Sport-Stammtisch (vom 17. April)

Champions League ohne Bayern und BVB – es wird Zeit, dass Eintracht Frankfurt die deutsche Sache in die hessischen Füße nimmt. Leider ohne die Langhosen oben (Bobic, Hütter, Hübner) und wohl auch ohne den einen oder anderen kurzbehosten Hochbegabten unten, da wo wischdisch iss. Obwohl die Pandemie, oder was auch immer, die adipreißlerische Fußballweisheit sozusagen von den Füßen auf den Kopf stellt. Nicht jobhoppende Fußball-Legionäre, sondern die Flicks, Brazzos, Löws, Roses, Nagelsmanns und Rangnicks beherrschen die Schlagzeilen und Emotionen.
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Preißler war ein anderer Adi als Hütter, bei ihm kürzte die Niedlichkeitsform seinen Alfred ab. Bei Hütter könnten Frust-Fans auf dem kompletten Vornamen beharren, was fast die Höchststrafe wäre. Und natürlich nur Schmäh, Ösi-Adi kennt das ja.
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Das Meinungsbild der Leser reicht von Ärger (»Es geht NUR noch um’s Geld!«/Kai Velte) bis Verständnis (»Es gefällt mir nicht, dass Trainerwechsel so rasch auf Geldgier reduziert werden. Es könnte auch die Hoffnung auf ein neues, erfolgreiches Projekt sein. (Paul-Ulrich Lenz/Schotten).
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Das mediale Meinungsbild zum Doppel-Knockout BVB/Klopp gleicht sich langsam frühen »gw«-Sätzen an, dass die Methode Klopp mit ihrem unaufhörlichen Motivationsschub nicht unbegrenzt aushaltbar sei, siehe Endphase in Dortmund. Und jetzt in Liverpool. Die Mannschaft wirkt wie mein E-Bike-Akku nach 80 km vor dem letzten Berg: leer.
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Mann-schaft. In einem Vereinsheft lese ich von Erfolgen der Frauen »in einer Zeit, in der es noch sehr viel mehr Damenmannschaften als heute gab«. Nun sprechen zwar selbst emanzipierte Fußballerinnen nicht von Frauschaften (die sind ja auch NS-kontaminiert) und verständigen sich auf dem Platz ungegendert (»Achtung, Hintermannn!«), da ist also noch ein weites Feld längs und vor allem quer zu beackern. Aber stimmt es wirklich, dass es früher mehr aktive Fußballerinnen gab? Medial boomt der Frauenfußball jedenfalls.
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Was man vom Gewichtheben nicht behaupten kann. Liegt natürlich an jenem Thema, an dem ich mich nicht mehr abarbeite. Dieser Tage fand die EM statt, unter dem medialen Radar, wobei der georgische 175-kg-Klotz Talachadse mit 222 kg einen gigantischen Weltrekorde im Reißen aufstellte. Haben Sie davon irgendwo eine Zeile gelesen?
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Laurel Hubbard kommt aus Neuseeland, war also nicht startberechtigt. Hubbard war ein unterklassiger Schwergewichtsheber, ließ sich umoperieren und ist seitdem eine Weltklasse-Heberin. Sehr zur Freude der Konkurrentinnen. Also … nein, lieber nicht. Ohne weitere Worte.
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Weitere Worte von Heinz Wenzel aus Lich zur Kolumne vom letzten Samstag: »Sehr schön zu lesen. Da wünsche ich mir, dass ich solche Genüsse in meiner Tageszeitung noch lange genießen kann.« Kaum gefreut, ploppt die nächste Mail auf, von Wolfgang Happich, kurz, lakonisch, ironisch: »Wir Alten wissen es: Connie Francis und nicht Peggy March.« Autsch! Ausgerechnet auf dem Gebiet, in dem ich mit Armin Laschet ein unschlagbares Quiz-Duo bilden könnte, habe ich schmählich versagt. Obwohl ich es besser wusste. Beweis: »Einst sang Connie Francis: ›Die Liebe ist ein seltsames Spiel‹. Sie kannte den Fußball nicht.« Vor sechs Jahren geschrieben, fast identisch im Text – nur jetzt fälschlich mit Peggy March (ihr echter Top-Hit: »I will follow him«).
