Sport-Stammtisch (vom 24. Oktober)

»BILD erklärt, was nicht zu erklären ist.« Prima Schlagzeile für Freunde einfacher Lösungen in komplizierten Zeiten. Geht es um Echsenmenschen, Kinderblutsauger, die Illuminaten? Nein, »Bild« wagt sich an ein größeres Mysterium, an »die zwei Gesichter von Borussia Dortmund« und erklärt, »was nicht einmal Einstein verstehen würde«.
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Wenn Einstein nicht, dann ein Steines erst recht nicht. Nur den Unterschied zum FC Bayern, den kapiere ich auch ohne »Bild«. Der liegt nicht nur am »Mir san mia« gegenüber dem »Was sind wir überhaupt?«, sondern wird auch deutlich im Kader. Jeder Stammspieler des FCB wäre es auch in Dortmund. Aber welcher BVB-Stammspieler ebenso in München? Mir fällt keiner ein. Selbst Haaland wäre nur Backup von Lewandowski
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Die komplizierte Beziehung zwischen Favre und den Borussen gleitet langsam ins Fatale ab. Beide Partner sind guten Willens – aber es passt nicht. Beide wissen es, wollen es aber nicht wahrhaben. Und immer, wenn der Glaube schwindet, kommt ein trügerischer Glücksmoment und verzögert das Unvermeidliche. Ende nicht offen. Offen nur, wie nah das Ende ist. Und die Erklärung des Unerklärlichen? Liegt hinter der »Bild«-Bezahlschranke. Zahle wer will.
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Zurück in die Nationalmannschaft? Hummels und Müller halten sich zurück, lassen aber durchblicken: allzeit bereit! Leider. Denn beide sind idealtypische Vertreter des mündigen, souveränen, intelligenten Fußballprofis. Sie haben es nicht nötig, auf einen Sinneswandel von Löw zu hoffen und sich zum Spielball des mehr und mehr abgehobenen Bundestrainers zu machen. Zumal der dort oben immerhin die konsequente Arroganz hat, alle Rufe nach den beiden Routiniers zu ignorieren. »Ich stehe über den Dingen, was Kritik angeht.« Kann nur einer wie Trump sagen? Sagt aber Löw.
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Wahrscheinlich bekommt der Stuttgarter Kickers-Trainer – Sie kennen die Geschichte – diverse Fairplaypreise. Aber besser wäre es, den Grund für das »Fairplay« zu beseitigen, der oft ein unfairer ist. Liegt ein Spieler am Boden, sollte nur der Schiedsrichter entscheiden, ob unterbrochen wird. Die Anstandsregel, den Ball ins Aus zu schlagen und ihn beim Einwurf zurück zu bekommen, wird zu oft als taktisches Mittel missbraucht. »Gelb« für absichtlichen Einwurf zum Gegner? Könnte das Problem lösen.
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Rugby ist ein harter, aber besonders fairer Sport. Rudelbildung gibt es nur beim »Gedränge«, das der Schiedsrichter anordnet, der unbedrängte Respektsperson ist. Fair auch, dass der Welt-Verband beschlossen hat, Transfrauen in Frauenteams zu verbieten. KampfgenossI*nnen (oder so) nennen es jedoch Diskriminierung. Man könnte lang und breit diskutieren, wieder bei Adam, Eva und Semenya beginnen … aber nur, wenn man kein Sportler, keine Sportlerin ist. Die wissen: Wenn das Geschlecht wählbar wäre, gäbe es keinen Frauensport mehr.
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Bleiben wir beim kleinen Unterschied. Beim sehr kleinen. Eine Frau, vom Freund verlassen, postet aus Rache auf Instagram ein Foto vom Mini-Penis des Ex. Der ist empört, beleidigt, schämt sich, niemand bemitleidet ihn, im Gegenteil, das Netz johlt. Übrigens aus Unwissen, denn die Fachwelt kennt den gar nicht so kleinen Unterschied zwischen Blut- und Fleischpenis. Hier nur so viel: Der scheinbar kleine B.-Penis ist, wenn er sich aufregt, ein Hulk im Vergleich zum schlappen Bruder F.-Penis.
