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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Huber, Luther und die Verhöhnung des Elends oder das zweifelhafte Jubiläum

Zum Lutherjubiläum kommen nicht nur die weithin bekannten Tatsachen aus der Geschichte der Reformation, wie Bekämpfung des Ablasshandels oder Kritik an dem Prunk der damaligen Kirche auf die Tagesordnung, sondern auch Luthers Theologie und Politik.

Luthers Theologie, von der die Kirche wenig redet, kann wohl nur als Theologie des Schreckens und Grauens bezeichnet werden. Grund ist die doppelte Prädestination, also notwendige Vorherbestimmung Gottes über das Seelenheil des Menschen im Guten (selten) und Bösen (also Verdammnis, häufig). Dass die Evangelische Kirche dennoch von sich selbst als „Kirche der Freiheit“ spricht, ist wohl erkennbar grotesk und höchst gefährlich. Denn die Theologie Luthers lässt alles Mögliche zu, aber moralisch zu verantwortende Grundentscheidung des Menschen nicht. Thomas Mann wies in Abgrenzung von Reformation und Humanismus darauf hin, wie wenig freiheitlich und wie stark rückwärts gewandt die Reformation war. Diese Auffassung kann man ironisch so mit Theodor Fontane so formulieren: „Es geht die Sage, dass mit dem Mann aus Wittenberg die Freiheit in die Welt gekommen sei. Was aber ist in die Welt gekommen: Unduldsamkeit und Hexenverfolgung“.   Nun, ich will nicht nur ironisch sein. Deshalb will ich es mit einer sachlichen Erklärung versuchen: was in die Welt gekommen ist, ist eine drastische Negation der menschlichen Willensfreiheit, wenn es eben um diese eine Grundentscheidung geht. Was aber auch in die Welt gekommen ist, ist die Wirtschafts- und Handelsfreiheit. Kaufleute und Kapitalinhaber profitieren langfristig von  dieser Art Freiheit.

Genau das aber wäre Freiheit, wenn die religiöse Grundentscheidung aus freiem Willen und in aller moralischen Verflechtung geschehe. Die Ev. Kirche ist also genau nicht „die Kirche der Freiheit“.

Und das führt zu einem Gottes- und Menschenbild, das seinerseits vor dem Elend der Welt nicht zu verantworten ist, weil die Angelegenheiten der Wirklichkeit fast als Schicksal verstanden werden, also in ein tiefes Mysterium getaucht werden. In einer solchen determinierten oder doch unerklärlichen Welt kann man nicht mehr verantwortlich handeln. Oder nur, wie neulich ein Theologe gesagt hat, darüber, ob man morgens Kaffee oder Tee trinken will.

Die Kirche nimmt diesen Fatalismus nicht zur Kenntnis und behauptet, dass die Freiheit, die aus dem geschenkten Glauben und damit aus der geschenkten, also nicht verantworteten, Tat kommt, eine wirkliche Freiheit im Sinne des Wortes, wie wir es verwenden, sei.

Damit redet sie nochmals Groteskes.

Wer wie Luther Willensfreiheit, wie schon sein geistiger Vater Augustinus, in der entscheidenden Frage von Prädestination und Verantwortung ablehnt, hat die philosophische Dimension des Freiheitsbegriffs nicht verstanden und die politische verfehlt. Mit dieser Theologie kann man alles rechtfertigen.

Hinzu kommt noch, dass auch sonst wenig Anlass zur Freude besteht, wenn man einmal von der in der Tat epochalen Leistung der Bibelübersetzung und der völlig berechtigten Kritik an der Verderbtheit der Akteure der damaligen allgemeinen (katholischen) Kirche absieht.

Der Kirche merkt man noch heute an, welche unheilvollen Ergebnisse Luthers Allianz mit den an Macht, nicht an Religion, interessierten Landesfürsten historisch hatte. In opportunistischer Weise hat er sich politisch den Fürsten in die Hand gegeben. Er behauptete, Politik sei nicht seine Sache. Und nicht die der protestantischen Religion. Aber Politik hat er gemacht: er hat seine Überzeugungen der Macht geopfert und z.B. die Bauern in ihren sozialen Bemühungen im Stich gelassen. Da konnte er ja doch Politik machen.

