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Von guten und schlechten Goldgräbern

Liebes Eintracht-Tagebuch, schon als kleiner Junge gab es ein Thema, das mich bis heute fasziniert: die Suche nach Gold! Stundenlang las ich Geschichten oder schaute Filme, die sich um Goldgräber drehten. In denen raue Typen mit wettergegerbten Gesichtsfurchen tagelang in irgendwelchen Flüssen standen, um dort mit schimmeligen Waschsieben Schlamm nach dem wertvollen Glitzerzeug zu durchsuchen. Und die erst dann richtig Feierabend machen konnten, wenn sie am Ende des Tages auch noch irgendwelche hinterlistigen Konkurrenten mit ihrem Bärenmesser beseitigt hatten, bevor diese ihnen ihren kleinen Stoffbeutel mit den frisch ersiebten Goldklümpchen klauen konnten. Es sei denn, dass man sie selbst auch als hinterlistige Konkurrenten betrachtete, dann wurden eben sie beseitigt.

Da mich das Thema nie wirklich losgelassen hat und auch jetzt noch interessiert, habe ich im Laufe der Jahre immer wieder mal etwas darüber gelesen. Auch heutzutage wird weltweit nach wie vor mit großer Intensität nach Gold gesucht. Nicht nur in den Ablagerungen von Flüssen, auch in Gebirgssteinen, in Sand, ja sogar, in dem man Dental- und Schmuckverarbeitungsabfälle oder Elektronikschrott recycelt. Ob in Süd-Afrika, den USA, Australien oder Russland, überall sind Menschen damit beschäftigt, Gold zu finden.

Und auch heute geht es dabei längst nicht immer nur seriös oder legal zu, immer noch müssen Menschen im Zusammenhang mit Gold sterben. Ob bei Überfällen, bei hart geführten Auseinandersetzungen um besonders ergiebige Goldadern, oder weil man Sklaven so lange in unterirdischen Minen arbeiten lässt, bis diese tot umfallen.

In der Bundesliga ist das ähnlich, da suchen sie auch alle ständig nach Gold. In Form von besonders talentierten jungen Spielern. Okay, Tote gibt es da eher weniger, aber ansonsten geht es mitunter doch schon recht rau zu. Und auch wenn die Männer, von denen ich spreche, offiziell »Scouts« oder »Spielervermittler« heißen, sind sie im Prinzip doch nichts anderes als Goldsucher. Sie suchen unentwegt, weltweit. Checken jeden Hinweis. Sei es, dass es da einen hochbegabten Jungen in einem Kaff hinter Limburg geben soll, ein Fußballwunderkind in Peru oder einen unglaublichen Mittelfeldspieler in der F-Jugend des dänischen Drittligisten Fortuna Hjørring. Jede auch nur halbwegs brauchbare Spur wird verfolgt. Und weil die Konkurrenz natürlich auch von diesem oder jenem Wind bekommen hat, und das Geschäft hart ist, kauft man gerne auch schon mal sicherheitshalber einen Fünfjährigen seinen Eltern unter Zuhilfenahme unübersichtlicher Verträge ab, oder bindet irgendwelche armen Talente aus der Dritten Welt lebenslang an ihre manchmal komplett seriositätsfreien Firmen.

Es wird bestochen und gelogen und das schönste aller Blaus vom Himmel versprochen. Ja, die Fußballgoldgräberlandschaft ist brutal, viele ihrer Mitglieder sind ausnahmslos zielorientierte, mitleidslose Wesen, die zu allem Überfluss auch noch regelmäßig danebengreifen und deren vermeintliches Gold sich schnell als billige Kupferfälschung entpuppt.
Wie gut tut es da, wenn es auch mal welche gibt, die sich von all dem unbeeindruckt zeigen, und nicht da nach Gold graben, wo das alle tun! Sondern dort, wo sie ihr Bauchgefühl hingeführt hat. Und die dann auch noch tatsächlich genau da fündig werden!

Armin Veh und Bruno Hübner sind so zwei. Sind eine Saison lang durch die verkannte Goldmine »Zweite Liga« gelaufen, haben sich alles genau angeschaut, und vor allem gut gemerkt, an welchen Stellen da das echte Gold lag und wo die Attrappen. Um dann ein paar Wochen später in aller Seelenruhe und vollkommen unbeachtet vom Rest der deutschen Fußballwelt, dahin zurückzukehren und die Schätze einfach einzusammeln: Trapp, Aigner, Inui, Zambrano oder Occean. Und sich auf dem Rückweg noch die Zeit nahmen, auch noch mal kurz zu gucken, welches unerkannte Edelmetall beim ein oder anderen Erstligaklub so auf der Reservebank unbemerkt vor sich hin funkelt: Oczipka, Celozzi oder Lanig.

Dass der Trainer dann auch noch aus all diesem Rohmaterial in recht kurzer Zeit glänzenden Schmuck angefertigt hat, zeigt, dass er nicht nur ein extrem schlauer Goldsucher, sondern zudem auch noch ein ausgesprochen geschickter Goldschmied ist. Und so einen, liebes Tagebuch, haben wir bei der Eintracht lange nicht mehr gehabt…!
Hendrik Nachtsheim

Veröffentlicht von neumann_o am 24. Oktober 2012 .
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Die therapeutische Chance

Liebes Eintracht-Tagebuch, eine Saison habe ich aus beruflich bedingten Zeitgründen nicht in Dich geschrieben, und schon ist alles drunter und drüber gegangen!

Ich fass es für Dich mal zusammen, okay? Also: In der letzten Spielzeit hat die Eintracht unter Trainer Skibbe eine recht gute Vorrunde gespielt, sodass sie nach dieser auf Platz sieben stand! Und so wie wir Eintrachtfans gestrickt sind, fingen wir heimlich… naja… eigentlich eher ziemlich unverhohlen an, nachzuschauen, wo denn genau Valencia, Porto und Eindhoven liegen, und wie man günstig in die ukrainische Pampa kommt. Während wir parallel dazu das Foto der Europaleague-Trophäe schon als Bildschirmschoner runterluden.

Henni Nachtsheim Eintracht TagebuchDann aber verloren unsere vermeintlichen Himmelsstürmer plötzlich ein Spiel nach dem anderen. Die Spieler unserer Herzen entpuppten sich als die Loser unserer Alpträume, und am Ende stürzte die Eintracht dank eines beispiellosen freien Falls von der Gletscherwand zu Europa in die Jauchegrube der Provinz.

Es gab noch den Versuch, dank Christoph Daum die Katastrophe aufzuhalten, aber da war es schon zu spät. Ich bin kein Fan seiner Rhetorik, die mich oft an Motivationsseminare zweitklassiger Manager von drittklassigen Firmen in viertklassigen Hotels erinnert, aber Schuld hatte er keine. Wenn man überhaupt nachträglich die Trainerfrage stellen muss, dann doch eher in Richtung Skibbe. Der kommt zwar etwas smarter daher als manch einer seiner Kollegen, ist aber der lebende Beweis dafür, dass ein gepflegter Dreitagebart, passend zum schicken Trenchcoat, kein Indiz für einen besonders guten und allseits respektierten Coach ist. Vor allem wenn er des Öfteren zu spät zum Training kommt, oder einen Spieler aus disziplinarischen Gründen in einer Woche suspendiert und wieder aufstellt. Und dass Männer in altmodischen Trainingsanzügen, wie z. B. Dieter Hecking, trotz ihres fragwürdigen Kleidungsgeschmacks mehr Führungsqualitäten haben! Ganz abgesehen von der Erkenntnis, wie gut Friedhelm Funkel war, der aus diesem Kader mehr rauszuholen vermocht hat, als er hergab! Aber warum auch immer… am Ende landete unser Verein auf Platz 17.

Ja, das war ein Ding! Eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Schock und Wut auf eine Truppe von charakterlich limitierten Hühnern, die alle nach jedem verlorenen Spiel um die Wette gackerten, es jedoch nicht fertigbrachten, mal ein gescheites Ei zu legen! Da ich aber, wie viele Eintracht-Fans, schon drei Abstiege miterlebt habe, ging es mir so, wie wenn einem wiederholt auf der Autobahn ein Reifen platzt.

Man kennt das, fährt vorsichtig rechts ran, flucht, um dann kopfschüttelnd das Reserverad aus dem Kofferraum zu holen. Soll heißen:

23 000 von uns haben sich trotz ihres Unmutes eine Dauerkarte für die 2. Liga besorgt und beschlossen, nicht untreu zu werden. Sondern dem Team um Heribert Bruchhagen (den dieser Abstieg gebeutelt hat), dem neuen Sportdirektor Bruno Hübner (eine Art hessischer Duracell-Hase mit geschultem Fachwissen), und dem neuen Trainer Armin Veh (der sich als wesentlich sympathischer entpuppt als wir ihn je wahrnahmen) den Rücken zu stärken. Konkret angefangen haben wir damit am Freitag, indem 3000 Fans nach Fürth gefahren sind, und dort nach dem 0:2 alles gegeben haben. Erfolgreich! Denn die kurzfristig neu geformte Mannschaft hat das Ding gedreht und bei einem Mitfavoriten gewonnen. Und soll ich Dir was sagen? Es hat sich saugut angefühlt! Ich bin vorm TV weggeschmolzen vor Begeisterung, Rührung und Versöhnungsgefühlen. Weil es halt genau dieser eine Verein ist. Klar findet man auch mal Dortmund gut oder bestaunt Barcelona. Aber im Urlaub beeindruckt einen auch mal ’ne Schönheit aus dem »Pott«, genauso wie man im Halbsuff auch mal einer spanischen Sexbombe nachgeiert. Trotzdem gehört das Herz letztlich der Frau, die man damals auf dem Feuerwehrfest in Dortelweil kennengelernt hat!

