Ohne weitere Worte (vom 18. Juni)


Mit der linken Fußspitze schob er den Ball zur Führung ein, bei einem Freistoß aus 20 Metern segelte der Ball gezielt ins Tor – wie ein Bonbon vom Fasnachtswagen in eine Kinderhand. In der 65. Minute wurde er ausgewechselt, eine außergewöhnliche Saison endete. Die Zuschauer in Mainz erhoben sich. (über Marco Reus in der Länderspiel-Einzelkritik der Süddeutschen Zeitung)
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Nun hat natürlich auch Hummels ein paar Schwächen, er ist zum Beispiel in den vergangenen drei Jahren nicht schneller geworden. Er ist ein Fußballer, der hohe Ansprüche an seine Mitspieler und seinen Trainer stellt, und zu diesen Ansprüchen gehört es auch, seine, also Hummels’ Fähigkeiten eher selten infrage zu stellen. (Lisa Sonnabend in der SZ)
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»Solange ein paar Tausend Dollar Preisgeld das Leben eines Athleten und seiner Familie auf einen Schlag ändern können, werden Kenianer versucht sein zu dopen. Kontrollen hin oder her.« (Japhter Rugut, Geschäftsführer der kenianischen Anti-Doping Agentur Adak, zitiert im Spiegel)
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Als einer der wenigen ist er als Experte und Unternehmer sympathischer geworden als er es je war. Er schaffte den Absprung aus der Vergangenheit. (…) Kahn wirkt locker, sympathisch, er verträgt sogar Witze auf seine Kosten (Anm.: als ZDF-Experte). Er schaffte den Wandel vom bissigen Vollblutprofi hin zum analytischen Fußballexperten und Geschäftsmann. (Felix Rathfelder im Fußball-Magazin 11Freunde zum 50. Geburtstag von Oliver Kahn)
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Beim WTA-Turnier in Filderstadt (Anm.: 1982, Steffi Graf war 13) unterlag sie der 20 Jahre alten Tracy Austin, einst selbst ein Wunderkind, 4:6 und 0:6. Die Niederlage veranlasste die Amerikanerin zu einer der größtmöglichen Fehleinschätzungen: In den Vereinigten Staaten gebe es Hunderte Mädchen mit denselben Fähigkeiten. (Peter Penders in der FAS)
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»Es war ein rauschendes Fest (Anm.: Feier eines Grand-Slam-Sieges in New York), das wie jeder Abend mit Steffi endete. Um Punkt 21 Uhr stand sie auf und ging zu Bett.« (Graf-Freund Otto Waalkes in der Bild-Zeitung)
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Von Boris Becker wird mehr in Erinnerung bleiben als ein Zinnteller. (…) Und mehr als die drei Statuen, die er sich mit seinen drei Wimbledon-Siegen erobert hat. (…) All dies, über 80 Stücke aus seinem Besitz, lassen die Londoner Treuhänder von Beckers Insolvenzmasse bald versteigern, um Geld für Gläubiger aufzutreiben. (Barbara Klimke in der SZ)
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Liebe Steffi, das größte Wunder ist, dass Sie zu Ihrem 50. Geburtstag so glücklich und schön sind. Die Zeit macht aus einer Weintraube eine runzelige Rosine. Sie sind eine Weintraube geblieben (Boris Becker ist eine Rosine geworden). (»Post von Wagner« in der Bild-Zeitung)
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Die Sentimentalitäten werden noch dadurch verstärkt, dass Steffi Graf just in dem Moment 50 Jahre alt geworden ist, in dem Beckers Blech unter den Hammer kommt. (Klimke/SZ)
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»Meinen Töchtern habe ich beigebracht, sich auf Reisen angemessen zu kleiden, damit sie keine Verbrecher anziehen und damit sie ernst genommen werden. Wenn sie ernst genommen werden wollen, können sie nicht im knappen rosa Kleidchen ankommen.« (Esther Wojcicki, Lehrerin und Mutter dreier erfolgreicher Töchter, darunter der aktuellen Youtube-Chefin, im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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Wir Schweizer verbinden Heimat nicht mit falsch montierten Armaturen (…) und Pubs, an deren Tresen noch Bier klebt, das Richard Löwenherz einst verschüttet hat. (…) Zuhause ist für uns dort, wo man auf der Suche nach einem freien Bahnabteil lieber durch zehn Waggons stolpert, bevor man sich zu einem Fremden setzt. (Christina Neuhaus in der Neuen Zürcher Zeitung)
