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Bis ins letzte Fitzelchen obduziert (Nach-Lese vom 15. Juni 2013)
»Ich lese keine Krimis. Zu dieser Lektüre habe ich kein Bedürfnis, keine Lust, keine Zeit. Aber ich habe nichts dagegen, dass andere Leser bei Krimis immer wieder Schutz und Zuflucht, Ablenkung und Vergnügen suchen.« (Marcel Reich-Ranicki)
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Immerhin lässt er uns generös die Lust am Krimi. Aber suche ich als Krimi-Leser nur Schutz, Zuflucht, Ablenkung, Vergnügen? Nein. Genauso wenig wie in »normalen« Romanen dem gestrengen R. R. diese Kriterien genügen, halten sie meinem Anspruch stand, denn: Ein guter Kriminalroman muss vor allem ein »kriminell« guter Roman sein.
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Aber wie finde ich den? Eine beschwerliche Suche, da die von mir bevorzugten guten, alten angelsächsischen Autoren fast alle gelesen und einige von ihnen leider schon gestorben sind, was den Nachschub erschwert.
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Überhaupt, mit zunehmendem Alter nimmt der Lektüre-Fundus generell ab, selbst wenn man nicht dem Beispiel jenes alten, hoch angesehenen englischen Schriftstellers folgt, nur noch Romane zu lesen, deren Autoren nicht deutlich jünger sind als man selbst. Weil: Was sollen ihm diese jungen Schnösel sagen, was er nicht schon wüsste? Wie heißt dieser greisige Grantler? Sein Name fällt mir nicht mehr ein. Vergessen. Noch etwas, das mit zunehmendem Alter abnimmt.
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Aber nicht Alters-Arroganz ist es, die mir die derzeit angesagten Hartstoff-Krimis verleidet. Wie ich sie hasse, diese wahnsinnigen Killer, die massenmordend Berge von zerstückelten Leichen produzieren, die von coolen, taffen Gerichtsmedizinerinnen bis ins letzte Fitzelchen obduziert werden (die Leichen, nicht die lebenden Killer, aber das kommt sicher auch noch), haarklein und genüsslich beschrieben von Marketing-Schreibern, die den Trend-Trieb zur Leichenfledderei bedienen.
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Schon lange nicht mehr lese ich auch die depressiv stimmenden Skandinavier. Der Trübsinn von Mankell und seinen Epigonen treibt selbst alte Frohnaturen in die Hoffnungslosigkeit. Wie habe ich das bloß früher ausgehalten? Alle Krimis von Sjöwall und Wahlöö verschlungen, mit Freude, ohne mich runterziehen zu lassen. Waren diese beiden alten Sozis besser drauf oder ich früher weniger runterziehbar?
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Aber ich gebe nicht auf. Wird Hakan Nesser nicht hoch gelobt und auch literarisch gerühmt? 24 Krimis liegen von ihm vor, keinen habe ich bisher in meiner Skandinavier-Phobie gelesen. Da liegt Nachschub brach! Per Zufall stoße ich dieser Tage auf die Taschenbuchausgabe von »Die Einsamen«. Der Plot, denke ich nach dem Klappentext, klingt nicht depriziös, sondern vielversprechend: »Am Fuße des Steilhangs bei Kymlinge liegt eine Leiche – und zwar genau dort, wo vor 35 Jahren schon einmal ein Mensch zu Tode kam.« Und zwar der ehemalige Freund der ersten Leiche (ja, klar: Als diese noch keine Leiche war. Selbst das muss heutzutage betont werden). Mysteriös. Interessant. Wie löst Nesser den Fall, spannend, unterhaltsam und mit literarischem Anspruch? Auf geht’s. Lesen!
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Aber dann, alter Schwede! 600 Seiten immer tieferer Tristesse. Knackpunkt (wer’s Buch lesen will, jetzt bitte erst nach dem übernächsten * weiterlesen): Die grautriste Reise einer Gruppe von sechs jungen Schweden (drei Pärchen) in den frühen 70ern mit dem Bus durch den tristgrauen Ostblock. Im endzeitartigen Timisoara werden sie von oberfiesen Uniformierten eingesperrt. Nach viel Angst kommt die grausige Ansage: Wir lassen euch laufen, aber zuvor muss uns eine von den Frauen zu Willen sein. Ansonsten werdet ihr alle umgebracht.
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Die Schweden lehnen entsetzt ab, dann schwenken sie peu a peu um, die Jungs zuerst (klar, sie haben nichts zu verlieren, diese Feiglinge), dann losen die drei Mädchen aus, wer von ihnen mitgehen muss, diejenige, die verliert, bricht zusammen, da opfert sich eine andere, die Massenvergewaltigung beginnt … danach kommen alle frei, sie fahren weiter, das Erlebte nicht, nie mehr thematisierend. Die erste Leiche wird das Mädchen, das sich geopfert hatte, die zweite ihr Freund, die anderen stehen unter Verdacht, am Ende ist aber alles anders, noch schlimmer, und der Leser greift nach dem Fläschchen mit dem Suizidverhinderungselixier.
