Montagsthemen (vom 2. Juni)


Wir sind aus der Zeit gefallen und krabbeln langsam zurück, da sind dienstägliche Montagsthemen kein Widerspruch, sondern nach Ostern und Pfingsten vertraute Tradition, und die  Geisterspiele wirken fast schon alltäglich. Sogar die Dritte Liga geistert herum. Während die Erste  Pleiten verhindern will, spielen sie zwei Etagen tiefer das Lied vom eigenen Tod. Dieser Aufwand in der Drittklassigkeit – haben sie den Schuss nicht gehört?
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Haben Sie ihn gehört? Ja, klar. Bei Corona hört man jeden. Und wenn vor dem Stadion ein Motorrad vorbei röhrt, schwappt vor dem Fernseher der Kaffee aus der Tasse. Das Plopp, Plopp, Plopp, die einzelnen Rufe, das leere Stadion, die runtergedimmte Stimmung auf dem Platz (sehr angenehm übrigens), das alles wirkt kontemplativ, wie zwei Stunden Curling gucken bei Winterolympia.
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»Ich wage es fast gar nicht zu sagen, aber die Geisterspiele, die ich bisher gesehen habe, waren fußballerisch richtig gut«, merkt unser Leser Wolfgang Fertsch an, »die Spieler konzentrieren sich nur auf das Spiel, wenig Theatralik, flüssiges, erfolgsorientiertes Spiel. Toll. Es wäre so schön wenn etwas davon übrig bliebe.«
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Damit genug des Fußballs. Diesmal irrlichtert der Irrsinn anderswo. Pfingsten pfing, nein, Fingsten fing, nein, selbst die alten Kalauer versagen, wenn Pfingsten damit anfängt, dass mich eine Meldung vom Hocker haut: Malaika Mihambo geht nach Amerika und wird  von Carl Lewis trainiert. Eher hätte ich geglaubt, dass Angela Merkel ein Praktikum bei Donald Trump macht.
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Mihambo also wie Klosterhalfen. Mit Carl Lewis statt Alberto Salazar (bzw. dessen Statthalter beim Nike Oregon Projekt). Merkwürdig, dass sogar der  kritische Spiegel  ironiefrei schwärmt: »Einen besseren Lehrmeister kann Malaika Mihambo nicht finden.« – Info für euch, liebe Kinder unter 50: Carl Lewis ist ein Olympia-Held, Ben Johnson ein jämmerlicher Verlierer. So steht es jedenfalls in den olympischen Annalen. Seit Seoul 1988. Damals wurde Johnson wegen Dopings disqualifiziert und Lewis nachträglich zum Olympiasieger erklärt. Er hätte aber gar nicht erst teilnehmen dürfen, weil er zuvor drei Mal (!) positiv getestet worden war. Das wurde so viele Jahre lang vertuscht, bis es niemanden mehr so richtig interessierte. Wenn zwei das Gleiche tun …
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Richard Pound, Vorsitzender der Welt-Anti-Doping-Agentur, kündigte wegen der Vertuschungen des US-NOK damals an, wenn die Amerikaner so weitermachten, »fliegen sie raus,  könnten nicht mehr an den Spielen teilnehmen«. Sie sind rausgeflogen. Die Russen. Wenn zwei das Gleiche tun …
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Olympia. Kluge Köpfe liefern sich akademische Debatten über das Reichssportfeld auf dem Berliner Olympiagelände von 1936. Soll die Nazi-Architektur dort weggesprengt werden? Gegenfrage: Wieso denn? Besser, den nazistischen Kitsch demonstrativ verrotten zu lassen. Schon vor vielen Jahren, wenn ich dort zu Training oder Wettkampf ging, beachtete niemand die grauen, gräulichen Skulpturen, diese Ruinen des Wahnsinns. Selbst Neonazis scheinen sich  zu schämen, jedenfalls habe ich noch nicht gehört, dass das Reichssportfeld eine ihrer Gedenkstätten sei. Andere Nazi-Hinterlassenschaften sollte man »wegsprengen«: Olympische Hymne,  Fackellauf und ähnliches Brimborium, ersonnen vom Propagandaministerium für die Spiele 1936 – und wir halten diese Nazi-Rituale bis zum heutigen Tag in hohen Ehren.
