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Alttag ist nie Alltag (Senioren-Journal vom 19. Mai 2018)

Die Leser der Allgemeinen kennen »gw« vor allem als »Anstoß«-Kolumnisten. Seit Gerd Steines sich von der Redaktion in den Ruhestand verabschiedet hat, lässt er uns an seinem »progressiven Alttag« teilhaben

Mein progressiver Alttag ist nie Alltag, sondern ein ständiger Ausnahmezustand. Er beginnt schon mit dem ersten Mausklick für diese Kolumne, denn der muss ein Doppel-Klick voran gehen. Was Jüngeren alltäglich leicht von der Hand geht, gerät der älteren Hand zum Wettkampf mit der Zeit. Ich muss ihn unbedingt gewinnen, um überhaupt mit dem Schreiben beginnen zu können.

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Sieg! Und das, obwohl die Runzelhand durch eine Arthrose im Daumengrundgelenk doppelt gehandicapt ist. Ein Erfolgserlebnis, um das mich Jüngere … nein, beneiden werden sie mich nicht. Aber ihr Mitleid will ich auch nicht. Außerdem doppelklicke ich bald schneller als jeder junge Nerd. Wenn das mit dem Zittern so weiter geht …

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Die alttägliche Diskriminierung dagegen ist eine alltägliche. Wie auf diesem Befund vom Augenarzt: »Cataracta senilis« und »Netzhaut-Degeneration«. Senil und degeneriert? Kann man das nicht etwas gerontophiler ausdrücken? Auch für die verdächtige Ausbeulung an meiner Schläfe hätte ich gerne einen weniger peinlichen Befund als die zwar beruhigende, aber überdeutlich deutsche »Alterswarze«.

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Ein anderes Altersproblem hatte ich nur in der Jugend. Was mache ich bloß, wenn die senile Kopfhaar-Degeneration beginnt? Lange und bange bildete ich mir ein, dass die Gene eines Neandertalers an meiner Kopfform mitmodelliert haben mussten. Zurückgehender Haaransatz würde diese Blöße gnadenlos aufdecken und mich zum Gespött machen, vor allem der Mädchen. Ich war mir sicher. Nun ist es soweit. Niemand spottet. Kein Mädchen kichert. Niemanden interessiert es. Nicht mal mich.

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Diese Art der Gelassenheit gehört zu den erfreulichen Vorteilen des Alters. Der junge Mensch ist eine offene Wunde, die beim alten längst vernarbt ist. Was aber nicht bedeutet, dass, wie ich irgendwo gelesen habe, das Erregungspotenzial im Alter schwindet. Im Gegenteil. Manchmal genügt bei mir ein einziges Wort, und ich errege mich in ohnmächtiger Wut. Sagen Sie jetzt bitte nicht »Trump«, sonst …

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Schon gut. Ich rege mich ab. Das alte HB-Männchen geht zwar noch an die Decke, kommt aber schneller runter. Auch das ein Vorteil des Alters: Man hat sich besser im Griff. Auch wenn’s innerlich brodelt.

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Was überhaupt braucht es, um gut zu altern? Darauf die französische Schriftstellerin Virginie Despentes im SZ-Interview: »Dass man früher dran denkt.« Was aber die wenigsten tun. Daher sind wir hier im Senioren-Journal auch unter uns. Oder liest die Jugend etwa mit? Falls ja – bitte melden!

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Auch ich habe erst spät daran gedacht. Doch schon der Slogan eines Haarwuchsmittels der 50er Jahre wusste: »Es ist nie zu spät und selten zu früh für … Diplona«, junge Neandertaler und alte Doppelklicker. (gw)

Veröffentlicht von gw am 18. Mai 2018 .
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Mein progressiver Alttag (“Gießener Senioren-Journal” vom 17. März)