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Die letzten 100 Seiten lese ich – eine echte Dummheit – ausgerechnet abends im Bett. Ein Gedicht wird zitiert: »Es handelt vom Tod, wenn er kommt«, und Nesser lässt rezitieren: »And so it stays just on the edge of vision / A small, unfocused blur / A standing chill / That slows each impulse down to indecision / Most things may never happen, this one will.«
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Ich schlage das Gedicht leider noch vor dem Schlafen nach. »Aubade« von Philipp Larkin. Da kommt nicht nur der Tod (»this one will«), sondern es vor ihm noch schlimmer: »Vor der grenzenlosen Leere ist mir bang, dem Ausgelöschtsein, auf das wir uns zubewegen, in dem wir dann auf immerdar verlorengehen.« – Na dann gute Nacht!
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Most things may never happen, this one will. »Die Einsamen«. Nesser garniert das Ganze auch noch mit depressiven christlichen Glaubensdiskussionen, aber ohne Halleluja.
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Resultat jedenfalls: Eine Nacht mit wenig Schlaf und einigen dunklen Träumen. Was soll ich bloß noch krimilesen, ohne Schaden zu nehmen an meiner zarten Seele?
Ratschläge nimmt dankend entgegen: (gw)
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gw am
14. Juni 2013 .
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Veronika Dankeschön (Nach-Lese vom 11. Mai)
Die alten, sehr alten Klassenkameraden treffen sich einmal im Monat und beackern querbeet alle Themen, die aktuell waren oder noch sind. Was geschieht in der Stadt? Was im Weltkreis? Urbi et orbi, Gott und die Welt – eine Meinung hat jeder von uns, Ehrensache. Aber wenn’s um Fakten geht, weiß nur einer immer alles: Mein Gott, Walter!
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Zuletzt hechelten wir den Rassismus durch. Beziehungsweise den »Neger« im Wandel der Zeiten. Ha! Da habe ich nicht nur Meinung, sondern kann auch mit Fakten aufwarten. Schließlich habe ich gerade erst in unserem Zeitungsarchiv gewühlt und dort einige schrullige Artikel aus den frühen fünfziger Jahren gefunden. Ich habe sie sogar dabei, in weiser Voraussicht mitgenommen. Walter wird staunen!
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Ich lege los. Überschrift im Mai 1952: »Ein Negermissionar spricht.« Der gute schwarze Mann »arbeitet unter Buschnegern, stolzen freiheitsliebenden Menschen. Missionar Koorndijk erlebt hier ein hartes Ringen zwischen Mächten der Finsternis und des Lichtes.«
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Mhmm. Nur ein kleiner Achtungserfolg. Stilles Schmunzeln in der Runde. Walter schweigt. Da muss mehr kommen. Ich trumpfe mit »Kuriositäten aus aller Welt« vom 31. Mai 1952 auf: »Der Erzbischof von Lebombo in Zentralafrika erklärte kürzlich, dass der Traktor mehr für die Abschaffung der Vielweiberei getan hat, als es gute Lehre und Mahnungen je getan hätten. Ein Traktor leistet an einem Tag mehr Feldarbeit als zehn Negerfrauen in einer Woche. Selbst die reichsten Häuptlinge sehen darum keinen Grund, mehr als eine Frau zu haben.«
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Ein Kracher. Walter schweigt. Wir bekakeln, ob »Neger« schon damals diskriminierend gemeint war. Ich behaupte: ja. Man war sich dessen nur noch nicht bewusst. »Neger« wurde gönnerhaft nach Kolonialherrenart gesagt und geschrieben. Wenn es abfällig werden sollte, griff man zum »Bimbo«, nicht nur in der Umgangssprache, sondern auch in der Zeitung. Auch in unserer. Sogar in der Überschrift: »›Bimbo‹ auf Abwegen« (Juni 1952): »Panischer Schrecken überfiel eine junge Frau, die im Garten ihres Hauses in der Ostanlage einen kleinen Abendrundgang unternahm, als sie zwischen Rosen kauernd einen farbigen Soldaten erkannte. Gellend hallten ihre Hilferufe durch den Abend, denn der Farbige stürzte sich plötzlich auf sie und versuchte, sie zu würgen. Da eilten aus dem Hause aber schon die Retter herbei, die die halb Ohnmächtige in ihre Obhut nahmen. Von dem Soldaten aber war nichts mehr zu sehen; er hatte in Blitzesschnelle eine hohe Umfassungsmauer überklettert und sich davongemacht.«
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Ein Brüller. Walter schweigt. Endlich einmal weiß er zu einem, zu meinem Thema: nichts. Auch zur aus meiner beruflichen Sicht interessanten Tatsache schweigt er, dass offenbar erst der Redakteur aus dem korrekten »Farbigen« des Polizeiberichts in der Schlagzeile den »Bimbo« gemacht hat.
