Archiv für die Kategorie »Blog – Sport, Gott und die Welt«

Sonntag, 22. Juli, 6.25 Uhr

Aus den Meldungen der Nacht: Das „schönste Schlagloch von NRW“ /  Weltrekordversuch gescheitert: Statt 666 kommen nur 146 Dackel / „Miraitowa“ und „Someity“ die Maskottchen von Olympia 2020 / Mit Pony im Kofferraum unterwegs / Schlange in der Kloschüssel – Sommerloch …och…och.

Auch vor einem Super-Wespenjahr wird gewarnt. Kurz nachdem vor einem Super-Mückenjahr gewarnt worden ist. Auf meinen Radtouren, voriges Jahr fast ganz insektenfrei, sauge ich wieder  Myriaden von Kleinstinsekten auf, manchmal buchstäblich. Und so viele Schmetterlinge wie in diesem Jahr habe ich selten gesehen. Geht das Insektensterben den Weg des Waldsterbens? Verharmlosen wäre dumm, Alarmismus ist dumm.

Schmetterlinge. Hübsch, bunt, zart … flattern sie davon, wenn ich angeradelt komme. Weg von den Scheißhaufen, auf denen sie im Pulk gesessen und sich daran gelabt haben. Ist mir früher nie aufgefallen. Fast ein bisschen „inter faeces et urinam nascimur“.

Wer’s nicht kennt, googelt es. Und wird feststellen, ob ich es „by heart“ richtig zitiert habe, diesen lebensfrohen, zuversichtlichen, das Leben feiernden Satz, auf den ich schon mit 13, 14 gestoßen bin, Existenzialist durch und durch, mit Sartre als Guru und Camus als Helden und Lebensekel als schicke Theorie, nicht als Grundgefühl. Mit dem Satz haben die beiden aber nichts zu tun, der ist viel älter. Von einem antiken Arzt? Jetzt habe ich mich selbst neugierig gemacht, aber ich googele nicht.

Wer kennt die Gegend rund um die Endbacher Platte? Gehört zu meinen Stamm-Tourengegenden, im hintersten Hinterland. Hab schon davon gebloggt, Stichwort Windräder. Diesmal, mit der mir Nächsten unterwegs, nach einer langen Steigung um die Mittagszeit in Günterod angekommen, einem Dorf, in dem scheinbar die Neutronenbombe eingeschlagen  hat, sie hält an, trinkt einen Schluck, schaut auf mein Hinterrad, deutet hin, ich sehe hin … Platten! Ein Sekunden-Platten. Eben noch gefahren, schon platt. Was tun, hier in der Menschenleere? Taxi rufen? Kaum gedacht, erst ein paar Sekunden sind nach der Platten-Erkenntnis vergangen, da kommt ein fröhlicher Radler des Wegs, hält an, fragt: „Kann ich helfen?“ Was für eine Frage. Was für ein Typ. Was für eine Szene. „Passen Sie mal auf!“ Holt eine schmale Dose aus der Gepäcktasche. „Fünf Euro beim Aldi.“ Spritzt Schaum ins Ventil. Wie von Zauberhand bläst sich der Schlauch auf, ist prall. Wir staunen. Er erzählt, dass er immer gerne hilft, immer alles dabei hat, dass die Mechaniker in der Werkstatt von dem Schaumdöschen nichts wissen wollen, obwohl es, oder weil es?, solch ein Zaubermittel ist … und dann quillt Schaum aus Ventil und Mantel. „Fahren Sie schnell runter nach Bischoffen, da ist eine Rad-Werkstatt“. Ich drücke ihm einen Zwanziger in die Hand, er kann nicht wechseln, macht nix, wir müssen los, er fährt pfeifend ab, wir machen uns auf die – zum Glück überwiegend  abfallenden – fünf Kilometer ins Dorf am Aartalsee, nach hundert Metern schlingert es unter dem Hintern, nach 200 Metern bin ich auf den Felgen … dann wird 4,8 Kilometer lang geschoben. Als ich von dem Schaum erzähle, winkt der Fahrradmechaniker dort nur verächtlich ab.

Fragen Sie bitte nicht, warum ich den Platten nicht selbst repariert habe. Hinterrad am Pedelec, zu kompliziert für zwei linke Hände und einen handwerklich andersbegabten Kopf.

Da schreibe ich achtlos vor mich hin, zu achtlos, denn vom Zweck, Vorübung für die Kolumne, habe ich mich weit entfernt. Auf dem Zettel: Zwergenweitwurf, verzwergter Riese Beckenbauer, Binnen*, Kovac und Boateng, Harting und Kortison, wäre er Russe …, Bayern, Tuchel, Buffon, Max-Morlock-Stadion, Koch nicht nominiert (Skandal!), WVIG-Stadien. Aber erst statt WVIG KKKK. Da kommt sie schon mit Kaffee, Kuchen, Knicks und Kuss. Und auch ohne Binnen* die Chef.

