Sport-Stammtisch (vom 16. Januar)

Natürlich ist diese Handball-WM der helle Wahnsinn. Aber ist es weniger wahnsinnig, wenn fünfzig Fußball-Profiklubs für ihren Kontaktsport wöchentlich durch Deutschland touren? Wahnsinn hier, Wahnsinn dort, Wahnsinn überall. Wahnsinnszeiten.
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Wenigstens muss die großstädtische Schreib-Corona diesmal nicht ihr stilistisches Füllhorn wie ein Jauche-Fass über unseren Topsport im Handkäsland ausschütten. Ihr ist die Pandemie Handball-Thema genug. In früheren WM-Zeiten ätzten die Schreibeliten über den »Sport für Bauerntölpel«, diese »brutale Freizeitbeschäftigung für Grobmotoriker« (Zeit) und höhnten über Ortsnamen wie Dutenhofen oder Münchholzhausen: »Man muss sich diese Wörter auf der Zunge zergehen lassen« (Süddeutsche Zeitung). Wie einst mein Berliner Freund, als ich unser Telefongespräch mit der Begründung beendete, ich müsse zwecks Fußball-Ergebnisrecherche im Vereinsheim von Stumpertenrod/Köddingen anrufen. Den Namen musste ich mehrfach wiederholen, er wurde in Berlin zum Klassiker. Dass der Kelch an Hohn und Spott diesmal an uns vorübergeht, wenigstens das verdanken wir der Pandemie. Andererseits – ohne Corona und mit Jauche wären uns der Handball und das Leben doch etwas lieber.
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Über Sinn und Unsinn der Corona-WM sprechen Martin Schwalb und Michael Roth in einem Spiegel-Interview, auf das mich die liebe Kollegin Karen Werner (kw) aufmerksam macht. In Sachen Pandemie haben die alten Kämpen interessante Ansichten, aber noch bemerkenswerter, weil befremdlich, ist ein »Aber« von Schwalb: »Aber wir müssen uns auf das konzentrieren, für das wir eigentlich da sind: die Leute zu unterhalten«; denn diesen »eine Freude zu bereiten, das ist unsere Aufgabe«. Ach, wirklich? Wie selbstlos. Und warum spielt die Basis Handball? Womöglich, um sich selbst eine Freude zu bereiten? Weil: Das ist Sport.
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Bild lässt nicht locker. Seit Jahren behauptet sie, Bakery Jatta vom HSV sei kein armer Flüchtlingsjunge gewesen, sondern der gambische Fußballer Bakary Daffeh, der 2015 illegal eingeschlichen sei. Nun gibt es neue offizielle Ermittlungen der übereifrigen Art. Zwar sind mir viele nicht als »Refugees welcome«, die sich 2015 von unserer Flüchtlingsbeseeltheit haben einladen lassen, aber Jatta ist gut integriert, nicht straffällig geworden und zahlt stattliche Steuern, von denen auch prekäre Urdeutsche profitieren. Vor fünf Jahren habe ich geschrieben, Jatta erinnere mich an Jay-Jay Okocha, der ebenfalls als 17-Jähriger mutterseelenallein nach Deutschland gekommen war. Er und Jatta seien mir lieber als »tausend aggressive Dumpfbacken aller Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß«. Dazu stehe ich. Zumal jetzt ein gewisser Ahmad A., Clan-Größe mit 22 Einträgen im Bundeszentralregister, seine 27. Duldung bekommen hat. Was hat Ahmad A., was Jatta nicht hat? Bekommt er als Prämie für den 28. Eintrag die 28. Duldung?