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Mit der Heimat verhält es sich (…)  wie mit der Zeit. Wir wissen genau, was Heimat ist, solange wir sie nicht erklären müssen. (Neuhaus/NZZ)
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»Ich habe ein so exzessives Leben geführt, mit Alkohol, mit Drogen, Zigaretten und wunderbaren Frauen. Da ist der Rollstuhl jetzt die Strafe. Ich habe es 60 Jahre krachen lassen. Jetzt hat der liebe Gott entschieden, dass ich den Rest meines Lebens im Rollstuhl durch die Gegend fahre.« (Jan Fedder im Bild-am-Sonntag-Interview)
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Reinholds Gekreische zerfleischt die Luft über den ausgestellten Wagen des Autohauses wie eine Flex. (aus einer Konzertkritik im Delmenhorster Kreisblatt, gefunden im Spiegel-»Hohlspiegel«) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 17. Juni 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 17. Juni)

In Zukunft wird jeder für 15 Minuten berühmt sein, sagte Andy Warhol voraus. Noch ist es nicht ganz soweit, das Viertelstündchen von Tom Schwarz dauerte nur fünf Minuten. Da hält ja Robbi, der grüne Knuddelbär, schon länger durch.
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Andy Warhol? Der lebte zu jener Zeit, liebe Kinder, als der 17. Juni noch ein Feiertag war, weil einerseits ein trauriger Tag, andererseits ein mutmachender, mit ArbeiterI*nnenstolz vor schäbigen Bonzen-Schemeln. Schiller schrieb zwar vom »Männerstolz vor Königsthronen« – aber so etwas muss heute vorne zurechtgegendert und hinten historisch korrekt eingeordnet werden.
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Zurück zur Kernkompetenz dieser Kolumne. Die Frau neben dem Knuddelbären war eine der beiden Gesuchten der letzten »Wer bin ich?«-Folge: »1. Grünenchefin Annalena Baerbock, ehemalige Trampolinspringerin. 2. Sophie Passmann, Autorin, die jetzt erst entdeckt hat, was wir alten Handballer schon lange wissen: Handball ist top!« (Wolfram Spengler/Hüttenberg). Außer ihm sammelten zwei Punkte: Wolfgang Egerer (Rosbach), Dieter Neil (Buseck), Karola Schleiter (Florstadt), Walther Roeber (Bad Nauheim), Rüdiger Schlick (Reichelsheim), Horst-Günter Schmandt und Reinhard Schmandt (beide Pohlheim), Paul-Gerhard Schmidt (Nieder-Ohmen), Prof. Peter Schubert (Friedberg), Manfred Stein (Feldatal) und Ingrid Wittich (Mücke-Merlau). – Mehr dazu online im Blog »Sport, Gott & die Welt«.
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Mats Hummels ist schon viel länger berühmt als Tom, Robbi, Annalena und Sophie. Nun scheint er vom absteigenden Ast zu springen, zurück zum BVB, wo es für ihn nur aufwärtsgehen kann. Das passt. Selbst sein Manko, der fehlende Speed, kann im BVB-Verbund ausgeglichen werden, wogegen sein größtes Plus, die berühmte »Spieleröffnung«, der Mannschaft neben seinen anderen Vorzügen in Kopf und Fuß eine neue Qualität geben sollte.
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Eine »neue Qualität« auch, dass Kenias Wunderläufer »Unter Generalverdacht« (aktuelle Spiegel-Schlagzeile) stehen. Neu? Als alle Welt und unser damaliger Leichtathletik-Mitarbeiter R. H., einer der bundesweit Besten seines Fachs, von den »sauberen« Ostafrikanern schwärmten, die nur durch Naturtalent, frische Luft und mit der Basis eines 10-km-Schulwegs in die Weltspitze preschten, fuchste mich das mächtig. Denn das ging immer gegen die Werfer, deren aufgeblasene Figuren schon verrieten, ätzte die Presse, dass sie Anaboliker waren. In der Szene selbst wussten aber alle: Zwischen dürren Kenianern und monströsen Deutschen gab es keinen Unterschied. Um PR-Arbeit in eigener Sache zu machen, steckte ich unserem Fachjournalisten die »Exklusivinformation«, dass ein neuer Trend entstünde, mit leichteren, schnelleren, explosiveren Kugelstoßern (was nicht stimmte, die gab’s schon immer). Der gewünschte Effekt trat ein. Ein paar Tage später erschien in der FAZ ein Artikel von R. H. in meinem Sinne. Überschrift: »Muskelschmelze der Kugelstoßer.« Was ham’ wir Werfer gelacht.
