boomen, oft sind es nur geschwätzig-beliebig-eitle Digital-Tagebücher. Das Tagebloggbuch von Jan Seghers aber ist eines der lesenswertesten überhaupt, auch wenn er in ihm bekennt: »Das öffentlich geführte Tagebuch ist eine Lüge. Es ködert die Leser mit der Erwartung, Intimes, wenigstens Privates zu erfahren. Aber jeder niedergeschriebene Satz ist eine Verstellung.«
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Jan Seghers ist das Pseudonym von Matthias Altenburg, einst einer der jungen Wilden der deutschen Literatur. Solche Titulierungen haben aber keinen lebensunterhaltspraktischen Nährwert, für den sorgt nun Jan, was seinem Matthias nicht nur die reine Freude zu bereiten scheint: »Zerstört nach diesem Abend. (…) Wer aber auch so alles an einen ranredet. Dumpfes, selbstzufriedenes Geplapper. Haltlosigkeiten allerorten. ›Wie cool ist das denn?‹ Nach einem solchen Auswurf: Beschimpfungs-, Zertrümmerungsgelüste. Stattdessen lächle ich. Und bekomme die gerechte Strafe: ›Ich darf Sie doch duzen, oder?‹ Schließlich: ›Ich geb dir Mal mein Kärtchen, vielleicht …‹ Vielleicht bringe ich dich um, du …« – Tags darauf ein Anflug von Reue: »Der Eintrag gestern war von Hass diktiert. Er liest sich nicht einmal gut, er holpert und stolpert. Trotzdem stimmt er und bleibt so stehen. Stil ist nicht alles, Haltung auch nicht.« Und dann das Tiefblickenlassende: »Frage mich, ob es auch bei mir (…) etwas gibt, das ich eigentlich gerne schreiben würde? Nein, mir fällt nichts ein als das hier: Die Geisterbahn ist das Eigentliche. Der Kriminalroman ist die Wagenburg.«
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Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – für Victor Klemperer war das Tagebuch ebenfalls eine Art Schutz, vor allem aber ein Überlebensanreiz. Für den Leser vor gut einem Jahrzehnt eine Offenbarung: Eine jüdische bürgerliche Biographie in Nazizeiten. Fast atemlos verschlungen. Gebannt, bewegt, verstört. Tief beeindruckt von den Erinnerungen eines deutschen Bildungsbürgers. Literatur, die nachwirkt, die noch lange nach der Lektüre nicht loslässt. Ein erschütterndes Dokument, unter die Haut gehend auch, weil der Tagebuchschreiber ein durchaus widersprüchlicher Charakter und kein unumstrittener Sympathieträger ist. In Klemperers Tagebüchern schimmert durch, dass der ehrgeizige Romanist sein Judentum eher als zufällige Last empfand, die ihm die akademische Karriere vermasselte. Das schien ihn zunächst fast schlimmer zu treffen als die später offene, widerwärtigste Drangsalierung und die permanente Lebensgefahr, in der er vom ehrpusseligen, eitlen, selbstbezogenen, konservativen Karriere-Akademiker der ersten Tagebuch-Jahre zu menschlicher, fast übermenschlicher Größe wächst. Not macht Helden.
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Zu den Tagebüchern, die abseits des aktuellen Booms zeitlos und unbedingt zu lesen sind, gehören auch Alkor, Somnia und Sirius von Walter Kempowski. Der kauzig-geniale Chronist deutscher Verhältnisse erhielt erst kurz vor seinem Tod (2007) die literarische Anerkennung, die ihm jahrzehntelang – zu seiner großen Verbitterung – versagt worden war. Der Tadellöser & Wolff-Bestsellerautor und spätere geniale Collagist deutscher Chroniken (Echolot) galt zuvor in den kulturtonangebenden deutschen Linksschickeria-Kreisen als zu »flach«, zumal Kempowski, der in der damaligen SBZ aus politischen Gründen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war (und acht Jahre in Bautzen absaß, zum Teil in Einzelhaft), aus seiner Abneigung, ja Hass auf den Kommunismus und die DDR keinen Hehl machte.
