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Sport-Stammtisch (vom 17. Oktober)

Weil die Nationalelf in unbedeutenden Spielen nicht überzeugend siegt, steht Löw in der Kritik. Die ich verstehe – aber nicht den aktuellen Bezug. Sportlicher Anstand hätte geboten, nach der fürchterlichen WM 2018 zurückzutreten. Löw hat dies nicht getan. Peinlich. Schluss mit Fußball für heute. Bis auf eine Frage: Gilt im Corona-Kick die Faustregel: Je weniger Zuschauer, desto mehr Tore? Wenn ja, wie kommt das? Ich habe, wie so oft, keine Ahnung.
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Zu einem Thema mit leider mehr Ahnung. Am Sonntag wurde Ines Geipel mit dem Lessing-Preis für Kritik ausgezeichnet. Die ehemalige DDR-Sprinterin ist als Anti-Doping-Kämpferin aktiv und will über DDR-Unrecht aufklären. Henner Misersky, ehemaliger Hindernisläufer und Trainer der DDR, ist Mitglied der Hall of Fame des deutschen Sports. »Nach seiner Weigerung, den von ihm trainierten Langläuferinnen männliche Hormone zu verabreichen, wurde er 1985 fristlos entlassen« (Wikipedia). Die beiden müssten beste Freunde und Kampfgenossen sein. Aber Geipel hält Misersky für einen Stalker. Der wiederum behauptet, Geipel sei als »privilegierte DDR-Staatssportlerin« Teil des Systems gewesen«. Beide beharken sich vor Gericht. Da halte ich mich raus. Mich bewegt nur: Was ist in der deutschen Doping-Historie wahr, was wird als wahr verkauft?
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Was »wahr« wirklich? Mein Beispiel (ausführlich im Link »Eine Kugel für das Leben« von »Sport, Gott & die Welt« nachzulesen): Wahr ist, dass ich von 1974 bis 1981 freiwillig und als einziger Sportler weltweit unter Dopingkontrolle im Training stand. »Wahr« ist daher, dass ich mich, da trotz Norm-Übererfüllung nicht für Olympia 76 nominiert, als Opfer bundesdeutscher Doping-Vorgaben ausgeben könnte. Wahr ist aber leider, dass ich meine ehrlich gemeinte Aktion verunsichert abgebrochen habe, mit Wissen und unterstützt von Verband und Verein, ohne Wissen der Doping-Tester, die mir nach der ersten Kontrolle vertraut hatten. Wahr ist, dass ich mich später in der FAZ geoutet habe, was mir viel Anerkennung für meinen »Mut« einbrachte. Wahr ist aber auch, dass ich keinen Mut benötigte, da ich nichts zu verlieren hatte, keine Medaillen, keine auf den Sport aufgebaute berufliche Karriere, keine Prominenz usw. Im Gegenteil: Beruflich war es von Vorteil, denn ich hatte ein überzeugendes Alleinstellungsmerkmal als Journalist in Sachen Doping-Information.
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Ich war international zweitklassig. Mein Beispiel führe ich nur an, weil ich es belegen kann – und weil sich die Erstklassigen bis heute bedeckt halten. Aus gutem Grund. Hätte ich mich geoutet, wenn ich 1976 Olympiasieger geworden wäre? Sicher nicht. Nicht wenige deutsche Medaillengewinner der 70er und 80er Jahre lebten oder leben noch von Ihren sportlichen Erfolgen. Können wir erwarten, dass sie sich bekennen? Ihr Lebenskonstrukt zerstören? Während die Mit- und Hauptverantwortlichen (Politik, Sportverbände, Medien) gar nicht erst auf die Idee kommen, etwas eingestehen zu müssen? Ich habe Mitleid mit den erfolgreicheren Sportkameraden, die bis heute mit ihrer uneingestandenen Doping-Last leben müssen, bei runden Geburtstagen öffentlich gefeiert werden (wie kürzlich wieder …) und bis an ihr Lebensende befürchten müssen, irgendwann doch noch enttarnt zu werden.
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Zu den Hauptverantwortlichen gehört auch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), eine Behörde des Bundesinnenministeriums, die sinnigerweise fast gleichzeitig mit Ines Geipels Lessingpreis-Verleihung ihr 50-jähriges Dienstjubiläum feierte. Zum Geburtstag listete der »Spiegel« unvergängliche BISp-Verdienste auf, ich habe sie in den letzten Jahrzehnten schon kolumnenfüllend abgearbeitet (Luft im Darm, Kolbespritze, Anabolika- und Testosteron-Versuche), zuletzt auch die drollige ultimative Forderung von Innenminister de Maiziere, gefälligst ein Drittel mehr Medaillen zu holen, natürlich ohne Doping. Aber was ich noch nicht wusste: Das BISp wollte in den 70-er Jahren mittels eines eigens entwickelten »Phallographen« erforschen, ob Anabolika zwar die Muskeln wachsen lassen, aber einen gewissen »Muskel« schlaff machen. Den Probanden wurden Anabolika gespritzt und Pornofilme aus der Asservatenkammer des Landeskriminalamts vorgespielt (Quelle: »Spiegel«). Details stelle ich mir lieber nicht vor. Umgekehrte Anabolika-Wirkung wollten Experten aus der SBZ (= DDR, liebe Kinder) festgestellt haben: krankhaft gesteigerte Libido junger gedopter Frauen – wie, will meine Fantasie ebenfalls nicht wissen.
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Noch ist nicht alles in unserem Land wiedervereinigt. Nur die grauen Apparatschiks hüben und drüben waren schon lange vor der Wende vereint in ihrem spannerhaft verklemmten Verhältnis zum Sex. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)