Sport-Stammtisch (vom 18. September)

Selbst an Fußball-Tagen wie diesen findet der Freund des wahren Sports seine kleine Freude am großkotzigen Champions-League-Geschehen. Sogar Bayern-Verächter sympathisieren mit einem Klub, der mit zwar großem, aber sebst verdientem Geld den Milliarden-Pleitier FC Barcelona zur Hinterherlauf-Kundschaft degradiert. Und erst Brügge! Katars Pariser Fantastillionäre verlieren in der europäischen Provinz zwei Punkte – da geht naiven Fußball-Freunden das Herz auf.

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Apropos naiv, Fußball, Katar und Fantastillionen. Eine Milliarde für Afghanistan, davon hundert Millionen von Deutschland. Als humanitäre Hilfe, dagegen kann niemand etwas sagen, der ein Herz im Leib hat, zumal es für den gedachten Zweck hinten und vorne nicht reichen wird. Dass es unter dem Strich eine Milliarde für die Taliban und den Aufbau ihres Systems ist, das festzustellen ist jedoch nicht opportun. Aber was ist mit Katar, dem großen Freund der Taliban? Und den Chinesen? Die Katarer könnten die Milliarde locker aus ihrer Fußball-Portokasse zahlen, tun es vielleicht sogar, doch eher nicht für humanitäre Hilfen. Dafür haben die Taliban ja uns. China können wir kaum unter Druck setzen, aber Katar? Zahlt, oder wir lassen eure WM platzen plus eure abartige Protzerei in Paris – so einfach, so unmöglich. Weil „wir“ (Fifa, Uefa, PSG, Bayern & Co. und – zu Ende gedacht – auch wirklich wir) das gar nicht wollen.

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Wir haben ja auch andere Sorgen. Rassismus in der 3. Liga, pfui! Ein Spieler (hell) habe einen anderen (dunkel) aufgefordert, „mit seinen Eltern in die Heimat zu paddeln“. Im Vergeich zu anderen üblichen Gehässigkeiten auf dem Fußballplatz eine fast schon originelle Lappalie, aber vom Sportgericht streng bestraft. Ist diese Heimat überhaupt paddelbar erreichbar? Das Gericht hätte den Delinquenten selbst ins Kanu setzen und auf Forschungsreise schicken sollen (sagte ich dies in einem Interview, stünde hier jetzt: „lacht“).

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Wirklich und ohne (lacht) in einem Interview gesagt: „Fans erleben an jedem Spieltag, was Polizeigewalt bedeutet.“ Behauptet ein Fananwalt, der über den „harten Kampf um die Rechte aktiver Fußballanhänger“ klagt. Vielleicht berichtet ihm der paddelnde Forschungsreisende, falls ihm die Rückkehr gelingt, was Polizeigewalt wirklich bedeutet. Als jetzt ein Mob in Münster nach einem Regionalligaspiel landfriedensbruchartig randalierte, gab es zum Vergleich deutsche Polizeigewalt mit zwei (!) kurzfristigen Festnahmen. Sogar ein Hämatom soll gesichtet worden sein.

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Sehr viel Ältere erinnern sich an Gold-Jörgli Thoma, Heidi Biebl und die Olympischen Winterspiele 1960 in Squaw … neiiin! Squaw Valley heißt jetzt Palisades Tahoe. Der Name „Squaw Valley“ sei eine „Beleidigung indigener Frauen“, begründen die Betreiber des kalifornischen Skigebiets die Umbenennung. Hat Heidi Biebl, in diesem Jahr 80 geworden, 1960 also die Abfahrt von Palisades Tahoe gewonnen? Müssen die olympischen Statistiken neu geschrieben werden? Ach so, werden sie ja schon, unaufhörlich. Nicht wegen N-Wörtern diverser Art, sondern wegen des D-Worts. Kriegt nur kaum jemand medial mit. Übrigens hat mir das Rechtschreibprogramm aus „Squaw Valley“ „Squash Valley“ gemacht. Auch nicht schlecht. Wer sich wirklich für die Lebensumstände indigener Frauen (ehemals Indianerinnen) interessiert und einen spannenden und berührenden Roman lesen will, dem sei Louise Erdrichs „Der Nachtwächter“ empfohlen. Ich bin zwar erst auf Seite 97, aber schon sehr gefesselt vom Buch der großen US-Schriftstellerin und Halbindianerin Erdrich, das im Jahr 1953 spielt.

