Archiv für die Kategorie »gw-Beiträge Kultur«

Nach-Lese (Am Sattel riechende Berglöwinnen/3. Juli 2010)

Eine pointierte, satirische, polemische und/oder ironische Kolumne wird »Glosse« genannt, was vom griechischen »glossa« kommt und »Sprache« oder »Zunge« bedeutet. Glossieren bedeutete ursprünglich aber auch, Texte anderer mit Anmerkungen über oder zwischen den Absätzen zu versehen. Sie lesen nun eine Glosse. Es ist die beste Glosse Deutschlands. Wetten!?

Um die Wette zu gewinnen, darf der »Nach-Lese«-Autor nur »glossieren« und muss den Text anderen überlassen – den vier besten Kolumnisten des Landes. Den vier Besten? Subjektiver geht’s wohl nicht? Stimmt. Macht’s was? Ja. Spaß.

Veröffentlicht von gw am 2. Juli 2010 .
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Nach-Lese (Fußball in Überammergau/12.6.10)

Der Ball rollt. Weil er rund ist. Manchmal springt er auch. Weil ein Frosch drinsteckt. Mehr müssten Nichtfußballer nicht wissen. Wollen sie aber. Immer, wenn WM ist. Und dann schlägt die Stunde der Teilzeit-Liebhaber, der echten Amateure (ital. »dilettanti«) aus den Bundesligen deutscher Hochkultur. Sie ziehen auch den Fußball nach oben, in überhöhte Räume, eben dorthin, wo sie sich am wohlsten fühlen. Avanti dilettanti!

Veröffentlicht von gw am 11. Juni 2010 .
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Nach-Lese vom 5. Juni 2010 (Einstellpause)

Endlich! An unseren Bahnhöfen sollen wir nicht mehr »Bahnhof« verstehen, sondern statt »Service Point«, »Call a bike« oder »Counter« wieder die altdeutschen Bezeichnungen lesen und hören, die wir fast schon vergessen haben. Meldet Bild und beruft sich auf Verkehrsminister Ramsauer. Für die Fundamentalisten vom Verein Deutsche Sprache gehören Anglizismen wie »Service Point« sogar zur »Affensprache«, denn sie kennzeichnen, so ihr Vereinsblatt Deutsche Sprachwelt, einen verhängnisvollen Trend hin zu »Gestik und Grunzen«.

Veröffentlicht von gw am 4. Juni 2010 .
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Nach-Lese (Druck auf Papier/24. April 2010)

Was soll diese Überschrift? »Druck und Papier«, das kannten wir, mit »IG« davor. Heißt heute »ver.di«. Aber »Druck auf Papier«? Scheinbar viel zu simpel, zumal im gediegenen Kultur-Ressort, um eine gute Schlagzeile zu sein. Ähnlich banal wie »Butter auf Brot«. Aber gerade die Butter wollen sie uns ja vom Brot nehmen! Denn – Schlagzeilen sind immer Ellipsen (»Feuer!«), also Verkürzungen längerer Sätze (»Hier brennt ein Feuer, bitte helfen Sie!«) – in unserer Print-Branche brennt es in der Tat: Der Druck auf Papier nimmt zu, weil der Druck auf Papier abnimmt.

Veröffentlicht von gw am 23. April 2010 .
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Klappentext (17. 4. 2010)

Wenn Schriftsteller Tagebuch schreiben, blicken wir ihnen lesend über die Schulter und glauben, in ihr Herz schauen zu können. Durch diese Illusion, denn es ist eine solche (der Autor weiß: Leser liest mit, und wenn’s erst nach meinem Tod ist), finden Tagebücher großer Literaten oft mehr Leser als manche ihrer Romane. Obwohl die Romane meist sehr viel Intimeres verraten.
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»Morgens lüge ich. Mittags sage ich die Unwahrheit. Abends erfinde ich etwas Passendes. So komme ich ganz gut durch.« (Martin Walser, Tagebücher 1951-1962).
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»Lange hat Günter Grass überlegt, wie er möglichst viele Menschen dazu bringen könnte, seine Lebenserinnerungen zu kaufen. Da fiel ihm glücklicherweise ein, dass er mal Mitglied der Waffen-SS war. Das könnte Walser nur noch übertreffen, wenn er bekennt, seinen Müll nicht zu trennen«, lästert der große Spötter Hans Zippert in der »Welt«. Solch ein fieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit würde sich Walser nun wohl doch nicht leisten, wie wir hoffen, aber er hat schon früh bekannt, nationale Triumphe mit der Hitlerjugend gefeiert zu haben – als HJ-Reichsmeister im Marine-Signalwinken. Wirklich!
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Ein dritter großer Bekenner, Walter Kempowski, hatte an einem Gespräch mit Grass oder Walser, überhaupt kein Interesse: »Ich bin Antialkoholiker, ich rauche nicht, ich hure nicht. Also, was soll ich mit den alten Herren noch reden?« – Kempowski (Jahrgang 1929) ist tot, gestorben mit 78, Grass und Walser (beide Jahrgang 1927) leben. Putzmunter.
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Nun ja, Kempowski war Nichtsportler, Grass tanzt, Walser schwimmt. Im Bodensee, täglich: »Nur kraulen. Aber das liegt daran, dass ich keinen Hals habe. Wenn ich einen hätte, dann würde ich auch brustschwimmen. Nein, wirklich wahr. Ich kraule jeden Morgen etwa vierzig Minuten« (SZ-Magazin). Und im Tagebuch notiert Walser akribisch, wie weit er täglich kommt.
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Schöne Walser Sätze: »Offenbar ist jeder Mann eine Parodie des Männlichen« (in »Meßmers Reisen«). – »Schreiben bedeutet für mich, etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist« (im aktuellen »Spiegel«-Interview). – »Heilandzack, dieses Gießen!« (lässt er in »Seelenarbeit« den Chauffeur Xaver Zürn erstaunt ausrufen).
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Heilandzack, dieser Walser!
(gw)

Veröffentlicht von gw am 16. April 2010 .
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Mittelhessenkrimi von gw