Montagsthemen (vom 21. Oktober)

Auf dem Smartphone blinkt die Ankündigung einer »Eilmeldung« des »Kicker« auf. »Vor Gladbach-Spiel: Favre suspendiert.« Aha! So weit ist es also schon gekommen! Meldung angeklickt, die zweite Zeile ploppt auf »… Jaden Sancho«. So weit ist es also noch lange nicht.
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Beide punktgleich. Der  Zweikampf Bayern – BVB geht weiter. Aktuelle Folge: Wer gewinnt das Duell … um die Champions-League-Teilnahme? Etwa die Eintracht? Oder alle drei?
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Bewundernswert, mit welcher Geduld und menschlicher Grandezza Niko Kovac seine bajuwarische Zerreißprobe besteht. Bis jetzt. Aber »am Ende des Tages« (Rummenigge-Sprech) werden  Siege und Punkte mehr bewundert.
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Kovac zeigt auch Größe im Eingeständnis eines unsensiblen Fehlers. Müller nur als Notnagel, brauchbarer Bankspieler, man könne ihn bringen … das war daneben. Er bittet um Entschuldigung. Problem: Was menschliche Größe ist, kommt im Profi-Biotop als Schwäche an.
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In der Sache hat er recht. Müller ist schon lange nicht mehr der »Raumdeuter«, der Irrwisch, dessen scheinbar chaotische Laufwege und Aktionen zu verblüffenden Erfolgen führen. Der Zahn der Zeit nagt, die Löw-Demütigung bohrt, die Verunsicherung hemmt … und schon schrumpft der unnachahmlich unkonventionelle zu einem ganz gewöhnlichen Fußballer. Im Kreis der Überqualifizierten ist er dann nur noch das, womit sich Kovac verplappert hat.
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Aber das Bayern-Problem heißt weder Kovac noch Müller. Sondern Klimawandel. Erst ganz  allmählich, mittlerweile deutlich spürbar. Früher gewannen sie an schwachen Tagen mit Dusel, heute verlieren sie Punkte trotz haushoher Überlegenheit. Am schwersten   aber wiegt Süles Ausfall. Ohne Hummels, mit vergrätztem Boateng (auch bei ihm: Zahn der Zeit) – das kann ins Auge gehen, Kovac hin, Müller her.
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Zu Beginn seiner Reporterkarriere ähnelte er Thomas Müller, jedenfalls im Unkonventionellen. Wenn er NBA-Spiele kommentierte, dachte man: So einer könnte auch dem Fußball gut tun. Dort ist er angekommen, aber mittlerweile überdreht Frank  alias »Buschi« alias »Fußball ist so herrlich bekloppt«-Buschmann (so jubelt er öfter, als Rummenigge »am Ende des Tages« sagt). Am Samstag nahm er Augsburg Torwart aufs Korn. Der steht schon länger in der Kritik, aber wie Buschmann ihn   in Halbzeit eins kritisierte, das war überzogen, penetrant und menschlich unangenehm. Auch wenn Koubek in Halbzeit zwei nicht überragend gehalten hätte, wäre ein Buschmann-Wort à la Kovac fällig.