Ich war schüchtern, und das bin ich bis heute. Ich bin 70, aber wenn ich einen Raum mit Menschen betrete, fühle ich mich immer noch wie das Kind oder der junge Mann von früher.
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Ich war schüchtern, und das bin ich bis heute ... schreibe ich über mich? Oder über Sie? Falls ja: Wir sind nicht allein! Denn mein progressiver Alttag begann heute nicht mit einem Bekenntnis von mir, sondern mit dem des Queen-Gitarristen Brian May in der Süddeutschen Zeitung.
Der alte Rock-Star lässt noch tiefer in seine, in meine, in Ihre (?) kindheitsgeprägte Seele blicken. Aber jetzt korrekt weiter zitiert, also mit den oben ausgelassenen Tüttelchen: »Ich stelle dauernd infrage, ob ich gerade das Richtige tue, am richtigen Ort bin, das Richtige sage. Ich bin jedes Mal überrascht, dass Leute mir mit Respekt begegnen.«
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Von Letzterem abgesehen – nicht mal mein Hund respektiert mich – kann ich Brian May bestätigen. Auch ich stelle mir immer häufiger die Frage, ob ich gerade am richtigen Ort bin. Wo bin ich hier überhaupt? Warum und wozu? Und wo habe ich mein Auto geparkt? Immerhin scheint jeder Aussetzer des Kurzzeitgedächtnisses seinem Langzeit-Kollegen einen Schubs zu geben. Es hilft mir zwar wenig, wenn mir nach Jahren wieder einfällt, wo ich heute geparkt habe, aber solch ein Schubs kann schwupps auch andere verstaubte Kopfschwupps … quatsch: Kopfschubladen öffnen. Wie vor ein paar Tagen, als Günter Netzer aus der Tiefe des Raumes kam und in der Zeit bekannte, nach sechs Bypässen sei er nur noch 1,78 Meter groß. »Zwei Zentimeter sind verloren gegangen«, ärgerte er sich. Ach, Herr Netzer, nicht die sechs Bypässe in der Brust haben Sie kleiner gemacht, sondern die sechzig Jahre, die Sie mehr auf dem Buckel haben, seitdem Sie sich selbst eingewechselt haben, damals, im Pokalfinale.
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Wie es der Zufall will, wurde ich kurz danach selbst vermessen, in der Arztpraxis bei einem Routinecheck. Ich dachte an Netzer, ahnte bang, dass auch ich geschrumpft bin … und schon öffnete sich quietschend eine dieser Kopfschubladen. Denn die Bangigkeit, ich kenne sie. Sie hatte mich schon mit 13 im Griff. Allerdings fürchtete ich nicht, zu schrumpfen, sondern panikte, wenn ich unter einem ganz bestimmten Straßenschild herging. Ich war eine 1,85 m lange Bohnenstange, das Schild ein paar Zentimeter höher, und ich schwor mir, mich umzubringen, sobald ich mit dem Kopf anstoßen würde. Denn 13, 1,85 und dazu rote Haare, das gab eine prima Zielscheibe ab. Und dann diese Sprüche: »Had dein Fadder Rost in de Flint?« Nichts war peinlicher, als die Eltern mit Sex in Verbindung zu bringen. Ich wusste, je länger ich würde, desto mehr Spott käme über mich. Daher gab mir der suizidale Vorsatz eine fast tröstliche Perspektive. Klingt lustig, war es aber nicht.
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Zum Glück hing ich auch in tiefster Pubertäts-Depression am Leben. Als es soweit war, ging ich ohne anzustoßen, weil listig seitlich abknickend, unter dem Schild hindurch. Die Angst vor dem Wachsen verwuchs sich, und bald grämte mich sogar, dass ich bei 1,96 hängen blieb. Mein bester Freund, 2,01 m lang, wusste, wie er mich ärgern konnte, und so nannte mich der Berliner gerne »meen Kleener«.
