Ohne weitere Worte (vom 15. August)

»Jahrelang habe ich darum gekämpft, mich von meinem Vater zu befreien«, sagt der Athlet. »Er hat viel falsch gemacht. Als ich zwölf war, hat er mir schon gesagt, dass ich 8700 Punkte machen muss. Mehr Druck geht nicht.« (…) Uwe Freimuth, ein renommierter Sportwissenschaftler, war vier Mal Zehnkampf-Meister der DDR und ihr Rekordhalter gewesen mit seiner Bestleistung von 8793 Punkten. (Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Rico Freimuth)
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Das mache ja auch den Sport aus: dass man mit Niederlagen umzugehen lernt und sie ins Positive dreht. (…) Eltern verkennten das heute immer öfter, behauptet er. Etwa, wenn sie versuchten, die Kleinen vor Enttäuschung zu bewahren – und stattdessen Medaillen für alle forderten. (Anne Armbrecht in der FAZ in einem Porträt von Thomas Röhler)
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»Leider bin ich nie auf einer Tartanbahn gelaufen. Auf Asche – so arrogant bin ich – hätte Bolt keine Chance gehabt. Allein durch seine Größe und sein Gewicht.« (Ex-Weltrekordler Armin Hary, 80, in der Welt am Sonntag)
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Ihr Hormonstatus wurde vor Jahren, als man ihr erstmals attestierte, eigentlich ein Mann und keine Frau zu sein, als von der Norm abweichend bestimmt. Aber kann sie deshalb nicht trotzdem eine Frau sein? (Jan Feddersen in der taz über Caster Semenya unter der Überschrift »Gendertribunal übelster Sorte«)
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Noch ein krimineller Kaiser (Schlagzeile der taz, Franz Beckenbauer mit dem Mexikaner Rafael Marquez gleichsetzend, der Mitglied eines Drogen-Kartells sein soll)
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Wo die Krähen schwatzen, schweigen die Schwalben. (griechisches Sprichwort, August-Losung des Jahreskalenders der Griechenland-Zeitung)
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Weil Deutschland auch im Fußball eine führende Exportnation ist, weit mehr gute Spieler günstig entwickelt als teuer importiert, wird die Bundesliga, finanziell gesehen, zu den Gewinnern der sich immer steiler schraubenden Preisspirale gehören. (Christian Eichler in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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Diskussionen um die Summen und Gehälter im Profifußball gab es schon immer. (…) Man darf dabei nicht vergessen: Das Geld ist da, es wird nichts geklaut. (Eintracht-Manager Fredi Bobic als Gast-Kolumnist im Kicker)
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Die Deutschen (…) kennen die Mechanik von Geld und Geltungssucht, Kaufkraft und Käuflichkeit spätestens seit dem unvergesslichen Monolog des Kleberfabrikanten Heinrich Haffenloher alias Mario Adorf gegenüber Klatschreporter Baby Schimmerlos im TV-Klassiker »Kir Royal«: ›Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld‹ ….« (Eichler/FAS)
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Wer alles so schlimm findet, könnte den Fußball auch einfach abschalten. Aber das Gegenteil passiert. Die Fans finden in Wahrheit alles gut so. (Jürgen Kaube im FAS-Wirtschaftsressort)
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»… dass du keine ruhige Minute mehr hast. (…) Irgendwann kommt der Punkt, da bist du so mürbe und so fertig, und die Versuchung ist so groß, da nimmst du es. Und dann hab ich dich, dann gehörst du mir. Dann bist du mein Knecht. Ich bin dir einfach über. Gegen meine Kohle hast du doch keine Chance.« (Heinrich Haffenloher)
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Allerdings gelten auch für den Sport die ökonomischen Gesetze. Die Fußball-Blase wird früher oder später platzen. (…) Die Wirtschaftsgeschichte lehrt, dass noch jede Hyperinflation in einem Crash geendet ist. (Nando Sommerfeld und Holger Zschäpitz auf der Finanzen-Seite der Welt)
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Heute würde die Geschichte in einem anderen Milieu spielen: Kick Royal. (Eichler/FAS)
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 14. August 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 14. August)

Beiläufig schweift ihr Blick zum Fernseher. Speerwerfen Männer. »Was sind das denn für kleine Autos, die auf dem Rasen rumfahren?« Wenn Laien Fragen stellen, wundert sich der vermeintliche Fachmann – und weiß es nicht. Nächster Blick, nächste Frage. 1500 Meter der Frauen. »Warum dürfen da Männer mitlaufen?« Wie soll ich das in einem Satz erklären? Oder zwei? Oder drei? Oder vielen? Ich hole aus … und zucke ratlos mit den Schultern.
