Montagsthemen (vom 3. August)

Die Bayern spielen endlich wieder wie unter Guardiola, freut sich Thomas Müller im SZ-Interview. Fatal wäre es aber, wenn sie wieder wie unter Guardiola spielten, wenn es in der Champions League um die Wurst geht.
*
Einen Negativ-Rekord haben die Münchner schon aufgestellt, ohne daran schuld zu sein, ebenso wie der zweite Beteiligte, der BVB. Ihr Bundesliga-Geisterduell füllte kürzlich das ZEITmagazin. Auf 13 Seiten das Protokoll aller Spielerlaute auf dem Platz, ob artikuliert oder nicht. Der Magazin-Macher hielt es für eine gute Idee, doch das alte Magazin-Tantchen Zeit schlug auf der Leserbriefseite mit fünf ausgewählten negativen Zuschriften zurück und keiner einzigen positiven – das gab’s, glaube ich, noch nie. Ob »noch alle Tassen im Kühlschrank« seien, war noch die freundlichste Reaktion, »schwachsinnigstes ZEITmagazin aller Zeiten« die brutalste. Der arme Magazin-Macher? Nein, das hält er aus. Außerdem kommt er aus Langgöns, und als Mittelhesse weiß er, was zu tun ist: Abbutze un weider!
*
Auch ich habe mein Fett weg bekommen. Nicht am Bauch, sondern in Form eines Anschisses. »Es ist ja nicht neu, dass Sie Thomas Bach verehren, weil er als junger Aktivensprecher des deutschen Sports 1980 vehement gegen einen (west-)deutschen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau gekämpft hat. Dass Sie aber seinen (vermeintlichen) Gegner Bundeskanzler Helmut Schmidt als ›Boykott-Diktator‹ bezeichnen, ist unerhört!« (Rüdiger Trebing/Karben/komplette Mail in der Online-«Mailbox«) – Ich bitte um Verzeihung. »Boykott-Diktator« Schmidt war ebenso wenig ein Diktator wie Fußball-Gott Toni Turek ein Gott.
*

Aber das nur am Rande. Zurück zu den Großen unseres Metiers, über Süddeutsche Zeitung und Zeit zum Spiegel. Erst Schürrle, jetzt Höwedes: Es scheint zum gepflegten Abgang des modernen Fußballprofis zu gehören, zum Kehraus eine Story im Spiegel zu bekommen. Darin wird über die Höhen und Tiefen des unbarmherzigen Geschäfts geklagt, wie sehr man an den unerbittlichen Zwängen gelitten habe, alles eingebettet in honorige Selbstreflektionen, die das Image des nachdenklichen Profis aufpolieren. Das alles natürlich erst nach der Karriere. Der Spiegel als Sprungbrett in ein neues Leben?
*