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Kopfschublade zu und zurück zur Vermessung in der Praxis. – MTA: »Wie groß sind Sie?«– Ich, trotzig: 1,96. Ich muss die Schuhe ausziehen, mich an die Wand stellen, ich strecke mich leicht auf die Zehen, die MTA greift nach oben, haut mir mit Kawumm eine Art Schublehre auf den Kopf, so dass ich einknicke und auf platten Füßen stehe. – MTA, triumphierend: »Von wegen 1,96 – Mehr als 1,89 sind nicht drin.«
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Sieben Zentimeter spurlos verschwunden! Von der Sonne weggeschrumpft? Weil ich ihr im Kampf gegen die Blässe der Rothaarigen jahrzehntelang tapfer den Kopf hingehalten habe? Exzessives Sonnenbaden rächt sich erst im progressiven Alttag. Nächster Arztbesuch, eine wachsende Schwellung am Kopf beunruhigt den alten Hypochonder. Beruhigende Diagnose: harmlose Alterswarze. Ich hätte mir ein weniger diskriminierendes Wort für diese Beule gewünscht, mit der »Alterswarze« kann ich niemanden beeindrucken.
Kleine sündige Gedanken bestraft der liebe Gott sofort, denn die Ärztin entdeckt an der Nase auch ein Basaliom. Da hatte ich den beeindruckenden Namen, zumal dahinter sogar das böse Wort »Krebs« lauert (»weißer Hautkrebs«). Aber auch der gilt als eher harmlos, er muss halt nur weg. Und so lief ich drei Mal tagelang mit einem beeindruckenden Nasenverband umher, denn so oft musste geschnippelt werden, bis alles Basaliomische verschwunden war. Wieder hagelte es Spott. »Wohl was auf die Nase gekriegt?« Großspurig gab ich Kontra: Nee, sonst würde ja der andere so aussehen.« Seitdem ist meine Nase nicht nur, wie fast immer, leicht verschnieft, sondern auch verschieft, aber niemandem fällt es auf. Als Teenie hätte ich mich nicht mehr auf die Straße getraut, aber, meine Alterskohorte weiß es, für unser bevorzugtes Geschlecht sind wir schon längst unsichtbar geworden. Man bzw. Mann bzw. alter Mann könnte mit dem Kopf unterm Arm über den Seltersweg gehen … und fällt nicht auf.
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Auf dem Seltersweg würde auch niemand sehen, ob ich Fusseln im Bauchnabel habe, denn bauchfreie Mode ist nicht mein Stil. In der Zeit lese ich, dass ein Forscher einmal den Ig-Nobel-Preis gewonnen hat, weil er nachwies, dass doppelt so viele Männer Fusseln im Bauchnabel haben wie Frauen. Grund: Die Fusseln wandern auf einem haarigen »snail train« nach oben, und Männer haben nun mal den behaarteren Bauch. Dieser Forscher reiht sich in eine illustre Schar von Ig-Nobel-Preisträgern ein. Einer hat aus dem Stuhl von Säuglingen Wurst hergestellt, andere entdeckten, dass Coca-Cola bei intravaginaler Zufuhr ein perfektes Verhütungsmittel ist und dass sich Heringe bei Gefahr durch unterschiedlich lautes Furzen verständigen.
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Seit dem Fussel-Preis von 2001 haben sich die »snail trails« grundlegend geändert. Glatte Bäuche bei Männlein und Weiblein, wohin man bei freier Sicht auch blickt. Nur wenige, vor allem ältere Männer, verweigern den Trend. Wie meine Fusselllage ist, will ich ihnen jetzt … ganz gewiss nicht verraten. So weit geht die Selbstentblößung in meinem progressiven Alttag nun doch nicht. (gw)