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Kein Ruhmesblatt, ich weiß. Ich erwähne es nur, um auch mit Blick auf aktuelle außersportliche Schlagzeilen zu unterstreichen, dass alles, was selbst der bestinformierte Journalist »aus erster Hand« erfährt (oder auf Video sieht), nur aus zweiter Hand stammt, und die hat immer ihre eigenen Interessen.
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Zu wirklich guter Letzt die drei großen Geburtstage der vergangenen Woche: Donald Duck wurde 85 (9. Juni), Steffi Graf (14.) und Oliver Kahn (15.) feierten ihren Fünfzigsten. Allen gratuliere ich so, wie es die Donaldisten auf ihren wissenschaftlichen Kongressen nach besonders gelungenen Beiträgen über die Entenhausener Historie tun. Dann wird heftig applaudiert – nicht mit den Händen, sondern onomatopoetisch laut rufend, wie in Donald-Sprechblasen: »Klatsch, klatsch, klatsch.«
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Meine regionalhistorische Forschung hat ergeben, dass Olli Kahn hessische Wurzeln hat und zudem von Sisyphus geprägt ist. Sein berühmtestes Zitat – oder zweitberühmtestes, nach »Eier! Wir brauchen Eier!« – ist die Langfassung einer alten hessischen Devise, von Albert Camus umständlicher ausgedrückt und von Kahn nach dem Schlusspfiff spontan am Mikro verdichtet: »Niemals aufgeben! Immer weitermachen! Immer weiter! Immer weiter!« Später sagte er, mit weniger Adrenalin im Blut: »Was mich antreibt? Ich möchte einmal das Gefühl haben, der Perfektion nahe zu sein. Das habe ich vielleicht mal im Training, eine Minute, 30 Sekunden lang, wo du denkst: Ich bin unschlagbar. Dann ist das Gefühl schon wieder weg.« Camus sticht etwas höher: »Der Kampf um den Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen.« Was beide ausdrücken wollen, heißt beim Hessen lapidar: Als weider!
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Bleibt nur die bange Frage, die jeden Kolumnisten plagt: Wie reagiert der Leser? »Klatsch, klatsch, klatsch?« – oder »Ächz, würg, ggrrg«? In diesem Fall sage ich mit Tom Schwarz: „Tut mir leid, Deutschland.“
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 16. Juni 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 15. Juni)

Julian Brandt erklärt seinen Wechsel  nach Dortmund drei Minuten lang im BVB-Sender – und schon klagen wir Journalisten wieder über die Bundesliga-Klubs, die uns mit ihren vereinseigenen Sendern Konkurrenz machen. Wobei »machen« im Indikativ, in der Wirklichkeitsform, gemeint ist, aber im Konjunktiv zu verstehen sein sollte. Nicht das, was in den Klub-Sendern gemeldet wird, ist Journalismus, sondern wie wir das Gemeldete einordnen, Zusammenhänge herstellen und kommentieren. Wer dennoch glaubt, das Klub-TV ginge auf Kosten des unabhängigen Journalismus, versimpelt diesen  und sich selbst.
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Der größte Versimpeler heißt aber nicht BVB oder FCB, sondern DFB. In einem Text in der Zeit über die  deutsch-englisch-deutsche Karriere des U-21-Nationalspielers Lukas Nmecha erfährt man fast beiläufig, dass der DFB seinen Spielern nachträglich Floskeln wie »gemeinsam den nächsten Schritt gehen« in »Original«-Interviews hinein schreibt. Und das ist nun wirklich ein Skandal. Dass der DFB das macht und dass Redaktionen das hinnehmen.
