Ohne weitere Worte (vom 23. Mai)

Wo hat Bayern eine Schwäche? – »Bayern hat vielleicht eine Schwäche, indem sie sehr hoch verteidigen. Dadurch gehen sie ein großes Risiko ein, weil sie dann weniger Verteidiger hinter dem Ball haben. Wenn du das als Gegner schnell ausspielen kannst, kommst du zu Torchancen – und die musst du dann eiskalt nutzen.« (Kevin Prince Boateng im Sport-Bild-Interview – also schon vor dem Finale)
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»Er (Anm.: Ante Rebic) hat mit seinem super Deutsch zu mir gesagt: Bruda, schlag den Ball lang. Ich habe ihm gesagt: Bruder, ich schlag den Ball lang.« (Boateng beim Empfang in Frankfurt)
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95. Videobeweis, du großes Elend. Elfmeter für die Bayern oder nicht? So fühlt sich die Hölle an. Aber es gibt Eckstoß, und im Gegenzug macht Frankfurt das 3:1. Er läuft aufs leere Tor zu und schiebt ein. Neuer hätte den gehalten. Vermutlich. (aus dem Liveticker des Fußball-Magazins 11Freunde)
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Nun ja, den Tritt gegen Martinez’ Fuß kann man sicher pfeifen. (…) Allerdings fällt Martinez auch sehr ausdrucksstark. Es war wohl eher ein Elfer als keiner, aber aus Zwayers Sicht war er wohl nicht so klar, dass er seine ursprüngliche Entscheidung hätte zwingend revidieren müssen. Und das kann man durchaus so sehen. (Christian Spiller in der Zeit)
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22:05 Uhr. Niko Kovac weint dicke Tränen – Kopf hoch, so schlimm ist die Truppe auch nicht, zu der du jetzt gehst. (11Freunde)
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»Ich habe den Kontakt gesehen, aus meiner Sicht war es jedoch kein intensiver Kontakt, da Martinez den getroffenen Fuß noch ohne Bewegungsänderung und stabil auf dem Boden aufsetzt, bevor sein anderes Bein abhebt, nach vorne fliegt und er hinfällt. Treffer und Wirkung haben für mich nicht zusammengepasst.« (Schiedsrichter Felix Zwayer im Kicker)
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22:10 Uhr. Wer kann es sich schon leisten, einen Fußball-Gott nicht im Kader zu belassen? Doch statt Alex Meier schwang sich ein anderer zur »Göttlichen Komödie« auf: Antes Inferno in Berlin. (11Freunde)
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Die Frage, was zum Teufel die beiden Fußballer (Anm.: Özil und Gündogan) sich dabei gedacht haben, dürfte ziemlich einfach zu beantworten sein: nicht viel. Wie cool, wir treffen den Präsidenten. (…) Ihr Präsident Erdogan ist offenbar (…) der Chef, der Baba, der Sultan, die Heimat. Zwei Jungs aus Gelsenkirchen und ihr Präsident. (Lothar Gorris im Spiegel)
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Die zur Schau gestellte Nähe zu einem Anti-Demokraten wie Erdogan passt nicht zum plakativen Gutmenschentum, das der DFB pflegt, (…) (bei dem) die Moral es aber nicht immer über Werbebotschaften hinaus schafft. (Michael Eder in der Frankfurter Allg. Sonntagszeitung)
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Dass er (Anm.: Gianluigi Buffon) in einem Moment geht, da Italien die Fußball-WM verpasst hat und politisch ein chaotisch-arroganter Populismus das Land im Griff hat, entbehrt nicht der Tragik. (Birgit Schönau in der Süddeutschen Zeitung)
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Was ist Ihre Haltung in der CSU zur Einwanderung? – » (…) Der Sport hat mich Folgendes gelehrt: Zu Hause zu spielen ist leicht. Auswärts muss man kämpfen, da ist man unbeliebt. Aber im Sport gilt auch: Wer zu uns kommt, der muss halt unsere Regeln akzeptieren. (…) Das ist doch klar.« (Horatiu Floca, Präsident des rumänischen Basketballklubs CSU, im Spiegel-Interview)
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Als Architekturstudent sollen Sie sich vom linken Mainstream (…) abgegrenzt haben, indem Sie mit Anzug und Krawatte ins Seminar kamen. – »Diese Geschichten haben sich Leute wie Sie ausgedacht.« (Stararchitekt Rem Koolhaas im Interview des SZ-Magazins)
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Der Schrifttyp des Logos erinnert an die russische Zeitung Prawda. (…) Ein Witz für Insider? – »Wenn Sie es verstehen, ist es kein Insiderwitz.« (Koolhaas/SZ-Magazin)
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»Meine Vorstellung war, dass ich alles darf und meine Frau so gut wie nichts. Solche Pläne haben viele Männer.« (Otto Waalkes im Hörzu-Interview über das Scheitern seiner Ehe)
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»Ich habe eine tiefe Angst, vor Ihnen zu sprechen. Im Verborgenen schreibe ich wie ein Genie, doch ich spreche wie ein autistischer Säugling.« (der Schriftsteller Christian Kracht in seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung/FAS) (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 22. Mai 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Die wahre Hoch-Zeit (“Anstoß” vom 22. Mai)