Veröffentlicht von gw am 15. März 2018 .
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Monotasking (Gießener Senioren-Journal vom 25 November 2017)

Zwanzig Jahre Senioren-Journal, ein stolzes Jubiläum. Alter, wie die Zeit vergeht! Auch jedes einzelne der fünf Jahre, seit denen ich aus meinem progressiven Alttag erzähle, ist schneller vergangen als früher ein Tag in den Sommerferien, die ewig dauerten. Um zu verstehen, dass die Zeit relativ ist, muss man kein Einstein sein. Nur alt.

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Aber auf dem Fahrrad bleibt das Tempo gleich. Gemütlich im Jubiläumsschnitt von   20 km/h. Dank Elektro-Motor. Vor fünf Jahren schaute ich mitleidig auf den Akku vorbei radelnder Senioren, dann schauten andere hämisch auf meinen, und mittlerweile schaut kaum noch einer, denn die »Stromer« werden immer zahlreicher und immer jünger. Schon gilt das Pedelec als »in«, und wir Alten waren die Trendsetter. Hipster wie du und ich.

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Wir werden immer jünger. Als hätten wir in Lucas von Cranachs Jungbrunnen gebadet. Übrigens ein fast 500 Jahre altes Beispiel der Diskriminierung. Von uns Männern. Auf Cranachs Bild baden nur Frauen. Eine allerdings hat den Badetag versäumt. Albrecht Dürers »Mutter«. Porträtiert als 62-Jährige, sieht sie so alt aus wie heute keine Hundertjährige. Demnächst sehen sogar 500-Jährige jünger aus als sie. Bill Maris hält das für möglich und zeigt sich selbst als Prototypen vor – der Gründer von Googles Calico-Projekt, das schon 1,5 Milliarden Dollar ins halb ewige Leben investiert hat, ist knapp 40 und sieht aus wie ein Twen. Maris ist auch Hobby-Zauberer und als solcher Experte für Sein und Schein. Was mich an den Diät-Guru Robert Atkins erinnert. Als er starb, wog er bei einer Größe von knapp 1,80 m 116 kg. Ein paar Wochen vor ihm starb Olivia Goldsmith, die Autorin des Romans »Der Club der Teufelinnen«, in dem sie den Wahn der Schönheitschirurgie ätzend veräppelt hatte. Mrs. Goldsmith verschied nach einer Schönheitsoperation … Fake, wohin man auch blickt.

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Vergessen wir die 500. Wäre ja auch schrecklich. Maris sollte sich ein anderes Ziel setzen. Ein ebenfalls ambitioniertes: Erst mal so alt werden und so aktiv bleiben wie die Mitarbeiter des Senioren-Journals. Und wie ihre Leser, oder? Danach sehen wir weiter.

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500? 100? In meinem progressiven Alttag beschäftigt mich eine andere Zahl. Eine krumme. Knapp 70,5. Mein Alter. Mit ihm sitze ich zwischen den Stühlen. Denn Gehirnforscher teilen uns auf in junge Alte (60 bis 70) und alte Alte (71 bis 80 Jahre). In einem Test (»anticipatory motor planning«), von dem die »Zeit« berichtet, fanden Forscher heraus, dass die Fähigkeit der Bewegungsplanung mit 60 langsam und mit über 70 rapide schwindet. Im Alltags-Alttag erkenne man das Manko an verlangsamten und unsicheren Bewegungsabläufen sowie am Unvermögen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

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O weh, Multitasking also. Darin war ich schon immer schlecht. Beim Autofahren werde es besonders deutlich, heißt es, denn alte Menschen würden, wenn sie beim Fahren reden müssten, verkehrsgefährdend langsam. Ich auch! Das gleichzeitige Reden und Fahren provoziere sogar unfallträchtige Lenkfehler, behauptet die Forschung. Womit ich meine ständige Beifahrerin nun immer auf das wissenschaftlich abgesicherte Schweigegebot hinweisen kann. Sonst … »Wo fährst DU denn hin?!«

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Auch bei einem anderen Alterstest sehe ich alt aus. Man geht aus dem Zimmer, betritt ein anderes … und hat schon vergessen, was man dort wollte. Dieser »Türrahmen-Effekt« erwischt mich in seiner verschärften Form: Da ich ihn kenne, nehme ich mir beim Hinausgehen vor, ja nicht zu vergessen, was ich mir vorgenommen habe … und weiß im nächsten Zimmer nur noch, dass ich mir vorgenommen habe, irgendetwas ja nicht zu vergessen. Nur – was? Zum Glück funktioniert bei mir der »Türrahmen-Effekt« auch andersrum: Zurück ins Zimmer gehen aus dem ich gekommen bin, schon weiß ich’s wieder.

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Türrahmen und Multitasking lassen mich befürchten, dass ich schon zu den alten Alten zähle. Aber was ist mit den über 80-Jährigen? Diese ständig wachsende Alters-Kohorte taucht beim Test der Gehirnforscher gar nicht mehr auf. Typischer Fall von »Ageismus«? Darunter versteht man, erläutert das Bremer Gender Institut, »Altersfeindlichkeit als Form sozialer und ökonomischer Diskriminierung«, die zur »gesellschaftlichen Ausgrenzung« führe.

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Ja, auch ich werde diskriminiert! Von Mädchen und Frauen. Wenn sie mir auf dem Seltersweg entgegen kommen und mit leerem Blick durch mich hindurch sehen … aber ich will mich nicht beschweren. Dieses Phänomen der Unsichtbarkeit ist kein spezifisch altmännliches, darüber klagen ja auch unsere besseren Hälften.

