Sport-Stammtisch (vom 22. Februar)

Zurück vom »Pausentee« für »gw«. Was zuvor geschah, wird im Schnelldurchgang abgehakt.
– 1. Makellose Hinspiel-Bilanz der Bundesliga, und das ganz ohne Bayern. Aber Vorsicht vor Halbzeit zwei!
–  2. Maximalstrafe für Manchester City. Auch nur eine Art Hinspiel. Minimierung nicht nur möglich, sondern gewiss.
– 3. Klinsmann, der Blender. Nie mehr Bundesliga. Auch hier: nicht nur möglich, sondern gewiss. Selbstausblendung durch unforced error.
– 4. Haaland … ohne Worte. Nur mit: !!!
– 5. Duplantis. Ging schon als Siebenjähriger mit dem Stab um wie der kleine Messi mit dem Ball. Vergleichsvideos siehe Youtube.
– 5. Biathlon. Die Russen-Doper und unsere Empörung … och nee, nicht mit mir. Kann kein heucheldeutsch.
– 6. Rassismus im Fußball und überhaupt …
… doch Hanau streicht alles, was ich dazu against all odds schreiben wollte. Wäre den Ereignissen nicht angemessen.
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Da bleibt mir nur eine schöne  Vision: Bei der Siegerehrung für Malaika Mihambo springt ein Zuschauer auf, grunzt wie ein Affe und kratzt sich unter den Armen. Mihambo schaut mitleidig hin und uninteressiert weg, die Zuschauer rücken angewidert von dem ekligen Kerl ab, als hätte er gerade öffentlich seine Notdurft verrichtet. Der spürt die Verachtung, merkt, welch armseliger Tropf er ist, flüchtet nach Hause, vergräbt sich im Bett und schämt und schämt und schämt sich … wie der Exhibitionist in Hannes Waders Lied, den Kinder verhöhnen, er möge sich mit seinem blaugeäderten Unding wegscheren. Und niemand spricht von Rassismus. Weil’s keiner ist. Sondern nur abstoßende Selbstentblößung.
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Missbrauch. Ein neuer Fall bewegt Frankreich. Eine damals 15-Jährige outet sich bzw. den Trainer nach Jahrzehnten. Der gibt alles zu. So weit, so schlimm. Doch   Insider wissen, dass noch viel unter dem Teppich liegt. Meistens bleibt es dort. Auch bei uns. Mein Schlüsselerlebnis: Ein Richter hatte den Fall eines Päderasten aus dem Kindersport abzuurteilen. Die Sache war klar, das Urteil so gut wie geschrieben. Der Angeklagte hatte sich auf seinen »pädagogischen Eros« berufen, die alten Griechen bemüht, trat selbstbewusst auf und hatte null Schuldgefühle. Doch die Sachlage war klar. Bis die Eltern ihre Aussagen zurückzogen. Sie brauchten den Mann, ohne ihn bräche der Kinder- und Jugendsport im Verein zusammen, hieß es. Freispruch mit Wut im Bauch. Ähnliche Fälle kennt jeder, der im Sport unterwegs ist, im großen wie im kleinen Sport.
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Thema- und Stimmungswechsel. Während ich beim »Pausentee« war, kamen viele Nachfragen, wo denn »der gw« bliebe. Heinz Wenzel aus Lich fand aber, dass Pausen auch Vorteile haben können. Denn »der vermisste Lesespaß in der Zeitung brachte mich jetzt dazu, den lange angedachten Besuch im Onlineblog endlich vorzunehmen. Jetzt prangt der Link in der Lesezeichenleiste, also ganz prominent, um auf dem schnellsten Weg zur Lektüre kommen zu können. Auch der ›progressive Alttag‹ wird häufiger mein Ziel sein. Die Altersklasse passt.« – Dennoch ist unserem Leser »das Gedruckte lieber, denn Zeitung zum Kaffee am Frühstückstisch ist der gel(i)ebte Einstieg in den Tag.« – So soll’s sein! Papier verdient Vertrauen … und das Geld für Online.