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Ein anderes und dennoch ähnliches Problem hat die Geschichtsschreibung, auch die sportliche. Geschichte ereignet sich nicht in Geschichten, sondern in Momenten, über die Geschichten geschrieben werden. Nehmen wir mal Neuers neue »Solo-Super-Show« (Bild online), über die ich im Blog »Sport, Gott & die Welt« schrieb: »Bin gespannt, wie sie in den ›Qualitätsmedien‹ bewertet wird. Genial oder überheblich oder beides oder nur überheblich?« – Ergebnis nach Sichtung der journalistischen Meinungslage: einfach nur genial. Aber man stelle sich bloß vor, Neuers Kamikaze-Aktion im WM-Finale 2014 wäre mit Elfmeter bestraft worden, was nicht zwingend, aber möglich war, und Deutschland hätte deswegen das Finale verloren. Der Moment, in dem der Schiedsrichter pfeift, hätte eine andere Sportgeschichte geschrieben, auch über die »ewige Nr. 1« im deutschen Tor. Dass Neuer dennoch der Beste war und ist, hat damit nichts zu tun und ist außerdem nur (m)eine unerhebliche Privatmeinung unter Millionen anderen.
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Eine Meldung und (m)eine Geschichte. In Rom ist ein 14-jähriger deutscher Schüler wegen »erschwerter Sachbeschädigung« angezeigt worden, weil er im Kolosseum seine Initialen in eine Mauer geritzt hat. Knapp 30 Jahre später atme ich auf: Glück gehabt! Mich haben sie nicht erwischt, als ich während der WM 1990 an mehreren Stellen im Kolosseum »Ich liebe meine Zeitung«-Aufkleber an Mauern klebte. Mittelhessische Rom-Besucher sollten sie suchen – und fanden sie auch. Mit Beweisfotos in unserer Zeitung. Verjährt, hoffe ich. Außerdem dürften Aufkleber keine erschwerte, sondern strafmindernde Sachbeschädigung sein.
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Der Esoterik in all ihren Facetten nicht gerade zugeneigt, lag ich einst auf einer Massagebank, nach langer Autofahrt und zuvoriger Zufuhr von fünf Bic Mac mit schwerem Bauchgrimmen, wovon ich dem Physiotherapeuten nichts verriet, als dieser plötzlich, meinen linken Fuß bearbeitend, fragte; »Hast du Bauchschmerzen?« Ich war baff. Er hatte dort unten einen Punkt ertastet (ich glaube, er nannte ihn »M 41«), der ihm diese Beschwerden signalisierte. Seitdem halte ich Akupunktur nicht mehr für Humbug. Jetzt allerdings gibt es eine wissenschaftliche Erklärung für die Feinfühligkeit des Masseurs: »Mirror-Touch-Synästhesie«, sagt der Psychiater Markus Zedler im Zeit-Interview. Neurowissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, so Zedler, dass sich bei Synästhetikern die Sinne vermischen, »einige empfinden sogar die Schmerzen anderer«. Wie mein Masseur, der, wie er beteuerte, mit den Händen Sorgen, Nöte und Schmerzen der Patienten derart intensiv in sich spürte, dass er danach fix und fertig war.