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Noch mal zu den über 80-Jährigen. Dass sie beim Alters-Test nicht mehr vorkommen, liegt womöglich nicht am Ageismus der Forscher, sondern an einer wundersamen Verwandlung. Gibt es Cranachs Jungbrunnen vielleicht doch auch für Männer? Mit kleiner Nebenwirkung allerdings, denke ich, als ich im »Spiegel« die Überschrift eines Interviews mit einer Psychologin lese: »Die neue Frau ist der alte Mann.«

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Spaß beiseite. Gemeint ist, dass sich selbstbewusste moderne Frauen ähnlich verhalten wie der alte Adam. Es gibt also keine Wundermittel gegen das Altern, Jungbrunnen ade. Aber nur keine Bange vor dem Altwerden! Der wunderbare Schauspieler Joachim Król nimmt uns (im chrismon-Interview) die Angst: »Älter werden ist wie atmen, es passiert einfach, und wenn es nicht mehr passiert, wird man auch nicht mehr älter.«

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Dennoch schadet es nicht, wenn man ein bisschen gegensteuert. Durch Multitasking-Training. Zum Beispiel, indem ich während des Schreibens singe. Mal versuchen: »Man müsste noch mal zwnsich seyn unt soh veli… – »Was schreibst DU denn da!?«

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Ach was. Ich möchte nicht noch mal zwanzig sein, und verliebt bin ich sowieso noch. Egal ob als junger oder alter Alter, ob davor oder danach. Immer in die selbe Frau. Auch Monotasking hält jung. (gw)

 

 

Veröffentlicht von gw am 24. November 2017 .
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Mein progressiver Alttag (Gießener Seniorenjournal vom 23. September)