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Aber im Ernst: Welchen globalen Aufstand gäbe es in der diversen Szene, wenn der Ex aus Rache unvorteilhaft wirkende primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale der Verflossenen gepostet hätte! Tja.
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Wenn Geschlechtsdefinitionen ins Wanken geraten, trösten sich alte, weiße Männer mit dem guten, alten Beat. »I’m a Man!«, konnte Spencer Davis geschlechtsgewiss röhren. Jetzt ist auch Davis tot. Gestorben mit 81, also nach Pop-Maßstäben älter als ein Baum.
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»Alt wie ein Baum / möchte ich werden«, singen die Puhdys. Bei Spotify gefunden, wie andere DDR-Musik (Karat, Michaelis), die in Ostzonenzeiten unbemerkt an mir vorübergezogen ist (außer Maffays Brücken-Kopie). Noch ne Entdeckung: Imaginary Future alias Jesse Epstein. Singt wie ein Bekiffter kurz vorm Einschlafen. Spencer-Davis-Kontrastprogramm. Schön kontemplativ.
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Alt wie ein Baum / möchte ich werden… schon fällt mir auf: Ich bin’s ja schon. Zwar acht Jahre jünger als Spencer, aber eine immer wieder schockierende Erkenntnis. Ich? So alt? Kann nicht sein. Andere alte Mädels und Jungs kennen das. Spencer Davis röhrt und rät uns: Keep on Running! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 23. Oktober 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 17. Oktober)

Weil die Nationalelf in unbedeutenden Spielen nicht überzeugend siegt, steht Löw in der Kritik. Die ich verstehe – aber nicht den aktuellen Bezug. Sportlicher Anstand hätte geboten, nach der fürchterlichen WM 2018 zurückzutreten. Löw hat dies nicht getan. Peinlich. Schluss mit Fußball für heute. Bis auf eine Frage: Gilt im Corona-Kick die Faustregel: Je weniger Zuschauer, desto mehr Tore? Wenn ja, wie kommt das? Ich habe, wie so oft, keine Ahnung.
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Zu einem Thema mit leider mehr Ahnung. Am Sonntag wurde Ines Geipel mit dem Lessing-Preis für Kritik ausgezeichnet. Die ehemalige DDR-Sprinterin ist als Anti-Doping-Kämpferin aktiv und will über DDR-Unrecht aufklären. Henner Misersky, ehemaliger Hindernisläufer und Trainer der DDR, ist Mitglied der Hall of Fame des deutschen Sports. »Nach seiner Weigerung, den von ihm trainierten Langläuferinnen männliche Hormone zu verabreichen, wurde er 1985 fristlos entlassen« (Wikipedia). Die beiden müssten beste Freunde und Kampfgenossen sein. Aber Geipel hält Misersky für einen Stalker. Der wiederum behauptet, Geipel sei als »privilegierte DDR-Staatssportlerin« Teil des Systems gewesen«. Beide beharken sich vor Gericht. Da halte ich mich raus. Mich bewegt nur: Was ist in der deutschen Doping-Historie wahr, was wird als wahr verkauft?
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Was »wahr« wirklich? Mein Beispiel (ausführlich im Link »Eine Kugel für das Leben« von »Sport, Gott & die Welt« nachzulesen): Wahr ist, dass ich von 1974 bis 1981 freiwillig und als einziger Sportler weltweit unter Dopingkontrolle im Training stand. »Wahr« ist daher, dass ich mich, da trotz Norm-Übererfüllung nicht für Olympia 76 nominiert, als Opfer bundesdeutscher Doping-Vorgaben ausgeben könnte. Wahr ist aber leider, dass ich meine ehrlich gemeinte Aktion verunsichert abgebrochen habe, mit Wissen und unterstützt von Verband und Verein, ohne Wissen der Doping-Tester, die mir nach der ersten Kontrolle vertraut hatten. Wahr ist, dass ich mich später in der FAZ geoutet habe, was mir viel Anerkennung für meinen »Mut« einbrachte. Wahr ist aber auch, dass ich keinen Mut benötigte, da ich nichts zu verlieren hatte, keine Medaillen, keine auf den Sport aufgebaute berufliche Karriere, keine Prominenz usw. Im Gegenteil: Beruflich war es von Vorteil, denn ich hatte ein überzeugendes Alleinstellungsmerkmal als Journalist in Sachen Doping-Information.
