Sport-Stammtisch (vom 16. Dezember)

Manchmal hat man ja sehr seltsame Assoziationen. Nach Hause fahrend, auf freier Landstraße in Gedanken versunken, gerade eben in den, dass ich mich eigentlich auch mal bei Twitter anmelden sollte, um nicht völlig den Anschluss an moderne Zeiten zu verlieren, da schrecke ich hoch – was liegt denn hier vorne auf der Straße? Blitzartig schließt  mein Hirn von Twitter auf Trump  und identifiziert dessen Toupet. Doch im selben Moment materialisiert sich aus dem vermeintlichen Ganzkopf-Haarteil ein plattgefahrenes Eichhörnchen.

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Ehrlich. Zu Hause  klicke ich Twitter an. Fast jeder Sportler sondert dort seine Tweets ab, das könnte manchmal interessant sein, außerdem würde man in Echtzeit erfahren, wenn der Irre in seinem Sandkasten randaliert und mit Atomförmchen um sich schmeißt. Also melde ich mich erstmals an – und scheitere. Mehrmals. Bis ich merke: Ich muss mich vor Jahren schon einmal angemeldet haben. Das Gedächtnis des alten Mannes …

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Ich hantiere mit alten und neuen Passwörtern, endlich bin ich drin und sehe: Ich folge nur zwei Menschen, Jacko Gill und David Storl. Klingt einleuchtend. Deren Trainings-Wasserstandsmeldungen würden mich interessieren. Ich sehe aber nichts. Gar nichts. Wenn ich jetzt einen Text twittere, wo zwitschert der hin? Liest ihn die ganze Welt oder landet er im Nirwana? Ich gebe auf. Wahrscheinlich melde ich mich in ein paar Jahren noch mal an und wundere mich dann, dass ich mich vor ein paar Jahren schon einmal angemeldet haben muss.

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Interessant wäre es aber schon, erführe man live, was zur Zeit ein Stöger oder ein Froome spontan und ungefiltert in die Welt zwitschern. Heute Köln, morgen BVB. Gestern Held, heute Doper. Verfall der Sitten, und die Moral in Insolvenz. Aber so einfach ist das ja alles nicht. Zum Beispiel Stöger: In den »Montagsthemen« hatte ich den fliegenden Wechsel von Marco Völler aus Gießen nach Frankfurt kritisch bedauert. Zwar erlaubten dies die Basketball-Statuten, es gehöre sogar zum Geschäftsmodell, aber es ruiniere meine – großes Wort – Liebe zum Sport. Und jetzt macht Stöger das Gleiche, sogar in einem Sport, der Spielern dies verbietet – und in mir meldet sich keine Kritik, kein Bedauern, sondern ein kleiner, prinzipienloser Mann im BVB-Trikot, der mir in den Gehörgang flüstert: Überraschung! Aber eine schöne. Prima Lösung! – Sind wir nicht alle ein bisschen … widersprüchlich?

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Was twittert Froome? Unaufgeregtes. Eine Lappalie, kaum der Rede wert, wird er zitiert. Regt euch ab. Alles sei regelkonform. – Ich rege mich erst gar nicht auf und verweise nur auf früher Geschriebenes. Fast alle Leistungssportler setzen Mittel und Methoden ein, die naive Freunde des Sports, wenn sie davon wüssten, als Doping werten würden. Russland ist überall. Auch zur Asthma-Epidemie fällt mir schon lange nichts mehr ein. Genau genommen seit 1994 in Lillehammer, als 95 Prozent der Teilnehmer Asthmatiker waren (Gesamt-Bevölkerung: fünf Prozent) und daher regelkonform Salbumatol inhalierend dopen durften.

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Doch! Etwas fällt mir ein: 95 Prozent der Olympiateilnehmer, also der Elite des Sports … in der DDR versuchte man, vielversprechende Talente durch Handgelenksvermessungen zu erkennen, obwohl doch scheinbar nur eine Methode ange»messen« ist: Hast du Asthma? – Wirst du gut!