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Auch bei Kollegen zeigte sich der durchaus schratige Kempowski nicht als Freund versöhnlerischer Töne. In seinen Tagebüchern schlug er lustvoll zu: »1. März 1989: Spiegel-Lyrik von Herrn Matussek. Bedauerlich, dass mich das ankotzt, sonst würde ich den Artikel zu Ende lesen. ›Wie kommt es eigentlich, Herr Matussek, dass Sie einen so brillanten Stil haben?‹ wird er im Fernsehen gefragt. Wie kommt es eigentlich, liebe Freunde, dass ihr allesamt den Arsch offen habt?«
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Herrliche Fundstellen gibt es bei diesem gelegentlich Unausstehlichen, oft aber auch unwiderstehlich Schrulligen. Und für uns, die wir nicht Pepys, Jünger oder Kempowski heißen, sondern Hinz, Kunz oder »gw«, die wir aber alle ebenfalls Tagebuch schreiben oder irgendwann einmal schrieben, ohne jemals Material für eine Nach-Lese liefern zu können, hält Kempowski sogar Trost bereit:
»Wenn man weiß, dass man ein Durchschnittsmensch ist, dann ist man schon nicht mehr ganz so durchschnittlich.« (gw)
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gw am
19. November 2010 .
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Nach-Lese (Goethe!, Kestner und Lotte)
Wenn sich jeder schmerzlich Jungverliebte seinen Kummer mit einem Bestseller von der Seele schreiben könnte, wäre die Welt voller Leiden des jungen Werthers. Könnte jeder Lustgreis, der einen Teenager begehrt, seine Lächerlichkeit literarisch sublimieren, gäbe es Millionen und nicht nur die eine Marienbader Elegie.
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Martin Walsers Roman Ein liebender Mann erlebte jetzt auf der Meininger Bühne seine vergleichsweise abgeschiedene Uraufführung. Im Stück wie im Roman geht es um die nur für den weit über 70-jährigen Johann Wolfgang von Goethe nicht lächerliche Liebe zur 18-jährigen Ulrike von Levetzow. Er entsagt ihr, mit einer Selbstironie, die Walser, dem die Welt einmal angewidert »geschmacklose Greisensexualität« bescheinigt hatte, kongenial ‘rüberbringt.
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Goethe ist »in«. Auch der alte Goethe. Aber vor allem der junge. Der Film-Goethe mit »!«, was im listigen Streiflicht der Süddeutschen Zeitung »den Wunsch weckt, dass der Film das doch zuletzt arg ramponierte Ansehen des Ausrufezeichens wiederherstellen möge«. Goethe!, der Filmfilm also. Wenn das gewaltige Echo nicht täuscht, das durch die deutschen Feuilletons hallt, wird der Goethe-Film zumindest in Deutschland ein Hit wie Shakespeare in Love oder Amadeus, obwohl – oder gerade weil? – die Frankfurter Rundschau milde kritisiert, Regisseur Philipp Stölzl habe sich zu sehr »am Muster von Popstar-Biografien ortientiert«.
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So richtig miesgemacht wird Goethe! aber nur in der Süddeutschen Zeitung. Die SZ bemäkelt griesgrämig »ein konventionelles Eifersuchts- und Läuterungsdrama, das kaum jemanden interessieren würde, wenn nicht der Name Goethe darüber stünde«. Der Spiegel hingegen rühmt »eine erfrischend witzige und charmante Filmbiografie«, mit einem Sonderlob für den Hauptdarsteller: »So lässig, männlich und sexy kam ein deutscher Dichter im Kino selten daher wie Alexander Fehling als junger Goethe.« Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ahnt: »Den Schülern, die bald in Heerscharen in diesen Film getrieben werden, steht nun vielleicht kein neues ›Werther-Fieber‹, aber doch eine freudige Überraschung bevor: Auch Goethe war einmal jung.« Dazu Florian Illies in der Zeit: »Dies ist ein Film, der die Jugend verführen soll. Glücklicherweise ist die Verführung zu Goethe in Deutschland aber frei ab sechs Jahren. Stölzl hat als Regisseur von Videoclips für Madonna, Rosenstolz und Rammstein seinen Sinn für eine zeitgemäße Ansprache des jugendlichen Publikums sichtbar geschärft.«
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Doch die Literarische Welt befürchtet, der »laxe Umgang mit der historischen Wahrheit, was die Geschehnisse in Wetzlar angeht, das wird bei manchem Goethe-Liebhaber Anstoß erregen.« Warum eigentlich? Weil der laxe Umgang mit der historischen Wahrheit ein Privileg der Germanisten ist, die in hochpoetischer Interpretation nichts allzu nieder Menschliches auf ihren jungen Genius Goethe kommen lassen?