Diese Allianz besteht noch heute: Thron und Altar sind noch heute verbunden. Wir sehen es gerade heute wieder. Zum Glück aber hat die Kirche keinen Einfluss mehr und wenn der Zauber der aktuellen Politik vorbei ist, rückt sie wieder in das zweite oder dritte Glied.

Man müsse Luther aus seiner Zeit verstehen? Klar, aber dann dürfen wir diese Theologie nicht übernehmen.

Und außerdem: es gab schon damals ganz andere Akteure. Zu nennen ist hier nur sein großer Gegner, Erasmus von Rotterdam. Mit diesem hätte es wohl keine Glaubensspaltung gegeben, und ein rationalerer Umgang mit Glauben, Handeln und kirchlicher Praxis wäre heute Realität.

Heute ist in der  Nachfolge dieser Theologie von „globaler Menschenliebe“ Gottes und der Verpflichtung zur Nächstenliebe die Rede.  Wo bei dem moralischen Nihilismus der Protestanten plötzlich die Kategorie der Verpflichtung ihr Recht her bekommt, kann ich nur bei politischen Opportunismus – wie so häufig – vermuten.

Nein,  Luther ist auch im Lutherjahr einfach eine Zumutung  – und damit auch die Evangelische Kirche.  Auch theologisch ist die Lutherkirche  halbherzig und inkonsequent. Oder nur, wenn man die katastrophale Luther-Theologie zugrunde legt. Sicherlich verpflichtet das Gebot der Nächstenliebe, aber nicht uferlos und ohne jede Grenze für das Funktionieren einer Gesellschaft. Die Bergpredigt findet ihre Grenze darin, dass Jesus sie für eine christliche Gemeinde, für ihn gab es die aber noch gar nicht, d.h. also die Jüngergemeinde gehalten hat, also für Menschen, die rückhaltlos seine Gebote befolgen wollen. Das ist in der Gesellschaft aber nicht der Fall, so dass unbegrenzte Nächstenliebe diese zerstören würde. Es ist aber absurd, das zu zerstören, was für 80 Mio. Menschen politische und ökonomische Heimat ist, nur um den Willen einer Idee. Diese Zerstörung würde zudem die Basis für wirksame Hilfe für die Elenden dieser Welt nehmen.

Luther jedoch ist genau das Beispiel, das wir für globale Menschenliebe brauchen.

Wie die protestantische globale Menschenliebe aussieht, definiert ihr Erfinder, Martin Luther:

 

Was wir glauben sollen, muß verborgen sein. Am meisten verborgen ist das, was im Widerspruch steht zu Wahrnehmung und Erfahrung. Wenn daher Gott Leben schenkt, dann tut er das, indem er tötet. Wenn er uns rechtfertigt, dann tut er das, indem er uns zu Schuldigen macht. Wenn er uns in den Himmel erhebt, dann tut er das, indem er uns in die Hölle führt … So verbirgt er seine Güte und Barmherzigkeit unter seinem ewigen Zorn, seine Gerechtigkeit unter der Untat. Denn das ist die höchste Stufe des Glaubens, daß man glaubt, der sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt, daß man glaubt, derjenige sei gerecht, dessen Willen uns mit Notwendigkeit zu Verdammenswürdigen macht, so daß es, wie Erasmus sagt, so aussieht, als freue er sich an den Qualen der Elenden und habe eher unseren Haß als unsere Liebe verdient. Wenn ich aufgrund irgendeiner vernünftigen Überlegung glauben könnte, dieser Gott, der solchen Zorn und Untat aufweist, sei barmherzig und gerecht, dann wäre kein Glaube nötig“. (Luther, Über den freien Willen). Damit haben die Elenden, Armen, Unterdrückten dieser Welt Gottes globale Liebe zu spüren bekommen. Sie haben ja, was sie wollten: einen  verborgenen Gott, der sie liebt, in dem er sie und ihre Kinder krepieren lässt. So einfach darf es sich selbst eine luthereuphorische kirchliche Gemeinschaft nicht machen. Wie man sieht, so einfach ist das nicht mit der globalen Liebe, wenn sie denn nicht nur im Verborgenen blüht. Mir kommt dies  eher vor wie  eine Vertröstung für Arme oder überhaupt wie eine Verhöhnung der Öffentlichkeit.   Mit dieser Art Religion ist ein Höchstmaß an Vertröstung und Disziplinierung erreicht. Da man damit alles rechtfertigen und erklären kann, versteht man, warum Machthaber aller Art von Anfang an hier religionspolitisch zugegriffen haben, und man versteht, warum Aufklärer wie Lessing und Kant gegen diese grauenvolle Lehre aufbegehrt haben.

