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Mittwoch, 19. September, 9.15 Uhr

Auf Wunsch der Sportredaktion habe ich eine zusätzliche Kolumne geschrieben, „Mesut und Serena“ (ist schon online). In der Vorbereitung „Rassismus“ und „gw“ im Archiv eingegeben – und festgestellt, das muss ein Lieblingsthema von mir gewesen sein, über Jahrzehnte hinweg. Ein paar schöne Fragmente sind in der „aktuellen“ Kolumne eingebaut.

Über „kulturelle Aneignung“ habe ich noch nie geschrieben. Weil ich gar nicht weiß, was das ist (na ja, Unwissen hindert mich ja auch sonst nicht .. kleiner Journalisten-Witz). Auf dem Stapel der nicht akut und dringend, sondern irgendwann mal zu lesenden Artikel lag einer von Hal Niedzviecki aus dem FAZ-Magazin. „Er schrieb einen Artikel über kulturelle Aneignung. Danach verlor der kanadische Autor seinen Job, wurde beleidigt, verurteilt und angefeindet. Hier fasst er das Drama zusammen“, heißt es im Teaser (= journalistisch angesagter Mini-Vorspann). Gestern las ich den Text – und wusste immer noch nicht, was „kulturelle Aneignung“ bedeutet. Also befragte ich Wikipedia. Oha, da gibt es erst einmal diverse Vorbemerkungen, scheint problematisch zu sein. Auszüge, im O-Ton: „Die Neutralität Artikel spiegelt die verschiedenen Begriffsbedeutungen in unterschiedlichen Fachgebieten nicht wieder z.B. in der Ethnologie oder auch Technikphilosophie völlig anders, geradezu konträr genutzt – die hier dargestellte Definition ist nicht vollständig ist umstritten.“ (Fehler nicht verbessert)

Aha. Aus der nächsten Vorbemerkung: „Dieser Artikel wurde auf der Qualitätssicherungsseite des Portals Soziologie eingetragen. (…) Begründung: Augenblicklich wird nur die Rezeption  des Begriffs durch die Critical Whiteness-Bewegung dargestellt. (…) Das Problem des Artikels liegt also tiefer, zumal er ohne Import der History aus einer Übersetzung des enWP-Artikels hervor gegangen ist – Trinitrix (Diskussion).“

Und nun die Definition: „Kulturelle Aneignung ist die Bezeichnung für unterschiedliche gesellschafts- bzw. kultur- und medienwissenschaftliche Begriffe. (…) Bezieht sich v. a. auf die ‚Differenz zwischen verschiedenen Möglichkeiten der Wahrnehmung kultureller Phänomene‘. Kulturelle Aneignung kann als ‚Prozess strukturierter Transformation“ verstanden werden, in dem nach einem Kontakt (…) Objekte mit spezifischen Eigenschaften verschiedenen Transformationen unterworfen werden“ …

… och nee, jetzt reicht’s aber. Ich transformiere das von mir (nicht) Verstandene nach meinem Verständnis: Als Mitglied eines bayerischen Trachtenvereins könnte ich alle hessischen Dirndl- und Sepplhosenträger, die jetzt hierzulande Oktoberfeste feiern, wegen kultureller Aneignung verklagen. Und Kinder, die sich an Fasching als Indianer verkleiden, ins Umerziehungslager schicken. Oder, auf den Punkt, nee, auf meinen Punkt gebracht: „Kulturelle Aneignung“ ist ein neues Schlagwort der drangsalierungswütigen  medialkulturellen Machtelite im untergehenden westlichen Kosmos. Vergleiche mit Gender Mainstreaming … verbiete ich mir.

Noch mal zu Prora. Der Besten aller meiner Welten, in solchen Dingen viel aufmerksamer als ich, fiel im Dokumentationszentrum besonders eindringlich auf, dass Prora nie fertig gebaut wurde und ganz offensichtlich von den Nazis nicht fertig gebaut werden sollte, das Ganze war nur eine Art propagandistisches Potemkinsches Dorf, dem Volk sollte gezeigt werden: Wir tun was für euch! Schaut her, schaut hin! Zu diesem Zweck wurden auch Presse und sonstige Meinungsverstärker immer wieder  nach Prora gekarrt, um von dort aus Werbung für die scheinbar volksnahe Ideologie der Nazis zu machen. Das Bauen selbst war unwichtig, wichtig waren nur die Bilder vom Bauen fürs Volk. Klingt gar nicht so altmodisch …

