Ohne weitere Worte (vom 23. Oktober)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.
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12:05 Uhr: Rummenigge kritisiert die Kritik an den Münchner Spielern. Er zitiert zur Verteidigung Artikel 1 des Grundgesetzes. Drunter machen sie es bei Bayern nicht. (aus dem Liveticker des Fußball-Magazins 11Freunde)
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Die Bosse des deutschen Rekordmeisters (…) bedienten sich trumpscher Rhetorik und machten die Medien zum Schuldigen ihrer verfehlten Vereinspolitik. (…) Die Bayern demaskierten sich als provinziell und beendeten auf schauerliche Weise die Mär vom Weltklub. (Stefan Fromann in der Welt)
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12:26 Uhr: Schönstes Highlight: Hoeneß und Rummenigge fordern Respekt für ihre Spieler ein, bevor sie Juan Bernat öffentlich an die Wand nageln. (Liveticker 11Freunde)
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Die Bayern-Bosse, im Sturzflug rasend um sich schlagend, wirken wie eine Karikatur ihres einstigen Selbst. Vielleicht wird man mal sagen, das war der Moment, wo Streitbarkeit und Selbstbewusstsein endgültig in Weltfremdheit kippten. (Alina Schwermer in der taz)
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12:27 Uhr: Hier fällt jetzt häufiger das Wort Respekt als in handelsüblichen Deutsch-Rap-Songs. (Liveticker 11Freunde)
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Bayern spricht sich Wut zu (Schlagzeile in der Süddeutschen Zeitung)
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12:28 Uhr: Diese PK könnte bald in Büchern auftauchen. Im Duden neben »Offenbarungseid«. (Liveticker 11Freunde)
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Der Bumerang der Bayern ist zwar mit voller Wucht wieder eingeschlagen in die Abwurfstation. Aber er hat auf seinem Flug einige wunde Punkte getroffen, die im Trubel untergegangen sind. Dabei geht es um den Informationshandel zwischen den Profis, ihren Beratern, Vereinen, Verbänden und Journalisten oder deren Verlage. (Anno Hecker in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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Und wie wäre es nun, wenn es nicht wieder aufwärts, sondern weiter abwärts ginge, richtig runter, rutschrutschrutsch? Auch das römische Reich ging eines Tages unter, auch mit der Ming-Dynastie ging es dahin, auch die Maya verschwanden vom Globus. Also: Trainerwechsel ohne Wirkung, Sponsoren ziehen zurück, Platz 16, Relegation gegen den HSV, Niederlage, Abstieg, Apokalypse. (…) Selbstausziehung der Lederhosen. (…) Mia warn mia. (»Das Beste aus aller Welt« von Axel Hacke im SZ-Magazin)
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Das Thema ist zu ernst, als dass es mit Sarkasmus oder einem Blattschuss in die offene Flanke der Bayern beendet werden sollte. (Hecker/FAS)
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Jede Mannschaft spielt so, wie ihr Trainer sich gibt, das ist wie mit Hund und Herrchen. Auch die werden sich, hat die University of California einmal (…) aufgedeckt, mit der Zeit verblüffend ähnlich. Im Fußball ist es genauso. Deutschland spielt im Moment wie Löw und Liverpool wie Klopp. (»Querpass« von Oskar Beck in der Welt)
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Auf Knopfdruck schwebt das Garagentor nach oben, langsam kommt ein schwarzes Auto ins Bild, dessen Haifisch-Design nur eine Botschaft hat: Leute, gebt mir endlich Feinde! Kruse fährt den einzigen Mustang Shelby 500 in Deutschland. Das könnte auch ein leises Indiz dafür sein, dass andere Bundesbürger vernünftiger sind als er. Kruse ficht das nicht an. Sein Wagen hat gut 700 PS. (Hanns-Bruno Kammertöns in der Zeit über Max Kruse / Überschrift: »Der letzte Filou«)
