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Amiri

„Scheiß-Afghane“ habe ihn ein Berliner Spieler beschimpft. Schon haben wir den nächsten Rassismus-Skandal. Aber nur, wenn „Scheiß-Deutscher“, „Scheiß-Holländer“ usw. ebenfalls als rassistische Attacken gewertet würden.

Aber ganz so einfach liegt die Sache nicht. Nadiem Amiri ist in Deutschland geboren und deutscher Nationalspieler. Vor und Nachname klingen nicht nach einer bestimmten Nationalität, „Amiri“, wenn überhaupt, wirkt auf mich eher italienisch. Welche Wurzeln Amiri nach 24 deutschen Jahren hat, mag für ihn vielleicht eine Rolle spielen, spielt aber ansonsten keine. Ich jedenfalls wusste auch als Sportjournalist nicht, dass er afghanische Wurzeln hat. Wahrscheinlich habe ich es irgendwo gelesen, aber sofort wieder vergessen, da unerheblich. Wenn ihn jemand in der emotionalen Ausnahmesituation eines hitzigen Fußballspiels spontan „Scheiß-…“ schimpft, ist das nachvollziehbar und fast normaler Umgangston im Sport. Aber nicht, wenn …“Afghane“ folgt, denn das bedeutet, dass die unerhebliche Tatsache einer fast verjährten Herkunft der Eltern, und zwar dezidiert (mir fällt gerade kein passenderes deutsches Wort ein) aus Afghanistan, im Kopf des Beschimpfenden eine derart wichtige Rolle spielt, dass er es reflexartig auswirft (dieses deutsche Wort passt gut, von „Auswurf“).

Nicht alles ist Rassismus, was Rassismus genannt wird, aber manches, was scheinbar harmlos ist, hat strukturell rassistische Wurzeln.

Alles nicht so einfach.

In einem ähnlichen Zusammenhang, es geht um Identitätspolitik, schreibt der Autor und Theatermann Bernd Stegemann in einem Gastbeitrag für den Spiegel: „Der Grad der Diskriminierung und die Gestalt der Kränkung sind subjektive Faktoren, die sich der rationalen Verallgemeinerung entziehen (…) Wenn die Empörung zum abschließenden Argument gemacht wird, endet jedes rationale Gespräch.“