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Sport-Stammtisch (vom 25. Juli)

»Simera ksekinun i Olimpiaki Agones«, versprach gestern der griechische Sprachkalender (in meiner Lautschrift). »Heute beginnen die Olympischen Spiele.« Nein, wir sind aus der Zeit gefallen und spielen lieber Champions League. Es klingt immer noch unwirklich, und es sieht auch so aus. Spiele ohne Zuschauer im Zuschauersport Fußball. Und das im Hochsommer, der für Olympia reserviert war, dessen Sportler viel leichter ohne Zuschauer auskommen als die Fußballprofis. Die wiederum feiern Meisterschaften im überschwänglichen Dialog mit ihren Fans, die gar nicht da sind, sondern vor dem Fernseher – oder vor dem Stadion in Massen feiern, als sei Corona ein Geisterspiel, ein Spuk, der vorbei gehuscht ist.
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In Kürze also das Champions-League-Finalturnier. Die deutsche Erwartungshaltung ist klar. Alles außer dem Triple wäre eine Bayern-Enttäuschung. Würde ich auch sagen, gäbe es die Zwangspause nicht. Zum vierten Mal in der Saison ein grundlegendes Vorbereitungstraining, dazu die immer noch ungewöhnliche Atmosphäre in den leeren Stadien – das alles lässt keine ernstzunehmenden Vorhersagen zu. Nach dem 5:3-Spektakel gegen und mit Chelsea hat Jürgen Klopp – wie so oft – die richtigen Worte gefunden. Sein in der regulären Saison bollwerkstarkes »Team Weiße Weste« sei zu »Circus Roncalli« mutiert. Das Spiel wird unkalkulierbar, das macht vor dem Fernseher Spaß, lässt aber Trainer auf der Bank und Toto-Tipper verzweifeln (liebe Kinder, was »Toto« ist, müsst ihr selbst googeln).
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Vielleicht gewinnt sogar Bergamo, das gruselige Synonym für Corona. Atalantas letztes Spiel vor der Zwangspause, das Achtelfinale gegen Valencia vor 44 000 Zuschauern in Mailand, kam als »Superspreader« zu fataler Berühmtheit. Nach dem Neustart hat Atalanta einen Lauf, warum und wieso weiß kein Mensch, es sei denn, er glaubt an eine Wiedergutmachung des Schicksals. Was aber angesichts der Bilder vom März ein unangemessener Gedanke wäre.
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Einer der größten Fans von Atalanta Bergamo heißt Daniele Belotti, der von sich selbst sagt, er sei ein Ultra – und als solcher gilt er nicht nur im Stadion, sondern auch im Parlament, denn Belotti ist Abgeordneter der rechtslastigen Lega Nord. Seine Tränen vom März gingen um die Welt (sie »gingen viral« wie man heute sagt, was mittlerweile makaber wirkt). Belotti weinte im Parlament, und mit tränenerstickter Stimme stammelte er: »Wir verlieren unsere Großväter.« Anrührend, ja. Aber warum sprach er nur von Großvätern? Klar, ein typisch maskulin geprägter alter weißer Mann, dazu noch ein Rechter! Aber wo bleiben die Großmütter? Ich suche nach dem Original-Wortlaut, »viral« leicht zu finden, und lese: »Siamo perdendo i nostri nonni.« Wir verlieren unsere … ja, auch Großväter (»nonni« = Plural von nonno), aber auch Großmütter, denn »nonni«, sagt mein italienisches Wörterbuch, ist der feststehende Begriff für Großeltern. In deutschen Zeitungen als »Großväter« übersetzt, also diesen anzulasten, nicht Belotti.

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Nachtrag zu Ringo Starrs 80. Geburtstag. Der vierte Beatle aus Liverpool (der fünfte heißt nicht Pete Best, sondern Jürgen Klopp) ist, wie ich lese, Anhänger der Transzendentalen Meditation (TM). Meditation? Ich dachte zuerst, mich verlesen zu haben, aber Ringo ist ja clean, seine transzendentale Medikation war früher. Noch viel früher schrieb ich erstmals über Transzendentale Meditation (TM), als »Pardon«-Herausgeber Hans A. Nikel 1977 auf dem Titelblatt in heiligem Ernst verkündete: »Kein Witz – ich kann fliegen!« Nikel war esoterisch abgedriftet und fest davon überzeugt, dank TM im Sitzen mit gekreuzten Beinen abheben zu können. Womit wieder einmal bewiesen war, dass Satire nie und nimmer den Wahnsinn des wahren Lebens übertreffen kann. Danach gründeten die von Nikel genervten Satire-Größen um Robert Gernhardt ihre eigene »Pardon« namens »Titanic«.
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Ich würde zu gerne wissen, was Gernhardt oder vor allem auch Matthias Beltz zur deutschen Rassismus-Diskussion nebst Umbenennungs-Manie eingefallen wäre. Immerhin aber lese ich im Spiegel einen Satz, der mir gerne selbst eingefallen wäre: »Als würde Helene Fischer aus Protest gegen Überfischung auf ihren Nachnamen verzichten.« – Hut!
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Hut? Frankophile sagen Chapeau! Egal wie, jedenfalls: herrlich. Zu guter Letzt noch einmal mein Sprachkalender. Er stellt die Frage zum Tage, wie das olympische Maskottchen Japans heißt (Antwort: »Miraitowa«) und was das bedeutet. Auflösung: »mellon ke äoviotita« (Zukunft und Ewigkeit). Passt. Olympia ist um ein Jahr in die Zukunft verschoben worden … aber hoffentlich nicht bis in alle Ewigkeit. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)