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Und bei allem Ernst auch Humor zeigt. Wie manche Grünen. Ja, solche gibt es auch. Soll aber eine intern bedrohte Art sein. In Reutlingen stellt sich ein optisch und nach eigenem Bekenntnis unzweifelhafter Vollmann „für den Vorstand zur Wahl. Als Frau.“ Er beruft sich auf das Frauenstatut der Grünen, in dem es heißt, „von dem Begriff ‚Frauen‘ werden alle erfasst, die sich selbst so definieren.“ Der Vorstand nahm die Kandidatur an. Wahl folgt.

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Der Spaß (der vielen Grünen aber vergeht) hat natürlich einen ernsten Hintergrund, auch einen sportlich existenziell wichtigen. Mit Caster Semenya begann vor Jahren eine Diskussion, die in ihrer heutigen diversen Verschärfung (siehe Frauenstatut) auf das Ende des konventionellen Frauen-Wettkampfsports hinaus läuft, der ja eine Schutzzone ist.

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Wenn jeder bei den Frauen starten darf, der sich als Frau vorstellt, werden vielleicht auch die Teilnehmerfelder bei den Hessischen Meisterschaften der Leichtathleten wieder größer. Vorige Woche in Friedberg gab es oft mehr Endkampfplätze als Teilnehmer. Über die Leistungen gar nicht erst zu reden, darunter mögen zwar einige persönliche Bestleistungen gewesen sein, und das ist immer das schönste Erfolgserlebnis und der wahre Sport, aber manche Teilnehmer hätten kaum das Sportabzeichen geschafft.

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Leicht übertrieben, ich weiß. Wirklich gar nicht erst zu reden sein sollte aber über einen Boxkampf in den USA, mit einem ehemaligen Weltmeister um die 50 und einem Kommentator namens Trump, denn jede Erwähnung erhöhte nur die Bedeutung, also auch diese hier. Daher Schluss für heute. (gw)

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Geschrieben von gw am 17. September 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 4. September)

Die USA haben sich als Weltmacht Nummer eins verabschiedet. Ihre Rolle übernimmt Katar, allerdings in einer anderen Disziplin. Zum Glück, denn es geht nur um Fußball. Der aber ist unter den Nichtigkeiten dieser Welt die wichtigste, wie ein ein Papst aus Polen einmal sagte. Messi, Mbappe, Paris, WM – das Emirat hat alles im Griff. Und greift auch nach anderem Sport. Zum Beispiel Leichtathletik. Katars Chefcoach heißt seit vielen Jahren Joachim Krug. Ehemaliger Kugelstoß-Kollege, DDR-Flüchtling, viel er- und überlebt. Ob er für unsere Leser aus seinem Leben in Katar erzählen würde? Vielleicht später mal, vertröstet er mich. Vernutlich auf den St. Nimmerleinstag. Verständlich.