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Wulf Wiechert stieß online per Zufall auf meinen »progressiven Alttag«. »Nachdem ich nur einige Zeilen gelesen hatte, kopierte ich den gesamten Text in eine Word Datei und setzte die Lektüre fort. Auf Seite zehn musste ich eine Pause einlegen, da der elfte Lachanfall in einen Raucherhustenanfall überging. Meine Frau konnte ich nur schwer davon überzeugen, dass die Tränen in meinem Gesicht hauptsächlich durchs Lachen verursacht worden waren.«
Warum aber liest Herr Wiechert den progressiven Alttag aus dem Gießener Seniorenjournal nur online? Die Adresse verrät’s: »Wulf Wiechert/Ondangwa.« – Namibia! Mit diesem Online-Verbreitungsgebiet kann der Druck auf Papier leider nicht ganz mithalten.
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Letzte Worte aus einem letzten Interview mit Gudrun Pausewang. Für sie bestand die größte Berohung unserer Zeit »aus ungezügeltem Materialismus und Medienkonsum«.
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Meinen Schreibfehler oben lasse ich unkorrigiert. Denn ungezügelter Materialismus und  Medienkonsum sind nicht nur eine Bedrohung, sondern wirken auch als gefährliche Berohung. Stichwort innere Verwahrlosung. Aber das ist ein anderes Thema.
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Geschrieben von gw am 21. Februar 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 1. Februar)

Die Sitten im Fußball verrohen immer mehr. Funkel gerade jetzt zu entlassen ist stillos, empörend und menschenverachtend. Mir gegenüber. Am Mittwoch den Trainer holterdipolter zu feuern, nachdem ich am Montag noch geschrieben hatte, wie fest und gemütlich er trotz aller Schmutzeleien auf seinem Schleudersitz thront, nehme ich den Verantwortlichen persönlich sehr, sehr übel. Was sollen die Leser von meiner Fußballkompetenz halten? Warum haben die Düsseldorfer nicht wenigstens das Spiel gegen Frankfurt und die unvermeidliche Niederlage abgewartet? (Stichwort Kompetenz: Ich tippe heute auf 1:7; liege ich falsch, gibt’s drei Wochen Kolumnensperre für gw).
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Mal im Ernst: Nach den Regeln der Branche war die Trennung zwangsläufig. Hilft aber bekanntlich nicht viel, wissen das Gedächtnis und die Statistik. Düsseldorf steigt ab. Ohne Funkel. Dessen Bilanz: Drittliga-Abstieg verhindert, aufgestiegen, erstklassig, dringeblieben. Der Nimbus bleibt. Den nächsten beißen die Hunde.
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Die Kloppereien in unteren Fußball-Klassen werden je nach Interessenlage verniedlicht oder dramatisiert. Dass überproportional viele Türkischstämmige mitmischen (das war gerade eine gewaltige Untertreibung), wird von verständnisvoller Seite gerne relativiert. »Kulturell haben sie halt eine kürzere Zündschnur.« Aber in unserer Kultur geht es nicht um die türkische, sondern um die deutsche Zündschnur. Nur sie zählt im Umgang und vor Gericht.
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Dass oft der türkisch-kurdische Konflikt an der Lunte glimmt, kompliziert die Sache. Da lob ich mir die Gewalt unter kartoffeldeutschen Hooligans, gleichgesinnten Hohlköpfen, die sich zum Kloppen im Wald verabreden. Dagegen habe ich gar nichts. Sie sollten nur eigene Sanitäter mitbringen und die Gesellschaft nicht mit den Kollateralschäden ihrer Hohlheit belästigen.
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Hat eigentlich schon die einst hochberühmte Rallye Monte Carlo begonnen? Ja. Ist aber auch schon beendet. Kaum einer hat’s gemerkt. Medial fielen nur Walter-Röhrl-Revival-Geschichten auf. Und dass »Die Nacht der langen Messer« wieder im sportlichen Sprachgebrauch auftauchte. War mal ein längerfristiges Kolumnenthema. Will es aber nicht aufwärmen.
