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Sport-Stammtisch (vom 19. Oktober)

Drei Jungs, aufgewachsen in Deutschland. Gute Freunde. Geeint durch Herkunft (türkische Wurzeln) und Verein (Can/Tosun/Eintracht) beziehungsweise Wohngemeinschaft (Gündogan/Tosun). Zwei spielen für Deutschland, einer für die Türkei. Der Türke schießt ein wichtiges Tor, postet ein Foto. Er und seine Mitspieler salutieren. Die Geste »bereichert« seit einiger Zeit andere abstoßende Tor»jubel«-Inszenierungen. Aber natürlich »liken« seine beiden deutschen Freunde das Bild, ist ja klar, macht man so bei einem guten Kumpel. Da denkt man nicht groß nach, ein Klick, weg das Ding. Tausendmal die Taste berührt, tausendmal ist nichts passiert.
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Doch diesmal hat die Geste über das Abstoßende hinaus einen aktuellen Anlass. Die beiden Freunde mögen das nicht gewusst haben, zumindest die Tragweite nicht erkannt, obwohl beide intelligente, reflektierende und vorbildlich integrierte Jungs sind. Als sie merken, was ihr Klick anrichtet, löschen sie ihn schnell – doch die Gesinnungspolizei war schneller.
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Ein Düsseldorfer hat mitsalutiert und wird abgemahnt. Ein Hamburger auch, doch dort, bei einem besonders bunten, toleranten Klub, belässt man es nicht bei einer Abmahnung, der Bösewicht wird sofort gefeuert. Toleranz nur für Gleichgesinnte! In Zukunft ist jeder türkischstämmige Fußballer in Deutschland, ob er will oder nicht, ein politischer Überzeugungstäter. Ein böser, der salutiert, ein guter, der es unterlässt, auch wenn er es einfach nur, siehe oben, für peinlichen Quatsch hält.
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Gesinnungspolizei? Tugendterror? Man kann seine Meinung nicht mehr frei äußern? Davon sind drei Viertel der Deutschen überzeugt, wenn man übereinstimmenden Umfrageergebnissen (Allensbach, Infratest, Shell-Jugendstudie) glaubt. Keine Meinungsfreiheit? Natürlich Quatsch, »aber man hat mit sozialen Folgekosten zu rechnen« (Politikwissenschaftler Werner Patzeld/CDU). Denn »die eigene Gesinnung ist die einzig richtige, wahre und gute. Politisch-mediale Auseinandersetzung driftet dann ab in Gesinnungserkundungswirtschaft« (der Schweizer Philosoph Prof. Andreas Urs Sommer in der NZZ). Der Schriftsteller Bernhard Schlink folgert in der FAZ: »Die Engführung des Mainstreams, die Kommunikationslosigkeit zwischen ihm und den Rechten, hat die Rechten und die AfD nicht schwächer gemacht, sondern stärker.«
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Guter Junge, böser Junge – in den USA ist LeBron James, bester Basketballer der Welt, groß genug, um beides abzudecken. Erst schimpfte er auf Trump (wegen allem/Bravo!), jetzt kritisiert er einen NBA-Manager (wegen eines chinakritischen Tweets/Pfui!).
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Ach ja, die USA. Mutter der »Propaganda«. So heißt ein neuer Roman von Steffen Kopetzky. Sein Protagonist war im 1. Weltkrieg beim »Department for Psychological Warfare. Psychologische Kriegsführung. Alle anderen nannten uns Propaganda.« Kaum das Buch gelesen, stoße ich im SZ-Magazin auf ein Interview mit Anne Bernays, einer Großnichte von Sigmund Freud und Tochter eines Vaters, der als Erfinder der Public Relations gilt, für die er auch das Standardwerk »Propaganda« schrieb. Anne Bernays: »Mein Vater hatte in den Zwanzigern die Zigarette als ›Fackel der Freiheit‹ für Frauen gesellschaftlich akzeptabel gemacht. Meine Mutter war Kettenraucherin, aber wenn er sie dabei erwischte, riss er ihr die Zigarette aus dem Mund und schmiss die Packung weg.«
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Abschweifung? Vielleicht. Oder auch nicht. Zurück zum Salutieren. Beim zweiten Spiel der Türken machte der Düsseldorfer nicht mehr mit. Obwohl er das Siegtor schoss. Er drehte ab, während die anderen ihr dämliches Ritual vollzogen. Erst böser, dann guter Junge? Oder umgekehrt? Wie’s euch gefällt. Sein Klub hatte den Deutschtürken »nach zahlreichen Gesprächen mit Fans, Mitgliedern und Freund*innen« in die richtige (?) Richtung gedreht.
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»Mitglieder«, das ist klar, weil sächlich. Doch Freund*innen, aber keine Fan*innen? Gendersprach, schwierig Sprach. Auch das Neutrum ist keine echte Alternative. Denn jeder Hesse weiß, welches Geschlecht gemeint ist, wenn über »das Mensch« geschimpft wird. Nur der Hesse an sich vollbringt auch die Symbiose des Unvereinbaren. »Komm her, geh doch fort!«, das  fordert weder zum Kommen noch zum Gehen auf, sondern entspricht einem ungläubigen »Das gibt’s doch gar nicht!« oder auch einem verächtlichen Abwinken à la: »Lass mich doch mit dem Quatsch in Ruh’!« – Und die Gendersprache? Das Salutieren? Das ganze Tweeten, Twittern, Posten und Liken?
Komm her, geh doch fott! (gw)
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(www.anstoss-gw.de /  gw@anstoss-gw.de)