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Leider, oder zum Glück, bin ich kein Synästhetiker. Aber ich kann nachempfinden, was Jessica Libbertz (geb. Kastrop) als Fußballmoderatorin unter lauter Männern mitgemacht hat. In ihrem Buch »No shame« schreibt sie auch über die Scham, die sie nächtelang wach hielt, wenn sie die fast immer fiesen Kritiken über sich gegoogelt hatte. Als »Anstoß«-Leserin hätte sie selig schlummern können, denn wider den männlichen Fußball-Zeitgeist schrieb ich vor fünf Jahren, Jessica Kastrop sei »glasklar, kompetent, freundlich, aber nicht ranschmeißerisch, eine vom Format der lange Zeit unerreichten Monika Lierhaus, dazu noch mit einer angenehmen Nähe zur Selbstironie.« Dass sie vor »No shame« ein Buch geschrieben hat, dessen Titel assoziativ mit dem Holzhämmerchen zuschlägt … ach, vielleicht hat ihn nur der Verlag à la DFB hinein geschrieben: »Blond kickt gut.«
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No shame!, möchte man auch den Jungs zurufen, über die sich Bundesliga-Rekordschützing und Männertrainerin Inka Grings im SZ-Interview (und in »Ohne weitere Worte«) wunderte, als »mir mein Co-Trainer bei der U17 erzählte, die Jungs duschen alle mit kurzer Hose oder Unterhose. Da hab ich gesagt: Nee, komm, erzähl mir nix! Sagt er: Doch, das ist fast überall so.« – Was eine nicht repräsentative Umfrage im Bekanntenkreis bestätigt. Nicht nur bei den Kickern, auch im Fitness-Studio  scheinen die Unterhosen-Duscher Migrationshintergrund zu haben. Kein Wunder, dass mein sehr geschätzter Kollege »sk« sinniert: » Vielleicht ist das das Kopftuch des Muslims?« Auch ich komme ins Grübeln: Was machen sie bloß mit den klatschnassen Unterhosen? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 14. Juni 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Ohne weitere Worte (vom 12. Juni)


Die Zeitung wird in den Tagen der WM anders aussehen. Statt des französischen Gockels wird ein stolzes Huhn die Seiten zieren, in denen es um das Turnier geht. Die Zeit des Frauenfußballs in der taz bricht an. (…) Vergesst die Eggesteins, Neymars und Ronaldos! Schaut auf Morgan, Marozsan oder Henry! (Andreas Rüttenauer in der taz)
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»Für den EM-Sieg 1997 bekamen sie umgerechnet 3000 Euro Prämie, die Männer für den Gewinn der EM 1996 125 000. War das ein Thema? – »Gar nicht.« – (…) Wann änderte sich das? – »Viel später, Richtung WM 2011. (…) Zu der Zeit war ich aber die Organisationschefin der Frauen-Fußball-WM und hatte Einblick, was die Fifa und die Uefa zahlen, was der Markt hergibt. Und da muss man sagen: Was die Männer einnehmen, steht in keinem Verhältnis zum Frauenfußball. Deswegen können wir auch nie sagen: Wir wollen das Gleiche wie die Männer.« (Steffi Jones im Spiegel-Interview)
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Vielleicht wird die Gesellschaft immer spießiger? – »Vielleicht. Ich fand es auch super interessant, dass mir mein Co-Trainer bei der U17 irgendwann erzählte, die Jungs duschen alle mit kurzer Hose oder Unterhose. Da hab ich gesagt: Nee, komm, erzähl mir nix! Sagt er: Doch, das ist fast überall so. Das kenn’ ich gar nicht so, das ist schon verrückt.« (Inka Grings, Bundesliga-Rekordschützin und Männer-Trainerin, im SZ-Interview)

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Nun kann Özil (…) einladen, wen er will, als nicht mehr aktiver Nationalspieler muss er sich vor der deutschen Öffentlichkeit nicht mehr rechtfertigen; wir selbst aber hätten zu unserer Hochzeit einen Erdogan gewiss nicht eingeladen. (…) Vor allem (…) hätten wir Sorgen, dass der hohe Gast, wenn ihm die Feier nicht zusagt, die Hochzeit so oft wiederholen lässt, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist – und wir womöglich mit einer Braut seiner Wahl dastünden. (»Herzblatt-Geschichten« von Jörg Thomann in der FAS)
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Sie erzählt (…) davon, wie das Gefühl sie verfolgte, als Fußballmoderatorin nicht den Erwartungen zu genügen. Täglich. Wie das so häufig bei Menschen ist, die groteske Erwartungen an sich selbst haben, googelte sie die öffentlichen Kritiken, die nicht selten auf das Persönliche zielten, lag nächtelang wach. Und dann schämte sie sich. (Cathrin Gilbert in der Zeit über Sky-Moderatorin Jessica Libbertz, geb. Kastrop, und deren Buch »No Shame«)