Mit der FAZ machen wir das Quartett komplett. In ihrer Tokio-Ersatzserie »Olympische Geschichten« geht es um Dieter Baumanns Zahnpasta-Affäre. Lang, lang ist’s her. Was aber nie thematisiert worden ist (bescheiden sei’s angemerkt: außer von mir): Es war in der Doping-Geschichte der erste eindeutige Fall einer kriminellen Handlung, denn als Baumann nach seinem positiven Nandrolon-Test seine manipulierte Zahnpasta präsentierte und Anzeige erstattete, war klar, dass es einen Täter geben musste, dass also Baumann entweder gedopt und nachträglich falsche Fährten gelegt hat, oder dass ihm mit krimineller Energie übel mitgespielt worden ist (= meine Vermutung damals wie heute).
*
Um kriminelle Machenschaften soll es auch bei Fifa-Präsident Infantino gehen, von dem viele enttäuscht sind, vor allem jene, die ihn bei Amtsantritt treuherzig als vorbildlichen Reformer nach dem sinistren Blatter vorgefeiert hatten. Ich bin nicht enttäuscht. Als er 2016 kandidierte, trat er gegen Jerome Champagne, Prinz Ali bin Al Hussein, Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa und Tokyo Sexwale an. Das waren keine sechs Wale, sondern vier Haie aus den Fußball-Weltmeeren, und wer solch eine Wahl gewinnt, schrieb ich damals, kann kein »Infantilo« sein. Sondern ist wie die anderen, nur cleverer.
*
Und noch ein Blick in den Presse-Spiegel. Haltung. Thema in der Martenstein-Kolumne im ZEITmagazin. Es geht um die SZ, um »einseitigen Haltungsjournalismus«, der »das Gegenteil dessen erreicht, was er bezweckt«. Harald Martenstein: »Schuld und Unschuld sind eben nicht an der Hautfarbe oder der Meinung von vornherein zu erkennen.« Tja. Das sehe ich auch so. Vor allem in der SZ geht diese Haltung um, nur die eigene Meinung gelten zu lassen, weil sie die einzig moralisch richtige ist. Aber nicht nur in der SZ. Zum Beispiel auch im Spiegel, wo »Relotius mit erfundenen, aber politisch erwünschten Geschichten zum Superstar der Reportage aufstieg«. Martenstein würde allerdings auch im eigenen Blatt fündig. Das weiß er sicher am besten.
*
Ich bei mir auch. Immerhin versuche ich aber, mir selbst auf die Schliche zu kommen. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 2. August 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 1. August)

