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Montagsthemen (vom 2. Juni)


Wir sind aus der Zeit gefallen und krabbeln langsam zurück, da sind dienstägliche Montagsthemen kein Widerspruch, sondern nach Ostern und Pfingsten vertraute Tradition, und die  Geisterspiele wirken fast schon alltäglich. Sogar die Dritte Liga geistert herum. Während die Erste  Pleiten verhindern will, spielen sie zwei Etagen tiefer das Lied vom eigenen Tod. Dieser Aufwand in der Drittklassigkeit – haben sie den Schuss nicht gehört?
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Haben Sie ihn gehört? Ja, klar. Bei Corona hört man jeden. Und wenn vor dem Stadion ein Motorrad vorbei röhrt, schwappt vor dem Fernseher der Kaffee aus der Tasse. Das Plopp, Plopp, Plopp, die einzelnen Rufe, das leere Stadion, die runtergedimmte Stimmung auf dem Platz (sehr angenehm übrigens), das alles wirkt kontemplativ, wie zwei Stunden Curling gucken bei Winterolympia.
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»Ich wage es fast gar nicht zu sagen, aber die Geisterspiele, die ich bisher gesehen habe, waren fußballerisch richtig gut«, merkt unser Leser Wolfgang Fertsch an, »die Spieler konzentrieren sich nur auf das Spiel, wenig Theatralik, flüssiges, erfolgsorientiertes Spiel. Toll. Es wäre so schön wenn etwas davon übrig bliebe.«
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Damit genug des Fußballs. Diesmal irrlichtert der Irrsinn anderswo. Pfingsten pfing, nein, Fingsten fing, nein, selbst die alten Kalauer versagen, wenn Pfingsten damit anfängt, dass mich eine Meldung vom Hocker haut: Malaika Mihambo geht nach Amerika und wird  von Carl Lewis trainiert. Eher hätte ich geglaubt, dass Angela Merkel ein Praktikum bei Donald Trump macht.
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Mihambo also wie Klosterhalfen. Mit Carl Lewis statt Alberto Salazar (bzw. dessen Statthalter beim Nike Oregon Projekt). Merkwürdig, dass sogar der  kritische Spiegel  ironiefrei schwärmt: »Einen besseren Lehrmeister kann Malaika Mihambo nicht finden.« – Info für euch, liebe Kinder unter 50: Carl Lewis ist ein Olympia-Held, Ben Johnson ein jämmerlicher Verlierer. So steht es jedenfalls in den olympischen Annalen. Seit Seoul 1988. Damals wurde Johnson wegen Dopings disqualifiziert und Lewis nachträglich zum Olympiasieger erklärt. Er hätte aber gar nicht erst teilnehmen dürfen, weil er zuvor drei Mal (!) positiv getestet worden war. Das wurde so viele Jahre lang vertuscht, bis es niemanden mehr so richtig interessierte. Wenn zwei das Gleiche tun …
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Richard Pound, Vorsitzender der Welt-Anti-Doping-Agentur, kündigte wegen der Vertuschungen des US-NOK damals an, wenn die Amerikaner so weitermachten, »fliegen sie raus,  könnten nicht mehr an den Spielen teilnehmen«. Sie sind rausgeflogen. Die Russen. Wenn zwei das Gleiche tun …
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Olympia. Kluge Köpfe liefern sich akademische Debatten über das Reichssportfeld auf dem Berliner Olympiagelände von 1936. Soll die Nazi-Architektur dort weggesprengt werden? Gegenfrage: Wieso denn? Besser, den nazistischen Kitsch demonstrativ verrotten zu lassen. Schon vor vielen Jahren, wenn ich dort zu Training oder Wettkampf ging, beachtete niemand die grauen, gräulichen Skulpturen, diese Ruinen des Wahnsinns. Selbst Neonazis scheinen sich  zu schämen, jedenfalls habe ich noch nicht gehört, dass das Reichssportfeld eine ihrer Gedenkstätten sei. Andere Nazi-Hinterlassenschaften sollte man »wegsprengen«: Olympische Hymne,  Fackellauf und ähnliches Brimborium, ersonnen vom Propagandaministerium für die Spiele 1936 – und wir halten diese Nazi-Rituale bis zum heutigen Tag in hohen Ehren.
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Apropos Ruinen. Nach 1936 gab es erst 1948 wieder Olympische Spiele. Wie es der Zufall will, lese ich gerade die Autobiographie (»Ein anderes Leben«) des schwedischen Schriftstellers Per-Olov Enquist, der vor zwei Wochen im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Über den jungen Olov notiert er: »Im Frühjahr 1948, kurz vor den Ruinenspielen, also den Olympischen Spielen in London, wo die schwedischen Recken im Kampf gegen die vielleicht kriegsmüden Mitbewerber so viele Goldmedaillen erobern konnten, schafft er es zum ersten mal, zu ona…« … zu onan … o nein, nicht in unserer braven Familienzeitung!
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Und sonst? Facebook erinnert mich: »Lass Brian Oldfield wissen, dass du an seinem heutigen Geburtstag an ihn denkst.« Schwierig. Oldfield, einer besten Kugelstoßer aller Zeiten, ist seit drei Jahren tot. Facebook, Fakebook.
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Zu guter Letzt: Dr. Martin Jeckel (Bad Nauheim) kurz und juxend zum »Sport-Stammtisch« vom Samstag: »Anglizismen und ›Putin für Arme‹ … you made my day!«  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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