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Auch Claudia Pechstein hat schon lange Asthma und läuft immer noch bei den Jungen vorne mit. Das hat Respekt verdient, zumal ihr nach der Blutanomalie-Affäre gerichtlich Nichtdoping bescheinigt worden ist. Sympathie kriegt sie dennoch kaum ab. Was mancherlei Gründe hat. Bei mir wegen des Armstrong-Effekts. Der tönte: »Verlieren ist wie Sterben.« Pechstein stimmt ein und zu: »Mein Motto ist: Siegen oder Sterben.«

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Ob sie das von ihrem Manager und Partner hat? Matthias Große scheint ein sehr spezieller Mann zu sein. In der FAS beschrieb er einmal seines Lebens Lauf: »Ich komme von ganz unten. Ich habe als Arbeiterkind der DDR an der Militärpolitischen Hochschule in Minsk studiert, mit Leuten aus 17 Nationen. Wir haben kämpfen gelernt, im Sinne von: Wie überlebe ich? Ich sollte General werden, mit 36 Jahren, dann ist die Mauer gefallen. Ich bin Toilettenmann im Grand Hotel geworden und habe weiter gekämpft. Heute habe ich eine Immobilienfirma in Berlin.«

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Der Motivations-Berserker hat seit einigen Monaten einen neuen Schützling, den sanften Kugelstoß-Riesen David Storl, der verzagt im Motivationsloch hockte. Wenn das größte Talent seit Randy Matson nun das größte Ego seit und von Matthias Große bekommt … dann aber, mein lieber Herr General!

Hat Storl schon die brachiale Wucht seines Mentors drauf, wenigstens verbal? Ich würde gerne lesen, welche Tweets er jetzt, nein, nicht vögleinsanft zwitschert, sondern löwengleich herausbrüllt, mit breiter Brust (aber bitte ohne Eichhörnchen auf dem Kopf). Aber dazu müsste ich mich erst einmal bei Twitter anmelden. Hab ich noch nie versucht. Aber jetzt!  (gw) * (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 15. Dezember 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Ohne weitere Worte (vom 12. Dezember)

