Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 3. August)

Die Bayern spielen endlich wieder wie unter Guardiola, freut sich Thomas Müller im SZ-Interview. Fatal wäre es aber, wenn sie wieder wie unter Guardiola spielten, wenn es in der Champions League um die Wurst geht.
*
Einen Negativ-Rekord haben die Münchner schon aufgestellt, ohne daran schuld zu sein, ebenso wie der zweite Beteiligte, der BVB. Ihr Bundesliga-Geisterduell füllte kürzlich das ZEITmagazin. Auf 13 Seiten das Protokoll aller Spielerlaute auf dem Platz, ob artikuliert oder nicht. Der Magazin-Macher hielt es für eine gute Idee, doch das alte Magazin-Tantchen Zeit schlug auf der Leserbriefseite mit fünf ausgewählten negativen Zuschriften zurück und keiner einzigen positiven – das gab’s, glaube ich, noch nie. Ob »noch alle Tassen im Kühlschrank« seien, war noch die freundlichste Reaktion, »schwachsinnigstes ZEITmagazin aller Zeiten« die brutalste. Der arme Magazin-Macher? Nein, das hält er aus. Außerdem kommt er aus Langgöns, und als Mittelhesse weiß er, was zu tun ist: Abbutze un weider!
*
Auch ich habe mein Fett weg bekommen. Nicht am Bauch, sondern in Form eines Anschisses. »Es ist ja nicht neu, dass Sie Thomas Bach verehren, weil er als junger Aktivensprecher des deutschen Sports 1980 vehement gegen einen (west-)deutschen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau gekämpft hat. Dass Sie aber seinen (vermeintlichen) Gegner Bundeskanzler Helmut Schmidt als ›Boykott-Diktator‹ bezeichnen, ist unerhört!« (Rüdiger Trebing/Karben/komplette Mail in der Online-«Mailbox«) – Ich bitte um Verzeihung. »Boykott-Diktator« Schmidt war ebenso wenig ein Diktator wie Fußball-Gott Toni Turek ein Gott.
*

Aber das nur am Rande. Zurück zu den Großen unseres Metiers, über Süddeutsche Zeitung und Zeit zum Spiegel. Erst Schürrle, jetzt Höwedes: Es scheint zum gepflegten Abgang des modernen Fußballprofis zu gehören, zum Kehraus eine Story im Spiegel zu bekommen. Darin wird über die Höhen und Tiefen des unbarmherzigen Geschäfts geklagt, wie sehr man an den unerbittlichen Zwängen gelitten habe, alles eingebettet in honorige Selbstreflektionen, die das Image des nachdenklichen Profis aufpolieren. Das alles natürlich erst nach der Karriere. Der Spiegel als Sprungbrett in ein neues Leben?
*

Mit der FAZ machen wir das Quartett komplett. In ihrer Tokio-Ersatzserie »Olympische Geschichten« geht es um Dieter Baumanns Zahnpasta-Affäre. Lang, lang ist’s her. Was aber nie thematisiert worden ist (bescheiden sei’s angemerkt: außer von mir): Es war in der Doping-Geschichte der erste eindeutige Fall einer kriminellen Handlung, denn als Baumann nach seinem positiven Nandrolon-Test seine manipulierte Zahnpasta präsentierte und Anzeige erstattete, war klar, dass es einen Täter geben musste, dass also Baumann entweder gedopt und nachträglich falsche Fährten gelegt hat, oder dass ihm mit krimineller Energie übel mitgespielt worden ist (= meine Vermutung damals wie heute).
*
Um kriminelle Machenschaften soll es auch bei Fifa-Präsident Infantino gehen, von dem viele enttäuscht sind, vor allem jene, die ihn bei Amtsantritt treuherzig als vorbildlichen Reformer nach dem sinistren Blatter vorgefeiert hatten. Ich bin nicht enttäuscht. Als er 2016 kandidierte, trat er gegen Jerome Champagne, Prinz Ali bin Al Hussein, Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa und Tokyo Sexwale an. Das waren keine sechs Wale, sondern vier Haie aus den Fußball-Weltmeeren, und wer solch eine Wahl gewinnt, schrieb ich damals, kann kein »Infantilo« sein. Sondern ist wie die anderen, nur cleverer.
*
Und noch ein Blick in den Presse-Spiegel. Haltung. Thema in der Martenstein-Kolumne im ZEITmagazin. Es geht um die SZ, um »einseitigen Haltungsjournalismus«, der »das Gegenteil dessen erreicht, was er bezweckt«. Harald Martenstein: »Schuld und Unschuld sind eben nicht an der Hautfarbe oder der Meinung von vornherein zu erkennen.« Tja. Das sehe ich auch so. Vor allem in der SZ geht diese Haltung um, nur die eigene Meinung gelten zu lassen, weil sie die einzig moralisch richtige ist. Aber nicht nur in der SZ. Zum Beispiel auch im Spiegel, wo »Relotius mit erfundenen, aber politisch erwünschten Geschichten zum Superstar der Reportage aufstieg«. Martenstein würde allerdings auch im eigenen Blatt fündig. Das weiß er sicher am besten.
*
Ich bei mir auch. Immerhin versuche ich aber, mir selbst auf die Schliche zu kommen. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)