 

Zum Zusammenhang:

 

Nachdem sich weder die „Naherwartung“  Jesu – das Reich Gottes sei schon angebrochen und er müsse das Volk Israel nur noch darauf vorbereiten bzw. darauf einstellen – noch, nach seinem Kreuzestod, er, was man erwartet hatte, sofort wiederkam, mussten die ersten Theologen, wollten sie für ihre Religion eine Zukunft schaffen, das Elend der Welt in das Innere legen. Jesus war nun nicht mehr gekommen, die Welt konkret zu verändern, sondern sein Opfertod wurde als Überwindung der Erbsünde begreifen. Das ist verständlich, denn sonst wäre Jesu Botschaft in das Gleichgültige versackt. Ab sofort war der Mensch mit seiner Sündigkeit  der Gnade bedürftig, denn das Elend der Welt konkret zu überwinden,war ja nicht möglich, also musste das Paradies wo anders gesucht werden.

Wem aber das Erlösungswerk Jesu – man dachte wohl eine Art Loskauf von der Macht des Satans – einen Sinn haben sollte, durfte der Mensch daran keinen Anteil haben, konnte er keinen Anteil  haben: alles ist Gnade: schon der Glaube, dann die daraus folgende „gute Tat“, also die Werke. Und um jedes Missverständnis zu vermeiden, erfand Augustinus 500 Jahre später die doppelte Prädestination. Der Mensch hat moralisch keinen Anteil an seiner Erlösung, an der Grundentscheidung, diese ist Gnade. Er kann sie nur annehmen, aber es bleibt ein Geschenk. Für Augustinus gab es letztlich keine Willensfreiheit, er konstruierte sie nur, bzw. behauptete sie, um den Menschen wenigstens für die erste, die Erbsünde, verantwortlich machen zu können. Dieses Konstrukt ist so ziemlich die grauenvollste Theologie, die man sich vorstellen kann. Danach ist etwas schon der Säugling sündig, weil er durch die Erbsünde sündig  gezeugt wurde. Selbst die Taufe nutzt nicht viel. Sie ist eine notwendige, aber keine hinreichen Bedingung. Die meisten Menschen sind von Anfang an – Prädestination – verworfen. Deshalb ist die Welt so schlecht. Was für ein Gottesbild, kann ich da nur sagen. Schon damals sagte  Bischof Julian über Augustus nicht viel Schmeichelhaftes. Er verstand nicht, wie ein Mensch derartig ungereimtes Zeug erzählen kann. Intellektuell minderwertig nannte er das. Die Alternative, die er vertrat, war der Pelagismus, nach Pelagius, einem schottischen Mönch, der zu dieser Zeit in Rom wirkte. Dieser lehrte die moralische Verantwortung des Menschen für seine Entscheidung  zum Glauben und für Gott und damit für seine Taten. Er anerkannte die Willensfreiheit aus der Überzeugung heraus, dass nur so ein guter Gott erklärt werden konnte. Pelagius wurde später von der Kirche – natürlich – geächtet. Augustinus heilig gesprochen und seine Lehre kanonisiert. Allerdings ohne Folgen. Die Theologen sprechen beim Katholizismus von Semipelagismus,

Luther hat, wie  man am oben aufgeführten Zitat sieht, das Ganze noch einmal in das völlig Unerträgliche gesteigert. Zu Luthers Zeit war der Gegenspieler Erasmus von Rotterdam. Die Auseinandersetzung aus dem 6. Jahrhundert wiederholte sich. Verschärft. Luther akzeptiert schlechterdings nur die Rechtfertigung vor Gott aus Gnade. Durch moralisches Handeln, das ja Willensfreiheit voraussetzt, niemals. Gerecht – also richtig – vor Gott wird man nur durch Gnade, durch ein Geschenk. Das hat Erasmus völlig anders gesehen und dem Menschen einen hohen Anteil an seiner Rechtfertigung zugesprochen. Luther konnte dies am Ende nur noch zusammenfassen mit: „Den Erasmus muss man zerdrücken wie eine stinkende Wanze“.

