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Mittwoch, 6. November, 17.15 Uhr

„Beim Lesen in den alten Ausgaben für unsere Stadtchronik bin ich auf diesen 70 Jahre alten Artikel über Fußball und Geld gestoßen, der für Dich vielleicht interessant sein könnte“, mailt Karen Werner, die sehr geschätzte Ex-Kollegin aus der Stadtredaktion (nicht sie,  ich bin „Ex-„). Ich schaue mir die gemailte Seite vom 10. November 1949 an – und schon läuft die Erinnerungsmaschine an. Der Text steht vierspaltig unten auf der Seite, unter dem Kolumnen-Titel „Im Scheinwerfer“, und der Autor heißt William Reinert. Nie ist mir der Autor persönlich begegnet, aber sein Name ist mir ein Begriff, seit ihn mir unser Chef-Textmetteur Köhler eingetrichtert hat. Denn als ich, kühn, stolz und aufgeregt, im Jahr 1979 die erste Ausgabe des „Sport-Stammtischs“ in der Textmettage zusammen mit ihm auf die Umbruchseite stellte, sagte er (sinngemäß) gönnerhaft: Ja, ja, ganz nett, aber alles schon mal dagewesen. Der Scheinwerfer vom William Reinert. Das waren noch Zeiten! Und der William, ein Ass sag ich Ihnen. Und er ließ durchklingen: So einen wie Reinert gibt es nie wieder, so gut wie er werdet ihr doch nie.

Den Beruf des Textmetteurs und die Textmettage gibt es schon lange nicht mehr. Der Textmetteur stellte die in Blei gesetzten Artikel auf die Seiten-Schablone (den Fachausdruck dafür habe ich vergessen), in affenartiger Geschwindigkeit mit den Bleisatzzeilen hantierend, „Durchschuss“ (Leerzeilen) oder, wenn zu viel Lücke war, Scheinanzeigen einsetzend („Füttert die hungernden Vögel“), den Redakteur, bei Textüberhang, scheinheilig nach Kürzungen fragend, diese aber schon nach eigenem Gusto ausgeführt habend, wenn dieser (oder ich) noch hektisch auf dem Fahnenauszug herumsuchte. Der Metteur hackte und presste und schleifte die Zeilen, und wir (jedenfalls ich) schauten hilflos zu, ihm gegenüber stehend, nicht lesen könnend, was auf der (für uns) auf den Kopf gestellter Spiegelschrift zu lesen war. Für mich, der schon als kleiner Junge alles „‚leine machen“ wollte, eine tägliche Demütigung. Wie heilfroh und sogar glücklich ich war, als im Zuge der Entwicklung alle diese Vorarbeiten entfielen und ich endlich wirklich alles „leine machen“ konnte! Als Schreiber, Redakteur, (vor allem für mich selbst) verantwortlicher Chef, Maschinensetzer, Metteur usw. in Personalunion, völlig unabhängig  auf dem Bildschirm meine Seiten zusammenstellend, die bis aufs Iota so wie der kleine gw sie schuf anderntags in der Zeitung standen. Die Konsequenzen für Berufe wie Maschinensetzer, Textmetteure, TexterfasserInnen (das Binnen-I ist hier sachlich berechtigt) usw. waren mir zwar klar, sie taten mir auch leid, aber ich sah damit das Nonplusultra des Zeitungsherstellens erreicht. Na ja, mittlerweile geht’s mit der ganzen Branche bergab, und Redakteure wie ich einer war sind seit einiger Zeit auf dem Weg aller Köhlers …

William Reinert ging später nach Stuttgart und wurde mächtiger Pressechef von Mercedes. Dass er ein Ass war (Köhler hatte nicht nur damit recht), dass auch im Fußball auf seine zeitgemäße Art alles  schon mal dagewesen ist, zeigt auch der „Scheinwerfer“ vom 10.November 1949