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Beim Diamond-Meeting in Paris wurde Johannes Vetter mit 80,23 m nur Zweiter, schreibt dpa. Dass er weit von seiner weltrekordreifen Form der Frühsaison entfernt ist, weiß seit Tokio auch der Laie. Aber nur 80,23 m? Sieht man sich die Ergebnisliste an, hat er tatsächlich diese 80,23 m geworfen … im letzten Versuch. Zuvor aber 87,20 m, viel weiter als alle anderen. Vetter hat also klar gewonnen, glaubt der naive Sportfreund zu wissen. Aber der hat ja keine Ahnung, wie schwer es der Leichtathletik im Ex-und-Hopp-Eventsport geht. Daher hat der Weltverband die fernsehgerechte Regeländerung erlaubt, nach fünf Versuchen nur den bis dahin besten Drei den letzten Versuch zu gestatten und nur diesen für Sieg und Platz zu werten. Im Klartext: Hätte Vetter in einem der fünf Versuche 100 Meter weit geworfen und im letzten übertreten, stünde er jetzt als neuer Weltrekordler und gleichzeitig Paris-Letzter in den Büchern. Schwachsinn, klar, aber der hat Methode. Sie wollen die Leichtathletik aufmotzen und verkaufen ihre Seele. Für die komprimierte Live-Präsenz im Fernsehen. Und wo bitte wird die Diamond League übertragen? Nur im Bezahlfernsehen. Die Katarisierung des Weltsports schreitet voran, mit Fifa, IAAF & Co. als willigen Helfern.

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Wolf-Dieter Poschmann. Der Vereinskamerad lief meistens vorneweg, größer und schwerer als die Konkurrenz, immer mit einem schwarzen Bändchen um den Hals. Sprintstark war er nicht, daher bot sich in der letzten Runde oft das gleiche Bild: Von den leichtfüßigen Spurtern überlaufen, rettete er sich mit schwerem Schritt ins Ziel. Aber oft mit guten Zeiten nationaler Spitzenklasse. Mit uns Werfern verstand er sich gut, was auf Gegenseitigkeit beruhte und unter Ausdauer-Dünnbeinen und Explosiv-Kolossen eher selten war. Gemeinsam gewannen wir mit dem TV Wattenscheid den Europapokal der Landesmeister, leise darüber lächelnd, da wir nur zu genau wussten, welchen sportlichen Wert dieser Titel in der Leichtathletik im Gegensatz zum Fußball hat. Später wurde er Lehrer, Wirt eines Weinlokals und schließlich Sportstudio-Moderator. Bei vielen, jedoch nicht bei allen beliebt, ein fachlich als Leichtathletik- und Ausdauer-Experte über jeden Zweifel erhabener Sportjournalist (was bei Fußballern nicht zur Beliebtheit beiträgt). Jetzt ist Poschi gestorben, mit 70. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ihn laufen, mit schwerem Schritt und schwarzem Bändchen um den Hals. Diesmal kam er viel zu früh ins Ziel.

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Im letzten „Sport-Stammtisch“ über den Spiegel räsoniert, der neun Seiten über den Suizid einer Spielerfreundin abgesondert hatte. Im Kontext hatte ich auch Cathy Hummels erwähnt, derzeit bekannteste Spielerfrau/Influencerin. Am selben Tag erschienen Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine mit gleichartigen Homestorys über Cathy Hummels, randvoll mit Nichtigkeiten der unwichtigsten Art. Warum sägen SZ, FAZ, Spiegel und andere mit soviel Fleiß an dem journalistischen Ast, auf dem sie sitzen? Schon seit vielen Jahren, seit dem Internet-Schock, tanzen Zeitungen großen und kleinen Kalibers um das scheinbar goldene Online-Kalb und verblöden sich selbst, indem sie bewusst ihr eigenes Niveau unterbieten, um sich mit Geschwätzigkeiten und aufgeblasenen Aufgeregtheiten bei einem Publikum anzubiedern, das sie nie erreichen werden, wobei sie gleichzeitig ihre Stammleserschaft verprellen (dass die biologisch sowieso schrumpft, ist ein anderes Thema).