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Auch in diesen Zusammenhang passt, was Paul-Ulrich Lenz, Pfarrer im Ruhestand aus Schotten, in Sachen »Gesinnungsterror und Mainstream« (siehe »Sport-Stammtisch« vom Samstag) zu bedenken gibt: »Doch – man kann alles sagen – auch Unangepasstes, auch Unsensibles. Nur: Man wird dafür einstehen müssen. Vor der Öffentlichkeit. Im Freundeskreis. Vor sich selbst. Manchmal ertappt man sich ja dabei: Es wäre besser gewesen, erst zu denken bevor man redet.« Oder schreibt …
Zum Beispiel über das vermaledeite Salutieren. Man sollte es verbieten, meine ich spontan. Wenn es schon für Trikotschwenken beim Torjubel Gelb gibt, wäre Rot für diesen aggressiven Schwachsinn angemessen. Schon wär’s vorbei damit. Am besten gleich mit allen aufdringlich inszenierten Hampeleien. – Hinterher gedacht: Die aufdringlichste, aggressivste Hampelei im Sport, gegen die das Salutieren fast pazifistisch wirkt, ist längst im Meinungs-Mainstream als wunderbar folkloristisch angekommen – der Kriegstanz der neuseeländischen Rugbyspieler, das »Auf sie mit Gebrülle«, der »Haka« der  Maori, der »auch zur Einschüchterung von Gegnern vor einer kriegerischen Auseinandersetzung diente und  von bewaffneten Männern vorgetragen wurde« (Wikipedia). Verbieten? Ja, ich zöge die rote Karte, selbst wenn ich einsam und allein im Shitstorm stünde. Denn, noch einmal Pfarrer Lenz: »Es sind die Bäume, die einzeln auf der Viehweide stehen, die dem Sturm standhalten – auch dem Shitstorm.«
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Denn wer im Wald steht und ihn vor lauter anderen Bäumen nicht sieht, läuft Gefahr, im Sturm entwurzelt zu werden. Doch das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 20. Oktober 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 19. Oktober)

Drei Jungs, aufgewachsen in Deutschland. Gute Freunde. Geeint durch Herkunft (türkische Wurzeln) und Verein (Can/Tosun/Eintracht) beziehungsweise Wohngemeinschaft (Gündogan/Tosun). Zwei spielen für Deutschland, einer für die Türkei. Der Türke schießt ein wichtiges Tor, postet ein Foto. Er und seine Mitspieler salutieren. Die Geste »bereichert« seit einiger Zeit andere abstoßende Tor»jubel«-Inszenierungen. Aber natürlich »liken« seine beiden deutschen Freunde das Bild, ist ja klar, macht man so bei einem guten Kumpel. Da denkt man nicht groß nach, ein Klick, weg das Ding. Tausendmal die Taste berührt, tausendmal ist nichts passiert.
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Doch diesmal hat die Geste über das Abstoßende hinaus einen aktuellen Anlass. Die beiden Freunde mögen das nicht gewusst haben, zumindest die Tragweite nicht erkannt, obwohl beide intelligente, reflektierende und vorbildlich integrierte Jungs sind. Als sie merken, was ihr Klick anrichtet, löschen sie ihn schnell – doch die Gesinnungspolizei war schneller.
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Ein Düsseldorfer hat mitsalutiert und wird abgemahnt. Ein Hamburger auch, doch dort, bei einem besonders bunten, toleranten Klub, belässt man es nicht bei einer Abmahnung, der Bösewicht wird sofort gefeuert. Toleranz nur für Gleichgesinnte! In Zukunft ist jeder türkischstämmige Fußballer in Deutschland, ob er will oder nicht, ein politischer Überzeugungstäter. Ein böser, der salutiert, ein guter, der es unterlässt, auch wenn er es einfach nur, siehe oben, für peinlichen Quatsch hält.
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Gesinnungspolizei? Tugendterror? Man kann seine Meinung nicht mehr frei äußern? Davon sind drei Viertel der Deutschen überzeugt, wenn man übereinstimmenden Umfrageergebnissen (Allensbach, Infratest, Shell-Jugendstudie) glaubt. Keine Meinungsfreiheit? Natürlich Quatsch, »aber man hat mit sozialen Folgekosten zu rechnen« (Politikwissenschaftler Werner Patzeld/CDU). Denn »die eigene Gesinnung ist die einzig richtige, wahre und gute. Politisch-mediale Auseinandersetzung driftet dann ab in Gesinnungserkundungswirtschaft« (der Schweizer Philosoph Prof. Andreas Urs Sommer in der NZZ). Der Schriftsteller Bernhard Schlink folgert in der FAZ: »Die Engführung des Mainstreams, die Kommunikationslosigkeit zwischen ihm und den Rechten, hat die Rechten und die AfD nicht schwächer gemacht, sondern stärker.«
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Guter Junge, böser Junge – in den USA ist LeBron James, bester Basketballer der Welt, groß genug, um beides abzudecken. Erst schimpfte er auf Trump (wegen allem/Bravo!), jetzt kritisiert er einen NBA-Manager (wegen eines chinakritischen Tweets/Pfui!).