Am Montag kommt es gleich zum nächsten Favoritenduell, zum Abstiegsversehrtentreffen mit dem FC St. Pauli. Dummerweise dürfen ausgerechnet zu diesem Spiel nur 19 000 Zuschauer in unser Stadion, da damit seitens des DFB eine ziemlich peinliche Geschichte aus der letzten Saison bestraft wird. Falls Du das nicht mitbekommen hast: Nach einem unterirdischen und völlig aufbäumfreien Abstiegsspiel gegen Köln war eine Gruppe junger bis mittelalter Männer mit Gewalt ins Stadioninnere vorgedrungen, um dort ihrem Unmut in Form von »Spielerjagen mit selbstgebastelten Stangen« Luft zu verschaffen. Was den eh schon bitteren Geschmack dieses Samstags zum Brechreiz mutieren ließ. Eine Woche später, am Ende der Saison, und ausgerechnet beim endgültigen Zweitliga-Dolchstoß in Dortmund, feierten sich dann auch noch diese und weitere ihnen geistig nahestehenden Kurvenfreischärler selbst mit einem Transparent »Deutscher Randalemeister 2011«.

Ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie übel ich das fand! Wie blöd! Wie beschämend! Und wie ausgenutzt und missbraucht ich mich als Eintracht-Fan gefühlt habe! Klar können sie Stunk machen. Klar können sie Krawall suchen, und sich mit den Etablierten anlegen. Und wenn es auch politische Gründe sind, die sie zu ihren Aktionen treiben, werde ich darüber nicht voreilig richten. Wenn das ihre Ausdrucksform ist… von mir aus. Aber nicht unter unserer Flagge, nicht in unseren Farben! Allein die deutschlandweite Wahrnehmung dieser Jungs steht in keiner Relation zu den wahren Mehrheitsverhältnissen unter uns SGE-Anhängern! Ganz abgesehen von dem finanziellen Schaden, den sie dem Verein, und damit uns, zufügen.

Du siehst, es gibt einiges aufzuarbeiten. Deswegen betrachte ich die neue Saison auch als eine Art therapeutische Chance. Für uns Fans. Für den mitgenommenen Vorstand. Für die Spieler, die geblieben sind. Für uns alle eben. Denn die Eintracht heißt ja allem zum Trotz nicht umsonst so… Eintracht.

In diesem Sinne!

Hendrik Nachtsheim

Veröffentlicht von neumann_o am 20. Juli 2011 .
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Baumhausbeichte

Gerhard Steines, »Anstoß«-Kultkolumnist und Mitglied der Chefredaktion der Gießener Allgemeinen, Alsfelder Allgemeinen und Wetterauer Zeitung, legt nach seinem erfolgreichen Krimi »Seemannsköpper« mit der »Baumhausbeichte« ein neues literarisches Werk vor. Es ist eine dicht gewobene, facettenreiche Novelle voller Überraschungen, die ab heute als »Fortsetzungsroman« an dieser Stelle abgedruckt wird.

Wovon die Geschichte eines Sommers handelt, erläutert Schriftsteller Matthias Altenburg alias Jan Seghers in seinem Vorwort. Wir wünschen unseren Lesern in den kommenden knapp drei Wochen spannende Unterhaltung mit »vielen Twists auf engstem Raum« (Seghers). mm

Vorwort:

Es beginnt wie ein Idyll, eine leichte Sommergeschichte, eine Coming-of-Age-Story, wie man sagen könnte. Als wolle der Autor uns beweisen, dass es so etwas eben doch gegeben hat: eine unbeschwerte Kindheit mitten in Nazi-Deutschland. Mit sparsamen Mitteln erweckt Gerhard Steines seine Figuren zum Leben und lässt sie vor unseren Augen zu wirklichen Menschen werden – zu liebenden, bangenden, hoffenden Jugendlichen. Verstrickt in noch unbekannte Gefühle versuchen Edgar, Magda und Abi die Balance zu halten zwischen Begehren und Freundschaft, zwischen Liebe und Verzicht. Und wie die drei dort im Baumhaus beieinanderhocken, einander suchend und fliehend, wird die verborgene Hütte im Wald zum Bild für die Wirren der Adoleszenz. So irrlichternd, so traurig, so schön.

Aber das Idyll ist umzingelt, die Wirklichkeit bricht ein. Bis in diesen abgelegenen Wald dringt das Bellen der Befehle, das Knallen der Stiefel und Schüsse. Bei Anna Seghers gab es die »Kraft der Schwachen«, den Mut jener unscheinbaren Menschen, die an einem entscheidenden Punkt über sich hinaus gewachsen sind und alles richtig gemacht haben. Gerhard Steines kehrt dieses Motiv um: Er zeigt uns einen starken, schönen Jungen, der die Gunst einer Sekunde nutzt, um sich für eine Zurückweisung zu rächen, der mit den Mächtigen paktiert und zum Verräter seines besten Freundes wird.

Doch den erhofften Lohn erhält er nicht, er bleibt ein »Judas ohne Silberlinge«, wie es bei Carl von Ossietzky heißt. Die Wucht seiner Schwäche wird sein Leben zerstören. Und als sich zum Schluss noch einmal alles zum Besseren zu wenden scheint, da ahnen wir, dass das Gelächter längst das Lachen übertönt. Eine wunderbare Geschichte – und so viel Dramatik, so viele Twists auf engstem Raum! Respekt!
Matthias Altenburg (»Jan Seghers«)


1
Im Sommer 1944 schickten mich die Eltern in den großen Ferien aufs Land, in den Süden, zu meiner Tante, die in der Nähe von München zusammen mit ihrem Vater einen großen Bauernhof führte.
Der Mann der Tante war schon zu Beginn des Krieges gefallen. Damals weinte Mutter, als die Nachricht kam. Vater wendete sich ab: »Ich hab’s ja gewusst. Das geht jetzt immer weiter, immer weiter.« Danach erst nahm er Mutter tröstend in den einen Arm, der ihm geblieben war.
Das Wort »gefallen« kannte ich nur in Verbindung mit »gefallene Mädchen«, worunter ich mir etwas verboten Aufregendes vorstellte. Erst viel später wurde mir klar, dass der Onkel tot war, totgeschossen in einem Krieg, der irgendwo weit weg stattfand, in dem aber immer mehr deutsche Soldaten – Vater behielt recht – als »gefallen« gemeldet wurden.
Den Arm hatte Vater in einem früheren Krieg »verloren«. Auch dieses Wort irritierte mich. Wenn man etwas verliert, sucht man danach, vor allem so etwas Wichtiges wie einen Arm.
Später, als ich die Bedeutung der beiden Ausdrücke kannte, blieb Vaters Arm für mich der erste Gefallene unserer Familie.
Ich erwähne das nicht, um Sie zu erheitern. Es soll verdeutlichen, wie naiv ich noch war, obwohl ich mich mit 16 schon erwachsen fühlte und im Gymnasium der beste Schüler meiner Klasse war. Wenn im Radio die Nachrichten von der Front gemeldet wurden, Mutter und Vater gebannt lauschten und der Vater danach die neue Lage in unserem Weltatlas nachzeichnete, hörte ich nicht zu. Ich durfte aber in der Goebbelsschnauze – so nannte Vater den Volksempfänger – nach Negermusik suchen. »Aber leise! Und sei vorsichtig, erzähl niemandem, dass in unserem Haus so etwas gehört wird!«

2
In unserem Städtchen hatte es schon mehrmals Bombenalarm gegeben, aber die Flugzeuge flogen über uns hinweg und zerstörten andere Städte. Ich fand die Aufregung spannend, die Flucht in den Keller, das Zusammenhocken – wenn der Alarm aufgehoben wurde, war ich sogar ein wenig enttäuscht. Keine einzige Bombe gefallen!
Aber Vater war sicher: »Über kurz oder lang sind wir dran, eher über kurz.«

Zu meiner Tante geschickt wurde ich, weil die Eltern Angst um mich hatten.
Ich war hin und her gerissen. Einerseits freute es mich, in den Ferien keine dieser krampfigen Gemeinschaftsaktionen mitmachen zu müssen. Die HJ ging mir auf die Nerven. Zwar waren meine wenigen Freunde auch dabei, alle mussten dabei sein, aber ich mochte es nicht, wie sie sich in der Gruppe veränderten.
Wie gerne sie Befehlen gehorchten! Wie wichtig sie sich fühlten, wenn sie befehlen durften!
Ich war sowieso am liebsten alleine, las und lernte und träumte davon, ein berühmter Schriftsteller zu werden.
Dass ich die HJ verachtete, dass ich Außenseiter war, bereitete mir keine Probleme. Ich war groß und kräftig, gewandt und schnell, und nicht nur Klassenprimus, sondern auch der beste Sportler der Schule. Ich gehörte nicht dazu, wurde aber respektiert.
Ich schwänzte zwar viele Pflichtstunden und Veranstaltungen, aber immer wenn ich hoffen konnte, dass auch der Bund Deutscher Mädchen kommen würde, war ich mit dabei. Eine bessere Gelegenheit, mich dem anderen Geschlecht zu nähern, gab es nicht. Und die blonden deutschen Mädchen, sie waren neben der Negermusik meine zweite geheime Leidenschaft. Sehr geheim, denn so, wie ich die Negermusik nur heimlich hörte, sah ich mir die BDM-Mädchen nur heimlich an. Kam mir eine zu nahe, lief ich rot an und brachte kein Wort heraus.
Da ich das wusste, beschränkte ich mich darauf zu gucken, aber auch das war schön.

