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Rüdiger Trebing: „Boykott-Diktator“? Das ist unerhört!

Es ist ja nicht neu, dass Sie den amtierenden Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach verehren, weil er als junger Aktivensprecher des deutschen Sports 1980 vehement gegen einen (west-)deutschen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau (Sowjetunion) gekämpft hat.

Dass Sie aber seinen (vermeintlichen) Gegner Bundeskanzler Helmut Schmidt als „Boykott-Diktator“ bezeichnen, ist unerhört!

Ein „Diktator“ ist nach allgemeiner Definition ein Alleinherrscher, an dessen Händen oft das Blut seiner Landsleute klebt (z.B. Hitler, Stalin, Ceausescu, Mugabe usw.). Somit verbietet sich die Verwendung dieses Begriffs im Zusammenhang mit Handlungen aller unserer Bundeskanzler von Adenauer bis Merkel.

Wie ist die Historie im Zusammenhang mit dem Boykott der Olympischen Spiele?

  • Dezember 1979: Die Rote Armee (Sowjetunion) marschiert in Afghanistan ein
  • Februar 1980: US-Außenminister Vance fordert IOC auf, Moskau die Sommerspiele zu entziehen – IOC lehnt ab
  • März 1980: Nationales Olympisches Komitee der USA beschließt auf Druck der US-Regierung formal den Boykott (1980 ist Präsidentenwahljahr in den USA). US-Präsident Carter fordert die Verbündeten auf, dem Boykott zu folgen.
  • Mai 1980: Die Bundesregierung unter Leitung von Bundeskanzler Helmut Schmidt empfiehlt dem deutschen NOK, nicht an den Spielen in Moskau teilzunehmen. Der für den Sport zuständige Innenminister Gerhart Rudolf Baum (FDP) ist zwar nicht dieser Ansicht, muss sich aber der grundgesetzlich festgeschriebenen Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers beugen. Der Deutsche Bundestag stimmt letztlich der politischen Empfehlung zum Boykott mit einer extrem großen Mehrheit von 446 Abgeordneten zu (8 dagegen, 9 Enthaltungen). Die Mitgliederversammlung des westdeutschen NOK stimmt schließlich mit 59 gegen 40 Stimmen für einen Boykott.

Also ein durch und durch demokratisches Verfahren, keine einsame Basta-Entscheidung des Bundeskanzlers.

So wie ich Thomas Bach einschätze und seine aktuellen Äußerungen zu Thema verstehe, würde er nie den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt als Boykott-Diktator benennen. Ein „Diktat der Politik“ ist etwas anderes.

Helmut Schmidt hat in einem seiner letzten Bücher (Außer Dienst) unter dem Kapitel „Eigene Fehler“ folgendes geschrieben (ohne direkten Bezug zu diesem Thema):

„Ein Politiker darf sich nicht allgemeinen Stimmungen oder gar Massenpsychosen hingeben. Er muss auf seine Vernunft hören, und er muss sich der moralischen Grundwerte bewusst sein, die im Grundrechtskatalog und im Artikel 20 unseres Grundgesetztes festgeschrieben sind. Gleichwohl kann er irren und Fehler machen. Das Grundgesetz erlaubt Irrtümer, es erlaubt gute und weniger gute Politik, es erlaubt sogar eine im Ergebnis schlechte Politik.“

Für die bundesdeutschen Wähler war wohl die politische Entscheidung für den Olympiaboykott bei der Bundestagswahl 1980 kein schwerwiegender Fehler, Bundeskanzler Helmut Schmidt konnte mit der sozialliberale Koalition seine Arbeit für 2 Jahre fortsetzen bis zu seinem Sturz durch CDU/CSU und FDP im Herbst 1982.

Die ARD hat ein 10-Minuten-Filmchen zum Olympia-Boyott in ihrer Mediathek https://www.sportschau.de/weitere/olympia/olympia-boykott-moskau-100.html . 

(Rüdiger Trebing/Karben)