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Immerhin, in den Geschichtchen schimmert eine Perle von Cathy, für die sich alle Nichtigkeiten lohnen: „Hört auf, über Shitstorms zu schreiben. Die Medien machen die Shitstorms erst groß.“ Wie recht sie hat! Man stelle sich bloß vor, die Zeitungsverlage hätten schon die Prototypen der asozialen Medien, die Wasserhäuschen und ihre schwadronierende und krakeelende Kundschaft, derart emsig und ernsthaft beobachtet wie heute Twitter, Facebook & Co. und hätten ihre Reporter und Redakteure angewiesen, die fetzigsten, dumpfdoofsten Brabbeleien und Blökereien zu zitieren und zu kommentieren. Unvorstellbar? Heute wahr. Danke, Frau Hummels.

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Zu trübsinnig? Zu guter Letzt klart es auf, daher ein wettergemäß sonniges Schlusswort von Dr. Sylvia Börgens, emeritierte Wetterauerin und Online-Leserin in Geisenheim, zur sexuellen Anspielung im französischen „Chanson des Jahrhunderts: „Zum Lied ‚Paris s’èveille‘ (14.8.) noch die Anmerkung, dass der Obelisk zwischen Nacht und Tag nicht abgerichtet, sondern aufgerichtet ist. Das Abrichten funktioniert in diesem Falle nicht, habe ich mir sagen lassen.“ – Tja.

 (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Geschrieben von gw am 3. September 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 28. August)

Aus einer PR-Meldung: „Die Athleten begeisterten die Zuschauer mit sportlichen Höchstleistungen an Axt und Säge und Spannung bis zur letzten Sekunde.“ Es geht um Sportholzfällen. Robert Ebner „sicherte sich mit einem neuen Hot Saw-Weltrekord seine siebte Meisterschaft.“ Einerseits: Wasfürnquatsch. Andererseits, auf den zweiten Blick: Gibt es nicht andere Sportarten, die noch viel quatschiger sind? Gespaltene Meinung, wie von der Axt getroffen.

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Tokio. Bei Olympia wurde der Moderne Fünfkampf skandalisiert. Was überaufgeregt war. Aus sportlicher Sicht genügt die Frage, wie groß die Konkurrenz in dieser Sportart ist. Wo hat wer die Möglichkeit zum Schießen, Fechten und Reiten? Ähnliche Fragen zur Konkurrenz-Dichte würden sich bei den jetzt laufenden Paralympics stellen. Sie stellen sich aber nicht, weil sie niemand beantworten will. Aus Scheu, Berührungsangst und Respekt vor beeindruckend gemeisterten Schicksalen.

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Noch schwierigeres Thema. Vorsichtige Annäherung: Junge, erfolgreiche Fußballprofis, oft aus sozial schwierigen Verhältnissen kommend, verdienen Millionen und werden berühmt. Glanz und Glamour ziehen viele junge Mädchen an, die nicht Fußballprofi werden wollen, sondern die Frau an seiner Seite und dadurch, mit dem doppelten Jodel-Diplom („Model und Influencerin“), ebenfalls reich und berühmt. Es gibt einige Erfolgsgeschichten in dieser Szene und viele scheiternde oder schon gescheiterte. Meistens spielen sie sich in der Öffentlichkeit ab, beziehungsweise in einer speziellen Abteilung der Öffentlichkeit, die nur eine gewisse Schicht interessiert, während andere – sagen wir mal: Sie und ich – nichts davon wissen wollen, weil zu … na ja, wie soll ich es nennen, ohne arrogant zu wirken?

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Zwischenbemerkung. Eintracht Frankfurts Publikumsliebling Martin Hinteregger erzählt in einem Fernseh-Interview, viele Profifußballer seien Alkoholiker geworden oder komplett abgestürzt, „wahrscheinlich ein Drittel“. Ein Drittel? Wohl übertrieben, aber das Problem an sich ist bekannt. Bemerkenswert aber, wie Hinteregger auf die Feststellung reagiert, auch er sei ja schon „durch Alkohol-Eskapaden“ aufgefallen: „Ich bin kein Alkoholiker. Ich feiere halt gern.“ Diesen Satz haben schon viele besorgte Ärzte und Angehörige gehört …

