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Sport-Stammtisch (vom 1. August)

Das doppelte Sommer-/Corona-Loch stürzt verzweifelte Sportredaktionen in das Selbige, aber siehe da, dort unten naht die Rettung. Drei große Buchstaben (MMA), zwei große Zeitungen (Süddeutsche  und Welt), ein nicht ganz so großartiger Gedanke: Mixed Martial Arts (MMA), »Fight Island« in Abu Dhabi, zwei Deutsche dabei – das gibt eine super Story.
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Zwei Deutsche, zwei Zeitungen, da teilt man brüderlich, bzw. genderneutral geschwisterlich, die Welt konzentriert sich auf Niklas Stolze (27), die Süddeutsche auf Peter Sobotta (33), und so können wir jeweils ein fast ganzseitiges Feature über diese deutschen MMA-Kämpfer lesen.
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Was sind Mixed Martial Arts? Kurz gesagt: Im Kampfkäfig ist fast alles erlaubt, bis auf mädchenhaftes An-den-Haaren-Ziehen. Wem Boxen zu langweilig geworden ist, dieses Faustfechten à la Maske oder Klitschko, der wechselt zu MMA, da fließt mehr Blut, echtes Blut (im Gegensatz zum athletischen Turniertanz alias Wrestling), und es brechen mehr Knochen. Eine ähnliche Entwicklung wie im Kraftsport. Statt ödem Gewichtheben sehen wir Freak-Shows beim Powerlifting oder Strongman-Contests mit aberwitzigen Disziplinen. Man kann manches gegen den gewieften Advokaten Thomas Bach vorbringen (bei mir hat er seit seinem heroischen Kampf als Aktivenvertreter 1980 gegen Boykott-Diktator Helmut Schmidt einen Stein im Brett), aber in seiner Amtszeit als IOC-Boss wird es keine MMA-Fighter, Wrestler, Powerlifter oder Strongmen bei Olympia geben. Hoffe ich jedenfalls. Sonst ist der Stein im Brett weg.
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Zurück zum »Fight Island«. Veranstaltet von der »Ultimate Fighting Championship« (UFC), deren Präsident Dana White Freund eines anderen Präsidenten ist (muss ich den Namen nennen?), für dessen Wahlkampf er eine Million Dollar gespendet hatte, was sich bezahlt macht, denn die UFC wurde als systemrelevant eingestuft und konnte bereits am 9. Mai als weltweit erste »Sportart« neu starten.
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SZ und Welt stellen Stolze  und Sobotta derart blattfüllend vor, als seien sie Weltklasse-Athleten aus Top-Sportarten.  Aber  Stolze ist nur als Ersatzmann ins Feld gekommen, Sobotta als fast schon deaktivierter Haudegen. Nach dem Kampfabend tauchten sie, falls ich nichts überlesen habe, in beiden (und anderen) Zeitungen gar nicht mehr auf. Erst im  Internet fand ich Ergebnisse: Beide Deutsche verloren, Sobotta hört endgültig auf. SZ und Welt schweigen. Peinlich berührt? Von sich selbst?
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Um nicht missverstanden zu werden: MMA, Powerlifting, Strongman, Wrestling haben ihre Berechtigung. In ihrem Milieu. Nicht in seriösen Zeitungen. Meint einer, der einst in dem Milieu unterwegs war.
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Anderes Thema. »Vielen Dank, dass Sie auf den Film über Jan Ullrich hingewiesen haben. Ich habe ihn genossen. Mann, war das schön damals.« (Wilfried Grein/Karben). Auch andere Leser waren von dem NDR-Film sehr angetan. Mir kam dabei ein von Gemüt und  Talent ähnlicher Sportler in den Sinn. Aktuell wird er wieder locker deutscher Meister. Zu den Besseren, obwohl  weniger Talentierten in der Welt fehlt ihm vielleicht ein Udo Bölts. Quäl dich … Wer ist es?
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Keine Auflösung. Zu leicht für  ein Sommerrätsel. Ein schwierigeres: Es klingelt. Ein junger Mann, dahinter eine junge Frau. Wollen mich für Ihren Verein werben. In solchen Fällen sage ich immer nur »Danke, kein Bedarf« und schließe schnell die Tür. Diesmal nicht. Ich bin besonders freundlich, versuche mein Nichtinteresse zu erklären, wünsche den beiden viel Erfolg, lächele sie freudig an, verabschiede mich ebenso und schließe sachte die Tür. – Warum verhalte ich mich so und nicht wie sonst? Auch zu leicht? Ja. Weil die beiden offensichtlichen Migrationshintergrund hatten und ich fürchtete, mein übliches brummig-grimmiges Verhalten an der Tür könnte als Rassismus ausgelegt werden.
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Machen wir das Sommerrätsel also schwieriger. Ist meine betonte Freundlichkeit an der Vordertür Rassismus durch die Hintertür? Wäre ich nur frei von Rassismus, wenn ich die beiden abgefertigt hätte wie zwei Kartoffeldeutsche? Oder wäre  nicht DAS Rassismus, sondern mein Gefühl, es sei ein besonders perfider (und erfolgreicher) Drücker-Trick ihrer  Organisation, gerade diese beiden jungen Leute auf Werbe-Tour zu schicken? Im Vertrauen auf Menschen, die kaum etwas mehr fürchten, als des Rassismus verdächtigt zu werden, auf Menschen also wie ich – und Du? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)