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Der Opa des Grauens (Gießener Seniorenjournal vom 29. September)

So viel Sommer war selten. Für mich prägte ihn nicht die große Hitze, nicht die lange Dürre, sondern der ständige Konflikt von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Oh, die alte Leier? Auch in diesem Text DAS Thema der Saison? Keine Angst, liebe Leser, in meinem progressiven Sommer-Alttag spielte nicht die Mutti aller deutschen Gegenwarts-Probleme die Hauptrolle, sondern ich als Opa des Grauens.
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Nichts war schöner in diesen heißen Tagen, als sich aufs E-Bike zu schwingen, den Akku anzuwerfen und sich wohlig in den Wind zu legen, in diese selbst erzeugte frische Brise, die dank »Turbo«-Schalter anstrengungslos zu genießen war. Wie herrlich, wenn das kühlende Lüftchen sanft die bloßen Beine streichelte und die nackte Brust umkoste!
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Doch hier kommt der Opa des Grauens ins Spiel, mit seinem Konflikt zwischen Gesinnung und Verantwortung. Als alter Mann halb nackt die Radwege unsicher machen? Außerdem kenne ich meine Falten und Runzeln, die viel zu viele Haut, die den Körper umflattert wie ein zerschlissener Mantel. Prall umspannte sie früher jene Muskeln, die im Lauf der Jahrzehnte verschwunden sind, nun schlabbert sie über dem einstigen Pectoralis major, dem großen Brustmuskel, im eigenproduzierten Wind.
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Gesinnt, nicht auf die große Labsal zu verzichten, keine falsche Scham zu kennen, den Sommer auf dem Rad zu genießen, aber von der Verantwortung gezähmt, andere Menschen nicht ästhetisch zu belästigen, schloss ich mit mir selbst einen Kompromiss: Untenrum Haut zeigen zwischen Schuhen und Radhose, das darf ich der Welt um mich herum zumuten. Aber oben rum muss ein T-Shirt die Altersblößen verdecken. Es sei denn, ich radle auf einsamen Waldwegen im Hinterland – da reiße ich mir das Hemd vom Leib, breite die nackten Arme aus … und so genoss ich abseits scheeler Blicke freihändig und nacktbrüstig diesen Sommer, der ein großer war.
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Allerdings sind auch bloße altmännliche Unterschenkel kein besonders erfreulicher Anblick, auch weil sie oft zerschunden und verpflastert sind. Hier sitzt die Haut stramm über dem Schienbein, scheinbar direkt auf dem Knochen, wie Pergament und genauso empfindlich. Die zarteste Berührung, zum Beispiel mit einer Pedale, reißt sie ein, Blut fließt, und selbst kleine Schrammen heilen nur langsam aus, so dass bei Senioren-Gruppenfahrten der Blick auf andere Beine fällt, dann hinauf zum dazugehörigen Kopf – und ein einverständiges doppeltes »Tja« jedes weitere erklärende Wort erübrigt.
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Wir alten Männer sollten also unsere nackte Haut verbergen, um die Mitwelt nicht ästhetisch zu belästigen? Weil uns sonst »vom Hängebauchschwein nur noch der aufrechte Gang unterscheidet. Weitere körperliche Unschönheiten, die Männer auf diese Weise präsentieren, lassen wir pietätvoll beiseite« (taz).
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Ja, dankeschön, sehr pietätvoll. Und nun stelle man, stelle frau sich vor, Derartiges wäre nicht über alte Männer, sondern über … schon verbietet sich das Wort (»alte« Frauen) … die reifere Damenwelt zu lesen. Unmöglich. Unvorstellbar. Selbstmörderisch. Ich habe ja sogar kürzlich einen Leserbrief zensiert, in vorauseilender männlicher Unterwerfung zu Ehren des Matriarchats, dessen gehorsamer Untertan ich bin. Aus dem Zitat eines Gießener Marktbeschickers (»Is ja auch immer noch e Mordsfrau«) strich ich das »immer noch« – das ist echte Pietät, liebe taz!
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Aber das nur am vergenderten Rande. Zurück zum Rad-Opa des Grauens. Mir fällt seit einigen Wochen auf, dass die Umgangsformen rauer geworden sind. Sowohl vom Rad als auch vom Auto aus werde ich oft angepflaumt. Spätfolgen der Hitze? Indiz für ein Richtung Gewalttätigkeit tendierendes gesellschaftliches Klima? Als zuerst immer die Schuld bei mir Suchender denke ich aber primär: Ist es jetzt soweit? Wirst du als seniler Dappes zum Verkehrshindernis?
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Diesen Gedanken hatte ich jüngst auch, als ich ansetzte, zwei Mädchen zu überholen, beide etwa zwölf Jahre alt, beide auf schicken Rollern. Plötzlich schwenkte eines der Mädchen nach links aus. Kein Problem, ich fuhr langsam, passe beim Überholen immer auf, denn dafür ist der Überholende, nicht der Überholte zuständig. Ich vermeide die Kollision, fahre weiter, da ruft mir das Mädchen hinterher …
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… ja, was ruft es? »Du alter Sack, pass doch auf! Blödmann! Idiot!« Oder Schlimmeres? Nein, flehend schallt es mir hinterher: »Tut mir leid! Tut mir leid!«
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Ich winke den Mädchen beschwichtigend zu, fahre in meinem progressiven Alttag fröhlich weiter, gerührt von dieser jungen Generation … bis mir wieder so ein alter schimpfender Muffkopf die Laune verdirbt.

Veröffentlicht von gw am 28. September 2018 .
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Das Attentat auf Dutschke und die Durchsage im Scarabee (Matthias-Beltz-Interview vom 9. Februar 2001 / Komplett-Fassung bisher nicht im Netz, auf mehrfachen Leserwunsch nachgereicht am 19. Juli 2018)

 

Mit Matthias Beltz im Gespräch über Gießener Wurzeln und Frankfurter Sponti-Zeiten

Das Attentat auf Dutschke und die Durchsage im Scarabee

In der Wilhelmstraße: »Ich habe mir ausgemalt, wie es wäre, in diesen schönen Häusern zu wohnen« – Die Demo-Szene, das Glücksgefühl und die Frauen

 

In den Diskussionen der vergangenen Wochen ging es scheinbar um Aufklärung und Sühne von Straftaten, mit denen einige – heute an prominenter Stelle staatstragende – Politiker aus der ominösen 68er-Generation in Verbindung gebracht werden oder wurden. Doch in Wahrheit spielen Schuldzuweisungen, Parteipolitik, linke Nostalgie und späte Rechthaberei die Hauptrolle. Wir beide, Matthias Beltz und Gerhard Steines (gw), wollen in unserem Gespräch andere Schwerpunkte setzen. Wir sind annähernd gleich alt (Jahrgang 45 bzw. 47), kommen aus kleinbürgerlichem Milieu und haben unsere Kindheit zum Teil in der selben Gießener Vorstadtgegend verbracht (ohne uns damals kennen gelernt zu haben). Wir wollen versuchen, uns an die eigene Befindlichkeit zu erinnern, die ähnlich gewesen sein muss, aber in unterschiedliche Lebenswege mündete. (gw)