Das doppelte Sommer-/Corona-Loch stürzt verzweifelte Sportredaktionen in das Selbige, aber siehe da, dort unten naht die Rettung. Drei große Buchstaben (MMA), zwei große Zeitungen (Süddeutsche  und Welt), ein nicht ganz so großartiger Gedanke: Mixed Martial Arts (MMA), »Fight Island« in Abu Dhabi, zwei Deutsche dabei – das gibt eine super Story.
*
Zwei Deutsche, zwei Zeitungen, da teilt man brüderlich, bzw. genderneutral geschwisterlich, die Welt konzentriert sich auf Niklas Stolze (27), die Süddeutsche auf Peter Sobotta (33), und so können wir jeweils ein fast ganzseitiges Feature über diese deutschen MMA-Kämpfer lesen.
*
Was sind Mixed Martial Arts? Kurz gesagt: Im Kampfkäfig ist fast alles erlaubt, bis auf mädchenhaftes An-den-Haaren-Ziehen. Wem Boxen zu langweilig geworden ist, dieses Faustfechten à la Maske oder Klitschko, der wechselt zu MMA, da fließt mehr Blut, echtes Blut (im Gegensatz zum athletischen Turniertanz alias Wrestling), und es brechen mehr Knochen. Eine ähnliche Entwicklung wie im Kraftsport. Statt ödem Gewichtheben sehen wir Freak-Shows beim Powerlifting oder Strongman-Contests mit aberwitzigen Disziplinen. Man kann manches gegen den gewieften Advokaten Thomas Bach vorbringen (bei mir hat er seit seinem heroischen Kampf als Aktivenvertreter 1980 gegen Boykott-Diktator Helmut Schmidt einen Stein im Brett), aber in seiner Amtszeit als IOC-Boss wird es keine MMA-Fighter, Wrestler, Powerlifter oder Strongmen bei Olympia geben. Hoffe ich jedenfalls. Sonst ist der Stein im Brett weg.
*
Zurück zum »Fight Island«. Veranstaltet von der »Ultimate Fighting Championship« (UFC), deren Präsident Dana White Freund eines anderen Präsidenten ist (muss ich den Namen nennen?), für dessen Wahlkampf er eine Million Dollar gespendet hatte, was sich bezahlt macht, denn die UFC wurde als systemrelevant eingestuft und konnte bereits am 9. Mai als weltweit erste »Sportart« neu starten.
*
SZ und Welt stellen Stolze  und Sobotta derart blattfüllend vor, als seien sie Weltklasse-Athleten aus Top-Sportarten.  Aber  Stolze ist nur als Ersatzmann ins Feld gekommen, Sobotta als fast schon deaktivierter Haudegen. Nach dem Kampfabend tauchten sie, falls ich nichts überlesen habe, in beiden (und anderen) Zeitungen gar nicht mehr auf. Erst im  Internet fand ich Ergebnisse: Beide Deutsche verloren, Sobotta hört endgültig auf. SZ und Welt schweigen. Peinlich berührt? Von sich selbst?
*
Um nicht missverstanden zu werden: MMA, Powerlifting, Strongman, Wrestling haben ihre Berechtigung. In ihrem Milieu. Nicht in seriösen Zeitungen. Meint einer, der einst in dem Milieu unterwegs war.
*
Anderes Thema. »Vielen Dank, dass Sie auf den Film über Jan Ullrich hingewiesen haben. Ich habe ihn genossen. Mann, war das schön damals.« (Wilfried Grein/Karben). Auch andere Leser waren von dem NDR-Film sehr angetan. Mir kam dabei ein von Gemüt und  Talent ähnlicher Sportler in den Sinn. Aktuell wird er wieder locker deutscher Meister. Zu den Besseren, obwohl  weniger Talentierten in der Welt fehlt ihm vielleicht ein Udo Bölts. Quäl dich … Wer ist es?
*
Keine Auflösung. Zu leicht für  ein Sommerrätsel. Ein schwierigeres: Es klingelt. Ein junger Mann, dahinter eine junge Frau. Wollen mich für Ihren Verein werben. In solchen Fällen sage ich immer nur »Danke, kein Bedarf« und schließe schnell die Tür. Diesmal nicht. Ich bin besonders freundlich, versuche mein Nichtinteresse zu erklären, wünsche den beiden viel Erfolg, lächele sie freudig an, verabschiede mich ebenso und schließe sachte die Tür. – Warum verhalte ich mich so und nicht wie sonst? Auch zu leicht? Ja. Weil die beiden offensichtlichen Migrationshintergrund hatten und ich fürchtete, mein übliches brummig-grimmiges Verhalten an der Tür könnte als Rassismus ausgelegt werden.
*
Machen wir das Sommerrätsel also schwieriger. Ist meine betonte Freundlichkeit an der Vordertür Rassismus durch die Hintertür? Wäre ich nur frei von Rassismus, wenn ich die beiden abgefertigt hätte wie zwei Kartoffeldeutsche? Oder wäre  nicht DAS Rassismus, sondern mein Gefühl, es sei ein besonders perfider (und erfolgreicher) Drücker-Trick ihrer  Organisation, gerade diese beiden jungen Leute auf Werbe-Tour zu schicken? Im Vertrauen auf Menschen, die kaum etwas mehr fürchten, als des Rassismus verdächtigt zu werden, auf Menschen also wie ich – und Du? (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 31. Juli 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagsthemen (vom 27. Juli)

Diesmal mit Atempause vom Fußball, manches aber zum tief Durchatmen. Wie beim  Jan-Ullrich-Film am Samstag im NDR über das Ulle-Jubeljahr 2007. Ich habe die Dokumentation erst gar nicht angeschaut. Ich ertrüge nicht mehr, wie sich mediale Heuchler an Ullrich abarbeiten. Man habe  ihn nach langer Hatz erlegt, nachdem sie ihm zuvor erst gehuldigt und ihn später als dicken Ulle, dummes Kind verhöhnt und ihm Armstrong, ausgerechnet den, als großartiges Gegenbeispiel unter die Nase gerieben hätten. So am Samstag im Blog geschrieben, im Netz-Spielbein von gw-Kolumnen. Danach meldeten sich Leser, durchaus auch Ulle-Fans, die den Film »mit kleinen Abstrichen gelungen« fanden (Andreas Kautz; Dank auch an Werner Haaser) und mich bestärkten, ihn mir ebenfalls anzusehen. Werde ich tun (Link zur Mediathek im Blog). Vorurteile lasse ich mir immer gerne widerlegen.