Wenn verrückte Wünsche in Erfüllung gehen, gibt es tatsächlich das »Eintel für beide« (»Sport-Stammtisch« vom Samstag). Wen interessierte noch die Hochzeit in London, als fünf Stunden später in Berlin die wahre Hoch-Zeit gefeiert wurde! Sportchef Fredi Bobic nannte die Pokal-Sensation ein »epochales« Ereignis – fast eine Untertreibung, zumindest aus Frankfurter Sicht, denn dieser Freudenvulkan, der am Samstag ausbrach, wird bei den Fans noch lange nachbeben und sie immer wieder in lustvolle Wallung bringen.
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chhEin Blick zurück und auf ein altes Bild im Fotoalbum macht die historische Dimension deutlich: Ein Bub im damals aktuellen Eintracht-Trikot, frühe 90er Jahre im alten Waldstadion. Vom Papa mit dem Eintracht-Bazillus infiziert, seitdem unheilbarer Fan mit dem Adler im Herzen. Kurz danach kam Heynckes und mit ihm die erste Talfahrt des Schreckens.  Jahrzehnte vergingen, mittlerweile ist der Bub 35 und selbst Papa. Der Pfingstsamstag 2018 muss ihn für alle Enttäuschungen seines Eintracht-Lebens entschädigt haben.
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Verdient oder unverdient? Müßige Frage, weil egal; und, alte hessische Weisheit, egal is en Handkäs. Eine Frankfurter Eintracht kann, nüchtern betrachtet, nicht rein fußballsportlich »verdient« gegen die übermächtigen Bayern gewinnen, sondern nur mit Herz, Kopf, Kampf und viel Glück. Aber das Glück hat sie sich verdient. Mit einem Kovac, der die bessere Spielidee hatte als Heynckes. Die Bayern dagegen schienen gar keine zu haben, falls doch, ist sie bei den Spielern nicht angekommen.
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Dritter und entscheidender Knackpunkt (zu den beiden ersten später): das Foul von Prince Boateng. Elfmeterreif, keine Frage. Aber hätte Zwayer den Strafstoß unbedingt geben müssen? In letzter Minute ein Spiel kippen, wegen eines erkennbar unbeabsichtigten Fouls und ebenso erkennbarer Theatralik des Gefoulten? Wieder und wieder, schon länger, als der Bub Eintracht-Fan ist, habe ich die »Video-Hilfe« beschrieben als einzig sinnvolle Form des sogenannten Video-Beweises, der die Schiedsrichter in der vermasselten Testphase enteiert statt gestärkt hat. Und jetzt, leider zu Lasten der Bayern, erlebt sie ihre Premiere in Reinkultur: Heikle Szene, Schieri sieht sie sich noch einmal an – und entscheidet nach eigenem Ermessen und Fingerspitzengefühl, denn er hat die Oberhoheit auf dem Platz. So soll es sein. Ich weiß, dass ich diese Meinung ziemlich exklusiv habe. Aber so hätte ich auch im umgekehrten Fall argumentiert. Nur nicht ganz so freudig …
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Erster Knackpunkt: Boatengs superspielintelligenter Sensationspass auf Rebic zum 1:0. Zweiter, ein noch härterer Wirkungstreffer, als Rebic vor dem 2:1 Hummels stehen ließ. Wäre Hummels schneller, spritziger, ich hielte ihn für den besten Innenverteidiger der Welt; so aber, obwohl mit Köpfchen, Stellungsspiel und Routine das Manko bekämpfend, wird er mit zunehmendem Alter, in dem man bekanntlich nicht schneller wird, auch zunehmend zum Sicherheitsrisiko. Dazu ein schwächelnder Kimmich, Jerome Boateng verletzt und fraglich, Neuer ohne Spielpraxis, Müller auch nicht mehr der alte freigeistige Quirl – kein gutes Omen für die WM.
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Oder doch? 1954 verlor der 1. FC Kaiserslautern, der FC Bayern seiner Zeit, das deutsche Endspiel gegen Hannover 96 mit 1:5, mit fünf späteren Weltmeistern (Fritz und Ottmar Walter, Kohlmeyer, Eckel, Liebrich). Danach gab es Diskussionen, was Herberger mit den gedemütigten Verlierern bei der WM überhaupt wolle. – Wiederholung erlaubt.
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Die Bayern seien schlechte Verlierer gewesen, heißt es mehrheitlich, aber mit wenig Empathie. Ich habe Verständnis für die Enttäuschten. Spalier stehende Bayern, die dem Sieger traurig, aber sportlich fair applaudieren, das wäre zwar eine große sportliche Geste gewesen, aber diese Bayern-Generation – auch wenn es jetzt süffisant klingt, es ist ernst gemeint – weiß ja gar nicht mehr, wie man sich in einer solchen Situation verhält. In nationalen Endspielen mussten in den letzten Jahren immer die anderen Spalier stehen, in internationale Endspiele sind sie erst gar nicht gekommen. Jetzt wissen sie es. Und könnten nächstes Jahr Spalier stehen. Aber dann holen sie das Triple. Als ausgleichende Gerechtigkeit.
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Pfingsten pfing ja schon gut an … meinen uralten Kalauer wollte ich eigentlich in Frieden ruhen lassen, aber so gut wie diesmal fing Fingsten wirklich noch nie an. Epochal! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 21. Mai 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Alttag ist nie Alltag (Senioren-Journal vom 19. Mai 2018)