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Apropos Ruinen. Nach 1936 gab es erst 1948 wieder Olympische Spiele. Wie es der Zufall will, lese ich gerade die Autobiographie (»Ein anderes Leben«) des schwedischen Schriftstellers Per-Olov Enquist, der vor zwei Wochen im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Über den jungen Olov notiert er: »Im Frühjahr 1948, kurz vor den Ruinenspielen, also den Olympischen Spielen in London, wo die schwedischen Recken im Kampf gegen die vielleicht kriegsmüden Mitbewerber so viele Goldmedaillen erobern konnten, schafft er es zum ersten mal, zu ona…« … zu onan … o nein, nicht in unserer braven Familienzeitung!
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Und sonst? Facebook erinnert mich: »Lass Brian Oldfield wissen, dass du an seinem heutigen Geburtstag an ihn denkst.« Schwierig. Oldfield, einer besten Kugelstoßer aller Zeiten, ist seit drei Jahren tot. Facebook, Fakebook.
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Zu guter Letzt: Dr. Martin Jeckel (Bad Nauheim) kurz und juxend zum »Sport-Stammtisch« vom Samstag: »Anglizismen und ›Putin für Arme‹ … you made my day!«  (gw)
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Geschrieben von gw am 1. Juni 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 30. Mai)

Er wirkt merkwürdig fehl am (Borsig-)Platz, ein Dr. Seltsam des Fußballs, Meister seines Fachs, ehrenwerter Mann, Zauderer, Übersichselbststolperer,  schräger Interviewpartner, dessen Sprachkenntnisse seinen Gedanken hinterher hinken, Bessermacher aller seiner bisherigen Mannschaften, sie aber unvollendet hinterlassend, ein angenehmes Gegenprojekt in einer Branche, die kurze Gedankenwege bevorzugt und scheinschlau schnoddrige Sprüche à la Sky-Fuss liebt, und vor allem ist er, Lucien Favre, kein Klopp, den sie in Dortmund seit Klopp immer wieder vergeblich suchen.
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Wobei sie vergessen, dass in Dortmund seit den guten Klopp-Zeiten (es folgten auch schlechte, bis zum Beinahe-Abstieg) jährlich das Murmeltier grüßt. Denn in der Crunchtime – nein, nicht dieses Wort (dazu später mehr), also dann, wenn es Spitz auf Knopf steht und um alles geht … gewinnt der FC Bayern, und der BVB bleibt eine unvollendete Verheißung, egal, welcher Trainer an selige Klopp-Double-Zeiten hatte anknüpfen sollen. Warum das so ist? Das müssen Sie Berufenere fragen, die Lotharmatthäusse, die wissen Bescheid (Loddar hat Favre schon verabschiedet und den Nachfolger begrüßt: »Ich freue mich auf Kovac«). Ich weiß nur, was jeder weiß: Bayern wird Meister. Wieder einmal und vollkommen verdient. Und unser aller Eintracht? Die Relegation droht, da machen wir’s kurz und knapp und mit der bewährten »Anstoß«-Warnung: Wer panikt, steigt ab.
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Schluss mit Fußball. Der beweist ja auch nur, dass »mein« Sport ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist. Ich klage auch nicht mehr über die Ware Sport, die nicht der wahre Sport ist, sondern toleriere, also erdulde die Ware Sport als den wahren Sport des 21. Jahrhunderts. Der heißt Fußball, nichts als Fußball. Wie isses bloß möglich, dass in Zeiten wie diesen nur der extreme Kontaktsport Fußball gespielt wird, obwohl fast jeder andere Draußensport bei ähnlichen Vorsichtsmaßnahmen sehr viel weniger Risiko böte, wobei man nicht einmal »Geistersport« anbieten müsste, denn zu den meisten olympischen Sportarten kommen außerhalb Olympias weniger Zuschauer als die zugelassenen 300 Anwesenden bei den »Geisterspielen«.