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Frage im Zeit-Magazin: »Können Sie etwas, auf das kein Mensch kommen würde?« Antwort Laschet: »Ich kann fast jeden Schlager der Siebzigerjahre im Wortlaut.« Und ich jeden der Sechziger! Nur mit den Namen scheint’s zu hapern.
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Vielleicht sollte ich mich auf ein anderes Fastganzalleinstellungsmerkmal konzentrieren. Hula Hoop ist wieder da, »denn das einstige Kinderspielzeug hat sich zum begehrten Sportgerät gemausert« (FAS). Zugegeben, von allen Trends, die gekommen und vergangen sind, ist Hula Hoop der beste Bauchfett-Killer überhaupt. Während wir auf Kickboard, Inlines, Roller und Rad unsere Wampe nur spazieren fahren, muss sie sich beim Hula Hoop selbst bewegen. Das Problem: Man muss den Reifen lange kreisen lassen, um Wirkung zu erzielen. Was mit 12, 13 kein Problem war, ich konnte den Reifen über den vorstehenden Hüftknochen und dem nicht vorhandenen Bauch unendlich lange kreisen lassen. Aber was, wenn man keine sichtbaren Hüftknochen und stattdessen einen sehr sichtbaren Bauch hat? Da verliert  nur der Riesenplanet Saturn seine Ringe nicht. Verflixtes Hula Hoop: eine super Übung für den Bauch, wenn man keinen hat, aber mit Wampe eine zum Scheitern verurteilte Qual. Ich lass es lieber. Und schwelge in Erinnerungen an damals, als ich den Hula-Hoop-Reifen mit den Hüftknochen schneller kreisen ließ als ein Speed-Karussell und mit Petula Clark im Chor sang: Der Fußball ist ein seltsames Spiel … oder so. (gw)
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Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 16. April 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 10. April)

Der beste Fußballer der Welt spielt in Dortmund. Allerdings würde er mit »leider zwei« antworten, wenn er sich die Titelfrage von Richard David Prechts Bestseller stellte: »Wer bin ich und wenn ja wie viele?« Denn man müsste sich die filigrane flinkfüßige Eleganz des frühen Marco Reus und die athletisch wilde Wucht des jungen Erling Haaland in einem Fußballer vorstellen. Geht nicht? Gibt’s doch, und sein Name ist Kylian Mbappé.
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Allerdings, wie immer bei solchen bemühten Vergleichen und Bildern, sie hinken oder hängen schief. Falls überhaupt, steckt in Mbappé mehr von Reus als von Haaland, aber vor allem ein unvergleichliches Talent. Um einen letzten Vergleich zu hinken: Eher als Reus/Haaland kommt der aktuelle Mbappé einer frühen Kombi Messi/Ronaldo gleich. Und was Mbappé und Haaland von Messi, Ronaldo und Reus unterscheidet: Die beiden sind die Gegenwart des Fußballs, die in die Zukunft weist, die drei anderen die Vergangenheit, die noch in die Gegenwart reicht.
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Nicht nur die Liebe ist ein seltsames Spiel, wie schon Prechts philosophische Schwester Peggy March wusste (Nachtrag: natürlich war’s Connie Francis / Danke, lieber Wolfgang Happich / siehe Mailbox) sondern auch der Fußball, vielleicht sogar noch seltsamer. Da spielen die Bayern ihren Gegner schwindelig und verlieren, dennoch würde sich kaum einer ihrer Fans Sorgen machen, gäbe es nicht diesen … siehe oben (und die Drama-Queen Neymar ist ja auch keine Schlechte). Die Dortmunder halten erstaunlich gut gegen die derzeit beste Mannschaft mit, wahren ihre Chance ausgerechnet durch ein Tor des zuletzt kritisierten Reus, aber wenn – wieder: ausgerechnet – Haaland weiterhin nicht trifft, bleiben sie chancenlos. In den anderen Spielen bestätigt Klopp sich schimpfend selbst (»Ich bin ein sehr schlechter Verlierer«), während sein ewiger Rivale Tuchel fast unbeachtet beinahe schon alles klar gemacht hat.
