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Montagsthemen (vom 29. Juni)

»Täusche ich mich oder werden Sie immer kritischer gegenüber dem Sport im Allgemeinen und dem Fußball ganz besonders?«, fragt ein geschätzter Leser, leider nur »unter uns«, seinen Namen möchte er hier nicht lesen. – Antwort: Sie täuschen sich nicht.
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Allerdings gebe ich zu, dass der Neustart gelungen ist, entgegen aller (auch meiner) Unkerei. Wieder einmal trifft Jürgen Klopp den richtigen Ton: »Es ist natürlich nicht, wie es sein sollte. Aber es ist so gut, wie es sein kann.« Zumal er ein Profiteur der Bundesliga ist, ohne sie würde er jetzt nicht gefeiert wie sonst kein Deutscher in der Welt. Erst der Neustart gab den Startschuss in England und anderswo.
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Wie geht es weiter mit Klopp? Alles erreicht, da macht sich Leere breit. Was soll jetzt noch kommen können? Ich kenne das. Aber nur aus jugendlichen Träumereien, in denen ich Weltrekordler wurde. Selbst im Tagtraum taucht dann die bange Frage auf: Und nun? Wenn der Weg das Ziel ist, was bleibt am Ziel? Na ja, für Klopp der WM-Titel. Aber das hat noch viel Zeit.
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Es wäre der fünfte. Das Schnapszahl-Jubiläum des ersten (54/66) feiern wir in dieser Woche. Aber 60/60, welches Jubiläum ist das? Klar, Armin Hary, der Weltrekord, danach der Olympiasieg in Rom. Vor einer Woche schrieb ich über das Foto, auf dem Hary seine Sportschuhe in Händen hält – einen von Puma (beim Gold-Lauf getragen), einen von Adidas (bei der Siegerehrung). Auch Dr. Raymund Geis (Reiskirchen) war sofort aufgefallen: »Zwei Spikes mit unterschiedlichen Logos, ein Schelm, der Böses dabei denkt.« Unser Leser, zu seiner Zeit einer der besten deutschen Hochspringer, trug bei Wettkämpfen sogar Puma und Adidas gleichzeitig, am Sprungfuß Puma (der andere barfuß) »und für die anderen Disziplinen Adidas-Treter«.
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Anderes Thema. »Hass auf die Polizei. Warum Polizisten verachtet und angegriffen werden« (FAS gestern). Zuvor schon stand ein Satz auf dem Themenzettel für diese Kolumne, einer von zwei, die ich aus einem Welt-Interview notiert hatte, mit jungen Frauen, Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien, die soeben ihr Abitur bestanden haben. Mit Noten jenseits meiner eigenen abituriellen Vorstellungskraft (Mix aus 3 und 4 + Sport-1). Die beiden Sätze bekommen von mir eine 1 mit Sternchen. Was denken Sie, wenn Sie die Polizei sehen? – »Sicherheit. In Syrien mussten wir Angst haben, wenn wir sie gesehen haben.« (Hazar Abaza/20/2,5). Und: Haben Sie Angst vor der AfD? – »In einem demokratischen Land wie Deutschland nicht.« (Sedra Al Tarris/20/1,3).
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Die beiden sprachen noch vor drei, vier Jahren kein Wort deutsch. Sensationell. Rassismus ist nicht, wenn man Schmarotzer und Kriminelle Schmarotzer und Kriminelle nennt, sondern wenn man Menschen wie diese beiden Syrerinnen nicht als Zierde für unser Land respektiert und würdigt.
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Ebenfalls gelesen: »Das Karen-Problem« (SZ). Wie bitte? »Der Karen-Begriff hat sich in den USA für weiße, selbstgerecht-arrogante Frauen etabliert«. – Aus den USA schwappt vieles rüber und belästigt uns, vorneweg Trump-Twitterei, aber behaltet diesen Quatsch doch bitte bei euch! – Nee, falsche Adresse, liegt an uns. Bitte nicht importieren, also »gar nicht erst injorieren«, wie Adenauer sagte.
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Adenauer? Was’ndas? Aus der Mail jenes Lesers, der leider ungenannt bleiben will: »Viele Menschen denken nicht mehr in geschichtlichen Dimensionen, wissen nur noch wenig über die Vergangenheit (Bismarck? Ist das Mittelalter?, fragte mal eine Schülerin, die ein Referat anfertigen sollte im Fach Gesellschaftslehre), stellen sich womöglich vor, dass vor 1945 alles schwarzweiß war und verstehen Ironie überhaupt nicht« – Tja.
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Da fällt mir ein, was meine Frau gestern gefragt hat: »Weißt du eigentlich noch, dass du mal gesagt hast, auf deinem Grabstein solle nur ein Wort stehen?« – »Nee. Was denn?« – »Tja«
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Und sonst? Jugendliche haben durch Corona viel an Lebenszeit verloren, heißt es. Andererseits werden sie im Gegensatz zu uns im Schnitt 100 Jahre alt. Wie zerronnen, so gewonnen. Nutzt die Zusatz-Zeit. Nicht nur, um unsere Schulden abzubauen …
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Was ich noch zu sagen hätte, dauert keine Zigarette, wie bei Reinhard Mey, es ist sogar noch kürzer als bei Horst Hrubesch (»Ich sage nur ein Wort: vielen Dank!«), ist aber wirklich nur ein Wort:

Tja.                                                                                                         (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)