Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 24. Oktober)

»BILD erklärt, was nicht zu erklären ist.« Prima Schlagzeile für Freunde einfacher Lösungen in komplizierten Zeiten. Geht es um Echsenmenschen, Kinderblutsauger, die Illuminaten? Nein, »Bild« wagt sich an ein größeres Mysterium, an »die zwei Gesichter von Borussia Dortmund« und erklärt, »was nicht einmal Einstein verstehen würde«.
*
Wenn Einstein nicht, dann ein Steines erst recht nicht. Nur den Unterschied zum FC Bayern, den kapiere ich auch ohne »Bild«. Der liegt nicht nur am »Mir san mia« gegenüber dem »Was sind wir überhaupt?«, sondern wird auch deutlich im Kader. Jeder Stammspieler des FCB wäre es auch in Dortmund. Aber welcher BVB-Stammspieler ebenso in München? Mir fällt keiner ein. Selbst Haaland wäre nur Backup von Lewandowski
*
Die komplizierte Beziehung zwischen Favre und den Borussen gleitet langsam ins Fatale ab. Beide Partner sind guten Willens – aber es passt nicht. Beide wissen es, wollen es aber nicht wahrhaben. Und immer, wenn der Glaube schwindet, kommt ein trügerischer Glücksmoment und verzögert das Unvermeidliche. Ende nicht offen. Offen nur, wie nah das Ende ist. Und die Erklärung des Unerklärlichen? Liegt hinter der »Bild«-Bezahlschranke. Zahle wer will.
*
Zurück in die Nationalmannschaft? Hummels und Müller halten sich zurück, lassen aber durchblicken: allzeit bereit! Leider. Denn beide sind idealtypische Vertreter des mündigen, souveränen, intelligenten Fußballprofis. Sie haben es nicht nötig, auf einen Sinneswandel von Löw zu hoffen und sich zum Spielball des mehr und mehr abgehobenen Bundestrainers zu machen. Zumal der dort oben immerhin die konsequente Arroganz hat, alle Rufe nach den beiden Routiniers zu ignorieren. »Ich stehe über den Dingen, was Kritik angeht.« Kann nur einer wie Trump sagen? Sagt aber Löw.
*
Wahrscheinlich bekommt der Stuttgarter Kickers-Trainer – Sie kennen die Geschichte – diverse Fairplaypreise. Aber besser wäre es, den Grund für das »Fairplay« zu beseitigen, der oft ein unfairer ist. Liegt ein Spieler am Boden, sollte nur der Schiedsrichter entscheiden, ob unterbrochen wird. Die Anstandsregel, den Ball ins Aus zu schlagen und ihn beim Einwurf zurück zu bekommen, wird zu oft als taktisches Mittel missbraucht. »Gelb« für absichtlichen Einwurf zum Gegner? Könnte das Problem lösen.
*

Rugby ist ein harter, aber besonders fairer Sport. Rudelbildung gibt es nur beim »Gedränge«, das der Schiedsrichter anordnet, der unbedrängte Respektsperson ist. Fair auch, dass der Welt-Verband beschlossen hat, Transfrauen in Frauenteams zu verbieten. KampfgenossI*nnen (oder so) nennen es jedoch Diskriminierung. Man könnte lang und breit diskutieren, wieder bei Adam, Eva und Semenya beginnen … aber nur, wenn man kein Sportler, keine Sportlerin ist. Die wissen: Wenn das Geschlecht wählbar wäre, gäbe es keinen Frauensport mehr.
*
Bleiben wir beim kleinen Unterschied. Beim sehr kleinen. Eine Frau, vom Freund verlassen, postet aus Rache auf Instagram ein Foto vom Mini-Penis des Ex. Der ist empört, beleidigt, schämt sich, niemand bemitleidet ihn, im Gegenteil, das Netz johlt. Übrigens aus Unwissen, denn die Fachwelt kennt den gar nicht so kleinen Unterschied zwischen Blut- und Fleischpenis. Hier nur so viel: Der scheinbar kleine B.-Penis ist, wenn er sich aufregt, ein Hulk im Vergleich zum schlappen Bruder F.-Penis.
*
Aber im Ernst: Welchen globalen Aufstand gäbe es in der diversen Szene, wenn der Ex aus Rache unvorteilhaft wirkende primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale der Verflossenen gepostet hätte! Tja.
*
Wenn Geschlechtsdefinitionen ins Wanken geraten, trösten sich alte, weiße Männer mit dem guten, alten Beat. »I’m a Man!«, konnte Spencer Davis geschlechtsgewiss röhren. Jetzt ist auch Davis tot. Gestorben mit 81, also nach Pop-Maßstäben älter als ein Baum.
*
»Alt wie ein Baum / möchte ich werden«, singen die Puhdys. Bei Spotify gefunden, wie andere DDR-Musik (Karat, Michaelis), die in Ostzonenzeiten unbemerkt an mir vorübergezogen ist (außer Maffays Brücken-Kopie). Noch ne Entdeckung: Imaginary Future alias Jesse Epstein. Singt wie ein Bekiffter kurz vorm Einschlafen. Spencer-Davis-Kontrastprogramm. Schön kontemplativ.
*
Alt wie ein Baum / möchte ich werden… schon fällt mir auf: Ich bin’s ja schon. Zwar acht Jahre jünger als Spencer, aber eine immer wieder schockierende Erkenntnis. Ich? So alt? Kann nicht sein. Andere alte Mädels und Jungs kennen das. Spencer Davis röhrt und rät uns: Keep on Running! (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)