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Montagthemen (vom 25. Mai)

Ein Bild für die Fußball-Götter: Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer im Münchner Stadion, nebeneinander sitzend, aber auf Abstand bedacht, mit Bayern-Mundschutz. Wie die Auftragsarbeit eines Installationskünstlers zum »Sport-Stammtisch« vom Samstag mit den Dreyfus-Millionen für Hoeneß und Beckenbauer. Thema: Masken des Schweigens.
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»Installation, dreidimensionales Kunstwerk, meist aus verschiedenen Materialien und größer als eine Skulptur.« (Wikipedia). Bekannteste Installationskünstler: Marina Abramovic, Joseph Beuys, Christo,  Damien Hirst usw. Kommentar des Banausen: Ein guter Installateur wär mir lieber.
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Noch eine Installation, kein eher kleines Stillleben à la Masken des Schweigens, sondern ein Mammut-Werk im Sinne von Christo. Mehr als 12 000 Zuschauer in Mönchengladbach, aus Pappe, also Attrappe. Darauf konnten sich Gladbach-Fans mit ihrem Foto verewigen, für 19 Euro. Ja, verewigen, denn diese Bilder bleiben ewig in den Archiven und werden noch in hundert Jahren, wenn es dann noch Fußball gibt, Rückblicke auf historische Zeiten begleiten. Um ja keinen Kalauer auszulassen: auch zu bekleiden.
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In Mönchengladbach bekommt die Installation sogar eine surrealistische Variante, denn auch Gladbacher Spieler zieren die Pappkameraden, sahen sich also selbst  zu. Ob das die Zukunft des Fußballs nach Platzen der Blase ist? Nur noch sich selbst beim Fußballspielen zusehen?
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Ähnliches wie Mönchengladbach hatte auch der FC Seoul im Sinn, setzte aber Sexpuppen auf die Tribüne. Angeblich ein Irrtum, trotz eindeutiger geschlechtlicher  Identifikation. Nach Sexismus-Beschwerden von Südkoreanerinnen erhielt der Klub eine Geldstrafe von rund 74 000 Euro. Diese Installation ging in die Hose.
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Südkorea. Vom Installations-Sexismus zum Rassismus in Corona-Zeiten, es wird also ernsthaft. Ein südkoreanisches Paar wurde in der Berliner U-Bahn belästigt und angegriffen, mit eindeutigem Bezug auf die Herkunft, also Asien, also Corona, ist ja klar. Anlass und Tat, beides brunzdumm, sollen hier keine Rolle spielen, sondern eine spezielle Logik, man könnte sie Trump-Logik nennen: Dummdreist den Spieß einfach umdrehen. Die Südkoreaner zeigten die Angreifer an, die schlugen mit einer Gegenanzeige zurück, weil sie als Rassisten bezeichnet worden seien.
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Was mich an Owen Hart erinnert. 1998 stürzte er, ein Star der Wrestling-Szene, in einem grellbunten Vogel-Kostüm von einer 30 Meter hohen Stahlkonstruktion in den Ring. Der Karabinerhaken des Seils an seinem Gürtel hatte sich gelöst. Hart war sofort tot. Seine Witwe verklagte den Wrestling-Verband, der schlug mit einer Gegenklage zurück – weil, wie die Witwe jetzt berichtet, der tote Owen Hart seine weiteren Verpflichtungen nicht einhalten konnte. Das verfing in Vor-Trump-Zeiten aber nicht, die Witwe bekam Millionen–Schadenersatz.
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Zurück zum Anlass: Frenetischer Jubel erfüllte die Arena, während Harts Leiche im federgeschmückten Strampelanzug weggeschafft wurde. Das Publikum glaubte, der Sturz sei Teil der Show. Owens Bruder, Bret »Hitman« Hart, selbst Star-Wrestler, sagte später: »Ich bin mir sicher, dass er zehn Meter vor dem Aufprall dachte: Hier falle ich, in diesem blödsinnigen Outfit, vor all diesen Leuten, die sich einen Scheiß um mich scheren, und das war es dann.«
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Vom Wrestling zum Frauenboxen ist es nicht weit … doch! Denn mittlerweile ist es emanzipatorisch geschützt vor übler männlicher Nachrede. Vor einem Vierteljahrhundert »erkämpfte die Theologie-Studentin Ulrike Heitmüller Frauen das Recht auf Boxen«, diesem schönen Jubiläum widmete die FAZ am Samstag eine ganze Seite, schließend mit einem Zitat der Box-Pionierin, sie habe noch nie erlebt, dass ein toleranter Mensch gegen das Frauenboxen sei.
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Was ist Toleranz? Ich bin gegen das Frauenboxen, toleriere es aber. Im lateinischen Wortsinn, der nicht »toll finden« bedeutet, sondern »ertragen«. Toleranz ist das Erdulden anderer Meinungen, sie nur für die eigene zu fordern, ist nicht Toleranz, sondern Larmoyanz. – Das ist zwar ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht allzu viel zu tun, ist aber aktueller denn je.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
Mail: gw@anstoss-gw.de)