 

gw: »Sie sagten kürzlich in einem Interview, im Vergleich zu den Hunderttausend, die zur Love-Parade kommen, seien die paar tausend Demonstranten damals eine kleine Minderheit gewesen. Ich habe da eine andere Erinnerung: Links denkende und vor allem links fühlende Jugendliche waren für mich Mitte der 60er Jahre keine Minderheit, sondern die Regel. Auch fühlten wir uns nicht vom Staat drangsaliert, sondern von Eltern und Lehrern. Und unter den Lehrern dominierten nicht die alten Nazis, sondern junge bis mittelalte Pädagogen, einige mit idealistischem Antrieb, manche ganz ohne Antrieb, andere mit autoritärem Gehabe und/oder ganz >normalem< Sadismus. Die Nazi-Altlasten der Schule gab es, sie wurden aber nur als Einzelexemplare und Sonderlinge angesehen und auch so behandelt.«

Beltz: »Ich habe das ganz anders in Erinnerung. Ich habe 1964 Abitur gemacht, war an der Herderschule, und mein Bruder und ich waren als Kriegsdienstgegner dort die absolute Minderheit. Auch beim Ostermarsch waren wir die einzigen von unserer Schule, vielleicht war noch einer vom LLG oder der Liebigschule dabei, jedenfalls gehörten wir zu einer absoluten Minderheit, was Linksorientierung betrifft. Wo das Rebellische herauskam, das war die Musik. Stones oder Beatles, das haben die Eltern natürlich nicht gemocht, >Negermusik<, insoweit stimmt die Konfrontation mit den Eltern kulturell, aber das habe ich politisch als >links< überhaupt nicht wahrgenommen. Ich kann mich auch erinnern, dass einer in der Schule zu mir gesagt hat, ich sei ein Kryptokommunist – da musste ich erst mal nachgucken, was das ist. Die anderen waren alle hundertprozentig gegen den Kommunismus.«

gw: »Merkwürdig, diese unterschiedlichen Empfindungen. Zu der Zeit ging ich nicht mehr auf die Herderschule in Gießen, sondern in Wetzlar auf die Goetheschule. 15 Kilometer Luftlinie – und schon völlig andere Verhältnisse? Oder trügt die Erinnerung. Sie? Mich? Uns beide?«

Beltz: »Weiß der Kuckuck. Ich erinnere mich, dass ich `68, am Gründonnerstag, in den Scarabee gegangen bin, den Jugend-Schuppen, das war nach dem Attentat auf Rudi Dutschke. Ich habe eine Durchsage machen wollen, dass wir jetzt demonstrieren. Das mit der Durchsage haben sie gerade noch erlaubt, aber eigentlich waren sie muffig, und die Musik wurde auch gleich wieder angedreht. Aber es kann sein, dass der Unterschied darin liegt, dass Gießen mehr Dienstleistungsstadt und Wetzlar mehr von Industrie geprägt war.«

gw: »Wir in Wetzlar jedenfalls fühlten uns fast alle als >Linke<, nicht aus theoretisch abgesicherter Überzeugung, sondern weil man als Jugendlicher eben links zu sein hatte. Aber es stimmt, das war eher eine kulturelle als eine politische Revolte. So bestand meine größte >revolutionäre Tat< nur darin, beim Einmarsch für die Bundesjugendspiele als einziger aus unserer Klasse den Marschtritt – übrigens zum Radetzkymarsch – zu verweigern. Ich fühlte schon damals, gab es vor mir selbst aber nicht zu, dass ich in Wahrheit keine politischen, sondern rein persönliche Gründe hatte. Ich bin kein Mitmarschierer, erst recht kein Voranmarschierer, egal für welchen Zweck. Mir war später auch klar, dass der Grund, mich niemals zur Bundeswehr einziehen zu lassen, kein pazifistischer war, sondern ein egoistischer. Aber Pazifismus war das überzeugendere Argument, auch mir selbst gegenüber.«

Beltz: »Ich habe den Kriegsdienst verweigert, und ich hatte auch Angst vor dem Atomkrieg, aber das Hauptmotiv war wahrscheinlich die Angst vor dem Kasernenhofton, vor dieser etwas brutalisierenden Männergemeinschaft. Und das hat sich dann bei mir ähnlich gemischt, dass der Pazifismus, den man ja auch nachweisen musste, diese Angst überlagert hat.«

gw: »Ich bin nie mitmarschiert, weder bei Demos noch beim Bund – dennoch fühlte ich mich ausgeschlossen und hätte gerne dazugehört. Ein Gefühl, das sich ein paar Jahre später wiederholte: Notstandsgesetze. Erste große Demo in Gießen, von der ich erfuhr. Ich saß in einem Politik-Proseminar, hatte gerade Jaspers‘ >Wohin treibt die Bundesrepublik?< durchgearbeitet und war daher sehr empört. Ich bin hingegangen zur Demo, wollte mitmachen, habe aber dann doch nur zugeguckt. Die alte Mitmarschierhemmung. Sie dagegen sind wohl marschiert, wahrscheinlich vorne weg. Mich interessiert dabei nicht, ob Sie Worte, Tomaten oder Steine geworfen haben, erst in Gießen und später in Frankfurt, sondern: Wie fühlt sich das an, mitzumarschieren? Gibt das ein heimeliges Zusammengehörigkeitsgefühl? Kameradschaft an vorderster Front? Kürzlich las ich vom >umfassenden Glücksgefühl<, wenn man zur Demo-Szene gehörte, was auch mit den Frauen der Szene zu tun haben sollte …«

Beltz: »Zunächst mal: 1965 haben wir in Marburg eine Kundgebung gegen Notstandsgesetze gemacht, die wurde dann gestört durch rechte Verbindungsstudenten mit der Parole: Wer gegen die Notstandsgesetze ist, unterstützt Ulbricht. Und das wiederum führte dazu, dass Professor Abendroth auf diese Studenten losstürzte und rief: >Geben Sie mir Ihren Ausweis, ich möchte wissen, wer Sie sind, ich bin hier Professor.< Was sehr witzig war, denn die Antiautoritären waren damals die rechten Studenten, die haben damit angefangen, Veranstaltungen zu sprengen. Aber ich habe mich weder in Marburg noch am Anfang in Frankfurt als dazugehörig verstanden. In Marburg, in Ockershausen, hab‘ ich mit anderen Leuten zusammengesessen und mein Bier getrunken, die waren zum Teil eher rechts oder konservativ orientiert, aber mit denen bin ich besser zurechtgekommen. In Frankfurt hat es dann zwei Jahre, bis 1968, gedauert, bis ein Gemeinschaftsgefühl entstanden ist auf Demonstrationen, was auch mit diesen etwas archaischen Ritualen zu tun hat, dass man Ketten bildet, sich einhängt und durch die Gegend rennt wie blöd. Und dieses euphorische Glücksgefühl . . . also, das Mitreißenlassen macht ein Gefühl, das ja auch von allen Massenpsychologen geschildert wird, wenn am Bewusstsein etwas aussetzt und man zum Kollektivkörper wird. Wobei dieses körperliche Element auch durchaus etwas mit Frauen zu tun hatte, denen man in solchen Situationen als Mann möglicherweise wie eine Schutzfigur vorkommt. Insoweit hat diese bewegende Masse etwas Erotisierendes, das stimmt.«