Sollen und wollen wir wirklich 500 Jahre einer solchen Religion der absoluten Unfreiheit feierlich begehen? Denn endlich wird ja durch diese Theologie sogar das Elend der Welt gerechtfertigt, politische Unfreiheit als notwendig betrachtete. Wenn dies auch in unserer Zeit abgemildert scheint, aber nur scheinbar. Noch vor 100 Jahren, 2014, zeigte auch die Ev. Kirche ihr wahres Gesicht, in dem sie den Kriegsausbruch als Willen Gottes  bezeichnete und die Opfer, ganz in der Manier Luthers, noch als „globale Liebe“, wie es Herr Huber 2017 ausdrückte, verstand. Auch 1932 zeigte diese Kirche noch einmal ihr Gesicht. Auch der NS-Staat wurde von Ev. Christen, nicht nur von Deutschen Christen, als Werk Gottes und Teil der Heilsgeschichte interpretiert. Man wird den Eindruck nicht los, als wolle sich die Ev. Kirche mit ihrer derzeitigen aggressiven Verhaltensweise gegen alle Andersdenkenden bei aktuellen politischen Fragen für ihre Vergangenheit entschulden. Nur, um fast wieder die selben Fehler zu machen. In ihrer grenzenlosen opportunistischen Anpassungssucht – ganz wie Luther – schwankt sie in ihrer Bibelauslegung: je nach kirchenpolitischer  Kassenlage wird das Neue Testament wörtlich, wie derzeit, oder symbolisch, wenn die Wort nicht passen wollen,  gelesen  und die daraus resultierenden „wissenschaftlichen“ Erkenntnisse dem staunenden Publikum verkauft. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Veröffentlicht von gw am 18. September 2017 .
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Michael Jungfleisch-Drecoll: Angeregt durch “Ohne weitere Worte”

Martin Schulz hat Angela Merkel angeboten, nach der Wahl in sein Kabinett einzutreten und Vizekanzlerin zu werden. Das hört sich (…) ein bisschen so an, als hätte der Präsident des SV Elversberg Lionel Messi angeboten, nach der Winterpause in die Regionalliga Südwest einzutreten, um dort rechter Verteidiger zu werden. (Peter Dausend in der Zeit)
Sollte Messi dieses Angebot wider aller Erwartungen doch ablehnen, habe ich für den SV Elversberg einen ganz heißen Tipp: nehmt doch Martin Schulz, den bisher verhinderten Fußballprofi!!! (Michael Jungfleisch-Drecoll)

Veröffentlicht von gw am 18. September 2017 .
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Ohne weitere Worte (vom 19. September)