*

Nachtrag: Vor 25 Jahren gewann Miguel Indurain als erster Fahrer zum fünften Mal in Serie die Tour. Ganz Spanien feiert den Jahrestag des verehrten Heroen. Ein Großer seines Metiers. Wie Jan Ullrich. Ein fairer Sportler auf dem Rad. Wie Jan Ullrich. Den Unterschied zwischen ihnen machen andere.
*
Die Leichtathleten beginnen immerhin eine zaghafte Kurz-und-Späti-Saison. Schon mit reifen Leistungen, wie den 9,86 von Sprinter Michael Norman und den 22,91 von Kugelstoßer Ryan Crouser, Platz drei der ewigen Weltbestenliste. Kurz danach stieß unser David Storl 20,84 und war sehr stolz darauf. 22,91 zu 20,84 – dazwischen liegen Welten.
*
Kaum wird Crousers 22,91-m-Weite bekannt, wissen Schlauberger, wie sie zustande kommt. Keine Kontrollen in Pandemie-Zeiten, da dopen die Jungs, was das Zeug hält. Nun bin ich nicht naiv, und über Doping der Kugelstoßer weiß ich mehr als jeder andere Journalist (das ist keine Angeberei, sondern Bekenntnis), doch diese Leistung erklärt sich von selbst. Bei der WM 2019, dem sensationellen Kugel-Finale, gewann Kovacs mit 22,91 vor Crouser und Walsh (beide 22,90). Bei dieser Leistungsdichte in höchsten Bereichen war klar, dass der Weltrekord (23,12)  wackeln würde. Wahrscheinlich wäre er schon gefallen, wenn die Pandemie nicht dazwischen gekommen wäre.
*
Aber wie kommt es, dass Storl als 21-Jähriger Weltmeister war, mit 22 Olympiazweiter (und alle Fachwelt ihn für die nächsten zehn Jahren für unschlagbar hielt), mit 25 seine Bestleistung stieß (22,20!) und seitdem nicht stagnierte, sondern sogar deutlich schlechter wurde? Ich frage bei Udo Beyer nach, dem Olympiasieger von 1976 und Ex-Weltrekordler (und immer noch inoffizieller Weltrekordler aus dem Stand: 21,97!). Wir sind uns einig, dass wir wissen, nichts zu wissen. Storl bleibt ein Rätsel.
*
Die Washington Redskins heißen jetzt »Washington Football Team«. Langweilig, aber praktisch. Irgendwann werden sie nach Werweißwohin verkauft, dann muss man nur das erste von drei Wörtern ändern. Dennoch gibt es Kritik, denn der scheinbar unverfängliche Name verführe dazu, das »Washington Football Team« weiterhin im Fan-Sprachgebrauch Redskins zu nennen. Meine Meinung dazu: keine. Man kann die Sau, die durchs Dorf getrieben wird, einfach mal an sich vorüber galoppieren lassen.
*
Der Schokoladen-Krieg. Nein, nicht der mit dem Sarotti-Mohr oder dem Negerkuss, den lasse ich ab sofort im Dorf an mir vorüber galoppieren. Sondern der Krieg zwischen Milka und Ritter um die quadratisch praktisch gute Verpackung, den Ritter Sport vor Gericht gewonnen hat. Bei mir haben beide verloren, denn seit ich einmal zu Weihnachten einen ganzen Schwung einer mir unbekannten Marke geschenkt bekam und etwas ganz Edles vermutete, aß ich nur noch diese, und zwar in rauen Mengen. Erst viel später erfuhr ich, dass es die Hausmarke eines großen Discounters ist, den ich meide wie Pest, Cholera und Corona. Aber ich sprang, des einmaligen  Geschmacks wegen, über meinen kleinen Schatten und schleiche seitdem alle zwei Wochen aldiweil zum  Discounter und hole mehr Tafeln der Hausmarke, als Corona-Hamsterer Klopapier gekauft haben. Unterschied: Die sitzen immer noch auf ihrem Klopapier, während meine Schokolade ständig nachgekauft werden muss.
*
Meine Sammlung hübscher Subjekt-Objekt-Verschiebungen hat Verstärkung bekommen. Aus dem Spiegel, in einem Text über die Epstein-Vertraute Ghislaine Maxwell: »Sie half ihm (…), ein weltumspannendes Netzwerk von jungen Mädchen aufzubauen, die Epstein und Maxwell sexuell ausbeuteten und missbrauchten.« Allerdings nur grammatisch hübsch, inhaltlich besonders unhübsch. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 26. Juli 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 25. Juli)