Veröffentlicht von gw am 19. September 2018 .
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Dienstag, 18. September, 10.50 Uhr

Prora. In der Gemeinde Binz auf Rügen. Vier Kilometer nackter Nazi-Wahnsinn. Jeder hat schon davon gehört, gelesen, Bilder gesehen. Aber man muss es live gesehen haben. Nie fertig geworden, aber bezogen von Wehrmacht, Russen, Volksarmee und Bundeswehr. Keiner ist lange geblieben. Beeindruckende Ausstellung im Dokumentationszentrum. Mit allen möglichen deutschen Irrungen und Wirrungen. Zusätzlich eine Ausstellung über die Nazi-Zeit. Fast zuviel des Schlechten, da erschlägt die Masse des Ausgestellten. Dann durch einen langen Gang (Platz gibt’s ja genug), immer noch rohbaumäßig, zu einer anderen Ausstellung. Albert Speer. Hitlers Architekt. Seinen autobiografischen Bestseller habe ich seinerzeit gelesen. War beeindruckt. Fast schien er mir ein bisschen sympathisch. Wie wir mittlerweile alle wissen: Alles gelogen. Speer war ein ganz besonders schlimmer Finger, weil er sein schmutziges Geschäft mit aristokratisch-intellektuellen Handschuhen anfasste.

Gegenüber des Dokumentationszentrums ein Vermarktungszentrum. Prora wird in Mini-Stückchen aufgeteilt und verkauft. Trakte, Wohnungen, Zimmer. Als Anlageprojekte angepriesen. Wer will dort wohnen, im Herz der Finsternis? Nee, blödes Bild. Vier Kilometer langes Prora, das ist der beschissene Dünndarm der Nazizeit.

Draußen sehe ich, dass die Speer-Ausstellung (drinnen sieht’s so düster, dunkel, hallend, unfertig aus, wie ich mir die Berliner Berghain-Chose vorstelle) wohl in einem Gebäudeteil untergebracht ist, in dem früher eine Disco war. Der Schriftzug hängt noch. Muss nach der Wende gewesen sein. Hat jetzt ein anderer Investor gekauft. Inklusive des Teils mit dem Doku-Zentrum. Die engagierten Betreiber wissen nicht, wie es weitergeht. Sie fürchten, gar nicht. Immo-Haie und kleine Fische. Frage an einen, eher ironisch gemeint: Die Kanzlerin kommt doch von hier, ist das nicht sogar ihr Wahlkreis? Was sagt die denn dazu?

„Glauben Sie etwa, die hat sich hier jemals blicken lassen??!!“

Schneidender, verächtlicher kann niemand seine eigene rhetorische Frage beantworten.

Veröffentlicht von gw am 18. September 2018 .
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Montag, 17. September, 10.50 Uhr

Trotz der angekündigten Hitze morgens gefroren, als ich mit dem Hund mit dem Rad in den Wald fuhr. Obwohl ich vorsorglich Handschuhe anhatte.

Die Hitze, die echte, spielt auch in meinem nächsten progressiven Alttag für das Gießener Seniorenjournal eine Rolle. Erscheint Samstag in acht Tagen. Bisher habe ich nur den Einstieg geschrieben:

So viel Sommer war selten. Für mich prägte ihn nicht die große Hitze, nicht die lange Dürre, sondern der ständige Konflikt von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Oh, die alte Leier? Auch in diesem Text DAS Thema der Saison? Keine Angst, liebe Leser, in meinem progressiven Sommer-Alttag spielte nicht die Mutter aller deutschen Gegenwarts-Probleme die Hauptrolle, sondern ich als Opa des Grauens.

Weiter geht es mit der labbrigen Haut, die beim Radfahren halbnackter Opas um den alten Körper flattert. Und ein bisschen mehr. Den Text muss ich schon in den nächsten Tagen abgeben, hat die strenge Senioren-Journal-Chefin verfügt. Anderenfalls gibt es nächsten Sonntag kein KKKK.