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Ach ja, die USA. Mutter der »Propaganda«. So heißt ein neuer Roman von Steffen Kopetzky. Sein Protagonist war im 1. Weltkrieg beim »Department for Psychological Warfare. Psychologische Kriegsführung. Alle anderen nannten uns Propaganda.« Kaum das Buch gelesen, stoße ich im SZ-Magazin auf ein Interview mit Anne Bernays, einer Großnichte von Sigmund Freud und Tochter eines Vaters, der als Erfinder der Public Relations gilt, für die er auch das Standardwerk »Propaganda« schrieb. Anne Bernays: »Mein Vater hatte in den Zwanzigern die Zigarette als ›Fackel der Freiheit‹ für Frauen gesellschaftlich akzeptabel gemacht. Meine Mutter war Kettenraucherin, aber wenn er sie dabei erwischte, riss er ihr die Zigarette aus dem Mund und schmiss die Packung weg.«
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Abschweifung? Vielleicht. Oder auch nicht. Zurück zum Salutieren. Beim zweiten Spiel der Türken machte der Düsseldorfer nicht mehr mit. Obwohl er das Siegtor schoss. Er drehte ab, während die anderen ihr dämliches Ritual vollzogen. Erst böser, dann guter Junge? Oder umgekehrt? Wie’s euch gefällt. Sein Klub hatte den Deutschtürken »nach zahlreichen Gesprächen mit Fans, Mitgliedern und Freund*innen« in die richtige (?) Richtung gedreht.
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»Mitglieder«, das ist klar, weil sächlich. Doch Freund*innen, aber keine Fan*innen? Gendersprach, schwierig Sprach. Auch das Neutrum ist keine echte Alternative. Denn jeder Hesse weiß, welches Geschlecht gemeint ist, wenn über »das Mensch« geschimpft wird. Nur der Hesse an sich vollbringt auch die Symbiose des Unvereinbaren. »Komm her, geh doch fort!«, das  fordert weder zum Kommen noch zum Gehen auf, sondern entspricht einem ungläubigen »Das gibt’s doch gar nicht!« oder auch einem verächtlichen Abwinken à la: »Lass mich doch mit dem Quatsch in Ruh’!« – Und die Gendersprache? Das Salutieren? Das ganze Tweeten, Twittern, Posten und Liken?
Komm her, geh doch fott! (gw)
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(www.anstoss-gw.de /  gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 18. Oktober 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Ohne weitere Worte (vom 15. Oktober)

»Schweigeminute. Alles war still…« – … bis jemand die deutsche Nationalhymne anstimmte. – »(…) Und da habe ich aus dem Bauch heraus gerufen: ›Halt die Fresse!‹ (…) Und im ersten Moment habe ich befürchtet, dass ich gerade richtig Mist gebaut habe.« – Warum? – »Na, weil ich ja die Schweigeminute gestört hatte! Das war mir unangenehm. Aber im nächsten Augenblick klatschten die Menschen um mich herum, (…) da dachte ich mir: Hast wohl doch den Nagel auf den Kopf getroffen.« (Jens – Nachname nicht genannt – im Interview des Fußballmagazins 11Freunde)
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Schweinsteiger ließ, als es ankam, den Schmerz an sich abprallen. Das machte ihn und seine Mannschaft zu Weltmeistern. Schweinsteiger war zwar nicht der Kapitän dieser goldenen Generation, aber er war ihr Anführer, ihr Herz. (Michael Horeni in der FAZ)
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Thomas Müller ist zu mächtig und zu anspruchsvoll, um sich wie einst Lukas Podolski beim DFB mit der Rolle eines Li-La-Laune-Bärs zu begnügen, der ab und zu mitkicken darf. (Christof Kneer in der Süddeutschen Zeitung)
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»Müllers Leistungen reichen für die Bundesliga nicht mehr aus. Der Verein kann es sich deshalb nicht leisten, ihm noch eine Chance zu geben.« (Zitat aus dem SZ-Text / der Trainer, der damit die Karriere Müllers im Bayern-Trikot beendete, hieß Pal Csernai, Müllers Vorname war Gerd, das Datum der 3. Februar 1979)
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Hat es Sie beschäftigt, als Sie weggegangen sind, dass Sie in einer anderen Kultur leben würden? – »Am liebsten wäre mir gewesen, ich hätte daheim bleiben und trotzdem in der NBA spielen können. Ich bin eher schüchtern und zurückhaltend und nehme Neues nicht so gern gleich an.« (Dirk Nowitzki im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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»Dirk Nowitzki ist wie wir, nur viel, viel besser.« (Thomas Pletzinger, Autor von »The Great Nowitzki«, zitiert in der FAS)
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Den Nobelpreis für Medizin erhalten in diesem Jahr Forscher, die herausgefunden haben, wie menschliche Zellen auf Sauerstoffmangel reagieren. (…) Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse haben Pharmafirmen Tabletten entwickelt, die bei Blutarmut helfen. (…) Weil solche Tabletten gleichsam Ersatz für Höhentraining sind, ist zu befürchten, dass sich damit auch neue Möglichkeiten des Dopings ergeben. (Norbert Lossau in der Welt am Sonntag)
