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Sport-Stammtisch (vom 19. Dezember)

Die Nase »macht zu« wie der Muskel von Mats Hummels in Bremen. Da hilft nur Otriven. Weiß ich noch aus Sportlerzeiten. Ich kaufe die Nasentropfen in der Apotheke meines Vertrauens und frage nebenbei, ob sie Seniorenmasken haben. Hatten sie nicht mehr. Waren sofort weg, wie Klopapier für lau. Im Internet lese ich sogar, wie sich Cleverles den Tipp geben, von Apotheke zu Apotheke zu ziehen, es werde nicht kontrolliert, man könne sich einen Berg Masken zusammenschnorren und, haha!, sie eigneten sich auch für Weihnachtsgeschenke. Armselige Tröpfe. Ich kaufe mir meine Masken lieber selbst.
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Aber das nur am Rande. Otriven. Wegen dieser Nasentropfen gab es vor einem halben Jahrhundert einen der ersten Dopingfälle in der Bundesrepublik. Heinfried Birlenbach, damals der beste deutsche Kugelstoßer, ein Siegerländer Naturhüne (2,04 m), Typ knorrige deutsche Eiche, war positiv getestet worden, aber sich keiner Schuld bewusst. Nachforschungen ergaben einen Zusammenhang mit Otriven. Da erst erfuhren wir, dass die Nasentropfen Ephedrin enthalten, ein Amphetamin, das auf der Dopingliste stand (und steht). Heinfried ist kürzlich gestorben. Nachruflos, da unter dem medialen Radar dieser Tage. Er stammte aus Birlenbach, so wie er hieß. Ruhe in Frieden, alter Birlenbaum.
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Der aktuell beste Kugelstoßer der Welt ist ebenfalls 2,04 m groß und in etwa so schwer wie Birlenbach, aber im Gegensatz zu diesem ein Sprungtalent. Jetzt postete Ryan Crouser auf Instagram ein Video von einem Standweitsprung (3,23 m) und einem Sprungkrafttest (86 cm). Mit drei Zentnern Lebendgewicht. Beeindruckend. Aber nur für Fachleute. Noch beeindruckender, ja phänomenal ist ein Instagram-Video von Malaika Mihambo. In einer Übung für Stabilität und Sprunggefühl springt und fliegt und springt und fliegt und springt und fliegt die wunderbare Weitspringerin, dass jedem Sportästheten das Herz aufgeht. Unbedingt anschauen!
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Abgedriftet. Über Hummels wollte ich eigentlich zum BVB kommen. Und zu Favre. Die komplizierte Beziehung gleite langsam ins Fatale ab, schrieb ich im Oktober. Das Ende sei nicht offen, sondern unvermeidlich. Offen sei nur, wie nah das Ende ist. – Tja.
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Im Schatten von Klopp hätten sie alle gestanden, Klopps Nachfolger über Tuchel, Bosz, Stöger bis Favre, heißt es. Die schwärmerische Erinnerung an die rauschhaften Kloppo-Jahre hätte sie scheitern lassen. Stimmt ja auch. Nur haben die Experten einen in der Trainer-Reihe vergessen, denn der erste, der an Klopps mitreißenden Erfolgen gescheitert war – ist Klopp selbst. Diese Agonie seiner letzten Monate beim BVB haben die Nostalgiker nur zu gerne vergessen.
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Im Blog »Sport, Gott & die Welt« ließ ich am Dienstag das »diffuse Gefühl« wachsen, bei Klopp und Liverpool sei »der alte Schwung dahin«, ähnlich wie in Dortmund nach vier, fünf Jahren. Tags darauf sehe ich live bei Sky Liverpool gegen Tottenham, und es ist ein echter Knaller, rasant, eng, dicht, schnell, im Vergleich zur Bundesliga eine ganz andere Nummer. So viel zu meiner Kompetenz als Fußball-Experte. Einen weiteren Tag später wird Jürgen Klopp erneut zum Welttrainer gekürt. Wahrscheinlich zu Recht. Trotz Bayerns Hansi.
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Ein sehr geschätzter Leser, der nie genannt werden möchte, erfreut ab und zu leider nur mich mit seinen erhellenden Gedanken. Zum Beispiel über die »grimmigen Krieger« beim Tor»jubel« (letzte Woche hier ein Thema). Warum sage niemand den Fußballhelden, wie hässlich sie aussehen, wenn sie sich Fäuste reckend und zähnefletschend Richtung Publikum bewegen. Besonders Thomas Müller, der eigentlich eher ein Softie mit Humor sei, verwandele sich in einen Mr. Hyde. Auch Klopp sei ein grässlicher Fratzenschneider, der Kinder erschrecken könnte, wenn sie unvorbereitet in seine entstellten Gesichtszüge schauen müssten. – Ja, das stört auch den Klopp-Fan in mir, sehr sogar. Immerhin stört es auch Klopp selbst, wie er einmal sagte.
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Und sonst? Auf einer Top-Ten-Liste der beliebtesten Spotify-Titel sind mir neun Namen völlig unbekannt. Aber ausgerechnet die Nr. 1 kenne ich: »Apache«. Nur – sind die »Shadows« gemeint oder ein Duett Winnetou/Nscho-tschi?
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Wir können auch ernsthaft. »Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.« Karl Lagerfelds beliebtestes Bonmot und sein größter Irrtum. Zu glauben, man könne Kontrolle über sein Leben haben, ist nicht erst seit Corona   eine menschliche Illusion. – Sie lasen eine Kolumne, in der Jogginghose geschrieben von:  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)