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Dass echtes Tolerieren vor allem Erdulden beinhaltet, wie kürzlich hier behauptet, übernimmt Reinhard Ewald aus Gießen augenzwinkernd als Schlusssatz in einem kritischen Leserbrief: »Ich gehe davon aus, dass Sie meine Meinung erdulden« – Nein! Ich erdulde sie nicht, ich teile sie. Darum: Als ich die Kolumne für letzten Samstag zur Korrektur nachlas, störte mich etwas. Nur was? Ich kam nicht darauf, Fehler fand ich keinen. Na denn, ab in den Druck. Damit zur Lesermail (wie viele andere ebenfalls sehr bemerkenswerte nachzulesen in der Mailbox von »Sport, Gott & die Welt«): »Der Kicker Bashing, wahrscheinlich ein chinesischer Fußballer? Natürlich habe ich es verstanden. Mir geht es um den meiner Meinung nach fast krank- und krampfhaften Gebrauch von englischen Worten in einem deutschen Satz oder Text.« – Mir doch auch! Dennoch schreibe ich zwar über die schönen deutschen Worte »Schindluder« und »Schnösel«, lasse aber »Bashing« folgen, ohne zu wissen, was das Wort im Englischen exakt bedeutet (bash = heftiger Schlag). Reinhard Ewald, studierter Anglist, schlägt statt »Kicker-Bashing« das »Schlechtmachen oder Verunglimpfen (ein herrliches Wort?!)« vor. – Dankeschön!
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Wer unnötige Anglizismen benutzt, treibt schnöselig Schindluder mit der deutschen Sprache und verunglimpft sie. Einst wollte ich den Dunking in »Stopfer« eindeutschen – aber die Basketballer kümmerten sich nicht darum und »dunkten« munter weiter. Es gäbe aber in Einzelfällen auch gute Gründe für die Übernahme von Anglizismen. Zum Beispiel das Abseits, englisch »offside«. Für »onside« gibt es keine Übersetzung, nur das mühsame »nicht im Abseits«. Gänzlich abseitig wird es, wenn wir die Internationalen Französischen Tennismeisterschaften nicht eindeutschen, nicht einmal original französisch belassen, sondern zu French Open verenglischen
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Zu schlechter Letzt: Ich muss leider feststellen, dass der alte, fiese Männerwitz (»Warum haben wir keine Cellulitis? – Weil es bescheuert aussieht«) auch sachlich daneben liegt. Ich jedenfalls habe Cellulitis. Man könnte es auch Broileritis nennen (das ist kein Anglizismus, fragen sie DDR-Geborene). Wie unappetitlich es aussieht, wenn jemand keine Hähnchenhaut mag, sie abzuppelt und auf ein Häufchen am Tellerrand drapiert! Bräunlich-gelbliche Haut, labberig, mit kleinen, runden Dellen. So sieht es auch an der Innenseite meiner Ellbogen aus. Aber wer hat Arme, wie aus dem Ei gepellt? Unser Altbundeskanzler. Gerhard Schröder postet ein Foto auf Instagram, brutzelnd am Herd stehend, über der Gürtellinie nur mit einer ärmellosen Kunststoff-Weste bekleidet. Sieht zwar bescheuert aus, aber die Arme, älter als meine, sind makellos glatt. Wie macht der das bloß?
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Nur kein’ Neid, liebe Alterskohorte. Lassen wir Schröder den Putin für Arme (hach, doppeldeutig) spielen, er hat’s wohl nötig. Wir nicht. Hauptsache: Hurra, wir leben noch. Im Gegensatz zu all den Broilern, deren labberige Haut Tellerränder verunziert.  (gw)
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Geschrieben von gw am 29. Mai 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagthemen (vom 25. Mai)

Ein Bild für die Fußball-Götter: Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer im Münchner Stadion, nebeneinander sitzend, aber auf Abstand bedacht, mit Bayern-Mundschutz. Wie die Auftragsarbeit eines Installationskünstlers zum »Sport-Stammtisch« vom Samstag mit den Dreyfus-Millionen für Hoeneß und Beckenbauer. Thema: Masken des Schweigens.