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Die völkische Siedlerin: Langer Filzrock, weiße Hemdbluse, auf dem Oberarm tätowierte Schlange, Holzclogs, nennt ihr Handy auf gutdeutsch »Funki«, verkauft selbstgemachten Honig der Marke »Freie Erde«, lange geflochtene Zöpfe, Arbeitsschürze, eher ärmlich gekleidet. (Antje Schmelcher in der FAS über »neu-rechte Typen«)
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»Davon abgesehen leben wir in einer hypermoralischen, übersensibilisierten Zeit. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt: Ist es zu zynisch, entspricht es der allgemeinen moralischen Strömung, oder müssen wir da noch weiter differenzieren? Man könnte Sprache auch mal wieder zur Verständigung nutzen. (Kabarettist Bruno Jonas im Interview des FAZ-Magazins)
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Haben Sie Geldsorgen? – (…) »Ich habe schon auch mal Geldsorgen, aber das ist nicht das Wichtigste. (…) Sicherheit ist nur ein Gefühl.« (Polina Lapkovskaja von der Münchner Band »Pollyester« in der SZ-Interviewserie »Reden wir über Geld«) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 22. Oktober 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 22. Oktober)

Es ist durchaus möglich, dass die Bayern zu einem Siegeszug ansetzen, der ihre Vormachtstellung in Deutschland festigt, nebenbei den DFB-Pokal beschert und in Europa ins Finale führt, vielleicht sogar zum Triple. Mannschaft (noch?) und Trainer (schon?) haben das Zeug dazu. Dann wird der 19. Oktober 2018 in die Fußball-Annalen eingehen als der Tag, an dem Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge mit ihrer denkwürdigen Pressekonferenz auf genialische Art und Weise die Bayern an ihrer beiden Schöpfe aus dem Schlamassel gezogen haben, auf dass sie wieder ganz oben thronen …
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… wer das später einmal so sehen sollte, dem ist nicht zu helfen. Denn seit Freitag thronen Hoeneß und Rummenigge nur auf einem Thron – dem der Lächerlichkeit. Mehr möchte ich dazu nicht schreiben. Hohn und Spott sind mir zu billig. Nicht aber der gescholtenen Presse. Sie nutzt die in der Tat oberpeinliche Steilvorlage (ein ausgelutschtes Wort, das ich eigentlich nie mehr benutzen wollte) der Bayern-Bosse zu einer schenkelklatschenden Verhohnepiepelung, wahlweise oder zusätzlich mit selbstgerechter Empörung garniert, und umkurvt höhnisch den ernstzunehmenden Anlass der wilden H&R-Wut. Denn die grotesk hochgestochene Bemühung des Grundgesetzes hat, sachlich tiefer gehängt, in der Tat mit Kumpanei, Heuchelei, Mauschelei und bösartiger Durchstecherei von vernetzten Profis, Beratern und Reportern zu tun, aber auch mit dem Antasten der eigenen journalistischen Würde. Dazu gehört, dass das heute höhnisch in den Senkel gestellte Bayern-Duo im Erfolgsfall ein hochjubelndes Presse-Echo wie das eingangs herbeigesponnene wecken würde. Erste Ansätze sah und las man schon nach dem Sieg in Wolfsburg
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Schluss mit unlustig. Dortmund kann auch erste Halbzeit. Wo soll das bloß enden? Dumme Frage. Überhaupt nicht, hoffen BBV-Fans. Als ich letzten Montag vielleicht etwas zu unbegeisterte und zu wenige Worte fand, reagierte Jakob Greb »enttäuscht. Wenn Sie im Stadion gewesen wären, so wie ich, wüssten Sie die absolut außergewöhnliche Emotionalität dieses Spiels mehr zu schätzen.« – Davon bin ich überzeugt. Dennoch bleibe ich vorsichtig. Obwohl die BVB-Aktien nicht nur an der Börse steigen. Denn, siehe oben, jetzt scheinen Favres Buben zwei Halbzeiten zu können.
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Und wo und wie soll das mit der Eintracht bloß enden? In der Liga auf Kurs, in Europa durchgestartet und hoch fliegend unterwegs, jetzt das unglaubliche 7:1 gegen Düsseldorf – mögen die Pegelstände in Zeiten der Dürre überall dramatisch sinken, am Main schwappt die Begeisterung über. Meine schwappt mit, aber leise plätschernd. Was ist da bloß los? Ich kann es nicht einordnen. Scheint noch zu unwirklich. Daher ohne weitere Worte.