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Amerikanische Soldaten und deutsche Frauen – ein Thema für sich. Auch damit kann ich punkten, denn deutsche Frauen hatten es damals nicht leicht, zumindest nicht, wenn sie Veronika hießen. Ich weiß es, seit ich gelesen habe, was die große US-Nachrichtenagentur United Press (UP) im Juni 1952 zur »Lex Veronika« gemeldet hatte: »Durch die in der Nähe Karlsruhes stationierten schwarzen Truppen hat das Dirnenunwesen in Badens alter Hauptstadt überhand genommen. Wie Landrat Josef Gross erklärte, ist es wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Soldaten um die ›Veronikas‹ gekommen. In der Flüchtlingssiedlung Neurut würden an die ›Fräuleins‹ Zimmer für 100 DM als Absteigequartiere vermietet. Auf einem öffentlichen Forum wurde beschlossen, alle Neusiedler, die dem ›Veronikarummel‹ durch Übernachtungsmöglichkeiten Vorschub leisten, mit Entzug ihrer Siedlerstelle zu bestrafen. Die Siedler forderten eine Art ›Lex Veronika‹ und machten unter Hinweis auf die gefährdete Jugend den Vorschlag, die ›willigen Mädchen‹ in Arbeitshäusern unterzubringen.«
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Damit habe ich mein Pulver verschossen. Die Runde ist beeindruckt, Walter schweigt. Einer fragt: Aber warum »Veronika«? Ich bin ratlos. Walter beendet sein Schweigen: »Ich glaube, das kommt vom englischen Wort für Geschlechtskrankheit.«
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Mein Gott, Walter, denke ich, kannst du nicht einfach mal zugeben, dass du keine Ahnung hast, statt Dir solch einen Unsinn auszudenken? Dass Walter uns foppt, diesen Verdacht hatte ich ja schon, als wir in einer früheren Runde über die in der Ostzone bekannteste bundesdeutsche Stadt sprachen (Gießen – wegen des Notaufnahmelagers) und er behauptete, der Bundesnachrichtendienst hätte damals eine Zweigstelle in Gießen betrieben, ganz offiziell, sogar mit einem Geschäftsschild an der Tür: »Amt für Befragungswesen.« So etwas kommt doch nicht mal in der billigsten Agenten-Posse eines hinterletzten Komödienstadels vor!
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Einige Tage später lese ich in der »Welt« eine Kolumne von Klaus Harpprecht, des ehemaligen Redenschreibers von Willy Brandt. Es geht um die »Fräuleins« der Nachkriegszeit, und dass US-Journalisten damals eine Verschwörung witterten, »deren Ziel es sei, die Streitkräfte durch die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten zu schwächen. Warnungen vor den ›veneral diseases‹ waren angebracht. Das Kürzel VD wurde mit ›Veronika Dankeschön‹ übersetzt.«
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Sorry, Walter! Du weißt halt doch einfach alles. Und als ich daraufhin das »Amt für Befragungswesen« googele, erfahre ich, dass die »Zweigstelle für Befragungswesen des BND in Gießen Daten von rund 39 000 Aus- und Übersiedlern gespeichert hat« (»Berliner Zeitung«/1989).
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»Amt für Befragungswesen« – ein aparter Euphemismus. Mein alter Freund Brockhaus (Jahrgang 1958) sagt dazu: »E.: Umschreibung einer anstößigen oder gefürchteten Sache durch verschleiernde Worte, z. B. ›entschlafen‹, ›verscheiden‹ statt sterben.«
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Oder: Veränderung des Gesundheitszustands. Denn endlich, endlich weiß ich etwas, das Walter nicht weiß: Dass die CIA dem ach so friedfertigen Dalai Lama einst in Tibet beim Kampf gegen China zur Hand ging, Mord inklusive, geplant und beschlossen im »Komitee zur Veränderung des Gesundheitszustandes«. Soviel euphemistischer Einfallsreichtum nötigt selbst den Freunden der italienischen Oper Respekt ab!
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Auch Dir, Walter? Hast Du das gewusst? – Ja? – Ach so, war ja klar. (gw)
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gw am
10. Mai 2013 .
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“Ich komme ja schon!” (Nach-Lese vom 23. März 2013)
Äußerste, wohligste Zufriedenheit. Wie auf Rosen gebettet. Glück ist kein kurzer Moment, Glück kann Dauerzustand sein. Keine Sehnsucht nach gar nichts. Das Paradies? Nirwana? Dieses Leben ist einfach nur schön. Eins sein mit allem, ohne Bedürfnisse, mit tiefem inneren Frieden.
Doch in diese Idylle dringen störende Nebengeräusche. Aus einer fremden Welt. Was wollt ihr von mir? Ich soll kommen? Muss ich das? Ja, ich muss. Die Stimmen werden drängender, lassen keine Ruhe, nehmen die Ruhe. Widerwillig gebe ich nach.
»Ich komme ja schon. Bin ja schon da.«
Und dann bin ich wieder da.