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Zurück zu Marco Reus. Gäbe es einen Fußballgott, hätte er ihm nicht nur die Begabung, sondern auch das dazu passende Laufwerk mitgegeben. Stattdessen Teufels Werk zu Gottes Beitrag: Reus’ Talent ist zu gewaltig für den zarten Körper. Profanerer Erklärungsversuch: Reus fuhr jahrelang ohne Führerschein eine Potenzprotz-PS-Schleuder. Seit er 2014 bei einer Polizeikontrolle aufflog, beutelt ihn die Verletzungsseuche. Meist rund um das Sprunggelenk. Am Gasfuß. Esoterik? Eher gehört es zum weiten Feld der Psychosomatik. Man nennt es auch Organsprache, wenn Stress und Traumata an körperlichen Schwachpunkten andocken.
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Wie kann man Reus bloß helfen? Die hilflose Frage wird prompt von einer rhetorischen beantwortet, die im Spam-Ordner der Mailbox aufploppt: »Wie kann es gehen, dass er sich nicht mehr selbst im Weg steht, sondern endlich auf höchstem Niveau verletzungsfrei und mit Führungsqualität spielt? Julia Goessler, Coach für Profisportler und Expertin für Mentaltraining und Aurachirurgie, steht für ein Interview zur Verfügung.«
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Aua … Aura … was’n das? Mein alter Freund Brockhaus weiß es nicht, selbst Wikipedia versagt, aber bei Google findet sich dann doch noch die vermutete und befürchtete Erklärung: Aurachirurgen operieren »extrakorporal im Energiekörper (Aura) des Patienten, der wird dabei nicht berührt«. Wie’s der Zufall will, schenkt mir die Mailbox beim nächsten Plopp eine schlagende Definition im Umkehrschluss, denn ein »Timbersports-Marketing« kündigt an, dass die WM im Sportholzfällen trotz Corona stattfinden soll. Timbersports ist also das genaue Gegenteil von Aurachirurgie. Kritisch könnte es daher werden, wenn das Handwerkszeug getauscht würde. Ich sähe zwar zu gerne einem Timbersportler zu, der einen Holzklotz aurachirurgisch spaltet, hätte aber als Patient leichte Bedenken, wenn der Aurachirurg zur Axt griffe.
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Oder die ChirurgI*n? Ach, quatsch, am Gendersprachunsinn arbeite ich mich schon lange nicht mehr ab, weder verärgert noch belustigt. Die ganz und gar wunderbare Senta Berger (bald 80;  unfassbar!) sagt im Zeit-Interview, was zu sagen ist: »Es wird zu viel über die Sprache und Gendersternchen diskutiert und zu wenig über die sozialen Verhältnisse.« Ja. Denn je weniger prekär die eigene soziale Lage, desto mehr Gendersternchen.
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Schluss damit. Zurück zum Energiekörper. Schlechte Aura? Mieses Karma? Nicht bei unser aller Eintracht. Champions League? Das Frage- könnte schnell einem Ausrufezeichen weichen, es muss heute nur der Ball, dieser extrakorporale Energiekörper, unberührt von Wolfsburger Leibern oft genug im VW-Tor landen. Der Zauber der Aurachirurgie! Dr. Kostic & Co., bitte operieren Sie!  (gw)
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Geschrieben von gw am 9. April 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 3. April)

Ordentlich, großartig, blamabel. Schlagworte zu drei Spielen, die von den Experten natürlich tiefgründiger analysiert wurden. Peinlich nur, dass die Spiele zeitlich so eng beieinander lagen, dass jedem auffallen musste, wie sich das Blatt von Tag zu Tag wendete. Von »Super-Jogi« bis »weg mit Löw« ging’s schneller, als Druckpressen laufen konnten. Schlagwort zum aktuellen Stand: Auweia! Obwohl ich mir kein Urteil erlauben dürfte, denn ich habe die Spiele nicht gesehen. Meine Fernbedienung reagiert allergisch auf RTL, außerdem habe ich kein Interesse an solchen Quali-Kicks. Ich glaube sogar, dass ich diesmal im Trend liege. Nationalelf? Gähn.