Die Leser der Allgemeinen kennen »gw« vor allem als »Anstoß«-Kolumnisten. Seit Gerd Steines sich von der Redaktion in den Ruhestand verabschiedet hat, lässt er uns an seinem »progressiven Alttag« teilhaben

Mein progressiver Alttag ist nie Alltag, sondern ein ständiger Ausnahmezustand. Er beginnt schon mit dem ersten Mausklick für diese Kolumne, denn der muss ein Doppel-Klick voran gehen. Was Jüngeren alltäglich leicht von der Hand geht, gerät der älteren Hand zum Wettkampf mit der Zeit. Ich muss ihn unbedingt gewinnen, um überhaupt mit dem Schreiben beginnen zu können.

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Sieg! Und das, obwohl die Runzelhand durch eine Arthrose im Daumengrundgelenk doppelt gehandicapt ist. Ein Erfolgserlebnis, um das mich Jüngere … nein, beneiden werden sie mich nicht. Aber ihr Mitleid will ich auch nicht. Außerdem doppelklicke ich bald schneller als jeder junge Nerd. Wenn das mit dem Zittern so weiter geht …

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Die alttägliche Diskriminierung dagegen ist eine alltägliche. Wie auf diesem Befund vom Augenarzt: »Cataracta senilis« und »Netzhaut-Degeneration«. Senil und degeneriert? Kann man das nicht etwas gerontophiler ausdrücken? Auch für die verdächtige Ausbeulung an meiner Schläfe hätte ich gerne einen weniger peinlichen Befund als die zwar beruhigende, aber überdeutlich deutsche »Alterswarze«.