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Zweite Zwischenbemerkung. Dass sich Mats Hummels und seine „Influencer“-Gattin Cathy getrennt haben, weiß jeder, der sich einschlägig informiert, also nicht jeder „Sport-Stammtisch“-Leser (dieser jetzt also auch). Mats hat schon eine neue Gefährtin, offenbar ebenfalls auf den asozialen Medien unterwegs, denn sie weiß, „dass mich einige Leute mit Vorurteilen personifizieren“. Die Welt, vor allem die digitale, wäre eine bessere, wenn sich alle Leute mit sich selbst personifizieren würden.

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Annäherung an das Thema abgeschlossen. Eine junge Frau bringt sich um. Vermutlich aus Beziehungs-Verzweiflung. Tragisch. Aber darum soll es hier nicht gehen. Sondern um ein Nachrichtenmagazin, das diesen Suizid und seinen möglichen Hintergrund auf neun (! ) Seiten ausbreitet, mit 16 (!) Fotos garniert. Mit der Mutter als Hauptinformantin, mit Zitaten aus Mails, Chats und Posts, auch von einer Rivalin. Der Mann, gegen den sich das alles richtet, schweigt. Ein berühmter deutscher Fußballprofi. Die junge Frau war seine oder nur eine Freundin, sie selbst „Model“ und „Influencerin“. Und nun neun Seiten, 16 Bilder. Überwiegend mit Informationen wie diesen in einer Textnachricht des Models an den Profi: „Ich will Dir nichts Mehr geben (…) ich bin kein bastard oder dein Entertainment dass du dir mich herholst wann du lust und Laune hast.“ Oder die Mutter: „‚Er hat mich immer ganz herzlich Mama genannt‘, sagt sie und zeigt wieder Nachrichten, die das belegen.“ Undsoweiterundsoweiter, es hört einfach nicht auf, Seite für Seite für Seite. Nachrichtenmagazin? Es ist alles einfach nur traurig.

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Ganz anderes Thema. Erst die Russen, dann die Amis, in ihrem Gefolge wir … nein, zuerst waren es die Engländer. Über „Das Trauerspiel von Afghanistan“ schrieb Fontane schon 1859 eine Ballade, nachdem die Engländer in Kabul eine Regierung ihrer Wahl hatten inthronisieren wollen. Was gewaltig schief ging. „Wir waren dreizehntausend Mann / Von Kabul unser Zug begann / Soldaten, Führer, Weib und Kind / Erstarrt, erschlagen, verraten sind.“ Schlusszeilen: „Mit dreizehntausend der Zug begann / Einer kam heim aus Afghanistan.“ Die Briten wollten ihre Kultur und Politik in Afghanistan durchsetzen. Beim Rückzug verhandelten sie mit Stammeskämpfern, die ihnen Verschonung versprachen … und sie kurz danach in einem Hinterhalt ermordeten. Einer kam durch und konnte von der Tragödie berichten. Fontane machte aus der historischen Wahrheit eine Ballade. Das Trauerspiel von Afghanistan. Endlosschleife.

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„Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen.“ Der Satz von Herbert Wehner, mit dem er den Bundestag verlassende Abgeordnete verhöhnte, ist sprichwörtlich geworden. Das Wort, das Flügel bekommen hat, trifft für das westliche Desaster andersrum zu: „Wer reingeht, muss auch wieder rauskommen.“ Aber das ist eventuell ein anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

 

Geschrieben von gw am 27. August 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 21. August)

Atemlos durch das erste Titelspielchen oder Titelchenspiel: Lewandowski 2, Haaland 0, Suppencup an die Bayern, übertragen von SAT1, reportiert von Wolff Fuss (ich würde zu gern wissen, was Marcel Reif über ihn sagt, wenn er unter vertrauenswürdig Schweigenden weilt), ohne mich als Zuschauer, obwohl frei zu sehen, wollte wegen Belanglosigkeit nur in die zweite Halbzeit reingucken, hab’s aber vergessen, da gemütlich am Lesen, verpasst wohl nichts, außer der Würdigung des in die ewigen Torjagdgründe und zuvor seit Jahren auch schon verschwundenen einzigartigen Müllergerd. – Einmal tief Luft holen …

