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Sport-Stammtisch (vom 24. Dezember)

Die »grimmigen Krieger« beim aggressiven Tor»jubel« sind nicht nur mir zuwider, sondern auch manchem Leser. So schreibt Gerhard Merz (Gießen), ich hätte auch noch »die Unsitte« erwähnen sollen, »mit beiden Zeigefingern zum Himmel zu deuten, als ob der liebe Gott geholfen hätte«. Selbst »als bekennender Agnostiker« regt unseren Leser (und Politiker, und Satiriker) »diese unsägliche Profanisierung des Glaubens ziemlich auf, genau wie dieses dauernde Sichbekreuzigen«. Mich auch, und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Doch zu Böll später.
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Die Profanisierung auf die Spitze getrieben hatte Jan Ullrich. Der bekreuzigte sich vor jedem Rennen. Nicht als gläubiger Christ. Er hatte die Geste anderen abgeguckt, kannte den Sinn nicht, fand’s aber schick. Wenigstens gab er zu, nicht zu wissen, was er da tat.
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Thuram wusste, was er da tat. Er wird gesperrt und vereinsintern bestraft. In Ordnung. Aber einem anderen ins Gesicht zu spucken, ist das in diesen Zeiten nicht auch versuchte schwere Körperverletzung? Jedenfalls das Fieseste, was es auf dem Platz gibt.
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Warum spucken Männer so oft, zum Glück meist ungezielt, und Frauen eher überhaupt nicht? Die Frage haben wir hier schon vor Jahren sozio-psychologisch geklärt: Es spucken vor allem jugendliche Männer aus unteren sozialen Schichten. Aus Männlichkeitswahn. Dazu passt jene Szene aus dem Pasolini-Film »Wer nie sein Brot mit Tränen aß«, in dem ein römischer Straßenstricher sein Gegenüber angiftet (empfindsame Gemüter mögen bitte erst nach dem nächsten * weiterlesen): »Von dem, was ich dir ins Gesicht spucke, kannst du noch drei Tage essen.« Igittigitt! Und das an Heiligabend. Ich bitte um Verzeihung.
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Youssoufa Moukoko (Belo Retho vom ZDF nannte ihn zwei Mal »Moukako«) zeigte, dass es auch anders geht als mit aggressivem Männlichkeitsgehabe. Sein erstes Bundesligator feierte der 16-Jährige in beseelter Freude, mit strahlendem Lächeln auf dem Teenie-Gesicht. Kein Aggro, kein albernes Tänzchen, kein verzerrter Triumph. Wie schön. Leider ist er auch hier eine Ausnahmeerscheinung. Denn Frauen sind die besseren Fußballer, jedenfalls menschlich gesehen. Sie jubeln wie Moukoko, nicht wie Klopp oder Müller, sie spucken nicht, und sie spielen so schön langsam, dass man ihre Spielzüge in aller Ruhe bewundern kann (und sie verstehen Spaß, hoffe ich).
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Hämische Vergleiche von Männer- und Frauensport sind sowieso noch blöder als mit Gender-Sternchen und Binnen-I gespickte Substantive, die wie gepiercte Punks in der Wörtermenge wirken.
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Dass es die Rubrik »Frauensport« gibt, weil sportliche Fairness Schutzzonen geschaffen hat (wie im Senioren- und Jugendsport), ist AktIvIst*Innen ein Dorn im feministischen Auge und für meine liebste Zielgruppe je nach Sportinteresse selbstverständlich oder schnurzegal. Dass Frauen im Leistungssport unter sich bleiben ist ebenso richtig und normal, wie sie in der »allgemeinen« Klasse starten dürfen, wenn sie leistungsmäßig mithalten können, zum Beispiel im Reiten, in dem sie manche Disziplinen sogar dominieren. Darüber hinaus greift  mein  Mantra: Jeder Mensch ist eine Klasse (und Rasse) für sich, Moukoko, Malaika, Sie und ich.
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War der sanfte Heinrich Böll ein verkappter Chauvi? In »Nicht nur zur Weihnachtszeit« muss wegen einer bekloppten Tante, die sonst hysterisch überschnappen würde, Tag für Tag Weihnachten gefeiert werden. Warum Tante und nicht Onkel? Warum ist das Christkind ein Junge? Warum sind Jesus und seine Jünger … ach, ist mir doch egal. Hauptsache, ich kann dank Böll wieder meinen jährlichen Tipp anbringen, für alle, die einen bekloppten Onkel in der Familie haben: Der Baum nadelt viel später, wenn er mit oberflächenentspanntem Wasser bespritzt wird, also mit Spüli, Fairy oder wie diese Küchenutensilien alle heißen, die ich nur von Ferne kenne.
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»Fairy« wäre auch ein schöner Name für den jährlichen Fairnesspreis. Den Preis für den kürzesten Fußball-Jahresrückblick hätte Alexander Osang verdient, der im »Spiegel« schreibt: »Man wollte den Kopf von Löw. Stattdessen starb Maradona.« Hut!
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Und sonst? Irgendwo gelesen und notiert: »Eine Großdemonstration löste die Polizei auf.« Von derart gelungener Subjekt-Objekt-Verschiebung träumen Alt-Achtundsechziger noch heute.
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Ich hoffe, diese nicht ganz weihnachtliche Kolumne hat niemanden verprellt (der Stricher!). Wer dennoch vor Ärger nadelt … entspannt euch. Ihr wisst ja, wie. Zu albern? Dann bin ich  zur Bescherung in guter Gesellschaft, denn in der stillen Nacht albert einer rum, ich und wir alle mit ihm. »Owie lacht« – frohes Fest!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)