Bei meiner Tante gab es zwar keine HJ, doch daher leider auch keinen BDM. Im Radio Negermusik zu suchen, traute ich mich nicht. Aber ich bekam ein eigenes Zimmer, durfte jedes Buch aus dem Bücherschrank des toten Onkels lesen und hatte den ganzen Tag für mich. Die Tante und ihr Vater arbeiteten mit einem älteren Knecht und einer Magd, seiner Frau, von morgens bis abends auf dem Feld. Wenn sie gemeinsam frühstückten, lag ich noch im Bett. Wenn ich aufstand, war mein Frühstück bereitet. Mittags punkt zwölf aßen sie gemeinsam im Feld. Oft fuhr ich mit dem Rad zu ihnen und aß mit, aber wenn ich keine Lust hatte, nahmen sie es mir nicht übel – und wahrscheinlich nicht mal Notiz davon –, dass ich nicht kam und mich in der Speisekammer bediente. Nur zum Abendessen, pünktlich um sechs, musste ich eine halbe Stunde mit ihnen am Tisch sitzen. Gesprochen wurde nicht viel, aber alle behandelten mich freundlich, die Tante nahm mich sogar manchmal in den Arm und drückte mich fest an sich, was ich mir nur widerstrebend gefallen ließ.
Nach dem Abendessen fuhr die Tante mit ihrem Vater fast täglich zum Nachbarhof, den ein verwitweter Bauer führte. Jahre später würde sie ihn heiraten. Der Knecht und seine Frau zogen sich in das Nebengebäude zurück, in dem sie wohnten. Ich blieb alleine und durfte tun und lassen, was ich wollte.
Der Hof der Tante lag ungefähr zwei Kilometer von einem winzigen Dorf entfernt in einer Hügellandschaft, hinter der ein dicht bewaldeter Berg aufragte, in dessen Einsamkeit ich mich am wohlsten fühlte.
Am Rand einer kleinen, kreisrunden Lichtung mitten in meinem Wald baute ich in einem Baumwipfel einen Beobachtungsstand. Bretter und Werkzeug nahm ich vom Hof mit.
Drei Tage lang arbeitete ich ununterbrochen und unbemerkt, dann war mein Reich fertig, ausgepolstert mit alten Decken und Kissen, die ich auf dem Dachboden des Hofs gefunden hatte. Die Leiter, die ich aus Ästen gebastelt hatte, um das Material hoch in den Baum hinein schaffen zu können, zerlegte ich wieder in ihre Einzelteile und verstreute diese im Wald.

3
Nach oben gelangte man jetzt nur noch mit einer Strickleiter. Wenn ich ging, schob ich sie, nachdem ich hinuntergeklettert war, mit einem Stock hoch über einen Ast, sodass sie nicht mehr zu sehen war.
Seitdem verbrachte ich die Tage fast nur noch in meinem geheimen Reich. Um halb sechs kletterte ich hinunter, um rechtzeitig zum Abendbrot zu kommen. Danach lief ich zurück und las, bis es dämmerte.
Dann beobachtete ich noch eine Weile die Tiere des Waldes, Rehe, die auf der Lichtung ästen, Füchse, die vorbeischnürten, Wildschweine, von denen ich allerdings mehr hörte als sah, und erst, wenn der Uhu vorbeischwebte, machte ich mich auf den Heimweg.
Angst im dunklen Wald? Hatte ich nicht.
Was ich las? Vor allem Klassiker. Aber auch »Mein Kampf«. Ein großartiges Buch, das mich so in seinen Bann zog, dass ich es gleich noch einmal las. Vor allem die Hauptfigur, Hanno, hatte es mir angetan. Denn unter dem Schutzumschlag von »Mein Kampf« steckten »Die Buddenbrooks«.
Mein Onkel muss ein interessanter Mann gewesen sein, aber damals machte ich mir darüber keine größeren Gedanken. Mir gefiel alles, was nach Abenteuer und Geheimnis roch, und das in »Mein Kampf« verborgene Buch war hier ein ebensolches Geheimnis wie zu Hause die Negermusik mit der Goebbelsschnauze.
Ich las auch Gedichte. Ein langes, eine Ballade, gefiel mir am allerbesten.
Die Bürgschaft.
Da war alles drin, was mich bewegte. Und das, was mir fehlte: echte Freundschaft, mit einem Blutsbruder, einem Geisteszwilling, dem man treu war und für den man alles getan hätte, für den man bis ans Ende der Welt gegangen wäre und jeder Gefahr getrotzt hätte.
Solch einen Freund zu haben, davon träumte ich.
Wenn ich nicht gerade davon träumte, eine Freundin zu haben.
Das waren noch schönere Träume.
Und sie schienen sogar in Erfüllung zu gehen.

Sie hieß Magda und war die Tochter des Dorfwirts. Wie ich kam auch sie nur in den Ferien hierher, denn sie ging in München auf die höhere Schule, ein Internat für besonders begabte Mädchen. Sie war klug, schön und hasste ihren Vater, der sie liebte. ›Dem gefällt an mir nur, dass ich arisch aussehe‹, sagte sie verächtlich, als ich sie schon gut genug kannte, dass sie offen mit mir redete.
In der Tat sah sie arisch aus: Fast so groß wie ich, schlank, strohblond, mit strahlend blauen Augen.
Sie liebte ihre Mutter. »Nur wegen ihr komme ich in den Ferien nach Hause. Sonst bliebe ich in München, dort gibt es viele, die ähnlich denken und fühlen wie ich, sogar einige Lehrerinnen.«
Die Mutter lernte ich nie kennen. Sie sei krank, hieß es, gemütskrank.
Magda sagte, die Krankheit ihrer Mutter sei nur ihr Mann, dieser »blöde Nazi«.
Ihr Vater, kleiner als Magda, dunkelhaarig und dicklich, war so stolz auf sein deutsches Prachtmädel, dass er ihr alles durchgehen ließ. Auch ihr Hass, den er durchaus spürte, machte ihm nichts aus. »Das ist nur die Publizität«, behauptete er, das gebe sich schon wieder, wenn sie mal 18, 19 sei. Er sagte immer »Publizität«, Magda verbesserte ihn nie, schaute ihn nur verächtlich an, was an ihm aber wirkungslos abprallte.
Magda war 16. Zu Hause half sie nicht in der Wirtschaft, sie ekelte sich vor den betrunkenen alten Männern – andere Gäste gab es nicht. Sie blieb bei ihrer Mutter, pflegte sie, sprach stundenlang mit ihr über »Dinge, von denen du nichts verstehst«. Sie sagte es nicht böse, schnippisch oder gar verächtlich, sondern . . . feststellend. Bedauernd feststellend.
»Du bist ein Junge. Ein lieber Junge. Aber ein Junge. Manches kannst du einfach nicht verstehen. Aber ich mag dich sehr.«
Ich hörte es nicht gerne, wenn sie sagte, dass sie mich mag. Denn ich liebte sie, es war Liebe auf den ersten Blick.
Ich sah sie zum ersten Mal, als ich nach dem Abendbrot zurück zu meinem Baumhaus laufen wollte.
Sie ging alleine spazieren, zwischen den Feldern, über Wiesen, gedankenversunken und aufschreckend, als ich plötzlich vor ihr stand.

4
»Wer bist denn du?«
»Ich bin der Edgar, ich wohne dort bei meiner Tante«, stotterte ich verlegen und deutete zurück zum Hof, starrte ihr aber weiter ins Gesicht.
»Ich heiße Magda«, antwortete sie und sah mich offen an. Unter dem Blick ihrer großen blauen Augen lief ich rot an.
»Ich will meiner Mutter einen Strauß Blumen pflücken, gehst du mit mir?«
Welche Frage.

Es war der schönste Tag in meinem Leben. Magda kam aus München zurück, wo sie fast eine Woche lang bei ihrer Musiklehrerin gewesen war. Vorbereitung auf ein Konzert, bei dem beide mitspielten. Ein großer Erfolg, Magda war bei der Rückkehr, ich holte sie an der Bushaltestelle ab, noch immer ganz aufgedreht. Sie brachte eine Flasche Schaumwein mit. »Die trinke ich jetzt mit meinem Freund, den ich lieb habe«, sagte sie und lachte mich aus, als sie mein Gesicht sah: »Du Dummer, ich meine doch dich!« Und küsste mich auf den Mund.
Ich war perplex. Woher dieser Sinneswandel? Ich verstand es nicht, aber warum auch? Hauptsache, sie liebte mich. Ich war viel zu glücklich, um nachzudenken.
Wir brachten ihr Köfferchen nach Hause und streiften dann durch die Felder, Magda wollte ihrer Mutter zur Begrüßung einen besonders schönen Blumenstrauß pflücken.
Das Gras stand hoch, ich nahm all meinen Mut zusammen.
»Komm, hier sieht uns keiner«, flüsterte ich und zog sie hinunter. Wir tranken den Schaumwein aus der Flasche.
Ich umarmte sie, streichelte ihre nackten, festen Arme, tastete mich in noch aufregendere Regionen vor, was Magda halbherzig abwehrte.
Sie kicherte und gluckste. »Ich bin doch nicht so eine.«
Was meinte sie?
»So eine«?
Ich küsste sie auf die Stirn, auf die Augen.
Auf den Mund.
»Was meinst du mit ›so eine‹?«

