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Sport-Stammtisch (vom 23. Mai)

Dass der Profi-Fußball heute eine Schweigeminute für die Corona-Opfer in aller Welt einlegt, beweist wieder einmal, in welcher Blase er lebt, weit weg und abgehoben vom wahren Leben. Denn das Gedenken kommt zu spät und ist nur eine beflissene Reaktion auf Kritik. Die Schweigeminute wäre schon beim Re-Start fällig gewesen, aus eigenem Antrieb, Empathie und aus Schuldbewusstsein für unverdiente Privilegien des eigenen Standes. So aber wirkt der Fußball wie ein verzogenes Kind, das widerwillig einer Anordnung folgt, weil ihm Zuwiderhandlung Nachteile brächte.
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Auch der Fußball profitiert von der segensreichen Erfindung des Kurzarbeitergeldes, einer »Erstattungsleistung« aus der Arbeitslosenversicherung, also einer solidarischen Gemeinschaftshilfe. Dass damit auch Schindluder getrieben wird, liegt in der Natur der Sache beziehungsweise des Menschen, nicht nur in seiner Erscheinungsform als Fußballer. Gewundert habe ich mich aber, als in den Meldungen vom Effenberg-Aus beim Drittligisten Uerdingen der bemerkenswert beiläufige, weithin unkommentierte Nebensatz auftauchte, »Effenberg gehörte zu den Mitarbeitern in Kurzarbeit«. Zwar sind sechs Monate als Manager in der Tat nur eine kurze Arbeitszeit (Effenbergs »Erfolge« nach der Karriere stehen sowieso auf einem anderen Blatt), aber eine solidarische »Erstattungsleistung« für einen mehrfachen Millionär, der »Effe« ja wohl (noch) ist, kann nicht im Sinne der Erfinder sein. Da ich an das Gute im Menschen glauben will, hoffe ich, dass Effenberg gekündigt hat, um nicht weiter die Arbeitslosenversicherung zu belasten. Das wäre vorbildlich. Womit ich Effenbergs Vermutung widerlege, es werde wohl nie so sein, »dass man einmal positiv über mich spricht«. Doch, ich! Wenn auch nur in im Konjunktiv. Seiner Selbsteinschätzung widerspreche ich aber nicht: »Ich trage auch einen Teil der Schuld daran, wenn die Leute behaupten, was ist der Effenberg für ein Schnösel«.
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Schindluder und Schnösel, zwei schöne deutsche Wörter, die ich benutzt habe, ohne ihre Herkunft zu kennen. Dem kann heutzutage schnell abgeholfen werden, Google und Wikipedia sei Dank: »Schindluder ist eine veraltete Bezeichnung für alte oder kranke Haustiere, die ihr Gnadenbrot nicht mehr erhalten und stattdessen zum Schinder (Abdecker) gebracht werden.« Und »Schnösel« kommt von »Schnodder, schnäuzen im Sinne von Rotznase, ein (junger) arroganter Mensch, ein dummfrecher Bursche, eingebildet und eitel, dabei aber übersättigt und gleichgültig«. Wer spottet, das Wort aus dem 19. Jahrhundert sei passgenau für unsere Fußball-Profis, ist nicht auf der Höhe der Corona-Zeit – »Rotznasen« sind verboten. Wer rotzt, fliegt.
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»Zeidlers wunderbare Welt des Fußballs« hat wenig mit der von Arnd Zeigler zu tun, besitzt zwar deren Biss, aber ihr ist der Humor vergangen: »Ich kann den Start der Bundesliga in keinster Weise gutheißen und hoffe, dass noch mehr Menschen so denken und diesem wahnsinnigen System den Rücken zukehren. Die Millionäre der Bundesliga befinden sich eh schon seit Jahren in einer sich immer stärker abdriftenden Parallelwelt.« Rumms! Worte des Ruder-Weltmeisters Oliver Zeidler, aktuell mehrheitsfähiger denn je.
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Mir ist das Kicker-Bashing allerdings (ich bitte um Verzeihung, dass ein überstrapaziertes Wort folgt) zu populistisch. Bei Zeidlers Abneigung gegen Fußball mag der Opa eine genetische Rolle spielen, Johann Färber aus dem legendären Bullen-Vierer von 1972. Zwei, drei Jahre vor dessen Olympiasieg spielten wir mit seinem Wetzlarer Ruderklub zusammen Fußball gegen den Nachbarverein in Weilburg, und der spätere Super-Ruderer Johann entpuppte sich als das größte Anti-Talent, das ich jemals kicken sah. Nicht so der Enkel, der war auch ein prima Basketballer (und ein Spitzenschwimmer). Falls Genetik, dann also sehr selektiv.
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Selektiv auch die Wahrnehmung beim FC Bayern, wer Freund und Feind ist. Kurzfristig gehörte DFB-Präsident Fritz Keller zu den Feinden, weil er vor Arroganz im Profifußball gewarnt hatte. Was Karl-Heinz Rummenigge – warum bloß? – als Angriff auf die Bayern verstand und zurück fauchte, Keller solle sich um den DFB kümmern, da gebe es genug zu tun. Mittlerweile haben sich die beiden ausgesprochen, sind wieder beste Freunde. Ist ja auch vernünftig, denn rührst du meine Leiche im Keller nicht an, lasse ich auch deine in Frieden ruhen. Wie beim DFB das »Sommermärchen« (auch dank Schweizer Mithilfe, besten Dank) oder bei den Bayern die 20 Millionen Mark, die Freund und Adidas-Boss Dreyfus einst Uli Hoeneß aufs Zockerkonto überwiesen hatte, zufällig genau in dem Jahr, in dem Adidas den Bayern-Deal gegen Nike gewann. Ein Schelm, ein Schnösel, wer Böses dabei denkt und heute noch Schindluder damit treibt. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«
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