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Die Rallye Monte Carlo und der Abschied der IAA von Frankfurt bringen Arno Baumgärtel (Gießen) auf kreative Gedanken. Die Monte wird »wiederbelebt, aber nunmehr mit Start in Frankfurt. Die traditionelle ›Nacht der langen Messer‹ wird nur noch virtuell im Casino veranstaltet« (kompletter Leser-Text siehe »Mailbox«)
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Ach, dann doch noch ein Wort zur »Nacht der langen Messer«. Eines Jahres rief ein Leser an und verbat sich diesen Begriff, weil er von den Nazis für die Judenverfolgung geprägt worden sei. In vorauseilender deutscher Befangenheit vermied ich fortan konsequent die »Nacht der langen Messer«, was jedoch zu verbalen Eiertänzen führte, da wir als einzige deutsche Zeitung über die »Nacht der langen Messer« berichteten, ohne sie wörtlich zu erwähnen – obwohl die »Night of the Long Knives« schon bald zweitausend Jahre auf dem angelsächsischen Buckel hat.
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In dieser Gedenkwoche gab es viele herzzerreißende Geschichten über und von den letzten Überlebenden. Ob sie die richtigen Adressaten finden? »Fachleute beobachten wachsenden Antisemitismus und Desinteresse an der Geschichte« (FAS). Das eine bedingt ja das andere. – Denn je mehr Interesse, desto weniger Antisemitismus.
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Ein besonders bemerkenswerter Überlebender macht sich keine Illusionen. Peter Johann Gardosch, ehemaliger Geschäftsführer des größten europäischen Immobilienkonzerns Neue Heimat, hat sogar mit seiner Frau erst sehr spät über seine Zeit in Auschwitz gesprochen. In einem außergewöhnlichen Welt-Interview stellt er kühl und emotionslos fest: »Ich glaube, dass Antisemitismus, seit diese Sache mit Jesus schiefgegangen ist, in der Gesellschaft verhaftet ist wie Diebstahl oder Sexualverbrechen oder Steuerhinterziehung, man wird ihn nicht los.« – Das muss man sacken lassen und auch nicht unbedingt zustimmen. Aber diesem Schluss: »Es ist idiotisch, wie sich alle Parteien auf die AfD fixieren, sie meiden, verteufeln, genau das treibt ihnen die Wähler zu. Antisemitismus ist kein Höcke-Problem, den gibt es überall.«
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Seit dieser Sache mit Jesus … In der Gedenkwoche tauchte auch wieder die alte Frage auf: »Wo war Gott, als dies geschah?« Wie’s der Zufall will, kam ich in dieser Woche an der Marburger Elisabethenkirche vorbei und las in einem Schaukasten den Satz: »Gott ist ein anderes Wort für Immerda.« Ist das Pantheismus? Oder Panentheismus? Einst wurde darüber im Proseminar diskutiert. Die Antwort längst vergessen.
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Auf der Bahnfahrt nach Marburg (ein Hoch auf das Seniorenticket!) habe ich einen Storch gesichtet. Stolziert durch die Lahnwiesen, als ob er auch im Neuzeit-Winter hierher gehörte. Von nun an immerda?
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Geschrieben von gw am 31. Januar 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 27. Januar)

Der Vergleich mit Frankfurts Fenin kann geschreddert werden. Der schoss im zweiten Spiel nur noch ein Tor. Danach traf er gar nicht mehr. Das wird Haaland nicht passieren. Nächster Vergleichswert: Alcacer. Der schoss erst ein Tor, dann zwei und im dritten drei. Vermutung: Haaland packt ihn, Alcacer packt schon.