Das von Pep Guardiola messerscharf geschmiedete Pass- und Positionsspiel ist stumpf, langsam, ungenau geworden. Pässe der Bayern wirken oft nicht mehr wie der Teil eines Plans, sondern wie das Weiterreichen eines Problems. (Christian Eichler in der Frankfurter Allgemeinen nach dem Spiel gegen Anderlecht)
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Energiegeladene Offensivdarbietung. (…) Es fluppte zum Auftakt des Oktoberfestes, bei dem die Bayern traditionell in Baller- und Siegeslaune sind. (…) War es ein Wendepunkt, die Wiederentdeckung des Spielwitzes und des Teamworks? (Frankfurter Allgemeine online nach dem Spiel gegen Mainz)
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»Schubladen kann man immer wieder aufmachen, und es gibt viele, die machen das gerne. (…) Wenn ich heute lese: ›Bad Boy.‹ Das schreibt jemand, der einfach nur die Schublade aufmacht, weil er keine andere Idee hat. Wenn man mich jetzt kennenlernt, sollte man was anderes schreiben, um sich selbst auf ein anderes Niveau zu hieven.« (Kevin-Prince Boateng im Interview der Frankfurter Rundschau)
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»Wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss man sich darüber im Klaren sein: Es wird über einen geschrieben, und es ist in den seltensten Fällen genau so, wie man sich selbst sieht.« (Thomas Müller im Kicker-Interview)
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»Vielleicht ist 18 Uhr eine gute Zeit für Amateurvereine, da sind sie wieder nüchtern und noch nicht wieder besoffen.« (Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann über die Probleme der neuen Bundesliga-Anstoßzeiten für die Amateurvereine, zitiert in der Bild-Zeitung)
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»Ich war auch mal der jüngste Trainer in der Bundesliga.« (Friedhelm Funkel im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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»Ich bin oft zu unterkühlt. So wie ich versuche, eine 0:6-Klatsche sachlich zu nehmen, gehe ich auch mit einem 3:0-Sieg um. (…) Ich würde mir sogar für meine Spieler mal einen Jubellauf von mir zur Eckfahne wünschen. Damit die sehen: ›Heute haben wir was richtig Gutes gemacht, sogar der Alte flippt aus.‹« (Gladbachs Trainer Dieter Hecking im 11Freunde-Interview)
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»In Düsseldorf arbeite ich das erste Mal mit einem Mentaltrainer zusammen und habe gemerkt, wie wichtig das für die Spieler ist. Früher hast du ja noch gedacht, du wirst krank,wenn du dich mit so einem Mann unterhältst.« (Funkel in der FAS)
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Guimaraes (Anm.: trat in der Europa League  ohne einen einzigen Europäer an) ist quasi das Energie Cottbus Europas. Der damalige Trainer Eduard Geyer schickte in der Bundesliga schon (…) 2001 eine Mannschaft mit elf ausländischen Spielern in die Partie gegen den VfL Wolfsburg. (…) »Wir waren damals schon einen Schritt weiter. (…) Nehmen Sie mal die ganzen Ausländer von Bayern weg, dann spielen die zweite Liga.« (aus der FAS-Kolumne »Schluss für heute« von Michael Wittershagen)
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»Nach China hätte ich gehen können vor ein paar Jahren. Aber was will ich in China? Das ist ja furchtbar.« (Funkel/FAS)
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Martin Schulz hat Angela Merkel angeboten, nach der Wahl in sein Kabinett einzutreten und Vizekanzlerin zu werden. Das hört sich (…) ein bisschen so an, als hätte der Präsident des SV Elversberg Lionel Messi angeboten, nach der Winterpause in die Regionalliga Südwest einzutreten, um dort rechter Verteidiger zu werden. (Peter Dausend in der Zeit)
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Wie viel Physikerin steckt eigentlich noch in Ihnen? (…) – »In der Physik redet man nicht so viel und wenn, hält man nur kurze Vorträge. Mich hat sehr gestört, dass man in der Politik viele Dinge mehrmals wiederholen muss. In der Naturwissenschaft dagegen muss jeder Vortrag etwas Neues beinhalten, sonst ist man fehl am Platz.« (Angela Merkel im Bild-Interview. Interviewer: Philip Lahm)
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Klare Worte findet Fernsehsternchen Nathalie Volk, die (…) bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises (…) sagte: »Fürs Radio bin ich zu hübsch.« All die hässlichen Radio-Vögel um sie herum werden das nicht gerne gehört haben – und auch wir verstehen erst jetzt, was unsere Ausbilder bei der Journalistenschule meinten, als sie sagten: Einer wie du muss auf jeden Fall zur Zeitung. (aus »Herzblatt-Geschichten« von Jörg Thomann in der FAS)
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Mir ist der Schulzsche Vorstoß überaus sympathisch. Ich gehe nämlich schon länger mit der Idee schwanger, meinem Chefredakteur anzubieten, ins Berliner Hauptstadtbüro zu wechseln und mein persönlicher Referent zu werden. (Dausend/Zeit)
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Viele Flüchtlinge können weder lesen noch schrieben. (aus dem Pinneberger Tageblatt, gefunden im Spiegel-»Hohlspiegel«)  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 18. September 2017 .
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Montagsthemen (vom 18. September)

