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Montagsthemen (vom 14. Oktober)

Schon vor Estland bot »das 2:2 gegen Argentinien sowohl den Optimisten als auch den Skeptikern reichlich Stoff für ihre Sicht der Dinge« (FAZ). Und den Realisten gar keinen. Soviel für heute zur Nationalmannschaft.
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Jetzt also zurück zur Bundesliga. Deren bajuwarischer Dauerbrenner hat früher als die »Lindenstraße« begonnen und wird später bis nie enden. Außerdem ist er spannender, bunter, lustiger und Komödienstadel, Sitcom und Doku-Soap in einem. Aktuelle Folge: Wie ein Dahergereister einen Hinzugekommenen dem Allereinheimischsten vorzieht. Fußballerisch übersetzt: Coutinho hat einen feinen brasilianischen Fuß für geniale Kunstwerke, Müller einen feinen Kopf dafür, trotz eher maltesischer Beine (über Coutinhos Kopf ist wenig bekannt). Zusammen sind sie unvereinbar, sagen die Experten (ich also nicht). Der Dahergereiste hat die Qual der Wahl. Tendenz: Als kroatischer »Preiß« fremdelt er in Lederhosen und tappt in eine finale Falle, wie schon viele seiner Vorgänger. »Cliffhänger«: Wird Kovac das Ende der Original-»Lindenstraße« (März 2020) überleben?
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Eher langweilig dagegen das Stadttheater in Dortmund, da allzu vorhersehbar. Hoch gehandelt, begonnen wie die Feuerwehr, früh ausgebremst, an sich selbst irre geworden, orientierungslos die Feuerspritze schwenkend und sich selbst nass machend. Status: betröppelt. Sündenbock schon ausgeguckt: der frühe Held, ein hamletartiger Grübler. – Hamlet? Favre und der BVB in Shakespeares Worten: »Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können.« / »An sich ist nichts weder gut noch schlimm; das Denken macht es erst dazu.« / »Wie arm sind die, die nicht Geduld besitzen!« / »Ihr könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen.« / Und, natürlich: »Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.«
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Na ja, eher nur eine Frage der Zeit. »Denn …« – sagt nicht Hamlet, sondern Antipholus, also ebenfalls Shakespeare – »… jedes Ding hat seine Zeit«. Aus der »Komödie der Irrungen«. Favre wie Kovac können Shakespeare zustimmen: Macht doch »Was ihr wollt!« (Notwendiger Einschub: Ich schütte hier nicht in »hochgestapelter Mittelmäßigkeit«/Brecht das Füllhorn meiner Bildung über dem Leser aus, sondern bekenne in zugegebener Mittelmäßigkeit, diese Zitate fleißig zusammengegoogelt zu haben).

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Aber ein bisschen Besserwisserei muss sein. Vorhersehbar? Ja. Was zu beweisen ist. »Risiko-Faktor beim BVB sind weniger Hummels’ Sprints als Favres Nerven« (»Montagsthemen«/29. Juli). In derselben Kolumne, Emanuel Buchmann war gerade in aller Munde: »Die medialen Automatismen berücksichtigend, bin ich nur gespannt, wie lange sich Buchmann in den Schlagzeilen hält. Tour de France aus den Augen, aus dem Sinn?« – Urteilen Sie selbst.
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Zum Triptychon des Wochenendes. Alle Welt (außer sportliche Realisten/siehe oben) feiert den ersten Unter-zwei-Stunden-Lauf der Marathon-Geschichte. Der Held ist ja auch einer, sein Über-zwei-Weltrekord ist ein großartiger und weit beeindruckender als die verführerische Zeit des Laufs aus bzw. in der Retorte. – Alle Welt (auch sportliche Realisten) feiert den deutschen Ironman-Doppeltriumph. Zu recht natürlich. Fantastische Leistungen! – Das dritte Bild zeigt das verstockt-trotzig-beleidigte Ende von Nikes Oregon-Project. Nike hatte schon vor zwei Jahren in Monza auf der Formel-1-Strecke (!) mit High-Tech à la NOP versucht, die zwei Stunden zu knacken (2:00:25). »Diesmal steckt der britische Chemiekonzern Ineos hinter der Veranstaltung« (taz). Und auf Hawaii sponsort der Bayer-Konzern mit einem Schmerzmittel (!) den Ironman, Slogan: »No Pain, No Gain.« Was das bedeutet, weiß jeder, der 1, 2 und 3 zusammenzählen kann.
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Und sonst? Boris Becker exklusiv bei Bild: »Ende 2019 will ich schuldenfrei sein.« Vorgeschichte: Becker hatte sich »von einem britischen Milliardär 2,1 Millionen Euro geliehen – zu einem Zinssatz von 25 Prozent«. – 25 Prozent? Wie bei der Mafia. Ist das nicht Wucher? Kommt man dafür nicht in den Knast?
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Schließlich lese ich noch von dem betrunkenen E-Scooter-Fahrer, der lebensgefährlich verletzt wurde, und vom Kurden-Konflikt, der auch in Deutschland zu eskalieren droht – eine kleine und eine große Bedrohung für uns alle. Und immer mehr wollen etwas tun für das Klima, doch »Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander« (dpa). Dies sei als »Attitude-Behaviour-Gap« bekannt, als Einstellungs-Verhaltens-Lücke. – Klar, kenne ich. Von mir. / (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)