gw: »Das Herz schlägt links, das gehörte sich so für Jugendliche, die aus kleinbürgerlichem Milieu kamen und ein gewisses Bewusstseinsniveau hatten. Ich erinnere mich an ein Gefühl, das mich einmal in einer Wetzlarer Villengegend überfiel. Ich schwänzte die Schule, streunte herum, sah mir diese fremde Welt an, blickte grimmig über die Zäune und dachte: Scheiß-Millionäre! Das dachte ich sozusagen an der Oberfläche. Insgeheim aber dachte ich, wie toll es wäre, reich zu sein, hierher zu gehören, dazuzugehören. Und ich fragte mich: Wenn ich hinter diesen Zäunen leben würde – hätte ich dann trotzdem mein entschiedenes Links-Gefühl? Und wie bescheuert müsste ein Junge sein, der hinter dem Zaun im Wohlstand lebt und dennoch nach der Diktatur des Proletariats ruft? Oder hätte solch ein Junge nur einen übermenschlichen Gerechtigkeitssinn? Oder wäre es auch bei ihm, im manchmal ausweglos scheinenden Unglücklichsein auf dem Weg ins Erwachsenenleben, nur ein blindes Anrennen gegen die verhassten Normen, die die Erwachsenen, die Eltern vorgeben, egal welche Normen das sind?«

Beltz: »Dieses Erlebnis kenne ich auch. Bei mir ist es in Gießen die Wilhelmstraße gewesen, da bin ich oft durchgegangen und habe mir ausgemalt, wie es wäre, in diesen schönen Häusern zu wohnen – weil es bei uns zu Hause ja auch arg eng war. Aber dann habe ich mir auch ausgedacht, dass man sich da vor Einbrechern schützen muss, anders als in einem Mietshaus, und dass es Isolation bedeutet, wenn man sich schützen muss. Ich habe mir aber trotzdem immer solche Gebäude ausgemalt und habe als Kind Bilder von Schlössern betrachtet und mich da hineinphantasiert. Dass die Diktatur des Proletariats für mich als Jugendlicher eine größere Rolle gespielt hat, daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Das kam später mal vorbeigehuscht, so in den Siebzigern. Ich habe mich auch nicht besser gefühlt als andere, sondern eher . . . blöder. Der ganze Zorn kam auch daher, dass es mit den Mädels nicht so richtig geklappt hat. Und der Traum war eigentlich nicht großrevolutionär, sondern eine tolle Frau zu haben und eine Familie zu gründen. Was dann, aus heutiger Sicht, Gott sei Dank nicht geklappt hat, sondern erst später. Aber es gab nicht das Gefühl, die anderen sind alles Schweine und ich bin der Bessere, oder wir Linken sind die Besseren, sondern: Die anderen schaffen es besser mit ihrem Leben umzugehen, und ich bin zu doof dazu.«

gw: »Unsere Generation war dann aber nach langer Zeit die erste, die Zeit und Gelegenheit hatte, den Konflikt mit der Eltern-Generation auszukämpfen. Es war ja auch so schön gefahrlos, Revoluzzer zu sein – jedenfalls, wenn man die Situation mit echten revolutionären Zeiten vergleicht. War das Linkssein nur der Mittel zum Zweck, nur die überhöhte Legitimation für das Ausleben stinknormaler persönlicher Probleme?«

Beltz: »Es gibt einen schönen Satz von Merleau-Ponty in dem Buch >Humanismus und Terror<: >Zum Revolutionär wird man nicht durch Wissenschaft, sondern durch Empörung.< Das sind ja immer sehr individuelle, egozentrische Erfahrungen. Das finde ich auch nicht schlimm. Die Frage ist nur, was daraus wird. Und noch was: In die Theorie kann man ja auch hineinfliehen wie in Literatur, das gibt ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit, und ich glaube schon, dass man den Marxismus heimgesucht hat wie eine Wahlverwandtschaft. Das muss man nicht diffamieren. Das Entscheidende ist, ob man dann aufhört zu denken und sich darin einrichtet, wie man es in einer Familie hätte machen sollen. Wenn es aufhört, das Weiterdenken, dann ist es blöd. Aber wenn es nicht aufhört, ist es schon in Ordnung.«

gw: »Die letzte Generation vor uns, die in einer ähnlich privilegierten Lage war (also nicht durch Krieg oder Nachkriegszeit anderweitig existenziell ausgelastet), hat sich, die schwachen, verweichlichten Verlierer-Eltern verachtend, zu begeisterten, strammen Nazis entwickelt. Sebastian Haffner hat dies in seiner frühen Autobiographie eindrucksvoll beschrieben. Nun wird die erste Generation aus der linken Ex-DDR, die Zeit und Gelegenheit hat, ihre persönliche Problematik in ein übergeordnetes Umfeld zu verlagern, mehrheitlich ausländerfeindlich und in Minderheiten neonazistisch – so wie die >68er< mehrheitlich links und in Minderheiten terroristisch waren. Müssen solche Zwangsläufigkeiten zum Menschheitspessimismus führen?«

Beltz: »Dazu weiß man doch viel zu wenig und kennt auch viel zu wenige Leute, um sich eine solche Haltung anzumaßen. Pessimismus, Optimismus – das sind Grundeinstellungen, die ja auch wechseln. Skeptisch sein dagegen, das ist vernünftig. Zum Pessimismus kommt es oft, wenn man vorher ein vollkommen unberechtigtes Vorurteil gehabt hat – alle Menschen sind gut, und nur die Verhältnisse und die Regierung verhindern es ihnen, dies auch zu zeigen. Wenn man diese Haltung aufgibt, braucht man auch den Pessimismus nicht als Rache an seinem eigenen etwas beschränkten Optimismus. Und die DDR – ich weiß nicht, wie die Lage in den deutschen Ostgebieten wirklich ist. Zum Beispiel nimmt ja dort die rechte Gewalt wieder ab, und im Westen nimmt sie wieder zu, gerade in Nordrhein-Westfalen. Das sind Bewegungen, die man gerne für sich selbst zurechtdefiniert. Ich bin mir da überhaupt unsicher, was solche Perspektiven betrifft. Das Einzige, was man halt merkt, wenn man älter wird, ist, dass man sich in dieser Welt immer weniger zurechtfindet.«