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Ich war international zweitklassig. Mein Beispiel führe ich nur an, weil ich es belegen kann – und weil sich die Erstklassigen bis heute bedeckt halten. Aus gutem Grund. Hätte ich mich geoutet, wenn ich 1976 Olympiasieger geworden wäre? Sicher nicht. Nicht wenige deutsche Medaillengewinner der 70er und 80er Jahre lebten oder leben noch von Ihren sportlichen Erfolgen. Können wir erwarten, dass sie sich bekennen? Ihr Lebenskonstrukt zerstören? Während die Mit- und Hauptverantwortlichen (Politik, Sportverbände, Medien) gar nicht erst auf die Idee kommen, etwas eingestehen zu müssen? Ich habe Mitleid mit den erfolgreicheren Sportkameraden, die bis heute mit ihrer uneingestandenen Doping-Last leben müssen, bei runden Geburtstagen öffentlich gefeiert werden (wie kürzlich wieder …) und bis an ihr Lebensende befürchten müssen, irgendwann doch noch enttarnt zu werden.
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Zu den Hauptverantwortlichen gehört auch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), eine Behörde des Bundesinnenministeriums, die sinnigerweise fast gleichzeitig mit Ines Geipels Lessingpreis-Verleihung ihr 50-jähriges Dienstjubiläum feierte. Zum Geburtstag listete der »Spiegel« unvergängliche BISp-Verdienste auf, ich habe sie in den letzten Jahrzehnten schon kolumnenfüllend abgearbeitet (Luft im Darm, Kolbespritze, Anabolika- und Testosteron-Versuche), zuletzt auch die drollige ultimative Forderung von Innenminister de Maiziere, gefälligst ein Drittel mehr Medaillen zu holen, natürlich ohne Doping. Aber was ich noch nicht wusste: Das BISp wollte in den 70-er Jahren mittels eines eigens entwickelten »Phallographen« erforschen, ob Anabolika zwar die Muskeln wachsen lassen, aber einen gewissen »Muskel« schlaff machen. Den Probanden wurden Anabolika gespritzt und Pornofilme aus der Asservatenkammer des Landeskriminalamts vorgespielt (Quelle: »Spiegel«). Details stelle ich mir lieber nicht vor. Umgekehrte Anabolika-Wirkung wollten Experten aus der SBZ (= DDR, liebe Kinder) festgestellt haben: krankhaft gesteigerte Libido junger gedopter Frauen – wie, will meine Fantasie ebenfalls nicht wissen.
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Noch ist nicht alles in unserem Land wiedervereinigt. Nur die grauen Apparatschiks hüben und drüben waren schon lange vor der Wende vereint in ihrem spannerhaft verklemmten Verhältnis zum Sex. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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Geschrieben von gw am 16. Oktober 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 10. Oktober)

Die überflüssige, sportlich und pandemisch zweifelhafte Länderspielerei würde wenigstens einen kleinen Zweck erfüllen, wenn Mario Götzes Abschiedsspiel integriert worden wäre. Denn dass er sich vom ganz großen Fußball verabschiedet, steht zwischen den Zeilen der üblichen Floskeln seiner Wechselgründe. »Ich hatte viele Angebote« (von großen Klubs? Eher nicht), »aber ich fühle mich bereit für eine ganz andere Herausforderung (geschenkt!) und bin zuversichtlich, dass dies ein sehr angenehmer Übergang für mich sein wird.« – Klar doch. Für Götzes Fußball sind Eindhoven und die holländische Liga ein sehr angenehmer Übergang in den Vorruhestand. Was keine Häme ist, sondern Realismus. Von Götze bleibt das außergewöhnliche Talent und ein Gedicht von Tor ewig in Erinnerung. Nun spiel mal schön! Noch ein Weilchen.