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In der »HörZu« lese ich, dass »5 Prozent der Deutschen schon eine Nahtod-Erfahrung hatten«. Die Fernsehzeitschrift stellt ein Buch des Neurochirurgen Eben Alexander vor: »Blick in die Ewigkeit.« Alexander lag mit einer seltenen Form der Hirnhautentzündung sieben Tage im Koma und hatte eine Nahtod-Erfahrung, »etwas, das er seinen Patienten früher als Fantasieprodukt chemischer Reaktionen im Hirn erklärte – und das ihn jetzt an seinem Weltbild zweifeln lässt«. Alexander »berichtet von einer beklemmenden, stinkenden Unterwelt, aus der ihn ein leuchtendes, engelsgleiches Geschöpf herausführt. Gemeinsam reisen sie auf einem Schmetterlingsflügel an einen paradiesischen Ort voll Freude und Wärme.« Alexander betont, das könne keine Vorspiegelung des Gehirns gewesen sein, denn E.-coli-Bakterien hätten seine Großhirnrinde ausgeschaltet, »in diesem Zustand ist die Verarbeitung von Emotionen und Gedanken unmöglich«.
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In der »Welt« lese ich ein Interview mit Oliver Sacks. Auch ein Neurologe, wahrscheinlich der bekannteste überhaupt. Er schrieb »Zeit des Erwachens«, das Buch wurde die Vorlage zum anrührenden Film mit Robert de Niro und Robin Williams. Auch seine Fallgeschichten »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« wurden ein Bestseller, den Titel kennt fast jeder. Im Interview sagt Sacks: »Ich sah riesige Eierköpfe mit glitzernden Augen.« Bei Sacks ist es aber nur das Gehirn, das solche Halluzinationen verursacht, meist durch Drogen oder Drogenentzug angestoßen. Und dann kommt Sacks auf ein Buch zu sprechen. Ich nehme an, es ist das von Alexander, obwohl er den Autor nicht namentlich nennt: »Vor ein paar Monaten erschien ein Buch mit dem Untertitel: ›Die Reise eines Neurologen in das Leben nach dem Tod.‹ Ich muss gestehen, dass mich das erzürnt hat. Nicht der Erlebnisse wegen, die er hatte und die ganz offenkundig halluziniert waren: ein Tunnel voller Licht, eine schöne Welt dahinter. Erzürnt hat mich seine Behauptung, er habe das erlebt, als er im Koma lag, so dass seine Großhirnrinde nicht aktiv gewesen sein könne. Deswegen habe nicht die Cortex seine Visionen hervorgerufen. In seinem Buch schreibt er, er habe verschiedene Erklärungen versucht, aber er kommt nie auf die offenkundige: dass er im Begriff war, aus dem Koma aufzuwachen, als seine Visionen entstanden. Mir ging auf die Nerven, dass er seine Stellung als Neurologe missbrauchte, um seine Behauptungen zu stützen.«
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Vielleicht geht Sacks aber vor allem auf die Nerven, dass ihm der Neurologen-Kollege die Bestseller-Show stehlen könnte, denn Sacks’ neues Buch »Theater im Kopf«, soeben in Deutschland erschienen, wendet sich an die gleiche Zielgruppe und hinkt des vorgepreschten Alexanders »Blick in die Ewigkeit« noch hinterher.
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Hirn oder nicht Hirn, das ist hier die Frage. Aus diesem Neurologen-Zwist halte ich mich aber heraus. Stattdessen Rückblende: Griechenland. Chalkidiki. Vorsaison. Der deutsch sprechende Wirt, der Zeit hat, mein Behelfs-Griechisch zu verbessern, erzählt von Christos. Der arme Mann habe seine Frau verloren, verdiene sich seinen Lebensunterhalt mit Muli-Touren zum Picknicken in die waldreiche Umgebung. Ob ich nicht vielleicht auch …? Es sind ja sonst keine Touristen da, nur ein paar Russen und Bulgaren, die geben dafür kein Geld aus. Ich habe keine Lust zu diesem touristischen Quatsch – Eselreiten! – lasse mich aber breitschlagen. Ist für einen guten Zweck, und mich sieht ja keiner. Außer der Liebsten und Christos. Vor denen schäme ich mich nicht.