Aber mit ein paar mehr zu den Mexiko-68-Reminiszenzen, die jetzt überall aufgefrischt werden. Damals beschäftigte mich weniger die Black-Power-Demo von Carlos/Smith. Ich fand sie zwar richtig und gut, aber auch eher … normal. Eine angemessene Geste des Protests. Dass die Gemeinten sich nicht schämen, sondern wutschäumend zurückschlagen würden, kam mir bei der Siegerehrung nicht in den noch arglosen jugendlichen Sinn.
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Auch Dick Fosburys Flop haute mich nicht mehr vom Hocker. Von dem flog ich schon ein paar Monate vorher, als ein paar Sportstudenten in Obertauern Skikurs Skikurs sein ließen und nachzumachen versuchten, was ein verrückter amerikanischer Hochspringer laut Zeitungsmeldung getan haben sollte: rückwärts hochzuspringen. Trotz der »Matte«, einer Zwei-Meter-Schneedecke, waren wir Jungs uns einig: Das geht doch gar nicht! Heute geht es ohne Flop gar nicht mehr.
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Was mich vor dem Fernseher aber wirklich umhaute, war Bob Beamons unwirklicher 8,90-Meter-Sprung. Mittlerweile gilt aber als offenes Geheimnis, dass den Kampfrichtern danach Freudentränen in die Augen stiegen, so dass sie nur die erlaubten 2,0 m/sec ablesen konnten. Schon 2,1 m/sec (es waren wohl noch deutlich mehr) hätten den Jahrhundert-Weltrekord verblasen. Chaos-Theorie auch hier: Der Flügelschlag eines Schmetterlings (oder der tränenfreie Blick der Kampfrichter) hätte genügt …
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Es sind manchmal die winzigsten Veränderungen, die den Unterschied ausmachen. Kürzlich sprachen wir hier über falsch verstandene Lied-Texte. Später fielen mir einige »Schmetterlingsflügel« ein, die den einen und anderen Hit erst ermöglicht haben. Wie »Take Me Home, Country Roads«. Eigentlich sollte das Wort »Rhododendron« (im Englischen fast identisch) im Text untergebracht werden, die Blume von West Virginia (Quelle: SZ-Magazin). Zudem war die Urfassung von einer Kommune inspiriert, von langhaarigen Männern und nacktbrüstigen Frauen, die auf Feldern arbeiten (»Naked Ladies, men who look like Christ«). Diese Hitbremsen wurden später korrigiert, so dass John Denver in den Pop-Himmel aufsteigen konnte.
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… und später mit seinem Leichtflugzeug abstürzte. Yesterday war’s. Apropos: Angeblich hat Paul McCartney, nach einer Nacht bei seiner Freundin, in der Urfassung geschrieben: »Scrambled eggs (= Rühreier) / oh my Baby / how I love your legs«. Er soll es heute noch manchmal singen. Wir aber bleiben dabei, und nur so konnte es unsterblich werden: »Yesterday, all my troubles seemed so far away… «(gw)
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Geschrieben von gw am 21. Oktober 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Ohne weitere Worte (vom 16. Oktober)

Was ist aus Ihrer Sicht ganz realistisch drin gegen Holland und Frankreich? – »(…) Wir fahren nach Amsterdam, um zu gewinnen. Und wir fahren nach Paris, um zu gewinnen.« (Julian Brandt am Samstag im Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)
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Das Phänomen ist das gleiche wie bei der Nationalmannschaft. Zu lange wurde demselben Gerüst vertraut, eine gleitende Erneuerung verpasst. Bei Altbauten nennt man das Reparaturstau. Auch in einem Haus fällt nicht gleich alles zusammen, aber es rieselt und kriselt halt. Dafür sind die Bayern-Architekten verantwortlich, nicht Kovac. (Peter Hess in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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Bei seinem Rücktritt warf Özil (…) dem DFB Rassismus vor. – »Das kommentiere ich nicht, weil ich weiß, dass das Statement nicht von ihm verfasst ist. (…) Ich glaube auch, dass Özil bis heute nicht weiß, was in seinem Statement steht. Deswegen vermeidet er auch jeden Kommentar dazu.« (Ex-Nationaltorwart Uli Stein im Bild-Interview)
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»Ich glaube, ich hätte auch ein glückliches Leben gehabt, wenn ich 15 Jahre lang in der 1. Herren des TSV Pattensen gespielt hätte.« (Per Mertesacker im FAZ-Interview)