 

 

Veröffentlicht von gw am 22. Juli 2018 .
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Freitag, 20. Juli, 9.00 Uhr

Der gestern bis in die Nacht vor-geschriebene „Stammtisch“ ist abgeschlossen und online gestellt, ebenso die „Druck“-Liste von Dieter Metz. Ich habe sie der Mail des Lesers angehängt (siehe „Mailbox“). Kollegen, die das lesen, stehen jetzt mächtig unter Druck, auf Druck-Schlagzeilen zu verzichten.

Ich kann mich auch an eine eigene Druck-Schlagzeile erinnern. Sie hat mir sogar gefallen. Tut sie immer noch. „Druck auf Papier“, zu finden irgendwo weit unten in „gw-Beiträge Kultur“, im Rahmen der Feuilleton-Kolumne „Nach-Lese“, meinem „Baby“, das längst auf seinen eigenen zwei Beinen läuft und mir gar nicht mehr ähnlich sieht – aber das ist auch gut so.

Veröffentlicht von gw am 20. Juli 2018 .
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Donnerstag, 19. Juli 2018

Im Zusammenhang mit dem „68er“-Jubiläum gab es hier und da Nachfragen von Lesern, vor Jahren sei ein  tolles Interview mit Matthias Beltz erschienen, in der Überschrift sei es um Dutschke und die Szene-Disko Scarabee gegangen, im Netz sei es aber offenbar nicht archiviert, jedenfalls nicht komplett. Stimmt, wie ich jetzt erst gemerkt habe, denn das Interview ist 2001 im Lokalteil der Gießener Allgemeinen erschienen, und ich hatte versäumt, es online zu stellen. Oder habe ich damals meine Texte noch gar nicht online gestellt? Kann sein. Egal. Jedenfalls habe ich das Interview soeben aus meinem Archiv geholt und in die „gw-Beiträge Kultur“ gestellt. Aus diesem Anlass habe ich den Text noch einmal gelesen und bin wieder total begeistert, wie schon damals. Matthias Beltz war ein großartiger Mensch, und ich war und bin froh und stolz, dass er nicht nur dieses Interview zu einem Ereignis gemacht hat, sondern sich im Lauf der Jahre für viele – zumindest für mich – unvergessliche Zeitungsprojekte (wie unsere „Jahresendzeitkolumnen“) gerne und übrigens ohne jedes Honorar bereit erklärt hatte.

Wer das Interview nicht kennt: Klicken Sie bitte rein, es lohnt sich.

Veröffentlicht von gw am 19. Juli 2018 .
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Sonntag, 15. Juli, 8.30 Uhr

Erste Lektüre-Sichtung beendet. FAS, dpa, Samstags-SZ. Irgendwo (SZ?) beim Thema aller Themen einen Satz gelesen, der anscheinend zum Slogan der „einen“ werden soll: „Menschen darf man nicht ertrinken lassen.“ Wer nicht als fürchterlicher Unmensch gelten will, stimmt zu. Widerspruch gegen das Totschlag-Argument zwecklos. Man könnte aber auf diese Art nicht zustimmen: Anscheinend darf man Menschen, die wissen, dass man sie nicht ertrinken lassen will, mit diesem Wissen an das Ufer des Mittelmeers locken, auf einem Weg durch die  von unseren Kameras nicht erfassten Weiten Asiens und Afrikas  jämmerlich krepieren lassen, ausgeraubt, versklavt, vergewaltigt, erschlagen, verhungert, verdurstet. Empathie nur für die, die man sieht. Die im Dunklen, die sieht man nicht. Oder: Was ich nicht weiß …

Na ja, nichts für die Kolumne. Eher eine FAS-Kolumne, die gut zu meinem „schöner“ Fußball-Stichwort passt. „Wie Framing unseren Blick auf die WM geprägt hat“. Oder die Umfrage (dpa), nach der zwei Drittel der Deutschen Trump für den Weltfrieden für gefährlicher hält als Putin. Wie?! NUR zwei Drittel?!

Sehr hübsch auch, aber leider völlig abseitig und nur schwer in den Kolumnen-Flow einzuassoziieren: „Die Bikini-Bridge ist das neue Schönheitsideal.“ Bikini-Bridge: Wenn frau im Bikini auf dem Rücken liegt, sollen die Hüftknochen so weit vor stehen, dass sich zwischen Bauch und Höschen eine Lücke bildet.

Dazu fällt man erstens ein, dass sich bei ihm zwischen Höschen (welch eine absurde Verniedlichung!) und Bäuchlein (dito) keine Lücke, sondern eine massive Brücke bildet, und dass er, sollte versehentlich am Strand sein Blick über eine Bikini-Bridge schweifen, sofort nach MeToo-Gesetzbuch standrechtlich in den Wellen ersäuft wird.

Könnte ein Schlusssatz werden. Ma gucke. Zunächst aber lese ich noch einen Text von Michael Horeni, Titel: „Selbst-Knockout“, darüber, „wie der DFB im Fall Özil seine Glaubwürdigkeit verspielt und der Bundestrainer den Verband hängenlässt“. Klingt ebenfalls nach harter Aburteilung. Aber bitte keine Todesstrafe! Ich bin für mediale Prügelstrafe für den DFB und Freispruch für Löw, aber mit Kontaktverbot und ohne Bewährung im selben Job.