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Am nächsten Tag geht’s los. Christos reitet voraus, vier weitere Mulis trotten hinterher, ich auf dem ersten, die Liebste auf dem zweiten. Die Mulis sind mit Ketten aneinander gebunden, es geht im Gänsemulimarsch voran. Stundenlang. Irgendwann Picknick. Ich sitze auf dem Waldboden. Unbequem. Alles tut weh. Christos holt zerdrückte Wurst aus der Hosentasche, schneidet mit dem Taschenmesser Stücke ab und gibt sie uns. Getrunken wird Wein aus einer alten Plastikwasserflasche. Heilfroh bin ich, als zurück ins Dorf getrottet wird. Was tut man nicht alles, um den armen Kerl, der keine Frau mehr und noch keine Touristen hat, ein paar Euro verdienen zu lassen. Endlich, an der Staubstraße vor dem Dorf, steigt er ab. Ich hurtig ebenfalls. Zu hurtig. Steige ab wie vom Fahrrad, denke nicht an die Kette, mit der mein Muli mit dem der Liebsten verbunden ist, bleibe mit dem rechten Fuß hängen, rudere hilflos mit den Armen, dann platsche ich mit dem Rücken auf die Straße. Ein Schmerz durchdröhnt mich, ich denke noch, scheisse, schon wieder die Rippen, diesmal aber volle Kanne, und das hier in der griechischen Wallachei, ziehe mich mühsam am Muli hoch … und dann denke ich gar nichts mehr, weiß nichts mehr.
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Später berichtet die Liebste: Ich bin mit einem grauenvollen Knirschgeräusch auf den Rücken gekracht, habe mich aufgerappelt, bin dann aber wieder am Muli runtergerutscht und lag wie tot am Boden. Habe auf nichts reagiert. Sie und Christos schrien vor Aufregung, gaben mir kleine Ohrfeigen – keine Reaktion. Ein Auto hielt an, zwei sächsisch klanggefärbte Touristen fragten, ob sie helfen könnten. Ja. Ob sie Wasser hätten? Sie holten eine Flasche Wasser aus dem Auto, Christos spritzte sie mir ins Gesicht. Nichts. Sie schrien weiter, schlugen mir heftiger auf die Wangen. Dann endlich eine Reaktion: »Ich komme ja schon. Bin ja schon da.«
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Nahtod-Erfahrung? Würde ich nie behaupten. Aber schön war’s. Soo schön! Und dann leider wieder zurück in die schmerzensreiche Welt meiner gebrochenen Rippen.
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Der eine Neurologe sagt dies, der andere das. Ich sage nichts. Ich weiß nichts. Ich ahne nur: Zwischen Himmel und Erde gibt es mehr, als sich Neurologen, Gottsucher, Schulweisheit und Esoterik träumen lassen.
(gw)
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gw am
22. März 2013 .
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Mein kleiner Klub der beiden toten Dichter (Nach-Lese vom 23. Februar 2013)
Hoppla, was ist das? Auf der Krimi-Bestenliste der »Zeit« schoss im Februar Reginald Hills »Rache verjährt nicht« (Suhrkamp) auf Platz eins. Reginald Hill, mein Allzeit-Lieblingskrimiautor! Wunderbar. Das hatte er schon lange verdient. Dass »Rache verjährt nicht« gar kein echter Krimi ist, zumal ohne den unvergleichlichen Andy Dalziel, tut der Freude keinen Abbruch. Hill hatte Dalziel schon vor fünf Jahren verabschiedet, im bittersüßen Finale »Der Tod und der Dicke«.
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Ebenfalls vor fünf Jahren erschien das letzte Werk meiner Allzeit-Lieblingskrimiautorin Magdalen Nabb. Seit eben dieser Zeit liegt es auf dem Nachttisch. Ich würde den Krimi gerne lesen, wirklich sehr gerne. Dass ich es noch nicht getan habe, hat einen sehr sentimentalen Grund: Das Buch ist posthum herausgekommen, Magdalen Nabb (mein Jahrgang 1947) starb 2007 mit 60 an einem Hirnschlag, und mit ihr starb also auch der gemütliche Maresciallo Guarnaccia, der in »Vita Nuova« (erschienen bei Diogenes) noch seinen vierzehnten und letzten Fall löste. Nehme ich jedenfalls an. Eine unerklärliche Scheu hindert mich, die Annahme zu überprüfen und von Guarnaccia und seiner Schöpferin Abschied zu nehmen.
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Schrullig, ich weiß. Auch ein wenig abergläubisch: Wenn ich das Buch lese, dann geht’s mir wie Magdal … blöder Gedanke …
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… wie spricht man den Namen der englischen Autorin eigentlich aus? Vor einiger Zeit fragte ich bei Diogenes schriftlich nach: »Mägdelän Näbb? Oder mittlerweile doch schon eher italienisiert, also für uns buchstabengetreu?« – Sibyllinische Antwort des Verlags: »Die von Ihnen vorgeschlagene Aussprache des Namens der Autorin ist richtig.« Vorgeschlagen? Was habe ich denn vorgeschlagen? Na ja. Wie’s euch gefällt.
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Im erlesenen Verlagsprogramm von Diogenes nimmt Magdalen Nabb eine durchaus eigene Rolle ein: Nicht so sophisticated wie Patricia Highsmith, nicht so trendy wie Martin Suter und ohne die Bestseller-Garantie einer Donna Leon, aber eine der ganz Großen der Krimi-Zunft, deren Stil an Simenon und deren Protagonist an Inspektor Columbo erinnert. Nabb, eine gelernte Keramikerin, kam 1975 nach Florenz. Und blieb. Bis zu ihrem Tod. Zunächst schrieb sie keine Krimis, sondern las sie. Vor allem die von Georges Simenon. Als der nichts mehr veröffentlichte, »musste ich sie mir halt selbst schreiben«. Ihren Erstling schickte sie dem Meister – und der wurde ihr erster Fan. Nabbs bedächtig-selbstkritischer Maresciallo Guarnaccia, ein nach Florenz versetzter Sizilianer, wuchs mir ans Herz, dieser sich ungeschickt und geistig langsam wähnende, aber hartnäckig nachdenkende und lebenskluge Wachtmeister ( = Maresciallo).
