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Sport-Stammtisch (vom 10. Oktober)

Die überflüssige, sportlich und pandemisch zweifelhafte Länderspielerei würde wenigstens einen kleinen Zweck erfüllen, wenn Mario Götzes Abschiedsspiel integriert worden wäre. Denn dass er sich vom ganz großen Fußball verabschiedet, steht zwischen den Zeilen der üblichen Floskeln seiner Wechselgründe. »Ich hatte viele Angebote« (von großen Klubs? Eher nicht), »aber ich fühle mich bereit für eine ganz andere Herausforderung (geschenkt!) und bin zuversichtlich, dass dies ein sehr angenehmer Übergang für mich sein wird.« – Klar doch. Für Götzes Fußball sind Eindhoven und die holländische Liga ein sehr angenehmer Übergang in den Vorruhestand. Was keine Häme ist, sondern Realismus. Von Götze bleibt das außergewöhnliche Talent und ein Gedicht von Tor ewig in Erinnerung. Nun spiel mal schön! Noch ein Weilchen.
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Auch Christoph Daum sendet Abschiedssignale. Was, wenn es mit der Trainer-Karriere nicht mehr klappt, weil mich alle durchschaut haben und sich niemand mehr von meinen weit aufgerissenen Augen hypnotisieren und über glühende Kohlen hetzen lässt? Am besten einen Schlussstrich ziehen. Mit einer Autobiografie. »Immer am Limit« fehlt nur der Untertitel »… und zu oft darüber hinaus«.
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Daum zu Ehren sei aber festgehalten: Am Frankfurter Abstieg 2011 trägt er die geringste Schuld. Wellness-Coach Michael Skibbe hatte eine Mannschaft mit kleinem, leichten Akku geformt, die wegen ihrer Leichtgängigkeit frühe Erfolge feiern konnte. Als der kleine Akku leer war, musste Skibbe gehen, und Heribert Bruchhagen holte, gegen sein Naturell und sein gesamtes vorheriges Wirken, einen Motivations-Schwurbler wie Daum, der mit spontanem Crash-Training kurz vor Saisonende den kleinen Akku zum Platzen brachte. Aber was hätte er sonst tun können? Als er kam, war der Abstieg schon unvermeidbar. Eingeleitet hatten ihn Skibbe und Bruchhagen… ach, Schluss mit den alten Geschichten. Nach Daum ging’s langsam bergauf. Freuen wir uns über die neue Eintracht, die uns nun schon seit Jahren viel Freude macht.
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Ist das der neue FC Liverpool? Schon vor dem 2:7 gegen Aston Villa lud der Klopp-Klub seine Gegner oft zum Toreschießen ein, was diese aber fahrlässig oder perplex nicht nutzten. Ob jetzt die Klopp-Kritiker Aufwind bekommen, die schon in Dortmund mäkelten, Klopp mache zwar durchschnittliche Spieler gut und gute noch besser, aber nach ein paar Jahren verpuffe dieser Kloppo-Zauber? Ich gehöre nicht dazu, und einen Vergleich mit Daum zu ziehen wäre nicht nur an den, nun ja, Haaren herbeigezogen, sondern schlichtweg Quatsch. Zwischen beiden liegen menschliche Welten.
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Zwischen Alica Schmidt und Mats Hummels lagen ungefähr 30 Meter. Die 400-m-Läuferin, eine der besten in Deutschland, ist im Neben- oder Hauptberuf »Influencerin« (ich mag das Wort kaum hinschreiben, aussprechen schon mal gar nicht). »Die schönste Leichtathletin Deutschlands« (Markenzeichen) hatte mit dem BVB-Profi eine Wette im Wortsinn laufen und klar gewonnen, anzuschauen bei Youtube. So weit die Show. Aber wie ist der sportliche Wert? Offenbar lief keine Stoppuhr mit, doch man kann davon ausgehen dass Schmidt (Bestzeit: 52,21) einen leichten, aber engagierten Trainings-Tempolauf absolvierte und etwa 54, 55 Sekunden lief. Hummels, der sich mehr verausgabte, kam also auf ca. 57, 58 Sekunden. Da lachen alle, die sich nur am Weltrekord (43,03) orientieren, zumal Hummels im Ziel wie ein Maikäfer pumpte (was aber, vermute ich, eher zur Show gehörte). Da 400-m-Tempoläufe sicher nicht zum Trainingsprogramm von Bundesliga-Profis zählen und Hummels die Strecke erstmals lief, mit Ehrgeiz, aber nicht wie um sein Leben, ist seine Leistung aller Ehren wert. Ich kann es beurteilen, denn in meinem einzigen kompletten Zehnkampf lief ich wie um mein Leben, war stolz wie Oskar auf 58,9 Sekunden, platt wie eine Flunder und pumpte wie ein Maikäfer kurz vor dem Exitus.
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Weltrekorde fielen anderswo. In Valencia, 10 000 Meter Männer und 5000 Meter Frauen. Nach Corona-Monaten ohne funktionierende Dopingkontrollen und mit den neuen »Wunderschuhen« von Nike. Mit Katapulteffekt. Wie vor 50 Jahren die russischen Hochsprungschuhe (Stepanow). Die verboten wurden. Aber Nike ist nicht Russland.
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Donald Trump hätte natürlich gegen Alica Schmidt gewonnen, auch ohne Katapultschuhe. Allerdings müsste er als Wahlwettkämpfer disqualifiziert werden, da er auf Steroiden ist. Selten hat ein Doper seine Praktiken derart unverfroren zugegeben wie Trump. Er tönte sogar, dank der Steroide fühle er sich stark und fit wie vor 20 Jahren.
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Im Zusammenhang mit Trumps Steroiden werden »Experten« zitiert, die als Nebenwirkung »Gefühle von Größenwahn« nennen. Stimmt aber nicht. Auch das kann ich beurteilen, da vor einem halben Jahrhundert an mir selbst getestet. Ich blieb damals bescheiden wie immer. Ich wunderte mich nur, aber nur ein wenig, dass es außer mir kein »extrem stabiles Genie« gab. Und dann kam Trump.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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