Ein Tor von Müller, zwei von Lewandowski, auch Gesamtleistung wieder top – schon fachsimpeln, Betonung auf »simpeln«, die »Experten«, wer denn nun was in der aufgeregten Bayern-Woche richtig gemacht hat. Im Zweifelsfall, lese ich hinter ihren Stirnen, sie selbst mit ihren hilfreichen Expertisen. Nicht im Zweifelsfall, sondern ganz sicher werden sie nach Schalke oder Paris neue aus ihrer gemeinsamen Schublade ziehen.
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Aber ich will nicht schon wieder das alte Lied anstimmen. Die alte Leier ist ausgeleiert. Zum Kehraus nur noch einmal die Geschichte meines Lieblings-Experten Guy, der sich bei der BBC in London als Buchhalter bewarb. Steht an der Rezeption, wartet, aufgerufen zu werden. Kommt ein Mann, fragt nach Guy. Guy meldet sich. Er soll mitkommen, schnell, schnell, es eilt. Wird in ein Zimmer geschoben, auf einen Sessel gesetzt, eine schicke Blonde sitzt vor ihm, stellt ihn als Herausgeber einer Technology-Website vor. Er soll ein Gerichtsurteil zum Downloaden von Musik kommentieren. Tut er auch. Beantwortet alle Fragen. Ausweichend, freundlich, ahnungslos, aber gutwillig und engagiert. Ist schließlich sein Bewerbungsgespräch als Buchhalter. Dann kommt der richtige Guy rein, ein Fachmann für Internet-Rechtsfragen. Verspätet. Und so hatte unser Guy seinen Auftritt als Experte im BBC-Fernsehen.
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Herrlich auch die trockene Antwort von Friedhelm Funkel (Quelle: FAS-Interview) auf die Frage, ob er, wie die angesagte junge Trainer-»Generation Y«, einen Matchplan habe: »Nein, aber ich habe einen Plan.« Niko Kovac, einer seiner Nachfolger in Frankfurt, hat ebenfalls einen Plan. Heimniederlage  gegen einen Kontra-Abstiegs-Konkurrenten, das ist zwar ein schmerzhafter Rückschlag, doch trotz des prompt alarmierten Panik-Bereitschaftsdienstes bleibe ich dabei: Was Kovac in Frankfurt gemacht hat und macht, gehört zu den besten Trainerleistungen dieser Jahre. Komme, was wolle.
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Die Loyalität mit Kovac ist keine emotionale, sondern eine sachlich begründete. Die mit Jan Ullrich dagegen könnte an Irrationalität grenzen. Aber nur, falls .. aber zunächst diese Mail von Walther Roeber aus Bad Nauheim: »Auch wenn Sie nichts auf ihn kommen lassen: dass JU bei 1,8 Promille und >50km/h Geschwindigkeitsüberschreitung so billig vor Gericht davonkommt, ist schon bedauerlich.« – Volle Übereinstimmung! Als Sportler lasse ich zwar in der Tat nichts auf ihn kommen, aber Fahren mit 1,8 Promille ist kein Kavaliersdelikt, sondern kriminell, vor allem bei einem Wiederholungstäter, zumal wenn man weiß und schon einmal getestet hat, wie viel man, sorry, saufen muss, um 1,8 Promille zu erreichen. Eine andere prominente Persönlichkeit der jüngeren deutschen Zeitgeschichte hat es trotz größter Bemühungen nur auf 1,5 Promille gebracht.
