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Reinhard Schartl: Niedergang nicht das alleinige Problem

Ihre Bewertung der bei den hessischen Meisterschaften erzielten Resultate (im heutigen Anstoß) bedarf einer kleinen Anmerkung: Sie ist meines Erachtens zutreffend, jedoch muss auch berücksichtigt werden, dass Hessische Meisterschaften für Spitzenleichtathleten offensichtlich bedeutungslos sind. So fehlten aus der bundesdeutschen Elite u.a. Michael Pohl, Steven Müller (vom ausrichtenden Verein!), Marc Reuther, Elias Goer, Marc Tortell, Lukas Abele, Davor Aaron Bienenfeld, Gianluca Puglisi, Oliver Koletzko bei den Männern –  Rebekka Haase, Lisa Mayer, Carolin Schäfer, Vanessa Grimm, Maryse Luzuolo bei den Frauen. Über 800 m stehen in der deutschen Bestenliste dieses Jahres sechs Hessen unter den besten acht, sieben sind unter 1:50 min. geblieben, keiner davon stand in Friedberg an der Startlinie. Im Weitsprung der Frauen verzeichnet die deutsche Bestenliste sechs hessische Springerinnen, die 6,04 m oder mehr gesprungen sind. Da sie fehlten, konnten man mit 5,96 m gewinnen. Zuzustimmen ist Ihnen auch darin, dass gerade in vielen technischen Disziplinen (vor allem Stoß/Wurf) in Hessen Vieles im Argen liegt, die Siegesweite im Diskus Männer war in der Tat auffallend schwach (als besten hessischen Werfer des Jahres finde ich Marius Rosbach mit 52,27 m). Den bei den HM vorne platzierten Athleten und Athletinnen ist aber zu bescheinigen, dass sie jedenfalls im eigenen Leistungsbereich häufig gute, teilweise Bestleistungen erzielten (so etwa die 2. über 400 m der Frauen, Anna Hülsmann, mit 57,77 sec.).

Das Problem liegt also nicht allein im  Niedergang der Leichtathletik – der allerdings nicht zu bestreiten ist. (Reinhard Schartl/Bad Nauheim)

Veröffentlicht von gw am 20. September 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 19. Februar)

Das Auftaktspiel also doch ohne Zuschauer. Wann dürfen wo wie viele Zuschauer ins Stadion? Die Antwort geben Corona und die Politik. Eine mich mehr bewegende Frage kann nur der Fußball selbst beantworten, indem er die Behauptung der Protagonistin in Monika Marons neuem Roman »Artur Lanz« widerlegt, ehrenhafte »Ritterlichkeit« gebe es »heute nicht einmal im Sport. Eine Fußballmannschaft, der unrechtmäßig ein Elfmeter zugesprochen wurde, würde ihn bedenkenlos in ein Tor verwandeln und den unverdienten Sieg reuelos bejubeln«. – Eine Frage der Ehre. Ich hoffe auf das Debüt der Ritterlichkeit in der Bundesliga. Die Saison wäre für mich gerettet, Corona hin, Zuschauer her.
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An der Gegenwarts-Literatur Interessierte … (weiter in der Rubrik rechts „gw-Beiträge Anstoß“)

Veröffentlicht von gw am 18. September 2020 .
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Sport-Stammtisch (vom 19. September)