»Eine, die . . . Edgar, ich verrate dir ein großes Geheimnis, du darfst mich nie verpetzen!«
Ich versprach es hoch und heilig.
»Eine die . . . ihre Lehrerin küsst.«
»Deine Musiklehrerin?«
»Ja. Nach dem Konzert, bei ihr zu Hause, haben wir uns umarmt, und da habe ich gleich gespürt, dass sie ein bisschen komisch ist.«
»Wie, komisch?«
»Bei mir war es die Freude über das gelungene Konzert. Aber bei ihr . . . das war mehr, viel mehr. Ich spürte es. Aber sie ist trotzdem eine nette Frau, als sie gemerkt hat, dass ich das nicht will, hat sie mich überhaupt nicht bedrängt. Sie wurde nur traurig, drückte mich kurz an sich und sagte, sie sei müde, müsse ins Bett. Mir war es nur recht. Am nächsten Morgen benahm sie sich, als sei nichts geschehen. Der Schaumwein ist ein Geschenk von ihr.«
»Und warum hast du jetzt mich lieb?«
»Ich weiß nicht. Gestern Abend hatte ich Lust zu schmusen. Aber nicht mit meiner Lehrerin. Da fielst du mir ein. Denn ich mag dich so sehr. Neben meiner Mutter am meisten auf der Welt. Außerdem anders als meine Mutter. Ich hab an dich gedacht, und da wurde mir ganz warm im Bauch.«
Mir jetzt auch. Magda küsste mich, mit leicht geöffnetem Mund, ihre Zunge kitzelte meine Lippen. Ich wollte etwas sagen, doch in dem Moment kam die Zunge in meinen Mund.
»Das wollte die Lehrerin mit mir machen. Weil ich nicht wollte, wurde sie traurig. Ich nahm mir schon gestern vor, das heute mit dir zu machen. Ist schön, oder?«
»Und wie. Aber ich will nicht, dass du mich nur magst. Du hast vorhin gesagt, du hast mich lieb.«
»Hab ich auch. Ziemlich sehr sogar.«
»Ich . . . liebe dich!«
Jetzt war’s raus.
Obwohl Magda beschwipst war, machte sie ein ernstes Gesicht. »So etwas sagt man nicht einfach dahin. Ich liebe dich, das ist etwas ganz Großes, wenn man das sagt. Ich glaube, das dürfen wir nicht.
Ich hab dich aber wirklich lieb.«
So ging es eine ganze Weile hin und her.

5
Bis ich sagte: »Ich liebe dich, und ich werde dir beweisen, dass das für mich etwas ganz Besonderes ist. Ich zeige dir mein großes Geheimnis. Wenn du es verrätst, werde ich umgebracht. Ich vertraue dir mein Leben an. Komm mit.«
Magda lachte. Sie freute sich, dass das schwierige Thema beendet war. Sie dachte, ich wollte ein Spiel mit ihr spielen.
Ich zog sie über die Felder in den Wald hinein, zur Lichtung.
Ich wollte ihr mein Reich zeigen.
Schlimm.

Sie meinen, ein Baumhaus sei nicht unbedingt die Art von Geheimnis, mit dem ein 16-Jähriger ein gleichaltriges Mädchen beeindrucken könnte?
Sie täuschen sich. Um das zu verstehen, müssen Sie wissen, was ich in den Tagen zuvor getan hatte.
In der Woche ohne Magda lebte ich fast ausschließlich in meinem Baumhaus.
Ich hatte Magda zur Bushaltestelle gebracht, ihr nachgewinkt und war gleich in den Wald gelaufen. Ich wollte alleine sein mit meiner traurigen Sehnsucht.
Eine Woche ohne Magda! Sieben Ferientage! Eine unvorstellbar lange Zeit. Wie sollte ich sie überstehen?
Ich angelte die Strickleiter herunter, kletterte hoch, krabbelte in mein kleines Reich.
Und bekam einen schlimmen Schreck.
Ein Junge.
Er hatte es sich auf meinen Decken und Kissen bequem gemacht und las.
Er ließ das Buch sinken. Mein Kampf, also die Buddenbrooks.
»Schön hast du es hier. Darf ich bleiben? Ich heiße Abi.«
Lässig sagte er es, nicht im geringsten verlegen.
Er schaute mich freundlich, ja freudig an, erwartungsvoll, nicht wie ein ertappter Eindringling, sondern wie ein Freund, der froh ist, dass sein Freund gekommen ist.

»Ich habe dich beobachtet, schon seit zwei Tagen. Heute nacht bin ich hier hineingeklettert. Ich habe tief und fest geschlafen, so gut wie lange nicht mehr. Dann wollte ich ein wenig lesen. Ich hatte so lange kein Buch mehr in der Hand! Zuerst war ich sehr enttäuscht. Nachdem ich dich beobachtet hatte, glaubte ich, du könntest mir helfen. Du wirktest so . . . nett. Doch dann dieser Dreck . . . beinahe hätte ich das Buch zerrissen, ich wollte sogar dein Baumhaus zerstören und mich tiefer im Wald verstecken. Doch als ich das Buch hinauswarf, der Schutzumschlag durch die Luft trudelte und unten die Buddenbrooks aufschlugen, den Einband erkannte ich natürlich auch von hier oben sofort, da wusste ich: Du bist mein Retter, dir kann ich vertrauen.«
Ich hatte kein Wort gesagt, und als er aufhörte zu sprechen, sagte ich immer noch nichts. Ich wusste nicht, ob ich mich ärgern sollte, dass Abi in mein Reich eingedrungen war, oder mich freuen, dass ein älterer Junge, dessen Souveränität mich beeindruckte, mir gleich die Freundschaft anbot.
»Ich bin der Edgar«. Das war alles, was mir einfiel.
Abi war nicht älter, sondern wie ich erst 16. Er wirkte nur viel reifer. Auch die dunklen Locken, die ihm ins Gesicht fielen, trugen dazu bei, dass er erwachsener, erfahrener aussah als ich mit meinem blonden Kurzhaar.
Sie können sich schon denken, was mit Abi los war: Ein jüdischer Junge auf der Flucht.
Der Vater hatte ihn gewarnt und vorbereitet: Irgendwann würde die Gestapo kommen und ihn, die Mutter und Abi ins Konzentrationslager verschleppen, was den sicheren Tod bedeute. Er wundere sich, warum sie so lange unbehelligt geblieben seien. Mit viel Glück würden sie vielleicht bis zum Ende des Krieges durchhalten, das könne nicht mehr lange dauern, Deutschland liege am Boden. Aber wahrscheinlicher sei, dass sie schon bald für die Niederlagen an der Front und die Bombenangriffe auf deutsche Städte büßen müssten.

Als Abi eines Abends nach Hause kam, saßen die Eltern eng umschlungen auf dem Sofa. Auf dem Tisch lag die amtliche Anordnung, die Familie habe sich am nächsten Morgen am Bahnhof einzufinden.

6
Abi wusste, was er tun musste. Er zog die Jacke ohne Judenstern an, die seine Mutter für ihn versteckt hatte, nahm den Rucksack, den der Vater gepackt hatte, und ging, ohne ein Wort zu sagen. Geweint hätten sie in den Monaten zuvor jeden Tag, sagte er, es sei vereinbart gewesen, beim endgültigen Abschied ohne Szene auseinanderzugehen, gerade so, als ob man sich am nächsten Tag wiedersehe.
Abi sollte versuchen, in ein Waldgebiet im Alpenvorland zu gelangen, nachts, zunächst mit dem Fahrrad, dann zu Fuß. Der Vater hatte ihm eine Karte gezeichnet, an die sollte er sich halten, auf der markierten Route drohe die geringste Gefahr, entdeckt zu werden.
In der abgelegenen Gegend, zu der die Route führte, sollte Abi sich in einem der weit verstreut liegenden, massiv gebauten Heulager einnisten, am besten neben einem der vielen kleinen Bachläufe. Sauberes Wasser sei das wichtigste.
Im Heu sei es warm.
Essen könne er sich besorgen. Mit kleinen Diebstählen, die nicht auffielen, nachts, in den Vorratskammern der Bauernhöfe.
Für den Anfang habe er den Rucksack.
Mit Geld und einer eisernen Ration.
Abi versteckte sich an der Isar, bis es dunkel war. Dann ging er zurück nach Hause. Er hatte Angst vor dem Alleinsein, wollte bei den Eltern bleiben, was immer auch geschähe.

Die Eltern lagen eng umschlungen auf dem Sofa.
Tot.
Abi blieb bis zum Morgen bei ihnen.
Als es hell wurde, legte er eine Decke über die Eltern und ging davon.
Den Rucksack vergaß er.

Es kümmerte ihn nicht, ob er entdeckt würde. Er versteckte sich nicht. Abi ging und ging, ziellos, weg von der Stadt, irgendwohin. Er wusste nicht, wie lange er unterwegs gewesen war. Drei Tage, vier Tage? Eine Woche?
Als er sich im Wald ausruhte, an einer Lichtung, hörte er jemanden kommen. Abi zog sich in den Wald zurück.
Und sah mich.