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Und nun zu Hill. Aber vorab eine Warnung: Während die Nabb-Romane auch im Tee-Lesekränzchen etepetetester Damen vorgelesen werden könnten, schockt Hills durch und durch unkorrekter Dalziel empfindsame Leserinnen: Er rülpst und furzt und »kratzt sich am Sack wie ein Pfadfinder, der ein Feuer zu entzünden versucht«, fährt seine Mitarbeiter an (»Du siehst aus wie eine Henne, die von einem Strauß gevögelt wurde und jetzt spürt, dass das Ei kommt«) und mault: »Los, steigen wir ein, bevor mir noch die Eier abfallen und den Asphalt durchschlagen.« Meine Damen! Da haben nur böse-Lese-Buben und -Mädchen ihren Spaß.
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So tief Dalziels Proll-Niveau sein mag (in Wahrheit ist er teuflisch schlau und hat ein goldenes Herz), so hoch ist Hills literarisches Können. Die »Zeit« feierte schon »Ins Leben zurückgerufen« als »einen der besten Krimis des letzten Jahrzehnts«, der Spiegel meinte, »Ruth Rendell, P. D. James oder Donna Leon sehen daneben alt aus«, und selbst die »alte« Leon pries Hills »Intelligenz, den flotten Humor, die Leidenschaft und einen Stil, der Eleganz und Anmut verbindet«.
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Leider liegt nur etwa die Hälfte von Hills Werken in deutscher Übersetzung vor, und für ein lustvoll-entspanntes Durchschmökern der Originalausgaben reicht mein Englisch nicht, zumal der hochgebildete Hill seinen Lesern einiges abverlangt. Manches davon ist nur noch antiquarisch erhältlich, wie »Noch ein Tod in Venedig«, ein Goldmann-Taschenbuch aus dem Jahr 1981. Das wollte ich haben! Bei Amazon bestellt, knapp 20 Euro bezahlt (Neupreis wohl um die zwei Mark) … und ein völlig zerfleddertes, fleckiges, speckiges Exemplar erhalten. Angeekelt wollte ich es mit spitzen Fingern in den Papierkorb befördern, aber da fiel der Blick auf den ersten Absatz – und der wurde sofort in die persönliche Liste der schönsten Anfänge aufgenommen und war Anlass, behandschuht bis zum Ende zu lesen (und es nicht zu bereuen): »Während der Nacht weinte die dicke Frau mit der Zigeunerperücke im Nebenzimmer erneut. Sarah lag im Bett und hörte ihr voll Sorge zu, weckte aber Michael nicht, der zwei Tage vorher erklärt hatte, von allen Weckrufen auf dieser armseligen, traurigen Welt findet er das Weinen einer dicken Frau am jämmerlichsten.«
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Hill geizt auch nicht mit Gags für den bildungsbewussten Bürger: »Krieg ist nur eine Marketing-Kampagne mit anderen Mitteln«, zitiert er Aristoteles. Wirklich Aristoteles? Ja. Aristoteles Onassis (aus: »Welch langen Weg die Toten gehen«).
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Im letzten Dalziel-Krimi »Der Tod und der Dicke« lässt Hill seinen Andy von einer Verflossenen schwärmen: »Tottie, die hatte nicht nur weiches Fleisch, sondern auch Muskeln. Bei Gott, wenn Frauen beim Hammerwerfen teilnehmen dürften, hätte sie die Goldmedaille gewonnen! Ich hab mal gesehen, wie sie bei einem Grillfest des Rugby-Clubs von der Mitte des Platzes einen Gummistiefel geschleudert hat, der war immer noch im Steigen begriffen, als er über die Torpfosten ging. Dachte daran, sie zu heiraten, aber dann ist sie religiös geworden.«
Na ja, auch ein Hill macht Fehler: Frauen DÜRFEN beim Hammerwerfen teilnehmen.
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Dalziels ebenfalls unverwechselbare Mitarbeiter sind der blass-intellektuelle Peter Pascoe, der frankensteingesichtige, schwule und herzensgute Stoiker Edgar Wield, später auch der junge Hat Bowler und seine ebenso ehrgeizige Aufstiegs-Konkurrentin Shirley Novello. Über allen aber schwebt Dalziel, die krimiliterarische Schocktherapie für empfindsame Leserinnen.