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Der »Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks« kritisiert die frisch geschnittenen Haare vieler Bundesligaprofis, denn »einrasierte Scheitel«, akkurat getrimmtes Nacken- und Schläfenhaar und saubere Konturen, das bekämen nur »professionelle Friseurinnen und Friseure« hin. Erste Reaktion: Grinsen. Typische Empörungsrhetorik, die sich lächerlich macht. Zweite: Der Verband hat recht. Sein Handwerk (wie gut der Name passt!) gehört in der Pandemie zu den gebeuteltsten, und da täten privilegierte Fußballprofis und ihre ebensolchen Promifriseure gut daran, die Haare solidarisch wachsen zu lassen. Sieht übrigens auch besser aus. Unterm Undercut lugt die Unterschicht hervor. Ist Geschmacksache, ich weiß. Aber …
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… »das wird man ja wohl noch sagen dürfen!« Was mein Unwort des Jahres wäre, wenn mein Unwort des Jahres nicht seit Jahren »Unwort des Jahres« wäre. Das zweite der beiden aktuellen (»Rückführungspatenschaften«) hatte ich zuvor nie gehört. Im Gegensatz zum ersten, der »Corona-Kritik«, gekürt von der »Sprachdiktatorischen Aktion«. Oder so. In mir juxt und gluckst sowieso ein anderes Wort. Dialog am Gartenteich. »Schöner Karpfen. Hat der auch einen Namen?« – »Ja, Koi-Uwe.«
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Kleiner Spaß. Muss aber mal sein in diesen spaßfreien Tagen zwischen Matsch und Mutation. Mit Humor und Zuversicht geht alles besser. Sie kennen ja – das Glas – den Unterschied zwischen Optimisten und Pessimisten. Aktuelle Version: Ein Gießener Krankenhaus meldet stolz: »Über die Hälfte der Belegschaft lässt sich impfen«. Umkehrschluss: Fast die Hälfte … nee, das ist schon kein Pessimismus mehr, sondern Defätismus, Wehrkraftzersetzung im Krieg gegen das Virus. Daher die möglichst ansteckende Zuversicht verbreitende Moral dieser Kolumnen-Geschicht’ zwischen Handball und Pandemie: Jauche-Fass leer, Impfampullen voll. (gw)
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Geschrieben von gw am 15. Januar 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 9. Januar)

Erst war er der »Zaubergeiger«, dann hatte er es »vergeigt«, und am Schluss wurde Karl Geiger sehr guter Zweiter, eine Platzierung, auf die auch ein risikoscheuer Zocker gesetzt und wenig gewonnen hätte. Die Vierschanzentournee blieb im sportlich erwartbaren Rahmen, und auch die medialen Ausschläge mit ihren unterbelichteten (»Torminator« & Co.) Namensspielereien waren leider erwartbar. Der Zaubergeiger vergeigt es und spielt nur noch die zweite Geige … öde, armselig und einfallslos.
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Immer an die eigene Nase fassen, habe ich vorige Woche empfohlen, in der Kolumne, die ich so begann: »Jetzt wird sogar das neue Jahr schon alt, aber noch hängt der Himmel voller Geiger.« Tja.
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Das diffuse Gefühl, die Motivationsmethode Klopp könnte nur zeitlich begrenzt erfolgreich sein und hinterlasse erschöpfte, ausgebrannte Spieler, sei Ausdruck meiner Ahnungslosigkeit, gab ich kürzlich demütig zu, nachdem Liverpool in einer atemraubenden und höchstklassigen Partie gegen Tottenham spektakulär gewonnen hatte. In den letzten drei Spielen holte der Klopp-Klub popelige zwei Punkte und spielte derart bemüht, zerfahren, uninspiriert und, ja, ausgebrannt wirkend, dass ich mich womöglich zu früh verspottet habe. Macht aber nichts. Demut schadet nie, Erkenntnis eigener Ignoranz auch nicht (die der anderen erkennen wir ja sofort).
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Die Degenfechterin Alexandra Ndolo, Tochter einer Polin und eines Kenianers, spricht im FAZ-Interview über ihr Engagement gegen Rassismus. Sehr respektabel, klar. Aber auch bei ihr wird (mir) nicht klar, wo für sie die beklagenswerte menschliche Bösartigkeit endet und der echte Rassismus beginnt. Meine Vermutung: Was in unserem Land als Rassismus empfunden wird, ist nur zu oft diese Bösartigkeit, gepaart mit Gedankenlosigkeit, die auffällig Dicke, Dünne, Lange, Kurze, Picklige, Rothaarige, Stotterer oder sonstwie aus dem »normalen« Raster Fallende erleben müssen. Das ist schlimm, aber kein struktureller Rassismus. Der beginnt erst danach, ist viel seltener. Aber schlimm genug.