Ich will Sie nicht langweilen, aber etwas muss ich noch einmal betonen: Ich lebte in meiner eigenen Welt, bekam zwar einiges mit von dem, was um mich herum geschah, war aber auf mich fixiert, auf meine kleinen Wünsche und Hoffnungen, die für mich so groß waren, dass ich die Welt um mich herum nur registrierte, aber nicht wirklich wahrnahm.
Ich wusste nicht, was Gestapo bedeutete, kannte keinen Juden persönlich und auch keinen Judenhasser, überflog zwar in der Zeitung die eine oder andere Überschrift, dass die Juden an irgendetwas oder sogar an allem schuld seien, was mir komisch vorkam, ohne weiter darüber nachzudenken, aber das Wort »KZ« hatte ich nur ein einziges Mal gehört, aus dem Mund eines alten Mannes aus der Nachbarschaft, den niemand ernst nahm. Als beim Fußballspielen der Ball in seinem Garten landete, einer von uns über den Zaun kletterte und ihn holte, riss er das Fenster auf und schrie: »Ihr gehört alle ins KZ!« Wir sahen uns an, tippten vielsagend an die Stirn, und bevor wir wegliefen, rief ich mutig zurück, ohne zu wissen, was ich da rief: »Selber KZ!«
Auch in der HJ spielte das Thema keine Rolle, jedenfalls nicht für mich. Manchmal hielt einer der HJ-Führer eine Rede, oder wir mussten uns im Radio das Geschrei von Goebbels oder Hitler anhören, aber das Gedöns über Volk und Reich und Führer ging mir zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus. Das einzig Wichtige an der HJ war für mich der stumme Kontakt zum BDM. Erst Abi klärte mich auf. Ich wollte glauben, was er sagte, denn es war das Spannendste, was ich je gehört hatte, viel spannender noch als all meine Bücher. Innerlich hegte ich zwar einige Zweifel, weil mir einiges nun doch zu unglaubhaft vorkam, doch ich verdrängte die Zweifel, weil ich mit dem aufregenden Geheimnis leben wollte, das mein Leben bereicherte. Erst Magda und nun Abi: Liebe, Geheimnis, Abenteuer, Freundschaft – ich war glücklich.
Meine Sehnsucht nach Magda blieb, aber sie war schön, da ohne Trauer.

7
Außerdem kam Magda ja wieder.

Abi hatte Hunger. Die Tante freute sich, dass mich die gute Landluft so hungrig machte, dass ich fast die Speisekammer leer aß.
Wir hockten in unserem Baumhaus, aßen, tranken Milch, lasen und redeten über das, was wir lasen und schon gelesen hatten. Und über Juden und Nazis.
Auch das fand ich zunächst nur spannend. Juden und Nazis, das klang nach Räuber und Gendarm. Doch Abi, der so viel erlebt hatte, über so viele Dinge Bescheid wusste, von denen ich keine Ahnung hatte, und der überhaupt viel gebildeter war als ich, der Klassenprimus, er klärte mich auf, und langsam sickerte das Unbekannte, das Unbegreifliche in meinen Kopf.
Ich war entsetzt und entschlossen, bei Abi zu bleiben und nie mehr nach Hause, in die Schule, zur HJ zurückzukehren. Wir würden im Baumhaus bleiben, bis der Krieg vorbei und verloren war. Auch Magda würde bei mir bleiben, bei uns, davon war ich fest überzeugt.

Wir tranken Blutsbrüderschaft. Milch mit ein paar Tropfen Blut. Ich fühlte mich wie Old Shatterhand, Abi war mein Winnetou. Den Vergleich fand ich passend, schließlich seien die Indianer ebenfalls brutal verfolgt worden, sagte ich, und Old Shatterhand war ihr großer weißer Freund.
Abi schaute mich skeptisch an, erwiderte nichts. Ich spürte, dass ihm dieser Vergleich nicht gefiel, und da ich Abi nicht ärgern wollte, stammelte ich schnell etwas von großer Freundschaft, wie bei Schiller, »Bürgschaft« und so.

Unglaublich schnell flog die Woche vorüber, trotz meiner Sehnsucht nach Magda.
Ich glühte.
Ich besorgte Essen und Trinken für Abi, ich brachte ihm Kleidung ins Baumhaus, teilte alles mit ihm, von der Zahnpasta bis zu meinen Büchern.
Wir saßen nebeneinander hoch oben im Baum und lasen im selben Buch. Abi blätterte die Seiten um, denn ich las schneller als er.
Abends, wenn es zu dunkel zum Lesen wurde und wir nicht wagten, die Kerze anzuzünden, die ich mitgebracht hatte, erzählte Abi von seinem bisherigen Leben, seinen Eltern, seinem Judentum, das ihm nichts bedeutet hatte, bis er erfuhr, dass seine Eltern und er gerade deswegen verachtet und verfolgt wurden. Seitdem war er stolz darauf, ein Jude zu sein. »Schau dir doch die Typen an, die uns hassen. Diese groben, dummen Gesichter! Dieses Marschieren, immer marschieren sie! Ekelhaft.«
Ich stimmte eifrig zu, sprach davon, wie unangenehm sich die anderen Jungen veränderten, wenn sie in der HJ marschierten oder Befehle erteilen durften.
Nur bevor ich ins Bett ging, die Zähne putzte und mein Gesicht im Spiegel ansah, zweifelte ich an mir: Bin ich nicht auch blond? Wie grob ist mein Gesicht, wie dumm?
Am Morgen sagte ich Abi, was ich in der Nacht vor dem Spiegel gedacht hatte. Er beruhigte mich. Dass ich anders sei, das habe er sofort gemerkt. Welcher Nazi-Junge würde sich schon in den Wald zurückziehen, in ein Baumhaus, und dort lesen, nichts als lesen? Als der »Buddenbrooks«-Band auf den Waldboden fiel, sei sowieso alles klar gewesen.
Wir seien Freunde. Auf immer und ewig.
Blutsbrüder.
Wir umarmten uns schweigend.
Nie wieder würde ich später irgendjemanden so tief in mein Herz hineinschauen lassen. Selbst Magda nicht.
Ich hatte sie Abi gegenüber nur beiläufig erwähnt. Die Gefühle, die ich für sie empfand, dieses Begehren, wenn ich sie berührte, das schien mir nicht das richtige Thema.
Zumal ich nicht zugeben wollte, dass ich Magda mehr liebte als sie mich. Dass sie mich eigentlich gar nicht liebte.
Nur mochte.
Nicht, dass ich mich vor Abi deswegen schämte. Wir hatten uns gegenseitig vieles gestanden, vor allem jene einsamen heimlichen Aufwallungen der Jugend. Aber ich scheute mich, ihm meine Liebe zu Magda zu offenbaren. Ich dachte, es könnte ihn traurig machen, dass ich noch einen anderen Menschen ins Herz geschlossen hatte.

8
Außerdem hatte ich geschworen, zu niemandem ein Wort über uns, über ihn zu sagen.

Mein sechzehnjähriger Kopf, benebelt von Geheimnis, Abenteurer, Freundschaft, Liebe und Begehren, nahm die tödliche Gefahr, in der Abi schwebte, nicht so ernst wie er. Für mich war es, als sei ich in ein spannendes Buch eingetaucht, und bisher hatte jedes dieser Bücher ein glückliches Ende gefunden.
Daher dachte ich mir nichts dabei, im Moment des größten Glücks auch mein größtes Geheimnis mit Magda zu teilen.
Als ich ins Baumhaus kletterte und sie hinter mir auftauchte, fuhr Abi zu Tode erschocken zusammen und wich kreidebleich zurück.
»Keine Angst, das ist Magda. Wir können ihr vertrauen. Ich weiß es genau.«
»Magda, das ist Abi, mein Blutsbruder. Wir haben ein großes Geheimnis. Nur du darfst davon wissen.«
Hörten die beiden mir überhaupt zu?
Magda schaute Abi an
Abi entspannte sich.
Er lächelte sie an.
Sie lächelte ihn an.
Ich lächelte beide an.
Mein Blutsbruder mochte mein Mädchen. Schön.
Wir waren zu dritt.
Abi fasste sofort Vertrauen zu Magda. Er offenbarte ihr sein Geheimnis, unser Geheimnis, nichts verschwieg er. Welch ein Wunder es sei, dass er mich beziehungsweise ich ihn gefunden hatte, ich sei sein Lebensretter. Er zählte sogar die Bücher auf, die wir in der letzten Woche gelesen hatten, auch, wie wir sie gelesen hatten – was mir ein bisschen peinlich war, ihm überhaupt nicht. Magda hörte wie gebannt zu, schaute Abi unentwegt ins Gesicht, was ihn zu verunsichern schien, denn er schaute beim Sprechen mich an und ließ nur hin und wieder seinen Blick zu ihr schweifen.
Ich ahnte es. Als ich nach Magdas Hand griff, zog sie sie weg.
Da wusste ich es.
Um es kurz zu machen: Magda verliebte sich Hals über Kopf in Abi. Als ich sie an diesem Abend nach Hause brachte, umarmte sie mich, küsste mich noch einmal, aber mit geschlossenen Lippen, auf den Mund und bat mich um Verzeihung: »Ich kann nichts dafür, Edgar. Es ist die große Liebe. Wir bleiben Freunde, ja?«
So einfach ging das also.
An einem Tag von der Hoffnung über die Glückseligkeit in die Verzweiflung getaumelt.
Sicher, wir waren erst 16, himmelhoch jauchzen, zu Tode betrübt sein, das gehört in diesem Alter dazu, sagen wir, wenn wir älter geworden sind und die Bandbreite der Gefühle schmaler wird. Aber können wir dann noch nachempfinden, wie sehr Jugendliche leiden, wenn sie leiden?
Ich weiß auch heute noch, wie sehr ich litt.
Aber das entschuldigt nichts.

Auf den Gedanken, dass Abi mein Rivale ist, der mir die Geliebte weggenommen hat, kam ich nicht.
So war es auch nicht. Er wusste ja zunächst nicht einmal, dass Magda sich auf den ersten Blick in ihn verliebt und sofort von mir entliebt hatte.
Ich lief an diesem Abend weinend zurück in den Wald und klagte Abi mein Leid. Der Freund tröstete mich. Ich solle mir keine Sorgen machen. Er würde mir Magda niemals wegnehmen.
Außerdem sei er nicht verliebt.
Er habe andere Sorgen.
Auch ihm liefen Tränen übers Gesicht.
›Warum weinst du?‹
›Ich denke an meine Eltern.‹
Seine Eltern. An sie hatte ich gar nicht mehr gedacht.
Ich nahm ihn tröstend in den Arm.
Ich gebe zu, ich war erleichtert. Ein Junge, der den Tod seiner Eltern betrauert, kann sich nicht in ein Mädchen verlieben, das schien mir sicher.
Aber dass Magda sich in mich zurückverlieben könnte, schien mir unmöglich.
Abi trauerte um seine Eltern, ich um meine Liebe, und Magda würde bald traurig sein, weil Abi sie nicht liebt.
Wie sollte es bloß mit uns weitergehen?
Hätte ich Magda in meinem kurzen Glücksrausch doch nur nicht in mein Geheimnis eingeweiht!