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»Installation, dreidimensionales Kunstwerk, meist aus verschiedenen Materialien und größer als eine Skulptur.« (Wikipedia). Bekannteste Installationskünstler: Marina Abramovic, Joseph Beuys, Christo,  Damien Hirst usw. Kommentar des Banausen: Ein guter Installateur wär mir lieber.
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Noch eine Installation, kein eher kleines Stillleben à la Masken des Schweigens, sondern ein Mammut-Werk im Sinne von Christo. Mehr als 12 000 Zuschauer in Mönchengladbach, aus Pappe, also Attrappe. Darauf konnten sich Gladbach-Fans mit ihrem Foto verewigen, für 19 Euro. Ja, verewigen, denn diese Bilder bleiben ewig in den Archiven und werden noch in hundert Jahren, wenn es dann noch Fußball gibt, Rückblicke auf historische Zeiten begleiten. Um ja keinen Kalauer auszulassen: auch zu bekleiden.
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In Mönchengladbach bekommt die Installation sogar eine surrealistische Variante, denn auch Gladbacher Spieler zieren die Pappkameraden, sahen sich also selbst  zu. Ob das die Zukunft des Fußballs nach Platzen der Blase ist? Nur noch sich selbst beim Fußballspielen zusehen?
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Ähnliches wie Mönchengladbach hatte auch der FC Seoul im Sinn, setzte aber Sexpuppen auf die Tribüne. Angeblich ein Irrtum, trotz eindeutiger geschlechtlicher  Identifikation. Nach Sexismus-Beschwerden von Südkoreanerinnen erhielt der Klub eine Geldstrafe von rund 74 000 Euro. Diese Installation ging in die Hose.
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Südkorea. Vom Installations-Sexismus zum Rassismus in Corona-Zeiten, es wird also ernsthaft. Ein südkoreanisches Paar wurde in der Berliner U-Bahn belästigt und angegriffen, mit eindeutigem Bezug auf die Herkunft, also Asien, also Corona, ist ja klar. Anlass und Tat, beides brunzdumm, sollen hier keine Rolle spielen, sondern eine spezielle Logik, man könnte sie Trump-Logik nennen: Dummdreist den Spieß einfach umdrehen. Die Südkoreaner zeigten die Angreifer an, die schlugen mit einer Gegenanzeige zurück, weil sie als Rassisten bezeichnet worden seien.
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Was mich an Owen Hart erinnert. 1998 stürzte er, ein Star der Wrestling-Szene, in einem grellbunten Vogel-Kostüm von einer 30 Meter hohen Stahlkonstruktion in den Ring. Der Karabinerhaken des Seils an seinem Gürtel hatte sich gelöst. Hart war sofort tot. Seine Witwe verklagte den Wrestling-Verband, der schlug mit einer Gegenklage zurück – weil, wie die Witwe jetzt berichtet, der tote Owen Hart seine weiteren Verpflichtungen nicht einhalten konnte. Das verfing in Vor-Trump-Zeiten aber nicht, die Witwe bekam Millionen–Schadenersatz.
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Zurück zum Anlass: Frenetischer Jubel erfüllte die Arena, während Harts Leiche im federgeschmückten Strampelanzug weggeschafft wurde. Das Publikum glaubte, der Sturz sei Teil der Show. Owens Bruder, Bret »Hitman« Hart, selbst Star-Wrestler, sagte später: »Ich bin mir sicher, dass er zehn Meter vor dem Aufprall dachte: Hier falle ich, in diesem blödsinnigen Outfit, vor all diesen Leuten, die sich einen Scheiß um mich scheren, und das war es dann.«
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Vom Wrestling zum Frauenboxen ist es nicht weit … doch! Denn mittlerweile ist es emanzipatorisch geschützt vor übler männlicher Nachrede. Vor einem Vierteljahrhundert »erkämpfte die Theologie-Studentin Ulrike Heitmüller Frauen das Recht auf Boxen«, diesem schönen Jubiläum widmete die FAZ am Samstag eine ganze Seite, schließend mit einem Zitat der Box-Pionierin, sie habe noch nie erlebt, dass ein toleranter Mensch gegen das Frauenboxen sei.