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Lange habe ich über Dalziels letzte Worte nachgedacht. Als Pascoe den von ihm wiederbelebten Schwerstverletzten, der in »Der Tod und der Dicke« im Krankenhaus liegt und einige Nahtoderlebnisse hat oder träumt, bangen Herzens besucht, da »klappten die Augen auf und starrten Pascoe, hell und ohne alle Tränen, unvermittelt an. ›Nur weil du mich von Mund zu Mund beatmet hast, heißt das noch lange nicht, dass wir verdammt noch mal verlobt sind!«
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Ein echter Dalziel. Aber ist er wirklich tot? Leider ja, denn auch Reginald Hill ist gestorben, 2012, im 77. Lebensjahr. »Rache verjährt nicht« ist auch ohne Dalziel ein »posthumes Wunderwerk englischer Erzählkunst« (»Zeit«), aber – siehe oben – weniger ein Kriminalroman als ein Vermächtnis.
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Und für mich Anlass, die fünfjährige Trauerzeit zu beenden und das letzte Werk der so unterschiedlichen, aber krimikongenialen Magdalen Nabb endlich aufzuschlagen. Mit leiser Wehmut und Neid im Lese-Herzen. Neid auf sie, liebe Leser, wenn sie meinen kleinen Klub der beiden toten Dichter noch nicht kannten, neugierig geworden sind und dann noch viele, viele schöne Nach-Lesen halten können. (gw)
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gw am
22. Februar 2013 .
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Gunda und die weißen Neger (Nach-Lese vom 2. Februar 2013)
Zu Gunda Bahr kommen wir später. Vorher haken wir einen der beiden »Skandale« ab, die als Sturm im deutschen Wasserglas toben: Altherrenpeinlichkeiten sind kein frauenverachtender Sexismus, sondern nur peinlich – für die alten Herrenwitzbolde. Schluss. Kein Wort mehr dazu.
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Der zweite »Skandal« köchelt im deutschen Inneren latent vor sich hin und kocht bei Gelegenheit gerne über. Dass eine Bundesministerin ihrem Kind beim »Pippi Langstrumpf«-Vorlesen den »Negerkönig« in einen »Südseekönig« verwandelt, wird begeistert beklatscht oder stinksauer bebuht. Aber warum lassen wir uns immer wieder derart überflüssige Diskussionen aufdrängen, in denen sich zwei fundamental gegnerische Parteien ihre Meinungen an den Kopf werfen und keinerlei Interesse an Konsens haben? Diskussionen, die vernünftige Menschen (hoffentlich also die Mehrheit) gar nicht erst vom Zaun brechen würden?
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Den »Negerkönig« gibt es schon seit 2009 nicht mehr, die Ministerin liest also ein altes »Pippi«-Buch vor und übernimmt an einer Stelle die neue Version. Na und? Wenn in Otfried Preußlers »Kleine Hexe« keine »Negerlein« mehr vorkommen – wen stört das? Und wenn im Kindergarten das Lied von den »zehn kleinen Negerlein« nicht verändert (das wäre albern), sondern gar nicht mehr gesungen würde – litten die Kinder dann etwa unter schwersten entwicklungskulturellen Defiziten?
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Auf der anderen Seite schere ich mich seit Kindesbeinen nicht darum, welcher Name für meine Lieblingsleckerei gerade zum korrekten Ausdruck ernannt wurde, für mich bleibt der »Mohrnkopp« ein »Mohrnkopp«, zumal er bei mir phonetisch weniger einem »Mohrenkopf« als einem »Mond-« oder »Mohnkopp« gleicht. Und wer mir – und Axel Hacke – den aus Matthias Claudius’ Nebeln steigenden »weißen Neger Wumbaba« verbieten will, nähme uns den hübschesten deutschen Wortverwechslung-Gag überhaupt. Wenn dann ein Buch mit dem Titel »Mein schwarzer Hund« von »LesMigras« (»Lesbische Migrantinnen und Schwarze Lesben«) als diskriminierend gegeißelt wird, weil Schwarz als Symbol für Negatives gelte, könnte man fast das bekommen, worum es in dem Buch geht, denn der »schwarze Hund« steht hier als Synonym für Depression.
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Überhaupt: »Diskriminierung«. Ein Reizwort, das man gründlicher als den »Neger« aus der deutschen Sprache entfernen sollte. Die einen gebrauchen »Diskriminierung« als Vorschlaghammer, die anderen reagieren genervt auf dieses Kampfwort korrekter Gesinnungsträger. Ohne das Verb »diskriminieren« müssten wir andere Wörter in den Mund nehmen: Herabwürdigen, verletzen, traurig und/oder wütend machen, beleidigen, beschimpfen, verunglimpfen und so weiter und so weiter. Und dann kämen wir endlich bei jenen an, um die es geht. Nicht bei den gegnerischen Haudrauf-Parteien, sondern bei den Menschen dazwischen, die unter beiden zu leiden haben.