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Wie war es wirklich? Ganz genau weiß es niemand, aber die bekannten Fakten muss einer natürlich auswendig referieren können, der als Junge mit seinem ersten Taschengeld für zwei Mark das Goldmann-Paperback Goethes Jugenddramen (Götz/Clavigo/Stella) erstand und mit der gleichen Leseleidenschaft verschlang wie seine Billy Jenkins’, Enid Blytons und Karl Mays und dessen »w« im »gw« »Wetzlar« (als zweite Heimatstadt) bedeutet.
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Also: Der sturm- und drangbewegte junge Goethe kommt im Mai des Jahres 1772 nach Wetzlar, von seinem Vater dazu verdonnert, in alter juristischer Familiensitte am Reichskammergericht, in der öden Provinz, als Rechtspraktikant juristische Erfahrungen zu sammeln. Und da kommt ein ganz armer Wicht namens Kestner ins für ihn böse Spiel. Dieser fleißige Beamte, vom Charisma her das Gegenteil des flotten Hippies aus der Großstadt Frankfurt, ist mit der hübschen Charlotte Buff verlobt, die Goethe bei einem Ball kennengelernt hat. Tagsüber, wenn Kestner arbeitet, kümmert sich Goethe, der nicht arbeitet, um Lotte. Diese schmilzt dahin, der weltgewandte Plauderer sticht ihren Langweiler-Verlobten schnell aus, was Kestner, dumm ist er nicht, sorgenvoll, aber aufrichtig und anrührend seinem Tagebuch anvertraut: »Nachher, wie ich meine Arbeit hatte gethan, gehe ich zu meinem Mädchen, ich finde den Dr. Goede da. Er liebt sie und ob er gleich ein Philosoph ist und mir gut ist, so sieht er mich doch nicht gerne kommen, um mit meinem Mädgen vergnügt zu sein. Und ich, ob ich ihm gleich recht gut bin, so sehe ich doch auch nicht gern, daß er bey meinem Mädgen allein bleiben und sie unterhalten soll.«
Kurz danach feiert Goethe seinen ersten realerotischen Erfolg: Er küsst Lotte, was diese sich trotz aller Ziererei gerne gefallen lässt. Kestner notiert, alarmiert und aufgewühlt: »Abends das Geständnis von einem Kuss. Kleine brouillerie mit Lottchen.«
Kestner, dieser anständige Kerl, spielt mit dem Gedanken, auf Lotte zu verzichten. Er schreibt einem Freund, auch dieser Brief ist historisch überliefert und unzweifelhaft authentisch: »Es entstanden bei mir innerliche Kämpfe, da ich dachte, ich möchte nicht imstande sein, Lottchen so glücklich zu machen als er.«
Noch während Kestner mit sich kämpft und Lotte auf eine neue Verbindung hofft, durch die sie in höhere Stände aufsteigen könnte, verschwindet Goethe Knall auf Fall aus Wetzlar und kehrt nie wieder zurück.
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Was Goethe! daraus macht, sollte man sich ansehen, historisch hin, Wahrheit her. Streng an die bekannten Fakten hält sich eine recht andere Version: Goethe war in Wetzlar 22 Jahre alt, gesund und durch die würzige Landluft gestärkt. Er war im vollen Besitz seiner männlichen Kräfte, wusste aber nicht, wie er sie ausleben konnte. Die Verbindung mit Lotte schien die Lage zu ändern. Lotte, von niedrigerem Stand, war von Anfang an entgegenkommend, schnell in ihn verliebt und idealerweise schon vergeben, was mögliche Bindungsgefahren verhinderte. Goethes Problem: Lotte wollte von einem Verehrer umworben und, höchstes aller Ziele, später einmal geheiratet – und nicht als sexuelles Abenteuer abgehakt werden.