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Er ist ein Prototyp des Hochmuts und der primitiven Zurschaustellung von Reichtum. Neymar hat sich vor kurzem einen Helikopter zugelegt, um zum Training zu fliegen. (…) Die Vergewaltigungsvorwürfe, denen sich Neymar (…) ausgesetzt sieht, sind offenbar die Folge einer Luxus-Investition. Das Model, das ihn nun beschuldigt, ein Instagram-Kontakt, hat er aus Brasilien nach Paris einfliegen lassen, das funktioniert in seinen Kreisen offenbar wie eine Amazon-Lieferung. (Michael Eder in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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Es gibt ein paar Jobs, nein: Aufgaben, die hätten früher gerne viele Leute übernommen. Chef der Deutschen Bank zum Beispiel. Oder Trainer beim FC Bayern. Oder SPD-Vorsitzende. Heute ist das anders. (…) Beim FC Bayern (…) meiert das Hoeneßrummeniggekartell jeden Trainer ab, der unter dem Lederhosenhorizont durchrutscht. (…) Am schärfsten aber ist es in der SPD. Die Nachfolge von Andrea Nahles haben drei kommissarische Vorsitzende angetreten, von denen niemand selbst Chefin werden will. (…) Aus Traumjobs sind Albtraumjobs geworden. (aus dem „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung)
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Verstehen Sie was von Pferden? Dann haben Sie der SPD etwas voraus, die schon zu Zeiten von Schröder, Lafontaine und Scharping nicht wusste, dass bei der klassischen Troika-Anspannung der liebe Gott auf dem Kutschbock allein das mittlere Pferd lenkt – die anderen beiden sind bloße Mitläufer. Im Fall der Troika Dreyer, Schwesig, Schäfer-Gümbel vermuten wir allerdings, dass niemand das Mittelpferd sein will. (»Troika – Unwort der Woche« in der Literarischen Welt)
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Haben Sie eine Vorstellung von Gott? – (…) Ein Gott, der darüber lacht, wenn sich zwei über ihn unterhalten, weil es letztlich nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder gibt es keinen Gott, oder er ist nicht mit unserem Verstand erfassbar. Dadurch ist es eigentlich von vornherein paradox, sich Gedanken darüber zu machen.« (Schriftsteller Wolf Haas in der chrismon-Interviewserie »Fragen an das Leben«)
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Unfallflucht: Betrunkener Autofahrer ermittelt. (Schlagzeile in der Krefelder Stadtpost / aus dem »Hohlspiegel« im Spiegel) (gw)
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Geschrieben von gw am 11. Juni 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom Dienstag, 11. Juni)

Pfingsten pfing ja schon … nee, lassen wir den traditionellen Kalauer, es reicht ja schon, dass es nach Fingsten auch am Dienstag Montagsthemen gibt. Neustart: Fußball satt. Gab es monatelang und hab ich jetzt. Overkill. Pappsatt. Nations League? Gut, dass Deutschland nicht mehr dabei war. EM-Qualifikation? Methadon für Junkies. Und jetzt Estland!
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Die medial gepushte Frauen-WM … ist eine ganz andere Geschichte. Buch-stäblich, da mit literarischem Anlauf. Das neue Werk von Jan Brandt heißt »Eine Wohnung in der Stadt«. Oder, wenn man das Buch umdreht: »Ein Haus auf dem Land«, denn es sind zwei (autobiografische) Texte in einem Buch, lesbar nacheinander oder auf einander zu. In der Stadt, in Berlin, sucht Brandt eine Wohnung, auf dem Land, in seinem Heimatdorf Ihrhove, will er den alten Hof seines Urgroßvaters retten. Wie’s der Zufall will, ging der Kicker vorige Woche genauso vor wie Jan Brandt, nämlich mit (Branchenjargon:) »Wendetitel«. Vorne (bzw. hinten) auf dem Titelblatt »Reus exklusiv«, hinten (bzw. vorne) »Der Traum vom dritten Stern«. Also jeweils zwei thematisch (Wohnen, Fußball) zusammenhängende, aber unterschiedliche Seiten einer Medaille (Mietwohnung Stadt/Eigenheim Land bzw. Männerfußball/Frauenfußball).
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Standard-Beispiel: Obst und Äpfel/Birnen. Gleichermaßen unsinnig daher, wenn kämpferische Frauenrechtlerinnen im Fußball gleiche Bezahlung fordern (= Äpfel sind Birnen) oder plumpe Machos den Frauenfußball verachten (= Äpfel sind gar kein Obst).