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Auch Christoph Daum sendet Abschiedssignale. Was, wenn es mit der Trainer-Karriere nicht mehr klappt, weil mich alle durchschaut haben und sich niemand mehr von meinen weit aufgerissenen Augen hypnotisieren und über glühende Kohlen hetzen lässt? Am besten einen Schlussstrich ziehen. Mit einer Autobiografie. »Immer am Limit« fehlt nur der Untertitel »… und zu oft darüber hinaus«.
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Daum zu Ehren sei aber festgehalten: Am Frankfurter Abstieg 2011 trägt er die geringste Schuld. Wellness-Coach Michael Skibbe hatte eine Mannschaft mit kleinem, leichten Akku geformt, die wegen ihrer Leichtgängigkeit frühe Erfolge feiern konnte. Als der kleine Akku leer war, musste Skibbe gehen, und Heribert Bruchhagen holte, gegen sein Naturell und sein gesamtes vorheriges Wirken, einen Motivations-Schwurbler wie Daum, der mit spontanem Crash-Training kurz vor Saisonende den kleinen Akku zum Platzen brachte. Aber was hätte er sonst tun können? Als er kam, war der Abstieg schon unvermeidbar. Eingeleitet hatten ihn Skibbe und Bruchhagen… ach, Schluss mit den alten Geschichten. Nach Daum ging’s langsam bergauf. Freuen wir uns über die neue Eintracht, die uns nun schon seit Jahren viel Freude macht.
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Ist das der neue FC Liverpool? Schon vor dem 2:7 gegen Aston Villa lud der Klopp-Klub seine Gegner oft zum Toreschießen ein, was diese aber fahrlässig oder perplex nicht nutzten. Ob jetzt die Klopp-Kritiker Aufwind bekommen, die schon in Dortmund mäkelten, Klopp mache zwar durchschnittliche Spieler gut und gute noch besser, aber nach ein paar Jahren verpuffe dieser Kloppo-Zauber? Ich gehöre nicht dazu, und einen Vergleich mit Daum zu ziehen wäre nicht nur an den, nun ja, Haaren herbeigezogen, sondern schlichtweg Quatsch. Zwischen beiden liegen menschliche Welten.
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Zwischen Alica Schmidt und Mats Hummels lagen ungefähr 30 Meter. Die 400-m-Läuferin, eine der besten in Deutschland, ist im Neben- oder Hauptberuf »Influencerin« (ich mag das Wort kaum hinschreiben, aussprechen schon mal gar nicht). »Die schönste Leichtathletin Deutschlands« (Markenzeichen) hatte mit dem BVB-Profi eine Wette im Wortsinn laufen und klar gewonnen, anzuschauen bei Youtube. So weit die Show. Aber wie ist der sportliche Wert? Offenbar lief keine Stoppuhr mit, doch man kann davon ausgehen dass Schmidt (Bestzeit: 52,21) einen leichten, aber engagierten Trainings-Tempolauf absolvierte und etwa 54, 55 Sekunden lief. Hummels, der sich mehr verausgabte, kam also auf ca. 57, 58 Sekunden. Da lachen alle, die sich nur am Weltrekord (43,03) orientieren, zumal Hummels im Ziel wie ein Maikäfer pumpte (was aber, vermute ich, eher zur Show gehörte). Da 400-m-Tempoläufe sicher nicht zum Trainingsprogramm von Bundesliga-Profis zählen und Hummels die Strecke erstmals lief, mit Ehrgeiz, aber nicht wie um sein Leben, ist seine Leistung aller Ehren wert. Ich kann es beurteilen, denn in meinem einzigen kompletten Zehnkampf lief ich wie um mein Leben, war stolz wie Oskar auf 58,9 Sekunden, platt wie eine Flunder und pumpte wie ein Maikäfer kurz vor dem Exitus.