Das Auftaktspiel also doch ohne Zuschauer. Wann dürfen wo wie viele Zuschauer ins Stadion? Die Antwort geben Corona und die Politik. Eine mich mehr bewegende Frage kann nur der Fußball selbst beantworten, indem er die Behauptung der Protagonistin in Monika Marons neuem Roman »Artur Lanz« widerlegt, ehrenhafte »Ritterlichkeit« gebe es »heute nicht einmal im Sport. Eine Fußballmannschaft, der unrechtmäßig ein Elfmeter zugesprochen wurde, würde ihn bedenkenlos in ein Tor verwandeln und den unverdienten Sieg reuelos bejubeln«. – Eine Frage der Ehre. Ich hoffe auf das Debüt der Ritterlichkeit in der Bundesliga. Die Saison wäre für mich gerettet, Corona hin, Zuschauer her.
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An der Gegenwarts-Literatur Interessierte wissen, dass Monika Maron vom kulturpolitischen Mainstream als rechtsaußen aussortiert und abgestempelt wird (was absurd ist), ähnlich wie Botho Strauß (weniger absurd), der schon in seinem »Anschwellenden Bocksgesang« dagegen hält: »Der Rechte ist vom Neonazi so weit entfernt wie der Fußballfreund vom Hooligan.« Hübscher Vergleich. Noch hübscher das Wortspiel eines Twitterers, nachdem Trump Österreich als »Waldnation« erkannt hat, die in »Waldstädten« haust: »America First, Austria Förster.« – Apropos und ernsthaft (zur Exekution des iranischen Ringers): Staaten, in denen die Todesstrafe verhängt wird, sind Unrechtsstaaten. Iran hin, USA her.
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So früh vom Sport in heikle Gefilde abzuirren hat seinen Grund, denn im Mainstream komme ich damit sicher nicht an. Obwohl Wilfried Schwalb (Burkhardsfelden) bedauert: »Jetzt fangen Sie auch noch an, auf den Mainstreamzug aufzuspringen.« Ich hatte geschrieben, Verschwörungstheoretiker mögen sich den Aluhut auf- oder die Springerstiefel anziehen und sich in ihre rechte oder frei schwebende Ecke verziehen. Damit gehöre ich zum Mainstream der Medien, meint unser Leser (ungekürzt in der Online-»Mailbox«), »die einseitig informieren, Lügen verbreiten, die Bevölkerung verdummen und Ängste schüren«.
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»Mainstream-Schreiberei« wäre für mich die größtmögliche Beleidigung und vernichtendste Kritik. Aber diesmal lasse ich mir den Vorwurf gerne gefallen. Wer ihn teilt, mag dies tun, ich bin weder Virologe noch Missionar. Was mir an »unseren« Maßnahmen aber gefällt: Sie sind kein deutscher Sonderweg, sondern in ihrer Konsequenz in etwa das Mittel der weltweiten Maßnahmen.
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Deutsche Sonderwege taten uns und der Welt noch nie gut, selbst wenn sie außerordentlich gut gemeint waren. Und was den Mainstream und mich angeht: Zu den fatalen Sonderwegen gehören auch die abrupte Energiewende und die deutsche Rolle im Flüchtlingsjahr 2015. Mit dieser Überzeugung paddele ich weiter (Moria …) nicht mit, sondern gegen den Mainstream an.
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Zum Sport. Leichtathletik. Hessische Meisterschaften. Beim Studium der Ergebnisse müssen alte Leichtathleten mehr als eine Träne im Auge wegblinzeln. Dass in Friedberg in manchen Disziplinen Leistungen zum Titelgewinn reichten, mit denen man früher kaum auf die Idee gekommen wäre, überhaupt teilzunehmen (z. B. 39 m mit dem Diskus), ist für die Zukunft dieser Sportart – nein, kein Alarmzeichen, die Alarm-Sirenen (diese funktionieren wenigstens …) schrillten schon vor vielen Jahren – erschreckendes Zeichen, dass der Niedergang nicht begonnen hat, sondern in vollem Gange ist. Und das Schlimmste: Dagegen scheint kein Kraut gewachsen, ob es Mihambo oder Vetter heißt. Das sind schöne Blüten in einer verdorrenden Vegetation. In der Leichtathletik ist der Klimawandel schon vollzogen.
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Glückwunsch. Der »Doppelpass« feiert Jubiläum, lese ich. Ich habe ihn noch nie gesehen. Das »Nie« ist keine Übertreibung, sondern Feststellung, denn sonntags schrieb ich jahrzehntelang erst den Blog und danach die jetzt dahingeschiedenen »Montagsthemen«. Immerhin kenne ich den kulturellen Mehrwert des »Doppelpass«, denn sein »Phrasenschwein« hat den deutschen Wortschatz bereichert (aber hoffentlich nicht allzu oft die gw-Kolumnen).
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Schließlich noch ein Wort zu Armin Laschet, der im Kampf um den Parteivorsitz enorm gewachsen ist, weit über seine 1,70 m hinaus. Nicht, weil er eine Wahlniederlage zum Sieg erklärt, das tun ja alle, sondern weil er direkt von Karl dem Großen abstammen soll. Wer daran herum meckert und mendelt, das könne nicht sein, Karl war 1,84 m groß, nach heutigen Maßstäben ein echter Nowitzki, den verweise ich auf mendelnde Generationssprünge und auf Karls des Großen Vater: Pippin der Kurze. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 18. September 2020 .
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So wahr das?

Der Prozess um die „Operation Aderlass“ beginnt. In der Vorberichterstattung des sid kommt „der Sportrechtler Michael Lehner“  ausführlich zu Wort. Wie auch aus diesem Blog bekannt, ist er ein prominenter deutscher Antidoping-Kämpfer. Fast, aber nicht ganz so  prominent medial sichtbar wie Prof. Werner Franke,  der viel zitierte „Molekularbiologe aus Heidelberg“, sein ehemaliger Freund und aktueller Widerpart.

