Archiv für die Kategorie »Blog – Sport, Gott und die Welt«

Montagsthemen (vom 13. Juli)

Aufstieg oder Klassenerhalt. Zwar sind mir Nürnberg und Ingolstadt egal wie ein hessischer Handkäs’ (riecht von beiden Seiten, für die einen duftet, anderen stinkt er), doch sportlich ist diese und jede Relegation … unsportlich. Da wird der Liga-Runde zum Schluss ein Pokalspiel aufgepfropft, das mit seinen »eigenen Gesetzen« dem Sinn der 34-Spieltage-Liga widerspricht.
*
Im manchmal genialen »Rattelschneck«-Cartoon in der SZ, Gast am Tresen: »Bei Geisterspielen … (weiter in der Rubrik rechts „gw-Beiträge Anstoß“)

Veröffentlicht von gw am 12. Juli 2020 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Montagsthemen (vom 13. Juli)

Psychologie der Massen

Geht ja gut los. Sechs Uhr früh, FAS schon im Kasten, oben links Anreißer für ein Thema im Blatt: „Weiße Synchronsprecher für schwarze Stars wie Will Smith  geht das noch?“ – Geht’s noch? Ginge es nicht mehr, wäre das Rassismus in Reinkultur. Aber wenn es keine Rassen gibt, könnte es ja auch keinen Rassismus geben, oder?

Der manchmal geniale „Rattelschneck“-Cartoon (sagt man noch „Cartoon“?) in der SZ vom Samstag, Gast am Tresen zum Wirt:  „Bei Geisterspielen, beim Fußball, vermisse ich am meisten La Ola, ‚Die Welle‘.“ – Wirt: Schweigt. – Gast: „Erinnert mich immer an meine Geburt. Fruchtwasser gerät in Bewegung und dann freuen sich alle, dass ich da bin.“

Alle würden sich freuen, wenn sie wieder da sein könnten, im Stadion, zur Massenveranstaltung. Dann ist Fußball wieder etwas ganz anderes, vor allem sind die Fußballer ganz andere. Woran liegt das? In C&Q-Zeiten (Corona & Quarantäne – musste gerade tatsächlich nachschauen, ob Corona mit C oder K geschrieben wird; ist das Eskapismus im Kopf, der am liebsten nichts mehr davon wissen möchte?) wirken sie menschlicher, individueller, angenehmer als in vollen Stadien, da wirken sie in ihren Reaktionen berechenbarer, automatisiert, entindividualisiert. Da sind sie Masse, gehören zur Masse, der größeren eigenen im Heimspielstadion oder kleineren bei Auswärtsspielen. Keine ritualisierten Außer-sich-Tumulte um und am Schiedsrichter, kein Am-Boden-Winden vor Schmerzen, obwohl jeder weiß, dass es keine Schmerzen gibt.

Srebrenica, 25 Jahre her. Viele hehre Worte am Gedenktag. Kein Wort dazu, dass die Konflikte im Fußball bzw. in seinen Klubs auf dem Balkan fast schon idealtypisch unter der Lupe zu beobachten waren und sind. Da benehmen sich die Fans der ethnisch fein säuberlich getrennten Klubs wie früher die Soldaten auf den balkanesischen Schlachtfeldern (wobei „Schlacht“ nicht nur die Schlacht, sondern  auch das Schlachten war, siehe Srebrenica), und oft nicht nur die Fans, sondern auch die Spieler (und die Anstifter im Hintergrund).

Als ich noch ins Stadion ging und La Ola über mich schwappte, duckte ich mich auf der Pressetribüne schnell weg, Kopf nach unten, als ob ich konzentriert Notizen machte. An der Welle teilzunehmen, mich gar rattelschneckig daran zu erfreuen, war und ist mir nicht gegeben.

Liebe Kinder, früher gab es Wehrpflicht, eine gute Sache für  die Verbürgerlichung der Bundeswehr, aber das ist jetzt nicht mein Thema. Man wurde, so mit 17, 18, „gemustert“ und ging dann zum „Bund“. Oder man verweigerte. Oder man drückte sich, schauspielerte wie ein unverletzt sich schwerverletzt am Boden windender Fußballer. Wie ich. Details lasse ich aus, einfach war es jedenfalls nicht,  denn die Musterungskommissionen kannten ihre Pappenheimer. Ich wurde jedenfalls ausgemustert, „Ersatzreserve II“, großes Aufatmen und Euphorie bei mir, Entsetzen beim soldatisch hochdekorierten Vater. Damals und noch lange danach redete ich mir ein, dass ich Pazifist war und deshalb nicht zu den Soldaten wollte. Heute weiß ich: Es war meine La-Ola-Phobie. Nie, nie, nie im Leben hätte ich „Rechts um!“ machen können, wenn irgendein Depp mir „Rechts um!“ ins Gesicht gebrüllt hätte.