Dortmund holt 3-Punkte-Trainer Peter Stöger von Fast-sicher-Absteiger Köln, um die eigene Saison zu retten. Ja sind die BVB-Bosse Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc jetzt verrückt geworden? (Michael Makus/Bild online)
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Sind sie nicht! Stöger ist nach der Entlassung von Emotionslos-Trainer Peter Bosz die bestmögliche Krisen-Lösung, die in dieser Situation auf dem Markt verfügbar war. Besser als Veh. Innovativer als Labbadia, Slomka und Co. (Makus/Bild online)
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»Wir haben viel Fußball gespielt. Auf Beton, in Käfigen. Ich war meistens der Kleinste, da muss man Ideen entwickeln, um sich gegen körperlich überlegene und ältere Jungs durchzusetzen. Man lernt dort schon, wie das Leben letzten Endes abgeht.« (Niko Kovac im Interview der Frankfurter Allgem. Sonntagszeitung)
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Als Kleinkind versuchte mich mein Sohn frühmorgens aus dem Bett zu werfen, indem er sich über meinen Kopf beugte und in mein Ohr rief: »Steh auf, wenn du Schalker bist!« (Chefreporter Stefan Willeke im Zeit-Magazin über sein Leben als Schalke-Fan).
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Bekannt ist die Begebenheit, als van Gaal einmal vor der kompletten Mannschaft die Hosen herunterließ. – »Er wollte als Trainer demonstrieren, dass er die sprichwörtlichen ›Eier‹ habe.« (…) – War das cool oder eher ein »No Go«? – »Ich weiß nicht.« – Warum nicht? – »Ich habe nichts gesehen …« (Luca Toni im Kicker-Interview über seinen früheren Bayern-Trainer)
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Manchmal glaube ich, dass mich Fußball gar nicht richtig interessiert. (…) Ich will eigentlich nur, dass Schalke spielt. Und dass Schalke gewinnt. (Willeke/Zeit-Magazin)
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Reines Glück und pure Verzweiflung in der Unmittelbarkeit des erlebten Moments als Teil einer Gemeinschaft – das ist Fußball im Stadion. Fuchs (Anm.: »Freiburger Fußballdenker«): »Der Videobeweis als Gefühlsblocker ersten Ranges ist ein Anschlag auf die Unmittelbarkeit dieser Erfahrungen.« (Peter Unfried in der taz)
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»Das (Bundesministerium), das in Deutschland für den Spitzensport zuständig ist, (…), will mindestens ein Drittel mehr Medaillen. Die Leute (…) verstehen die Botschaft: Die brauchen keinen weiteren exakten Einsatzbefehl mehr von oben.« (Dopingforscher Perikles Simon im Spiegel-Interview)
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»Seit einigen Jahren fahren deutsche Sportler häufig ins Trainingslager nach Florida. Angeblich weil dort die Trainingsbedingungen so gut sind. Als ich das gehört habe, ist mir schlecht geworden. Denn dort kommt man seit Jahren leicht an IGF-1 heran, ein wachstumsförderndes Insulinhormon und gängiges Dopingmittel.« (Simon/Spiegel)
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Das einzig Unperfekte an Catherine Deneuve ist die Tatsache, dass sie einen Song mit Joe Cocker aufgenommen hat. Das ist, als ob Al Pacino als Wrestler gegen Hulk Hogan angetreten wäre. (Harald Martenstein in seiner Kolumne im Zeit-Magazin)
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(Manuel) Charr (Anm.: Boxweltmeister nach Version WBA) mit Schmeling zu vergleichen klang in etwa so, als würde man, sagen wir: Franz Beckenbauer mit Thorsten Legat vergleichen. (Michael Eder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)
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»Heute sind die Intellektuellen so furchtbar ernst. Dabei ist ihr Humor wichtig. Ich kann nur deshalb keine Witze machen, weil ich selbst ja ein laufender Witz bin.« (Karl Lagerfeld im Interview des Zeit-Magazins)
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Hillary Clinton jettete durch die Welt wie ein Star, dabei sammelte sie Geld ein wie ein bulimisches Eichhörnchen das Popcorn auf dem Parkplatz des Autokinos. (Nils Minkmar im Spiegel über den Wahlkampf der letzten US-Präsidentschaftskandidatin)
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»Im Fußball wäre halblinks meine Position.« (Kinderbuch-Autor Paul Maar, Schöpfer des »Sams«, im Welt-Interview)
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»Ich bin sehr treu. Ich komme, was Freundschaft angeht, dem Imperativ meines Nachnamens sehr nahe.« (Schauspieler Moritz Bleibtreu im Zeit-Interview) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 11. Dezember 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 11. Dezember)