gw: »Wie leicht ließ man sich früher von dem korrumpieren, was man bekämpfen wollte! Mein Sportverein hatte einmal einen Wettkampf mit einer Wetzlarer Bundeswehreinheit vereinbart. Ich war 17 und ein aufrechter, unerschütterlicher Pazifist. Der Wettkampf fand auf dem Kasernengelände statt, und ich nahm mir vor, den Soldaten unmissverständlich meine ganze Verachtung zu zeigen. Trotzig ging ich hin, fühlte mich wie in Feindesland, blickte alle furchtbar böse an – und die blickten freundlich zurück. Ich gewann als Jugendlicher einige Disziplinen gegen die älteren Soldaten, was deren Vorgesetzte auf mich aufmerksam machte. Ich wurde hofiert, sie waren alle unglaublich nett zu mir – und ich konnte nicht anders, ich, der große Pazifist, fühlte mich wohl im Offizierskasino. Als ich dann als Siegespreis auch noch ein Buch bekam, mit Widmung vom Kommandeur, und das Buch war nicht von Ernst Jünger, sondern von meinem damaligen Lieblingsschriftsteller Erich Maria Remarque, fühlte ich alarmierende Risse im Panzer meiner Selbstgerechtigkeit.«

Beltz: »Das ist ein schönes Beispiel für das, worum es einem mindestens zur Hälfte gegangen ist: um Anerkennung. Ich war ja auch im Studentenparlament, und da habe ich mich teilweise auch mit dem RCDS gut verstanden, und ich fand das auch erfreulich. Und wenn man dann auch noch Remarque von der Bundeswehr geschenkt kriegt, dann kann ja gar nichts mehr schief gehen.«

Teil 2

»Die Erkenntnis, dass das mit dem Linkssein nicht mehr so richtig hinhaut…«

» . . . aber trotzdem gibt es diesen diffusen Traum«

gw: »Meine ganz persönliche Revolution war dann der Sport, und der Sport war gleichzeitig das Schlüsselerlebnis, das Linksseinwollen aufzugeben. Denn gerade die Linken waren es jetzt, die mir den Leistungssport vermiesen wollten. Ich sah nicht ein, dass ein Sportler, der sich anstrengt und besser wird, ein moralisch schlechterer Sportler sein soll als jener Sportler, der sich weniger anstrengt und daher weniger Leistung bringt. Das war mein ganz persönlicher, unideologischer Bruch mit meinem Linksseinwollen. Bei anderen wird dieser Bruch überhöht, zum Beispiel mit dem Entebbe-Syndrom (was übrigens ziemlich spät gewesen wäre). Hatten Sie auch ein Schlüsselerlebnis? Etwa die Zeit bei Opel?«

Beltz: »Das erste Schlüsselerlebnis war, dass ich unsportlich war und deswegen bestimmte Probleme hatte, mit der Gesellschaft klarzukommen. Ich habe auch nicht so viel Angst vor dem Erwachsensein gehabt, weil ich dachte, wenn ich älter werde, fällt das gar nicht mehr so auf, dass man unsportlich ist. Dieser jugendliche Wettbewerb findet dann nicht mehr statt. Das andere, die Erkenntnis, dass das mit dem Linkssein nicht mehr so richtig hinhaut – Entebbe war da gar nicht mehr so wichtig, weil wir uns von denen schon getrennt hatten -, das ergab sich durch die Beobachtungen, die man selber gemacht hat: Wie man Sitzungen manipuliert, wie man dummes Zeug schwätzt, wie man auf öffentlichen Debatten, ich hab‘ da auch viel rumgeredet, Hass sät, wie man bescheuert-emotionale Politik macht, das hat mir nicht mehr gefallen, da bin ich aus dem politischen Interventionsbereich ausgezogen und hab‘ gesagt, ich muss noch was anderes erledigen.«

gw: »Die Frankfurter Szene, in die Sie sich hinein entwickelt haben, war angeblich stark machomäßig geprägt. Hat man in den Frauen der Szene mehr gesehen als potenzielle Skalps am Sponti-Gürtel?«

Beltz: »Also, das mit den Machos, das ist Halbe-Halbe. In den siebziger Jahren gab es diesen Aufstand der Frauen, es gab bei uns im RK das Frankfurter Frauenpapier, die haben sich dann politisch selbständig gemacht, und in unserer Wohngemeinschaft hatten wir mal ein Bild an der Wand hängen, einen Rückenakt, der wurde dann von erregten Damen von der Wand gerissen – nackte Frauenärsche, Schweinerei. Ihr reduziert uns auf Körperteile – und es gab andauernd Streit und Putz, der gar nicht so lustig war, wobei zugegebenermaßen dann wieder die feministischsten und aggressivsten Frauen natürlich auf die autoritärsten Männer abgefahren sind. Das ist die ewige historische Dialektik. Ich war kein großer Mitmarschierer, wie gesagt, ich war nicht sehr sportlich, aber ich habe immer gerne geredet, da hat sich das Bühnenelement des Redenschwingens schon durchgesetzt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass man zu den Mitführenden zählt. Ich war auch immer bei den Diskussionen dabei, hab‘ viel gelesen, viel gemacht, viel mit den Leuten diskutiert, und da passiert es schon mal schneller, dass man als einer der Sprecher gilt. Und diese Macho-Geschichte, ach, ich glaube, die stimmt nicht so richtig. Es gab auch unglaublich viel Elend, wie das bei jungen Menschen oft der Fall ist, wenn das mit den Beziehungen nicht klappt. Ich erinnere mich an Szenen, wenn man in der Kneipe sitzt, und dann klagt einer, mit mir klappt das ja eh nicht mit den Frauen. Oder der Jammer, wenn einer den Partner verlässt. Ich saß mal `ne ganze Nacht mit einer Frau im Zimmer, die hat ununterbrochen Bobby McGee von Janis Joplin aufgelegt, mindestens hundertmal die Nacht, und ich hab‘ jedesmal mitgeheult, sonst wär sie aus dem Fenster gesprungen. Oder die furchtbaren Sitzungen in Wohngemeinschaften, wenn die Freundin mit einem anderen davon war. Also – das reine Glücksleben war’s nicht. Es ging halt auf und ab. Und das mit dem Macho, das habe ich nicht in der Erinnerung, dass das so stimmt. Das war viel widersprüchlicher. Die Frauen waren viel stärker, auch in der Präsentation nach außen hin. Erst in den achtziger Jahren, als die Szene sich auflöste, sind sie witzigerweise mehr in den Hintergrund getreten.«

gw: »Heute sind Sie Ihren Idealen von allen mir bekannten und bekannt gewordenen Menschen am treuesten geblieben. Sie lassen sich nicht vom Staat aushalten, haben den Marsch durch die Institutionen nicht mitgemacht, sind also auch nicht auf irgendeinem gut dotierten Staatsposten hängengeblieben. Sie verdienen Ihr Geld als Einzelkämpfer, besitzen kein Auto und sind im Herzen Kommunist geblieben – für sich ganz persönlich, nicht mehr für die Weltrevolution, das wäre im Moment gar zu albern. Was ist alles falsch an diesen Vorurteilen?«