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Warum verdienen Fußballerinnen so viel weniger, obwohl sie »doch ähnlich professionell trainieren wie Männer und auch neunzig Minuten auf dem Platz kicken, kämpfen und tricksen?«, fragt die FAS auf ihrer Wirtschaftsseite. – Weil das kein Kriterium ist. Besser weiß ich es immer noch nicht: »Da sich die Nachfrage nicht auf alle Gebiete gleichmäßig verteilt, ist es nur natürlich, dass ein Spitzentenor Spitzengagen erhält, selbst der genialste Alphornbläser aber keine Millionen scheffeln kann« (gw 1984!).
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Aktuelle Zusatzinformation: Frauenmeister Wolfsburg ist auch Spitzenreiter in der Zuschauer-Wertung und hier mit 20 000 weit voraus. 20 000 – in der gesamten Saison! Schnitt: 1840. Gesamtschnitt der Frauen-Bundesliga: 833. Dennoch verdienen die Fußballerinnen vielleicht etwas zu wenig, die Fußballer aber ganz sicher viel zu viel. Vor allem, weil hier Angebot und Nachfrage manipuliert werden, durch Großsponsoren, Werbung, Ölscheichs und Gas-Oligarchen. Deren Geld, das unser Geld ist, weil in ihren Produkten eingepreist, bläst die Blase auf. Bis sie platzt. Durch die Wirkmacht des Desinteresses. Overkill wann?
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Den Frauensport plagen existenziellere Probleme als die Bezahlung der Fußballerinnen. Das Schweizer Bundesgericht hat auf Klage von Caster Semenya das Urteil des Weltverbandes vorläufig kassiert, dass sie und andere, die auf Strecken von 400 m bis zu einer Meile (1609 m) starten wollen, ihren Testosteronspiegel auf unter fünf Nanomol pro Liter Blut zu senken haben. Was sowieso eine bizarre Regelung ist, da nur für einige wenige Disziplinen gültig, obwohl für alle notwendig. Dazu noch die Frage im aparten Umkehrschluss: Dürften sich jetzt sehr weibliche Frauen zwecks Chancengleichheit regelgerecht an die fünf Nanomol herandopen?
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Noch ’ne aktuelle Meldung. Bei den College-Meisterschaften der USA steigerte die 19-jährige Sha’Carri Richardson mit 10,75 Sekunden den fast 42 Jahre alten U20-Weltrekord von Marlies Göhr um satte 13 Hundertstel. – Dies nur zur Erinnerung an das Bestreben, alle Rekorde aus dem »Doping-Zeitalter« zu streichen. Sie weichen auch ohne zu streichen.
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Um Missverständnissen vorzubeugen: Das alles, vom Fußball bis zur Leichtathletik, ist eine engagierte Verteidigung des echten Frauensports mit großem Respekt für seine Protagonistinnen wie Malaika Mihambo (auf 7,07 m verbessert! Klasse!), Angelique Kerber (trotz oder wegen ihrer zwischenzeitlichen Tiefs) oder »unsere« mittelhessische Lisa Mayer. Sie und die DFB-Spielerinnen leistungsmäßig mit den Männern auf der anderen Seite der Medaille zu vergleichen, ist einfach nur Unsinn.
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Unvergleichlich bleibt auch »Dööörk«. Höchst mögliche Ehrerbietung für ihn: Dallas verdanke, sagt der Bürgermeister, Dirk Nowitzki eine Imagewandlung zum Guten. Bisher sei die Stadt bekannt gewesen durch die gleichnamige Fernsehserie um den Fiesling J. R. und durch das Attentat auf Kennedy. Heute werde Dallas mit Dirk gleichgesetzt. Mehr geht nicht. Zumal es stimmt, zumindest für Unter-50-Jährige. Und auch für mindestens einen Über-70-Jährigen.
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Bei so vielen Zahlen in der Kolumne plagt mich immer das mulmige Gefühl, falsch gerechnet zu haben. Zu guter Letzt aber eine neue Aufgabe fürs Mathe-Abitur, die selbst ich lösen könnte. Das HSH-Nordbank-Verfahren wird eingestellt, Ex-Vorstandsvorsitzender Nonnenmacher zahlt 1,5 Millionen und gilt als unschuldig. Die Bank hätte ihm die bereits ausgezahlte Abfindung von vier Millionen Euro wieder abnehmen können, wenn er verurteilt worden wäre. Aufgabe: Was kostet Unschuld? Und vor allem: wen? Aber bleiben Sie bitte unverdrossen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 10. Juni 2019. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.