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Ein anderes Altersproblem hatte ich nur in der Jugend. Was mache ich bloß, wenn die senile Kopfhaar-Degeneration beginnt? Lange und bange bildete ich mir ein, dass die Gene eines Neandertalers an meiner Kopfform mitmodelliert haben mussten. Zurückgehender Haaransatz würde diese Blöße gnadenlos aufdecken und mich zum Gespött machen, vor allem der Mädchen. Ich war mir sicher. Nun ist es soweit. Niemand spottet. Kein Mädchen kichert. Niemanden interessiert es. Nicht mal mich.

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Diese Art der Gelassenheit gehört zu den erfreulichen Vorteilen des Alters. Der junge Mensch ist eine offene Wunde, die beim alten längst vernarbt ist. Was aber nicht bedeutet, dass, wie ich irgendwo gelesen habe, das Erregungspotenzial im Alter schwindet. Im Gegenteil. Manchmal genügt bei mir ein einziges Wort, und ich errege mich in ohnmächtiger Wut. Sagen Sie jetzt bitte nicht »Trump«, sonst …

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Schon gut. Ich rege mich ab. Das alte HB-Männchen geht zwar noch an die Decke, kommt aber schneller runter. Auch das ein Vorteil des Alters: Man hat sich besser im Griff. Auch wenn’s innerlich brodelt.

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Was überhaupt braucht es, um gut zu altern? Darauf die französische Schriftstellerin Virginie Despentes im SZ-Interview: »Dass man früher dran denkt.« Was aber die wenigsten tun. Daher sind wir hier im Senioren-Journal auch unter uns. Oder liest die Jugend etwa mit? Falls ja – bitte melden!

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Auch ich habe erst spät daran gedacht. Doch schon der Slogan eines Haarwuchsmittels der 50er Jahre wusste: »Es ist nie zu spät und selten zu früh für … Diplona«, junge Neandertaler und alte Doppelklicker. (gw)

Geschrieben von gw am 18. Mai 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Kultur.

Sport-Stammtisch (vom 19. Mai)