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Drama um Bolt/Farah. Tragisch? Nein. Beide haben genug Gold gesammelt, auf der Bahn und auf dem Konto. Am Ende überspurtet oder vom Krampf gepackt zu werden, ist spektakulär, aber nicht tragisch. Wirkt eher wie gelungene Drama-turgie, damit ihre Geschichten nicht allzu kitschig enden. Echte Tragik, nur sportliche natürlich, erlebte unsere Hindernisläuferin. Und vorne siegte eine Außenseiterin ihrer Preisklasse. Jammerschade. Aber Gesa Felicitas Krause jammerte nicht mal. Große Sportlerin.
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Ausgerechnet der Lisa-Mayer-Wechsel! Aber die deutschen Sprinterinnen haben in London dennoch ein weit besseres Bild (»schöneres« stimmt auch, könnte jedoch als jovialer Machismus abgestraft werden) abgegeben als ihre männlichen Kollegen. Bei denen durfte der zweitbeste Deutsche gar nicht erst mit zur WM. Michael Pohl. Ein Hesse! Und deutscher Vizemeister. Die DLV-Sprint-Szene wirkt wie eine geschlossene Gesellschaft, die selben Namen seit Jahren, die gleiche (Nicht-)Entwicklung: Im Vorfeld ordentliche Zeiten und Vorschusslorbeeren, aber wenn es darauf ankommt, nun ja, Abkacken auf breiter Front. Fehlt nur noch, dass sie, wie der lamentierende Hürdler, über fehlende Unterstützung klagen.
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Dazu habe ich in der Samstags-Kolumne einiges geschrieben, was offenbar bei den Lesern, zumal alten Leichtathleten, gut angekommen ist. Danke für die Mails, die aber privat bleiben sollen. Allerdings hat Speer-Weltmeister Johannes Vetter die Aussagen und Forderungen des Hürdensprinters in einem Wort drastischer und treffender kommentiert als ich mit meinen vielen Sätzen: »Bullshit!« Die beiden Jungs werden sicher keine Freunde fürs Leben.
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Nach der Blamage mit den kleinen Autos will ich auftrumpfen. Ich doziere, dass der Speer in der Mitte gefasst werden und beim Abwurf in Wurfrichtung zeigen muss. Warum? Frage ich rhetorisch, da sie nicht nachfragt. Ich antworte mir: Weil ein Spanier vor einem halben Jahrhundert hinten anpackte, sich drehte und den eingeseiften Speer hundert Meter weit flutschen ließ – unkontrolliert in alle möglichen Richtungen. Die Technik wurde verboten. Wegen Verletzungsgefahr. Für die Zuschauer. Der Salto-Weitsprung dagegen – Du erinnerst Dich an den Stierspringer in Knossos? – wurde nach seiner Wiederentdeckung, ebenfalls vor einem halben Jahrhundert, wegen des Risikos für den Springer verboten. – Reaktion: »Weiß ich doch alles. Hast du schon hundert Mal erzählt. Aber was ist nun mit den kleinen Autos?«
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Beim Zehnkampf-Finale ist sie zum Glück anderweitig beschäftigt. Was sollte ich auch auf die Frage antworten, warum ein Japaner vorneweg läuft, sich im Ziel aber die Geschlagenen freuen, als hätten sie die Medaillen gewonnen? Aber wenn der Zehnkampf optisch dramatisiert würde, mit den 1500 Metern als Verfolgungsrennen nach Punktabständen, so dass der Erste auch der Sieger ist, wäre er kein Zehnkampf mehr, sondern nur ein neunfacher Anlauf zu einer dadurch überbewerteten zehnten Disziplin.
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Auch der Trost für die deutschen Staffel-Mädchen, dass sie ihre Medaille dann halt bei der nächsten WM holen und dazu vielleicht noch nachträglich eine zweite, würde viel zu weit führen. Doch zum Glück ist die WM beendet, und mit ihr die peinliche Fragerunde.