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… weiter geht’s gemächlicher. Der „Spiegel“ arbeitet sich wieder am „Sommermärchen“ ab. War es gekauft? Die Beratungsfirma Esecon kommt für teuer Geld zu dem Schluss: vermutlich ja. Meine Expertise wäre billiger gekommen: ja was denn sonst? Nur unwesentlich schwierigere Frage: Gab es jemals eine ungekaufte WM?

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Nachtrag zum Reiten beim Modernen Fünfkampf, das „nichts, aber auch gar nichts mit Reiten zu tun hat. Denen kann man genauso gut ein Fahrrad oder einen Roller geben“ (Isabell Werth, beste Reiterin von allen). Reitsportlich habe ich keine Meinung dazu, jedenfalls keine ohne Kotsturmgefahr. Aber warum ist der Moderne Fünfkampf modern? Weil man mit seinen Disziplinen Kriege gewinnen konnte? Allerdings nur, bis 1916 die britischen Tanks kamen …

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Die ersten Tanks waren schon Panzer, hießen aber Tanks, weil der Name fahrende Wasserbehälter vortäuschen sollte. Es wurde aber genauso wenig Wasser in die Tanks gespült wie heute Geld in die Kassen, obwohl Letzteres immer öfter behauptet wird. Vo allem bei Fußballer-Wechseln wird Geld „in die Hand genommen“ und „am Ende des Tages“ „in die Kasse gespült“. Drei Phrasen, gleichermaßen beliebt, je öfter, desto einfallsloser. Ähnlich wie der „Aktivist“, der für alles mögliche benutzt wird, aber bei etwas Überlegung in jedem Einzelfall ein treffenderes Wort fände. „In die Kasse gespült“ – wie geht das? Um Münz-Kleingeld handelt es sich nie, das könnte kieselsteinartig noch unversehrt in eine Kasse gespült werden. Papiergeld? Bitcoins? Fantastillionen in Entenhausener Hartwährung? Wenn Geld „gewaschen“ wird, hat es wenigstens einen historischen Hintergrund, Al Capone, seine Waschsalons usw. Auch „eine Hand wäscht die andere“ ist ein sehr schön treffender Ausdruck.

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Noch so’n Wort. „Afghanistan ist eine Blaupause des Scheiterns.“ Kaum jemand macht sie, fast alle schreiben sie. Ich kenne noch das blaue „Pauspapier“ aus der Schule, auf manchen Rechnungsblocks wird noch „durchgepaust“, aber als bildhafter Begriff ist die Blaupause genauso gegenwartsnah wie … „Afghanistan ist ein Matritzendrucker des Scheiterns.“

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Aber es gibt auch erfreuliche Sprachfunde. Bernhard Peters, sportlicher Nachwuchsentwickler, wird im FAZ-Interview befragt, „warum gewinnen die Deutschen in Mannschaftsportarten nichts mehr?“ In dem ellenlangen und manchmal ermüdenden Interview elektrisiert mich immerhin ein Peters-Satz: „Wird an den richtigen Schrauben gedreht?“ Schrauben? Ganz ohne die übliche „Stell“-Vorsilbe? Tut richtig gut.

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Skateboard ist in. So cool, so lässig. Kleine Mädchen, zwölf und 13, sammeln millionenschwere olympische Medaillen (jedenfalls nach deutscher Förderungsrechnung pro Medaille, aber für uns gab es beim Skateboard ja keine, doch das ist ein anderes Thema). „Von Kinderschutz redet keiner der hochfahrenden Olympier“ und „besonders recht ist dies Sportartikelhersteller Nike“, schreibt Evi Simeoni in der FAZ, eine der wenigen Hinterfragenden dieses Sündenfalls, den kaum jemand als solchen sieht, sondern als – siehe oben … so cool, so lässsig.