Was ist da mit mir schief gegangen? Was ist die Masse, die harmlos in „La Ola“ schwelgt und ganz und gar nicht harmlos wird, wenn sie mit „Rechts um!“ in den Kampf wofür und wogegen auch immer geschickt wird?

Ich lese ein Buch, ein Standardwerk von 1895. Gustave Le Bon, „Psychologie der Massen“. Bei, verschämt gebe ich es zu, Amazon bestellt, da vorher nie gelesen. Kostet nur vier Euro noch was, obwohl gebunden, ein Schnäppchen, wie fast alle alten Klassiker (als E-Book sind sie meistens kostenlos). Noch bin ich ziemlich am Anfang, aber auch schon ziemlich fertig. Es folgen einige der bis jetzt zitierten Sätze aus „Psychologie der Massen“ (plus spontan notierte Anmerkungen):

»Allein durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein, steigt der Mensch mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab. Als einzelner war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar.«

„Massen sind unfähig, Meinungen zu haben außer jenen, die ihnen eingeflößt wurden.«

»Alle Herren der Erde (…) waren stets unbewusste Psychologen mit einer instinktiven und oft sehr sicheren Kenntnis der Massenseele.« – Ein Grund dafür, dass Trump die Wahl längst noch nicht verloren hat – er kennt seine Massen besser als jeder seiner Kritiker.

»Je weniger die Masse vernünftiger Überlegung fähig ist, umso mehr ist sie zur Tat geneigt.« Im Internet finden sich Menschen zu Massen zusammen, die gar nicht wussten, dass es für sie Massen Gleichgesinnter gibt. Und da können sie leicht auf die Idee kommen, bei so vielen Gleichgesinnten, dass Kinderschändung kein perverses Verbrechen ist, sondern ein harmloses, von vielen anerkanntes Hobby. Oder Kannibalismus, oder oder … was es so alles unter der Sonne gibt, als Einzelfall im Dorf, vor sich selbst und der Welt verheimlicht, als Masse im globalen Dorf.

»Vielleicht bedeutet der Aufstieg der Massen eine der letzten Etappen der Kulturen des Abendlandes.« (Oswald Spengler). Sie sind »wie Mikroben, welche die Auflösung geschwächter Körper oder Leichen beschleunigen«.

Tja. Leuchtet alles und immer noch ein. Aber schon der Einstieg von Le Bon in sein Gedankenkonstrukt, schon der dritte Satz im Buch, irritiert den Leser, denn fast alles, was Le Bon in der Masse sieht, basiert auf etwas, das es gar nicht gibt, nicht geben darf, weil nicht sein darf, was nicht sein soll, nämlich auf … Rasse:

»Der Inbegriff der gemeinsamen Merkmale, die allen Angehörigen einer Rasse durch Vererbung zuteil wurden, macht die Seele dieser Rasse aus.«

Die Masse hat eine Massenseele, die auf einer Rassenseele basiert? Wie kommt man aus dieser Nummer heraus, ohne die gesamte „Psychologie der Massen“ für  falsch zu erklären?  Spontane Idee: Namen sind Schall und Rauch, man könnte „Rasse“ jedes Mal durch „Masse“ ersetzen.

So, das waren die Notizen von gestern. Masse statt Rasse? Ginge das so einfach?

Und wie mache ich aus diesem Thema, aus weißen Synchronsprechern, Rattelschnecks La Ola, der Musterung, Le Bon und der Psychologie der Massen räumlich begrenzte, gut lesbare, informative und unterhaltsame „Montagsthemen“? Dazu noch Relegation und Niklas Kaul, was gar nicht dazu passt? Egal, ich muss und will es schaffen. Und dass „egal“ ein Handkäs ist (riecht von beiden Seiten, für die einen duftend, den anderen stinkt er), das muss auch noch rein, und zwar ganz vorne, bei der Relegation.

Jetzt muss ich sie nur noch schreiben. Mit Hilfe dieses Blogs, dem Stein(es)bruch für die Kolumne. Bis dann. Aber erst Pause. KKKK. Mit den vier „K“ können Hinzugelesene nichts anfangen, Stammleser schon, vor allem aber ich.

Veröffentlicht von gw am 12. Juli 2020 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Psychologie der Massen

Der frühe Vogel

Spät am Abend begonnen, früh am Morgen weiter gemacht, so früh wie noch nie fertig geworden. Die Kolumne für morgen steht schon online und auf der Layout-Seite für morgen. Hoffentlich kriegen die Jungs in der Sportredaktion (immer noch kein Mädchen dabei) keinen Schock, wenn sie den Riemen sehen. Nicht nur früh, sondern auch lang wie nie.