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Jetzt also wieder Fußball. Da sind keine Fragen zu befürchten, denn da schaut sie nicht einmal beiläufig hin. Selbst mich lässt er zunehmend kälter. Wie auch die aufgeregten Diskussionen um den entfesselten Kapitalismus mit teilweise kriminellen Machenschaften und anderen unanständigen Begleiterscheinungen. Erstens gibt es das überall, und zweitens sind die empörten Fans selbst schuld. Sie demontieren das regelnde Gesetz von Angebot und Nachfrage, indem sie sich links empören (über das Angebot) und rechts das sie Empörende immer ausufernder konsumieren. Aber auch das ist kein alleiniges Fußball-Phänomen. Siehe Nutztierhaltung und Wurst & Fleisch im Supermarkt. Doch dieses Thema ist mir jetzt viel zu ernst. Lieber lobe ich mir und unserem Hund die Dogumenta in New York, eine Kunstausstellung für Hunde. Im Ernst! Objekte in Schnüffelhöhe arrangiert. Anpinkeln erlaubt. Was auch manchem Documenta-Besucher gefiele.
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Zuletzt ein letztes Mal zum Letzten, der im Marathonlauf nicht überholt werden kann. Leser haben einige originelle Ausnahmen beschrieben, doch nach der Logik der Fangfrage bleibt es dabei: Niemand kann den Letzten überholen. Es sei denn, er kommt aus einer anderen Dimension. Dann könnte er uns Erdlingen auch all die anderen Absurditäten des Daseins erklären. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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Geschrieben von gw am 13. August 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 12. August)

Fangfrage der Woche: Beim Marathon überholen Sie den Letzten, wievielter werden Sie? Die Antwort ist nicht so eindeutig, wie am Donnerstag behauptet. Doch zunächst zur Woche der Empörung. Über Dembele, über Scholl, über das ZDF, über die Sportförderung. Wellen der Empörung schwappen durchs Land. Ich paddle lieber gegen den Strom
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Ousmane Dembele ist 20 und wirkt selbst für seine jungen Jahre noch ziemlich unreif. Wer kann diesem Jungen mit den staunenden Augen böse sein, wenn um ihn herum und mit ihm der Millionen-Wahnsinn tobt? Ich nicht. Falls Sie dennoch auch von mir Empörung verlangen, dann kann ich sie nur, wieder einmal, im Sinne meines Lieblings-Cartoons bieten. »Ist das noch Fußball!?« Das Bild zum empörten Ausruf: Ein Mann auf Skiern mit Taucherbrille und einer Hantel in den Händen springt vom Zehnmeterturm ins Wasser.
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Auch fast aller Welt ehemaliger Liebling Mehmet Scholl bekommt die Macht eines Meinungskartells zu spüren. Aus und raus ohne Applaus! Weil der als Fußball-Experte engagierte Scholl sich weigert, in der ARD auch als Doping-Experte aufzutreten. Mensch, Mehmet, warum so pingelig? Das tun doch alle! Je weniger Ahnung, desto mehr Meinung.
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Empörung auch über das ZDF, das am Dienstag statt Leichtathletik-WM ein belangloses Fußballspiel zeigte. Die Freunde der Leichtathletik, denen die bösen Fußball-Kapitalisten ja schon das Berliner Olympiastadion wegnehmen wollen, schäumen vor Wut über diese neuerliche Missachtung. Aber warum bloß? Eurosport überträgt alles live und kostenlos. Reicht doch.
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An Empörung nicht zu übertreffen ist der Leichtathlet Matthias Bühler, der im ZDF über die Sportförderung lamentierte. An der gibt es in der Tat viel auszusetzen, was schon oft »Anstoß«-Thema war. Aber dass der Hürdensprinter in diversen Zeitungs-Interviews nachlegt, ein Athlet müsse »uneingeschränkt so gefördert werden, dass er sich das ganze Jahr über auf seinen Sport konzentrieren kann, egal, wo er ihn ausübt«, das ist schon ziemlich frech. Ein Rund-um-sorglos-Paket, möglichst fürs ganze Leben?
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Der Hürdensprinter studiert Maschinenbau. Gefördert wird er nicht. Keine Sporthilfe, kein Sponsor. Erst als er Spitzenzeiten läuft, gibt es etwas Geld vom Schuhfabrikanten. Bei Olympia ist er erst 19, wird Vierter, startet auch im Zehnkampf (!) und wird dort Fünfter. Vier Jahre später, mittlerweile Weltrekordler, aber geschwächt von einer langwierigen Verletzung, wird er wieder Vierter und gewinnt Gold mit der Staffel.