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Aua. Das tat schon beim Hinschauen weh. Als ein Bremer den eigenen Mitspieler am Kopf und ins  eigene Tor traf, zuckte man nur zusammen. Bei Keitas Tritt gegen den einschlägig erfahrenen Kramer (WM-Finale!) floss viel  Blut, es blieb aber weitgehend folgenlos. Als sich Kruse das Schlüsselbein brach, packte mich, einen erfahrenen   Schlüsselbeinbrecher, echtes Mitleiden. Aber was dem armen Christian Gentner widerfuhr, ist einfach nur schlimm. Mehrere Brüche am Kopf. Grauselig.
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Verletzungen, Blut, Brüche, – das schreit nach den Merseburger Zaubersprüchen. Kennen Sie nicht? Sie gehören zu den frühesten und schönsten Zeugnissen lyrischer deutscher Sprache: »Phol ende Wuodan vuorun zi holza. / du wart demo Balderes volon sin vuoz birenkit.« Da reiten also zwei in den Wald, des einen Pferd (volon/Fohlen) verrenkt sich den Fuß. Dann folgt der Zauberspruch: »sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki: ben zi bena, bluot zi bluoda, lid ze gelieden, sose gelimida sin.« Übersetzt sich fast von allein: Bei Bein-, Blut- und Glieder-»Verrenkung« möge Bein wieder zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied kommen, so wie sie »geleimt« sind. – Gute Besserung, Christian Gentner!
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Anderes Thema, aber noch so eins wie die »Experten«, es wird also ausgemustert: »Mohrenkopf.« Wegen Übersättigung. Beziehungsweise ausgeleierter alter Leier. Es ist ja auch fast schon politisch korrekt, sich über die politische Korrektheit der diversen Umbenamungen zu belustigen. Ein Interview mit einem österreichischen Sprachwissenschaftler in der Samstags-SZ bringt mich jedoch  auf eine neue Idee. Sie könnte mich reich machen, aber ich fürchte, sie lässt sich nicht patentieren. Angestoßen von einem Lübecker Kaffeehaus, das seine »Mohrenkopf«-Torte in »Othello«-Torte umbenannt hat, stellte sich auch die Frage, ob man nicht verdächtig rassistisch klingende Bergnamen wie den  »Mohrenkopf« in Vorarlberg umbenennen müsste. – Heureka! Warum nur Mohrenköpfe? Jeder Berg bietet sich an. Warum nicht den Sport als Beispiel nehmen? Wie das Volksparkstadion. Und viele andere, die wechselnde Sponsorennamen tragen. Oder die Hochs und Tiefs, die man sich kaufen kann. Wenn also der Mount Everest demnächst auf den Markt kommt, biete ich mit. Hundert Entenhausener Taler (ich bin nicht Dagobert) für ein halbes Jahr “Mount gw” – wer bietet mehr? (gw)
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Veröffentlicht von gw am 17. September 2017 .
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Sonntag, 17. September, 6.40 Uhr