Bosz muss gehen, menschlich schade, sportlich unausweichlich. Gegen Bremen gab es das finale Trauer-Spiel. Der Holländer hat seinen Teil beigetragen. Einen ziemlich kleinen. Mit Klopp und dessen Crew flog der BVB hoch. Klopp ist weg, Buvac mit ihm, beide in Liverpool. Wagner beeindruckt bei Huddersfield, Wolf in Stuttgart. Mislintat, der Fußball-Trüffelfinder, von Tuchel vergrault, scoutet bei Arsenal. Lewandowski, Hummels, zwischenzeitlich Götze, Mikitarjan, Gündogan – alle weg. Seit Jahren bröckelt die Abwehr und mit ihr das ganze Spielgefüge. Jemanden oder etwas vergessen? Unter wessen Verantwortung das alles? Watzke und Zorc bleiben. Müssen sie auch. Um ihren ziemlich großen Anteil abzutragen.
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Fotos von Manuel Neuer bei der Bild-Spendengala. Immer noch auf Krücken. Das dauert schon lange und kann noch lange dauern. Dennoch wurde und wird die Verletzung(spause) erstaunlich unaufgeregt beziehungsweise kaum noch kommentiert. Auch die von Marco Reus. Beide in Topform, das würde die WM machbarer machen. Wird aber eng.
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Wenn es nach Mehmet Scholl geht, gewinnen wir jedoch gar keine WM mehr, sondern spielen nur noch solala mit. Wegen der Laptop-Trainer, die die Kinder »18 Systeme auswendig laufen und furzen«, aber nicht dribbeln lassen. Überhaupt sei die DFB-Trainerausbildung reine »Gehirnwäsche«. Etwa mit Waterboarding? »Oben ankommen wird eine weichgespülte Masse, die erfolgreich sein, aber niemals das Große gewinnen wird.«
Beifall für Mehmet, den Traditionspopulisten. Einer schweigt fein stille. Domenico Tedesco, den Scholl namentlich anprangert (auch Wolf, siehe oben). Das Beste, was er tun kann. Und auf dem Platz antworten. Wie am Samstag. Gladbach gegen Schalke, das war beiderseits prima Fußball, mit einem Trainer der alten und einem der neuen Schule. Alte oder neue Schule – egal, Hauptsache, gute Schule.
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Hinter Scholls populärsimpler Kritik steckt womöglich der Frust des einstigen Superdribblers mit dem Zauberfuß, der als Trainer von früheren Rumpelfüßlern überrundet worden ist. Und dem es offenbar gegen den Strich geht, dass der über Jahrzehnte hinterher hinkende Fußball den Rückstand zu anderen Sportarten immer mehr aufholt. Ohne  Relikte wie Scholl.
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Aber um seine Zukunft muss man sich nicht sorgen. Auch nicht um die des Freiburgers Jens Petersen, der öffentlich seine »Verblödung« durch zehn Jahre Profifußball beklagt. Erst recht nicht um die von Thomas Müller, der Petersen bestätigt. Wenn sich solche klugen oder zumindest schlauen Köpfe durch die zwangsläufige Eindimensionalität des Profi-Daseins verblödet fühlen, stehen sie immer noch hoch über den wirklich Verblödenden wie …. (Namen bitte nach Ihrem Geschmack ergänzen).
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Der Video-Beweis, der ja nun doch »meine« Video-Hilfe (= Assistent) für den Schiedsrichter sein soll, bleibt ein Reizthema. An der Umsetzung hapert es noch, wie auch an diesem Spieltag zu sehen. Aber die Sache selbst können nur Traditionspopulisten bekämpfen. Die kommen nicht nur im Fußball aus allen Ecken, gerne auch aus der linken. Und für alle gilt, was der Wirtschafts-Nobelpreisträger Jan Tirole sagt: »Populisten glauben nur, was sie auch glauben wollen.« Dagegen ist kein rationales Kraut gewachsen.
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Die taz raucht ein anderes Kraut und würde die »Videogerechtigkeitsnummer« am liebsten wieder abschaffen, denn »Fußball im Stadion«, das »ist reines Glück und pure Verzweiflung in der Unmittelbarkeit erlebten Moments«, und auf den Rängen »geht es um kollektive Verdichtung individueller Erfahrung«. – Noch ganz dicht? Ist Fußball nur die Ersatzdroge für den eigenen Gefühlsrausch und die größtmögliche sportliche Gerechtigkeit ein kalter Entzug?
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Am modernen Sport stören mich ganz andere Dinge. Die gleichen, die den Dopingforscher Perikles Simon veranlasst haben, aus dem Kampf gegen Doping auszusteigen. Im Spiegel-Interview resigniert er: »Alle wissen, dass die Russen nicht die Einzigen sind, die dopen. Das russische System kann ich mir in sehr vielen Ländern dieser Welt vorstellen, vielleicht sogar in den meisten.« Sag ich doch.
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Ein anderes Symptom scheint nur mich zu stören, aktuell personifiziert im Namen Völler. Nicht Rudi, sondern Marco, aber ein ebenso guter und nahbarer Typ wie der Papa. Gestern in Gießen, heute in Frankfurt, im fliegenden Wechsel. Die Statuten erlauben es, das Heute-hier-morgen-da gehört sogar zum Geschäftsmodell. Zum (vor allem Gießener) Basketball hatte ich viele Jahre lang ein sehr intensives Verhältnis, davon ist wenig geblieben.  Deshalb.
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Zu guter Letzt: Es gibt noch saubere Weltrekorde. Die Katze von Scott Sturtz sprang jetzt 3,40 m weit und pulverisierte die alte Bestmarke von 1,82 m gleich um … ach, das können sie besser ausrechnen als ich. Als Hotelier zweier Katzen, vergleichsweise armen Hüpfern, bin ich jedenfalls stark beeindruckt. Es sei denn, Mister Sturz hat sich die Hauskatze von Siegfried und Roy ausgeliehen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 10. Dezember 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 9. Dezember)