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Mittlerweile weiß der sportinteressierte Leser: Es handelt sich um Martin Lauer, später ein erfolgreicher Diplom-Ingenieur. In der Staffel lief auch Armin Hary mit, ebenfalls Weltrekordler, ein gelernter Feinmechaniker, der in Rom 100-m-Gold holte. »Nur« Silber über 400 m gewann Carl Kaufmann, studierter klassischer Tenor, in einem epischen Duell mit Otis Davis. Die Bestzeiten: Hary 10,0, Kaufmann 44,9, Lauer 13,2.  Bühlers Zeit in London: 13,79.
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Wer in Zeiten aufkommender Kunststoffbahnen in der Leichtathletik groß wurde, erinnert sich an das herrliche Gefühl, von einer Tartanbahn getragen zu werden, statt über eine weiche Aschenbahn zu stampfen. Nimmt man die nachgebenden Startblöcke hinzu, die schweren Spikes und die noch nicht praktizierten modernen Trainingsmethoden, heben diese Handicaps den Vorteil der Handstoppung mehr als auf (zumal es noch keine Anabolika gab …), und man kann ohne verklärende Nostalgie behaupten: In die Gegenwart gebeamt, würden Lauer, Hary und Kaufmann wieder Medaillen gewinnen. Ohne Rund-um-sorglos-Paket.
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Aus (m)einer alten Kolumne: »Jeder kann und darf Sport treiben, niemand wird zu Spitzenleistungen gezwungen. Wer dennoch Einmaliges vollbringen will, muss sich, wie in allen anderen Gebieten auch, über die Risiken im Klaren sein. Der Erfolg kann süß sein, Misserfolg sehr bitter.  Chancen und Gefahren spornen aber auch zu großen Leistungen an, die Sporthilfe-Rentnermentalität bisher noch verhindert.« (Dez. 76). Ohne weitere heutige Worte.
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Zur Fangfrage. Klar, den Letzten kann man beim Marathonlauf gar nicht überholen. Eigentlich. Aber Uwe Lemke (Wöllstadt) hat eine Lücke in der Logik gefunden. Denn vor vielen, vielen Jahren gab es Marathonläufe in der Halle, vor allem in den USA, und auf einem mehrmals zu absolvierenden Rundkurs »wäre es durchaus denkbar, dass die Letzten von den Führenden überrundet, also überholt, werden.« Danke für die alternative Überraschungs-Lösung.
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Ein Veranstaltungstipp: Im Mai hatte ich einige Sätze über die hoch interessante Entstehungsgeschichte von »You’ll never walk alone« geschrieben. Da wusste ich nicht, dass das »Bildungsforum Friedberg« daran arbeitete, einen großen Dokumentarfilm über die Fußball-Hymne ins heimische Kino zu bringen. Am vergangenen Mittwoch gab es nun die ersten beiden Aufführungen, am nächsten Mittwoch (16. August) folgen die beiden letzten (Kinocenter, 17.00 und 20.00 Uhr).
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Prof. Peter Schubert, der mich informiert hat, ist nicht nur für das Bildungsforum aktiv, das sich »seit nahezu zehn Jahren bemüht, etwas für Bildung und Kultur in unserer Stadt zu tun«, sondern auch eine im mittelhessischen Sport bekannte Persönlichkeit … und einer der Bestplatzierten in der »Wer bin ich?«-Rangliste. Er hofft, dass die nächste Folge nicht in der Zeit zwischen dem 26. 8. und 8. 9. erscheint »während der meine Frau und ich mit dem Fahrrad von München zur Biennale nach Venedig unterwegs sind« – Die nächste Folge kommt später, versprochen. You’ll never ride alone! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 11. August 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Wer ist “Allritsch”? (40 – 30 – 20 – 10 vom 10. August)

Vor 40, 30, 20 und vor zehn Jahren: Kleine Texte aus »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides.
