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Sport-Stammtisch (vom 9. Januar)

Erst war er der »Zaubergeiger«, dann hatte er es »vergeigt«, und am Schluss wurde Karl Geiger sehr guter Zweiter, eine Platzierung, auf die auch ein risikoscheuer Zocker gesetzt und wenig gewonnen hätte. Die Vierschanzentournee blieb im sportlich erwartbaren Rahmen, und auch die medialen Ausschläge mit ihren unterbelichteten (»Torminator« & Co.) Namensspielereien waren leider erwartbar. Der Zaubergeiger vergeigt es und spielt nur noch die zweite Geige … öde, armselig und einfallslos.
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Immer an die eigene Nase fassen, habe ich vorige Woche empfohlen, in der Kolumne, die ich so begann: »Jetzt wird sogar das neue Jahr schon alt, aber noch hängt der Himmel voller Geiger.« Tja.
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Das diffuse Gefühl, die Motivationsmethode Klopp könnte nur zeitlich begrenzt erfolgreich sein und hinterlasse erschöpfte, ausgebrannte Spieler, sei Ausdruck meiner Ahnungslosigkeit, gab ich kürzlich demütig zu, nachdem Liverpool in einer atemraubenden und höchstklassigen Partie gegen Tottenham spektakulär gewonnen hatte. In den letzten drei Spielen holte der Klopp-Klub popelige zwei Punkte und spielte derart bemüht, zerfahren, uninspiriert und, ja, ausgebrannt wirkend, dass ich mich womöglich zu früh verspottet habe. Macht aber nichts. Demut schadet nie, Erkenntnis eigener Ignoranz auch nicht (die der anderen erkennen wir ja sofort).
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Die Degenfechterin Alexandra Ndolo, Tochter einer Polin und eines Kenianers, spricht im FAZ-Interview über ihr Engagement gegen Rassismus. Sehr respektabel, klar. Aber auch bei ihr wird (mir) nicht klar, wo für sie die beklagenswerte menschliche Bösartigkeit endet und der echte Rassismus beginnt. Meine Vermutung: Was in unserem Land als Rassismus empfunden wird, ist nur zu oft diese Bösartigkeit, gepaart mit Gedankenlosigkeit, die auffällig Dicke, Dünne, Lange, Kurze, Picklige, Rothaarige, Stotterer oder sonstwie aus dem »normalen« Raster Fallende erleben müssen. Das ist schlimm, aber kein struktureller Rassismus. Der beginnt erst danach, ist viel seltener. Aber schlimm genug.
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Echte strukturelle Diskriminierung erleben Frauen in Saudi-Arabien. Dort, wo die Blitzschach-WM stattfindet und mann verlangt, seine Kultur zu respektieren, unsere aber nicht respektiert. Blitzschach-Weltmeisterin Anna Muzitsuk (Ukraine) boykottiert die WM: »Ich weigere mich, Abaya (Anm.: »eine Art Überkleid«/Wikipedia) zu tragen und von einem Mann begleitet zu werden, damit ich aus dem Hotel raus kann. Ich werde meinen Prinzipien folgen und darauf verzichten, in nur fünf Tagen mehr Geld zu verdienen als ich in Dutzenden anderer Turniere zusammen gewinnen könnte.« Respekt! Sehr beeindruckend. Und Fifa (Katar!) & Co. sollten sich schämen. Im Vergleich dazu ist die gendernde Sprachpantscherei nur eine elitäre Spielwiese privilegierter Frauen und ihrer Helfermännlein.
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Das sieht meine liebste Zielgruppe ähnlich. »Die ›korrekten‹ Formulierungen mit Doppelkreuz und Sternchen usw. sind einfach nur kompliziert zu lesen, wirkliche Chancengleichheit bringen sie nicht. Bitte, beharren Sie weiter auf Ihrem Standpunkt« (Brigitte Landvogt). »Mein Wunsch: Bleiben Sie uns treu.« (Doris Heyer). – Allerdings juxt Rolf Beißner über einen nur gut gemeinten Satz von mir: »Dass Damen manche Disziplinen SOGAR dominieren, hätte mann wohl nicht gedacht, gelle. Das gibt garantiert Punkteabzug.« – Ja, zumal sie sogar dominieren, also beHERRschen.
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»Auch wenn es schon einige Tage her ist, möchte ich doch noch einmal auf die Art kommen, wie Sie da Herrn Sloterdijk abgebügelt haben. Wenn dieser sich mit 73 noch mit Fahrradfahren fit hält und dabei Tagestouren bis 135 km absolviert, kann das eigentlich nur Respekt abverlangen. Da muss man sich nicht darüber lustig machen.« (Wilfried Grein/Karben). – Kritik angenommen. Ohne jede Einschränkung. Versüßt aber mit einem Trostbonbon: »Ansonsten, machen Sie so weiter. Ich freue mich auf Ihre Beiträge.«
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D. B. aus Gießen: »Indem Sie Obama lobhudeln, kritisieren Sie erneut Trump.« Der habe, so der Leser, wirtschafts- und außenpolitisch  Vernünftiges geleistet. »Ihr ›Trump-Bashing‹ entspricht nicht Ihrem intellektuellen Niveau, und Sie haben es doch auch wirklich nicht nötig, wie oft bewiesen, sich dem gender mainstream anzubiedern.« – Aber wenn nur der Mainstream Menschlichkeit und Anstand vertritt, gehöre ich auch gerne mal dazu. Schon als ich Trump zum ersten Mal erlebte, vor vielen Jahren anlässlich seiner fiesen »You are fired!«-Sendung, dachte ich: Dieser böse Clown vereinigt in sich fast alle Denk- und Verhaltensmuster, die mir widerwärtig sind. Paul-Ulrich Lenz, Pfarrer im Ruhestand aus Schotten, reagiert auf die im Blog vorab veröffentlichte Leser-Kritik: »Seit gestern dürfen Sie sich für alle herablassenden Äußerungen über den derzeitigen Noch-Präsidenten der USA gerechtfertigt fühlen. Er ist noch schlimmer, als Sie es sich je vorgestellt haben werden.« Ansonsten empfiehlt sich, was Dr. Raymund Geis (Reiskirchen) am Ende einer langen, inhaltsreichen, viele Themen abdeckenden Mail lapidar schreibt: »Zu Trump: nichts, nach gestern gar nichts!« Nur noch das: Das Phänomen »Trump« ist lediglich die Spitze eines eissbergs (denken Sie sich bitte ein »Sch vorneweg), in den USA, aber auch anderswo. Stichwort eigene Nase. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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