Aber es ging weiter, in aller Freundschaft und Harmonie.

9
Magda ahnte nicht, dass ich dem Freund die Wahrheit gesagt hatte. Mir hatte sie die Liebe zu Abi gestanden, als sei ich ihre beste Freundin, und die beste Freundin verrät keine Geheimnisse.
So wussten wir drei, dass Magda in Abi verliebt war, aber sie wusste nicht, dass Abi es wusste.
Welch ein Kuddelmuddel. Aber es hielt unsere Freundschaft am Leben.

Wir hatten noch zwei Wochen.
Der Sommer neigte sich, legte aber in einer letzten Anstrengung eine Hitzewelle übers Land.
Selbst in meinem luftigen Baumhaus hoch oben war es warm. Und eng. Sehr eng.
Wir redeten, lasen, schwiegen miteinander.
Vertraut wie eineiige Drillinge. Wir blickten tief in unsere Köpfe und Seelen, gaben uns einander preis.
Aber das Tabu blieb.
Wenn wir nebeneinander saßen, Magda in der Mitte, drängte ich mich an sie, sie wich aus, sodass sie enger an Abi rückte, der bis an die Bretterwand zurückwich. Wenn Magda ihm noch näher rückte, weil ich von der anderen Seite drängte, gab ich meine Annäherungsversuche auf, zog mich bis an meine Bretterwandseite zurück, weil Magda dann von Abi ablassen musste. Hätte sie es nicht getan, wäre zwischen uns eine große Lücke entstanden, während sie und Abi aneinandergepresst gesessen hätten. Danach sehnte sie sich, was wir alle drei wussten, aber wir wussten auch: Dies war das Tabu.
Gleicher Abstand für alle.

Wir witzelten sogar über unsere Körperkontakte.
»Igitt, ich stinke wie ein nasser Fuchs, bleib mir vom Leib, sonst stecke ich dich an mit meinem Gestank«, begründete Abi sein Zurückweichen vor Magda.
Ihr Zurückweichen vor mir kränkte und enttäuschte mich, aber ich kommentierte es in gespielter Beleidigung mit Sprüchen wie »Du kannst mich wohl nicht riechen, dabei habe ich mit der Parfümseife meiner Tante geduscht. Hat sie selbst gemacht, mit echtem Dunggeschmack.«
So blödelten wir. Und waren innerlich in Aufruhr.
Bis Abi eines Abends seufzte: »Ich würde so gerne einmal duschen.« Ich schöpfte zwar jeden Tag auf dem Weg zu ihm Wasser aus dem Bach in eine Literflasche, damit er sich notdürftig waschen konnte. Aber duschen?
Seife und Zahnpasta hatte ich ihm schon am ersten Tag mitgebracht, später sogar Kleider von mir zum Wechseln. Magda hatte es sich daraufhin nicht nehmen lassen, Abis eigene Hose und Hemd mit nach Hause zu nehmen und dort heimlich zu waschen. Sie versicherte Abi, dass niemand Verdacht schöpfen könne, ihre Mutter komme nie nach unten, und ihr Vater sei tagsüber nicht zu Hause.
Magdas Vater musste seit Kurzem arbeiten gehen, weil seine Wirtschaft zu wenig Gäste hatte. Er öffnete sie jetzt erst abends, nach »dem Dienst als Personalaufseher«, wie er es nannte.
Magda sprach nicht gerne über diesen »Dienst« in der kleinen Stadt am Rande der großen.

Wir erfüllten Abis Wunsch nach einer Dusche. In der Nacht brachte ich eine Badehose, ein langes, festes Seil und drei Gießkannen aus Tantes Garten in den Wald. Am Bachlauf füllte ich eine auf, ließ die beiden leeren stehen und schleppte die volle zur Lichtung. Dann ging ich zurück und ließ die anderen Gießkannen volllaufen. Abi durfte nicht helfen – auch nachts war es zu gefährlich, den schützenden Wald zu verlassen.
Es musste schon Mitternacht sein. Kein Mond am Himmel, nur die Sterne leuchteten.
Wir schauten aus dem Baumhaus auf die Lichtung.
Eine friedliche Nacht.
Schemenhaft tauchten Rehe auf.
Der Ruf des Uhus wirkte auf uns nicht unheimlich, sondern beruhigend.
Wenn der Uhu ruft, ist außer uns kein Mensch im Wald.
Dachten wir.
Magda lag längst zu Hause im Bett und schlief.
Über sie, über das Tabu hatten wir nicht mehr gesprochen. Wir waren uns einig.
Er wird mir Magda niemals wegnehmen.

10
Er ist nicht in sie verliebt.
Er hat andere Sorgen.
Die Frage war nur, ob ich Magda zurückgewänne.
»Ob Magda . . . «
Ich ließ es unausgesprochen.
Abi nahm meine Hand und drückte sie fest.
»Ich bin dein Freund.«

Am nächsten Morgen gingen Magda und ich Hand in Hand zum großen Abi-Duschen. Obwohl sie meine Hand unbefangen und freundschaftlich nahm, wuchs in mir neue Hoffnung.
Als Abi uns sah, kletterte er schnell aus dem Baumhaus.
Er hatte schon meine Badehose an.
Ich war froh, seinen nackten, weißen, mageren Oberkörper zu sehen und die spillerigen Beine. Auch ich zog schnell mein Hemd aus, damit Magda vergleichen konnte.
Sie sah mich gar nicht an.
Sie knöpfte ihr Kleid auf. Darunter trug sie einen Badeanzug. Es war ein anständiger, züchtiger Badeanzug, aber er weckte keine züchtigen Gedanken.
Bei Abi auch nicht.
Man konnte es sehen. Abi drehte sich um, griff nach dem Seil und warf es über einen Ast. Ich nahm das eine Ende des Seils und hielt es fest. Magda band das andere Ende um den Henkel der Gießkanne
»Auf geht’s, zieh das Seil hoch«, juchzte sie.
Ich tat es.
Abi stellte sich unter die hängende Gießkanne.
Magda trat hinter ihn, reckte sich und hob die Gießkanne von unten an.
Jubelnd duschte sie ihn ab.
Ich sah genau hin, wie sie dort stand, mit erhobenen Armen. Wie zufällig berührte sie ihn, scheinbar um Gleichgewicht bemüht, mit Stellen, die ich so gerne berührt hätte. Ihr Busen streifte seinen Rücken, Abis Rücken versteifte sich, aber nicht nur der, denn nun wurde sein Rücken auch noch eingeseift.
Die Prozedur wiederholte sich zweimal.
Magda schickte mich zum Bach, die beiden Gießkannen nachfüllen. Ich ging erst gemächlich.
Außer Sicht, sprintete ich zum Bach, füllte die Gießkannen und hastete zurück. Kurz vor der Lichtung tastete ich mich vorsichtig weiter.
Sie standen eng umschlungen.
Das heißt, Abi stand stocksteif, Magda hielt ihn umschlungen.
Und küsste ihn.
Wie sie mich einmal und nie wieder geküsst hatte.
Ihn küsste sie immer wieder.
Ich zog mich ein paar Schritte zurück und trampelte los.
Als ich auf die Lichtung kam, waren sie auseinander.
Magda lächelte selig, beachtete mich nicht.
Abi, im Gesicht rot angelaufen, sah mich leidend an.
Oder mitleidig? Er zuckte hilflos mit den Achseln.
Magda juchzte erneut. »Auf geht’s, zieh das Seil hoch!«
Während sie ihn abduschte, kreiste ein Vers aus der Bürgschaft in meinem Kopf.
Am Seil schon zieht man den Freund empor . . .

Am nächsten Morgen riss mich Magda aus dem Schlaf. Die Tante und ihre Leute arbeiteten schon auf dem Feld. Magda war in den Hof geradelt, ins Haus und in mein Zimmer gestürmt.
»Schnell, schnell, sie suchen Abi!«
Verschlafen und verdattert wie ich war, dauerte es eine Weile, bis ich verstand.
Magdas Vater musste früher zum »Dienst«, weil die regulären »Personalaufseher« – Magdas Vater war nur Aushilfe – nach einem »Judenbengel« suchten, der »seine Eltern ermordet hat«. Dafür bekomme er zwar mildernde Umstände, hoho, doch dass er seiner Einlieferung entflohen sei, werde ihm das Genick brechen. Heute früh beginne die Suche im Bergwald. In unserem Wald.
Ich sprang auf, kümmerte mich nicht darum, dass ich nackt geschlafen hatte, griff nach der Hose, schlüpfte in die Sandalen und rannte aus dem Haus, zu meinem Rad.
Platt.
Ich riss Magda das Rad aus den Händen und raste los, über Feld, Stock und Stein.
Am Bach ließ ich das Rad liegen und hastete weiter.
In meinem Kopf fuhr ein Bild Karussell, Magda hatte es heraufbeschworen, als sie mir nachgerufen hatte: »Die Gießkanne!«

11
Am Abend zuvor hatte ich zwei Gießkannen mit nach Hause genommen.
Die dritte lag unter dem Ast, über dem noch das Seil hing. Abi hatte bestimmt vergessen, sie zu verstecken.
Außer Atem stürmte ich auf die Lichtung zu.
Ich hörte Stimmen.
Langsam schlich ich weiter, versteckte mich hinter dem Stamm einer Eiche.
Auf der Lichtung stand ein Trupp Uniformierter.
Sie suchten Abi, wollten von der Lichtung aus den Wald durchkämmen
Sie ahnten nicht, dass Abi über ihnen im Baumhaus saß.
Die Gießkanne war weg.
Das Seil war weg.
Abi hatte aufgepasst.
Gott sei dank.