Um sein Ziel zu erreichen, wurde Goethe immer zudringlicher, Lotte reagierte mit scheinbarer Abwehr, was Goethe nur um so mehr anfeuerte. Sie unternahm stundenlange Wanderungen mit ihm, doch die körperlichen Mühen bremsten Goethe nicht, der Lotte in seiner ständigen Erregung immer heftiger bedrängte.
Langsam schwand Lottes Widerstand, denn auch sie war durch Goethes wochenlange Balz in einen von ihr noch nie erlebten erotisierten Zustand geraten. Doch als die Gefahr drohte, der edelmütige Kestner könnte ihm Lotte freiwillig überlassen, nicht als Objekt sexueller Begierde, sondern als Ehefrau, zog Goethe panikartig die Reißleine und floh am 11. September 1772 aus Wetzlar, in einem durch ein viermonatiges Vorspiel äußerst erregten Zustand. Er wanderte von Wetzlar die Lahn entlang bis zur Mündung, sprang unterwegs immer wieder in die herbstlich kühlen Fluten des Flusses und kam ruhig und ausgeglichen in Koblenz bei Sophie von La Roche an, einer Dichter-Kollegin, die durch modisch-empfindsame Briefromane zu literarischem Ansehen gelangt war. Er lernt deren Tochter Maximiliane kennen und versucht sich, eine Woche nach dem Abschied von Lotte, erneut als Aufreißer. In Dichtung und Wahrheit notierte er: »Es ist eine sehr angenehme Empfindung, wenn sich eine neue Leidenschaft in uns zu regen anfängt, ehe die alte noch ganz verklungen ist.« Gemeiner Kerl! Die arme Charlotte Buff! Der noch viel ärmere Kestner!
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In diesem Sinne schrieb einst ein junger Student aus Wetzlar am Germanistischen Seminar in Gießen eine Hausarbeit. Dafür gab’s die sehr schwache Note »knapp befriedigend« und zur Begründung als Zugabe eine schallende Ohrfeige: »Ihnen fehlt die poetische Ader.«
Und jetzt ab ins Kino. Goethe! (gw)
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gw am
22. Oktober 2010 .
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Nach-Lese vom 2. 10. 10 (Die Freiheit, sich das Leben zu versauen)
Da hat man nun letzte Woche versprochen, Freiheit von Jonathan Frantzen in einem Zug zu lesen, um heute sein unmaßgebliches Urteil zu verkünden, aber immer wieder kommt was dazwischen. Anderer Lesestoff, kürzerer, willkommene Abwechslung, wenn sich wieder ein Mitglied der Berglund-Familie hundert Seiten lang ins Unglück stürzt. Außerdem: 731 Seiten in einem Zug zu lesen, das schafft man allenfalls in der Transsibirischen Eisenbahn.
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Aua. Der Kalauer tut richtig weh. Immerhin bringt er uns zur Bahn und ihrem Denglisch, einem Thema der Nach-Lese vom 5. Juni. Mark Spörrle bedauert nun in der Zeit, dass »Bahnchef Rüdiger Grube die legendären englischen Durchsagen weitgehend abschaffen« will. Spörrles Bedauern ist verständlich, denn er ist Co-Autor des Bestsellers Senk ju vor träwelling, und »wann immer ein Zugchef sein ›Senk ju vor träwelling‹ in die Bordsprechanlage radebrach – er machte unentgeltlich Werbung für den Titel«. Die Abschaffung der legendären »Senk ju«-Durchsagen sei sogar ein Marketing-Fehler, meint Spörrle, denn »der Bahnchef beraubt sich eines Instruments zur Besänftigung unzufriedener Kunden«. Eine Ansprache wie »›We ärreive … Augs…, äh … Nürn …, äh Erfurt. It wos ä pläschure. Senk ju for (Pause) träwelling wizz Deutsche Bahn! And Gut! (Knacken, Pause) Beiii!‹, und schon hellen sich die verbitterten Mienen der gebeutelten Reisenden auf.«
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Mittlerweile schreibt Patty, unsere besonders verzweifelte desperate housewife, einen autobiographischen Bericht, der einen großen Teil der Freiheit beansprucht, was aber gar nicht so sehr auffällt, denn sie schreibt nicht in der Ich-Form, aber stilistisch haargenau wie Frantzen. Langsam kommt auch der sexuelle Zug in Fahrt, die »Stellen« häufen sich, für mein zartes Gemüt tropft etwas zu viel Sperma aus den Seiten, da ziehe ich mich scheu in mein Bahn-Abteil zurück.