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Echte strukturelle Diskriminierung erleben Frauen in Saudi-Arabien. Dort, wo die Blitzschach-WM stattfindet und mann verlangt, seine Kultur zu respektieren, unsere aber nicht respektiert. Blitzschach-Weltmeisterin Anna Muzitsuk (Ukraine) boykottiert die WM: »Ich weigere mich, Abaya (Anm.: »eine Art Überkleid«/Wikipedia) zu tragen und von einem Mann begleitet zu werden, damit ich aus dem Hotel raus kann. Ich werde meinen Prinzipien folgen und darauf verzichten, in nur fünf Tagen mehr Geld zu verdienen als ich in Dutzenden anderer Turniere zusammen gewinnen könnte.« Respekt! Sehr beeindruckend. Und Fifa (Katar!) & Co. sollten sich schämen. Im Vergleich dazu ist die gendernde Sprachpantscherei nur eine elitäre Spielwiese privilegierter Frauen und ihrer Helfermännlein.
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Das sieht meine liebste Zielgruppe ähnlich. »Die ›korrekten‹ Formulierungen mit Doppelkreuz und Sternchen usw. sind einfach nur kompliziert zu lesen, wirkliche Chancengleichheit bringen sie nicht. Bitte, beharren Sie weiter auf Ihrem Standpunkt« (Brigitte Landvogt). »Mein Wunsch: Bleiben Sie uns treu.« (Doris Heyer). – Allerdings juxt Rolf Beißner über einen nur gut gemeinten Satz von mir: »Dass Damen manche Disziplinen SOGAR dominieren, hätte mann wohl nicht gedacht, gelle. Das gibt garantiert Punkteabzug.« – Ja, zumal sie sogar dominieren, also beHERRschen.
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»Auch wenn es schon einige Tage her ist, möchte ich doch noch einmal auf die Art kommen, wie Sie da Herrn Sloterdijk abgebügelt haben. Wenn dieser sich mit 73 noch mit Fahrradfahren fit hält und dabei Tagestouren bis 135 km absolviert, kann das eigentlich nur Respekt abverlangen. Da muss man sich nicht darüber lustig machen.« (Wilfried Grein/Karben). – Kritik angenommen. Ohne jede Einschränkung. Versüßt aber mit einem Trostbonbon: »Ansonsten, machen Sie so weiter. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.«
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D. B. aus Gießen: »Indem Sie Obama lobhudeln, kritisieren Sie erneut Trump.« Der habe, so der Leser, wirtschafts- und außenpolitisch  Vernünftiges geleistet. »Ihr ›Trump-Bashing‹ entspricht nicht Ihrem intellektuellen Niveau, und Sie haben es doch auch wirklich nicht nötig, wie oft bewiesen, sich dem gender mainstream anzubiedern.« – Aber wenn nur der Mainstream Menschlichkeit und Anstand vertritt, gehöre ich auch gerne mal dazu. Schon als ich Trump zum ersten Mal erlebte, vor vielen Jahren anlässlich seiner fiesen »You are fired!«-Sendung, dachte ich: Dieser böse Clown vereinigt in sich fast alle Denk- und Verhaltensmuster, die mir widerwärtig sind. Paul-Ulrich Lenz, Pfarrer im Ruhestand aus Schotten, reagiert auf die im Blog vorab veröffentlichte Leser-Kritik: »Seit gestern dürfen Sie sich für alle herablassenden Äußerungen über den derzeitigen Noch-Präsidenten der USA gerechtfertigt fühlen. Er ist noch schlimmer, als Sie es sich je vorgestellt haben werden.« Ansonsten empfiehlt sich, was Dr. Raymund Geis (Reiskirchen) am Ende einer langen, inhaltsreichen, viele Themen abdeckenden Mail lapidar schreibt: »Zu Trump: nichts, nach gestern gar nichts!« Nur noch das: Das Phänomen »Trump« ist lediglich die Spitze eines eissbergs (denken Sie sich bitte ein »Sch vorneweg), in den USA, aber auch anderswo. Stichwort eigene Nase. (gw)
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Geschrieben von gw am 8. Januar 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 2. Januar 2021)

Jetzt wird sogar das neue Jahr schon alt, aber noch hängt der Himmel voller Geiger.