»Na, mein Junge, willst du uns suchen helfen?«
Eine schwere Hand legte sich von hinten auf meinen Kopf.
Der Mann schaute mich an.
Mich, den blonden, großen, muskulösen Arierbengel.
Keine Verwechslungsgefahr.

Abi war in Sicherheit, auch mir drohte keine Gefahr.
Gerade noch einmal gutgegangen.
Beim Duschen.
Seine Badehose.
Man konnte es sehen.
Ich überlegte nicht, es brach aus mir heraus.
Ich deutete nach oben, zu meinem perfekt getarnten Baumhaus.
»Dort oben, da ist er.«

Ich habe ihn verraten. Warum, weiß ich auch nicht. Ich wollte ihn warnen. Und dann dieser . . . Blackout. Das Zeigen mit dem Finger hinauf zum Baumhaus, der Satz, der aus mir herausbrach, das wollte ich nicht, das war nicht ich.

Als ich nach oben deutete und ihn verriet, blieb die Zeit für mich stehen. Das Leben ging weiter, die Zeit verrann, aber nicht für mich, ich stand all die Jahrzehnte auf der Lichtung und verriet meinen besten, meinen einzigen Freund und schickte ihn in den Tod.
Es gab keine Sekunde meines Lebens, in der ich dieses Bild vergessen habe.
Auch nicht, wie sie Abi aus dem Baumhaus, aus unserem Reich zerrten. Wie sie ihn herunterstießen, er aufschlug, umknickte, vor Schmerz aufschrie.
Einer sprang herunter, ein Buch in der Hand.
Die Buddenbrooks, im Mein Kampf-Umschlag.
»Das kleine Judenschwein hat sich in der Baumhütte dort oben versteckt, die ein deutscher Junge gebaut hat. Typisch Jude. Schmarotzer.«
Er schlug Abi die Faust ins Gesicht. Blut spritzte aus der Nase, angeekelt wich der Schläger zurück.
»Das Werk des Führers mit diesem entarteten Machwerk zu besudeln, das wirst du noch bereuen.«
Der Mann hinter mir hieb mir gönnerhaft auf die Schulter.
»Gut gemacht. Ohne dich hätten wir den Kerl da oben nie gefunden.«
Sie stießen Abi vor sich her, er strauchelte – sein verletzter Fuß. Sie wollten ihre Trophäe so schnell wie möglich stolz in der Stadt präsentieren, schleiften Abi hinter sich her, dann stand ich alleine auf unserer Lichtung.
Ich fühlte mich nicht wie erstarrt, ich war erstarrt, konnte mich nicht bewegen. Ich fühlte nichts, ich dachte nichts. Ich weiß nicht, wie lange ich dort regungslos stand. Irgendwann muss ich die Besinnung verloren haben.
Als ich zu mir kam, lag ich im Gras, schaute in den blauen Himmel und wollte sterben.

Die lange Zeit danach, sie ist schnell erzählt.
Magda hatte sich, als sie mir nachlaufen wollte, den Fuß gebrochen. Als meine Tante von der Feldarbeit zurückkam, sah sie Magda vor dem Hof liegen, zitternd und weinend, und ließ sie vom Knecht nach Hause bringen.
Ich wollte sie besuchen, konnte aber nicht zu ihr. Sie hatte hohes Fieber.
Als sich ihr Zustand nach einer Woche besserte, durfte ich sie endlich sehen.
In ihre Kammer kam ich nur in Begleitung der Musiklehrerin. Magdas Vater hatte sie verständigt, sie wollte sich bis zum Schulbeginn um ihre beste Schülerin kümmern, auch um deren Mutter.
Dem Vater war es nur recht, er ging tagsüber zu seinem »Dienst«, und war abends sein bester Gast.

12
Ich näherte mich beklommen Magdas Bett.
Sie sah wunderschön aus mit ihren goldenen Locken, dem schneeweißen Gesicht und den blutroten Lippen. Sie zog mich an sich, hob ihren Kopf, kam mit den Lippen näher, ich schloss die Augen . . . aber sie küsste mich nicht, sondern hauchte in mein Ohr: »Hast du Abi rechtzeitig gewarnt? Wo ist er? Pass bitte gut auf ihn auf.«
Das Fieber. Sie wusste also noch nicht, was das ganze Dorf wusste. Dass der »Judenbengel« gefunden und schon im Lager war, dass ein noch unbekannter deutscher Junge ihn entdeckt hatte, der brave, bescheidene Bub sollte sich zur Belobigung melden, hatte es aber noch nicht getan.
Verwirrt nickte ich, Magda lächelte erleichtert, sank in die Kissen zurück, da polterte jemand die Treppe hoch, riss die Tür auf. Ihr Vater.
»Das kleine Schwein wollte schon wieder abhauen. In meiner Dienstzeit! Aber nicht mit mir. Abgeknallt habe ich ihn, diesen verdammten Abraham Weiss! Sie wollen mich zur Belohnung fest anstellen, Mädchen, bald fahren wir beide in Urlaub, an die Nordsee, da wirst du schnell gesund. Das wird jetzt gefeiert!« Er polterte die Treppe hinunter, in seine Gaststube, in der er sich glücklich betrinken würde.
Ihr Vater hatte in seiner Euphorie nicht bemerkt, dass seine Tochter bei dem Namen »Abraham Weiss« wie vom Blitz getroffen zusammengezuckt war und nun ohnmächtig im Bett lag.
»Dieser Grobian«, zischte die Lehrerin. Mich scheuchte sie hinaus. Das sei zu viel gewesen für Magda, aber sie werde sich schon wieder erholen. Nur ein kleiner Rückfall.
Das letzte, was ich von Magda sah, als ich mich in der Tür noch einmal umdrehte, war ihr weißes Gesicht, über das die Lehrerin zärtlich mit einem feuchten Stück Stoff wischte.
Für die aufwallende Eifersucht hätte ich mich gehasst, aber noch mehr, als ich mich hasste, konnte ich mich nicht mehr hassen. Auch nicht für das Gefühl des Gekränktseins, weil Abi ihr und nicht mir gesagt hatte, wie er richtig hieß.
Abraham Weiss.
Der jüdische Elternmörder.
Auf der Flucht erschossen.
Es stand sogar in der Zeitung.
Mit Bild.
Abi. Mein Blutsbruder.
Er war es.
Kein Zweifel möglich.

Zwei Tage später stand ein vollgepacktes Auto vor dem Hof.
Meine Eltern.
Mutter weinte. Diesmal waren die Bomber nicht weitergeflogen. Unser Haus gab es nicht mehr.
Vater war in aufgekratzter Stimmung. »Wir sind gesund, der Krieg ist bald vorbei, was wollt ihr mehr?«
Auch die Tante freute sich. Sie glaubte, wir blieben bei ihr.
Aber wir blieben nicht. Ich musste schnell meine Sachen zusammenpacken und mich auf den Rücksitz zwängen. Ein alter Kriegskamerad von Vater war gestorben, er wohnte in einer kleinen Villa am Bodensee, ohne Angehörige.
Die Villa gehörte nun uns.
Fröhlich singend kutschierte Vater uns mit einem Arm zum Bodensee.
»So etwas nennt man Glück im Unglück, mein Sohn.«
In meinem Unglück gab es kein Glück mehr.

Ein paar Tage später schrieb die Tante einen Brief. Magda war spurlos verschwunden. Das ganze Dorf suchte sie.
Nach drei Tagen wurde sie gefunden.
Im Baumhaus.
Sie muss schon seit Tagen tot gewesen sein.

Ich war übrig. Der Letzte aus unserem Bunde, schuld am Tod der beiden geliebten Menschen.

Vater organisierte einen Lastwagen, mit dem wir unsere restliche gerettete Habe aus der Heimat holen wollten, die bei einem Nachbarn untergebracht war.
Am Abend heulten in der Ruinenlandschaft der Stadt die Sirenen. Sollte sie etwa noch einmal bombardiert werden?
Wir packten schnell zusammen und fuhren los.
Wir schafften es aus der Stadt heraus.

13
Ich drehte mich um, sah helle Lichtblitze und glutrote Flammen, schlug die Hände vor die Augen und drehte mich um. Da schlug der Blitz ein.

