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Montagsthemen (vom 27. Juli)

Diesmal mit Atempause vom Fußball, manches aber zum tief Durchatmen. Wie beim  Jan-Ullrich-Film am Samstag im NDR über das Ulle-Jubeljahr 2007. Ich habe die Dokumentation erst gar nicht angeschaut. Ich ertrüge nicht mehr, wie sich mediale Heuchler an Ullrich abarbeiten. Man habe  ihn nach langer Hatz erlegt, nachdem sie ihm zuvor erst gehuldigt und ihn später als dicken Ulle, dummes Kind verhöhnt und ihm Armstrong, ausgerechnet den, als großartiges Gegenbeispiel unter die Nase gerieben hätten. So am Samstag im Blog geschrieben, im Netz-Spielbein von gw-Kolumnen. Danach meldeten sich Leser, durchaus auch Ulle-Fans, die den Film »mit kleinen Abstrichen gelungen« fanden (Andreas Kautz; Dank auch an Werner Haaser) und mich bestärkten, ihn mir ebenfalls anzusehen. Werde ich tun (Link zur Mediathek im Blog). Vorurteile lasse ich mir immer gerne widerlegen.

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Nachtrag: Vor 25 Jahren gewann Miguel Indurain als erster Fahrer zum fünften Mal in Serie die Tour. Ganz Spanien feiert den Jahrestag des verehrten Heroen. Ein Großer seines Metiers. Wie Jan Ullrich. Ein fairer Sportler auf dem Rad. Wie Jan Ullrich. Den Unterschied zwischen ihnen machen andere.
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Die Leichtathleten beginnen immerhin eine zaghafte Kurz-und-Späti-Saison. Schon mit reifen Leistungen, wie den 9,86 von Sprinter Michael Norman und den 22,91 von Kugelstoßer Ryan Crouser, Platz drei der ewigen Weltbestenliste. Kurz danach stieß unser David Storl 20,84 und war sehr stolz darauf. 22,91 zu 20,84 – dazwischen liegen Welten.
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Kaum wird Crousers 22,91-m-Weite bekannt, wissen Schlauberger, wie sie zustande kommt. Keine Kontrollen in Pandemie-Zeiten, da dopen die Jungs, was das Zeug hält. Nun bin ich nicht naiv, und über Doping der Kugelstoßer weiß ich mehr als jeder andere Journalist (das ist keine Angeberei, sondern Bekenntnis), doch diese Leistung erklärt sich von selbst. Bei der WM 2019, dem sensationellen Kugel-Finale, gewann Kovacs mit 22,91 vor Crouser und Walsh (beide 22,90). Bei dieser Leistungsdichte in höchsten Bereichen war klar, dass der Weltrekord (23,12)  wackeln würde. Wahrscheinlich wäre er schon gefallen, wenn die Pandemie nicht dazwischen gekommen wäre.
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Aber wie kommt es, dass Storl als 21-Jähriger Weltmeister war, mit 22 Olympiazweiter (und alle Fachwelt ihn für die nächsten zehn Jahren für unschlagbar hielt), mit 25 seine Bestleistung stieß (22,20!) und seitdem nicht stagnierte, sondern sogar deutlich schlechter wurde? Ich frage bei Udo Beyer nach, dem Olympiasieger von 1976 und Ex-Weltrekordler (und immer noch inoffizieller Weltrekordler aus dem Stand: 21,97!). Wir sind uns einig, dass wir wissen, nichts zu wissen. Storl bleibt ein Rätsel.
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Die Washington Redskins heißen jetzt »Washington Football Team«. Langweilig, aber praktisch. Irgendwann werden sie nach Werweißwohin verkauft, dann muss man nur das erste von drei Wörtern ändern. Dennoch gibt es Kritik, denn der scheinbar unverfängliche Name verführe dazu, das »Washington Football Team« weiterhin im Fan-Sprachgebrauch Redskins zu nennen. Meine Meinung dazu: keine. Man kann die Sau, die durchs Dorf getrieben wird, einfach mal an sich vorüber galoppieren lassen.
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Der Schokoladen-Krieg. Nein, nicht der mit dem Sarotti-Mohr oder dem Negerkuss, den lasse ich ab sofort im Dorf an mir vorüber galoppieren. Sondern der Krieg zwischen Milka und Ritter um die quadratisch praktisch gute Verpackung, den Ritter Sport vor Gericht gewonnen hat. Bei mir haben beide verloren, denn seit ich einmal zu Weihnachten einen ganzen Schwung einer mir unbekannten Marke geschenkt bekam und etwas ganz Edles vermutete, aß ich nur noch diese, und zwar in rauen Mengen. Erst viel später erfuhr ich, dass es die Hausmarke eines großen Discounters ist, den ich meide wie Pest, Cholera und Corona. Aber ich sprang, des einmaligen  Geschmacks wegen, über meinen kleinen Schatten und schleiche seitdem alle zwei Wochen aldiweil zum  Discounter und hole mehr Tafeln der Hausmarke, als Corona-Hamsterer Klopapier gekauft haben. Unterschied: Die sitzen immer noch auf ihrem Klopapier, während meine Schokolade ständig nachgekauft werden muss.
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Meine Sammlung hübscher Subjekt-Objekt-Verschiebungen hat Verstärkung bekommen. Aus dem Spiegel, in einem Text über die Epstein-Vertraute Ghislaine Maxwell: »Sie half ihm (…), ein weltumspannendes Netzwerk von jungen Mädchen aufzubauen, die Epstein und Maxwell sexuell ausbeuteten und missbrauchten.« Allerdings nur grammatisch hübsch, inhaltlich besonders unhübsch. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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