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Sport-Stammtisch (vom 12. Oktober)

Der Rucksack war im Reisekoffer. Mit ihm ist Malaika Mihambo bereits in Asien unterwegs, alleine, die Ruhe und sich selbst suchend, während der große Reisekoffer mit dem DLV nach Hause fliegt. Hier hätte sie im Trubel-Jubel von Feier-, Fernseh- und Sponsoren-Terminen baden und ein paar Euro verdienen können. Dort findet sie zu sich. Was auch den Grundstein legt, um in Tokio ähnlich erfolgreich zu sein wie in Doha. Denn bei Olympia 2020 wird der WM-Titel von 2019 nur ein fernes Echo hinterlassen.
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Der dritte, nervenzerrende Versuch verblüfft und fasziniert immer noch, findet aber eine gewisse Erklärung in einer kleinen Szene vor dem letzten Sprung, als sie den Lippenstift zückte und die Farbe nachzog. Einem erstaunt nachfragenden Interviewer sagte sie: »Bei einer Frau kommt das schon mal häufiger vor.« Bei einer Frau … in diesen geschlechtlich schwierigen Gemengelagen traut sich das kaum noch ein Influencerchen im rosafarbenen Heimstudio – wohl aber eine real emanzipierte, souveräne junge Frau wie Malaika Mihambo.
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Klug, gebildet, musisch begabt … und sie studiert. Mit Erfolg. Und das in einer Sportzeit, in der die Forderungen nach totaler Förderung lauter werden, natürlich abgerundet mit lebenslanger Sportlerrente, denn außer Sport hat der Athlet dann ja nichts gelernt. Und da kommt noch einmal Malaika Mihambo zu Ehren, leider aber auch ein großer Athlet vergangener Jahrzehnte, ein Hürdensprinter. Er studierte Maschinenbau. Keine Förderung, keine Sporthilfe, kein Sponsor. Erst als er schon Spitzenzeiten lief, gab es kleines Geld von der Schuhfirma. Bei Olympia, erst 19, wurde er Hürden-Vierter und Zehnkampf(!)- Fünfter. Vier Jahre später, mittlerweile Weltrekordler, aber geschwächt von einer langwierigen Verletzung, wurde er wieder Vierter und gewann Gold mit der Staffel. Später arbeitete er als überaus erfolgreicher Diplom-Ingenieur. Martin Lauer, der in dieser Woche im Alter von 82 Jahren gestorben ist.
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In der Gold-Staffel lief auch Armin Hary mit, ebenfalls Weltrekordler, ein gelernter Feinmechaniker, der in Rom 100-m-Gold holte. »Nur« Silber über 400 m gewann Carl Kaufmann, studierter klassischer Tenor. Bestzeiten: Hary 10,0, Kaufmann 44,9, Lauer 13,2. Durch Bonus (Handzeitnahme) und Malus (Asche, Blöcke, Spikes, Trainingslehre) mindestens vergleichbar mit heute gelaufenen Zeiten. In ähnliche Dimensionen stieß später auch Harald Schmid vor (400 m Hürden 47,48, flach 44,92). In die Gegenwart gebeamt, könnten Lauer, Hary, Kaufmann und Schmid wieder um Medaillen mitlaufen. Ohne Rundum-Sorglos-Paket.
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Breaking News beim Schreiben dieser Kolumne: Nike stoppt sein Oregon Project. Wohl zu heikel geworden, dieses ganz spezielle Rundum-Sorglos-Paket. Schlechtes Gewissen? Nee, nur Angst vor Gewinnwarnungen. Kontrastprogramm zum NOP-High-Tech-Wahn: ein frühes Trainingsvideo mit Martin Lauer und Manfred Germar (den habe ich vorhin vergessen). Auf Youtube suchen und mit den Ohren schlackern!
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Beim Aufploppen der NOP-Schlagzeile dachte ich auch an die zuvor eingegangene Mail von Walter Müller (Hungen-Villingen/Danke für sehr freundliche Worte, siehe Online-»Mailbox«), der »inständig hofft, dass bei Konstanze Klosterhalfen nichts ist. Als großer Leichtathletik-Fan wäre es ein Schock für mich.« Das Problem dürfte gelöst sein. Hoffentlich.
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Der vielseitig talentierte Martin Lauer stürmte auch die deutsche Schlager-Hitparade und schrieb herrliche Kolumnen für den »Kicker«. Zum Beispiel im Januar 1980, als der Olympia-Boykott ins Gespräch kam, mit einer hellsichtigen Prognose: »Da macht sich mancher vier Jahre lang Hoffnung auf Erfolge bei Olympischen Spielen, und wenn’s dann so weit ist, muss er zu Hause bleiben, weil Russland gerade in Afghanistan einmarschiert, die Engländer in Südafrika Rugby spielen oder ein wild gewordener Ayatollah womöglich sportlichen Wettstreit mit Ungläubigen zur Todsünde erklärt.«
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Damals konnte man noch derartige Witze machen, scheinbar grotesk und realitätsfern. Aber wie fast immer wird die Satire irgendwann von der Realität eingeholt und überholt. Gewisse spätere Karikaturen erwähne ich vorsichtshalber erst gar nicht . . .
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Humor und Satire sind Glücksache. Wenn Rechte Witze über Linke und Linke über Rechte machen, ist das eher Truppenbetreuung, um die eigenen Reihen bei Laune zu halten. Doch wenn Rechte Rechte (machen sie aber nicht) und Linke Linke (machen sie, aber selten) zum Lachen bringen – das ist dann die Königsdisziplin. Zum Beispiel, wenn ein Hund namens Pablo SPD-Vorsitzender werden möchte … aber das ist nur für Eingeweihte und zudem ein ganz anderes Thema, das mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun hat. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)