Schock in der Morgenstunde. Ich will die FAS aus dem Briefkasten holen, da sehe ich im Dunkeln (oder im Dunklen?) einen großen weißen Fleck mitten auf der Straße. Unsere kleine, zarte weiße Katze? Überfahren in der Nacht? Sie muss schon einmal überfahren worden sein, war tagelang verschwunden und kehrte mit verschorften Wunden und verformtem Köpfchen zurück, seitdem gibt sie beim Essen und Trinken gräuliche Geräusche von sich. Aber Entwarnung: Es ist ein weißes Kleidungsstück. Hat wohl ein Kneipenbesucher verloren, der oben auf der Burg zu heftig  gefeiert hat.

Christian Gentner hat es nicht ganz so schwer erwischt wie damals die Katze, aber schwer genug. Diverse Brüche am Kopf. Kruse bricht sich das Schlüsselbein. Keuta tritt Kramer gegen den Kopf, ein Bremer trifft den eigenen Spieler am Kopf und gleichzeitig das eigene Tor. Verletzungen, Brüche, Blut – das schreit nach den Merseburger Zaubersprüchen. Ben zi bena usw., muss ich nachher aus dem Archiv klauben, “schönes” Thema für die nachher zu schreibende Kolumne.

In den Meldungen der Nacht lese ich, dass sich Hamas  und Fatha einigen wollen. Fatha ist die ältere palästinensische Gruppe, ich kenne sie seit … ha, ich schaue mal nach, im “Sport-Leben” (Link rechts), denn ich erinnere mich, mein Kennenlernen der Fatah dort beschrieben zu haben. Moment … voila, hier ist es:

Im Studentenhochhaus wohne ich in einem Zimmer mit Abdullah, einem Jordanier, der mir stolz zu verstehen gibt, daß er Al-Fatah-Mitglied ist. Ich interessiere mich im Sommer 1970 nicht für den israelisch-arabischen Konflikt und weiß kaum etwas über Al Fatah. Abdullah will mich über den Kampf seines Volkes aufklären, doch da er dies regelmäßig erst ab drei Uhr morgens tut, stößt er auf wenig Gegenliebe. Abdullah stellt mittags den Wecker, schläft bis in die Nacht und reißt sich und mich um Punkt drei aus dem Schlaf. Er schaltet das Licht ein, öffnet das Fenster, setzt sich an seinen Schreibtisch und sucht in seinem Weltempfänger den Al-Fatah-Sender. In Minutenschnelle ist die Zimmerdecke schwarz von Fliegen und Faltern. Ich grunze Abdullah grimmig an, wenn er seinen Al-Fatah-Vortrag halten will, drehe mich auf die andere Seite und gleite, von aufgeregten arabischen Stimmen und orientalischer Musik sowie Knarz-, Piep- und sonstigen Kurzwellen-Störungen geleitet, zurück in den unsanft unterbrochenen Schlaf. Ich mache im Dienste der Völkerverständigung zunächst gute Miene zum nächtlichen Spiel, doch als ich erstmals Stagnation auf der Waage feststelle, ist meine Toleranzgrenze überschritten. Schlafmangel zehrt am Gewicht und damit an der Leistung, Schluß mit Völkerverständigung. Als in der nächsten Nacht der Wecker rappelt, schreie ich Abdullah wütend an: »Noch einmal, und ich schmeiße ihn aus dem Fenster!« Abdullah reagiert nicht, fummelt am Radio. Ich schlafe ein. Plötzlich kniet Abdullah auf meinem Bett, rüttelt mich, brüllt mir begeistert ins Ohr: »Hör zu, das ist beste jordanische Sängerin.« Aus Nahost schallt eine klagende Stimme an mein Ohr, angereichert mit dissonantem Wellensalat. Unwillig schüttele ich den Schlager-Fan ab, das Leichtgewicht Abdullah kullert auf den Boden. Ich schlummere endlich wieder ein. Plötzlich tobt der Wecker erneut los. Ich springe auf, schnappe ihn mir und werfe ihn im hohen Bogen aus dem neunten Stock. Abdullah schaut entgeistert zu, funkelt mich furchtsam-böse an und stürzt zur Tür hinaus. Am nächsten Morgen ist Abdullah verschwunden. Er kommt nicht wieder, jedenfalls nicht, wenn ich im Zimmer bin. Manchmal treffe ich ihn noch im Flur, Abdullah scheint bei einem Landsmann Asyl gefunden zu haben. Ich kann wieder schlafen, nehme zu und bleibe guten Mutes.

Das “Sport-Leben” war auch die Grundlage für den Artikel der Zeit-Autorin Anna Kemper im “Zeitmagazin Mann”. Das mit Tuchel auf dem Titel. In meinem gebeamten Text vermisse ich eine andere Erinnerung an Abdullah: Nach dem Attentat in München 1972 glaubte ich auf den Fernsehbildern ihn unter den Attentätern zu entdecken. Vermutlich aber eine Fata Morgana. Eine Fatah Morgana.

Na ja, die heutigen Abdullahs sind leider nicht so leicht zu beeindrucken wie meiner von mir.

Für die Montagsthemen habe ich schon einige Stichworte auf dem Zettel. Jetzt kommen die Merseburger Zaubersprüche hinzu. Außerdem Kovac, Ullrichs 1,8 Promille, Rad-WM und neue EPO-Studie, Lewandowskis Kernaussage im Spiegel-Interview usw., aber alles bringe ich sowieso nicht unter, zumal ich mich jetzt weiter inspirieren lasse – von FAS, Samstags-SZ und KKKK. Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 17. September 2017 .
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Baumhausbeichte - Novelle