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Die Wunderkinder. Sollen sie früher ran, schon mit 16, wie anderswo in Europa? Der Antrag läuft, Beschluss im März. Aber warum erst mit 16? Für musische und intellektuelle Wunderkinder gibt es keine Altersbeschränkungen. Sowieso ist das Problem im Fußball ein anderes. Hier geht es (jedenfalls mir) nicht um die echten, genialen Wunderkinder, sondern um die Scharen von Zwölf-, Dreizehnjährigen, die in den Nachwuchszentren gezüchtet werden und von denen nur ein minimaler Bruchteil jemals Bundesliga-Luft atmen wird. Um die wenigen Haalands muss man sich keine Sorgen machen, sondern um die vielen Namenlosen.
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Friedhelm Funkel ist kein Wunderkind, auch kein wunderlicher Alter, eher ein altersloses Trainerwunder, gelassen und unangeschnallt auf dem Schleudersitz zuschauend, wie sie um ihn herum auf den Knopf drücken … und nichts passiert. Jetzt ging ihm mal kurz der Hut hoch. Die neuesten Schmutzeleien (Danke, Herr Seehofer, für dieses hübsche Wort) seien »der Witz des Jahrhunderts«. Derart apokalyptisch … nee apodiktisch, zum -lyptisch später … kannten wir bisher nur Uli Hoeneß, und der beschränkte sich meist auf den »Witz des Jahres«. Gemeinsam ist ihnen aber, alle diese Witze als extrem unwitzig zu empfinden.
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Den witzigsten Witz nicht des Jahres oder des Jahrhundert, sondern überhaupt hat die Lachforschung (kein Witz!) schon vor 100 Jahren entdeckt. Zwei Männer unterhalten sich. Der eine: »Manchmal frage ich mich, was schlimmer ist: Ignoranz oder Apathie.« Der andere: »Das weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht.«
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Über albanische Hütchenspieler lacht niemand. In Albanien. ZDF-Lanz hatte CSU-Scheuer »das Niveau albanischer Hütchenspieler« bescheinigt. Skandal! Rassismus! Stimmt nicht. Hätte Scheuer das Fingerspitzengefühl albanischer Hütchenspieler, würde Lanz gar nicht merken, dass er ein Hütchenspieler ist.
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Als sich in turbulenten Eintracht-Zeiten, lang, lang ist’s her, die Eintracht-Führung wieder einmal dilettantisch verhielt, ätzte ich: »Fast denkt man an ein Bäuerchen aus dem Odenwald, das glaubt, in der Kaiserstraße gegen einen albanischen Hütchenspieler zu gewinnen.« Da juxte  unser Leser Gerhard Merz, damals wie heute nicht nur in der SPD ein Begriff: »Das hat mich als Odenwälder Bauernbuben schwer gekränkt. Merken Sie sich: Odenwälder Bauernbuben gewinnen beim Hütchenspielen!« – Mein Künstlerpech: Das Bäuerchen hatte ich vom Vogelsberg in den Odenwald verlegt, fernab unseres Verbreitungsgebietes, um keinem Leser auf die Gummistiefel zu treten. Und dann liest ausgerechnet so ein Odenwälder Bauernbub …
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Zu einer anderen Reminiszenz, der um Holger Geschwindner und Ernie Butler. »Tolle Erinnerungen«, mailt Holgers Laubacher Klassenkamerad Rolf Ackermann (Langgöns). Seine »Streiche und Tricks, sind mir noch gegenwärtig!« Schöner Satz des Lesers: »Im Alter haben Erinnerungen den selben Stellenwert wie in der Jugend die Träume.« Unter den freundlichen Mails (Dankeschön!) war auch eine, die mich sanft korrigiert: Es muss »Alumnat heißen, nicht Internat«. Das ist nicht dasselbe, nur in etwa das Gleiche (Details bitte googeln, hab ich auch getan).
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Mit Google zur Apokalypse. Was würden wir ohne das Netz nur tun? Was, wenn diverse Hacker-Angriffe (Uni Gießen!) nur Vorboten sind, große Angriffe alles lahm legen und geist- und morallose Algorithmen übernehmen? »Kühne Seglerin Phantasie, wirf ein mutloses Anker hie« (Schiller).