„Ohne weitere Worte“ steht online. Erst als ich schon fertig war gemerkt, dass einige hübsche Zitate versehentlich auf dem Zettel-Stapel für den progressiven Alttag gelandet sind. Zwei davon hole ich vielleicht nächste Woche nach. Falls nicht, hier eine Zugabe für Blog-Leser:

Thomas Müller hat das Rätsel mit einem Satz erklärt, der das Zeug zum Spruch des Jahres hat. Wie groß denn die Bayern-Freude nach dem vorzeitigen Titelgewinn gewesen sei? „So, wie wenn man in der Kreisklasse aufsteigt, nur vielleicht ein bisschen gedämpfter“, sagte Müller. (Michael Eder in der FAS-Kolumne „Schluss für heute“)

„So viel brauche ich gar nicht. Wir haben vielleicht ein etwas größeres Auto als andere, und ich kann mir Gott sei Dank einen Fahrer leisten und ein Haus mit Garten. Aber was braucht man eigentlich mehr?“  – Einen Porsche haben Sie sich schon gegönnt?  – „Ja, schon. Einen Spleen darf man ja haben.“ (Roland Berger, Ex-Unternehmensberater, im SZ-Interview)

Ach, beide zu schön. Da hole ich doch noch den OWW-Kasten vom Blatt-Layout und bastele noch ein bisschen rum. Im Blog lasse ich die bisherige Fassung stehen.

Veröffentlicht von gw am 17. September 2018 .
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Sonntag, 16. September, 6.35 Uhr

Beim Gang zum Briefkasten liegt schon ein bisschen von der subtropischen Luft in derselben, die ein letztes Zucken des Sommers zurückbringen soll. Morgen oder übermorgen über 30 Grad – fast schon pervers. Gerade erst begann der Sommer, der ein großer war, sich als schöne Vergangenheit im Gedächtnis einzunisten, da kommt er schon wieder, mitten im September. Da gehört er nicht hin! Hin gehört (gehören): Tau, Nebel, Regen, klamme Kühle, und im besten Fall ein goldener Oktober, mit einigen wenigen Sonnentagen, in denen man nachmittags ein Stündchen im Freien sitzen kann.

Der Gang zum Briefkasten galt natürlich der FAS. Sie kommt per Auto. Hab ich nicht schon mal einen Mercedes gesehen? Vor fast 30 Jahren habe ich für meinen Verleger die Zukunft der Zeitung beschrieben und abschließend gewettet, dass es, wenn ich einmal in Rente ginge, keine Zeitung mehr gebe, die morgens im Briefkasten landet. Ich dachte zwar auch an eine Zeitung, die sich der Leser zu Hause ausdrucken kann, also an eine Art E-Paper, aber vor allem war ich sicher, dass im Zuge des ständig steigenden Lebensstandards niemand mehr zu finden sein werde, der für ein Zubrot jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe aufstünde und zwei, drei Stunden durch die Gassen marschiere, zuverlässig und pünktlich. Dass der Zeitungsbote mit dem Mercedes kommen könnte, lag außerhalb meiner Fantasie.

Was ich heute morgen im Blog schreibe, und gestern geschrieben habe (Klausner/Kruso), liegt außerhalb der Montagsthematik. Auch was ich, wahrscheinlich morgen, als Rügen-Zusatz , über Prora und das Dokumentationszentrum nachtragen will, taugt nicht als Bruchstück für eine Sportkolumne. Dass gestern erstmals weniger als 1000 Zuschauer zum 1. FC Gießen kamen, will ich auch nicht thematisieren, aus zeitungstechnischem Grund, denn die „Anstoß“-Kolumnen erscheinen nicht nur in der Gießener, sondern auch in der Wetterauer Ausgabe (und der Alsfelder), und da will ich nicht allzu sehr „Gießenern“, um die Wetterauer Leser, die ähnliches sportliches Herzblut für ihren Eishockey-Klub haben und von ihrem Kolumnisten mehr Bad Nauheimer Eishockey erwarten könnten, nicht vor den Kopf zu stoßen – zumal sie insgesamt die treuesten und kommunikativsten Leser meiner Kolumnen sind.

Da fällt mir die kurze Mail jenes Lesers ein (siehe Mailbox), der schon seit Jahrzehnten bzw. schon vor Jahrzehnten immer wieder mal kurze, lapidare, konstruktive, kritische und ätzend sarkastische Anmerkungen geschickt hat, seit langer Zeit nichts von sich hören ließ, plötzlich aber wieder da ist (siehe „richtige Fragen“). So etwas freut mich immer sehr. Die größte Freude ist es, wenn einer bzw. eine ihre Mail ungefähr so beginnt: „Seit xy-zig Jahren lese ich Ihre Kolumnen, habe noch nie einen Leserbrief geschrieben, aber jetzt “ … usw. Selbst wenn dann Kritik kommt (was dann aber selten bis nie der Fall ist, ehrlich!), freut’s mich ein Loch in den Schreiber-Bauch.

