Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 28. November)

Ein Jahr zum Vergessen? Na dann vergessen wir mal, löschen es von unserer Weichplatte im Kopf. Tabula rasa. Schalten den Fernseher ein, Bundesliga gucken. Gähnend leere Stadionränge. Was ist da los? Raus auf die Straße. Die Menschen tragen Masken. Warum das? Rein in die Stammkneipe, fragen, was los ist. Rein? Nein. Geschlossen. Wo sind die Freunde? Beim Glühweinfest? Keine Kneipe, kein Fest, nirgendwo. Gelebte Science Fiction. Die Apokalypse? Nein, die neue Normalität. Vergessen wir das Vergessen. An 2020 werden sich Alt und Jung ihr Leben lang erinnern. Wir sind dabei gewesen!
*
Auch an Diego Maradona und seinen langen Anlauf zum endgültigen Absprung hatten wir uns gewöhnt. Die Nachrufe lagen seit Jahren griffbereit. Auch wenn man damit Äpfel und Birnen, Defensivstrategen und Offensivkünstler vergleicht, als Fußballer war er einfach der Beste. Trotz Pele, Beckenbauer, auch trotz Messi, seinem abseits des Platzes unschillernden Gegenentwurf.
*
Was ich aber ebenfalls nie vergessen werde: die klammheimliche Freude der Fußballwelt an der »Hand Gottes«. Zumal Maradona später betonte, so etwas würde er immer wieder machen, das sei Zeichen von Schlauheit und Cleverness. Liebe Kinder, merkt euch das! So wird man Weltmeister. Oder einer wie Trump. Per Olov Enquist, der große schwedische Schriftsteller und ehemalige Leistungssportler, sah es aus einer anderen als meiner moralisierenden Sicht: »Alles hatte seine Ordnung mit dieser kleinen Handbewegung, Gottes Mittelfinger in Englands Arsch!« – Schon muss der Moral-Opa grinsen.
*
Als die erste Meldung aufploppte, las ich »Madonna ist tot«. Ohne »ra«. Dafür fantasierte ich diese Silbe akustisch dazu, als Zucchero vor Jahren seinen Welthit sang. Ich hörte zunächst »Senza Maradona« heraus, danach die silbenstimmigere Traineranweisung für Diegos Gegenspieler: »Sens’ Maradona!« Erst beim dritten Hören kam Madonna ins Spiel.
*
Noch so ein – Freudscher? – Verleser, diesmal in einer Zeit-Überschrift: »Jo Biden wird lernen müssen, wie Handball funktioniert.« Och, dachte ich, da soll er seinen Antrittsbesuch bei uns im Handkäsland machen, wir werden ihm das schon verklickern. Aber dann materialisierte sich der Handball zum Hardball, von dem ich noch nie gehört hatte. Das Cambridge Dictionary klärt mich per Google auf: »to play hardball« ist, wenn man auch als »nice guy« hart und trickreich zur Sache geht, um sich durchzusetzen. Aha, da lag ich doch richtig – »Hardball« ist ein Synonym für Handball!
*

Und der »Shopping Event am Black Friday« kommt aus dem Wörterbuch des raubtierkapitalistischen Unmenschen. In Monaco shoppen die Steinreichen keine Schnäppchen wie wir, sondern Privatjets. Das Geschäft boomt und ist ein Pandemiegewinner, denn in Zeiten lockdowngecancelter Flüge düst man mit dem eigenen Jet durch die Weltgegend. Da Monaco keinen Flughafen hat, sondern nur einen Hubschrauberplatz, fährt der Chauffeur Herrn Wichtig-Wichtig zum Heli, der schraubt ihn nach Nizza zum Jet, dort düst er los. Und zurück. Die Helikopter fliegen im Viertelstunden-Takt. In seinem Betrieb zieht Herr Wichtig-Wichtig aber die Klimaneutralitätskarte. Und wir alle die Arschkarte.
*

Raubtierkapitalistisch lockdowngecancelte Klimaneutralitätskarte – diese Wortungetüme vergessen wir lieber, die deutsche Sprache hat schon Probleme genug, auch ungegenderte. »Ich bin immer noch begeisterter Leser Ihrer ›Anstöße‹, die immer wieder interessante Sichten auf unsere Sprache liefern. Es ist bestimmt Ihnen auch der Begriff ›Videoschalte‹ aufgefallen. Jedesmal wenn ich ihn lese, schüttelt es mich«, mailt Alfred Vieth aus Bad Nauheim. Stimmt, in der Pandemie grassiert die »Videoschalte«. »Schalte« steht für schlechtes Deutsch wie »Schalke« für schlechten … sorry, keine Witze über am Boden Liegende.
*
Lieber noch ein Dankeschön für weitere freundliche Worte. Wie die von Klaus Diefenbach (Klein-Karben), der meine Anmerkung über den inflationären Gebrauch von »Mir bricht das Herz« aufgreift: »Mit Interesse und Freude lese ich seit Jahren Ihre Kolumne. Ohne Ihren Sport-Stammtisch würde mir zwar nicht das Herz brechen, aber es würde mir etwas ganz Besonderes fehlen.« – Dankeschön.
*
Zu trauriger Letzt zum deutschen Toten der Woche. Karl Dalls Humor war nicht jedermanns und -fraus Sache. Zu böse, zu mitleidlos, zu anarchistisch und, ja, manchmal zu holzgehämmert. Es war die späte Rache des verhöhnten Kindes mit dem Schlupflid. Privat soll Dall ein besonders freundlicher Mensch gewesen sein. Ich werde ihm ewig dankbar bleiben, denn zusammen mit Ingo Insterburg schuf er meinen Lieblingskalauer, den ich zu seinen Ehren zum x-ten und letzten Mal wiederhole: Warum bleibt in London der Schnee nie liegen? Weil dort der große Tower steht. – Die Welt ist senza Maradona, Deutschland senza Dall noch ein wenig ärmer geworden.
(gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)