Sport-Stammtisch vom 20. April (Ostersamstag)

Im Jahr, in dem Eintracht Frankfurt zuletzt ins Europapokal-Halbfinale einzog, feierte ein berühmter Spielfilm Premiere: »Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug.« 39 Jahre später läuft der Film immer noch, im Fernsehen, in Wiederholungen – und für Eintracht-Fans bereits seit einem Jahr live und in Endlos-Schleife. Die neueste Folge der unglaublichen Reise in einem total verrückten Frankfurter Flow folgte am Donnerstag, und die Fans fragen sich: Bin ich im Kino, oder ist das wirklich wahr?
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Aber was ist schon wirklich wahr? Führungstor nicht korrekt – eine aus meiner objektiv hessischen Sicht absurde Unterstellung. Das hätte auch der Video-Assistent bewiesen, sogar gleich doppelt, denn selbst mit der Zeit-Lupe konnte ich weder absichtliches Handspiel noch Vergrößerung der Körperfläche entdecken. Und das ist doch das heiß diskutierte Thema, oder?
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Ernsthaft möchte ich nicht darauf eingehen, denn ich will kein Spielverderber sein. Weiter im Jux: Wenn Guardiola endlich mal einen Titel ohne das Trio Messi/Xavi/Iniesta gewinnen will, müsste er in der Europa League antreten … nee, das ist Quatsch im Jux, denn im Finale gibt’s ja VAR. Das ist nicht mehr die alte Vereinigte Arabische Republik (Ägypten und Syrien, bis 1961), sondern der neue Video Assistant Referee (treffende offizielle Definition »meiner« uralten »Video-Hilfe für den Schiedsrichter«) – Mal im Ernst: Hier ein Meter im Abseits, dort zehn Zentimeter – der Schiedsrichter sah den dicken Balken nicht, der VAR erkannte den winzigen Splitter. Mit paukenschlagenden Konsequenzen. Und Pep Guardiola wird jetzt von den selben Kommentatoren als überschätzt runterqualifiziert, die ihn jahrelang überschätzt hatten. Was ich schon bei seinem Amtsantritt in München geschrieben hatte, will ich nicht wiederholen – könnte zu sehr als arrogante Besserwisserei rüberkommen.
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Was ist wahr, was Fake, was geht als alternativer bzw. alternativloser Fakt in die Geschichtsbücher ein? Die »Hand Gottes« machte Argentinien, Hölzenbeins »Schwalbe« Deutschland zum Weltmeister, dafür raubte uns das Wembley-Tor in ausgleichender Ungerechtigkeit einen WM-Titel. So gesehen ebnete Kostic’ Abseitstor den Weg ins Halbfinale, das die Eintracht aber insgesamt verdient erreicht hat.
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Ich weiß, es folgt ein fast ungehöriger Vergleich, aber auch das berühmte Anti-Kriegsfoto des »fallenden Soldaten« im spanischen Bürgerkrieg, das und durch das Robert Capa legendär wurde, entpuppte sich Jahrzehnte später als gestelltes, arrangiertes Foto. Und bleibt dennoch »wahr« im Sinne seiner Aussage.
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Wenn schon ernsthaft, dann richtig: Wie viele der Schüler, die freitags demonstriert haben, saßen am Karfreitag im Urlaubsflieger? Wie viele ihrer erwachsenen Sympathisanten ebenfalls? Für die Jugendlichen habe ich zwar Verständnis, doch wenn sie sich seit meiner Jugend nicht völlig verändert haben, ist Verständnis der Älteren das Letzte, was sie wollen. Sie möchten sich an uns reiben. Die Versteher aber biedern sich an, sagen richtig, macht weiter so – und machen selbst weiter so wie bisher. Im Urlaubsflieger, im Konsumrausch, im Markenwahn, im unaufhörlichen Up-to-date-Sein bei Klamotten, digitaler Hardware usw., als willige Helfer des – im energiegewendeten Zeitgeist grün angemalten – Fetischs Wachstum.