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Weltrekorde fielen anderswo. In Valencia, 10 000 Meter Männer und 5000 Meter Frauen. Nach Corona-Monaten ohne funktionierende Dopingkontrollen und mit den neuen »Wunderschuhen« von Nike. Mit Katapulteffekt. Wie vor 50 Jahren die russischen Hochsprungschuhe (Stepanow). Die verboten wurden. Aber Nike ist nicht Russland.
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Donald Trump hätte natürlich gegen Alica Schmidt gewonnen, auch ohne Katapultschuhe. Allerdings müsste er als Wahlwettkämpfer disqualifiziert werden, da er auf Steroiden ist. Selten hat ein Doper seine Praktiken derart unverfroren zugegeben wie Trump. Er tönte sogar, dank der Steroide fühle er sich stark und fit wie vor 20 Jahren.
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Im Zusammenhang mit Trumps Steroiden werden »Experten« zitiert, die als Nebenwirkung »Gefühle von Größenwahn« nennen. Stimmt aber nicht. Auch das kann ich beurteilen, da vor einem halben Jahrhundert an mir selbst getestet. Ich blieb damals bescheiden wie immer. Ich wunderte mich nur, aber nur ein wenig, dass es außer mir kein »extrem stabiles Genie« gab. Und dann kam Trump.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 9. Oktober 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Alle Leute, die von der Seele etwas verstehen …

…  bezeugen es, dass sie von XXX  ruiniert worden sei und dass XXX die Quelle eines bösen Verstandes bilde, der den Menschen zwar zum Herrn der Erde, aber zum Sklaven der Maschine mache. Die innere Dürre, die ungeheuerliche Mischung von Schärfe im Einzelnen und Gleichgültigkeit im Ganzen, das ungeheure  Verlassensein des Menschen  in einer Wüste von Einzelheiten, seine Unruhe, Bosheit, Herzensgleichgültigkeit ohnegleichen, Geldsucht, Kälte und Gewalttätigkeit (…), weil kein Glaube, eine Liebe, keine Einfalt, keine Güte mehr im Menschen wohne …

Wer oder was ist daran schuld, dass keiner Güte mehr im Menschen wohnt? Wen oder was kennzeichnen die innere Dürre, die ungeheuerliche Mischung von Schärfe im Einzelnen und Gleichgültigkeit im Ganzen, die Unruhe, Bosheit, Herzensgleichgültigkeit ohnegleichen, Geldsucht, Kälte? Scheint klar. Oder? 

Wer oder was ist XXX?

Geschrieben von gw am 2. Oktober 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 26. September)

Der Fußball »genießt offenbar Narrenfreiheit« (Frank Ulrich Montgomery, Chef des Weltärztebundes) und schreibt dennoch oder deswegen die schönsten Geschichten (siehe Javi Martinez, künftig Ex-Bayernspieler). Ein weites Feld, auf dem Fußball gespielt wird.
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Wenn es für die Nationalelf im Nations Cup um die verschrumpelte Ananas geht, wie von mir und hier gespottet, dann ging es für die Bayern gegen Sevilla um die vergiftete Kokosnuss. Wie die Operation am offenen Corona-Herzen der Gesellschaft endet, wird die nähere Zukunft zeigen. Dass sie sportlich überflüssig und pandemisch kreuzgefährlich war, ist jetzt schon keine Frage. Worum es ebenfalls geht: »Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!« (Margarete alias Gretchen). In diesem Fall drängen und hängen die UEFA und das von ihr vertretene Metier, das Goethe noch nicht kannte, sonst hätte er den Faust … ach, Quatsch … die Faust geballt und in sein geflügeltes Wort den Halbsatz geschoben: »Und am Fußball.« Ach, wir Armen!