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Was ist Toleranz? Ich bin gegen das Frauenboxen, toleriere es aber. Im lateinischen Wortsinn, der nicht »toll finden« bedeutet, sondern »ertragen«. Toleranz ist das Erdulden anderer Meinungen, sie nur für die eigene zu fordern, ist nicht Toleranz, sondern Larmoyanz. – Das ist zwar ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht allzu viel zu tun, ist aber aktueller denn je.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Geschrieben von gw am 24. Mai 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Sport-Stammtisch (vom 23. Mai)

Dass der Profi-Fußball heute eine Schweigeminute für die Corona-Opfer in aller Welt einlegt, beweist wieder einmal, in welcher Blase er lebt, weit weg und abgehoben vom wahren Leben. Denn das Gedenken kommt zu spät und ist nur eine beflissene Reaktion auf Kritik. Die Schweigeminute wäre schon beim Re-Start fällig gewesen, aus eigenem Antrieb, Empathie und aus Schuldbewusstsein für unverdiente Privilegien des eigenen Standes. So aber wirkt der Fußball wie ein verzogenes Kind, das widerwillig einer Anordnung folgt, weil ihm Zuwiderhandlung Nachteile brächte.
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Auch der Fußball profitiert von der segensreichen Erfindung des Kurzarbeitergeldes, einer »Erstattungsleistung« aus der Arbeitslosenversicherung, also einer solidarischen Gemeinschaftshilfe. Dass damit auch Schindluder getrieben wird, liegt in der Natur der Sache beziehungsweise des Menschen, nicht nur in seiner Erscheinungsform als Fußballer. Gewundert habe ich mich aber, als in den Meldungen vom Effenberg-Aus beim Drittligisten Uerdingen der bemerkenswert beiläufige, weithin unkommentierte Nebensatz auftauchte, »Effenberg gehörte zu den Mitarbeitern in Kurzarbeit«. Zwar sind sechs Monate als Manager in der Tat nur eine kurze Arbeitszeit (Effenbergs »Erfolge« nach der Karriere stehen sowieso auf einem anderen Blatt), aber eine solidarische »Erstattungsleistung« für einen mehrfachen Millionär, der »Effe« ja wohl (noch) ist, kann nicht im Sinne der Erfinder sein. Da ich an das Gute im Menschen glauben will, hoffe ich, dass Effenberg gekündigt hat, um nicht weiter die Arbeitslosenversicherung zu belasten. Das wäre vorbildlich. Womit ich Effenbergs Vermutung widerlege, es werde wohl nie so sein, »dass man einmal positiv über mich spricht«. Doch, ich! Wenn auch nur in im Konjunktiv. Seiner Selbsteinschätzung widerspreche ich aber nicht: »Ich trage auch einen Teil der Schuld daran, wenn die Leute behaupten, was ist der Effenberg für ein Schnösel«.
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Schindluder und Schnösel, zwei schöne deutsche Wörter, die ich benutzt habe, ohne ihre Herkunft zu kennen. Dem kann heutzutage schnell abgeholfen werden, Google und Wikipedia sei Dank: »Schindluder ist eine veraltete Bezeichnung für alte oder kranke Haustiere, die ihr Gnadenbrot nicht mehr erhalten und stattdessen zum Schinder (Abdecker) gebracht werden.« Und »Schnösel« kommt von »Schnodder, schnäuzen im Sinne von Rotznase, ein (junger) arroganter Mensch, ein dummfrecher Bursche, eingebildet und eitel, dabei aber übersättigt und gleichgültig«. Wer spottet, das Wort aus dem 19. Jahrhundert sei passgenau für unsere Fußball-Profis, ist nicht auf der Höhe der Corona-Zeit – »Rotznasen« sind verboten. Wer rotzt, fliegt.