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(Heute haben Spielerberater zu viel Macht. So wie früher der DFB: Ein Nationalspieler, der angstschlotternd unter einem Tisch sitzt, wird vom Bundestrainer erwischt. Es ist nach 22 Uhr, Zapfenstreich vorbei. Und auch die Karriere im DFB-Dress. – Ein sehr guter Torwart trägt das Nationaltrikot nie. Er hat den Umgangston beim DFB kritisiert. – Keine Einzelfälle, siehe WM-Bankett 1974. Ich wundere mich:) Warum lassen sich gestandene, wohlhabende Männer, deren Gehirn trotz mancher Unkenrufe noch nicht in das Schussbein abgesackt ist, von Männern wie Hermann »Hipp-Hipp-Hurra« Goesmann, seinem Nachfolger Hermann »Schnullermund« Neuberger und ihren Mitarbeitern, zu denen auch der Bundestrainer gehört, behandeln wie kleine Jungs auf einem Klassenausflug? Warum nur? Niemand weiß eine schlüssige Antwort. Es muss was Wunderbares sein, vom DFB geliebt zu werden. (8. Juni 1977)
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(Apropos Spielerberater. Einer der ersten war Manfred Ommer, ein früherer deutscher Meistersprinter, später eine schillernde Figur auch im Fußball.) – Längst nicht alle haben erkannt, welche substanzielle Gefahr vom Ex-Sprintmeister ausgeht, der mit Fußballern als Rendite-Objekten jongliert. Doch die Vorstellung, was passiert, wenn sich in jedem Klub Ommers kickendes Eigentum verzinsen soll, alarmiert selbst die phantasielosesten Gehirne der trägsten Fußball-Funktionäre. (1. August 1987 / … und die Gegenwart übertrifft alle Phantasie.)
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(Zehn Jahre später. Der Sommer des Jan Ullrich. Schon damals beschäftigte mich eine schizophrene deutsche Spezialität. Nein, diesmal nicht die beim Doping, sondern eine andere:) Jene merkwürdigen deutschen Sprach-Befindlichkeiten, die bei der Tour de France, aber nicht nur bei ihr, ihren Schabernack treiben. Deutsche Zungen verrenken sich fast dieselbige, um jeden Namen jedes ausländischen Fahrers korrekt auszusprechen, nehmen es gleichzeitig wie selbstverständlich hin und empfinden es als exotisches Flair, wenn Ausländer die deutschen Namen so undeutsch wie möglich aussprechen. Sie entblöden sich aber nicht, »unseren« Jan Ullrich vor Amerikanern als »Allritsch«, vor Franzosen als »Ülrik« zu verballhornen. Aber wehe, ein Deutscher spricht ausländische Namen deutsch aus, der gilt gleich als Neonazi oder zumindest als Volltrottel. Um Missverständnissen vorzubeugen: Dies schreibt jemand, für den Neonazis zumindest Volltrottel sind. (11. Juli 1997)
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(Goellner. Sagt Ihnen der Name noch etwas? Ein längst vergessener Trendsetter:) Marc-Kevin Goellner, der im Tennis die falsch herum aufgesetzte Baseballkappe eingeführt hat, scheint nun auch einen Jungdeutsch-Trend anschieben zu wollen. Sein Kommentar nach dem Erstrunden-Aus in New York: »Ich bin total abgeschifft. (30. August 1997 / Mehr als 30 Jahre zuvor in der Schule: Ich musste einen Text vorlesen, ich glaube, über die Argonauten, in dem der Satz »… und sie schifften sich ein« vorkam. Weil ich den Satz nicht ohne Lachkrampf aussprechen konnte, gab’s einen Eintrag ins Klassenbuch. Abgeschifft weil beinahe selbst eingeschifft)
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(Ob vor 40, 30, 20, 10 Jahren oder heute, fester Bestandteil von »gw«-Kolumnen waren und bleiben Rätselfragen, vom »Ziegen-Problem« bis zu »Wer bin ich?«) Schnell, schnell, es zählen nur Spontan-Antworten: 1. Beim Sprint überholen Sie kurz vor dem Ziel den Zweitplatzierten. Wievielter werden Sie? 2. Beim Marathon überholen Sie den Letzten, wievielter werden Sie? Lösung: Wer den Zweiten überholt, ist Zweiter. Und wie kann man den Letzten überholen? Zugabe: Steffis Vater hat fünf Töchter: Nana, Nene, Nini, Nono . . . wie heißt die fünfte? Nunu? Nee, nee: Steffi! – Auch reingefallen, wie ich? Mein englischer Sprachkalender, in dem ich dauernd rumstolpere, gibt mir jetzt den Rest: »According to Sigmund Freud, what comes between fear und sex?« (4. August 2007 / Da fiel mir viel ein zwischen Frühpubertärem und Spätphilosophischem, aber nicht die kalaumathematische Lösung … fünf.) (gw)
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Geschrieben von gw am 9. August 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Ohne weitere Worte (vom 8. August)

Ihr bester Werbespruch – »Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten, Sie arbeiten schließlich auch für Ihr Geld.« (Martin Suter, Bestseller-Autor und Ex-Werber, im taz-Interview)