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Damit von den vier Schanzen gleich zum Dreyfus. Kyril Louis-Dreyfus, 22, ist der neue Besitzer des englischen Traditionsklubs AFC Sunderland und Sohn von Robert Louis-Dreyfus (2009 gestorben). Klar, dass bei dieser Personalie medial auch das 10-Millionen-Darlehen des Papas für Franz Beckenbauer in Erinnerung gerufen wird, Stichwort »Sommermärchen«.
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Eine interessantere Geschichte bleibt aber beschwiegen. Als Uli Hoeneß während seiner Steueraffäre behauptete, sein Freund und Adidas-Chef Robert habe ihm 20 Millionen fürs Zockerkonto aus reiner Freundschaft überwiesen, das habe nichts mit dem im selben Jahr abgeschlossenen Vertrag Bayern/Adidas zu tun, schrieb ich: »Das muss man erst mal glauben wollen können.« Alles hängt mit allem zusammen und alle mit allen. Das Geld vagabundiert zwar, bleibt aber in der Familie des Geldfußballs. Und Kyril macht sein Gesellenstück.
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Obwohl der Fußball auch nach der Pandemie schwer an dieser leiden wird. Viele haben den kalten Entzug schadlos überstanden und stellen erstaunt fest: Es geht auch ohne. Bei der Alternative schüttele ich aber mein weißes Haupt. Nicht das weise, denn sonst würde ich mich nicht wie folgt bloßstellen: In den Sportteilen der Zeitungen, auch der seriösen, nehmen Kneipen- und Computer-Sport immer mehr Raum ein. Mir zieht dabei immer öfter das von Gustav Mahler vertonte Gedicht von Friedrich Rückert durch den Kopf: »Ich bin der Welt abhanden gekommen«, der Sportwelt.
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Topologisch, also in der Lagebeziehung von Objekten im Raum, wird Darts in der Kneipe und Schach im Cafe gespielt, soziologisch verhält sich Darts zu Schach wie Fußball zu Hockey. – Kleiner Quatsch von mir. Liebe Darts-Fans: Habt bitte Humor und Nachsicht, gebt mir mildernde Altersumstände. Außerdem habe ich schon 1978 in einem Pub in Birmingham Darts gespielt und englisches Bier getrunken. Darts war viel besser!
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Kommen wir auf den Hund Die Dopingsperre für den chinesischen Superschwimmer Sun Yang ist vorläufig aufgehoben. Ein Richter sei befangen gewesen. Er habe »das chinesische Volk« beleidigt, weil er über ein Hundefleisch-Festival geschimpft hatte, bei dem 10 000 Hunde geschlachtet und gegessen wurden. Das Massenschlachten von Hunden wird also mit Aufhebung von Dopingsperren belohnt. Auch mir dreht sich da der Magen um. Andererseits: Bei uns werden Millionen Hähnchen geschreddert, wie es in großen Fleischfabriken zugeht, wussten wir schon vor Corona, und heilige Kühe sind bei uns keine Rinder, sondern Hunde, Katzen und anderes herziges Getier. Immer zuerst an die eigene Nase fassen!
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Was ganz anderes. In seiner Autobiografie beschreibt Obama den jungen Barack als »leidenschaftlichen Basketballer mit bescheidenem Talent«. Das ist viel zu bescheiden. Wer das Video gesehen hat, auf dem Obama beim Weggang aus einer Sporthalle nebenbei einen »Dreier« versenkt, bestaunt als hüftsteifer Ex-Hobby-Basketballer die geschmeidige, lässsig-lockere, fließende Bewegung, die man nie auch nur annähernd hingekriegt hat.
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Autobiografien von Politikern interessieren mich nicht übermäßig, aber nach einem Vorabdruck im »Spiegel« wünschte ich mir »Ein verheißenes Land« erfolgreich zu Weihnachten . Ich bin zwar erst auf Seite 68 (von 1000!), darf aber schon feststellen: Zwar hat Obama politisch nicht allzu viel erreicht (wie sollte er auch? Wer könnte das schon?), aber als Mensch wirkt er rundum angenehm. Und, so weit ich das beurteilen kann, für einen Politiker ungewöhnlich selbstkritisch und ehrlich.