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Wie heutzutage bei allen wundersam anmutenden Ausdauerleistungen (…) beschleicht den Betrachter ein merkwürdiges Gefühl. (…) Die Versuchung in diesen Sportarten ist groß, weil beispielsweise das Blutdopingmittel Epo so viel bringt. Selbst Hobbysportler setzen sich in erschreckender Zahl diesen Experimenten aus. (Frank Hellmann in der Frankfurter Rundschau)
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Das NOP-Aus bietet Klosterhalfen da tatsächlich eine Chance: nämlich den Schaden zu kitten, den der Umzug in Salazars Schatten angerichtet hat. (Johannes Knuth in der SZ)
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»Der Körperkult ist heute extrem ausgeprägt(…) Jeder will gut gebaut sein, ein Sixpack haben, am liebsten sofort. Damit es schneller geht, hilft man gern mit Steroiden nach. (…) Zerstören wird man diese Märkte nie. Dafür sind sie zu lukrativ.« (Oberstaatsanwalt Kai Gräber im Spiegel-Interview)
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Die eigene Gesinnung ist nicht einfach nur eine mögliche Gesinnung neben anderen, sondern die einzig richtige, wahre und gute. Entsprechend erscheint sie als absoluter Maßstab für die Gesinnungen der anderen, die sich dabei nur allzu rasch als (…) gesinnungslose Gesellen erweisen. (Andreas Urs Sommer in einem Gastbeitrag für die Neue Zürcher Zeitung)
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Männerliteratur (…), deren Plot immer nur daraus zu bestehen scheint, dass ein Mann existiert und mehr als ein Gefühl auf einmal fühlt. (Sophie Passmann im Zeit-Magazin)
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Was stört Sie am Alter am meisten? – »Dass man nicht mehr jung ist.« (Liselotte Pulver, 90, im Hörzu-Interview) (gw)
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(www.anstoss-gw.de /   gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 14. Oktober 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 14. Oktober)

Schon vor Estland bot »das 2:2 gegen Argentinien sowohl den Optimisten als auch den Skeptikern reichlich Stoff für ihre Sicht der Dinge« (FAZ). Und den Realisten gar keinen. Soviel für heute zur Nationalmannschaft.
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Jetzt also zurück zur Bundesliga. Deren bajuwarischer Dauerbrenner hat früher als die »Lindenstraße« begonnen und wird später bis nie enden. Außerdem ist er spannender, bunter, lustiger und Komödienstadel, Sitcom und Doku-Soap in einem. Aktuelle Folge: Wie ein Dahergereister einen Hinzugekommenen dem Allereinheimischsten vorzieht. Fußballerisch übersetzt: Coutinho hat einen feinen brasilianischen Fuß für geniale Kunstwerke, Müller einen feinen Kopf dafür, trotz eher maltesischer Beine (über Coutinhos Kopf ist wenig bekannt). Zusammen sind sie unvereinbar, sagen die Experten (ich also nicht). Der Dahergereiste hat die Qual der Wahl. Tendenz: Als kroatischer »Preiß« fremdelt er in Lederhosen und tappt in eine finale Falle, wie schon viele seiner Vorgänger. »Cliffhänger«: Wird Kovac das Ende der Original-»Lindenstraße« (März 2020) überleben?
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Eher langweilig dagegen das Stadttheater in Dortmund, da allzu vorhersehbar. Hoch gehandelt, begonnen wie die Feuerwehr, früh ausgebremst, an sich selbst irre geworden, orientierungslos die Feuerspritze schwenkend und sich selbst nass machend. Status: betröppelt. Sündenbock schon ausgeguckt: der frühe Held, ein hamletartiger Grübler. – Hamlet? Favre und der BVB in Shakespeares Worten: »Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können.« / »An sich ist nichts weder gut noch schlimm; das Denken macht es erst dazu.« / »Wie arm sind die, die nicht Geduld besitzen!« / »Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen.« / Und, natürlich: »Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.«
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Na ja, eher nur eine Frage der Zeit. »Denn …« – sagt nicht Hamlet, sondern Antipholus, also ebenfalls Shakespeare – »… jedes Ding hat seine Zeit«. Aus der »Komödie der Irrungen«. Favre wie Kovac können Shakespeare zustimmen: Macht doch »Was ihr wollt!« (Notwendiger Einschub: Ich schütte hier nicht in »hochgestapelter Mittelmäßigkeit«/Brecht das Füllhorn meiner Bildung über dem Leser aus, sondern bekenne in zugegebener Mittelmäßigkeit, diese Zitate fleißig zusammengegoogelt zu haben).