Zu ernst? Dann noch etwas Schmäh. In Davos treffen sich Kapitalisten und Aktivisten, und dank meiner Lieblings-Kolumnistin Bettina Weiguny (FAS) kenne ich eine Gemeinsamkeit der scheinbar Unvereinbaren. Ob »indische Stahl-Milliardäre« oder »Schweizer Schüleraktivisten«, fast alle lieben kanadische Gänse. Und zwar »Canada Goose, diese sündteuren kanadischen Parkas mit Daunenfüllung«. Diese Gänse, sie kosten über 1000 Euro, lasse ich mir lustvoll auf der Zunge zergehen.
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Aktivisten allerorten. Längst nicht nur bei »Aktivist Schwarze Pumpe« und ähnlichen DDR-Spezialitäten. Auch in den Nachrichten werden Aktivisten in alles reingemanscht. Oder Reingemantscht? Müsste ich eigentlich wissen, als Sprach-Aktivist.
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Geschrieben von gw am 26. Januar 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 25. Januar)

Seit vielen Wochen steht »The Great Nowitzki« auf der Bestsellerliste. Jetzt erst habe ich das Werk von Thomas Pletzinger gelesen. Danach der Gedanke: Eigentlich müsste das Buch einen anderen Titel haben, zumindest einen Zusatz: »The Great Nowitzki – The Making of Dirk by Holger and The Making of Holger by Ernie.«
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Ich wusste natürlich das eine und andere über Nowitzkis Mentor Holger Geschwindner. Er nannte mich den »Kugel-Stumber«, ich porträtierte ihn früh als Deutschlands besten Basketballer, später wirkte er sogar an dieser Kolumne mit (WM-Stammtischserie von 2006). Einmal platzte eine Verabredung in Bamberg, da ein, zwei Stunden vor mir andere Gäste in seinem Büro aufgetaucht waren: Steuer-Razzia! Es wäre aber geprahlt zu behaupten, gut mit ihm bekannt zu sein.
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Ernie Butler habe ich sogar nie kennengelernt. Ich wusste aber von der Bedeutung des ersten großen Gießener Basketball-Idols für Geschwindner. Bei Pletzinger führt nun ein direkter Weg von Ernie über Holger zu Dirk. So gesehen liegen die Wurzeln des Weltstars Nowitzki in Mittelhessen.
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Genau gesagt in Laubach. Und das kam so. Irgendwann in den frühen Sechzigern gewann die Basketball-Mannschaft des Internats in Gießen ein Spiel gegen eine dortige Schulmannschaft mit 196:20. In Laubach wirkte der legendäre Basketball-Lehrer Theo Clausen (sein Sohn Karl war später – auch mein – Basketball-Dozent an der Uni Gießen). In diesem Spiel soll der Internatsschüler Geschwindner 100 Punkte gesammelt haben, genau weiß es keiner mehr, aber »100 Punkte« (wie Wilt Chamberlain!), das klingt einfach zu gut, um nicht wahr sein zu sollen.
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Ernie Butler wurde zufällig Augenzeuge der erstaunlichen Vorstellung. Er nahm sich des Jungen und dieser die Basketball-Philosophie von Butler an. Nur ein Wort dazu: Jazz (mehr dazu bitte bei Pletzinger lesen). Butler führte den jungen Holger auch beim MTV 1846 Gießen ein. Schnell erkannten dort alle sein überragendes Talent. Die Basketball-Legenden Bernd Röder und Klaus Jungnickel chauffierten den Jungen im Wechsel mit Butler von Laubach nach Gießen und zurück, wobei nach Training oder Spiel auch Kneipen-Station in der Bahnhofstraße gemacht wurde. Ein Kulturschock für Geschwindner. Pletzinger: »Mitte der Sechziger hat Gießen drei Kasernen mit insgesamt 10 000 amerikanischen Soldaten. Die Bahnhofstraße wird ›Schanghai an der Lahn‹ genannt. Die Basketballer mischen sich gerne unter die Gestalten der Nacht, es wird spät und rau und laut.« Der 17jährige Geschwindner staunte: »Das war Sodom und Gomorrha.« – Nebenbei: Jungnickel, von allen nur »Dschang« genannt, hat seinen Spitznamen nicht von »Schanghai«, sondern vom englisch gesprochenen »Jung«.