Wir warten aufs Finale. Hessisches Motto: Eintel für beide! Unrealistisch? Ja, klar, da ist der Wunsch der Opa des Gedankens – aber nicht ganz weit weg von der gefühlsbeherrschten Fußball-Welt, wenn ein enttäuscht angeknackster Favorit eine Pflichtübung abarbeiten muss und auf einen fröhlichen Außenseiter trifft, der mit Schwung und Freude einen Festtag feiert.
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Danach geht Niko Kovac, es kommt Adi Hütter. Nur in Fachkreisen bekannt (mir also nicht), aber schon heiß diskutiert. Doch wer jetzt schon eine Meinung zu Hütter hat, hat eine Meinung zu viel.
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Bekannter als Hütter ist der Verein, von dem er kommt. Schon als Junge faszinierte mich der ungewöhnliche Name: Young Boys. Solche Rätsel löst heute Wikipedia mit einem Klick: In Bern gastierten 1898 die Old Boys Basel. Einige Gymnasiasten waren begeistert, gründeten einen eigenen Klub, eben die Young Boys Bern.
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Auch die Old Boys waren zuvor Young Boys. Als Baseler Schüler nach der Matura naturgemäß nicht mehr im Schulteam mitkicken durften, gründeten sie einen Verein und nannten ihn, weil sie nun ja schon groß waren, FC Old Boys Basel.
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Dass Hütter aus Bern nach Frankfurt kommt, nehmen wir als gutes Omen. Die Young Boys spielen im Stade de Suisse auf dem heiligen »deutschen« Boden des Wankdorf-Stadions. Andere Omen vergessen wir lieber. Auch Gernot Rohr und Martin Andermatt stehen in der Berner Trainerliste, Namen, an die man sich in Frankfurt nicht übermäßig gerne erinnert.
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Aber endlich zum Aufreger der Woche. Özil, na ja, aber Gündogan ist doch ein schlauer Junge! Bisher dachte man, er sei auch ein kluger Junge. Wo waren die Berater!? Das PR-Desaster trägt ihre Unterschrift. Was machen sie eigentlich, außer Klubs und (eigene) Spieler abzuzocken? Sie drehen am Wechsel-Karussell, weil jeder neue Vertrag neue Kohle bringt. Sind sie nur Karten-Abreißer am Kirmes-Karussell? Einige sehen auch so aus.
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Aus der FAZ erfahre ich, dass Erkut Sögüt der Berater von Özil und Gündogan ist. Sögüt arbeitet auch für das ARP-Sportmarketing. Der Chef dort heißt Harun Arslan. Er ist der Berater von Bundestrainer Löw. Gündogan übrigens soll in ein großes Bauprojekt in der Türkei investieren, da schaden gute Beziehungen zu Erdogan nicht. Das alles nur nebenbei.
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Emre Can, der Frankfurter Bub aus Liverpool mit türkischen Wurzeln, hat das Ansinnen der Erdogan-PR-Truppe abgelehnt. Leider kam er verletzungsbedingt nicht für eine WM-Nominierung in Frage. Löw sollte ihn honoris causa mitnehmen.
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Sandro Wagner war ihm wohl nicht honorig genug. Petersen statt Wagner, das ist zwar sportlich »gehuppt wie gesprunge«, aber typisch Löw. Er bevorzugt Mamas liebste Schwiegersöhne. Wilde Kerle von der Gass’ bleiben draußen. Der arme Sandro. Hatte doch schon soo viel Kreide gefressen!
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Noch’n Aufreger, ähnlich dämlich wie der doppelte Kotau vor Erdogan: Die Russen wollten dem ARD-Dopingjournalisten Seppelt das WM-Visum verweigern. Ich kann die Wut der Russen zwar nachvollziehen, aber Seppelt derart aufzuwerten, war nur … dämlich. Hätte er bei einer bösen Fee einen Wunsch frei gehabt, er hätte gebittet und gebettelt: Lass sie mir das Visum verweigern!
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Die Russen sind für uns die idealen Prügelknaben. So schuldig wie alle anderen, aber ihre Schuld ist – anscheinend? scheinbar? – beweisbar. Nur: Der Kronzeuge, einer der schlimmsten und verantwortlichsten russischen Doping-Drahtzieher, ist ein Überläufer, ein Verräter, der alles daran setzt, seine alten Freunde noch mieser zu machen, als sie sind, um den neuen Freunden so viele Gefallen wie möglich zu machen. Je mehr einer weiß, desto mehr kann er einem weismachen. Interessant auch, dass das Russengift von London, wie jetzt bekannt wurde, schon seit den 90er Jahren  im Westen kursierte … ach, was geht mich das an. Ich schreibe nur eine Sportkolumne.
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Und am liebsten Randnotizen abseits des großen Sports. Kleine Radrundfahrt in der Region. In einem Dorf steht ein Junge, etwa acht Jahre alt, auf einer Steinsäule, die ungefähr eineinhalb Meter hoch ist. Vor ihm der Papa, der seinen Bub offenbar hochgehoben hat und fotografieren will. Der Junge dort oben hat Angst, kneift sich mit den Händen sein Pipi zusammen, um nicht in die Hose zu machen. Der Papa denkt nur an das Foto-Motiv. Er wird die Szene schnell vergessen. Der Junge nie.
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Jetzt aber Schluss. Ich muss zur Demo. Gegen Antisemitismus und Islamhass. Die Kippa ist schon gebastelt, das Kopftuch meiner Mutter aus dem Gerümpel auf dem Dachboden herausgekramt. Kippa auf und Kopftuch umbinden? Dann geht eine Botschaft verloren. Also die Kippa aufs Kopftuch heften. Ich meine es doch nur gut! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 18. Mai 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Eigentlich kann ich … (“Wer bin ich?” vom 17. Mai)