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Aber ein bisschen Besserwisserei muss sein. Vorhersehbar? Ja. Was zu beweisen ist. »Risiko-Faktor beim BVB sind weniger Hummels’ Sprints als Favres Nerven« (»Montagsthemen«/29. Juli). In derselben Kolumne, Emanuel Buchmann war gerade in aller Munde: »Die medialen Automatismen berücksichtigend, bin ich nur gespannt, wie lange sich Buchmann in den Schlagzeilen hält. Tour de France aus den Augen, aus dem Sinn?« – Urteilen Sie selbst.
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Zum Triptychon des Wochenendes. Alle Welt (außer sportliche Realisten/siehe oben) feiert den ersten Unter-zwei-Stunden-Lauf der Marathon-Geschichte. Der Held ist ja auch einer, sein Über-zwei-Weltrekord ist ein großartiger und weit beeindruckender als die verführerische Zeit des Laufs aus bzw. in der Retorte. – Alle Welt (auch sportliche Realisten) feiert den deutschen Ironman-Doppeltriumph. Zu recht natürlich. Fantastische Leistungen! – Das dritte Bild zeigt das verstockt-trotzig-beleidigte Ende von Nikes Oregon-Project. Nike hatte schon vor zwei Jahren in Monza auf der Formel-1-Strecke (!) mit High-Tech à la NOP versucht, die zwei Stunden zu knacken (2:00:25). »Diesmal steckt der britische Chemiekonzern Ineos hinter der Veranstaltung« (taz). Und auf Hawaii sponsort der Bayer-Konzern mit einem Schmerzmittel (!) den Ironman, Slogan: »No Pain, No Gain.« Was das bedeutet, weiß jeder, der 1, 2 und 3 zusammenzählen kann.
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Und sonst? Boris Becker exklusiv bei Bild: »Ende 2019 will ich schuldenfrei sein.« Vorgeschichte: Becker hatte sich »von einem britischen Milliardär 2,1 Millionen Euro geliehen – zu einem Zinssatz von 25 Prozent«. – 25 Prozent? Wie bei der Mafia. Ist das nicht Wucher? Kommt man dafür nicht in den Knast?
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Schließlich lese ich noch von dem betrunkenen E-Scooter-Fahrer, der lebensgefährlich verletzt wurde, und vom Kurden-Konflikt, der auch in Deutschland zu eskalieren droht – eine kleine und eine große Bedrohung für uns alle. Und immer mehr wollen etwas tun für das Klima, doch »Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander« (dpa). Dies sei als »Attitude-Behaviour-Gap« bekannt, als Einstellungs-Verhaltens-Lücke. – Klar, kenne ich. Von mir. / (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 13. Oktober 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 12. Oktober)

Der Rucksack war im Reisekoffer. Mit ihm ist Malaika Mihambo bereits in Asien unterwegs, alleine, die Ruhe und sich selbst suchend, während der große Reisekoffer mit dem DLV nach Hause fliegt. Hier hätte sie im Trubel-Jubel von Feier-, Fernseh- und Sponsoren-Terminen baden und ein paar Euro verdienen können. Dort findet sie zu sich. Was auch den Grundstein legt, um in Tokio ähnlich erfolgreich zu sein wie in Doha. Denn bei Olympia 2020 wird der WM-Titel von 2019 nur ein fernes Echo hinterlassen.
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Der dritte, nervenzerrende Versuch verblüfft und fasziniert immer noch, findet aber eine gewisse Erklärung in einer kleinen Szene vor dem letzten Sprung, als sie den Lippenstift zückte und die Farbe nachzog. Einem erstaunt nachfragenden Interviewer sagte sie: »Bei einer Frau kommt das schon mal häufiger vor.« Bei einer Frau … in diesen geschlechtlich schwierigen Gemengelagen traut sich das kaum noch ein Influencerchen im rosafarbenen Heimstudio – wohl aber eine real emanzipierte, souveräne junge Frau wie Malaika Mihambo.