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»Zeidlers wunderbare Welt des Fußballs« hat wenig mit der von Arnd Zeigler zu tun, besitzt zwar deren Biss, aber ihr ist der Humor vergangen: »Ich kann den Start der Bundesliga in keinster Weise gutheißen und hoffe, dass noch mehr Menschen so denken und diesem wahnsinnigen System den Rücken zukehren. Die Millionäre der Bundesliga befinden sich eh schon seit Jahren in einer sich immer stärker abdriftenden Parallelwelt.« Rumms! Worte des Ruder-Weltmeisters Oliver Zeidler, aktuell mehrheitsfähiger denn je.
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Mir ist das Kicker-Bashing allerdings (ich bitte um Verzeihung, dass ein überstrapaziertes Wort folgt) zu populistisch. Bei Zeidlers Abneigung gegen Fußball mag der Opa eine genetische Rolle spielen, Johann Färber aus dem legendären Bullen-Vierer von 1972. Zwei, drei Jahre vor dessen Olympiasieg spielten wir mit seinem Wetzlarer Ruderklub zusammen Fußball gegen den Nachbarverein in Weilburg, und der spätere Super-Ruderer Johann entpuppte sich als das größte Anti-Talent, das ich jemals kicken sah. Nicht so der Enkel, der war auch ein prima Basketballer (und ein Spitzenschwimmer). Falls Genetik, dann also sehr selektiv.
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Selektiv auch die Wahrnehmung beim FC Bayern, wer Freund und Feind ist. Kurzfristig gehörte DFB-Präsident Fritz Keller zu den Feinden, weil er vor Arroganz im Profifußball gewarnt hatte. Was Karl-Heinz Rummenigge – warum bloß? – als Angriff auf die Bayern verstand und zurück fauchte, Keller solle sich um den DFB kümmern, da gebe es genug zu tun. Mittlerweile haben sich die beiden ausgesprochen, sind wieder beste Freunde. Ist ja auch vernünftig, denn rührst du meine Leiche im Keller nicht an, lasse ich auch deine in Frieden ruhen. Wie beim DFB das »Sommermärchen« (auch dank Schweizer Mithilfe, besten Dank) oder bei den Bayern die 20 Millionen Mark, die Freund und Adidas-Boss Dreyfus einst Uli Hoeneß aufs Zockerkonto überwiesen hatte, zufällig genau in dem Jahr, in dem Adidas den Bayern-Deal gegen Nike gewann. Ein Schelm, ein Schnösel, wer Böses dabei denkt und heute noch Schindluder damit treibt. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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Geschrieben von gw am 22. Mai 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.

Montagthemen (vom 18. Mai)

Haken wir es kurz ab: Hoffnungen erfüllt, Befürchtungen (noch?) nicht bestätigt. Premiere gelungen. Fortsetzung folgt.
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Geisterspiele, ein Wort, das eine globale Karriere wie »Kindergarten« hinlegen könnte. Obwohl gar keine Geister mitspielen. Es gab einmal echte Geisterspiele, bei denen wir nur im Geist mitspielten, aber dazu später.
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Erfreulich, dass es keine Zusammenrottungen der Fans vor den Stadien gab. Dafür rotteten sich andere zusammen, Verschwörungsbesessene. Corona vereint die unterschiedlichsten Interessen und Zwangsideen. Deutsche Sonderwege haben schon Schreckliches hervorgebracht, aber die Anti-Corona-Maßnahmen ähneln sich in allen Teilen der Welt, mal mehr, mal weniger restriktiv als bei uns. Nicht sie sind der Sonderweg, sondern die irrwitzigen Proteste, die fast schon eine Massenbewegung sind, wie nirgendwo sonst in der Welt.