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Die von Butler übernommene Philosophie übertrug Geschwindner später auf Nowitzki, als dieser im Laubach-Alter war. Der Rest ist weltbekannt.
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Kaum bekannt ist eine weitere Gemeinsamkeit des nur scheinbar ungleichen Duos, zwischen dem Lebens-Jahrzehnte liegen. Pletzingers staunenswert detailreiches Buch lässt dennoch ahnen, dass Holger und Dirk den Autor bei aller freundlichen Aufgeschlossenheit nicht an ihren inneren Kern herankommen lassen und nur wenig über sich selbst preisgeben. Pletzinger scheint es zu wissen, denn mehrmals erwähnt er, dass Geschwindner gerne einen Satz von Nietzsche zitiert: »Der Mensch, der ›sich mitteilt‹, wird sich selber los; und wer ›bekannt‹ hat, vergisst.« (aus »Die Fröhliche Wissenschaft«).
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Allerdings hatte Nietzsche womöglich (ich bin kein Kenner der Materie) anderes im Sinn, denn er beschreibt im kompletten Text (»Zu Ehren der priesterlichen Naturen«), wer und bei wem »ungestraft sein Herz ausschütten« und »seine Heimlichkeiten, seine Sorgen und Schlimmeres loswerden kann. Hier gebietet eine große Notdurft: Es bedarf nämlich auch für den seelischen Unrat der Abzugsgräben.«
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Doch dass derjenige sich selber verliert, der zu viel von sich preisgibt, ist nicht nur für Holger Geschwindner und Dirk Nowitzki ein hilfreiches Rezept im öffentlichen Umgang. Auch für Kolumnisten empfiehlt es sich, trotz freundlicher Aufgeschlossenheit, Mitteilungs- und Meinungsfreude sowie Jux und Dollerei nur wenig über sich selbst preiszugeben. Eine Glosse ist kein Abzugsgraben
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 24. Januar 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 20. Januar)

Wer nicht an das Christkind glaubt, dem ist der »Heiland« ein paar Wochen zu spät geboren. Selbst den Unfrommen stößt das  tumbe Wortspiel vom »Heiland Haaland« ab, das nicht nur von Bild in die Schlagzeile gehoben wird.
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Ich halte es lieber mit dem Chauffeur Xaver Zürn: »Heilandzack, dieser Haaland!« Er sagte  zwar (auf der Durchreise in Mittelhessen) »… dieses Gießen«, beziehungsweise Martin Walser ließ ihn das in »Seelenarbeit« sagen, aber in der Tat: »Heilandzack, dieser Haaland!« Ein Debüt wie einst Aubameyang. Andere sagen: wie  Martin Fenin. Drei Tore beim 3:0-Sieg in Berlin. Und dann: »Martin, Martin, du entschwandest.«
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Im Flotow-Zitat entschwand nicht Martin, sondern Martha. Einst inszenierte Musikliebhaber Loriot die namensgebende Oper. Kürzlich klagten seine Erben gegen die unerlaubte Zitierung seines wohl berühmtesten Satzes auf einem T-Shirt. Kurz vor Weihnachten wies das OLG München die Klage ab. Der Satz sei nicht vom Urheberrecht geschützt. Früher war halt mehr Lametta.
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Heilandzack, immer diese Abschweiferei! Von Opa Hoppenstedt zurück zu Haaland. Vorsichtige Vermutung: Er wird eher ein Aubameyang als ein Fenin, vielleicht sogar noch effektiver als der unheilig  Verschwundene. Aber abwarten. Der letzte BVB-Heiland hieß Alcacer, er entschwindet bereits, und Haalands Nachfolger steht auch schon bereit. In der BVB-U19. Name: Moukoko. Angeblich erst 15. International begehrter als Haaland.