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Und dann war da noch die Explosion von Nashville. Der Mann soll nicht nur vor der Explosion gewarnt, sondern vorher auch »Downtown« von Petula Clark in seinem Wohnmobil abgespielt und per Lautsprecher nach draußen übertragen haben. Petula Clark. Meine erste große Liebe. Auf ihr »Monsieur« hatte ich wochenlang gespart und mir stolz die Single gekauft. Vier Mark. Leider erfüllte das Petula-Foto auf dem Cover nicht meine frühpubertären Erwartungen an eine große Liebe, sie blieb nur akustisch bestehen. Ich konnte alle ihre Lieder auswendig brummen, natürlich auch ihren Welthit »Downtown«. Daran musste ich denken, als ich erfuhr, dass der (vermutliche) Selbstmörder »downtown« gefahren war, um sich dort umzubringen: »Bist du allein / von allen Freunden verlassen / dann geh in die Stadt – Downtown …« – Der Mann muss einen besonders makabren schwarzen Humor besessen haben.
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Der Welt abhanden gekommen. Rückert hat über 1000 Gedichte geschrieben, nicht alle so melancholisch wie seine »Kindertotenlieder«. Eines davon widmet er mir (»Nun so alt und noch immer nicht klug«), ein anderes schrieb er vor 250 Jahren als vorausahnendes Lockdown-Loblied: »Draußen im Gewirre / Kann man werden irre / Welt, an sich und dir; / Fern von deinem Rauschen / Kann ich dich belauschen / In mir selber hier.« – Aber nun haben wir genug in uns selber gelauscht. Auf ein rauschendes 2021! (gw)
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Geschrieben von gw am 1. Januar 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 24. Dezember)

Die »grimmigen Krieger« beim aggressiven Tor»jubel« sind nicht nur mir zuwider, sondern auch manchem Leser. So schreibt Gerhard Merz (Gießen), ich hätte auch noch »die Unsitte« erwähnen sollen, »mit beiden Zeigefingern zum Himmel zu deuten, als ob der liebe Gott geholfen hätte«. Selbst »als bekennender Agnostiker« regt unseren Leser (und Politiker, und Satiriker) »diese unsägliche Profanisierung des Glaubens ziemlich auf, genau wie dieses dauernde Sichbekreuzigen«. Mich auch, und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Doch zu Böll später.
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Die Profanisierung auf die Spitze getrieben hatte Jan Ullrich. Der bekreuzigte sich vor jedem Rennen. Nicht als gläubiger Christ. Er hatte die Geste anderen abgeguckt, kannte den Sinn nicht, fand’s aber schick. Wenigstens gab er zu, nicht zu wissen, was er da tat.
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Thuram wusste, was er da tat. Er wird gesperrt und vereinsintern bestraft. In Ordnung. Aber einem anderen ins Gesicht zu spucken, ist das in diesen Zeiten nicht auch versuchte schwere Körperverletzung? Jedenfalls das Fieseste, was es auf dem Platz gibt.
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Warum spucken Männer so oft, zum Glück meist ungezielt, und Frauen eher überhaupt nicht? Die Frage haben wir hier schon vor Jahren sozio-psychologisch geklärt: Es spucken vor allem jugendliche Männer aus unteren sozialen Schichten. Aus Männlichkeitswahn. Dazu passt jene Szene aus dem Pasolini-Film »Wer nie sein Brot mit Tränen aß«, in dem ein römischer Straßenstricher sein Gegenüber angiftet (empfindsame Gemüter mögen bitte erst nach dem nächsten * weiterlesen): »Von dem, was ich dir ins Gesicht spucke, kannst du noch drei Tage essen.« Igittigitt! Und das an Heiligabend. Ich bitte um Verzeihung.
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Youssoufa Moukoko (Belo Retho vom ZDF nannte ihn zwei Mal »Moukako«) zeigte, dass es auch anders geht als mit aggressivem Männlichkeitsgehabe. Sein erstes Bundesligator feierte der 16-Jährige in beseelter Freude, mit strahlendem Lächeln auf dem Teenie-Gesicht. Kein Aggro, kein albernes Tänzchen, kein verzerrter Triumph. Wie schön. Leider ist er auch hier eine Ausnahmeerscheinung. Denn Frauen sind die besseren Fußballer, jedenfalls menschlich gesehen. Sie jubeln wie Moukoko, nicht wie Klopp oder Müller, sie spucken nicht, und sie spielen so schön langsam, dass man ihre Spielzüge in aller Ruhe bewundern kann (und sie verstehen Spaß, hoffe ich).
