Archiv für die Kategorie »Blog – Sport, Gott und die Welt«

Ennio Morricone – Spiel mir das Lied …. von Sacco & Vanzetti

Ich fahre schon drei Stunden vor dem Wettkampf mit dem Taxi ins alte, baufällige Heyselstadion, das Jahrzehnte später traurige Berühmtheit erlangen wird. Jetzt müsste ich zurück ins Mannschaftsquartier fahren, mich noch ein Stündchen hinlegen, danach mit leichter Gymnastik ganz allmählich auf den Wettkampf vorbereiten. Frühestens zwanzig Minuten vor dem ersten Wettkampfstoß dürfte ich die Kugel erstmals in die Hand nehmen.

Ich fahre nicht ins Quartier zurück. Ich spiele mir leichtes Erstaunen vor, dass ich zufälligerweise schon meine Kugelstoßschuhe dabei und unter dem Trainingsanzug das Nationaltrikot angezogen habe. In den Katakomben des Heysel-Stadions beginnt anscheinend ein Lautsprecher-Check. Eine hohe, klagende Frauenstimme, unverkennbar Joan Baez, singt ein zu meiner aufgerüttelten Stimmung passendes, suggestives Lied. „Here’s to you“, höre ich, und immer wieder den gleichen Refrain.

Noch zweieinhalb Stunden bis zum Wettkampf, das Heysel-Stadion ist menschenleer, die sauber hergerichtete Kugelstoßanlage mit der 19-Meter-Linie und dem Rasen dahinter lockt, die Kugeln liegen neben dem Stoßkreis bereit. „Here’s to you“, endlos, ist das Lied zu Ende, beginnt es nach wenigen Sekunden von neuem. Ich halte es nicht mehr aus. Here’s to you. Ich nehme bedächtig eine Kugel in die Hand. Nur mal fühlen, wie sie sich anfühlt. Ganz leicht! Sie fliegt fast von alleine. Geht’s mit Angleiten genauso leicht? Ja, noch leichter. Wie von selbst weit über 18 Meter. Here’s to you, Joan Baez bleibt bei mir. Noch einmal. Über 19 Meter, ohne jede Anstrengung. Meine Nase blutet. Ich reibe über mein Gesicht, verschmiere das Blut auf dem T-Shirt, das ich über dem Nationaltrikot trage. An dem T-Shirt putze ich nach jedem Stoß die Kugel ab.

Erde und Blut, ich habe keine Zeit, den Kopf in den Nacken zu legen, die Blutung zu stoppen. Here’s to you. Ich bin nicht mehr zu bremsen. Den Wettkampf, der in zweieinviertel Stunden beginnt, vergesse ich. Es ist einfach zu schön, zu aufwühlend, zu unvergleichlich, was ich hier erlebe. Das längst verloren geglaubte Gefühl kehrt zurück: Nach langem, harten Training nun im Wettkampf die Früchte aller Anstrengungen zu ernten, durch die gelungene Trainingsperiodisierung zum richtigen Zeitpunkt topfit zu sein, die Kugel nicht als lästig schweres Eisengewicht zu empfinden, sondern ein fast schwereloses Fluggerät auf die Reise zu schicken. Und wie es fliegt! Schon habe ich den Rasen erreicht, die blutverschmierte Kugel bohrt ihre Löcher einen Meter hinter der Linie ins Gras, ich stoße fast 20 Meter weit, immer wieder, von Here’s to you angefeuert, zehnmal, zwanzigmal.

Ich bin immer noch allein an der Kugelstoßanlage. Niemand hat gesehen, dass ich blute. Nun blute ich nicht mehr. Runter mit dem verräterischen T-Shirt, das wie rotgebatikt aussieht. Im Nationaltrikot mache ich weiter. Allmählich verlagern sich die Einschläge vom Rasen auf die Asche. Nur noch knapp 19,50 Meter.

Noch zwanzig Minuten. Ich bin bei 19,20 Metern angelangt und noch immer nicht alarmiert. Zehn Minuten vor meinem ersten Wettkampfstoß muss ich aufhören. Ich treffe nur noch die 19-Meter-Linie, muss jetzt die Anlage räumen, die noch einmal gesäubert wird. Diejenigen deutschen Sportler, die sich für die lästige Eröffnungspflicht zur Verfügung gestellt haben, marschieren ein. Die Hymnen ertönen. Kein Here’s to you mehr.

Der Länderkampf beginnt mit dem Kugelstoßen. Ich fühle mich immer noch wie in Trance, koste in Gedanken die 20-Meter-Stöße aus und stoße nicht einmal 19 Meter weit.
Ich bin nicht enttäuscht. Ich habe eine Stunde lang fast 20 Meter weit gestoßen, eine weitere Stunde lang, mit fallender Tendenz, zwischen 20 und 19 Metern. Was will ich mehr?
Das Joan-Baez-Lied muss gefunden werden. Ich überwinde meine Hemmungen und summe Verkäuferinnen in Plattengeschäften den Refrain vor. Nach mehreren vergeblichen Liedvorträgen erkennt eine Fachfrau in meinem Brummen Musik aus „Sacco und Vanzetti“, einem Film über die beiden Märtyrer der Gewerkschaftsbewegung. Trotz leichter Ernüchterung kaufe ich die LP. (gekürzte Passagen aus „Eine Kugel für das Leben“/siehe Link rechts / „Here’s to You“.  Text Joan Baez, Melodie Ennio Morricone)