Beltz: »Mit dem Kommunist im Herzen, das ist schwierig, das hatte mit Kommunismus gar nicht so viel zu tun, eher mit Utopismus, mit Träumen von einer anderen Welt. Den Absolutheitsanspruch habe ich dann bald überwunden. Ein großer Vorteil war mein Jurastudium, dadurch kommt man ein bisschen an den Realismus ran. Denn dieser Traum, dass alle alles freiwillig machen – das weiß man als Jurist eher, dass das nicht funktioniert, weil es dann automatisch wieder neue Regeln gibt, die teilweise autoritärer sind, als wenn sie im Gesetz festgelegt und kontrolliert werden. Aber trotzdem gibt es diesen diffusen Traum, und der verflüchtigt sich immer mehr im Lauf der Jahre, von der Verwirklichung im politischen Bereich hin zur Literatur. Das heißt, dass ich einfach in dem Moment, in dem ich lese, in die Welt von Romanen einsteige und die Welt dort fühle, oder durch Kunst allgemein, dadurch, dass ich ins Theater latsche. Die andere Geschichte ist, dass wir gemerkt haben: Wenn wir aus den Frankfurter Spontikreisen und die anderen, die links waren, die Macht hätten, dann wird’s mit Sicherheit nicht besser werden, denn die eigene Qualifikation, das haben wir an der Organisation des Privatlebens gemerkt, ist ja nicht gerade bedeutend gewesen.«

gw: »Damit erübrigt sich auch die Frage, welchen Staat, auch von der Wirtschaftsform her, Sie eigentlich an die Stelle des alten Staates setzen wollten und wie er hätte funktionieren sollen …«

Beltz: »Ja, klugerweise haben wir auch gewusst, dass dies eine prozessuale Angelegenheit ist, dass erst etwas entstehen kann, wenn eine Mehrheit von Bevölkerung mitmacht. Ich habe nie so gedacht wie Rudi Dutschke und Rabehl, die haben im Kursbuch mal eine furchtbare Utopie entwickelt, 67 glaube ich, grauenhaft – die Arbeiter wohnen jetzt in der Fabrik und so’n Zeug. So furchtbare Vorstellungen habe ich nie gehabt.«

gw: »Haben Sie den Staat je gehasst? Haben Sie sich geschämt, Deutscher zu sein? Sie sind vaterlos aufgewachsen. Küchenpsychologisch ausgedrückt: Könnte es sein, dass Sie den nicht möglichen Hass auf den Vater auf den Staat übertragen haben? Oder ist das gar zu primitiv gedacht?«

Beltz: »Vielleicht war’s ja so primitiv, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Weil – alle Männer in unserer Familie waren entweder tot oder von etwas schwächlicher Figur. Zum Beispiel mein Onkel, der ist aus Gießen, der war bei der Gestapo gewesen, später bei der Gesundheitspolizei – aber der hatte halt in der Familie nichts zu sagen, meine Tante war viel kräftiger. Und insoweit hat sich der Hass nicht gegen die Familie gerichtet, sondern gegen die Nazis in der Regierung. Das Sichschämen, Deutscher zu sein, kenne ich vor allem aus dem Urlaub, wenn man in Italien oder Frankreich auf Teufel komm raus versucht hat, Englisch zu sprechen, und wenn man sich fürs Autoschild geschämt hat, das stimmt schon. Vor allem in Frankreich – aber … die haben’s grad nötig! -, hat man doch eine antideutsche Stimmung gespürt. Wenn man dann noch Filme gesehen hat mit Original-Bildern vom KZ, das hat einen schon ganz schön mitgenommen, dass Lehrer, Eltern, wer auch immer, das mehr oder weniger mitgemacht haben.«

gw: »Sind Sie ausländerfreundlich? Philosemitisch? Ich glaube, dass generelle Ausländer- und/oder Judenfreundlichkeit genauso krank und potenziell gemeingefährlich ist wie Ausländerfeindlichkeit oder Antisemitismus.«

Beltz: »Ich habe im letzten Herbst bei einer DKP-Veranstaltung in Gießen gesagt, man könnte ruhig mal im Ton ruppiger sein, wenn man zu jemandem >Türkensau< sagt, muss das nicht von Hause aus faschistisch sein. Da reagierten die teilweise sehr stinkig. Aber es gibt einfach Situationen, das kenne ich aus Frankfurt, dass eine Bande von jugendlichen Türken sich wie die Schweine benimmt, und man sagt nix, damit man von denen keine auf die Fratze kriegt. Doch das ist nur taktisch. Aber auch inhaltlich kann man das bestätigen. Ich weiß auch von meiner Herkunft her, als deutscher Protestant, dass ich antisemitisches Erbe in mir trage. Das ist alles nicht schlimm, denn ich mähe ja keine Leute um. Schlimm wird es nur, wenn man so tut, als wär‘ es nicht so, und von daher gebe ich Ihnen Recht: Der Philosemitismus oder die Verherrlichung von Ausländern ist vollkommen bescheuert. Ausländer haben genauso das Recht, Arschlöcher zu sein wie wir Deutsche, und sie sind’s ja auch oft genug.«

gw: »Haben Sie heutzutage bessere Laune als früher? Hätten Sie heute als Jugendlicher gute Laune, zum Beispiel im Osten?«

Beltz: »Die Geschichte mit der guten Laune – das ist halt teilweise mit Arbeit verbunden. Ich habe auch in Gießen gute Laune gehabt, habe dort Schönes erlebt, wir haben wunderbare Partys gefeiert, oder ich bin ins Theater gegangen und habe mir was angeguckt, was mir besonders gefallen hat. Wenn Gott die Stimmung nicht besser macht, muss man’s halt selber versuchen, ob das jetzt in der Ex-DDR ist oder sonstwo. So furchtbar schlecht geht’s denen auch nicht. Die müssen sich selbst um ihre gute Laune kümmern. Aber sie machen’s ja auch.«

gw: »Man sollte ja Lehren aus früherem Erleben ziehen. Zum Beispiel, die eigene Einstellung nicht zur moralischen Richtschnur zu machen, an der man andere misst. Es gibt nicht die gute Gewalt früher gegen Polizisten und die böse heute gegen Ausländer, sondern nur Gewalt. Vielleicht mit einem kleinen Unterschied: Wenn einer gegen alle kämpft, ist das wenigstens mutige Gewalt, aber alle gegen einen, das ist feige. Sollte man daher die in aller Regel unterlegene Demo-Gewalt vielleicht doch nicht mit neonazistischen Horden vergleichen, die Jagd auf Einzelne machen?«