Überschwänglich begrüßten mich die Menschen, als ich von den Olympischen Spielen zurück kam, bei denen ich die Goldmedaille in einer Kernsportart gewonnen und dabei sogar einen Weltrekord aufgestellt hatte. Verblüfft sah ich vor dem Bahnhof meiner Heimatstadt in die jubelnde Menschenmenge. Die sind alle wegen mir gekommen? Ich konnte es nicht glauben.
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Es schien mir unwirklich. Alle wussten, dass ich Olympiasieger geworden war, aber ich kam nicht in Feierlaune. So ähnlich muss es den Münchner Bayern bei ihren Meisterfeiern gehen, wenn sie gerade erst kurz zuvor aus dem Europapokal ausgeschieden sind. Sie wissen, es gibt nichts zu feiern, aber alle erwarten von ihnen, dass sie ausgelassen feiern und glücklich sind.
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Ein Mädchen kam auf mich zu, ein Käfer krabbelte über ihre Wange, ich strich ihn ihr weg, sie hängte mir ein buntes Band um, auf dem stand: »Dem olympischen Sieger.« Mir also. Tatsächlich. Ich konnte es zwar immer noch nicht glauben, aber die Tatsache selbst war unzweifelhaft. Wahrscheinlich ging es mir wie denen, die in späteren Jahren ungläubig stammeln sollten, dass sie »das alles erst in einigen Wochen realisieren« könnten.
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Eine schwere Limousine fuhr vor, ich wurde hineingedrängt, auch der Bürgermeister fuhr mit. Als wir im Festsaal eines Schlosses ankamen, sang ein Chor, alle erhoben sich, Sprechchöre ertönten, sogar ein Minister gab mir die Ehre – das volle Programm.
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Ich schaute mich um. Rechts neben mir saß die dralle Frau des Bürgermeisters, mir gegenüber ein dicker Mann mit bleichem Gesicht, neben ihm zwei junge schöne blonde, albern gickelnde Mädchen. Komisch kam mir vor, dass einige der Festgäste mit dem Rücken zum Tisch saßen, so ähnlich wie beim Mainzer Fernsehkarneval, wenn sich die Promis auf ihrer Bank zum Büttenredner hin wenden. Ich lächelte die Mädchen an und zeigte auf die Rücken, doch da schwiegen sie plötzlich und lächelten geheimnisvoll zurück.
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Ein Gong ertönte, der Dicke stand auf und räusperte sich. Aha, der Festredner! Wohl nervös, daher so bleich. Ein Politiker? Verbandsmensch? Ich hörte ihm kaum zu, verstand kein Wort, denn ich war fasziniert von seinem fahlen, weißen, teigigen Gesicht. Immer wieder zog er ein Taschentuch hervor und wischte sich den Schweiß ab. Aber nur scheinbar. Denn ich beobachtete ihn genau und sah, dass er sich nicht den Schweiß, sondern Tränen abwischte. Ein quälender Prozess. Es berührte mich sonderbar, dass ein erwachsener Mann, offenbar ein wichtiger Mensch, vor Rührung weinte, nur weil ich Olympiasieger geworden bin.
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Als er fertig war, stand ich auf und hielt ebenfalls eine Rede. Es drängte mich dazu, denn ich wollte unbedingt etwas aufklären. »Liebe Gäste, ich weiß, dass ich Olympiasieger geworden bin, dass ich einen Weltrekord aufgestellt habe, aber wie ich das geschafft habe, weiß ich immer noch nicht. Mir geht ständig durch den Kopf, wie alles angefangen hat, wie es dazu kam, dass mich mein Heimatland zur Olympiade geschickt hat und warum ich jetzt in einem Land geehrt werde, das nicht mein Heimatland ist. Es ist im Wortsinn unfassbar. Der nackte Wahnsinn! Denn eigentlich kann ich …«
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Tja, was kann er eigentlich? Und in welchem Sport? Das ist die erste Frage. Die zweite: Wem hat er die Ehrung zu verdanken, wer hat ihn zum Olympiasieg geführt? Wer beides weiß, gewinnt keine olympische Goldmedaille, stellt keinen Weltrekord auf, sondern sammelt zwei WBI-Punkte. Aber nur, wenn er sich beeilt. Die Olympianorm für die Teilnahme muss bis Montag (21. Mai) erfüllt sein.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 16. Mai 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Baumhausbeichte - Novelle