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Es gibt Dinge, die kann man als Normalsterblicher nicht verstehen. (…) Zum Beispiel, warum Sterne in schwarze Löcher, Butterbrote fast immer auf die bestrichene Seite und die Stuttgarter regelmäßig auf die Nase fallen. (George Moissidis im Kicker über das »Mysterium« VfB Stuttgart)
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Neymar wirbt unter anderem für Waschmaschinen. (…) Ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass dieser Junge jemals eine Waschmaschine bedient hat. Wenn er eine sieht, hält er sie vermutlich für eine Spielkonsole im Retro-Design. Dies ist die unglaubwürdigste Werbung, die ich kenne. Auf Platz zwei und drei folgen die gertenschlanke Heidi Klum mit ihrer Werbung für McDonald’s und der passionierte Bartträger David Beckham mit Rasierschaum von Gilette. (Harald Martenstein in seiner Kolumne im Zeit-Magazin)
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Angie Kerber ist nicht die glamouröse Queen wie Serena Williams. Sie ist nicht unbekümmert und schräg wie Andrea Petkovic. Sie ist weder so groß noch so schön noch so sehr von sich überzeugt wie Maria Scharapowa. (…) Angie Kerber ist zu nett, zu lieb und zu schüchtern, um es ganz nach oben zu bringen, hieß es früher. (Gabriela Herpell im SZ-Magazin)
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Angie Kerber habe ein Ballgefühl wie kaum eine andere, sagt (Alexander) Waske (Anm.: ihr früherer Trainer; Leiter der Tennis-Akademie in Offenbach). Eine Spielintelligenz wie Lukas Podolski, der vielleicht nicht erklären könne, warum er Sachen macht, aber er mache sie, und sie seien genau richtig. (Herpell/SZ)
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Heute bin ich ein sehr großer Fan von Roger Federer. Diese Ästhetik, diese Eleganz – ich bin ihm einfach verfallen. (…) Man könnte mich einen Federer-Groupie nennen. (Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter in einem FAS-Gastbeitrag)
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Und es stimmt einfach: DWF schrieb besser, als Roger Federer Tennis spielt. (Hinweis im Literatur-Magazin der Zeit auf »Der Spaß an der Sache« von David Foster Wallace)
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Neu ist, um ein Bild aus der Welt des Fußballs zu benutzen, dass heute sogar Spiele aus der dritten Kreisklasse zur Prime Time gezeigt werden, also auch eine Demo, die in Hückeswagen stattfindet, gute Chancen hat, in den »Tagesthemen« vorzukommen. (aus einem Welt-Leitartikel von Henryk M. Broder)
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Der Cirque du Soleil will 2019 eine Messi-Show präsentieren. (…) »Ich fühle mich geehrt«, schreibt Messi in das Instagram-Universum. Und wir wissen genau, wer sich gekränkt fühlt: Cristiano Ronaldo, der ewig Neidende. Aber der hat gerade ohnehin ganz andere Probleme. (Michael Wittershagen in der FAS-Kolumne »Schluss für heute«)
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»Schadenfreude ist besonders bei unzufriedenen Menschen ausgeprägt.« (der Sportpsychologe René Paasch im Welt-Interview zum Spott über die Krise der Münchner Bayern)
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Freigeister. Sie stammt aus Deutschland, lebt in Frankreich, plädiert für das Recht, belästigt zu werden. Die Sängerin Ingrid Caven fürchtet, dass ein neuer Puritanismus droht. (Interview-Einleitung im Spiegel-Frauenheft)
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»Ich habe einen Grundsatz, und der lautet: ›Ich bin nicht immer meiner Meinung.‹« (Ingrid Caven, 80, im Spiegel-Interview) (gw)
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(www.anstoss-gw.de /  gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 15. Oktober 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 15. Oktober)

Ein historisches Sport-Wochenende. Die phänomenale deutsche Siegesserie beim Ironman hält an, gleichzeitig kassiert Joachim Löw die höchste Niederlage als Bundestrainer – und Deutschland gegen Holland die höchste überhaupt. Auf Hawaii irritierte mich nur, was mich immer irritiert, wenn jemand für seinen Heiratsantrag öffentlich auf die Knie sinkt. Aber das ist ein anderes Thema. Reine Geschmacksache.