Beltz: »Ich habe ein wunderbares Buch, das heißt >Randalierende Jugend<, und da geht es um Halbstarkenkrawalle in den fünfziger Jahren. Es gibt bei jugendlichen Rebellen immer ein randalierendes Element, ob das die Rock’n’Roll-Fans waren oder jetzt die rechten Jugendlichen. Es gibt eine Art der Diskussion – Jetzt haben wir die Schweine wieder definiert, das sind die Glatzköpfe -, die mir nicht gefällt, da mach‘ ich nicht mit. Da muss man differenzieren. Da gibt’s ein paar, die fahren auf Rechts ab, das ist auch nicht so tragisch, das ist noch lange nicht der tobende Faschismus. Und bei den anderen, ja, da muss die Polizei ihre Pflicht erfüllen, wie sie’s gegen uns auch gemacht hat. Mit dem Moralisieren, da gebe ich Ihnen grundsätzlich Recht. Moral ist `ne Geschichte, die ist sehr individuell, die muss man auch mit sich selbst austragen. Es gibt genügend politische und rechtliche Kriterien für das öffentliche Leben. Immer, wenn man mit Moralisieren anfängt, wird es eng und auch sehr . . . dumpf.«

gw: »Wir haben uns damals zu wichtig genommen, uns als Erfinder der Jugendlichkeit, der Menschlichkeit, des politischen Bewusstseins, der Moral angesehen, des richtigen eigenen Lebens im falschen Leben der anderen. Aber nicht diese alte Gesinnung sollte man bereuen, finde ich, sondern mal die alte, neue Selbstgerechtigkeit, dieses Sichallzuwichtignehmen hinterfragen, was auch heute noch vorherrscht.«

Beltz: »Bereuen tu ich gar nix, wenn’s um früher geht. Das, was Sie eben geschildert haben, ist eine Krankheit der Jugend, für die es aber ein Recht gibt. Man muss sich in dieser Welt – für einen selbst beginnt ja alles neu – erst mal mit den Normen auseinander setzen, das geht nur auf eine selbstgerechte Weise, sonst unterwirft man sich sofort. Wenn man diesen Gestus aber mit über 30 noch hat – dann wird’s reaktionär.«

gw: »Ich hatte schon zuvor die Vermutung, dass Sie nicht nur in dieser Beziehung eine Ausnahme unter der 68er-Regel sind. Auch deswegen hatte ich das Gespräch mit Ihnen gesucht. Ich glaube, ich habe mich nicht getäuscht.«

Beltz: »Danke für die Ausnahme. Jetzt bin ich wieder da, wo ich am Anfang war. Ich wollte doch nur dazugehören. Jetzt ham‘ wir den Salat. (gw)

 

 

Veröffentlicht von gw am 19. Juli 2018 .
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Alttag ist nie Alltag (Senioren-Journal vom 19. Mai 2018)

Die Leser der Allgemeinen kennen »gw« vor allem als »Anstoß«-Kolumnisten. Seit Gerd Steines sich von der Redaktion in den Ruhestand verabschiedet hat, lässt er uns an seinem »progressiven Alttag« teilhaben

Mein progressiver Alttag ist nie Alltag, sondern ein ständiger Ausnahmezustand. Er beginnt schon mit dem ersten Mausklick für diese Kolumne, denn der muss ein Doppel-Klick voran gehen. Was Jüngeren alltäglich leicht von der Hand geht, gerät der älteren Hand zum Wettkampf mit der Zeit. Ich muss ihn unbedingt gewinnen, um überhaupt mit dem Schreiben beginnen zu können.

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Sieg! Und das, obwohl die Runzelhand durch eine Arthrose im Daumengrundgelenk doppelt gehandicapt ist. Ein Erfolgserlebnis, um das mich Jüngere … nein, beneiden werden sie mich nicht. Aber ihr Mitleid will ich auch nicht. Außerdem doppelklicke ich bald schneller als jeder junge Nerd. Wenn das mit dem Zittern so weiter geht …

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Die alttägliche Diskriminierung dagegen ist eine alltägliche. Wie auf diesem Befund vom Augenarzt: »Cataracta senilis« und »Netzhaut-Degeneration«. Senil und degeneriert? Kann man das nicht etwas gerontophiler ausdrücken? Auch für die verdächtige Ausbeulung an meiner Schläfe hätte ich gerne einen weniger peinlichen Befund als die zwar beruhigende, aber überdeutlich deutsche »Alterswarze«.

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Ein anderes Altersproblem hatte ich nur in der Jugend. Was mache ich bloß, wenn die senile Kopfhaar-Degeneration beginnt? Lange und bange bildete ich mir ein, dass die Gene eines Neandertalers an meiner Kopfform mitmodelliert haben mussten. Zurückgehender Haaransatz würde diese Blöße gnadenlos aufdecken und mich zum Gespött machen, vor allem der Mädchen. Ich war mir sicher. Nun ist es soweit. Niemand spottet. Kein Mädchen kichert. Niemanden interessiert es. Nicht mal mich.

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Diese Art der Gelassenheit gehört zu den erfreulichen Vorteilen des Alters. Der junge Mensch ist eine offene Wunde, die beim alten längst vernarbt ist. Was aber nicht bedeutet, dass, wie ich irgendwo gelesen habe, das Erregungspotenzial im Alter schwindet. Im Gegenteil. Manchmal genügt bei mir ein einziges Wort, und ich errege mich in ohnmächtiger Wut. Sagen Sie jetzt bitte nicht »Trump«, sonst …

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Schon gut. Ich rege mich ab. Das alte HB-Männchen geht zwar noch an die Decke, kommt aber schneller runter. Auch das ein Vorteil des Alters: Man hat sich besser im Griff. Auch wenn’s innerlich brodelt.

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Was überhaupt braucht es, um gut zu altern? Darauf die französische Schriftstellerin Virginie Despentes im SZ-Interview: »Dass man früher dran denkt.« Was aber die wenigsten tun. Daher sind wir hier im Senioren-Journal auch unter uns. Oder liest die Jugend etwa mit? Falls ja – bitte melden!

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Auch ich habe erst spät daran gedacht. Doch schon der Slogan eines Haarwuchsmittels der 50er Jahre wusste: »Es ist nie zu spät und selten zu früh für … Diplona«, junge Neandertaler und alte Doppelklicker. (gw)

Veröffentlicht von gw am 18. Mai 2018 .
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Mein progressiver Alttag („Gießener Senioren-Journal“ vom 17. März)