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Und erlebe einen herrlichen Wutausbruch. Ein Ex-Eisenbahner behauptet in der Süddeutschen Zeitung, nicht Stuttgart 21 oder Denglisch sei das Problem, sondern: »Alle sind überfordert! Die Bediensteten hinter dem Schalter, weil sie immer nur freundlich sein sollen – auch zu den komischsten Vögeln. Die Reisenden sind überfordert, weil sie das ganze Tarifsystem nicht mehr verstehen. Früher war die Fahrkarte ein kleiner Papierschnipsel mit eindeutigem Aufdruck, und wenn man ihn sich am Schalter besorgte, musste man auch nicht für die Beratung einen Aufpreis bezahlen. Aber diese Jungdynamiker in den Vorstandsetagen haben von der Eisenbahn keine Ahnung mehr.«
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Herrlich. Darüber lachen sogar die Affen. Die können das! Sie lachten sogar als allererste auf der Welt und vielleicht sogar schon über die Welt. In der Welt am Sonntag werden die neuesten Forschungsergebnisse in Sachen Lachen beim Affen referiert, wobei für mich aber noch viel interessanter der Selbstversuch des US-amerikanischen Psychologen-Ehepaars Winthrop ist: »In den 1930er-Jahren schenkten sie deshalb nicht nur ihrem damals knapp einjährigen Sohn Donald ihre Aufmerksamkeit, sondern auch dem zwei Monate jüngeren Schimpansenmädchen Gua. Beide wurden gleich behandelt. (…) Das große Ziel war herauszufinden, worin sich Menschen- und Affenkinder in ihrer Entwicklung unterscheiden.« Das Experiment wurde ohne Angaben von Gründen abgebrochen, aber dass Gua lachte, ist dokumentiert. Ob abgebrochen wurde, weil Donald ständig weinte?
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Joey, Pattys Sohn, hat in der Familie Berglund auch nicht viel zu lachen, steckt’s aber als äußerlicher Stoiker scheinbar gut weg. Das kluge Kerlchen dringt sogar zum existenziellen Urgrund zwischengeschlechtlichen Seins vor: »Er sah ein, dass postkoitale Entscheidungen weit realistischer waren als präkoitale.« Eine echt postkoitale Erkenntnis.
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Schon wieder zu albern. Ich. Nicht der KulturSpiegel, der das große Ganze der Freiheit sieht und zusammenfasst: »Dieses Buch rührt an der großen Frage, wie wir diese 70, 80 Jahre Leben, die wir zu verbringen haben, wenn nicht sinnvoll, so wenigstens ohne Depressionen über die Runden bringen.« Und Frantzen »stellt, glänzend erzählt, die großen Gegensätze unserer Zeit gegenüber: Begehren gegen Berechnung, Prinzipien gegen Freiheit, Mensch gegen Natur, linksliberales Gutmenschentum gegen scharfsinnigen neokonservativen Zynismus.«
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Scharfsinniger Zynimus – Auftritt: Georg Baselitz. Der Welt am Sonntag gibt der Künstler ein Interview wie Donnerhall. Über zwei deutsche Großschriftsteller: »Wir hatten ja nur Deppen da (…) Es war eine totale Leere, die wir vorfanden. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum Günter Grass und Martin Walser überhaupt berühmte Schriftsteller werden konnten.« Rumms. Über die Einheit, im Westen: »Da war die Freude ja ziemlich groß, außer bei unserem Nationaldichter und ein paar anderen, denen nun die Felle wegschwammen.« Rumms. Im Osten: »Ich hätte mir ja nur die Parteimitgliederzahlen der SED angucken müssen, um zu wissen: Da werden sich bestimmt nicht alle so freuen wie ich.« Rumms. Über Andreas Baader: »Ja, das war so ein Bübchen, der viel von zu Hause hatte. Eine ziemlich blöde Person, eitel, ein Idiot.« Rumms. Über Rudi Dutschke: »Diesen Entertainer auf der ›MS Europa‹? Ich fand ihn schrecklich. Ich dachte, Goebbels wäre wieder da.« Rumms. Über Kultur und Subvention: »Erwähnte ich, dass wir Maler eben nicht von dieser Subventionswirtschaft abhängig sind, die all die anderen Kultursparten so hat verkommen lassen? Wir sind eben nicht Teil dieses morbiden Haufens, Teil der zu Tode geförderten offiziellen Kultur.« Rumms. Starke Worte. Auch richtige? Ansichtssache.