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Hämische Vergleiche von Männer- und Frauensport sind sowieso noch blöder als mit Gender-Sternchen und Binnen-I gespickte Substantive, die wie gepiercte Punks in der Wörtermenge wirken.
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Dass es die Rubrik »Frauensport« gibt, weil sportliche Fairness Schutzzonen geschaffen hat (wie im Senioren- und Jugendsport), ist AktIvIst*Innen ein Dorn im feministischen Auge und für meine liebste Zielgruppe je nach Sportinteresse selbstverständlich oder schnurzegal. Dass Frauen im Leistungssport unter sich bleiben ist ebenso richtig und normal, wie sie in der »allgemeinen« Klasse starten dürfen, wenn sie leistungsmäßig mithalten können, zum Beispiel im Reiten, in dem sie manche Disziplinen sogar dominieren. Darüber hinaus greift  mein  Mantra: Jeder Mensch ist eine Klasse (und Rasse) für sich, Moukoko, Malaika, Sie und ich.
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War der sanfte Heinrich Böll ein verkappter Chauvi? In »Nicht nur zur Weihnachtszeit« muss wegen einer bekloppten Tante, die sonst hysterisch überschnappen würde, Tag für Tag Weihnachten gefeiert werden. Warum Tante und nicht Onkel? Warum ist das Christkind ein Junge? Warum sind Jesus und seine Jünger … ach, ist mir doch egal. Hauptsache, ich kann dank Böll wieder meinen jährlichen Tipp anbringen, für alle, die einen bekloppten Onkel in der Familie haben: Der Baum nadelt viel später, wenn er mit oberflächenentspanntem Wasser bespritzt wird, also mit Spüli, Fairy oder wie diese Küchenutensilien alle heißen, die ich nur von Ferne kenne.
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»Fairy« wäre auch ein schöner Name für den jährlichen Fairnesspreis. Den Preis für den kürzesten Fußball-Jahresrückblick hätte Alexander Osang verdient, der im »Spiegel« schreibt: »Man wollte den Kopf von Löw. Stattdessen starb Maradona.« Hut!
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Und sonst? Irgendwo gelesen und notiert: »Eine Großdemonstration löste die Polizei auf.« Von derart gelungener Subjekt-Objekt-Verschiebung träumen Alt-Achtundsechziger noch heute.
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Ich hoffe, diese nicht ganz weihnachtliche Kolumne hat niemanden verprellt (der Stricher!). Wer dennoch vor Ärger nadelt … entspannt euch. Ihr wisst ja, wie. Zu albern? Dann bin ich  zur Bescherung in guter Gesellschaft, denn in der stillen Nacht albert einer rum, ich und wir alle mit ihm. »Owie lacht« – frohes Fest!
(gw)
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Geschrieben von gw am 23. Dezember 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 19. Dezember)

Die Nase »macht zu« wie der Muskel von Mats Hummels in Bremen. Da hilft nur Otriven. Weiß ich noch aus Sportlerzeiten. Ich kaufe die Nasentropfen in der Apotheke meines Vertrauens und frage nebenbei, ob sie Seniorenmasken haben. Hatten sie nicht mehr. Waren sofort weg, wie Klopapier für lau. Im Internet lese ich sogar, wie sich Cleverles den Tipp geben, von Apotheke zu Apotheke zu ziehen, es werde nicht kontrolliert, man könne sich einen Berg Masken zusammenschnorren und, haha!, sie eigneten sich auch für Weihnachtsgeschenke. Armselige Tröpfe. Ich kaufe mir meine Masken lieber selbst.
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Aber das nur am Rande. Otriven. Wegen dieser Nasentropfen gab es vor einem halben Jahrhundert einen der ersten Dopingfälle in der Bundesrepublik. Heinfried Birlenbach, damals der beste deutsche Kugelstoßer, ein Siegerländer Naturhüne (2,04 m), Typ knorrige deutsche Eiche, war positiv getestet worden, aber sich keiner Schuld bewusst. Nachforschungen ergaben einen Zusammenhang mit Otriven. Da erst erfuhren wir, dass die Nasentropfen Ephedrin enthalten, ein Amphetamin, das auf der Dopingliste stand (und steht). Heinfried ist kürzlich gestorben. Nachruflos, da unter dem medialen Radar dieser Tage. Er stammte aus Birlenbach, so wie er hieß. Ruhe in Frieden, alter Birlenbaum.