Langsam muss ich mich am, sorry, Riemen reißen, oder, besseres Bild, die Reißleine ziehen, wenn ich die Ziel-Zahl meiner Kolumnen nicht schon wieder (wie in all den Jahren zuvor) deutlich überschreiten will. Will ich ja nicht, sondern peu a peu reduzieren. Bis zum Rentner in Ruhe. Aber nicht ganz so final wie „Rabbit in Ruhe“ bei John Updike. Ist Rabbit nicht, wenn ich mich recht erinnere, beim Korbleger zusammengebrochen, mit Herzinfarkt, zwar Ende offen, aber nie mehr aufgetaucht?

Auch die ersten Störche sind weg. Glaube ich. Das Nest bei Atzbach ist seit zwei Tagen leer. Sind die beiden Storchenkinder nicht viel zu klein für die große Reise?

Veröffentlicht von gw am 10. Juli 2020 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Der frühe Vogel

Sport-Stammtisch (vom 11. Juli)

»Ich vermisse in letzter Zeit ein mehr Anstoßnehmen in Ihrem ›Anstoß‹«, bedauert Dr. Hans Jürgen Glaum, »früher gab’s bei mir mal ein: ›Das gibt’s doch nicht!‹« – Offenbar im Sinne von, um mal ein noch viel früheres Wort zu benutzen: Potztausend! Bin ich als Tiger abgesprungen und als zahnloses Kuscheltierchen gelandet? »Ecken Sie doch mal ein bisschen mehr an, grätschen Sie mehr dazwischen«, fordert der Leser. Also dritte Zähne angefeilt, reingeschoben und reingegrätscht.
*
Aber zuerst zeigt Christian Lugerth Biss. Der Gießener Schauspieler, Theatermann und Dylanist bedankt sich für eine »Steilvorlage« (das seinerzeitige Banner am Stadttheater »Prädikat: garantiert ausländerfreundlich«) und merkt zu seiner alten Spielstätte an: … (weiter in der Rubrik rechts „gw-Beiträge Anstoß“)

Veröffentlicht von gw am 10. Juli 2020 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sport-Stammtisch (vom 11. Juli)

Und noch ein Vorgriff

Und noch ein Vorgriff, in Langform, die ich für die Kolumne mit Zitaten in Kurzform (mit Erlaubnis) verwursten will. Christian Lugerths Reaktion auf den letzten „Notizblog“ (Heimwerken, Fitness-Tipps für Senioren usw.):

*

Danke fürs Erwähnen meiner und wenn es auch nur im Zusammenhang mit Fitnesstipps für Rentner ist. Aber das muß ich als bald 64-Jähriger und zwangsverrenteter „freier“ Künstler wohl verknusen. Und in diesen Zeiten ist man in meinem Gewerbe ja froh über jegliche Art von Anteilnahme. Gestehen muß ich – auch mit „th“ am Ende – daß ich schon entschieden öfters als sonst heimwerkend tätig war und den guten Bob Dylan (das weltmeisterliche neue Album!!!) mehr gehört und weniger als sonst geschrammelt habe. Tja, fallen die Auftritte weg, probt man entschieden dosierter. Und die systemrelevante (tatsächlich!) Gattin (damals überzeugte Lindenstraßenguckerin im übrigen) will ja abends was zu essen haben, was sich von Kantinengerichten positiv abhebt. Zwei Sätzlein noch zum Stadttheater Gießen (Dank für die Steilvorlage!!), von dem ich mich seit geraumer Zeit innerlich und nun auch generell und überhaupt verabschiedet habe: da hängt gerne mal draußen was an der Fassade rum, was innen nicht wirklich gelebt wird. Wird da irgendwann mal plakatiert in Übereinstimmung mit einer nicht nur behaupteten Realität: „Stadttheater Gießen: garantiert mitarbeiterfreundlich!“, kehre ich gerne dahin zurück. Frühestens 2022 wohl. Dann bin ich zwar 66, aber laut Meister Jürgens soll es da ja richtig losgehen. Schau’n mer mal. Und sonst? Ohne Fußball fehlt der Welt weniger als Seifert und Rummenigge, die Chefideologen der kickenden Gespenster, beharrlich behaupten. Und jetzt höre ich zu Ehren des göttlichen Geburtstagskindes Ringo das „Weiße Album“ und spüle dabei und fege dann den Hinterhof.

*

Die Chefideologen und das Stadttheater-Plakat (das wird manche so was von ärgern!) kommen in die Kolumne. Auf dem Zettel stehen sowieso schon „Ringo 80“ und das grundgemeine John-Lennon-Zitat, Ringo sei nicht der beste Drummer, nicht einmal bei den Beatles.

Veröffentlicht von gw am 8. Juli 2020 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Und noch ein Vorgriff