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Der heilige Ernst, das anmaßende »Wissen« von Gut und Böse, das nicht zu Ende Gedachte der eigenen felsenfesten Überzeugungen gehören zum Jungsein. Aber älter, lebenserfahrener zu werden, das muss doch wenigstens den Sinn haben, zu erkennen, was man falsch gemacht hat, wie man in die Irre geleitet wurde, und was aus den frühen Überzeugungen wird, wenn man sie zu Ende denkt. Wer das nicht tut, wer sich wonnig anbiedert, der trauert nur seiner eigenen Jugend nach, in der das Leben schwer genug war, aber es wenigstens leicht fiel, theoretisch alles zum Besten zu wenden.
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Kein ganz anderes Thema: Anfrage von Prof. Gerhard Treutlein, unermüdlicher Kämpfer gegen das Doping und ehemaliger Vereinskamerad im USC Heidelberg: Ob ich in einem geplanten Buch einen kleinen Beitrag schreiben könnte, über eigene Erfahrungen mit dem Thema Doping. Das Buch soll, wenn ich es richtig verstehe, eine Art Doping-Vorbeugehilfe für Jugendliche werden. Na klar, mache ich – aber auf meine Art. Im Sinne von: In einer Gesellschaft, in der Selbstoptimierung mit allen Mitteln angestrebt wird und Doping-Mentalität außerhalb des Sports angesagt ist und ausgelebt wird, bleibt Anti-Doping-Kampf im Sport nur die Fassade, hinter der dem Verpönten gefrönt wird.
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Nein, Sie sind nicht beim Wort zum Ostersonntag gelandet. Zum Beweis das Schlusswort aus dem neuen portugiesisch-hessischen Wörterbuch. »Pfeif’ doch Abseits!« heißt auf Hessisch: »Scheiß’ doch auf Abseits!« (gw)
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Geschrieben von gw am 19. April 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Ohne weitere Worte (vom 16. April)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.
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Wann erkennen Sie, dass ein Spieler es mal zum Profi schaffen wird? – »Ich gehe nie hin und sage: ›Der wird garantiert einer.‹ Nicht mal bei Mesut Özil. (…) Die Talentfriedhöfe sind voll mit Spielern, da sagst du: ›Boah, Supertalent.‹ Wen die Götter zerstören wollen, den erklären sie zum Supertalent.« (Norbert Elger, langjähriger erfolgreicher Jugendtrainer bei Schalke 04, im Interview der Süddeutschen Zeitung)
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Seit geraumer Zeit sieht man Verteidiger merkwürdig verkrampft im Strafraum herumlaufen. Wenn sie mit einem Schuss des Gegners rechnen, schnellen ihre Arme ruckartig nach hinten. (…) Es geht darum, nur ja nicht den Ball zu berühren. (…) Das ist (…) genau so von den Regelhütern des Fußballs gewollt. Sie haben das Handspiel im Strafraum zu einem Seminar  für Fortgeschrittene gemacht. (…) Das Regelwerk zum Themenkomplex Handspiel ist zu einer Farce verkommen – und der Schiedsrichter zum Handlanger einer bizarren Regelauslegung. (Markus Völker in der taz)
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Vor Prophezeiungen sollte man sich hüten, auch Bob Beamons vermeintlich ewiger Weitsprungrekord ist eines Tages übertroffen worden, doch was Funkels Marke angeht (Anm.: bislang 1269 Bundesliga-Einsätze), ist sogar der Rekordhalter selbst, der Angeberei völlig unverdächtig, zur definitiven Prognose bereit: »Ich wage mal zu behaupten: Das erreicht keiner mehr.« (Philipp Selldorf in der SZ)
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Zugleich stürzte der Unfall (Anm: von Joachim Deckarm in Tatabanya) die Sportart in eine schwere Imagekrise. Zwar hatte dem Unfall kein Foul zugrundegelegen. Dennoch sahen sich die Kritiker bestätigt, die in den Zeiten der entstehenden Friedensbewegung den Handball als zu brutal, zu gefährlich und damit pädagogisch als nicht wertvoll betrachteten. (Erik Eggers in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)
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Bild wusste es wieder einmal besser: Joachim Deckarm sei von seinem Gegenspieler »brutal zu Boden gestoßen« worden. (…) »Unfall oder Symptom?« (dpa) – unter diesem Motto versuchen nun mehr oder weniger kluge Köpfe, diesen Unfall, der selbst im »körperlosen« Basketball hätte geschehen können, mit der zunehmenden Härte im Hallenhandball in Verbindung zu bringen. (»gw«-Kommentar am 3. April 1979)