Zwei Ex-Trainer der Eintracht schlagen auf: Armin Veh in Köln, Jupp Heynckes sogar an – sehr – alter Heimstätte in Frankfurt. Dass sie »aufschlagen« bitte ich zu entschuldigen. Ich wollte nur einmal testen, ob ich das Wort schreiben kann, ohne Pickel zu kriegen.
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So, altes Tübchen Clearasil aufgetragen, weiter im Text: Veh beim Tasmania-Rekordanwärter, ob das passt? Kann er, fragt sich der Eintracht-Fan, Klubs statt in den Keller auch aus ihm heraus führen? Na ja, im Zweifelsfall hat der neue Sportdirektor einen Trainer als Puffer.
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Entschuldigung. Das war sehr böse. Zu böse. Fast so böse wie früher, als Heynckes die Eintracht ins Verderben stürzte. Lang ist’s her, aber SGE-Fans haben ein ebenso langes Gedächtnis. Dass ich Heynckes heute positiver sehe, gefällt nicht jedem. Ein Kollege las kürzlich ein SZ-Interview mit dem Bayern-Coach und mailte: »Hast du das gelesen? Was für ein selbstgefälliger Saubermann! Manchmal bedaure ich, dass ich keine Kolumne wie du habe.«
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»Selbstgefälliger Saubermann.« Schön gesagt. Schön böse. Ich war damals aber noch böser: »Aus jener Eintracht, die Heynckes im Juli 1994 übernommen hat, diese Eintracht des April 1995 gemacht zu haben, ist und bleibt eine einmalige Negativleistung. Endstation im Waldstadion. Im Fahrplan gibt es für die Eintracht keine 1.-Klasse-Anschlüsse mehr. Die internationalen Züge sind abgefahren. Umsteigen in die Bimmelbahn. Und so rollt der Frankfurter Ebbelwoi-Expreß 1995 als Bummelzug an der Fußball-Zukunft vorbei, während der dafür Verantwortliche sich aus dem Staub macht. Erster Klasse, im Salonwagen.«
Im grimmen Schmerz geschrieben, nach dieser »Legatisierung der Okochas«, mit der ich die zweifelhafte Ehre hatte, von Daniel Cohn-Bendit plagiiert zu werden, der mein Wortspiel als Eigenschöpfung ausgab. Später zog übrigens ein Ex-Eintrachttrainer den Text aus dem Portemonnaie, wenn er zu seiner Meinung über die Lage bei der Eintracht gefragt wurde. Das sei hundertprozentig seine Meinung.
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Irgendwann einmal hat Jupp Heynckes zugeben, in Frankfurt viel falsch gemacht zu haben. Das ehrt ihn. Später hat er viel richtig gemacht. Eindrucksvoll, was er jetzt in München bewirkt. Oder hätte das, stänkert der kleine böse Zwietrachtler in mir, nach Onkelottis Wellness-Urlaub in München jeder bewirken können?
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Jedenfalls sehr erfreulich, dass Heynckes’ Bayern den faulen Zauber des FC Katar Paris vorerst entzaubert haben. Fauler Zauber auch beim IOC: Winter-Olympia ohne Russland, aber mit Russen. Körperlich schafft Ex-Fechter Thomas Bach sicher keinen Spagat mehr, aber verbal kann keiner akrobatischer als der gewiefte Advokat, der als Leidtragender von 1980 im Sportlerherzen ein entschiedener Boykottgegner geblieben ist. Jetzt musste er handeln, der globale, nein, der atlantische Mainstream ließ ihm keine Wahl. Lieber wäre ihm wohl ein Boykotterl à la Austria gewesen. 1980 waren die Österreicher dabei, guckten aber grimmig an der Ehrentribüne vorbei. Einige sollen sogar das Fäustchen in der Tasche geballt haben.