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Wie die Freiheit. Ich biege in die Zielgerade ein und stimme dem KulturSpiegel zu. Das Buch zieht mich immer mehr in seinen Bann. Frantzen ist ein Großer. Obwohl es zu solch einem Urteil keine objektiven Kriterien gibt. Freiheit ist immer auch die Freiheit des Anderslesenden.
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»Man mag arm sein, aber das eine, das einem keiner nehmen kann, ist die Freiheit, sich das eigene Leben zu versauen, wie man will.« Worte von pater familias Walter Berglund, der geradezu exzessiven Gebrauch von dieser Freiheit macht, aber eine fulminante, furiose Schlussrunde hinlegt, die man gelesen haben muss.
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Erwähnte ich, dass Frantzen auch ein Großmeister des satirischen En-passant-Witzes ist? Allerdings wird nicht jeder darüber lachen können, es gehört schon ein wenig Selbstironie dazu (also die Bereitschaft, sich als virtuelles Mitglied der schrecklich-schaurig-schönen Familie Berglund zu erkennen), um sich zwischen den Zeilen kringeln zu können.
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Darauf einen (zugegeben: alten, erst kürzlich im Sport-Anstoß zu lesenden) Witz, über den alle lachen können, ob Mensch oder Affe. Denn der Lach-Forscher Professor William Fry (nicht lachen! Den gibt’s wirklich!) glaubt, den ultimativen Witz gefunden zu haben, über den jeder lacht, egal, welcher Humorfakultät er angehört. Und der geht so: Zwei Männer unterhalten sich. Sagt der eine: »Manchmal frage ich mich, was schlimmer ist: Ignoranz oder Apathie.« Sagt der andere: »Das weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht.« (gw)
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1. Oktober 2010 .
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Nach-Lese vom 25. 9. 2010 (Das angedotzte Ei)
Das Buch, über das alle redeten, bevor es erschienen war, vor allem der Autor selbst in unzähligen Interviews, es ist endlich da. Nun lese ich es also. Aber schon auf den ersten Seiten beschleicht mich leises Unbehagen. Kleine Schlampereien, stilistische Holperer und Geschwätzigkeiten erstaunen mich. Aber ich gebe nicht auf. Noch will ich mir kein Urteil erlauben.