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Aber sie tun wenigstens Gutes, unsere Jungs, total aus eigenem Antrieb, ganz ohne peinliche DFB-PR, wie die peinliche DFB-PR bemüht betont. Die Nationalspieler zeigen ein Transparent, auf dem »Wir für 30« steht, will heißen für die 30 Artikel in der UN-Erklärung der Menschenrechte. In Dalidas Schlager-Oldie »Paroles, paroles« flüstert Alain Delon im Hintergrund seine »paroles«, nichts als Worte, Worte. Mir fällt dazu ein altertümliches Wort ein: wohlfeil. Passt es auch? Ich schaue nach und finde Synonyme wie abgedroschen, abgeschmackt, banal, beliebig, inhaltsleer, nichtssagend, seicht, billig, hohl, platt. – Passt! Ich könnte jetzt den moralisch angesagten Zeigefinger heben und sagen: Dann spielt eben nicht in Katar! Lasst euch nicht von Scheichs und Oligarchen bezahlen! Boykottiert die feudalen Sponsoren eurer Klubs! Aber auch das wären nur … »paroles, paroles, paroles«. Die Welt ist zu kompliziert, nicht nur für Fußball-Profis.
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Sehen wir es positiv. Auch uns gehört die WM 2022 ein bisschen, denn acht der zwölf Stadien entstanden im Büro des Frankfurter Architekten Prof. Albert Speer (†). Daher hessenlokalpatriotisch: Die WM in Katar ist eine gute Sache. Eine ausgezeichnete. Die beste aller möglichen. Nach der alten PR-opagandamaxime, »dass das Volk meistens viel primitiver ist, als wir uns das vorstellen«. Daher setzt Propaganda auf Einfachheit und Wiederholung, denn nur das bringt »grundlegende Erfolge in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung«. Von wem stammt das? Von Trump? Nein. Aus Goebbels Tagebuch vom 29. Januar 1942.
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PR-Seitensprung nach Italien. Inter Mailand hat ein neues Logo, nur zwei Buchstaben, I und M. Sie sollen nicht nur für »Internazionale Milano« stehen, sondern auch für »I am«. Dadurch will Inter »mit den Werten Inklusion, Style und Innovation« identifiziert werden. Paroles, paroles …
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Tja, und da ist da noch der Unglücks-Vogel, Vorname Heiko, der ins Fettnäpfchen tritt (»Frauen haben auf dem Fußballplatz nichts zu suchen«) und beim Raussteigenwollen in eine Fettbütt fällt, weil der Gladbacher Co-Trainer zur Buße sechs Einheiten einer Frauschaft trainieren wollte. »Wir fühlen uns beleidigt, diskriminiert und lächerlich gemacht«, klagt DFB-Spielführerin Alexandra Popp. Darunter machen wir’s in diesen Zeiten nicht. Und ich? Mach’s gar nicht. Die Chose zu kommentieren. Mir zu blöd. Außerdem springe ich nicht freiwillig in die Fettbütt.
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Wie würde die angesagte »Woke«-Bewegung reagieren, wenn ich behauptete, der organisierte Frauensport sei eine Schutzzone für das sportathletisch schwächere Geschlecht? Sachlich, fachlich eine Binsenwahrheit, aber mannomann! Apropos: »Woke ist das neue links«, sagt der Theatermensch Bernd Stegemann. Die Woke-Leute »agieren mit größter Sensibilität, wenn es um ihre eigenen Kränkungen geht, und sie schlagen mit ungezügelter Aggression gegen jeden, der es wagt, sie zu kritisieren. Ihre Kränkung wird zum Freifahrtschein, andere beleidigen und bedrohen zu dürfen.« »Woke« kommt von »erwacht sein«. Aber ist »Woke« wirklich das neue links – oder nur der neue »Wachturm«? All along the watchtower … wissen Sie, warum in London der Schnee nicht liegen bleibt? Weil dort der große Tower steht. – Hab ich damit im letzten Moment die Kurve weg von der Fettbütt gekriegt, rein in das harmlose Albernheitsnäpfchen? Uff.
