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Sport-Stammtisch (vom 2. Januar 2021)

Jetzt wird sogar das neue Jahr schon alt, aber noch hängt der Himmel voller Geiger.
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Damit von den vier Schanzen gleich zum Dreyfus. Kyril Louis-Dreyfus, 22, ist der neue Besitzer des englischen Traditionsklubs AFC Sunderland und Sohn von Robert Louis-Dreyfus (2009 gestorben). Klar, dass bei dieser Personalie medial auch das 10-Millionen-Darlehen des Papas für Franz Beckenbauer in Erinnerung gerufen wird, Stichwort »Sommermärchen«.
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Eine interessantere Geschichte bleibt aber beschwiegen. Als Uli Hoeneß während seiner Steueraffäre behauptete, sein Freund und Adidas-Chef Robert habe ihm 20 Millionen fürs Zockerkonto aus reiner Freundschaft überwiesen, das habe nichts mit dem im selben Jahr abgeschlossenen Vertrag Bayern/Adidas zu tun, schrieb ich: »Das muss man erst mal glauben wollen können.« Alles hängt mit allem zusammen und alle mit allen. Das Geld vagabundiert zwar, bleibt aber in der Familie des Geldfußballs. Und Kyril macht sein Gesellenstück.
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Obwohl der Fußball auch nach der Pandemie schwer an dieser leiden wird. Viele haben den kalten Entzug schadlos überstanden und stellen erstaunt fest: Es geht auch ohne. Bei der Alternative schüttele ich aber mein weißes Haupt. Nicht das weise, denn sonst würde ich mich nicht wie folgt bloßstellen: In den Sportteilen der Zeitungen, auch der seriösen, nehmen Kneipen- und Computer-Sport immer mehr Raum ein. Mir zieht dabei immer öfter das von Gustav Mahler vertonte Gedicht von Friedrich Rückert durch den Kopf: »Ich bin der Welt abhanden gekommen«, der Sportwelt.
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Topologisch, also in der Lagebeziehung von Objekten im Raum, wird Darts in der Kneipe und Schach im Cafe gespielt, soziologisch verhält sich Darts zu Schach wie Fußball zu Hockey. – Kleiner Quatsch von mir. Liebe Darts-Fans: Habt bitte Humor und Nachsicht, gebt mir mildernde Altersumstände. Außerdem habe ich schon 1978 in einem Pub in Birmingham Darts gespielt und englisches Bier getrunken. Darts war viel besser!
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Kommen wir auf den Hund Die Dopingsperre für den chinesischen Superschwimmer Sun Yang ist vorläufig aufgehoben. Ein Richter sei befangen gewesen. Er habe »das chinesische Volk« beleidigt, weil er über ein Hundefleisch-Festival geschimpft hatte, bei dem 10 000 Hunde geschlachtet und gegessen wurden. Das Massenschlachten von Hunden wird also mit Aufhebung von Dopingsperren belohnt. Auch mir dreht sich da der Magen um. Andererseits: Bei uns werden Millionen Hähnchen geschreddert, wie es in großen Fleischfabriken zugeht, wussten wir schon vor Corona, und heilige Kühe sind bei uns keine Rinder, sondern Hunde, Katzen und anderes herziges Getier. Immer zuerst an die eigene Nase fassen!
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Was ganz anderes. In seiner Autobiografie beschreibt Obama den jungen Barack als »leidenschaftlichen Basketballer mit bescheidenem Talent«. Das ist viel zu bescheiden. Wer das Video gesehen hat, auf dem Obama beim Weggang aus einer Sporthalle nebenbei einen »Dreier« versenkt, bestaunt als hüftsteifer Ex-Hobby-Basketballer die geschmeidige, lässsig-lockere, fließende Bewegung, die man nie auch nur annähernd hingekriegt hat.
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Autobiografien von Politikern interessieren mich nicht übermäßig, aber nach einem Vorabdruck im »Spiegel« wünschte ich mir »Ein verheißenes Land« erfolgreich zu Weihnachten . Ich bin zwar erst auf Seite 68 (von 1000!), darf aber schon feststellen: Zwar hat Obama politisch nicht allzu viel erreicht (wie sollte er auch? Wer könnte das schon?), aber als Mensch wirkt er rundum angenehm. Und, so weit ich das beurteilen kann, für einen Politiker ungewöhnlich selbstkritisch und ehrlich.
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Und dann war da noch die Explosion von Nashville. Der Mann soll nicht nur vor der Explosion gewarnt, sondern vorher auch »Downtown« von Petula Clark in seinem Wohnmobil abgespielt und per Lautsprecher nach draußen übertragen haben. Petula Clark. Meine erste große Liebe. Auf ihr »Monsieur« hatte ich wochenlang gespart und mir stolz die Single gekauft. Vier Mark. Leider erfüllte das Petula-Foto auf dem Cover nicht meine frühpubertären Erwartungen an eine große Liebe, sie blieb nur akustisch bestehen. Ich konnte alle ihre Lieder auswendig brummen, natürlich auch ihren Welthit »Downtown«. Daran musste ich denken, als ich erfuhr, dass der (vermutliche) Selbstmörder »downtown« gefahren war, um sich dort umzubringen: »Bist du allein / von allen Freunden verlassen / dann geh in die Stadt – Downtown …« – Der Mann muss einen besonders makabren schwarzen Humor besessen haben.
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Der Welt abhanden gekommen. Rückert hat über 1000 Gedichte geschrieben, nicht alle so melancholisch wie seine »Kindertotenlieder«. Eines davon widmet er mir (»Nun so alt und noch immer nicht klug«), ein anderes schrieb er vor 250 Jahren als vorausahnendes Lockdown-Loblied: »Draußen im Gewirre / Kann man werden irre / Welt, an sich und dir; / Fern von deinem Rauschen / Kann ich dich belauschen / In mir selber hier.« – Aber nun haben wir genug in uns selber gelauscht. Auf ein rauschendes 2021! (gw)
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(www.anstoss-gw.de
Mail: gw@anstoss-gw.de)