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Natürlich bin auch ich für den Ausschluss Russlands. Alleine schon wegen des Medaillenspiegels. Den gewinnen wir! Aber Vorsicht! Bei der Gewichtheber-WM waren jetzt neun Top-Nationen wegen Dopings gesperrt (u. a. Russland, China und Kasachstan), und dennoch wurde unser bester Heber nur Siebter. Sauber! Sauber sicher auch der Georgier Lascha Talachadse, der im Superschwergewicht Weltrekorde aufstellte und dabei sagenhafte 220 kg riss. Fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, denn nicht einmal Eurosport übertrug. Im Stoßen schaffte Talachadse »nur« 257 kg, zwei Pfund weniger als Matthias Steiner 2008 in Peking, als diese Sportart vorübergehend in Deutschland weltberühmt war. Sauber!
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Ernst kann ich das alles schon lange nicht mehr nehmen. Zumindest, bis mir jemand den faktischen Unterschied erklärt zwischen den Sotschi-Russen und Fuentes (als Synonym für Spanien), den USA (vom Armstrong-Imperium bis Balco) oder Deutschland (frühe Schäuble Aussagen, Telekom, Freiburg, föderales Doping-Förderungssystem usw.).
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Aber immerhin ist mir das Aufwärmen des kalten Stellvertreter-Krieges im Sport lieber als das brandgefährliche Spielchen eines hitzköpfigen Kindkaisers. Dessen neueste Aktion begrüßt nur das Israel am nächsten stehende Organ außerhalb Israels. Welches? Bild Dir Deine eigene Meinung!
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Ein anderes Rätsel kann ich auflösen. Gestern stieß ich zufällig auf ein altes Interview, in dem der Befragte schier Unglaubliches von sich gab. Er wetterte gegen Mischehen, denn »Gott schuf uns unterschiedlich. Sperlinge fliegen mit Sperlingen, Tauben wollen mit Tauben zusammen sein. Jeder intelligente Mensch will, dass seine Kinder aussehen, wie er! Wer will sich hinstellen und seine eigene Rasse töten? Keine Frau auf der ganzen Welt kann mich so erfreuen, so für mich kochen und mich so gut verstehen wie …« wie seine mit der gleichen Hautfarbe, denn »das ist die Natur«. – Wer war’s? AfD? Ku-Klux-Klan? Neonazis? Nein. R.I.P., Muhammad Ali!
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Auch Christine Keeler möge in Frieden ruhen. Sie ist jetzt gestorben, mit 75. Nur Frühgeborenen sagt der Name noch etwas. Andere mögen ihn und »Profumo« googeln. Wir älteren Jungs erinnern uns an ein im Vergleich zu den heute allgemein zugänglichen Bildern sehr keusches Foto mit der nackten Keeler auf einem Stuhl, Lehne nach vorn. Nichts Entscheidendes zu sehen, aber kein Bild regte unsere Fantasie mehr an als dieses, das so harmlos war wie wir selbst. Aber das ist ein anderes Thema.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 8. Dezember 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Ohne weitere Worte (vom 5.Dezember)