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Erst in 136 Jahren können Frauen auf echte Gleichstellung hoffen – zu diesem erstaunlich exakten Ergebnis kommt eine Untersuchung des Weltwirtschaftsforums. 136 Jahre – immerhin noch vor dem ominösen »In the year 2525« (Zager & Evans, Sie erinnern sich?). Als »gw« arbeite ich seit Jahrzehnten mit viel Fleiß und Herzblut daran, die Wartezeit zum Wohle meiner liebsten Zielgruppe zu minimieren. Ein paar Tage habe ich den 136 Jahren schon abgeknappst. Bis dahin ist Deutschland vielleicht sogar schon durchgeimpft. Spätestens aber in the year 2525. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Geschrieben von gw am 2. April 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 27. März)

Zur Sprache. Tyson (54) gegen Holyfield (58), »das lang erwartete dritte Duell« sei perfekt, meldet der Sport-Informationsdienst (sid). Wer bitte hat diesen Opa-Quatsch »lang erwartet«? Oder die »Galligkeit«. Dass sie das wichtigste Erfolgsrezept sei, war in dieser Woche gleich mehrfach in diversen Publikationen zu lesen.

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Wenn die Erinnerung nicht täuscht, hat – typisch? – Matthias Sammer als damaliger BVB-Coach die »Galligkeit« in den sportlichen Sprachgebrauch eingeführt und »gallig« als engagiert-energisch-aggressiv missverstanden. Was »gallig« wirklich bedeutet, zeigen Synonyme wie »beißend«, »bitter«, »boshaft«, »ätzend«, »höhnisch«, »bitterböse« oder »übel gesinnt«, jedes einzelne davon kann mir den Tag vermiesen.
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Wo Gift und Galle gespuckt wird, liegt die »Gier« nicht fern. Sie gehört zu den »Must-haves« des siegreichen Sportprofis, der schon als Kleinkind verinnerlicht hat (»Muss haben!«), was heute als Modewort um sich greift und schon im Duden angekommen ist (»Must-have – Gegenstand, den man besitzen sollte, um als modern o. ä. zu gelten«). Das gierige Übel wird in Grimms Wörterbuch an der Wurzel gepackt: »Der geilheit giermacht blindlings zwingt, bis sie uns zum verderben bringt.« Hübsch auch, dass »gierliebe und lüstlein zu einer ewigwährenden unlust« führen. Herrliche Wörter, die mir ein ewigwährendes Lüstlein bereiten.
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Es gibt auch (Tot-)Schlagworte. In der Diskussion um Tokio wird ein solches gerne gegen Olympia in Stellung gebracht, im »Spiegel« sogar als apodiktisches Schlusswort: »Die olympische Idee sah einmal anders aus.« Doch die war nur das Hirngespinst von Pierre de Coubertin, der die Olympischen Spiele der Antike wieder einführte, um wie damals »zum Bau einer besseren und friedlicheren Welt beizutragen.« So human und friedlich wie im alten Olympia? Zum Beispiel beim Pankration, einer Art Ringkampf, in dem alles erlaubt war. Es gab nur eine Regel: Starb der Gegner, bekam er posthum den Siegerkranz. Fair Play auf hellenisch. Oder der Fackellauf. Hat soeben in Japan begonnen. Eine Nazi-Erfindung, Premiere in Berlin 1936. Klappte auf Anhieb. Sie hatten ja schon jahrelang auf Reichsparteitagen geprobt. Jedenfalls wäre bei den alten Griechen Olympia nicht ausgefallen, sondern als Opferfest gegen die Pandemie gefeiert worden. Zum Zeus!