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Ich bin schließlich nicht die Kanzlerin, die in der FAZ bekennt, das Sarrazin-Buch nicht gelesen zu haben: »Die Vorabpublikationen sind vollkommen ausreichend«, sagt sie, und da hakt Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fassungslos nach: Es handele sich »um einen Skandal und um ein Paradebeispiel dafür, dass Politik die Ebene von Macht und Meinung immer weniger auseinanderhalten kann. Gerade wenn die Bundeskanzlerin der Meinung ist, Sarrazins Buch sei so gefährlich, dass er als Person nicht mehr tragbar ist: Müsste sie dann nicht wissen wollen, was Millionen Menschen in Deutschland diskutieren?«
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Dass Sarrazin »sozial stigmatisiert wurde und die politische Klasse ihn als Gesprächspartner ausschloss«, führt Schirrmacher zu der rhetorischen Frage: »Kann man, in einer Welt, in der man um des lieben Friedens willen bereit ist, mit aufgeklärten Taliban zu reden, allen Ernstes glauben, dass diese Form des Diskurses glaubwürdig ist?«
*
»Aufgeklärte Taliban«? Ist das nicht eine contradictio in adiecto, ein rundes Quadrat? Aber was interessiert mich das Sarrazin-Buch, alles ist gesagt und durchgenudelt, da werde ich die Leser doch nicht mit der x-ten Senfbeigabe langweilen! Zumal das Kind längst in den Brunnen gefallen ist – die Lage ist nicht ernst, aber hoffnungslos. Gunnar Heinsohn, emeritierter Professor für Sozialpädagogik, weist in einem Gastbeitrag für die Welt darauf hin, dass laut Gesetzeslage »jeder legal in Deutschland Lebende ohne Einkommen bis ans Ende seiner Tage von den Mitbürgern für eine menschenwürdige Existenz bezahlt werden muss. Das Problem kann sich mithin niemals auswachsen. Die 25 Prozent unserer 15-Jährigen, die bereits 2009 von der Bundesregierung als nicht ausbildungsreif bezeichnet wurden und ganz überwiegend selbst schon vom Sozialgeld leben, wechseln bald in die Langzeitarbeitslosigkeit über und haben dann alle Zeit der Welt für eigenen Kindersegen.« Für muslimischen, christlichen oder atheistischen Kindersegen – Hauptsache, er bleibt in der kulturfernen Unterschicht. By the way: In den USA gehören die türkischen Einwanderer überwiegend zur Oberschicht.
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Von dort kommt auch das Buch, das ich gerade lese. Der geneigte Leser ahnt: Es ist die Freiheit von Jonathan Frantzen, Nachfolger seines Mega-Erfolges Die Korrekturen. Noch hat der Autor fast 700 Seiten, um mich von meinem leisen Unbehagen zu befreien. All diese hymnischen Vorabbesprechungen! Als würde Frantzen den Roman neu erfinden, hyperventilierte es in den deutschen Feuilletons. Eine Art umgekehrter Sarrazin-Effekt? Haben das Buch noch nicht gelesen, kennen wie die Kanzlerin nur Vorabpublikationen, überschütten es aber in stillschweigender Übereinkunft deutscher Kultur-Nomenklatura mit dröhnendem Lob?
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Ich lese weiter: »Heut nachmittag fand ich in der Nähe der Latrine von der Festung Altenburg zwei noch zusammenhängende Finger- und Mittelhandknochen. Ich hob sie auf und hatte den geschmackvollen Plan, sie zu einer Zigarrenspitze umarbeiten zu lassen. Jedoch es klebte, genau wie an der Leiche im Stacheldrahtverhau bei Combres noch grünlich weißes verwestes Fleisch zwischen den Gelenken, deshalb stand ich von meinem Vorhaben ab.«
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Igitt, was ist denn DAS! Da hab ich versehentlich das soeben erschienene Kriegstagebuch 1914-1918 von Ernst Jünger erwischt. Das lehrt mich zweierlei: Ich bin kein Multitasker, und Jünger kann mir gestohlen bleiben.
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Ich konzentriere mich auf die Freiheit, ohne anderweitige Lese-Ablenkung, komme gut voran, und trotz des anfänglichen Unbehagens beginnt mich der Roman in seinen Bann zu ziehen. Auch der Titel stört mich nicht mehr. Auch das Titelbild nicht: ein angedotztes Ei, als freundliche Sinnsuchehilfe, will sagen: Freiheit ist ein geknicktes Ei, von Bush dem Jüngeren (»Operation Freedom«) bis Marius dem Älteren (»Freiheit, Freiheit / ist die Einzige, die fehlt«), alles ist Freiheit, ich zünde mir ein Räucherkerzlein an und vertiefe mich in die Geschichte von Patty, einer besonders verzweifelten desperate housewife, um deren Familie herum Frantzen seinen Roman mäandern lässt.
*
Und? Wie gefällt’s? Sag ich noch nicht, ich bin doch nicht die Kanzlerin. Erst lese ich zu Ende, dann melde ich mich wieder. Nächste Woche an dieser Stelle, gelle? (gw)
Veröffentlicht von
gw am
24. September 2010 .
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