Bei der Wahl der Qual haben wir die Qual der Wahl. In meinem, in unserem progressiven Alttag aber nicht. Da gibt es keine Alternative. Die einzig mögliche haben wir längst verpasst: »Only the good die young.« Sang Billy Joel. Für mich der bessere Elton John.
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Beinahe hätte ich es geschafft, die Sache mit dem frühen Sterben. Denn bei Mutproben packte mich immer der Ehrgeiz. »Ich wette, du traust dich nicht …« – und schon traute ich mich. Zum Beispiel beim ersten zarten Überfrieren der Lahn. Wer wagt sich aufs knisternde Eishäutchen? Na klar, ich. Stolz erzählte ich es abends dem Vater. Da setzte es die erste und einzige Tracht Prügel. Oder die Sache mit dem Pinkeln. Auf die Stromleitung. »Ich wette, du traust dich nicht!« Im letzten Moment riss mich einer der Älteren zurück. »Bist du verrückt? Du kriegst einen Schlag und bist tot!« – Stimmt das? Ich weiß es bis heute nicht.
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Mit diesem Nichtwissen bin ich alt geworden. Was immerhin auch eine Leistung ist, denn jung ist jeder mal. Alt nicht. Das ist »ein verfluchtes Privileg«, sagt Martin Suter im taz-Interview. Aussagen wie diese des Schweizer Autors über das Alter und das Altern habe ich seit der letzten »Alttag«-Kolumne im Mai gesammelt. Nicht die alten Schoten wie die von der Hollywood-Diva Mae West (»Alt werden ist nichts für Feiglinge«), die haben sooo’n Bart, sondern Frisches, Inspirierendes. Wie das Rezept des in Fachkreisen legendären »Yello«-Musikers Dieter Meier: »Eine große Portion Selbstironie hilft schon sehr, diesen kurzen Besuch auf dem Planeten, diese paar zehntausend Tage Leben, die wir haben, als eine Art ›Holiday from being dead‹ zu sehen. Aus dieser Grundhaltung strahlt dann ein Gesicht eine gewisse Fröhlichkeit und Gelassenheit aus« (Quelle: FR).
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Die Grundhaltung des Musiker-Kollegen Josef Bulva ist eine ganz andere, und die strahlt der Konzertpianist im SZ-Interview auch bitterböse aus: »Das Alter ist eine harte Schule, selbst wenn man nicht hingehen will. Eine Strafe dafür, dass man nicht verstorben ist.« Tja, der grimmige alte Mann hat wohl zu oft die Schule geschwänzt, würde mein Lieblingsmaler sagen, denn: »Die Leute, die nicht zu altern verstehen, sind die gleichen, die nicht verstanden haben, jung zu sein« (Marc Chagall).
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Ich blättere in den gesammelten Zitaten und merke: Frisches, Inspirierendes ist leider die Ausnahme. Die meisten prominent Interviewten sehen das Alter so wie die Schriftstellerin Ruth Klüger: »Schlafen gehen, aufwachen, Zähne putzen, duschen, abtrocknen, essen müssen, trinken müssen – was soll das alles? Immer das Gleiche, außer, dass es anstrengender wird. Das müsste eigentlich aufhören, denkt man sich« (Quelle: SZ-Magazin).
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Nein, nein, nein! Bevor mich die Promis runterziehen konnten, ging ich zu einem sehr alten runden Geburtstag. Er begann mit einem Sektempfang. Anschließend verputzte jeder Gast einen großen Salat- und Obstteller. Es folgte ein sehr deutsches Mittagessen mit Schweinebraten, Salzkartoffeln und Blumenkohl. Mit Nachschlag für alle, auch beim Schweinebraten. Zum Nachtisch ein großes Eis mit Erdbeeren und Sahne. Nahtlos ging es über zum Kaffee mit diversen Kuchen- und Tortenplatten. Zwischendurch machten einige der Greise (und vor allem der Greisinnen!) ein Zigarettenpäuschen. Ich war baff und platt und pappsatt, obwohl ich vergleichsweise nur wie ein Mäuschen knabberte und nippte. Scheint was dran zu sein am Spruch vom Essen als Sex des Alters. Mit der Fluppe als Quickie zwischendurch.
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Ist Ihnen das Sex-Geschwafel peinlich? Mir nicht. Es ist ja auch ein Vorteil des Alters, dass einem nichts mehr peinlich sein muss. Die peinlichste Situation meines Lebens habe ich sowieso schon lange hinter mir. Ich war zwölf, hatte mir beim Fußballspielen den Mittelfuß gebrochen und kam ins Krankenhaus. Drei Tage lag ich dort, bis die Schwellung zurückgegangen war und der Gips angelegt werden konnte. Drei Tage, in denen ich mir das große Geschäft verkniff, da es im Bett verrichtet werden musste. Drei Tage, in denen es mir im Krankenzimmer, einer Art Großraumbüro hinfälliger alter Männer, immer gruseliger wurde. Einer hatte die Beinprothese neben dem Bett stehen, ein anderer rotzte unentwegt in den Spucknapf, ein Dritter zeigte mir stolz seinen Leistenbruch, der wie ein drittes Bein zwischen den beiden regulären lag. Drei Tage, bis eine Krankenschwester fragte: Wer hatte keinen Stuhlgang? Als ehrlicher Junge meldete ich mich. Obwohl ich doch so sehr musste. Nichtsahnend. Ich bekam einen Einlauf verpasst und ein »U-Boot« untergelegt. Kurz darauf ging die Tür auf. Eine junge Frau kam herein. Sehr, sehr hübsch. Mit dem Staubsauger. Begann zu saugen. Und in mir brodelte und toste es. Kurz und schlecht: Das Gewitter brach aus, und bevor ich peinsamkeitsgeplagt die Augen schloss und den Kopf zur Wand drehte, sah ich noch, wie sie sich ratlos zum Staubsauger bückte. Dachte sie, der Motor sei explodiert?
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Auch das werde ich nie erfahren. Aber halt, die Sache mit dem Schlag, den man angeblich bekommt, wenn man auf eine Stromleitung pinkelt, ist mittlerweile geklärt, lese ich in der Zeit. Urin leite zwar, heißt es, aufgrund der enthaltenen Salze den Strom hervorragend, aber da der Strahl sich schon in kurzer Entfernung von der Quelle in einzelne Tröpfchen auflöse, gebe es keinen zusammenhängenden Leiter mehr, folglich könne kein Strom fließen. Dennoch würde ich keinem Jungen raten, die Probe aufs Exempel zu machen. Der junge Strahl trägt noch zu weit. Nur wir alten Männer können gefahrlos an jede Stromleitung pinkeln. Tröpfchen für Tröpfchen.
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Zurück zum Geburtstag. Beim Abschied packte einer der fröhlichen Esser schraubstockartig meine Hand, zerdrückte sie fast und fragte, unentwegt meine Hand schüttelnd, wie alt ich sei. Ich: 70. Er hohnlachte, ich Kind sei 23 Jahre jünger als er. In dem Moment fühlte ich mich mindestens 23 Jahre älter.
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Mit einer Portion Selbstironie zu einer gewissen Fröhlichkeit und Gelassenheit zu kommen, das ist mir bei und mit dem Schreiben dieser Alttag-Kolumne gelungen. Es wäre schön, wenn Ihnen das auch beim Lesen gelungen sein sollte.
gw