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Der aktuell beste Kugelstoßer der Welt ist ebenfalls 2,04 m groß und in etwa so schwer wie Birlenbach, aber im Gegensatz zu diesem ein Sprungtalent. Jetzt postete Ryan Crouser auf Instagram ein Video von einem Standweitsprung (3,23 m) und einem Sprungkrafttest (86 cm). Mit drei Zentnern Lebendgewicht. Beeindruckend. Aber nur für Fachleute. Noch beeindruckender, ja phänomenal ist ein Instagram-Video von Malaika Mihambo. In einer Übung für Stabilität und Sprunggefühl springt und fliegt und springt und fliegt und springt und fliegt die wunderbare Weitspringerin, dass jedem Sportästheten das Herz aufgeht. Unbedingt anschauen!
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Abgedriftet. Über Hummels wollte ich eigentlich zum BVB kommen. Und zu Favre. Die komplizierte Beziehung gleite langsam ins Fatale ab, schrieb ich im Oktober. Das Ende sei nicht offen, sondern unvermeidlich. Offen sei nur, wie nah das Ende ist. – Tja.
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Im Schatten von Klopp hätten sie alle gestanden, Klopps Nachfolger über Tuchel, Bosz, Stöger bis Favre, heißt es. Die schwärmerische Erinnerung an die rauschhaften Kloppo-Jahre hätte sie scheitern lassen. Stimmt ja auch. Nur haben die Experten einen in der Trainer-Reihe vergessen, denn der erste, der an Klopps mitreißenden Erfolgen gescheitert war – ist Klopp selbst. Diese Agonie seiner letzten Monate beim BVB haben die Nostalgiker nur zu gerne vergessen.
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Im Blog »Sport, Gott & die Welt« ließ ich am Dienstag das »diffuse Gefühl« wachsen, bei Klopp und Liverpool sei »der alte Schwung dahin«, ähnlich wie in Dortmund nach vier, fünf Jahren. Tags darauf sehe ich live bei Sky Liverpool gegen Tottenham, und es ist ein echter Knaller, rasant, eng, dicht, schnell, im Vergleich zur Bundesliga eine ganz andere Nummer. So viel zu meiner Kompetenz als Fußball-Experte. Einen weiteren Tag später wird Jürgen Klopp erneut zum Welttrainer gekürt. Wahrscheinlich zu Recht. Trotz Bayerns Hansi.
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Ein sehr geschätzter Leser, der nie genannt werden möchte, erfreut ab und zu leider nur mich mit seinen erhellenden Gedanken. Zum Beispiel über die »grimmigen Krieger« beim Tor»jubel« (letzte Woche hier ein Thema). Warum sage niemand den Fußballhelden, wie hässlich sie aussehen, wenn sie sich Fäuste reckend und zähnefletschend Richtung Publikum bewegen. Besonders Thomas Müller, der eigentlich eher ein Softie mit Humor sei, verwandele sich in einen Mr. Hyde. Auch Klopp sei ein grässlicher Fratzenschneider, der Kinder erschrecken könnte, wenn sie unvorbereitet in seine entstellten Gesichtszüge schauen müssten. – Ja, das stört auch den Klopp-Fan in mir, sehr sogar. Immerhin stört es auch Klopp selbst, wie er einmal sagte.
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Und sonst? Auf einer Top-Ten-Liste der beliebtesten Spotify-Titel sind mir neun Namen völlig unbekannt. Aber ausgerechnet die Nr. 1 kenne ich: »Apache«. Nur – sind die »Shadows« gemeint oder ein Duett Winnetou/Nscho-tschi?
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Wir können auch ernsthaft. »Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.« Karl Lagerfelds beliebtestes Bonmot und sein größter Irrtum. Zu glauben, man könne Kontrolle über sein Leben haben, ist nicht erst seit Corona   eine menschliche Illusion. – Sie lasen eine Kolumne, in der Jogginghose geschrieben von:  (gw)
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Geschrieben von gw am 18. Dezember 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.