Ich erwachte in einem überfüllten Lazarett. Die Krankenschwestern waren zu beschäftigt, um mich schonend vorzubereiten: Eine Bombe hatte den Lastwagen getroffen, ich sei herausgeschleudert worden, die beiden Erwachsenen seien tot, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, mussten aber sofort tot gewesen sein, gelitten hätten sie nicht.
»Und wie heißt du, mein Junge?«
»Ich bin der Edgar …«
Ich verstummte.
In den nächsten Tagen und Wochen behauptete ich standhaft, ich heiße Edgar, mehr wisse ich nicht.
Die wenigen Ärzte hatten Wichtigeres zu tun, als sich um die Amnesie eines Jungen zu kümmern.
Ich hieß nur »der Junge«.
Später wurde mir ein Ersatzpass ausgestellt. Sinnigerweise auf »Edgar Junge«.
Der Krieg ging zu Ende, niemand kümmert sich um mich, der nun Edgar Junge hieß.
Abi, Magda, das Baumhaus – vorbei und nicht vergessen.
Mehr als 60 Jahre lang habe ich versucht, meine Sünden zu büßen.
Gelernt, studiert, gearbeitet, von morgens bis abends.
Freizeit hatte und wollte ich nie, denn dann wären die dunklen Gedanken gekommen.
Ich wurde Arzt, Chefarzt, ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft, obwohl ich nie heiratete, was anfangs für Gerede sorgte, das mich nie interessierte.
Hilfsorganisationen suchten meinen Rat, meine Hilfe und nicht zuletzt mein Geld. Ich gab ihnen alles, was ich geben konnte.
Das Gefühl der Schuld verließ mich nie und wurde größer, je mehr mein Nimbus als guter Mensch wuchs.
Als ich 80 wurde, sollte ich mit dem Friedenspreis geehrt werden. In den Tagen zuvor verstörten mich merkwürdige Anrufe aus dem Ministerium. Fragen nach meiner Gesundheit, nach meiner Amnesie, ob ich Freunde habe, mich an Freunde von früher erinnern könne, wenigstens ansatzweise. Ich musste mich einem Gesundheitscheck unterziehen. Nur zur Vorsicht, hieß es, ich wisse ja, dass Ärzte der eigenen Gesundheit gegenüber am nachlässigsten seien.
Was sollte das? Wurde meine politische Zuverlässigkeit abgeklopft? Nach verräterischen körperlichen Merkmalen gesucht? Hatte jemand Verdacht geschöpft, traute meinem Gedächtnisverlust nicht?
Zuletzt hatte es in Deutschland einige Schlagzeilen über literarische und akademische Größen gegeben, die »vergessen« hatten, dass sie als 16-Jährige stramme Jungnazis waren. Waren sie nun mir auf der Spur, einem 16-jährigen Jungnazi, der einen Jungen, der ihn als Freund ansah, ins KZ gebracht und ein gleichaltriges Mädchen in den Tod getrieben hatte?
Am liebsten hätte ich den Preis abgelehnt, aber das hätte noch mehr Aufsehen erregt als die Annahme. Ich versuchte, mich zu beruhigen: Alles nur Routinefragen, wüsste irgendjemand die Wahrheit, würde er mich bloßstellen und nicht öffentlich ehren.

Eine Woche später wurde mir in der Paulskirche der Friedenspreis verliehen.
In der Nacht zuvor träumte ich wieder von Abi und Magda.
Zusammen in der Baumhütte, uns laut aus den Buddenbrooks vorlesend. Magda zwischen uns, wir beide eng an sie herangerückt.
Wir waren glücklich.
Ich wusste nicht, wie ich die Ehrung überstehen sollte.
Als es hell wurde, verließ ich das Hotel und wanderte ziellos durch die Stadt.
Zur Ehrung ging ich wie zu meiner Hinrichtung.

Die Laudatio auf mich sollte ein Überraschungsgast halten.
Wer sollte mich schon überraschen?
Aber noch bevor ich sah, wer hinter dem Vorhang hervortrat und zum Rednerpult ging, lief es mir kalt und heiß über den Rücken. Ein alter Mann, aber jugendlich straff, sprang elastisch auf das Podium, wobei ihm eine graue Locke vorwitzig in die Stirn fiel.

 

14
Der alte Mann in der Paulskirche, es wird Sie nicht mehr überraschen, es war Abi. Alt, aber ungebeugt, viel jünger und lebendiger als ich.

Er hielt eine Laudatio, die alle zu Tränen rührte. Edgar, das Baumhaus, die Buddenbrooks. Magda, die gemeinsame platonische Freundin.
Wie er beide nach dem Krieg vergeblich gesucht hatte. Magda war tot, sie hatte aus Ekel über ihren Nazi-Vater nicht mehr leben wollen. Edgar war in den Wirren der letzten Kriegsmonate spurlos verschwunden. Er hatte ihn nie vergessen.
Jahrzehnte später, im Winter seines Lebens, hatte er den Freund eines unvergesslichen Sommers doch noch ausfindig machen können. Im Internet stieß er auf den Artikel einer deutschen Lokalzeitung, in dem über ein Hilfsprojekt berichtet wurde, das von einem einheimischen Arzt großzügig finanziert wurde. Mit einem Bild des Wohltäters. Unverkennbar, auch nach all den Jahren, Edgar, sein Freund Edgar.
Er wollte sich sofort ins Flugzeug setzen, von Tel Aviv nach Deutschland fliegen und Edgar besuchen. Aber dann kamen ihm Zweifel. Sie waren beide alt, wer weiß, wie gesund Edgar noch war und ob er diesen Überfall verkraften konnte.
Abi hatte in seiner neuen Heimat beruflich gute Beziehungen aufgebaut, die er nutzte, um vorsichtig auszukundschaften, in welcher Verfassung Edgar war.
Er sagte es mit einem Augenzwinkern, das im Auditorium mit hörbarem Schmunzeln beantwortet wurde.
Ich dachte: Mossad!
Er sagte: »Eine Tragödie.« Abi war alles andere als überrascht , als er feststellte, dass Edgar noch der gute Mensch war, der er schon mit 16 gewesen sei. Auch die Bescheidenheit überraschte ihn nicht, das Wirken im Hintergrund, ohne sich in der Öffentlichkeit eitel zu spreizen.
»So ist er nun mal, mein Freund Edgar.«
So viele gute Taten! Und die erste sei die beste gewesen, für ihn jedenfalls, den »Judenbengel«. Aber Edgar wusste nichts mehr davon, wie seine Kundschafter – Abi gebrauchte tatsächlich dieses Wort – ihm berichteten. Abi erfuhr von dem Unfall, von der Amnesie des armen Jungen Edgar, der nur seinen Vornamen wusste und fortan »Junge« hieß.
Daher bereitete Abi das Wiedersehen vorsichtig und akribisch vor. Der Gesundheitscheck, die Fragen zu meiner Belastungsfähigkeit, die seltsamen Andeutungen, die mich verstört hatten – alles von Abi gesteuert, damit ich den freudigen Schock verkraften konnte. Auch die Verleihung des Friedenspreises hatte Abi von langer Hand vorbereitet. Die Geschichte vom Baumhaus und den Buddenbrooks, von der Freundschaft, der Lebensgefahr und dem tragischen Tod der Freundin hatte das Komitee schnell überzeugt, einen besseren, würdigeren Preisträger, hieß es einstimmig, habe es noch nie gegeben.
»Und darum, lieber Freund, fliegen wir beide morgen zusammen nach Israel, nach Jad Vaschem. Es ist mir eine Ehre, dort dabei sein zu dürfen, wenn mein Freund, mein Blutsbruder, als Gerechter unter den Völkern gewürdigt wird.«
Ein Raunen ging durch die Menge, die Menschen standen auf, viele hatten Tränen in den Augen, Beifall brandete auf, von der Bühne her kam Abi auf mich zu, breit lachend, mit weit ausgebreiteten Armen, ich wollte in der Erde versinken . . . und plötzlich war Stille. Abi erstarrte in der Bewegung, die Welt hielt an, ich erhob mich. Und fiel in Ohnmacht.

Als ich aufwachte, lag ich im Krankenhaus. Abi saß neben meinem Bett und strahlte mich an.
»Mein Freund! Wie schön, dass du aufwachst. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn dir meine Heimlichtuerei geschadet hätte.«
Er drückte bewegt meine Hand.
Ich schloss die Augen.
Und dachte nach.
Wie hatte Abi überleben können?
Da fiel mir das Bein ein. Das Bein, das er sich verstaucht hatte. Schwer verstaucht, vielleicht sogar gebrochen.

 

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»Auf der Flucht erschossen«? So war zwar damals die Sprachregelung, aber Magdas Vater sprach nicht in solchen Floskeln. Wenn er einen »Judenbengel« auf der Flucht erschoss, muss sein Opfer gelaufen, weggelaufen sein – das konnte Abi gar nicht. Ich nehme an, er kam zunächst auf die Krankenstation, nachdem ihm der Schädel geschoren und Häftlingskleidung verpasst worden war. Er hatte seinen Pass immer dabei, im Schuh, hatte er mir verraten, für später, für nach dem Krieg. Niemand durfte im Konzentrationslager seinen Pass behalten, vielleicht hat er ihn versteckt, wahrscheinlich hat ein Mithäftling Abis Pass gefunden, was weiß ich, jedenfalls muss ein anderer kahlgeschorener jugendlicher Häftling Abis Pass mitgeführt haben, als er auf der Flucht erschossen wurde.

Erst spätabends fuhr Abi zurück zu seinem Hotel, nicht ohne anzukündigen, am nächsten Morgen wiederzukommen, er werde mich nicht mehr aus den Augen verlieren, Jad Vaschem müsse zwar noch warten, aber sobald ich wieder auf dem Damm sei, in zwei, drei Tagen, flögen wir gemeinsam nach Israel.
»Mein Freund, du wahrer Gerechter unter den Völkern.«

In der Nacht verließ ich das Krankenhaus und irrte in der Stadt herum.
Selbstmord wäre die einfachste Lösung. Aber dann würde Abi sich schuldig fühlen.
Die Wahrheit sagen?
Abi würde sie nicht verkraften.

Am Morgen sah ich, wie Sie das Tor der Kirche öffneten.
Ich habe nun gebeichtet.
Ich will keine Vergebung.
Ich will nur eines wissen.

Vater, was soll ich tun?

Ende

Veröffentlicht von neumann_o am 30. Juni 2011 .
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Baumhausbeichte - Novelle