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»Yogiyo«, sagt Gerhard Schröder. »Das heißt: Herr Ober, hierher bitte«, übersetzt seine Frau. (…) Schröder nimmt einen Schluck (…), dann will er die Sache mit dem koreanischen Satz genauer erklären: »Wissen Sie, wie ich mir den Satz merken kann?« Er macht eine Pause. (…) »Na, kommen Sie (…), ist doch klar: Yogiyo. Jogi Löw.« (Marc Hujer im Spiegel)
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Fußball hab ich schon als Kind furchtbar gern gespielt. (…) Weil keiner im Dorf mit links schießen konnte, habe ich stundenlang auf unser Stadeltor geschossen, bis ich es fast so gut konnte wie mit rechts. In der Bundestagsmannschaft habe ich als Linksaußen aushelfen müssen. (…) Von den Sozis konnte keiner mit links schießen. (Theo Waigel, Ex-CSU-Chef, in der SZ-Serie«Fotoalbum«)
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Gerhard Schröder spielt seit einem Jahr Golf. Er hat (…) es bis zur Platzreife geschafft, was erst mal nur bedeutet, dass er sich auf einem Golfplatz bewegen kann, ohne darauf größere Schäden zu hinterlassen. (Hujer/Spiegel)
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E-Scooter sind bekanntlich das lange vermisste Bindeglied zwischen E-Bike und Thermomix, denn sie werden alles durcheinander wirbeln. (»Zippert zappt« in der Welt)
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Satiriker – ein schwieriger Beruf? – »(…) Beschimpfungen, Hass und Gewaltfantasien gehören inzwischen dazu. Die Morddrohung ist der neue Leserbrief.« (Christian Ehring von »Extra 3« im HörZu-Interview)
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Dort wo früher die Menschheit an Pranger, Kreuz und Schandpfahl gestellt wurde, wird sie heute an die Facebook Wall gepinnt. Und was in strengen Familien das rund um die Uhr geforderte Gebet war, ist heute die Anbetung jedes noch so dämlichen Tweets, so als sei, was ungefiltert aus einem Hirn kommt, eine Teilausschüttung des Heiligen Geistes. (aus dem SZ-»Streiflicht«)
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Poletto: Hast du damit gerechnet, dass du das jemals schaffen würdest, in dieser Champions League den Weg ins Finale zu schaffen? – Alex (ein Salzwiesenlamm parierend): Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. – (…) Poletto: Hat er sich verdient. Wirklich hier durchgängig großes Kino gezeigt und gekocht. Jetzt im Finale angekommen. Unser kleines Salzwiesenlamm. (»Teledialog« in der FAS aus dem Finale der »Küchenschlacht« des ZDF) (gw)
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Geschrieben von gw am 15. April 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 15. April)

Am Morgen des Frankfurter Bundesliga-Sonntags. Nachher duellieren sich zwei Eintracht-Extrainer (Funkel, Kovac), und ein Neu-Frankfurter (Hütter) trifft auf Augsburg, Geburts-, Wohnort und Ex-Trainerstation eines sehr alten Frankfurter Bekannten (Veh).
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Es muss in der Nacht geschneit haben, der Gartentisch ist noch weiß befleckt. Die Sonntagszeitung fühlt sich klamm und kalt an. Themen-Anreißer auf der FAS-Titelseite: »Game of Thrones, die radikalste aller Serien, kommt zu ihrem Ende. Feuilleton, Leben.« Artikel also gleich in zwei Ressorts. Werde ich nicht lesen. Von dem, was ich über die enorm angesagte Serie weiß, habe ich die Nase schon voll.
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Sophie Passmann in ihrer Kolumne im Zeit-Magazin: »Die Serie besteht zu gleichen Teilen aus Vergewaltigung, Mord, Inzest und Schnee. (…) Ständig darf der Zuschauer Sex und Gewalt sehen, ohne sich als stumpfer Freund von Sex und Gewalt outen zu müssen. Game of Thrones schauen ist, wie sich morgens im Büro heimlich Schnaps in den Kaffee zu kippen, damit niemand merkt, dass man sehr gerne säuft.« – Alleine für diesen letzten Satz liebe ich diese Autorin. Und sie ist erst 25! Die Hoffnung lebt.
