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Sport-Stammtisch (vom 30. Mai)

Er wirkt merkwürdig fehl am (Borsig-)Platz, ein Dr. Seltsam des Fußballs, Meister seines Fachs, ehrenwerter Mann, Zauderer, Übersichselbststolperer,  schräger Interviewpartner, dessen Sprachkenntnisse seinen Gedanken hinterher hinken, Bessermacher aller seiner bisherigen Mannschaften, sie aber unvollendet hinterlassend, ein angenehmes Gegenprojekt in einer Branche, die kurze Gedankenwege bevorzugt und scheinschlau schnoddrige Sprüche à la Sky-Fuss liebt, und vor allem ist er, Lucien Favre, kein Klopp, den sie in Dortmund seit Klopp immer wieder vergeblich suchen.
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Wobei sie vergessen, dass in Dortmund seit den guten Klopp-Zeiten (es folgten auch schlechte, bis zum Beinahe-Abstieg) jährlich das Murmeltier grüßt. Denn in der Crunchtime – nein, nicht dieses Wort (dazu später mehr), also dann, wenn es Spitz auf Knopf steht und um alles geht … gewinnt der FC Bayern, und der BVB bleibt eine unvollendete Verheißung, egal, welcher Trainer an selige Klopp-Double-Zeiten hatte anknüpfen sollen. Warum das so ist? Das müssen Sie Berufenere fragen, die Lotharmatthäusse, die wissen Bescheid (Loddar hat Favre schon verabschiedet und den Nachfolger begrüßt: »Ich freue mich auf Kovac«). Ich weiß nur, was jeder weiß: Bayern wird Meister. Wieder einmal und vollkommen verdient. Und unser aller Eintracht? Die Relegation droht, da machen wir’s kurz und knapp und mit der bewährten »Anstoß«-Warnung: Wer panikt, steigt ab.
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Schluss mit Fußball. Der beweist ja auch nur, dass »mein« Sport ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist. Ich klage auch nicht mehr über die Ware Sport, die nicht der wahre Sport ist, sondern toleriere, also erdulde die Ware Sport als den wahren Sport des 21. Jahrhunderts. Der heißt Fußball, nichts als Fußball. Wie isses bloß möglich, dass in Zeiten wie diesen nur der extreme Kontaktsport Fußball gespielt wird, obwohl fast jeder andere Draußensport bei ähnlichen Vorsichtsmaßnahmen sehr viel weniger Risiko böte, wobei man nicht einmal »Geistersport« anbieten müsste, denn zu den meisten olympischen Sportarten kommen außerhalb Olympias weniger Zuschauer als die zugelassenen 300 Anwesenden bei den »Geisterspielen«.
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Dass echtes Tolerieren vor allem Erdulden beinhaltet, wie kürzlich hier behauptet, übernimmt Reinhard Ewald aus Gießen augenzwinkernd als Schlusssatz in einem kritischen Leserbrief: »Ich gehe davon aus, dass Sie meine Meinung erdulden« – Nein! Ich erdulde sie nicht, ich teile sie. Darum: Als ich die Kolumne für letzten Samstag zur Korrektur nachlas, störte mich etwas. Nur was? Ich kam nicht darauf, Fehler fand ich keinen. Na denn, ab in den Druck. Damit zur Lesermail (wie viele andere ebenfalls sehr bemerkenswerte nachzulesen in der Mailbox von »Sport, Gott & die Welt«): »Der Kicker Bashing, wahrscheinlich ein chinesischer Fußballer? Natürlich habe ich es verstanden. Mir geht es um den meiner Meinung nach fast krank- und krampfhaften Gebrauch von englischen Worten in einem deutschen Satz oder Text.« – Mir doch auch! Dennoch schreibe ich zwar über die schönen deutschen Worte »Schindluder« und »Schnösel«, lasse aber »Bashing« folgen, ohne zu wissen, was das Wort im Englischen exakt bedeutet (bash = heftiger Schlag). Reinhard Ewald, studierter Anglist, schlägt statt »Kicker-Bashing« das »Schlechtmachen oder Verunglimpfen (ein herrliches Wort?!)« vor. – Dankeschön!
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Wer unnötige Anglizismen benutzt, treibt schnöselig Schindluder mit der deutschen Sprache und verunglimpft sie. Einst wollte ich den Dunking in »Stopfer« eindeutschen – aber die Basketballer kümmerten sich nicht darum und »dunkten« munter weiter. Es gäbe aber in Einzelfällen auch gute Gründe für die Übernahme von Anglizismen. Zum Beispiel das Abseits, englisch »offside«. Für »onside« gibt es keine Übersetzung, nur das mühsame »nicht im Abseits«. Gänzlich abseitig wird es, wenn wir die Internationalen Französischen Tennismeisterschaften nicht eindeutschen, nicht einmal original französisch belassen, sondern zu French Open verenglischen
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Zu schlechter Letzt: Ich muss leider feststellen, dass der alte, fiese Männerwitz (»Warum haben wir keine Cellulitis? – Weil es bescheuert aussieht«) auch sachlich daneben liegt. Ich jedenfalls habe Cellulitis. Man könnte es auch Broileritis nennen (das ist kein Anglizismus, fragen sie DDR-Geborene). Wie unappetitlich es aussieht, wenn jemand keine Hähnchenhaut mag, sie abzuppelt und auf ein Häufchen am Tellerrand drapiert! Bräunlich-gelbliche Haut, labberig, mit kleinen, runden Dellen. So sieht es auch an der Innenseite meiner Ellbogen aus. Aber wer hat Arme, wie aus dem Ei gepellt? Unser Altbundeskanzler. Gerhard Schröder postet ein Foto auf Instagram, brutzelnd am Herd stehend, über der Gürtellinie nur mit einer ärmellosen Kunststoff-Weste bekleidet. Sieht zwar bescheuert aus, aber die Arme, älter als meine, sind makellos glatt. Wie macht der das bloß?
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Nur kein’ Neid, liebe Alterskohorte. Lassen wir Schröder den Putin für Arme (hach, doppeldeutig) spielen, er hat’s wohl nötig. Wir nicht. Hauptsache: Hurra, wir leben noch. Im Gegensatz zu all den Broilern, deren labberige Haut Tellerränder verunziert.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)