Im großen Fußball ereignete sich
in den letzten Wochen so viel, daß
es sich lohnt, den Scheinwerfer
darauf zu richten. Entführungen,
Spielerziehung, Wildspielen und
vieles andere mehr waren an der
Tagesordnung. Alle Vorfälle aber
beweisen die Richtigkeit meiner
Behauptung, daß in der Zeit des
Vertragsspielertums von Ordnung
und schon gar nicht von Idealismus
die Rede sein kann.
Bemerken möchte ich noch, daß
alle diese Geschichten wahr sind
und weder aus einem Filmstoff
noch aus einem Karl-May-Roman
entnommen wurden, obwohl man
es fast annehmen könnte.
Zuerst also der »Fall Dragomir
Ilic«. Der katzengewandte jugoslawische
Torwart von Werder Bremen
verschwand aus Bremen,
spielte kurz darauf beim 1. FC
Saarbrücken gegen Racing Paris,
erhielt von den Franzosen sieben
Millionen Francs angeboten, verschwand abermals und stand acht
Tage später wieder im Tor von
Werder Bremen.
Der Grund der Abreise von Ilic
nach Saarbrücken war ein Brief
von Ossi Müller, dem Manager und
Trainer des 1. FC, in dem es heißt:
..Die Profigehälter sind bei uns
horrend: Monatsgehalt durchschnittlich
20 000 Francs, Siegerprämien
5000-10 000 Francs. Deshalb wagen
Sie den Sprung zu mir und Sie
werden sehen, daß es das Glück
Ihres Lebens war. Sie brauchen
nicht für ein Trinkgeld in Deutschland
Fußball zu spielen.« Ossi Müller
bestritt dieses Angebot, das er
Ilic gemacht hatte keinesfalls und
meinte, daß ihm ein solcher Vorschlag
als Manager eines Profiklubs
von niemand verwehrt werden
kann. Er führte iedoch in den
Unterlagen, die er der Internationalen
Sportkorrespondenz zur Verfügung
stellte, einen Brief von
Ilic an, in dem der Torwart u. a.
schreibt: »Es ist für mich sehr
schwer, von hier wegzukommen.
Man begleitet mich auf Schritt und
Tritt. Bitte, machen Sie Vorschläge,
wie ich von hier wegkommen
kann.«

Ossi Müller wußte sich zu helfen
und schrieb an Ilic: »Ich komme
mit dem Auto zum Spiel von Werder
Bremen nach Süddeutschland
Ich nehme eine Dame von der jugoslawischen
Gesandtschaft und
meinen Präsidenten mit. Diese
Frau wird nach dem Spiel zu Ihnen
kommen, wenn Sie aus der Kabine
treten und wird Sie ansprechen.
Dann gehen Sie langsam mit
der Dame fort. Sie führt Sie zu
unserem Auto, und wir fahren
dann nach Saarbrücken.« Ilic und
sein ihn begleitender Onkel hielten
aber von dem Vorschlag nicht
viel und baten um eine Fahrkarte
Bremen—Bingen, wo Müller die
beiden in Empfang nahm und nach
Saarbrücken brachte.