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Im »sinnlosesten Wettbewerb in der Welt des Fußballs« (Jürgen Klopp) ist die deutsche Nationalmannschaft nicht in die am Samstag im »Sport-Stammtisch angedrohte Confed-Cup-Falle getappt, sich in einem aufgetakelten Nichts das träg-trügerische Selbstvertrauen zu holen, das bei einer anschließenden WM oder EM jämmerlich implodiert. Bravo! Gefahr gebannt. Wenigstens das hat prima geklappt.
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Natürlich ist der Nations Cup nicht der sinnloseste Wettbewerb im Fußball. Sagt Olli Kahn. Im ZDF. Im Besitz der Senderechte ist alles, was übertragen werden darf, außerordentlich sinnvoll. Selbst der letzte Sch… nein, das ist der Nations Cup nun auch wieder nicht. Nur überflüssig. Und für Klubtrainer kontraproduktiv.
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Die DFB-Elf war der ideale Aufbaugegner für eine junge, unfertige, verheißungsvolle, physisch fixere und auch gedankenschnellere junge Mannschaft. Die zuletzt verspotteten Holländer sind noch lange keine Spitzenmannschaft. Aber zu beneiden.
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Wer den Schaden hat… Schluss mit Spott. Sooo schlecht haben sie gar nicht gespielt. Beim 0:3 war auch viel Pech dabei. Allerdings: »Immer Pech ist kein Zufall« (Joshua Kimmich). Überhaupt, am Mikrofon haben sie wieder überzeugt. Allen voran der eloquente Mats Hummels. Wäre er auf dem Platz noch genauso souverän, elegant und reaktionsschnell, gehörte er immer noch zur absoluten Weltklasse.
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»Jogi Löw ist bereit, sich selbst weiterzuentwickeln.« Was Toni Kroos vor dem Spiel gönnerhaft von sich gab, gehört allerdings in die Rubrik »Vergiftete Rückendeckung«. Fehlt nur noch, dass er hinzugefügt hätte: »Am Schluss muss der Trainer den Kopf hinhalten.« Hat Kroos das in seiner Münchner Zeit von Uli Hoeneß gelernt?
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Apropos FC Bayern. Als beim Europacup-Spiel der Basketballer ein paar zuschauende FCB-Spieler und ihr Trainer begrüßt wurden, gab es nur für Niko Kovac Pfiffe. Deutlicher konnten diese Bayern-Fans ihren Realitätsverlust nicht dokumentieren. Kovac ist nicht das Problem, sondern dessen Verwalter. Zwei Alpha-Tiere sind die Problembären.
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Aus der Inhaltsangabe des Spiegel-Frauenheftes: »Standpunkt. Warum es ein wichtiges Signal wäre, Ronaldo wegen der Vergewaltigungsvorwürfe zu suspendieren.« Da habe ich schon gar keine Lust mehr, den Text zu lesen. In der Inhaltsangabe steckt das ganze Dilemma. Gestraft wird man nicht mehr für bewiesene Taten – der Vorwurf genügt. Wenn Jeder-Mann verdächtig ist, spielt das den wahren Dreckskerlen nur in die Karten.
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Auch das SZ-Magazin erscheint als reines Frauenheft. Ganz schön viel Frauenpower im Land. Da könnte selbst der Freund seines eigenen De-facto-Matriarchats, und hier schreibt einer, in sein biologisches Reservat der bösen, alten, weißen Männer zurück konvertieren. Mache ich aber nicht, ich bleibe meiner liebsten Zielgruppe treu ergeben. Und wenn ich fundamentale feministische Fragen habe, beantworte ich sie nicht, sondern reiche sie an die Fachfrauen weiter.