Aber jetzt, Montagsthemen, was steht auf dem Zettel? Oh, nicht viel. Beziehungsweise wenig, was mir momentan verwertbar scheint. Serena (Frauending) / Hoeneß („geisteskrankes“ Foul) / Goetze (kein Instinktfußballer mehr) / Favre (wird in seiner Schratigkeit irgendwann Probleme bereiten) / Beatles, Yesterday, tits, Denver / Torjubel (Sommer-Edition mit „Floss“ & Co.) / Reality-Shows (Empathie) / Sportradar (2 Milliarden!). Och, so aufgeschrieben klingt es doch recht brauchbar. Schaun mer ma. Aussortiert aber habe ich ein sehr interessantes Interview. Hat mich auf die Idee für die nächste WBI-Folge gebracht, in der es um vier Punkte gehen wird. Auf Teilnehmer-Wunsch aber erst Anfang Oktober. Welches Interview? Nee, wird nicht verraten.

Ende der Frühmorgenssitzung. KKKK.

P.S.: Bevor ich es vergesse, zum Thema Briefkasten/Zeitungsbote; es gibt keine echten Briefträger mehr. Keinen, der mit der schwarzen Tasche um den Bauch zu Fuß sein Revier beliefert. Alle kommen mit gelbem Auto, in der Stadt sieht man radfahrende Postboten, aber echte Briefträger gibt es nicht mehr. Solche wie Herrn Sparbier. Aber der war ja auch nur ein Fake (für Kuli oder Frankenfeld? Vergessen).

Veröffentlicht von gw am 16. September 2018 .
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Samstag, 15. September, 7.35 Uhr

Im Fernsehprogramm gesehen: „Kruso“ kommt. Mittwoch, 26. September, 20.15 Uhr, ARD. Den Roman hat sie verschlungen, ich nicht ganz so euphorisch. Sogar einige, nee, viele Seiten nur quer gelesen. Die besondere Atmosphäre klang aber auch in mir nach, als wir jetzt auf Rügen waren und mit den Rädern nach Hiddensee übersetzten und auf der autofreien Insel natürlich zum „Klausner“ fuhren, dem Gasthaus, in und um das große Teile von „Kruso“ spielen. Von hier aus, Dänemark im Blick, hatten viele Ostdeutsche versucht, schwimmend oder paddelnd zu flüchten. Manche sind als Leichen in Moen  (dort waren wir vor wenigen Jahren. Kreidefelsen wie auf Rügen) angelandet.

Im „Klausner“ Mittagspause gemacht. Am selben Tisch mit zwei Männern. Um die 50. Der eine trotz Bullenhitze und strahlender Sonne in der Regenjacke, unter ihr ein dicker Kapuzenpulli (Hoodie sagt man heute, habe ich erst gestern gelernt, als mir einer gekauft wurde). Bleich, ja fahl im Gesicht. Im Schatten sitzend. Unruhig, fahrig. Immer wieder sagte er leise etwas zu seinem Freund, der konzentriert in einem Manuskript las und es offensichtlich korrigierte, redigierte. Stets die gleiche Antwort, leise, nebenhin gesprochen: „Ja, tue das  ruhig.“ Dann stand der andere auf, ging irgendwo hin, oder tat gar nichts, setzte sich wieder. So ging das eine Stunde lang, und ich fantasierte, vom dichterischen Tatort inspiriert: Der Schriftsteller und sein Lektor, das letzte Werk des Todkranken bearbeitend.

Später sahen wir sie wieder, vor dem Gerhart-Hauptmann-Haus (der Dichter hat ebenfalls eine Hiddensee-Vita). Der „Lektor“ und der „Schriftsteller“, bei 30 Grad im Schatten mit aufgestülpter Kapuze unter dem geschlossenen Anorak. Und mit aufgespanntem Regen- bzw. Sonnenschirm.

Ich fühlte meine melodramatische Interpretation bestätigt. Sie, meine Übertreibungen gewohnt: „Wahrscheinlich nur Sonnenallergie.“

Es wird ein Geheimnis bleiben.

Veröffentlicht von gw am 15. September 2018 .
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Baumhausbeichte - Novelle