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In der »Zeit« schreibt Özlem Topcu einen Satz, den alle verinnerlichen sollten: »Weiße dürfen nicht bestimmen, wann Schwarze sich gekränkt fühlen dürfen.« Dialika Neufeld (Vater Senegalese), eine offenbar starke Frau, ergänzt im »Spiegel«: »Es gibt Kinder, denen das ständige ›Neger‹-Sagen mehr weh tut als mir damals. Allein deshalb sollten die Verlage ihre Bücher überarbeiten.«
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Aber ein Original darf man doch nicht verändern! Dieses Gegenargument ist ein sehr schwaches, eigentlich ist es überhaupt kein Argument, denn Originale werden unentwegt verändert. Seit Luther gab es 87 neue und teils deutlich unterschiedliche Bibelübersetzungen, und die Verlage werfen immer wieder Neuauflagen von Klassikern der Weltliteratur auf den Markt und bewerben sie ausdrücklich mit der jeweils neuen, kongenialen, endlich dem Text gemäßeren Neuübersetzung.
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Ein weiteres Argument für die generelle Beibehaltung von »Neger« & Co. in der Literatur ist nicht nur schwach, sondern grundfalsch und Ausdruck eines echten Rassismus, der nur nicht als solcher empfunden wurde. »Neger« sei früher ein üblicher Ausdruck gewesen und völlig wertfrei gemeint, heißt es. Wertfrei? Nein, unempathisch und gedankenlos, auch wenn der »Neger« manchmal sogar jovial gelobt wurde wie in einem United-Press-Artikel aus dem Jahr 1952, auf den ich bei Recherchen in anderer Sache (»So wahr das«/»Nach-Lese« vom 24. 11. 2012/nachlesbar im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«) gestoßen bin und der »beweist«: »Negern liegt der Kommunismus nicht«, weil »die kommunistische Agitation dem afrikanischen Eingeborenen eigentlich gegen die Natur geht, denn im Grunde ist er ein geborener Kapitalist.« Aha. Und außerdem: »Der durchschnittliche Eingeborene ist den Freuden des Lebens und des Besitzes hingebungsvoll zugeneigt. Jede Art von Jux und Scherz versetzt ihn in Ekstase. Die Humorlosigkeit des Kommunismus und seine Verständnislosigkeit für irdische Genüsse sind dem Wesen des Negers völlig fremd.«
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Jovialer Rassismus. Der Autor würde sein 52er-Original heute sicher liebend gerne verändern. Und dass »Neger« früher stets wertfrei benutzt worden wäre, widerlegt schon der Titel der Autobiographie des am 19. Januar (an seinem 87. Geburtstag) gestorbenen Hans-Jürgen Massaquoi: »Neger, Neger, Schornsteinfeger.« Was ihm andere Kinder in Nazi-Deutschland nachriefen, war gewiss nicht »wertfrei«, sondern erfüllte alles Schmähliche, das in den angeführten Ersatzverben für »diskriminieren« steckt. Denn »man hat so gesprochen, weil es damals normal war (…), Menschen anderer Herkunft abzuwerten« (Topcu).
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Wir brauchen keine sprachpolizeilichen Vorschriften, sondern: Fingerspitzengefühl, Mitmenschlichkeit und Einfühlungsvermögen. Dann können wir es uns auch manchmal – nicht oft, immer seltener – leisten, von »Negern« zu sprechen, und ich kann weiter meinen »Mohrnkopp« essen.
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Der große (schwarze) Schauspieler Denzel Washington antwortet, von der »Welt« zur aktuellen deutschen »Neger«-Problematik befragt: »In dem Stück ›Fences‹ von August Wilson (…) sagt eine Figur dauernd ›Neger‹. Das Stück ließe sich gar nicht aufführen, wenn wir dieses Wort durch ein korrektes ersetzen wollen.« Auch dass in Tarantinos Film »Django« das Wort »Nigger« inflationär auftaucht, lässt ihn kalt: »Soll ich Ihnen was sagen? Meine Tochter hat bei ›Django‹ als Assistentin für Tarantino gearbeitet.«
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Nicht jeder ist so souverän wie Denzel Washington. Auf sie sollten wir nicht mit großen »Skandal«-Diskussionen ein- und an ihnen vorbeigehen, sondern in unserem täglichen Leben Rücksicht nehmen. Ja, das klingt ein bisschen nach Sonntagsrede. Aber so ist es nun mal. Und nun benötigen wir Werktagstaten.
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Ach so, Gunda Bahr. Das Nachbarsmädel aus Jugendtagen. Wenn ich Axel Hacke den Text zum Claudius-Lied zugeschickt hätte, den wir damals sangen, müsste er sich nicht gegen absurde Rassismus-Vorwürfe verteidigen.
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»… und aus den Nebeln steiget, der heiße Feger Gunda Bahr.«
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Obwohl Hacke dann noch ganz andere Probleme bekommen hätte.
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So bleibt »der weiße Neger Wumbaba« unsterblich. Und sind wir nicht alle weiße Neger und ein bisschen wumbaba? (gw)
Veröffentlicht von
gw am
1. Februar 2013 .
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