Ich war schüchtern, und das bin ich bis heute. Ich bin 70, aber wenn ich einen Raum mit Menschen betrete, fühle ich mich immer noch wie das Kind oder der junge Mann von früher.
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Ich war schüchtern, und das bin ich bis heute ... schreibe ich über mich? Oder über Sie? Falls ja: Wir sind nicht allein! Denn mein progressiver Alttag begann heute nicht mit einem Bekenntnis von mir, sondern mit dem des Queen-Gitarristen Brian May in der Süddeutschen Zeitung.
Der alte Rock-Star lässt noch tiefer in seine, in meine, in Ihre (?) kindheitsgeprägte Seele blicken. Aber jetzt korrekt weiter zitiert, also mit den oben ausgelassenen Tüttelchen: »Ich stelle dauernd infrage, ob ich gerade das Richtige tue, am richtigen Ort bin, das Richtige sage. Ich bin jedes Mal überrascht, dass Leute mir mit Respekt begegnen.«
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Von Letzterem abgesehen – nicht mal mein Hund respektiert mich – kann ich Brian May bestätigen. Auch ich stelle mir immer häufiger die Frage, ob ich gerade am richtigen Ort bin. Wo bin ich hier überhaupt? Warum und wozu? Und wo habe ich mein Auto geparkt? Immerhin scheint jeder Aussetzer des Kurzzeitgedächtnisses seinem Langzeit-Kollegen einen Schubs zu geben. Es hilft mir zwar wenig, wenn mir nach Jahren wieder einfällt, wo ich heute geparkt habe, aber solch ein Schubs kann schwupps auch andere verstaubte Kopfschwupps … quatsch: Kopfschubladen öffnen. Wie vor ein paar Tagen, als Günter Netzer aus der Tiefe des Raumes kam und in der Zeit bekannte, nach sechs Bypässen sei er nur noch 1,78 Meter groß. »Zwei Zentimeter sind verloren gegangen«, ärgerte er sich. Ach, Herr Netzer, nicht die sechs Bypässe in der Brust haben Sie kleiner gemacht, sondern die sechzig Jahre, die Sie mehr auf dem Buckel haben, seitdem Sie sich selbst eingewechselt haben, damals, im Pokalfinale.
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Wie es der Zufall will, wurde ich kurz danach selbst vermessen, in der Arztpraxis bei einem Routinecheck. Ich dachte an Netzer, ahnte bang, dass auch ich geschrumpft bin … und schon öffnete sich quietschend eine dieser Kopfschubladen. Denn die Bangigkeit, ich kenne sie. Sie hatte mich schon mit 13 im Griff. Allerdings fürchtete ich nicht, zu schrumpfen, sondern panikte, wenn ich unter einem ganz bestimmten Straßenschild herging. Ich war eine 1,85 m lange Bohnenstange, das Schild ein paar Zentimeter höher, und ich schwor mir, mich umzubringen, sobald ich mit dem Kopf anstoßen würde. Denn 13, 1,85 und dazu rote Haare, das gab eine prima Zielscheibe ab. Und dann diese Sprüche: »Had dein Fadder Rost in de Flint?« Nichts war peinlicher, als die Eltern mit Sex in Verbindung zu bringen. Ich wusste, je länger ich würde, desto mehr Spott käme über mich. Daher gab mir der suizidale Vorsatz eine fast tröstliche Perspektive. Klingt lustig, war es aber nicht.
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Zum Glück hing ich auch in tiefster Pubertäts-Depression am Leben. Als es soweit war, ging ich ohne anzustoßen, weil listig seitlich abknickend, unter dem Schild hindurch. Die Angst vor dem Wachsen verwuchs sich, und bald grämte mich sogar, dass ich bei 1,96 hängen blieb. Mein bester Freund, 2,01 m lang, wusste, wie er mich ärgern konnte, und so nannte mich der Berliner gerne »meen Kleener«.
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Kopfschublade zu und zurück zur Vermessung in der Praxis. – MTA: »Wie groß sind Sie?«– Ich, trotzig: 1,96. Ich muss die Schuhe ausziehen, mich an die Wand stellen, ich strecke mich leicht auf die Zehen, die MTA greift nach oben, haut mir mit Kawumm eine Art Schublehre auf den Kopf, so dass ich einknicke und auf platten Füßen stehe. – MTA, triumphierend: »Von wegen 1,96 – Mehr als 1,89 sind nicht drin.«
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Sieben Zentimeter spurlos verschwunden! Von der Sonne weggeschrumpft? Weil ich ihr im Kampf gegen die Blässe der Rothaarigen jahrzehntelang tapfer den Kopf hingehalten habe? Exzessives Sonnenbaden rächt sich erst im progressiven Alttag. Nächster Arztbesuch, eine wachsende Schwellung am Kopf beunruhigt den alten Hypochonder. Beruhigende Diagnose: harmlose Alterswarze. Ich hätte mir ein weniger diskriminierendes Wort für diese Beule gewünscht, mit der »Alterswarze« kann ich niemanden beeindrucken.
Kleine sündige Gedanken bestraft der liebe Gott sofort, denn die Ärztin entdeckt an der Nase auch ein Basaliom. Da hatte ich den beeindruckenden Namen, zumal dahinter sogar das böse Wort »Krebs« lauert (»weißer Hautkrebs«). Aber auch der gilt als eher harmlos, er muss halt nur weg. Und so lief ich drei Mal tagelang mit einem beeindruckenden Nasenverband umher, denn so oft musste geschnippelt werden, bis alles Basaliomische verschwunden war. Wieder hagelte es Spott. »Wohl was auf die Nase gekriegt?« Großspurig gab ich Kontra: Nee, sonst würde ja der andere so aussehen.« Seitdem ist meine Nase nicht nur, wie fast immer, leicht verschnieft, sondern auch verschieft, aber niemandem fällt es auf. Als Teenie hätte ich mich nicht mehr auf die Straße getraut, aber, meine Alterskohorte weiß es, für unser bevorzugtes Geschlecht sind wir schon längst unsichtbar geworden. Man bzw. Mann bzw. alter Mann könnte mit dem Kopf unterm Arm über den Seltersweg gehen … und fällt nicht auf.
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Auf dem Seltersweg würde auch niemand sehen, ob ich Fusseln im Bauchnabel habe, denn bauchfreie Mode ist nicht mein Stil. In der Zeit lese ich, dass ein Forscher einmal den Ig-Nobel-Preis gewonnen hat, weil er nachwies, dass doppelt so viele Männer Fusseln im Bauchnabel haben wie Frauen. Grund: Die Fusseln wandern auf einem haarigen »snail train« nach oben, und Männer haben nun mal den behaarteren Bauch. Dieser Forscher reiht sich in eine illustre Schar von Ig-Nobel-Preisträgern ein. Einer hat aus dem Stuhl von Säuglingen Wurst hergestellt, andere entdeckten, dass Coca-Cola bei intravaginaler Zufuhr ein perfektes Verhütungsmittel ist und dass sich Heringe bei Gefahr durch unterschiedlich lautes Furzen verständigen.
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Seit dem Fussel-Preis von 2001 haben sich die »snail trails« grundlegend geändert. Glatte Bäuche bei Männlein und Weiblein, wohin man bei freier Sicht auch blickt. Nur wenige, vor allem ältere Männer, verweigern den Trend. Wie meine Fusselllage ist, will ich ihnen jetzt … ganz gewiss nicht verraten. So weit geht die Selbstentblößung in meinem progressiven Alttag nun doch nicht. (gw)

Veröffentlicht von gw am 15. März 2018 .
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Monotasking (Gießener Senioren-Journal vom 25 November 2017)

Zwanzig Jahre Senioren-Journal, ein stolzes Jubiläum. Alter, wie die Zeit vergeht! Auch jedes einzelne der fünf Jahre, seit denen ich aus meinem progressiven Alttag erzähle, ist schneller vergangen als früher ein Tag in den Sommerferien, die ewig dauerten. Um zu verstehen, dass die Zeit relativ ist, muss man kein Einstein sein. Nur alt.