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Simeoni weist in ihrem Text (Titel: „Hippe Kinderarbeit“) auch auf die Parallelen zum Kinderturnen vergangener Jahrzehnte hin und fordert ein Mindestalter. In einem der ersten gw-Texte (Titel: „Schleifchen brutal“) schrieb ich, vom Kinderturnen um Olga Korbut bei Olympia 19272 in München abgestoßen: »Je härter, zeitraubender und brutaler das Training, desto größer die Schleifchen im Haar (…) Das Vertrackteste dabei ist, dass die Zuschauer den kleinsten, jüngsten und zierlichsten Mädchen auch am hemmungslosesten zujubeln.« »Schleifchen brutal« bleibt ein halbes Jahrhundert später aktuell, nicht nur im Turnen (das aber schon viel dagegen getan hat). Auch im Skateboard muss ein Mindestalter her, ob Nike & Co. plus hipper Zeitgeist das wollen oder nicht.

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Vom letzten Samstag: „Warnung am Weg in den mittelhessischen Wald: ‚Achtung! Gefahr von waldtypischen Risiken!‘ Das Bild dazu: Einem Wanderer fällt ein Ast auf den Kopf. Ist solch ein Warnschild in irgendeinem anderen Land vorstellbar?“, fragte ich, rhetorisch gemeint. – Aber „auf jeden Fall“, weiß Werner Munzert: „Aus etlichen Besuchen in den USA bin ich sicher, dass unter dem Bild stehen würde: Enter at your own risk oder Do not enter.“ – Stimmt. Wohl aus Furcht vor den dort üblichen absurd hohen Schadenersatzforderungen. Legendär die TV-Warnung vor gefährlich aussehenden „Moves“ beim athletischen Turniertanz, auch bekannt als Wrestling: Don’t try this at home!

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Auch das noch: Satire verspottet die Realität, indem sie deren kritikwürdige Erscheinungsformen bis ins Absurde übertreibt und dadurch lächerlich macht. Satiriker verzweifeln, wenn die Realität unübertreibbar absurd ist und daher immun gegen Verspottung. ZDF-Text auf Instagram zum Bild eines bärtigen Taliban: „Die Islamist*innen ziehen in immer mehr afghanische Städte ein.“

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Unfassbar herrlich. Oder dämlich. Da ich Menschheits-Optimist sein will, hoffe ich sehr, dass der ZDF-Texter ein kleiner Schlingel ist, der seiner genderdevoten Sendeanstalt eins auswischen wollte. Leider bin ich keiner.

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Schließlich noch ein herzliches Dankeschön an alle Leser, die mit Rat, Tat und Mail Anstöße für gw-Anstöße geben (zum Beispiel Doris Heyer, Dirk Becker oder Fritz Will). Immer öfter enden solche Mails mit der freundlichen Aufforderung: „Weiter so!“ Einem Leser unterlief kürzlich der Schreibfehler „Weiser so!“ Ich will mich bemühen. Auch ein weißer alter Mann kann weiser werden. (gw)

 

 

 

Geschrieben von gw am 20. August 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 14. August)

Einige Anmerkungen zwischen den Spielen der XXXII. Olympiade und der 59. Spielzeit der Fußball-Bundesliga.

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Erster „Stammtisch“-Satz am letzten Samstag: „Heute tritt der zweite der beiden größten deutschen Goldfavoriten an. Der erste war Oliver Zeidler. Das sollte Johannes Vetter eine Warnung sein.“ Also doch.

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Geahnt und befürchtet. Das vage Gefühl der letzten Wochen drehte Richtung Gewissheit, als Vetter zum Anlauf des ersten Versuchs bereit stand. Er wirkte verunsichert und vor allem verzagt. Sein muskelstarker Oberkörper schien geschrumpft. Kann es wirklich nur an der weichen Bahn liegen?