Man könnte einen Stapel Spielkarten aus dem vierten Stock werfen, sie würden besser geordnet unten ankommen, als es die BVB-Abwehr je sein könnte. (aus dem Liveticker des Fußball-Magazins 11Freunde)
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»Als Eintracht Frankfurt sollte man nie den Fehler machen, nicht nach unten zu gucken. Sonst kann es ein böses Erwachen geben.« (Alex Meier im Interview der Frankf. Rundschau)
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Albern nehmen sich die zunehmenden Bilder aus mit Akteuren, die bei jedem Wortwechsel während des Spiels die Hand vor den Mund halten. Sie vermitteln den Eindruck, als würden sie permanent den Sicherheits-Code für Atomraketen ausplaudern. (Karlheinz Wild im Kicker)
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»Was passiert nach der A-Jugend mit der großen Masse an Talenten in den Bundesliga-Klubs? (…) Zweite Mannschaften sind leider oft ein Sammelbecken für Talente, die bis Mitte Zwanzig von der Bundesliga träumen – obwohl schon relativ klar ist, dass die Bundesliga für die meisten unrealistisch ist.« (Förderungs- und Scouting-Experte Michael Reschke im Interview der Süddeutschen Zeitung)
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Die Talent AG – die Amerikaner investieren pro Jahr mehr als 15 Milliarden Dollar in die Sport-Ausbildung ihrer Kinder. (Überschrift im Wirtschaftsteil der SZ zu einem Text von Jürgen Schmieder)
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Sportler aus dem Reagenzglas. (Sports Illustrated im Jahr 1988 über Todd Marinovic, der von seinem Vater schon als Säugling gedrillt wurde, um Football-Superstar zu werden)
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»Ich lerne gerade erst, locker mit Fehlern umzugehen und zu akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin. Erst jetzt habe ich wieder Spaß am Sport. (Todd Marinovic, 48, der seine bescheidene Karriere schon mit 24 beendete und zuvor und danach drogenabhängig war/zitiert im Schmieder-Text in der SZ)
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Von einem echten »Lesen« der Gedanken ist die Wissenschaft so weit entfernt wie derzeit die Borussia aus Dortmund vom Gewinn der Champions League. (Ulrich Schnabel/Zeit)
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In Oldenburg wurde gerade die schönste Deutsche über 50 gewählt. Der Presse entnahmen wir, nur halb erstaunt, dass Wolfgang Bosbach mit dabei war. (Peter Dausend in der Zeit)
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Zur Schönheit kam Bosbach wie einst die Brasilianer zu Bayer Leverkusen – auf Empfehlung von Reiner Calmund. Der Dicke, der immer quasselt, und der Dünne, der überall auftaucht, sind befreundet. (Dausend/Zeit)
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Beim Wettbewerb »Der redseligste Rheinländer über 65« wären sie allerdings erbitterte Gegner. Das Zeug zur Schwatzbacke des Jahres haben sie beide. (Dausend/Zeit)
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Wie beurteilen Sie das erste Präsidentschaftsjahr von Trump? – »Ein Desaster. Trump hat ganz eindeutig weder die intellektuellen Fähigkeiten noch das richtige Temperament für die Rolle eines führenden Politikers. Er ist die Inkarnation all dessen, was in diesem Land falsch läuft, und zeigt die schlimmsten Seiten der Intoleranz, der Frauenfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und Ausbeutung der Armen.« (Basketball-Legende Kareem Abdul-Jabbar, Schriftsteller und Journalist, im Welt-Interview)
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31 Prozent der Berliner Polizeischüler haben einen Migrationshintergrund, oft einen arabischen (…) Etliche muslimische Polizeischüler weigern sich angeblich, schwimmen zu lernen, weil in den dafür vorgesehenen Becken vorher unreine Frauen geschwommen sind. Zu Klausuren erscheinen manchmal nicht die Schüler, sondern etwas begabtere Doppelgänger. (Harald Martenstein im Zeit-Magazin)
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Der Berliner Polizeipräsident lehnt übrigens eine Untersuchung durch externe Ermittler ab, dessen Rollenmodell ist eindeutig Sepp Blatter von der Fifa, der hat auf Korruptionsvorwürfe ähnlich reagiert. Die Lage bei der Berliner Polizei ist ähnlich hoffnungslos wie bei der Fifa. (Martenstein/Zeit)
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Was hören Sie beim Sport? – Dire Straits, Led Zeppelin, Beatles, Pink Floyd, Queen, die Eagles. Und Udo Lindenberg, mit dem ich mich auch persönlich immer gut verstanden habe. Dann natürlich die Rolling Stones.« (Heynckes/SZ)
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»Aber ein Ribery, ein Boateng, die hören was anderes. Neulich saß ich mal auf dem Ergometer. Jerome Boateng hatte aufgelegt, da dachte ich: Hallöchen, das überstehst du nicht!« (Jupp Heynckes im SZ-Interview)
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Polizei findet Tagebücher von John Lennon – Gestohlen von Yoko Ono. (Überschrift und Unterzeile im Meller Kreisblatt/aus dem »Hohlspiegel« im Spiegel)
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In den Topf von Sarah Brandtner (…), ehemalige Freundin Bastian Schweinsteigers, kommt nur Veganes: »Es fällt mir schwer«, sagt sie Bunte, »ein totes Tier zu verspeisen«. Ein lebendes Tier zu verspeisen fiele uns ja noch viel schwerer. (»Herzblatt-Geschichten« von Jörg Thomann in der Frankfurter Allgemeinen  Sonntagszeitung) (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 3. Dezember 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Baumhausbeichte - Novelle