»Simera ksekinun i Olimpiaki Agones«, versprach gestern der griechische Sprachkalender (in meiner Lautschrift). »Heute beginnen die Olympischen Spiele.« Nein, wir sind aus der Zeit gefallen und spielen lieber Champions League. Es klingt immer noch unwirklich, und es sieht auch so aus. Spiele ohne Zuschauer im Zuschauersport Fußball. Und das im Hochsommer, der für Olympia reserviert war, dessen Sportler viel leichter ohne Zuschauer auskommen als die Fußballprofis. Die wiederum feiern Meisterschaften im überschwänglichen Dialog mit ihren Fans, die gar nicht da sind, sondern vor dem Fernseher – oder vor dem Stadion in Massen feiern, als sei Corona ein Geisterspiel, ein Spuk, der vorbei gehuscht ist.
*
In Kürze also das Champions-League-Finalturnier. Die deutsche Erwartungshaltung ist klar. Alles außer dem Triple wäre eine Bayern-Enttäuschung. Würde ich auch sagen, gäbe es die Zwangspause nicht. Zum vierten Mal in der Saison ein grundlegendes Vorbereitungstraining, dazu die immer noch ungewöhnliche Atmosphäre in den leeren Stadien – das alles lässt keine ernstzunehmenden Vorhersagen zu. Nach dem 5:3-Spektakel gegen und mit Chelsea hat Jürgen Klopp – wie so oft – die richtigen Worte gefunden. Sein in der regulären Saison bollwerkstarkes »Team Weiße Weste« sei zu »Circus Roncalli« mutiert. Das Spiel wird unkalkulierbar, das macht vor dem Fernseher Spaß, lässt aber Trainer auf der Bank und Toto-Tipper verzweifeln (liebe Kinder, was »Toto« ist, müsst ihr selbst googeln).
*
Vielleicht gewinnt sogar Bergamo, das gruselige Synonym für Corona. Atalantas letztes Spiel vor der Zwangspause, das Achtelfinale gegen Valencia vor 44 000 Zuschauern in Mailand, kam als »Superspreader« zu fataler Berühmtheit. Nach dem Neustart hat Atalanta einen Lauf, warum und wieso weiß kein Mensch, es sei denn, er glaubt an eine Wiedergutmachung des Schicksals. Was aber angesichts der Bilder vom März ein unangemessener Gedanke wäre.
*
Einer der größten Fans von Atalanta Bergamo heißt Daniele Belotti, der von sich selbst sagt, er sei ein Ultra – und als solcher gilt er nicht nur im Stadion, sondern auch im Parlament, denn Belotti ist Abgeordneter der rechtslastigen Lega Nord. Seine Tränen vom März gingen um die Welt (sie »gingen viral« wie man heute sagt, was mittlerweile makaber wirkt). Belotti weinte im Parlament, und mit tränenerstickter Stimme stammelte er: »Wir verlieren unsere Großväter.« Anrührend, ja. Aber warum sprach er nur von Großvätern? Klar, ein typisch maskulin geprägter alter weißer Mann, dazu noch ein Rechter! Aber wo bleiben die Großmütter? Ich suche nach dem Original-Wortlaut, »viral« leicht zu finden, und lese: »Siamo perdendo i nostri nonni.« Wir verlieren unsere … ja, auch Großväter (»nonni« = Plural von nonno), aber auch Großmütter, denn »nonni«, sagt mein italienisches Wörterbuch, ist der feststehende Begriff für Großeltern. In deutschen Zeitungen als »Großväter« übersetzt, also diesen anzulasten, nicht Belotti.

