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Sport-Stammtisch (vom 16. Januar)

Natürlich ist diese Handball-WM der helle Wahnsinn. Aber ist es weniger wahnsinnig, wenn fünfzig Fußball-Profiklubs für ihren Kontaktsport wöchentlich durch Deutschland touren? Wahnsinn hier, Wahnsinn dort, Wahnsinn überall. Wahnsinnszeiten.
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Wenigstens muss die großstädtische Schreib-Corona diesmal nicht ihr stilistisches Füllhorn wie ein Jauche-Fass über unseren Topsport im Handkäsland ausschütten. Ihr ist die Pandemie Handball-Thema genug. In früheren WM-Zeiten ätzten die Schreibeliten über den »Sport für Bauerntölpel«, diese »brutale Freizeitbeschäftigung für Grobmotoriker« (Zeit) und höhnten über Ortsnamen wie Dutenhofen oder Münchholzhausen: »Man muss sich diese Wörter auf der Zunge zergehen lassen« (Süddeutsche Zeitung). Wie einst mein Berliner Freund, als ich unser Telefongespräch mit der Begründung beendete, ich müsse zwecks Fußball-Ergebnisrecherche im Vereinsheim von Stumpertenrod/Köddingen anrufen. Den Namen musste ich mehrfach wiederholen, er wurde in Berlin zum Klassiker. Dass der Kelch an Hohn und Spott diesmal an uns vorübergeht, wenigstens das verdanken wir der Pandemie. Andererseits – ohne Corona und mit Jauche wären uns der Handball und das Leben doch etwas lieber.
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Über Sinn und Unsinn der Corona-WM sprechen Martin Schwalb und Michael Roth in einem Spiegel-Interview, auf das mich die liebe Kollegin Karen Werner (kw) aufmerksam macht. In Sachen Pandemie haben die alten Kämpen interessante Ansichten, aber noch bemerkenswerter, weil befremdlich, ist ein »Aber« von Schwalb: »Aber wir müssen uns auf das konzentrieren, für das wir eigentlich da sind: die Leute zu unterhalten«; denn diesen »eine Freude zu bereiten, das ist unsere Aufgabe«. Ach, wirklich? Wie selbstlos. Und warum spielt die Basis Handball? Womöglich, um sich selbst eine Freude zu bereiten? Weil: Das ist Sport.
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Bild lässt nicht locker. Seit Jahren behauptet sie, Bakery Jatta vom HSV sei kein armer Flüchtlingsjunge gewesen, sondern der gambische Fußballer Bakary Daffeh, der 2015 illegal eingeschlichen sei. Nun gibt es neue offizielle Ermittlungen der übereifrigen Art. Zwar sind mir viele nicht als »Refugees welcome«, die sich 2015 von unserer Flüchtlingsbeseeltheit haben einladen lassen, aber Jatta ist gut integriert, nicht straffällig geworden und zahlt stattliche Steuern, von denen auch prekäre Urdeutsche profitieren. Vor fünf Jahren habe ich geschrieben, Jatta erinnere mich an Jay-Jay Okocha, der ebenfalls als 17-Jähriger mutterseelenallein nach Deutschland gekommen war. Er und Jatta seien mir lieber als »tausend aggressive Dumpfbacken aller Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß«. Dazu stehe ich. Zumal jetzt ein gewisser Ahmad A., Clan-Größe mit 22 Einträgen im Bundeszentralregister, seine 27. Duldung bekommen hat. Was hat Ahmad A., was Jatta nicht hat? Bekommt er als Prämie für den 28. Eintrag die 28. Duldung?
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Der »Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks« kritisiert die frisch geschnittenen Haare vieler Bundesligaprofis, denn »einrasierte Scheitel«, akkurat getrimmtes Nacken- und Schläfenhaar und saubere Konturen, das bekämen nur »professionelle Friseurinnen und Friseure« hin. Erste Reaktion: Grinsen. Typische Empörungsrhetorik, die sich lächerlich macht. Zweite: Der Verband hat recht. Sein Handwerk (wie gut der Name passt!) gehört in der Pandemie zu den gebeuteltsten, und da täten privilegierte Fußballprofis und ihre ebensolchen Promifriseure gut daran, die Haare solidarisch wachsen zu lassen. Sieht übrigens auch besser aus. Unterm Undercut lugt die Unterschicht hervor. Ist Geschmacksache, ich weiß. Aber …
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… »das wird man ja wohl noch sagen dürfen!« Was mein Unwort des Jahres wäre, wenn mein Unwort des Jahres nicht seit Jahren »Unwort des Jahres« wäre. Das zweite der beiden aktuellen (»Rückführungspatenschaften«) hatte ich zuvor nie gehört. Im Gegensatz zum ersten, der »Corona-Kritik«, gekürt von der »Sprachdiktatorischen Aktion«. Oder so. In mir juxt und gluckst sowieso ein anderes Wort. Dialog am Gartenteich. »Schöner Karpfen. Hat der auch einen Namen?« – »Ja, Koi-Uwe.«
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Kleiner Spaß. Muss aber mal sein in diesen spaßfreien Tagen zwischen Matsch und Mutation. Mit Humor und Zuversicht geht alles besser. Sie kennen ja – das Glas – den Unterschied zwischen Optimisten und Pessimisten. Aktuelle Version: Ein Gießener Krankenhaus meldet stolz: »Über die Hälfte der Belegschaft lässt sich impfen«. Umkehrschluss: Fast die Hälfte … nee, das ist schon kein Pessimismus mehr, sondern Defätismus, Wehrkraftzersetzung im Krieg gegen das Virus. Daher die möglichst ansteckende Zuversicht verbreitende Moral dieser Kolumnen-Geschicht’ zwischen Handball und Pandemie: Jauche-Fass leer, Impfampullen voll. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)