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Bei ihm wird nie die Gefahr bestehen, dass er irgendwann aus Geldnöten oder falscher Eitelkeit zurück in den Ring steigt. (Timur Tinç in der Frankfurter Rundschau zum Klitschko-Rücktritt)
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Der Profifußball hat sich in diesem Sommer von ethischen Werten und zivilgesellschaftlichen Errungenschaften endgültig und umfassend gelöst. Es ist der Endpunkt einer Entwicklung, die in den Nullerjahren angefangen hat. Zur Blütezeit des Arschgeweihs wurde der Fußball zu Überlebensgröße aufgeblasen. (Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung)
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Im Fußball und in der Formel 1 gewinnen immer dieselben Teams. – »Mich interessiert dabei auch: Wie verhält sich der Fan in zehn Jahren? (…) Welcher Junge interessiert sich heute noch für Schalke gegen Mainz? Die interessieren sich für Manchester gegen Barcelona. Sie gucken auch ganz anders Fußball, mit Second Screening und kurzer Verweildauer. Zuletzt waren wir bei Google in einem Workshop. Die haben dort 100 Mitarbeiter, die gar keinen Führerschein mehr haben. Die interessieren sich nicht mehr für Autos. (…) Was bedeutet das für die Formel 1?« (DFB-Manager Oliver Bierhoff im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit ihm und Mercedes-Teamchef Toto Wolff)
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Wo wäre denn heute, unter Profis von Rang, ein weltverbessernder Kapitän? Stattdessen volltätowierte Leichtmatrosen, für jedes Tor eine einstudierte Pose, der Rest der Welt ist wurscht. (Gertz/SZ)
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Silvia Neid (…), der zuletzt von ihren Kritikern vorgeworfen wurde, die Trends der letzten Jahre verpasst zu haben, wurde vom DFB mit dem neu geschaffenen Amt der Trendforscherin betraut. Eine originelle Idee. (…) Wurde sie noch vor einem Jahr für die Stagnation ihres Teams gegeißelt, beklagt sie jetzt selbst die Stagnation (…) im Frauenfußball. (Johannes Kopp in der taz über die Ex-Bundestrainerin)
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»Ich kann nicht eine Unterscheidung mehr finden zwischen 220 und 440 Millionen. Es übersteigt meine Fähigkeit, das einzuordnen.(…) Ich glaube, es ist nicht gut. Aber ich werd’s nicht verhindern. Wir sind im irrealen Bereich. Aber es ist grad Realität.« (Freiburgs Trainer Christian Streich über den Wechsel Neymars, protokolliert vom »Teledialog« der FAS)
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Arme Leute waren die Hartings. Sie lebten in Cottbus-Sachsendorf, Plattenbausiedlung, Dostojewskistraße 5,   Russengetto genannt. (…) Die Eltern waren damals einfach in die Wohnung gezogen, verzweifelt und ohne Mietvertrag. Geld für die Miete hätten sie nicht gehabt. »Ich weiß, wie es ist, ohne Strom zu leben«, sagt Christoph Harting. »Hungern mussten wir nie, aber dass eine Stulle auch dann nach Wurst schmeckt, wenn man die Scheibe übers Brot reibt, das weiß ich wohl.« (Juan Moreno im Spiegel über die »Gebrüder Groll« Robert und Christoph Harting)
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Robert hat Christoph nicht zu seiner Hochzeit im vergangenen Jahr eingeladen. Christoph wäre ohnehin nicht hingegangen. (Moreno/Spiegel)
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Für die Dauer der Documenta in Kassel und Athen – zusammen immerhin 163 Tage – wird die Kunst zum Propagandamittel einer Kampagne gegen alles, was Szymczyk (Anm.: Künstlerischer Leiter der Documenta) als »zivilisiert, frei, wohlhabend, gesetzestreu, maßvoll und zurückhaltend« verdächtigt. (Philipp Meier in der Neuen Zürcher Zeitung)
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Was ist jetzt schlimmer, die vergifteten holländischen Eier oder die vergifteten deutschen Diesel? Sicher ist, man sollte in einem deutschen Dieselfahrzeug keine holländischen Eier essen, wenn man noch am Leben hängt. (»Zippert zappt« in der Welt)
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Ihr schlechtester Werbespruch – »Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten, Sie arbeiten schließlich auch für Ihr Geld.« (Suter/taz) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 7. August 2017. Abgelegt unter Blog – Sport, Gott und die Welt, gw-Beiträge Anstoß.

Baumhausbeichte - Novelle