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Innere Verwahrlosung ist ein Merkmal der Zeit, Porno nur ein Symptom. Nicht das Problem an sich, denn Pornografie gab es immer, wird es immer geben, und ob sie Freude oder Ekel bereitet, ist Geschmacksache. Das Problem ist die wachsende gesellschaftliche Akzeptanz (von Internet bis, ja, Heimatzeitung), die Porno aus der Schmuddelecke holt und zum Sonderangebot im Supermarkt macht. In diesem gibt es noch viele andere Billigangebote für den Zeitgeist, Ballerspiele, Zocker-Ware, alles in der Flachseelen-Abteilung zu finden, bunt und schrill dekoriert, der Stoff, aus dem die Träume der innerlich Verwahrlosten sind.
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Breaking News reißen mich aus seelsorgerischem Sinnieren: »Hamilton gewinnt 1000. Grand Prix.« Vettel nur Dritter. Schade, weil Hesse und Eintracht-Fan. Sein Metier Nebensache. Für mich. Dann der Hammer: »WM-Aus für deutsches Fifa-Team – 0:9-Klatsche gegen Brasilien.« – Wie bitte? Revanche für unser 7:1? Ach so, E-»Sport«. Ab damit in den Supermarkt, Abteilung siehe oben.
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Apropos Hammer. Vorname Christine. Aus Dortmund. Sie verliert den »größten Frauenkampf der Boxgeschichte«. Ach ja, Frauenboxen. Ein Etappensieg der Emanzipation? Ich halte mich lieber raus, sonst geht’s mir wie den Wänden der ecuadorianischen Botschaft (Stichwort: Assange, Kot). Ich beobachte aber, wie sich meine durchaus emanzipierte liebste Zielgruppe mit Grausen abwendet (na ja, zugegeben: auch vom Männerboxen).
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Natürlich sind Frauen die besseren Sportler, zumindest menschlich gesehen. Vor allem im Fußball. Weil: Sie rotzen und speuzen nicht öffentlich. Aber warum spucken Männer so häufig und Frauen überhaupt nicht? Alte Frage, neu gestellt nach der ekligen Aktion jenes Stuttgarters, auf dessen namentliche Erwähnung verzichtet werden soll. Soziologisch gesehen, habe ich einmal gelesen, spucken vor allem jugendliche Männer aus tieferen sozialen Schichten. Psychologische Ursache sei eine Form von Männlichkeitswahn, darum spuckten Männer auch fast nur in der Gruppe. Wie im Fußball.
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Gerhard »Acker« Schröder, Altfußballer und -kanzler, hat als Abgedankter keine gute Presse. Obwohl er sich als Aufsichtsratsvorsitzender hingebungsvoll der Anti-Spuck-Aktion »Rotznet!« widmet. Ro… ach, nee, heißt ja Rosneft. Egal, jedenfalls hat man ihn weder auf dem Fußballplatz noch in sonstiger Öffentlichkeit jemals rumrotzend gesichtet.
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Mittlerweile spielt Schröder, 75, Golf. Obwohl dieser Sport, verrät er dem Spiegel, kein typischer Sport für ihn sei. Im Golf müsse man gegen sich selbst spielen, gegen sein Handicap. »Er brauche Gegner, sich selbst als Gegner zu sehen, sei ihm fremd. Das sei etwas für Selbstzweifler« (Spiegel-Autor Marc Hujer). – Ich habe im Sport nie gegen andere, immer nur gegen mich gekämpft. Jetzt weiß ich also, warum ich nicht Olympiasieger geworden bin. Noch nicht mal Kanzler. Nur »Rotznet!«-Aktivist.