In dem Zwist geht es, wie ebenfalls im Blog erwähnt, vorsichtshalber aber nicht auserzählt, um die Deutsche Opfer-Hilfe (DOH), um Opferrenten auch für  Nachkommen von gedopten DDR-Sportlern, um die Frage, ob sie zwangsgedopt waren oder freiwillig mitgemacht haben, und das alles wird stellvertretend auch von zwei prominenten Ex-DDR-Persönlichkeiten ausgefochten, dem Trainer H. M. und der Sprinterin I. G., in deren juristische Auseinandersetzungen ich nicht hineingezogen werden möchte (siehe „vorsichtshalber“).

Es geht nicht nur darum, wer die Wahrheit sagt, sondern auch, was die Wahrheit ist. Denn in Sachen Doping gibt es zwar viele Lügen, aber fast noch mehr Wahrheiten.

Mich reizt es, diese multiplen Wahrheiten in einem Text sichtbar zu machen, ohne auf die internen DOH-Auseinandersetzungen einzugehen. Es ginge ausschließlich um den Ex-Kugelstoßer G. S. Ich könnte sehr überzeugend und juristisch wasserdicht behaupten, dass ich in den 70er Jahren nicht nur weltweit der erste Sportler überhaupt war, der sich freiwillig und jederzeit Dopingtests unterzogen hat, also auch im Training (Trainingskontrollen gab es damals nicht), sondern auch, dass diese Tests überzeugender waren als die heutigen mit ihren „Missed test“-Möglichkeiten und der vorherigen Anmeldung der Dopingtester (bei mir klingelte es abends an der Tür, ich  machte auf, der Tester stand da, zeigte das Röhrchen, und sofort musste ich es füllen). So geht die erste Wahrheit weiter: Weil ich nachweislich nicht gedopt hatte, konnte ich zwar die humane olympische Norm von 19 m erfüllen (im Quali-Zeitraum 20,12), aber nicht die auf zwei Mal in festgelegten Wettkämpfen zu stoßende intern erhöhte deutsche Norm von 20,60 m, eine knallharte Doping-Norm, was alle wussten und für richtig befanden, auch und vor allem die Medien. Ich bin also als erster nachgewiesen hundertprozentig sauberer Sportler ein Vorzeige-Opfer und müsste als solches von der DOH-Opferrente beziehen, in die Hall of Fame aufgenommen werden und als leuchtendes Vorbild in die Sport-Historie eingehen.

Ich hätte diese erste Wahrheit ausreizen und bis zum heutigen Tag davon materiell und ideell profitieren können, wenn es nicht die zweite Wahrheit gäbe, und eine dritte dazu.

Ich bin froh, die zwei falschen Wahrheiten frühzeitig eliminiert zu haben und bei der einzig wahren Wahrheit geblieben zu sein.

Was mich reizt, wäre eine Erzählung der ersten Wahrheit, sie in einem daneben stehenden Text mit der zweiten Wahrheit zu falsifizieren und schließlich noch die dritte Wahrheit nicht gerade als Lüge zu enttarnen, aber ihre zeitgeschichtliche Unmöglichkeit zu bekennen.

War das so? So wahr das!

Ob oder was das mit dem aktuellen Fall zu tun hat, das zu beurteilen wäre Sache des Lesers.

 

 

Veröffentlicht von gw am 15. September 2020 .
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„Lebensziel erreicht“ …

… lese ich. Wo? Irgendwo halt. Ich beschmutze kein Nest, auch nicht das, aus dem ich längst weggeflogen bin und nur noch einmal pro Woche zu Besuch komme.

Sein „Lebensziel erreicht“ hat Dominic Thiem. Sein? Das suggeriert die Schlagzeile. im Text aber steht: „Ich habe ein Lebensziel erreicht.“ Sein oder ein, das ist ein gewaltiger Unterschied. Wäre es sein Lebensziel, müsste man ihn bedauern, ist es ein Lebensziel, darf man ihn beglückwünschen.

Sein oder ein, das mag man als Petitesse einordnen. Aber es ist ein typisches Beispiel für nur nachlässige (wie hier) oder bewusst tendenziöse Schlagzeilenformulierungen über Interviews, die dem im Text Gesagten nicht entsprechen.

Gekackte Korinthen oder ein Mosaiksteinchen der Moderne?

Veröffentlicht von gw am 15. September 2020 .
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