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Auch Alexandra Wester, eine der besten deutschen Weitspringerinnen, gehört laut Spiegel zu den Verschwörungsbesessenen. Wester glaubt und verkündet auf Instagram, wer sich für Menschenrechte einsetze, lande in Gefängnispsychiatrien, und die Welt werde von »einer Horrordroge« beherrscht. – Mit der Droge kommt man auf merkwürdige Trips. Aber nicht in die Gefängnispsychiatrie. Uns und euch geht’s gut, trotz Corona.
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Auch Olga Korbut geht es gut. Was mich ganz besonders freut, denn vor vielen, vielen Jahren machte ich mir Sorgen um sie, in »Schleifchen brutal«, einem meiner ersten »Anstöße« überhaupt. »Je härter, zeitraubender und brutaler das Training, desto größer die Schleifchen im Haar (…) Wobei das Make-up neben den ersten Pubertätspickelchen auch die unerhörten Strapazen dieser Kinder-Schwerstarbeit verdecken soll. Das Vertrackteste dabei ist, dass die Zuschauer den kleinsten, jüngsten und zierlichsten Mädchen auch am hemmungslosesten zujubeln.« – Olga Korbut wurde am Samstag 65 Jahre alt, offenbar gesund und munter. »Schleifchen brutal« bleibt dennoch aktuell, nicht nur im Turnen, nicht nur im Sport.
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Zu den wahren Geisterspielen und einem echten deutschen Sonderweg. Der Olympia-Boykott von 1980 feiert ein trauriges Jubiläum. Verantwortlich: Helmut Schmidt, als er noch »Schnauze« hieß und nicht »Deutschlands liebster Opa«. Als Kanzler war er die entscheidende Kraft hinter dem Boykott, mit Argumenten wider das eigene Wahrheitsbewusstsein »dem heftigen Drängen« der USA folgend, was er erst viel später als fatalen Fehler einsah. Damals hatte der Fechter und Athletensprecher Thomas Bach Mut vor Königsthronen bewiesen, als er gegen den Boykott kämpfte und von Schmidt persönlich abgebügelt und -gebürstet wurde, für den – als notorischer Nichtsportler – Sport nur politische Verfügungsmasse war. Seitdem lasse ich trotz mancher Irritationen nibelungentreu nichts auf den heutigen IOC-Präsidenten Bach kommen, der medial im deutschen Dauergegenwind steht.
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Nur Deutschland, als beflissener Lakai der USA, boykottierte Olympia 1980 in Moskau hundertprozentig. Von anderen Verbündeten gab es lediglich markige Lippenbekenntnisse, denen dann aber eigene olympische Taten folgten, so dass Coe & Co. Olympiasieger werden konnten, während die deutschen Sportler zähneknirschend zu Hause saßen, unter ihnen einige Gold-Favoriten wie Zehnkämpfer Kratschmer oder Ruderer Kolbe.
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Nachbar Österreich machte 1980 ein »Boykotterl« – nahm an den Spielen zwar teil, drückte aber tiefsten Abscheu über die Sowjet-Aggression in Afghanistan aus: Beim Einmarsch winkten die Athleten freundlich ins Publikum, aber vor der politischen Prominenz auf der Ehrentribüne wurde streng und strafend geradeaus geschaut. Einige Ösis sollen sogar ein Fäustchen in der Trainingshose geballt haben. So ähnlich wird’s wohl 1938 bei der Unterjochung des total antinazistischen Ösi-Volkes gewesen sein, als Austria dem Führer jubelnd den Hitlergruß entbot, aber mindestens 99 Prozent der 99 Prozent Jubler die Faust in der Tasche geballt haben wollen. Aber das ist ein anderes Thema.
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Zu schlechter Letzt noch einmal zu den Verschwörungsbesessenen. Ihnen wird jetzt oft ein Zitat von Loriot alias Vicco von Bülow entgegen gehalten: »In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen Schuldige.« Leider trifft das alte Zitat nicht die Realität. Das Problem: Es gibt zu viele intelligente Idioten. (gw)
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Geschrieben von gw am 17. Mai 2020. Abgelegt unter gw-Beiträge Anstoß.