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Aber vielleicht tue ich rotzenden Fußballern (selbst Gender-FundamentalistInnen verzichten da auf das Binnen-I) Unrecht. Exzessives Speuzen als Überlebensübung. Survival of the fittest! Beispiel Schützenfisch. Weil er im Wasser nicht genug Nahrung findet, spuckt er mit gezieltem Wasserstrahl Insekten aus der Luft und hält sich damit buchstäblich über Wasser. Was machen also die spuckenden Fußballer mit ihrem gewaltigen, projektilartigen Rotzen aus Nase und Mund? Sie trainieren frühzeitig für das Überleben in der nahrungsarmen Welt ihrer späteren fußballlosen Jahre. (gw)
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Geschrieben von gw am 14. April 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 13. April)

Zweitwichtigstes vorneweg: Das Rückspiel ist machbar und 3:1 ein fast schon logisches Ergebnis, denn dafür sprechen das Eintracht-Herz und die Statistik, die einen Doppelpack und Doppelpakt schnüren. Beweis: Alle geschossenen Tore und alle Gegentreffer der Saison geteilt jeweils durch die Anzahl der Pflichtspiele ergibt welches Standardergebnis? Siehste!
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Na ja, zugegeben, ausgerechnet habe ich es nicht, nur über den Daumen gepeilt. Ist ja auch egal, Hauptsache 3:1. Aber bitte etwas besser auf das außergewöhnliche Bürschlein aufpassen! Noch so ne Zahl, die nur über den Daumen gepeilt war: Angeblich waren 3200 Frankfurter Fans in Lissabon. Nur? Nicht mitgezählt wurden die spontan Hinzugereisten. Mein Gewährsmann ist mit einem Kumpel am Mittwoch um Mitternacht nach Brüssel gefahren und von dort günstig nach Lissabon geflogen. Ähnlich wie viele andere. Geschätzt waren, sagt er, insgesamt über 5000 Eintracht-Fans vor Ort.
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»Vor Ort«? Kreuzworträtselprofis wissen, woher der Ausdruck kommt (»Ende einer Abbaustelle unter Tage«). Aber ich will nicht vorzeitig abschweifen. Auch der geschnürte Doppelpack, bei dem Sprachempfindliche Pickel kriegen, kommt erst später dran. Noch mal kurz zu meinem Gewährsmann, der mein Gewährssohn ist. Er gehört zu den Edel-Fans, die schon vor einem Vierteljahrhundert im UEFA-Pokal vor Ort waren. Im Waldstadion. An meiner Hand.
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Mit dem 3:1 lehne ich mich expertenmäßig weit aus dem Fenster. Aber jetzt zum Wetter. »Dieser Kaltlufttropfen vermasselt uns das Sommerfeeling«, unkt die Bild-Zeitung. Ja, ganz schön kalt draußen. Aber selbst im 20 Grad warmen Lissabon gab es eine kalte Dusche, kurz und ortsgebunden. Kaltlufttropfen? Da war doch mal was? Ich gebe das Stichwort ein, und prompt meldet mir das gw-Archiv, dass ich schon vor 13 Jahren eine komplette »Anstoß«-Kolumne dem morgens »umherirrenden Kaltlufttropfen« gewidmet habe, der Meteorologen abends zu Hinterherbesserwissern macht. Damit würden sie Fußball-Experten vor und nach dem Spiel ähneln … wenn sie nicht doch eine deutlich bessere Trefferquote hätten.
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Nach dem nur Zweitwichtigsten zu, natürlich, Dirk Nowitzki. Alle Loblieder sind gesungen,und alle haben eingestimmt. Ich summe beseelt mit. Welch ein großer Sportler! Ist er auch der größte deutsche Sportler aller Zeiten? Müßig, darüber zu diskutieren. Schmeling, Beckenbauer, Boris, Steffi, Fritz Walter … da verbietet sich der Superlativ. Im Komparativ behaupte ich aber: Einen größeren deutschen Sportler gibt es nicht, gab es nie. Nowitzki steht auf dem mehrfach geteilten Platz eins. Jeder wäre gerne sein Freund. Nicht, weil er reich und berühmt ist, sondern weil er … einer wie Dirk ist.