Veröffentlicht von gw am 22. September 2017 .
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Parmesan und Pedelec (“Mein progressiver Alttag” im Gießener Seniorenjournal vom 20. Mai 2017)

Die Leser der Allgemeinen kennen »gw« vor allem als Anstoß-Kolumnist. Seit Gerd Steines sich von der Redaktion in den Ruhestand verabschiedet hat, lässt er uns an seinem progressiven Alt-Tag teilhaben

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Schwupps, ist er an mir vorbei gesurrt. Der alte Mann auf seinem Pedelec. Mitten im dichten Stadtverkehr hat er mich überholt, bolzengerade aufrecht sitzend, gemütlich tretend, in der rasant angefahrenen Kurve gefährlich schwankend, weil am Lenker drehend, als säße er am Steuer seines Autos. Wieder einer der Spätberufenen, die erst durch den Elektro-Antrieb zum Fahrrad gefunden haben? Kommen zu den jungen Wilden, die mit wummernden Bässen über den Anlagenring toben, nun die tütteligen Alten, die mit voll auf Turbo gedrehtem Antrieb die Straßen der Stadt unsicher machen?

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So jedenfalls das Vorurteil, das uns Elektroradler diskriminiert. Als ob wir senilen Trottel ständig vom Rad fielen. Jetzt will uns sogar die Statistik weismachen, dass wir gefährliche Verkehrshindernisse sind. 2016 gab es 39 Prozent mehr Unfälle mit dem Pedelec als 2015, verkündet das Statistische Bundesamt. 39 Prozent! Wahnsinn! Aber der hat Methode, denn es gab im selben Zeitraum einen noch deutlich höheren Zuwachs – an Pedelec-Fahrern. Schon sagt uns die Zahl 39 … nichts mehr. Erneut ein Indiz, dass die Kohl-Doktrin (»Wichtig ist, was hinten rauskommt«) in der Statistik nur umformuliert gültig ist: Was hinten rauskommt, ist nur dann wichtig, wenn vorne richtig reingesteckt wurde.

Als ich dieser Tage mit elektrischer Unterstützung am Fuß, aber nicht im Ohr (das Hörgerät darf nicht nass werden, sonst gibt es den Geist auf) zum Friseur zwei Dörfer weiter pedelecte, war ein »Tatütata« aus der Ferne dennoch nicht zu überhören, und nach wenigen Minuten sah ich den Anlass für den Einsatz: Auf der kurvigen Bergstrecke lagen gleich zwei Motorräder im Graben. Später las ich in der Zeitung von schlimmen Folgen. – Über die Häufigkeit von schweren Motorrad-Unfällen möchte ich lieber keine statistischen Zahlen erfahren. Zu gruselig.

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Mein Friseur heißt Harun, sieht auch so aus und ist gerade Papa geworden. Zu meinem Termin hat er sich um eine Minute verspätet, weil er noch im Krankenhaus war. Eine Minute! Wortreich entschuldigt er sich. Echt deutsch. Echt undeutsch, wie Harun und seine Mädels gut gelaunt lachen und plappern und dass sie den stummen deutschen Klotz einbeziehen, der aber außer hilflosem Lächeln nichts zur guten Stimmung beitragen kann. Auch, weil er mangels Hörgerät nur jedes dritte Wort versteht.