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Zu den Must-haves der neuen deutschen Sprache gehört der Shitstorm. Unser alter Freund Jörg Dahlmann, der als »Freier« in unserer Sportredaktion erste journalistische Erfahrungen gesammelt hat, kennt ihn nun aus eigener leidvoller Erfahrung. Für alle, an denen der Kotorkan unbemerkt vorüber gestürmt ist: »Sky«-Reporter Dahlmann hatte den Fehlschuss eines Japaners wie folgt kommentiert: »Es wäre sein erster Treffer für 96 gewesen. Den letzten hat er im Land der Sushis geschossen.« Übler Rassismus sei das, hieß es im Land des Eisbeins mit Sauerkraut. Shitstorm im Netz. Die unvermeidliche »taz« stimmte lustvoll empört ein. »Sky« feuerte Dahlmann. Ausgerechnet der Sender, der ihn wegen seiner emotionalen Formulierungen eingestellt hatte, berichtet ein tief getroffener Jörg dem alten Kollegen »gw«. Er wisse, dass sein Humor und seine Sprachkreationen nicht jedem gefallen, aber ihm Rassismus vorzuwerfen, mache ihn fassungslos. Wer lasse noch einen »Rassisten« ans Mikrofon? Freunde und Weggefährten wissen, dass Jörg ein außergewöhnlich liebenswerter Mensch ist und von rassistischen Gedanken Lichtjahre entfernt. Zum Glück steht er nicht am Start seiner journalistischen Karriere, sondern biegt mit 62 langsam auf die Zielgerade ein. Da kann man einen Shitstorm etwas gelassener abwettern. Zumal es nach dem Shit- einen Lovestorm gab. »Viele Personen aus dem öffentlichen Leben haben sich auf meine Seite geschlagen und Sky für die Mobbing-Maßnahme und öffentliche Diskriminierung kritisiert.«
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Themawechsel. »Der ewige Kugelstoßer ist in dir durchgebrochen«, vermutet Ex-Kollege und Co-Rentner Guido Tamme, weil ich von einer »Golf-Kugel« schrieb. Nein, eher ist der schlechte Hammerwerfer (mit einer Drehung ca. 50 m) durchgebrochen. Denn es ging um Ex-Hammerwerfer und Golfball-Weitschläger Edwin Klein. Und beim Golf-Abschlag und Hammerkugel-Abwurf ähnelt sich die Endstellung – und davon hat Klein vielleicht seinen Mords-Drive beim Golf. Daher die Golf-»Kugel«. Aber das war wohl zu verdreht gedacht. Sorry. Immerhin habe ich vom Neu-Golfer Tamme eine hübsche Definition für alte Einsteiger gelernt: Sie sind auf dem »dritten Bildungsweg für Besserverdienende«.
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Zielgerade. Andreas Kautz (Florstadt) erinnert mich, 2021 jähre sich zum zwanzigsten Mal, dass er und seine Tour-Freunde neben »Jan Ullrich« und »Klaus« (= Angermann) auch »gw« auf die Serpentinen von Alpe d’Huez gepinselt haben. Das Beweisfoto ziert seitdem mein Arbeitszimmer. Noch etwas länger her ist das erstmalige Auftauchen des Kürzels »gw« in dieser Zeitung. Am 1. Januar 2022 werden es genau 50 Jahre sein. Ich wünsche mir nur, dass Jörg Dahlmann dann wiederholt, was er beim Abschiedsspiel von Lothar Matthäus gesagt hat: »Da geht ein großer Spieler. Ein Mann wie Steffi Graf!«  (gw)
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Geschrieben von gw am 26. März 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 20. März)

Was hat Eberl und Rose bloß geritten, den Wechsel des Trainers zum Champions-League-Konkurrenten ohne Not vorzeitig zu verkünden? Dass Gladbach nun kein BVB-Konkurrent mehr ist, hätte den beiden jeder vorhersagen können, der auch nur die leiseste Ahnung von Fußball-Psychologie hat. Immerhin kann der neutrale Beobachter befriedigt feststellen: Manchmal erhält das Ex und Hopp im Spitzensport die Quittung, und der wahre Sport schlägt der Ware Sport ein Schnippchen, um mal wieder mein altes Mantra unterzubekOMMen.
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Die Russen bekommen die richtige Quittung für ihr Staatsdoping, heißt es – bei allen, die den Kalten Krieg im Sport nachträglich gewinnen wollen. Ein paar »neutrale« russische Sportler dürfen zwar bei Olympia starten, aber in Tokio nicht ihre Nationalhymne singen. Statt dieser schlugen sie das volksliedartige »Katjuscha« vor, aber auch das wurde von den Siegermäch .. quatsch, vom Internationalen Sportgerichtshof abgelehnt. Spielt doch Beethovens »Freude schöner Götterfunken«, wie 1964 in Tokio(!), beim letzten Auftritt der gesamtdeutschen Olympiamannschaft BRD/DDR. Die zugehörigen Goldmedaillen werden im Medaillenspiegel natürlich Deutschland zugeordnet. Wenn schon Spiegelfechten, dann richtig.