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»Ein Sportler stirbt zwei Mal«, sagt Nowitzki. Ein Sportler hat aber auch den Vorteil, dass ihm nach dem ersten Tod Wiederauferstehung gewiss ist. Möglicher Nachteil: Nach der Seelenwanderung könnte er sich wie im falschen Film vorkommen. Pleite, vergessen, ganz unten, erst von falschen, dann von allen Freunden verlassen. Auch als Fußballprofisyndrom bekannt. Dieses Schicksal droht unserem Wunschfreund ganz gewiss nicht. Nicht, weil er zu reich dazu wäre. Weil er zu sehr Dirk Nowitzki ist
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Rührungstränchen abgewischt. In den Abschiedstexten sind immer wieder Sätze zu lesen wie dieser: »Mit Dirk Nowitzki verabschiedet sich der bedeutendste deutsche Athlet vom aktiven Sport.« Ja, wer denn noch? Wer verabschiedet sich zusammen mit Nowitzki? Ein geschnürter Doppelpack der ganz anderen Art.
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Jetzt ernsthaft. Rassismus. Moise Kean von Juventus Turin, dunkelhäutig, schießt ein Tor und triumphiert mit ausgebreiteten Armen vor der Kurve der Cagliari-Fans, die ihn beleidigen, mit Affenlauten und ähnlichen Primitivitäten. Keans Mannschaftskollege Leonardo Bonucci, weißhäutig, meint spontan, Kean habe sich das durch seine Provokation zum Teil selbst zuzuschreiben. Und schon bricht ein Kot-Orkan aus, Bonucci rudert verschreckt zurück, ist aber als Rassist abgestempelt.
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So weit, so schlecht. Oliver Kahn, weißhäutig, wurde gerne mit Bananen beworfen und Affenlauten verhöhnt. War das auch Rassismus? Natürlich nicht. Nur armselig und brummsdumm. Warum werden Affenlaute sofort mit dunkelhäutigen Menschen assoziiert? Weißhäutige, die nach solchem Gegrunze wie bei Kean instinktiv »Rassismus« rufen, sollten wissen: Ihr »positiver« Rassismus ist auch … rassistisch.  Dunkelhäutige sollten mehr Selbstbewusstsein zeigen. Wen außer sich selbst verhöhnen die? Lasst es abtropfen wie Kahn. Verachtung den Verächtern. Aber notfalls, wenn es wirklich ernst wird, könnt ihr mit meiner Solidarität rechnen.
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In diesem Zusammenhang: In der steinalten Kolumne über umherirrende Kaltlufttropfen notierte ich: »Abends Zappen. Rote, Grüne, Schwarze, Gelbe streiten, wer an den neuen Braunen schuld ist. Dass sie alle schuld sein könnten, lässt ihr palaverdemokratisches Selbstverständnis nicht zu.« Immer noch aktuell? Mehr denn je. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Sport … Sie wissen schon (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 12. April 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Ohne weitere Worte (vom 9. April)

Endlich haben wir wieder einen echten Clasico mit zwei Teams auf Augenhöhe. (…) Für sie (Anm.: Borussia Dortmund) spricht das Momentum. (Vorab-Expertise von Ottmar Hitzfeld im Kicker)
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Bayern gegen Dortmund muss endlich mal wieder nicht künstlich zum »Kampf der Giganten« aufgepumpt werden. (Kommentar vor dem 27. Spieltag von Kicker-Redakteur Sebastian Wolf)
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52. Bayern weiter drückend überlegen. Ballbesitz-Quote laut 11Freunde-Datenbank jetzt bei 107 Prozent. Noch fünf Minuten nach diesem Muster, und das Spiel ist ein Fall für die Menschenrechtskonvention. Wegen Folter. (aus dem Liveticker des Fußballmagazins 11Freunde)
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70. Minute: Wie machen sie beim BVB jetzt weiter? (…) Eigentlich müssen sie weiter deutscher Meister werden wollen. Sie müssen also den Anspruch formulieren und danach handeln, eine führende Kraft im deutschen Fußball zu sein, obwohl sie am entscheidenden Tag bewiesen haben, dass es dafür eigentlich nicht reicht. Vielleicht sollte sich der BVB mal bei der SPD erkundigen. (aus dem Liveticker der Süddeutschen Zeitung)
