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Sport-Stammtisch (vom 18. Juli)

Das ManCity-Urteil kommentiere ich erst gar nicht. Derartige Pflichtübungen überlasse ich den kritischen Geistern des deutschen Sportjournalismus. Ich hatte die Sache schon bei der Strafverkündung abgehakt. Beweissatz vom Februar: »Maximalstrafe für Manchester City. Minimierung nicht nur möglich, sondern gewiss.«
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Eine andere Wette, nicht öffentlich angeboten, sondern nur mit mir abgeschlossen, habe ich verloren. Ich war sicher, Corona würde die Fußball-Blase endlich platzen lassen. Aber der Fußball scheint selbst diesen Super-GAU geisterspielerisch zu überleben. Das »Weiter so« geriete nur in Gefahr, wenn zu den langfristigen Schäden der ersten eine zweite katastrophale Welle kommen sollte. Aber wollen wir das? Dann doch lieber das irre Milliardenspiel Fußball.
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Auch Manuel Neuers Gesang überlasse ich empörteren Gemütern. Singt in abendlicher Runde ein rechtskroatisches Lied mit, das er nicht versteht … also nee, empöre sich, wer will. Zum Dritten: Alexander Zwerev soll ein rotzlöffeliger und schwieriger Typ sein. Und wenn schon. Von der Sorte gab und gibt es im Tennis viele. Zum Beispiel Nick Kyrgios, unbestritten die aktuelle Nr. 1 auf der Rotzlöffel-Liste. Dass aber ausgerechnet Zwerev-Beschimpfer Kyrgios (Boris Becker: »die Ratte«) von den Zwerev-Kritikern als Kronzeuge benutzt wird, erinnert stark an eine andere Bestenliste. Die der »Sachbücher«. Dort steht Trumps Ex-Einflüsterer Bolton ganz oben mit einem Trump-Verriss. Ausgerechnet Bolton, ein – falls dies möglich ist – noch schlimmerer Typ als Trump. Bigotterie ist Trumpf.
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Bigotterie. In diesem Zusammenhang ist auch Andreas Kautz (Florstadt) sehr verunsichert. »Wie rassistisch ist ›Otto -– der Film‹?«, fragte seine Heimatzeitung (zugegeben: das sind wir), weil in dem 35 Jahre alten (!) Geblödel auch Tabu-Wörter für Dunkelhäutige vorkommen. »Ich war damals im Kino in Friedberg. Ich bin mir relativ sicher, dass ich gelacht habe. Was muss ich tun? Reicht eine Selbstanzeige? Der einzige, der mir jetzt noch helfen kann, ist gw.«
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Ich? Vielleicht mit einem Ablenkungsmanöver, hin zu dem im öffentlichen Ansehen vielleicht besten Menschen der Welt. Otto ist albern, aber kein Rassist. Albert Einstein war auch oft albern (die Zunge!), aber … welch ein Rassist! In einem Reisetagebuch beschrieb er Chinesen als »stumpf aussehende vernachlässigte Menschen«, als »merkwürdiges Herdenvolk, oft mehr Automaten als Menschen ähnelnd«, und er konnte nicht begreifen, »was für eine Art Reiz der Chinesinnen die zugehörigen Männer so fatal begeistert, dass sie sich gegen den Kindersegen so schlecht zu wehren vermögen«. – Rassismus pur mit Tönnies-Touch. Aber es geht ja nur um Chinesen, die haben zum Glück keine antirassistische Lobby, sonst müssten wir die Relativitätstheorie für ungültig erklären.
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Dass die ganze Chose langsam ins Lächerliche gezogen werden kann (was echte Rassisten schamlos ausnutzen), ist die fast schon historische Schuld der verbissenen Oberaufseher des korrekten Antirassismus. Daher mal ernsthaft. Wer, zum Beispiel, einen dunkelhäutigen Jungen mit »Haste mal en Mohrnkopp für mich« anmacht … ich weiß nicht, ob er ein Rassist ist, ich weiß nur, er ist, sorry, ein Arschloch.
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»Mohrnkopp« – für mich ein Sehnsuchtswort der Kindheit, nie assoziiert mit dunkelhäutigen Menschen. Ich werde in diesem Leben nicht mehr so weit kommen, beim Anblick eines »Mohrnkopps« spontan zu denken: O, ein Schaumgebäck! Aber ich werde »Mohrnkopp« nicht aussprechen, wenn ich befürchte, damit jemanden beleidigen oder gar kränken zu können (was viel schlimmer ist, denn auf Beleidigungen kann man reagieren). Das hat nichts mit Antirassismus und Rassismus zu tun, sondern mit Anstand und Arschlochsein.
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Angenehmeres Thema. Zum 80. Geburtstag von Ringo Starr hatte ich dessen Buch »Postcards from the Boys« erwähnt. Das hat Karin Scheunemann, bestens bekannte Sport-Lady aus Bad Nauheim, »mit Freude gelesen und gleich mein Buch, das ich von meinem Sohn Peter geschenkt bekam (vor etwa 15 Jahren) wieder mal angeschaut«. Vor 15 Jahren? Damals stellte ich auf unserer Bücherseite »Postcards from the Boys« vor, das in Deutschland ziemlich unbekannt geblieben ist. Kann es sein, dass Peter erst durch »gw« auf das Buch aufmerksam wurde? Ich fragte nach, und siehe da: »Es ist wirklich so. Peter hat den Tipp gelesen und seiner Mutter mit dem Buch eine Freude gemacht. Heute habe ich Peters Sohn Tristan (10) damit erfreut. Was es doch für Zufälle gibt und sich dann ein Kreis schließt.« – Ein schöneres Schlusswort gibt es nicht. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)