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Die Golf-Welt spricht über den Kraftprotz Bryson DeChambeau, der die Kugel 340 Meter weit bahnverkürzend über einen See schmetterte und damit seinem Sport eine, wie Experten sagen, neue Dimension gab. Ich dachte dabei an Edwin Klein, den Olympia-Hammerwerfer und späteren Bestseller-Autor. Dass er auch Golf spielte, erfuhr ich erst, als er mich eines Tages anrief, um über alte Zeiten zu klönen. Und was er heute tue? Dialog: »Golf spielen. Handicap 0.« – »Glaub ich nicht.« – »Doch! Ich schlag sie alle, diese Fußballer.« – »Glaub ich nicht.« – »Und mein Abschlag ist weiter als der von Woods.« – »Glaub ich nicht.« Angeblich hielt Klein sogar den deutschen Abschlag-Weitenrekord. Einer seiner Bestseller hieß übrigens »Die Kanzlerpuppe«. Hatte aber mit Angela Merkel noch nichts zu tun.
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Im Golf heißen die Berufsspielerinnen nicht Profis, sondern »Proetten«. Ob das diskriminierend oder genderverdienstvoll ist, mögen Interessierte beurteilen (ich also nicht). Was ich als Schalk an der Genderei mag, wissen Leser wie Ralf Protzel, der mir »zum Genderkram« ein Foto schickte, auf dem ein Sack mit Füllspachtel zu sehen ist. Auf dem Wort »Füllspachtel« steht in Versalien der Aufdruck »INNEN«. Leider muss ich zugeben, dass ich zunächst auf dem Schlauch stand, sogar auf mehreren SchläuchINNEN. Erst dann klickte es. Dass es dieser Tage ein Attentat auf ein Polizeiauto gab, mit einem ähnlichen Sack, der von einer Brücke geworfen wurde, ist nicht nur moralisch verworfen und mörderisch kriminell, sondern auch wider die Gebrauchsanweisung: INNEN!
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Sorry, der Humor war vielleicht etwas zu schwarz. Ralf Protzel kommt aus Lich und beruflich viel in der Welt herum, zuletzt schrieb er aus Bratislava. Pressburg also. Früher deutschte ich osteuropäische Städtenamen ein, auf dringenden Wunsch eines einzelnen Lesers, der mir sogar eine Übersetzungsliste schickte. Mir war’s völlig schnuppe, aber ich mache Lesern generell gerne eine Freude. Dieser dürfte mittlerweile längst im sudetendeutschen Himmel sein, so dass ich mir derartige Eindeutschungen schenken kann. Ich erwähne es auch nur, weil Bratislava vs. Pressburg, Wroclaw vs. Breslau usw. die sprachstrittigen Vorläufer von Bürgern vs. Bürger*Innen & Co. waren. Ungegendert bleibt selbst bei aktivistischsten AktivistInnen bis zum heutigen Tag die Mannschaft – weil  die Frau(en)schaft noch zu NS-belastet sei, wie mir mal ein Leser erklärte. Dass sprachbegrifflich die Frauen-Mannschaften dominieren, ist ein hübscher Treppenwitz in der ganzen Chose.
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Und da sind dann noch die Astrophysiker, die jetzt Wasserstrudel untersuchen, um Schwarze Löcher besser erforschen zu können. Ich hab’s ja gewusst! »Immer wenn ich in der Badewanne liege, sehe ich im ablaufenden Wasser, wie Spiralnebel der Galaxien im schwarzen Loch verschwinden« (»gw«-Anstoß vor zwei Jahren). Jetzt warte ich nur noch auf die Verifizierung meines dritten Mantras für heute: »Wer an den Urknall glaubt, hat selbst nen Knall«.
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Zur vorherigen »gw«-Kolumne schreibt Manfred Peter: »Herzlichen Glückwunsch zu ihren Ausführungen, die wie immer ›den Nagel auf dem Punkt treffen‹. Weiter so und kritisch auch über unliebsame Wahrheiten schreiben.« – Im PS fragt der Leser, ob ich wegen der »unliebsamen Wahrheiten« schon auf der »schwarzen Liste« der Redaktion stehe. Erst stutzte ich. Die Redaktion, das bin doch ich? Ach nee, lange her. Also: Nöö, die Jungs geben dem Alterswahnsinn noch Gedankenfreiheit. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 19. März 2021. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.