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Zum Beispiel: Ab 1. November greift eine neue Regel in der Leichtathletik. In den Laufdisziplinen zwischen 400 und 1500 Metern dürfen nur noch Frauen starten, deren Testosterongehalt im Blut fünf Nanomol pro Liter nicht überschreitet. Wer einen höheren Wert aufweist, muss diesen dauerhaft reduzieren. Durch Einnahme hormoneller Mittel gegen das Übermaß an männlichen Sexualhormonen. Was die Leistungsfähigkeit drastisch verringert. Meine Frage: Was steht am Ende dieser logischen Kette? Diskriminierung oder sportliche Gerechtigkeit?
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Es gibt also Frauen-, Einbürgerungs-, Einstellungs- und diverse andere Tests, warum aber keinen für Wahlbürgerschaft? Wäre nicht mal undemokratisch, wenn man die klassische Demokratie von Athen zum Vorbild nimmt. Da wurde zwar nicht das Staatsbürger-Wissen getestet, aber ausgesiebt, so dass nur freie männliche Bürger wählen durften, ein Mini-Bruchteil der Bevölkerung. Ein Wahlführerschein wäre gegen diese Form der athenischen Diskriminierung ein großer gesellschaftlicher Fortschritt. Und Wahlkampf und Wahlausgang sähen ganz anders aus. Aber das ist nun wirklich ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 14. Oktober 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 13. Oktober)

Im »sinnlosesten Wettbewerb in der Welt des Fußballs« (Jürgen Klopp) öffnet sich wieder die Confed-Cup-Falle. Timo Werner weiß gar nicht, worum es überhaupt geht, aber ich kann es ihm sagen: Es geht darum, sich nicht in einem aufgetakelten Nichts das träg-trügerische Selbstvertrauen zu holen, das bei einer anschließenden WM oder EM jämmerlich implodiert.
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Michael Ballack versteht nicht, dass Joachim Löw nach seinem auch persönlichen WM-Desaster nicht zurückgetreten ist. Hinter Ballacks Kritik steckt wohl auch der eigene Frust über das schmähliche Ende im Nationaltrikot. Ihm missfällt alles, was weichgespülte Betatierchen, die ihn mit samtenen Zähnchen wegbeißen konnten, ohne ihn auf die Fußballbeinchen stellen. Und dass am Ende meistens die Lahms gewinnen, nicht die Ballacks.
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»Meistens«, nicht »immer«, wie ich im vorletzten Satz zunächst geschrieben hatte. Doch dann fielen mir genügend Gegenbeispiele ein. Zum Beispiel Uli Hoeneß.  Kovac müsse am Ende den Kopf hin halten, war in der Sache eine Binsenwahrheit, herausposaunt aber ein Unding. Das versucht er nun, mit einem unbedingten Treuebekenntnis zum Trainer wieder einzufangen. Doch darin erkennt man nur den alten Uli. »Ich werde Kovac bis aufs Blut …«
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… ja, was denn? Der Redewendung »bis aufs Blut …« folgt in der Regel eines dieser Verben: »quälen, peinigen, bis zum Äußersten reizen, provozieren, skrupellos ausnutzen« oder, ein besonders schöner Beispielsatz aus dem Stilwörterbuch: »Jemanden bis aufs Blut aussaugen und anschließend als totes Humankapital auf den Müll werfen.« Bei Hoeneß geht es lapidar weiter: »…verteidigen«. Ein Satz, der wie Ballack beginnt und als Lahm endet.
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Wie das mit dem Verteidigen eines angeschlagenen Trainers abläuft, hat der VfB Stuttgart in dieser Woche dankenswerterweise exemplarisch belegt. Tayfun Korkut, Held der Vorsaison, wurde salbadernd verteidigt und wenige Stunden später als totes Humankapital auf den Müll geworfen. Beziehungsweise auf den Markt, diesen Vorteil hat ein Trainer immerhin.