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Das Stadion in der Goethe-Stadt hat wieder einen neuen Namen, den ich mir wie schon den vorigen nicht merken werde. Egal was draufsteht, Waldstadion ist drin. Früher haben arrogante Weltbanker (Koppers Peanuts, Ackermanns V-Zeichen) das Waldstadion und seine halbseidenen SGE-Protagonisten auf der Haupttribüne und im Vorstand verächtlich gemieden, jetzt suchen sie Schutz und Renommee bei einem solide geführten Verein mit gutem Ruf. Zeitenwende allüberall.
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Angeblich will die Bank dem Verein helfen, die Digitalisierung voran zu treiben. Beispiel Bratwurst (im Fußball öfter zitiert als Goethe): Um das Gedränge vor den Buden in der Halbzeit zu entzerren und den Umsatz davor und danach zu steigern, könnten die Preise im Sekundentakt geändert werden. In der Halbzeit teuer wie eine Ribery-Gedächtnisgoldwurst, davor und danach echte Schnäppchen-Häppchen. Während das Spiel läuft? Klar, ist doch Nebensache. Mit Fernseh-Service am Budchen. Und wenn dann Breaking News aus den FinCEN Files in Sachen Geldwäsche laufen – digitalisieren wir sie einfach weg.
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Von der brave new world zu einer untergehenden. Ihren Niedergang habe man bei den Hessischen Meisterschaften der Leichtathleten erkennen können, bei denen in manchen Disziplinen Leistungen zum Titelgewinn reichten, mit denen man früher nicht mal auf die Idee gekommen wäre, überhaupt teilzunehmen. Schrieb ich. Dazu merkt Reinhard Schartl (Bad Nauheim) an: »Ihre Bewertung ist zutreffend, jedoch muss auch berücksichtigt werden, dass Hessische Meisterschaften für Spitzenleichtathleten offensichtlich bedeutungslos sind.« Unser Leser führt prominente Namen wie Michael Pohl, Marc Reuther, Rebekka Haase oder Carolin Schäfer an, gibt jedoch zu bedenken: »Den vorne platzierten Athleten und Athletinnen ist aber zu bescheinigen, dass sie jedenfalls im eigenen Leistungsbereich häufig gute, teilweise Bestleistungen erzielten. Das Problem liegt also nicht allein im Niedergang – der allerdings nicht zu bestreiten ist.«
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Das sehe ich genauso, hatte es auch zuvor im Blog geschrieben, aus Platzgründen aber nicht in die Kolumne übernommen, was hiermit nachgeholt sei: »Glückwunsch an alle Teilnehmer, die eine persönliche Bestleistung geschafft haben und damit vielleicht sogar ganz vorne gelandet sind. Persönliche Bestleistung anzustreben, das war für mich immer der tiefere Sinn der sportlichen Betätigung, deshalb wurde ich Leichtathlet und blieb nicht im Handball, der für mich ›nur‹ Spiel war, ein schönes allerdings.« – Na ja, das dürften aktive Handballer heute anders sehen …
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Ist ja nicht ganz so einfach wie in manchem Modesport, in der Leichtathletik an die Spitze zu kommen, dafür muss man jahrelang trainieren, ohne Erfolgsgarantie. Eddie Hall, »stärkster Mann der Welt« (u.a. 500 kg im Kreuzheben), wollte kürzlich nebenbei richtig weit kugelstoßen. »Ich dachte wirklich, ich würde mindestens 20 Meter weit kommen.« Der 170-kg-Koloss kam im ersten Versuch auf neun Meter.
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Zu guter Letzt die Presse-Schau. »Zahl der Corona-Toten steigt stark« (Spiegel-online-Schlagzeile). »Die Zahl der Todesfälle ist aktuell rückläufig“ (aus dem zugehörigen Spiegel-Text). Die soziologische Fachzeitschrift »Soziale Welt« behauptet, es sei wissenschaftlich festgestellt, dass es keine Flüchtlingskrise gegeben hat, sie sei vielmehr »vom Sozialstaat absorbiert« worden. Und überall wird Angela Merkel zitiert, die den Vereinten Nationen zum 75. Geburtstag gratuliert und »nationale Alleingänge scharf kritisiert« – das ist mal echte Selbstkritik! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 25. September 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.