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Die heißeste Nummer im deutschen Fußball aber heißt … Timo Werner! Phänomenale Entwicklung. Die Schwalbe damals … Jugendsünde. Vergessen wir’s. Nicht, weil Werner in Mittelhessen verbandelt ist (obwohl das lokalpatriotische Sympathien wert ist), sondern weil er »ein feiner, sensibler Kerl ist, der Vertrauen braucht«. (Julian Nagelsmann im SZ-Interview).
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Leipzigs Spielweise und die Art des Trainer lassen den Dosen-Makel langsam verblassen (nicht vergessen, denn dazu ist der Makel zu groß, da nicht auf Leipzig beschränkt, sondern Sinnbild für DAS Fußball-Problem). Leipzig spielt wie Nagelsmann, Liverpool wie Klopp, Schalke wie Wagner, Dortmund, nun ja, wie Favre – wie kommt das? Nagelsmann: »Egal, wie der Trainer als Typ ist, du übernimmst das als Spieler – du willst ihm ja gefallen.« Mag sein. Aber nicht überall. Die Eintracht spielte unter Kovac wie Kovac, die Bayern spielten nicht wie, sondern gegen Kovac.
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Gewalt. Sie ist nicht DAS, sondern ein Fußball-Problem. Zumal eines, das sich der DFB im unteren Bereich selbst eingebrockt hat. Indem er ethnisch abgeschottete Klubs  im Zeichen  naiver Multikulti-Irrungen und -Wirrungen nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert hatte. »Nach ethnischen Gruppen getrennte Fußballteams, das wäre der falsche Weg, ein fataler Fehler.« Sagt ein Traumaforscher (Quelle: FAS), der viel über Folter und Gewalt weiß, aber vermutlich wenig über Fußball. Das reicht aber, um den fatalen Fehler zu erkennen, denn der liegt auf der Hand. Wenn man unvoreingenommen auf sie schaut.
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Und sonst? Handball steht ausführlich auf einem anderen (Zeitungs-)Blatt. Ich ergänze nur eine Frage vom Samstag: Warum wird nicht nur beim Sprungwurf »Fuß im Kreis« selten abgepfiffen, sondern auch bei offensichtlichen Schrittfehlern? Im Internet suchte ich Nachhilfe, stieß in Chats von aktiven Handballern aber nur auf die lapidare Antwort: Ist halt so.
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Andere Themen tauchen in dieser Kolumne erst gar nicht auf, zumindest nicht, wenn sie mit »gw« signiert ist. Dazu gehören nicht nur … ach, keine Namen, ich will keinen Sportfreund verärgern, Sportfreundinnen schon gar nicht. Nur so viel: Mixed Martial Arts. Dass Dings gegen Bums gewonnen hat, scheinbar ein sportlicher Höhepunkt des Wochenendes, kommt mir nicht aus ideologischen Gründen, aus Empörung oder Abscheu nicht in die Kolumne, sondern aus simplem Desinteresse. Nur das: »Offenbar ist jeder Mann eine Parodie des Männlichen« (Martin Walser in »Meßmers Reisen«). Passt.
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Homonym-Nachtrag  vom Samstag: Mich piesackt schon lange  ein homonymes Unwort. Es taucht sogar in einem Beethoven-Text der FAS auf: »… schlug er doch mit den damals traditionellen Vorstellungen eines Musikers im Alter von 22 Jahren in Wien auf«.
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Hätte Boris Becker in Wimbledon ähnlich aufgeschlagen und nicht mit dem Racket, er wäre nie siebzehnjährigster Leimener geworden. Später im Leben schlug er zwar manchmal schmerzhaft auf, aber das ist ein anderes Thema.
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 19. Januar 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.