*

Nachtrag zu Ringo Starrs 80. Geburtstag. Der vierte Beatle aus Liverpool (der fünfte heißt nicht Pete Best, sondern Jürgen Klopp) ist, wie ich lese, Anhänger der Transzendentalen Meditation (TM). Meditation? Ich dachte zuerst, mich verlesen zu haben, aber Ringo ist ja clean, seine transzendentale Medikation war früher. Noch viel früher schrieb ich erstmals über Transzendentale Meditation (TM), als »Pardon«-Herausgeber Hans A. Nikel 1977 auf dem Titelblatt in heiligem Ernst verkündete: »Kein Witz – ich kann fliegen!« Nikel war esoterisch abgedriftet und fest davon überzeugt, dank TM im Sitzen mit gekreuzten Beinen abheben zu können. Womit wieder einmal bewiesen war, dass Satire nie und nimmer den Wahnsinn des wahren Lebens übertreffen kann. Danach gründeten die von Nikel genervten Satire-Größen um Robert Gernhardt ihre eigene »Pardon« namens »Titanic«.
*

Ich würde zu gerne wissen, was Gernhardt oder vor allem auch Matthias Beltz zur deutschen Rassismus-Diskussion nebst Umbenennungs-Manie eingefallen wäre. Immerhin aber lese ich im Spiegel einen Satz, der mir gerne selbst eingefallen wäre: »Als würde Helene Fischer aus Protest gegen Überfischung auf ihren Nachnamen verzichten.« – Hut!
*
Hut? Frankophile sagen Chapeau! Egal wie, jedenfalls: herrlich. Zu guter Letzt noch einmal mein Sprachkalender. Er stellt die Frage zum Tage, wie das olympische Maskottchen Japans heißt (Antwort: »Miraitowa«) und was das bedeutet. Auflösung: »mellon ke äoviotita« (Zukunft und Ewigkeit). Passt. Olympia ist um ein Jahr in die Zukunft verschoben worden … aber hoffentlich nicht bis in alle Ewigkeit. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 24. Juli 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 18. Juli)