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Was hat der Trainer gerufen, als das störrische Sportgerät nicht weit genug fliegen wollte? „Hau drauf! Hau richtig drauf!“? Nein, kleiner Scherz, er schimpfte: „Wir sind beschissen worden.“ Faire Verlierer braucht das Land.

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Warum ist Schach nicht olympisch? Läge doch voll im Trend. Der König ist eine träge, ungefährliche Figur, die Dame aber schagstark und fast allmächtig.

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Deutschland im Medaillenspiegel hinter Holland. Respekt! Das muss man als hochgerüstete Sportnation erst mal schaffen.

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Nirgendwo wird Thomas Bach medial so hart kritisiert wie in seinem Heimatland. Vielleicht hülfe es, wenn die Kritiker ihn nicht an ihren Idealvorstellungen mäßen, sondern an seinen Vorgängern. Da kriegt er eine 2 plus. Mindestens.

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Naives zu Messis Tränen. Warum blieb er nicht für lau in Barcelona? Leisten könnte er sich es. Schluss mit naiv: Vielleicht würde er es sich sogar gerne leisten. Aber wo Messi spielt, entscheidet nicht Messi.

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Messi ist da – „Paris erwacht“! Das Lied von Jacques Dutronc wurde 1999 in Frankreich zum Chanson des Jahrhunderts gewählt. Kompletter Titel: „Il est cinq heures, Paris s’éveille“ (Es ist fünf Uhr, Paris erwacht). Wen kümmern da noch die Financial-Fairplay-Regeln? Liebe katarische Pariser, nach Mitteleuropäischer Fußballzeit ist es nicht fünf Uhr früh, sondern fünf nach zwölf.

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Wenn diese Blase nicht platzt … ja, was dann? Sie platzt einfach nicht, und wenn sie noch so grotesk aufgeblasen wird. Handeln statt klagen. Bei sich selbst anfangen. Hab’s getan. Gekündigt. Ein Leben ohne Abo ist möglich, aber … hoffentlich greift Loriots Mops-Theorie nicht beim Fernseh-Livefußball.

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#DieLigaBistDu-Ohne euch ist es nur ein Sport. Neuer Slogan der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Arroganz kennt keine Grenzen. Ohne seine Fans ist Fußball „nur ein Sport“? „Nur“? Das macht den Nur-ein-Sportlern den Fußball noch sympathischer.

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Nochmal Jacques Dutronc. Dass „Paris s’éveille“ von 1968 und aus der Zeit gefallen ist, beweisen heute nicht mehr mögliche sexuelle Anspielungen wie „L’Obélisque est bien dressé entre la nuit et la journée“ (Der Obelisk ist gut abgerichtet zwischen Nacht und Tag). Französischer Humor ist auch nicht subtiler als deutscher.

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Warnung am Weg in den mittelhessischen Wald: „Achtung! Gefahr von waldtypischen Risiken!“ Das Bild dazu: Einem Wanderer fällt ein Ast auf den Kopf.

Ist solch ein Warnschild in irgendeinem anderen Land vorstellbar?

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„Spiegel“-Titelthema: „Gerät das Klima außer Kontrolle?“

Wer hatte denn das Klima bisher unter Kontrolle? Etwa der Mensch?

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Ich bin 73, Jahrgang 47 und werde demnächst 74. Umgekehrt wäre mir lieber. Stimmt ja 2021 auch rechnerisch: Jahrgang 74 wird 47.

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Ein Hit im Netz: „73-jähriger Skater verzückt Russland.“ Was andere verzückt, zieht mich runter. Wer im Alter der Jugend hinterher skatet, muss was verpasst haben. Aber das ist eine sehr umstrittene Einzelmeinung und außerdem ein ganz anderes Thema, das mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun hat. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Geschrieben von gw am 13. August 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.