Der 1. FCS hatte aber die Rechnung
ohne Werder Bremen gemacht
Die Bremer unternahmen
alles, um ihren Torwart zurückzuholen,
und es gelang auch. Ilic
hatte aber in der Zwischenzeit in
Saarbrücken einen Vertrag unterschrieben,
und zwar nicht, wie er
behauptete, einen Vertrag in französischer
Sprache, dessen Inhalt
er nicht verstand, sondern
einen zweisprachigen Profivertrag
(deutsch-französisch), dessen Paragraphen
ihm von seinem Onkel
auf Serbisch übersetzt wurden.
Außerdem hatte er vom 1. FCS
100 000 Francs erhalten, für die er
sich eine Unmenge Wäsche und
Garderobe kaufte. Ohne diesen
Betrag zurückzugeben, verschwand
Ilic wieder aus dem Saarland. Er
spielt nun wie vordem bei Werder
Bremen zur Freude der Bremer
und zum Leid seines Onkels, der
wegen der beabsichtigten gemeinsamen
Uebersiedlung nach Saarbrücken
seinen Posten aufgab und
nun arbeitslos ist. Voll Erbitterung
meint er: »Mit Dragam will ich
nichts mehr zu tun haben. ich
werde noch mit ihm abrechnen.«
Soweit also der Fall Ilic, und nun
zu einer Begebenheit, die die Gemüter
in der vergangenen Woche
in Süddeutschland erhitzte: Das
Gastspiel von de la Vigne in Straßburg.
Der ausgezeichnete Stürmer
des VfR Mannheim fuhr nach dem
Punktespiel des VfR gegen die
Stuttgarter Kickers mit einer kurzbefristeten
Aufenthaltsgenehmigung
nach Frankreich und dort — wie er
Freunden gegenüber äußerte —
»die Lage zu peilen«. Bereits am
Dienstag stand de la Vigne in der
Mannschaft von Racing Straßburg,
die gegen Lokomotive Zagreb
spielte und ein 1:1 erreichte. Die
französische Snorteeitung »L‘
Equipe« schrieb: ‚Racing Straßburg
machte bei dem Spiel gegen Jugoslawien
einen Versuch mit dem
tschechischen Spieler der la Vigne,
der gegenwärtig in Mannheim
spielt, wo er zu den brillantesten
Akteuren gehört. Auch ohne das
volle Maß seines Könnens zu demonstrieren,
hinterließ de la Vigne
den besten Eindruck. Er ist gewandt,
äußerst umsichtig, und versteht
es vortrefflich, seine Bälle zu
verteidigen. Es besteht kein Zweifel,
daß die Manager von Racing
Straßburg es dahin bringen werden,
de la Vigne zu verpflichten.«
Interessant ist, daß de la Vigne
unter einem anderen Namen und
zwar als Adamowski spielte und
dem Publikum als Tscheche vorgestellt
wurde. Die schönste Pointe,
die im Fall de la Vigne aufgesetzt
werden konnte, ist aber, daß der
VfR Mannheim dem DFB mitgeteilt
hatte, daß de la Vigne am
Duisburger Lehrgang des Bundestrainers
Herberger nicht teilnehmen
könnte, da er sich wegen einer
Knöchelverletzung schonen müsse.
Wenn der Bericht von L’Equipe
stimmt, hat aber de la Vigne von
seiner Knöchelverletzung im Spiel
gegen Lokomotive nichts gemerkt.
Auch am vergangenen Sonntag, wo
er wieder frech-fröhlich – am Punktespiel
des VfR gegen Waldhof teilnahm, war ales in bester Ordnung.

 Einen Haken hat aber die Geschichte,
und zwar könnte man de la
Vigne jetzt rechtlich belangen. Aus
einer dpa-Meldung geht
hervor, daß die Süddeutsche
Fußball-Oberliga wie der Deutsche
Fußballbund beim Badischen Fußballverband
die Einleitung eines
Verfahrens gegen de la Vigne wegen
Wildspielens beantragte.
Es scheint aber, als wäre die
ganze Sache noch nicht zu Ende.
In Straßburg rechnet man nämlich
sicher damit, daß sich der jetzt 29-
jährige Spieler bis zum 20. November
endgültig für Racing entschieden
hat.

Zum Schluß will ich noch von einem
seltenen Rekord erzählen.
Willy Petrauschke hat in kurzer
Zeit bei sieben Vereinen nachdem
er Südring Berlin verlassen hatte,

»Gastspiele« gegeben. Schwaben
Augsburg, Ulm 46, Bergisch-Gladbach,
Mainz 05, Sparta Nordhorn
und Concordia Hamburg waren
seine Etappenspiele. Wenn man
nun hört, daß sein Abschied von
den einzelnen Vereinen durchweg
mit unerfüllten Verpflichtungen
verbunden war, möchte man doch
glauben, daß es endlich Zeit ist, sich
mit Petrauschke näher zu befassen.

Es scheint mir überhaupt so, als
wäre es höchste Zeit, daß man diesem
Treiben, das unseren Fußballsport
so in Mißkredit bringt, rasch
ein Ende setzt. Und ich muß Ernst
Werner zustimmen, der im „Frankfurter
Neuen Sport« verlangt, daß
die Oberliga sich dieser Fälle annimmt,
nachdem doch einer da sein
muß, der für Ordnung sorgt, sonst
macht bald jeder, was er will.
Den Satz, den Ossi Müller an
ihn schrieb: »Sie brauchen nicht
für ein Trinkgeld in Deutchland
zu spielen«, sollte allen Verantwortlichen
zu denken geben.

 

„Wildspielen“ – hübsches Wort. Irgendwie fast ein Synonym für Wildpinkeln.

Die Fehler in der Übertragung des alten Textes gehen übrigens alle auf mein Konto. Es gibt keine Metteure & Co. mehr, die Redakteursfehler korrigieren oder auf die wir die übrig gebliebenen Fehler schieben könnten …