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Bleibt er doch nur der Hochbegabte, der einfach zu selten einen Zugang zu solchen großen Spielen findet? Der Abend von München passt gut in diese Marco-Reus-Tragödie. (…) Wobei der Dortmunder Kapitän in diesem kollektiven Untergang seiner Mannschaft eher eine hilflose Nebenfigur war. (Daniel Theweleit in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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Ein Spieler (Anm.: Moise Kean von Juventus Turin) macht ein Tor und stellt sich mit ausgebreiteten Armen vor die Kurve der gegnerischen Fans. (…) Leonardo Bonucci (Anm.: ebenfalls Juve) sagte (…), Kean habe sich genauso falsch verhalten wie die Cagliari-Fans, die ihn (Anm.: rassistisch, u.a. mit Affenlauten) beleidigten. (…) Bonucci sollte sich schämen, sagte Thuram (Anm.: Frankreichs Weltmeister von 1998): »Er hat ausgesprochen, was viele denken, nämlich dass die Schwarzen sich den Rassismus selbst eingebrockt haben. Das aber ist eine Reaktion, die ebenso brutal ist wie die Buhrufe gegen Moise Kean. Aus genau diesem Denken werden junge Frauen nach einer Vergewaltigung gefragt, ob sie zu leicht bekleidet gewesen seien.« (Birgit Schönau in der SZ)
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Die ersten Male in Amerika (…) wurden oftmals seltsam. »Hey, wo kommst du her?« (…) »Aus Deutschland!« »Cool! Was treibt Hitler so?« (…) Mit den Jahren wandelte sich die Frage zum Glück (…) zu: »Was hältst du von Dirk?« Immer beim Vornamen genannt (…) und wie Dööörk ausgesprochen. (Laudatio auf Dirk Nowitzki von Tennisprofi Andrea Petkovic in einem Gastbeitrag für die FAS)
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»Druck? (…) Am Ende fahren wir nur Rad. Das ist nicht weltbewegend. (…) Ich stehe nicht an der Spitze eines Landes – dort spürt man Verantwortung. Ich fahre nur Rad. (…) Das ist alles ein großes Spiel. Und ich bin froh, dass man damit Geld verdienen kann.« (Radprofi Maximilian Schachmann im Interview der Frankfurter Rundschau)
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Dem famosen Verkehrsminister Andreas Scheuer ist es zu verdanken, dass bald Eintracht herrschen wird unter den traditionell verfeindeten Verkehrsteilnehmern. (…) Denn ob Fußgänger, Radfahrer oder Automobilist: Den E-Scooter werden sie alle gemeinsam hassen. (Stefan Kuzmany in einer Spiegel-Glosse)
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Angela Merkel steht nicht mehr ganz oben auf der Liste der beliebtesten Politiker. Noch populärer ist neuerdings der Grünen-Chef Robert Habeck. Die Gründe dafür: Er sieht unrasierter aus als die Kanzlerin, und er hat aufgrund völliger Machtlosigkeit noch nicht so viel Unheil angerichtet. (…) Man weiß nicht so genau, welche Meinung er vertritt, aber man wäre bereit, diese Meinung zu teilen. (»Zippert zappt« in der Welt)
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Meine Familie (…) trägt künftig immer Helm und Schutzbrille, ob zu Fuß, auf dem Rad oder im Auto. (…) Ich jogge nur noch mit Hand- Ellbogen und Knieschützern, Rücken-Protektoren und einem Smarthelm mit LED-Beleuchtung, Blinker und GPS-Ortung. Außerdem trage ich stets Blendgranate und Pfefferspray bei mir. (…) Das Leben ist zu gefährlich. (Bettina Weiguny in ihrer FAS-Kolumne, übertriebenes Sicherheitsbestreben veralbernd)
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EU? »Won’t Get Fooled Again.« (Anm.: alter The-Who-Titel). Daltrey (Anm: Roger D., Sänger der legendären Band) (…) hebt zu einer längeren Rede an. (…) Über die Idee von Europa, die er liebe. Über Brüssel, das er hasse. »Es ist, als würden wir von der Fifa regiert!! (Arno Frank im Spiegel)
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»Ich merke immer wieder, dass es Menschen mit sozialer Dummheit gibt. Die sind vielleicht hochgebildet, haben aber kein menschenfreundliches Einfühlungsvermögen und begegnen denjenigen mit Arroganz, die ihnen sozial nicht gleichgestellt sind.« (Krimi-Autorin Ingrid Noll im FR-Interview) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 8. April 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.