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So wahr das?

Der Prozess um die „Operation Aderlass“ beginnt. In der Vorberichterstattung des sid kommt „der Sportrechtler Michael Lehner“  ausführlich zu Wort. Wie auch aus diesem Blog bekannt, ist er ein prominenter deutscher Antidoping-Kämpfer. Fast, aber nicht ganz so  prominent medial sichtbar wie Prof. Werner Franke,  der viel zitierte „Molekularbiologe aus Heidelberg“, sein ehemaliger Freund und aktueller Widerpart.

In dem Zwist geht es, wie ebenfalls im Blog erwähnt, vorsichtshalber aber nicht auserzählt, um die Deutsche Opfer-Hilfe (DOH), um Opferrenten auch für  Nachkommen von gedopten DDR-Sportlern, um die Frage, ob sie zwangsgedopt waren oder freiwillig mitgemacht haben, und das alles wird stellvertretend auch von zwei prominenten Ex-DDR-Persönlichkeiten ausgefochten, dem Trainer H. M. und der Sprinterin I. G., in deren juristische Auseinandersetzungen ich nicht hineingezogen werden möchte (siehe „vorsichtshalber“).

Es geht nicht nur darum, wer die Wahrheit sagt, sondern auch, was die Wahrheit ist. Denn in Sachen Doping gibt es zwar viele Lügen, aber fast noch mehr Wahrheiten.

Mich reizt es, diese multiplen Wahrheiten in einem Text sichtbar zu machen, ohne auf die internen DOH-Auseinandersetzungen einzugehen. Es ginge ausschließlich um den Ex-Kugelstoßer G. S. Ich könnte sehr überzeugend und juristisch wasserdicht behaupten, dass ich in den 70er Jahren nicht nur weltweit der erste Sportler überhaupt war, der sich freiwillig und jederzeit Dopingtests unterzogen hat, also auch im Training (Trainingskontrollen gab es damals nicht), sondern auch, dass diese Tests überzeugender waren als die heutigen mit ihren „Missed test“-Möglichkeiten und der vorherigen Anmeldung der Dopingtester (bei mir klingelte es abends an der Tür, ich  machte auf, der Tester stand da, zeigte das Röhrchen, und sofort musste ich es füllen). So geht die erste Wahrheit weiter: Weil ich nachweislich nicht gedopt hatte, konnte ich zwar die humane olympische Norm von 19 m erfüllen (im Quali-Zeitraum 20,12), aber nicht die auf zwei Mal in festgelegten Wettkämpfen zu stoßende intern erhöhte deutsche Norm von 20,60 m, eine knallharte Doping-Norm, was alle wussten und für richtig befanden, auch und vor allem die Medien. Ich bin also als erster nachgewiesen hundertprozentig sauberer Sportler ein Vorzeige-Opfer und müsste als solches von der DOH-Opferrente beziehen, in die Hall of Fame aufgenommen werden und als leuchtendes Vorbild in die Sport-Historie eingehen.

Ich hätte diese erste Wahrheit ausreizen und bis zum heutigen Tag davon materiell und ideell profitieren können, wenn es nicht die zweite Wahrheit gäbe, und eine dritte dazu.

Ich bin froh, die zwei falschen Wahrheiten frühzeitig eliminiert zu haben und bei der einzig wahren Wahrheit geblieben zu sein.

Was mich reizt, wäre eine Erzählung der ersten Wahrheit, sie in einem daneben stehenden Text mit der zweiten Wahrheit zu falsifizieren und schließlich noch die dritte Wahrheit nicht gerade als Lüge zu enttarnen, aber ihre zeitgeschichtliche Unmöglichkeit zu bekennen.

War das so? So wahr das!

Ob oder was das mit dem aktuellen Fall zu tun hat, das zu beurteilen wäre Sache des Lesers.