Veröffentlicht von gw am 19. Juli 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 18. Juli)

Das ManCity-Urteil kommentiere ich erst gar nicht. Derartige Pflichtübungen überlasse ich den kritischen Geistern des deutschen Sportjournalismus. Ich hatte die Sache schon bei der Strafverkündung abgehakt. Beweissatz vom Februar: »Maximalstrafe für Manchester City. Minimierung nicht nur möglich, sondern gewiss.«
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Eine andere Wette, nicht öffentlich angeboten, sondern …  (weiter in der Rubrik rechts „gw-Beiträge Anstoß“)

Veröffentlicht von gw am 16. Juli 2020 .
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Blumenberg

Der Philosoph Hans Blumenberg wurde am 13. Juli vor 100 Jahren geboren, daher widmen ihm die Feuilletons große Artikel, zumal rechtzeitig neue Biographien erschienen sind.

Ich bekenne die Bildungslücke, bisher nichts von Blumenberg gelesen zu haben. Nach Lektüre der Elogen habe ich auch nicht vor, ihn zu lesen, zumal er sehr schwierig zu lesen sein soll, für mich als sinnsuchenden Dilettanten sicher zu schwierig.

Aber auch seine Lebensthemen, an denen er sich abgearbeitet hat, anscheinend fast manisch, reizen mich nicht (heute sagt man wohl „triggern“). Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit der scheinbar ungeheuren Kränkung des Menschen als Winzling in einem unermesslichen, an ihm uninteressierten Universum, sowie an der winzigen Zeitspanne seines Lebens im Vergleich zu dessen ebenso unermesslicher Zeitdauer.

Da verbringt dieser im Vergleich zu mir unermesslich kluge Mann sein Leben mit dieser „Kränkung“, die aber doch nur eine wäre, wenn das allzu offensichtliche Weltbild der Wissenschaft auch in der dem Menschen nicht zugänglichen Dimensionen, Religiöse nennen es Gott, richtig und gültig wäre.

Was mir, naiv wie ich bin, naiv vorkommt. Dann wäre die Welt eine Maschine ohne Sinn und Verstand, sich selbst vernichtend und wieder aufbauend (Urknall und so). Mein Credo bleibt, dass die Bild-Zeitung am Jüngsten Tag mit der Schlagzeile erscheint: „Alles ganz anders!“

Und dann schlägt Blumenberg, hoffentlich im Philosophen-Himmel, die Zeitung auf und erkennt, dass er sein Leben an ein Problem verschwendet hat, das keines ist.

 

Veröffentlicht von gw am 16. Juli 2020 .
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Otto und Albert

„Wie rassistisch ist ‚Otto – der Film'“, fragt unsere Zeitung heute (siehe Andreas Kautz in der „Mailbox“). Antwort, von mir: »Otto« ist albern, aber kein Rassist.

Albert Einstein war auch oft albern (die Zunge!), aber … aber, aber! Welch ein Rassist! In seinen Reisetagebüchern beschrieb er Chinesen als »meist stumpf aussehende vernachlässigte Menschen«, als »merkwürdiges Herdenvolk,  oft mehr Automaten als Menschen ähnelnd«, und er konnte nicht begreifen, »was für eine Art Reiz der Chinesinnen die zugehörigen Männer so fatal begeistert, dass sie sich gegen den formidabeln Kindersegen so schlecht zu wehren vermögen«. – Rassismus pur. Aber es geht ja nur um Chinesen, die haben zum Glück keine antirassistische Lobby, sonst müssten wir die Relativitätstheorie für ungültig erklären.

Veröffentlicht von gw am 15. Juli 2020 .
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„Mohrnkopp“ im Notiz-Blog

Fleißig am Blog gebosselt diese Woche. Anlass: Die Samstags-Kolumne  muss am Freitag früh am Morgen fertig sein, daher schreibe ich einige Themen im Notiz-Blog schon vor. Stoff liefern auch die beiden aktuellen Mails in der Box (von K. Scheunemann und A. Kautz, zwei besonders langjährige und geschätzte gw-Leser).

 

Wer einen dunkelhäutigen Jungen scheinbar witzig mit »Haste mal en Mohrnkopp für mich« anmacht … ich weiß nicht, ob der Typ ein Rassist ist, ich weiß nur, er ist ein A…., nein , so etwas schreibt man nicht in einer seriösen Zeitung. Das Wort fängt mit Arsch- und  hört mit -loch auf.

»Mohrnkopp« – für mich ein Sehnsuchtswort der Kindheit, nie assoziiert mit dunkelhäutigen Menschen.  Ich werde in diesem Leben nicht mehr so weit kommen, wenn ich einen »Mohrnkopp« sehe spontan zu denken:  O, ein Schaumgebäck! Aber ich werde »Mohrnkopp« nicht aussprechen, wenn ich befürchte, damit jemanden beleidigen oder gar kränken zu können (was viel schlimmer ist, denn auf Beleidigungen kann man reagieren). Das hat nichts mit Antirassismus und Rassismus zu tun, sondern nur mit menschlichem Anstand und Drecksäckigkeit.

Dass die ganze Chose langsam ins Lächerliche gezogen werden kann (was echte Rassisten schamlos ausnutzen), ist die mittlerweile fast schon historische Schuld der verbissenen Oberaufseher des korrekten Antirassismus.

Veröffentlicht von gw am 15. Juli 2020 .
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