Veröffentlicht von gw am 15. Juli 2018 .
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Sonntag, 15. Juli, 6.45 Uhr

ÄBD. Ein Name, den man sich merken sollte. Und eine Zahl: 116117. Die Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Residiert im Universitäts-Klinikum und ist nicht zu verwechseln mit der Notaufnahme, die jetzt oft im Gespräch ist, weil es dort in der Nacht manchmal hoch her gehen und sie tagsüber auch für Wehwehchen missbraucht werden soll. Hoch her geht es natürlich vor allem in der Nacht, speziell am Wochenende. Wie es gestern bzw. heute um eins in der Nacht dort zuging, das weiß ich nicht. Denn wir waren nicht in der Notaufnahme, sondern beim ÄBD. Die Nummer hatten wir aus dem Gemeindeblättchen, hin mussten wir wegen einer plötzlich massiv ausgebrochenen Allergie.

In diesem Bereich des Klinikums war alles ruhig und fast leer. Vor dem Behandlungszimmer des Bereitschaftsarztes saß nur ein etwas merkwürdiger Deutscher, der leicht unbehaust aussah. Nach ihm kamen wir schnell dran. Im Lauf der Zeit, während ich als Begleitperson auf dem Flur wartete und als wir danach das Klinikum verließen, tröpfelten andere Akut-Patienten herein und vorbei. Allesamt nicht urdeutsch aussehend, alle mit Kindern. Möglicherweise nur eine  atypische Momentaufnahme. Möglicherweise.

Möglicherweise kennt auch jeder außer uns den Unterschied zwischen Notaufname und ÄBD. Wann wendet man sich an wen? Vermutlich ist der ÄDB der verlängerte Arm des Hausarztes außerhalb regulärer Behandlungszeiten, die Notaufnahme nur in höchster akuter Not zuständig, Unfälle, Überfälle, Katastrophen aller Art. Wir werden uns informieren.

Da fällt mir ein: Ich war mal in der Notaufnahme. Radunfall natürlich. Aus Erfahrung wusste ich: Rippenbruch. Ich wollte noch nach Hause fahren, bekam aber keine Luft mehr. Das nächstgelegene Krankenhaus war nicht weit, ich schaffte es dorthin. Sie waren aber nicht zuständig, da ohne Notaufnahme und nur eine Art medizinisches Pflegeheim. Ich sollte ein Haus weitergehen, sagte der dortige Bereitschaftsarzt. Kann ich nicht, hauchte ich. Er rief einen Notarztwagen herbei, der mich die paar Meter (keine  400 Meter/Rechnung später: mehr als ein Euro pro Meter) zur damaligen Klinikums-Notaufnahme fuhr. Ein Zivi im Wagen klemmte mir etwas an den Finger, las einen Wert ab und signalisierte seinem Kollegen bedeutungsvoll: Pneumothorax. Ich kam direkt in die Notaufnahme, vorbei an den lädiert Wartenden, bei vollem Bewusstsein wurde mir die Seite aufgebohrt und mit einem eklig an den Rippen schabenden Geräusch ein Schlauch in die implodierende Lunge geführt. Dass ich gefährlich verletzt war, eine von der gebrochenen Rippe aufgeschlitzte Lunge ist schließlich kein Allerwelts-Wehwehchen, wurde mir gar nicht bewusst, ich dachte nur: Wie blöd, wie lästig, ich Idiot, wie lang das jetzt dauern wird (wie ich nur zu gut wusste: fast drei Monate Schmerzen, vor allem beim Niesen und Husten, und das ausgerechnet in der Heuschnupfen-Saison) und über allem: Es war mitten in der WM 2002, ich fiel eine Woche lang aus, als Redakteur wie als Kolumnenschreiber.

Womit wir auf diesem Umweg wieder bei einer WM gelandet sind. Und bei der heute zu schreibenden Kolumne. Ohne das Endspiel gesehen zu haben (wahrscheinlich aktualisiere ich nach dem Abpfiff ein wenig). Was also vorab schreiben, was nachher noch von Interesse sein könnte? Vorbereitete Stichworte:

Wunden lecken – Exweltmeister – Russen-Interview – Kerber/Meyfarth – blamabler als 94 – auch damals als Favorit bräsig – „bräsig“ nachschlagen – frühere Özil-Fotos – Mumin/Munin – „schöner“ Fußball/Standards/Ergebnisfußball/LA/Schwimmen – Ergebniswohnen – Boeklov – Warum entscheiden Tore? – Florenz.

Wird schon werden. Wie auch das mit dem allergischen Schock. Die Arme ist wieder fit. Kurze Nacht, aber jetzt: KKKK!

 

Veröffentlicht von gw am 15. Juli 2018 .
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Baumhausbeichte - Novelle