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Leser-Mail von »Jörg«, kurz und bündig: »Rocky haben Sie gewürdigt, zu Milde aber kein Wort.« Stimmt. Aber das kann ich nachholen. Am 10. September 1966 war ich nur am Fernseher Augenzeuge, als Karl Mildenberger in Runde zwölf zu Boden sank. Viele Jahre später, die Erinnerungsmaschine im Kopf hatte den Kampf auf ihre Weise nachinterpretiert, behauptete Mildenberger, Ali habe damals fürchterliche Angst vor ihm gehabt, unfair geboxt, sei völlig entnervt gewesen, habe aufgeben wollen – wie das halt so ist mit der verklärenden Erinnerung.
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Augenzeuge in der Festhalle war ich jedoch, als Mildenberger 1978 gegen Inoki antrat. Zwei Jahre zuvor hatte Ali gegen den Catcher »gekämpft«, ein peinlicher Klamauk, denn Inoki legte sich auf den Rücken und trat Ali, der dadurch keine Trefferfläche fand, unaufhörlich gegen die Beine. Unentschieden. Wie der »Kampf« in Frankfurt ausging, weiß ich gar nicht mehr. Ich weiß nur noch: ebenfalls peinlich. Vor allem, dass ich bei der Farce überhaupt am Ring saß.
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Gestutzt. Der neue »Spiegel« lag schon Mitte der Woche im Briefkasten. Ach so! »Nur« eine Sonderausgabe, »Nr. 41a«. Ein reines Frauenheft zum Thema Gleichberechtigung. Obwohl geschlechtlich nicht befugt, schlug ich die Inhaltsangabe auf … und fand Hinweise auf Artikel über alles Mögliche, aber leider keinen einzigen über die Frau im Sport. Ist ja auch ein hoch problematisches Thema, vor allem für fundamentalistische Feministinnen, da der Sport einige ihrer Grundüberzeugungen aushebeln könnte. Ältere Leser erinnern sich an diverse »gw«-Kolumnen zum Thema. Mittlerweile halte ich mich aber dezent zurück. Bin schließlich kein Selbstmörder.
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Am selben Tag meldeten Schlagzeilen, dass es im Motorsport eine Formel-Serie für Frauen geben wird. Was als emanzipatorische Errungenschaft gefeiert wird, mich aber  an Aparth… nein, quatsch, keine bösen Witze, siehe oben. Mit geschützten Zonen für Frauen im Sport, weil sie nicht mit Männern mithalten können, und was das fundamentalemanzipatorisch bedeutet, müssen die Frauen alleine klarkommen.
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Ich ziehe lieber meinen klitzekleinen Unterschied ein und unterstütze alle Forderungen der Genderwissenschaften. Alle! Zum Beispiel die These aus der »feministischen Geografie« von Hunden im Park mit Rüden »als chronische Vergewaltiger, Hündinnen als unterdrückte Opfer und männliche Hundehalter als Komplizen und Anstifter der vierbeinig-maskulinen Gewalttäter«. Auch unterstütze ich die Forderung, »männliche weiße Studenten sollten in Seminaren künftig angekettet auf dem Boden sitzen, um wenigstens symbolisch für historische Verbrechen zu büßen« (Zitate: SZ).
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Sie ahnen es, liebe LeserInnen, die Beispiele sind gefaked. Ein Akademiker-Trio hat, wie die SZ aufklärt, 20 derartige wissenschaftliche Beiträge erfunden, bei »angesehenen Fachjournalen« eingereicht – und viele davon sind veröffentlicht worden. Wer dann solche Absurditäten kritisiert, schließt SZ-Autor Sebastian Herrmann, »wird als Sexist, Rassist, Frauenhasser, Schwulenfeind, Transphobiker und Rechtsextremist beschimpft«.
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Ich bin nichts von alledem, natürlich auch kein Transphobiker (den musste ich aber erst nachschlagen). Aber was bin ich? Ich, der nicht mit einem stets erektionsbereiten aggressiven Kampfrüden unterwegs ist, sondern mit einer völlig harmlosen lieben Hündin, ja, dem Idealbild einer Pazifistin im hündischen Raum, die zudem den peinlich unmännlichen Namen »Mimi« trägt? Mimi, kommst du bitte? Wir müssen nach Hause! Komm doch bitte! Warum kommst du denn nicht? – Also, was bin ich? Mimi weiß es: Ich Mimi, du Memme.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 12. Oktober 2018. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Baumhausbeichte - Novelle