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Klug, gebildet, musisch begabt … und sie studiert. Mit Erfolg. Und das in einer Sportzeit, in der die Forderungen nach totaler Förderung lauter werden, natürlich abgerundet mit lebenslanger Sportlerrente, denn außer Sport hat der Athlet dann ja nichts gelernt. Und da kommt noch einmal Malaika Mihambo zu Ehren, leider aber auch ein großer Athlet vergangener Jahrzehnte, ein Hürdensprinter. Er studierte Maschinenbau. Keine Förderung, keine Sporthilfe, kein Sponsor. Erst als er schon Spitzenzeiten lief, gab es kleines Geld von der Schuhfirma. Bei Olympia, erst 19, wurde er Hürden-Vierter und Zehnkampf(!)- Fünfter. Vier Jahre später, mittlerweile Weltrekordler, aber geschwächt von einer langwierigen Verletzung, wurde er wieder Vierter und gewann Gold mit der Staffel. Später arbeitete er als überaus erfolgreicher Diplom-Ingenieur. Martin Lauer, der in dieser Woche im Alter von 82 Jahren gestorben ist.
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In der Gold-Staffel lief auch Armin Hary mit, ebenfalls Weltrekordler, ein gelernter Feinmechaniker, der in Rom 100-m-Gold holte. »Nur« Silber über 400 m gewann Carl Kaufmann, studierter klassischer Tenor. Bestzeiten: Hary 10,0, Kaufmann 44,9, Lauer 13,2. Durch Bonus (Handzeitnahme) und Malus (Asche, Blöcke, Spikes, Trainingslehre) mindestens vergleichbar mit heute gelaufenen Zeiten. In ähnliche Dimensionen stieß später auch Harald Schmid vor (400 m Hürden 47,48, flach 44,92). In die Gegenwart gebeamt, könnten Lauer, Hary, Kaufmann und Schmid wieder um Medaillen mitlaufen. Ohne Rundum-Sorglos-Paket.
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Breaking News beim Schreiben dieser Kolumne: Nike stoppt sein Oregon Project. Wohl zu heikel geworden, dieses ganz spezielle Rundum-Sorglos-Paket. Schlechtes Gewissen? Nee, nur Angst vor Gewinnwarnungen. Kontrastprogramm zum NOP-High-Tech-Wahn: ein frühes Trainingsvideo mit Martin Lauer und Manfred Germar (den habe ich vorhin vergessen). Auf Youtube suchen und mit den Ohren schlackern!
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Beim Aufploppen der NOP-Schlagzeile dachte ich auch an die zuvor eingegangene Mail von Walter Müller (Hungen-Villingen/Danke für sehr freundliche Worte, siehe Online-»Mailbox«), der »inständig hofft, dass bei Konstanze Klosterhalfen nichts ist. Als großer Leichtathletik-Fan wäre es ein Schock für mich.« Das Problem dürfte gelöst sein. Hoffentlich.
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Der vielseitig talentierte Martin Lauer stürmte auch die deutsche Schlager-Hitparade und schrieb herrliche Kolumnen für den »Kicker«. Zum Beispiel im Januar 1980, als der Olympia-Boykott ins Gespräch kam, mit einer hellsichtigen Prognose: »Da macht sich mancher vier Jahre lang Hoffnung auf Erfolge bei Olympischen Spielen, und wenn’s dann so weit ist, muss er zu Hause bleiben, weil Russland gerade in Afghanistan einmarschiert, die Engländer in Südafrika Rugby spielen oder ein wild gewordener Ayatollah womöglich sportlichen Wettstreit mit Ungläubigen zur Todsünde erklärt.«
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Damals konnte man noch derartige Witze machen, scheinbar grotesk und realitätsfern. Aber wie fast immer wird die Satire irgendwann von der Realität eingeholt und überholt. Gewisse spätere Karikaturen erwähne ich vorsichtshalber erst gar nicht . . .
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Humor und Satire sind Glücksache. Wenn Rechte Witze über Linke und Linke über Rechte machen, ist das eher Truppenbetreuung, um die eigenen Reihen bei Laune zu halten. Doch wenn Rechte Rechte (machen sie aber nicht) und Linke Linke (machen sie, aber selten) zum Lachen bringen – das ist dann die Königsdisziplin. Zum Beispiel, wenn ein Hund namens Pablo SPD-Vorsitzender werden möchte … aber das ist nur für Eingeweihte und zudem ein ganz anderes Thema, das mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun hat. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 11. Oktober 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.