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Aber das nur am Rande meines progressiven Alttags. In diesem stelle ich immer öfter fest, dass Adorno heute mehr denn je recht hat: »Wir finden uns einer angeblich jungen Generation gegenüber, die in jeder ihrer Regungen unerträglich viel erwachsener ist, als je die Eltern es waren« (aus »Minima Moralia« von 1950). Als ich jetzt wieder zu dem Buch griff, stolperte ich gleich zu Beginn über diesen Satz und erinnerte mich an meine erste Glosse, lang, lang ist’s her, als ich über Jugendliche schrieb, die nur den Jahren nach jung, in Wahrheit seit Kindesalter aber vergreist seien. Hinter der frischen Coca-Cola-Keglerin und ihrem lachenden Partner stünden bereits die Frau, die weißer wäscht, und der würdige Herr von Asbach Uralt (Leser aus meiner Alters-Kohorte erinnern sich an diese Werbespots).

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Ich sag’s ja immer: Jungsein wird überschätzt. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren behauptete Solon: »Je älter ich werde, desto mehr lerne ich.« Ich auch! Muss ich ja, bei dem vielen Gelernten, das ich nach und nach und immer schneller vergesse. Man kann die Vorzüge des Alters aber auch übertreiben. Wie Martin Walser, der seinen Protagonisten in »Ohne einander« behaupten lässt: »Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung.« Mathematisch gesehen bin ich demnach lebenslang immer ein Jahr zu jung. Dass ich ein Mathe-Versager war und bin, ist leider die unschöne Wahrheit, denn »Mathe ist lästig, verlängert aber das Leben«, lese ich im »Wissen«-Ressort der Süddeutschen Zeitung.

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Kommt der Sensenmann um so näher, je schlechter man rechnen kann? Statistisch gesehen ja, denn »der Zusammenhang zwischen numerischen Grundkenntnissen und höherer Lebenserwartung lässt sich durch viele Beispiele belegen«. Die zum früheren Tod führende Zahlenallergie hat sogar einen Namen: »Numerischer Analphabetismus.«

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Ich tröste mich mit meiner Version der Kohl-Doktrin. Sicher ließe sich auch für mich vorne etwas reinstecken, das hinten als Unsterblichkeit heraus kommt. Und schon werde ich fündig, wieder in einem »Wissen«-Ressort, diesmal in der Welt, die vom besten Gegenmittel bei numerischem Analphabetismus berichtet. Parmesan! Der Käse, den ich so gerne über der Pasta zerreibe, enthält besonders viel von einem Stoff, der, an Mäuse verfüttert, deren Leben signifikant verlängert hat und in dem »möglicherweise auch ein Jungbrunnen für Menschen« steckt. Der Wunderstoff – »ein echtes Anti-Aging-Mittel, auf das viele sehnsüchtig warten?« (Welt) – heißt Spermidin, wobei Nomen durchaus Omen ist, da diese Substanz zuerst im männlichen Sperma entdeckt worden ist, wo er »in besonders üppiger Konzentration« gefunden wurde.. Anscheinend ein Pendant zu jenem Hormonpräparat, das Doper für sich entdeckt haben und das aus dem Urin von Frauen gewonnen wird, die das Klimakterium hinter sich haben. Weltweit größter Lieferant soll der Vatikan sein – dort leben die meisten Frauen im richtigen Alter …

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Wirklich wahr? Ich gebe keine Gewähr. Mir wurde es vor vielen Jahren aus der Doper-Szene ins Ohr geflüstert. Und auch beim Spermidin kann ich nur die Welt als Beleg nennen. Meine weitergehende Folgerung, dass man doch gleich, statt Parmesan … also nee, so schlüpfrig wird mein progressiver Alttag nun doch nicht, vor allem nicht im seriösen Seniorenjournal.

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Also zerreibe ich weiter fleißig Parmesan über der Pasta. Im endlichen Sinne von Matthias Beltz, zu dessen seinsphilosophischen Erkenntnissen auch die vom Käse aus Parma gehört. Gereimtes »Vanitas!« unseres Hessen im Himmel: »Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben? / Partisan und Parmesan, alles wird zerrieben.

 

Veröffentlicht von gw am 19. Mai 2017 .
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Baumhausbeichte - Novelle