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Aber auf dem Fahrrad bleibt das Tempo gleich. Gemütlich im Jubiläumsschnitt von   20 km/h. Dank Elektro-Motor. Vor fünf Jahren schaute ich mitleidig auf den Akku vorbei radelnder Senioren, dann schauten andere hämisch auf meinen, und mittlerweile schaut kaum noch einer, denn die »Stromer« werden immer zahlreicher und immer jünger. Schon gilt das Pedelec als »in«, und wir Alten waren die Trendsetter. Hipster wie du und ich.

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Wir werden immer jünger. Als hätten wir in Lucas von Cranachs Jungbrunnen gebadet. Übrigens ein fast 500 Jahre altes Beispiel der Diskriminierung. Von uns Männern. Auf Cranachs Bild baden nur Frauen. Eine allerdings hat den Badetag versäumt. Albrecht Dürers »Mutter«. Porträtiert als 62-Jährige, sieht sie so alt aus wie heute keine Hundertjährige. Demnächst sehen sogar 500-Jährige jünger aus als sie. Bill Maris hält das für möglich und zeigt sich selbst als Prototypen vor – der Gründer von Googles Calico-Projekt, das schon 1,5 Milliarden Dollar ins halb ewige Leben investiert hat, ist knapp 40 und sieht aus wie ein Twen. Maris ist auch Hobby-Zauberer und als solcher Experte für Sein und Schein. Was mich an den Diät-Guru Robert Atkins erinnert. Als er starb, wog er bei einer Größe von knapp 1,80 m 116 kg. Ein paar Wochen vor ihm starb Olivia Goldsmith, die Autorin des Romans »Der Club der Teufelinnen«, in dem sie den Wahn der Schönheitschirurgie ätzend veräppelt hatte. Mrs. Goldsmith verschied nach einer Schönheitsoperation … Fake, wohin man auch blickt.

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Vergessen wir die 500. Wäre ja auch schrecklich. Maris sollte sich ein anderes Ziel setzen. Ein ebenfalls ambitioniertes: Erst mal so alt werden und so aktiv bleiben wie die Mitarbeiter des Senioren-Journals. Und wie ihre Leser, oder? Danach sehen wir weiter.

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500? 100? In meinem progressiven Alttag beschäftigt mich eine andere Zahl. Eine krumme. Knapp 70,5. Mein Alter. Mit ihm sitze ich zwischen den Stühlen. Denn Gehirnforscher teilen uns auf in junge Alte (60 bis 70) und alte Alte (71 bis 80 Jahre). In einem Test (»anticipatory motor planning«), von dem die »Zeit« berichtet, fanden Forscher heraus, dass die Fähigkeit der Bewegungsplanung mit 60 langsam und mit über 70 rapide schwindet. Im Alltags-Alttag erkenne man das Manko an verlangsamten und unsicheren Bewegungsabläufen sowie am Unvermögen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

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O weh, Multitasking also. Darin war ich schon immer schlecht. Beim Autofahren werde es besonders deutlich, heißt es, denn alte Menschen würden, wenn sie beim Fahren reden müssten, verkehrsgefährdend langsam. Ich auch! Das gleichzeitige Reden und Fahren provoziere sogar unfallträchtige Lenkfehler, behauptet die Forschung. Womit ich meine ständige Beifahrerin nun immer auf das wissenschaftlich abgesicherte Schweigegebot hinweisen kann. Sonst … »Wo fährst DU denn hin?!«

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Auch bei einem anderen Alterstest sehe ich alt aus. Man geht aus dem Zimmer, betritt ein anderes … und hat schon vergessen, was man dort wollte. Dieser »Türrahmen-Effekt« erwischt mich in seiner verschärften Form: Da ich ihn kenne, nehme ich mir beim Hinausgehen vor, ja nicht zu vergessen, was ich mir vorgenommen habe … und weiß im nächsten Zimmer nur noch, dass ich mir vorgenommen habe, irgendetwas ja nicht zu vergessen. Nur – was? Zum Glück funktioniert bei mir der »Türrahmen-Effekt« auch andersrum: Zurück ins Zimmer gehen aus dem ich gekommen bin, schon weiß ich’s wieder.

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Türrahmen und Multitasking lassen mich befürchten, dass ich schon zu den alten Alten zähle. Aber was ist mit den über 80-Jährigen? Diese ständig wachsende Alters-Kohorte taucht beim Test der Gehirnforscher gar nicht mehr auf. Typischer Fall von »Ageismus«? Darunter versteht man, erläutert das Bremer Gender Institut, »Altersfeindlichkeit als Form sozialer und ökonomischer Diskriminierung«, die zur »gesellschaftlichen Ausgrenzung« führe.

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Ja, auch ich werde diskriminiert! Von Mädchen und Frauen. Wenn sie mir auf dem Seltersweg entgegen kommen und mit leerem Blick durch mich hindurch sehen … aber ich will mich nicht beschweren. Dieses Phänomen der Unsichtbarkeit ist kein spezifisch altmännliches, darüber klagen ja auch unsere besseren Hälften.

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Noch mal zu den über 80-Jährigen. Dass sie beim Alters-Test nicht mehr vorkommen, liegt womöglich nicht am Ageismus der Forscher, sondern an einer wundersamen Verwandlung. Gibt es Cranachs Jungbrunnen vielleicht doch auch für Männer? Mit kleiner Nebenwirkung allerdings, denke ich, als ich im »Spiegel« die Überschrift eines Interviews mit einer Psychologin lese: »Die neue Frau ist der alte Mann.«

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Spaß beiseite. Gemeint ist, dass sich selbstbewusste moderne Frauen ähnlich verhalten wie der alte Adam. Es gibt also keine Wundermittel gegen das Altern, Jungbrunnen ade. Aber nur keine Bange vor dem Altwerden! Der wunderbare Schauspieler Joachim Król nimmt uns (im chrismon-Interview) die Angst: »Älter werden ist wie atmen, es passiert einfach, und wenn es nicht mehr passiert, wird man auch nicht mehr älter.«

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Dennoch schadet es nicht, wenn man ein bisschen gegensteuert. Durch Multitasking-Training. Zum Beispiel, indem ich während des Schreibens singe. Mal versuchen: »Man müsste noch mal zwnsich seyn unt soh veli… – »Was schreibst DU denn da!?«

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Ach was. Ich möchte nicht noch mal zwanzig sein, und verliebt bin ich sowieso noch. Egal ob als junger oder alter Alter, ob davor oder danach. Immer in die selbe Frau. Auch Monotasking hält jung. (gw)

 

 

Veröffentlicht von gw am 24. November 2017 .
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Baumhausbeichte - Novelle