Das ManCity-Urteil kommentiere ich erst gar nicht. Derartige Pflichtübungen überlasse ich den kritischen Geistern des deutschen Sportjournalismus. Ich hatte die Sache schon bei der Strafverkündung abgehakt. Beweissatz vom Februar: »Maximalstrafe für Manchester City. Minimierung nicht nur möglich, sondern gewiss.«
*
Eine andere Wette, nicht öffentlich angeboten, sondern nur mit mir abgeschlossen, habe ich verloren. Ich war sicher, Corona würde die Fußball-Blase endlich platzen lassen. Aber der Fußball scheint selbst diesen Super-GAU geisterspielerisch zu überleben. Das »Weiter so« geriete nur in Gefahr, wenn zu den langfristigen Schäden der ersten eine zweite katastrophale Welle kommen sollte. Aber wollen wir das? Dann doch lieber das irre Milliardenspiel Fußball.
*
Auch Manuel Neuers Gesang überlasse ich empörteren Gemütern. Singt in abendlicher Runde ein rechtskroatisches Lied mit, das er nicht versteht … also nee, empöre sich, wer will. Zum Dritten: Alexander Zwerev soll ein rotzlöffeliger und schwieriger Typ sein. Und wenn schon. Von der Sorte gab und gibt es im Tennis viele. Zum Beispiel Nick Kyrgios, unbestritten die aktuelle Nr. 1 auf der Rotzlöffel-Liste. Dass aber ausgerechnet Zwerev-Beschimpfer Kyrgios (Boris Becker: »die Ratte«) von den Zwerev-Kritikern als Kronzeuge benutzt wird, erinnert stark an eine andere Bestenliste. Die der »Sachbücher«. Dort steht Trumps Ex-Einflüsterer Bolton ganz oben mit einem Trump-Verriss. Ausgerechnet Bolton, ein – falls dies möglich ist – noch schlimmerer Typ als Trump. Bigotterie ist Trumpf.
*
Bigotterie. In diesem Zusammenhang ist auch Andreas Kautz (Florstadt) sehr verunsichert. »Wie rassistisch ist ›Otto -– der Film‹?«, fragte seine Heimatzeitung (zugegeben: das sind wir), weil in dem 35 Jahre alten (!) Geblödel auch Tabu-Wörter für Dunkelhäutige vorkommen. »Ich war damals im Kino in Friedberg. Ich bin mir relativ sicher, dass ich gelacht habe. Was muss ich tun? Reicht eine Selbstanzeige? Der einzige, der mir jetzt noch helfen kann, ist gw.«
*
Ich? Vielleicht mit einem Ablenkungsmanöver, hin zu dem im öffentlichen Ansehen vielleicht besten Menschen der Welt. Otto ist albern, aber kein Rassist. Albert Einstein war auch oft albern (die Zunge!), aber … welch ein Rassist! In einem Reisetagebuch beschrieb er Chinesen als »stumpf aussehende vernachlässigte Menschen«, als »merkwürdiges Herdenvolk, oft mehr Automaten als Menschen ähnelnd«, und er konnte nicht begreifen, »was für eine Art Reiz der Chinesinnen die zugehörigen Männer so fatal begeistert, dass sie sich gegen den Kindersegen so schlecht zu wehren vermögen«. – Rassismus pur mit Tönnies-Touch. Aber es geht ja nur um Chinesen, die haben zum Glück keine antirassistische Lobby, sonst müssten wir die Relativitätstheorie für ungültig erklären.
*
Dass die ganze Chose langsam ins Lächerliche gezogen werden kann (was echte Rassisten schamlos ausnutzen), ist die fast schon historische Schuld der verbissenen Oberaufseher des korrekten Antirassismus. Daher mal ernsthaft. Wer, zum Beispiel, einen dunkelhäutigen Jungen mit »Haste mal en Mohrnkopp für mich« anmacht … ich weiß nicht, ob er ein Rassist ist, ich weiß nur, er ist, sorry, ein Arschloch.
*
»Mohrnkopp« – für mich ein Sehnsuchtswort der Kindheit, nie assoziiert mit dunkelhäutigen Menschen. Ich werde in diesem Leben nicht mehr so weit kommen, beim Anblick eines »Mohrnkopps« spontan zu denken: O, ein Schaumgebäck! Aber ich werde »Mohrnkopp« nicht aussprechen, wenn ich befürchte, damit jemanden beleidigen oder gar kränken zu können (was viel schlimmer ist, denn auf Beleidigungen kann man reagieren). Das hat nichts mit Antirassismus und Rassismus zu tun, sondern mit Anstand und Arschlochsein.
*
Angenehmeres Thema. Zum 80. Geburtstag von Ringo Starr hatte ich dessen Buch »Postcards from the Boys« erwähnt. Das hat Karin Scheunemann, bestens bekannte Sport-Lady aus Bad Nauheim, »mit Freude gelesen und gleich mein Buch, das ich von meinem Sohn Peter geschenkt bekam (vor etwa 15 Jahren) wieder mal angeschaut«. Vor 15 Jahren? Damals stellte ich auf unserer Bücherseite »Postcards from the Boys« vor, das in Deutschland ziemlich unbekannt geblieben ist. Kann es sein, dass Peter erst durch »gw« auf das Buch aufmerksam wurde? Ich fragte nach, und siehe da: »Es ist wirklich so. Peter hat den Tipp gelesen und seiner Mutter mit dem Buch eine Freude gemacht. Heute habe ich Peters Sohn Tristan (10) damit erfreut. Was es doch für Zufälle gibt und sich dann ein Kreis schließt.« – Ein schöneres Schlusswort gibt es nicht. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)

Geschrieben von gw am 16. Juli 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.