Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Freitag, 20. September, 12.50 Uhr

Sport-Stammtisch ist fertig, steht online („gw-Beiträge Anstoß“). Die neue Folge von „Mein progressiver Alttag“ stelle ich online (ebenfalls Link rechts), chronologisch, also hinten dran gehängt. Falls das übersehen wird, hier der Text:

 

Der Sommer war groß. Lingen, 41 Grad, nicht schlecht, aber mein persönlicher Hitzerekord wurde nicht erreicht. 45 Grad 1999 in Sevilla. Leichtathletik-WM. Ich war als Journalist fast nur mit dem Leihrad unterwegs, sah in der Stadt an jeder Kreuzung die offizielle Temperaturangabe und immer wieder kleine Menschenaufläufe um ein touristisches Hitzeopfer. Ich genoss die Hitze, auch in dem scheinelitären Bewusstsein, als weißhäutiger, rotblonder Germane allen Klischees zu trotzen. Hitze, Sonne – ja bitte! Macht mir doch nichts aus! Mit einem Pedaloboot kurbelte ich auf dem Guadalqivir herum, kein Tourist weit und breit, Einheimische sowieso nicht (sind ja nicht blöd), mit nacktem Oberkörper. Sonnenschutz? Quatsch, nie eingecremt, Ehrensache.
*
Schon in der Pubertät nicht. Mit weißer Haut ins Schwimmbad? Nie im Leben! Erst musste die käsige Pelle unter Ausschluss der Öffentlichkeit sonnengeflämmt werden, einmal, zweimal, dreimal, zwischendurch wurde die verbrannte Haut in Streifen abgezogen, bis endlich die vermeintlich attraktive Bronzehaut zum Vorschein kam. Erst dann traute ich mich ins Freibad. Hätte mich damals jemand gewarnt, mit 70 bekäme ich weißen Hautkrebs oder andere lästige Geschichten wie aktinische Kreatose, ich hätte ihn nur verständnislos angeschaut: Mit 70? Was soll das? Wer so unvorstellbar alt wird, sollte sowieso  husch, husch in die Urne!
*
Und jetzt, über 70, meide ich die Sonne, creme mich vor dem Radfahren ein, Faktor 50, liege nicht mehr stundenlang in praller Sonne an südlichen Stränden, verkrieche mich im Garten unter den früher verpönten Sonnenschirm und erfülle alle Vorsorge-Forderungen besorgter Hautärzte … ein halbes Jahrhundert zu spät.
*
Beim ersten Hautscreening fragte die Ärztin: »Waren Sie Bauarbeiter?« Ich beichtete den Lebenslauf meiner armen Haut. Ihr resignierter Kommentar, denn von so viel Dummheit hört sie oft: »Dafür sieht es sogar noch ganz gut aus.« Immerhin.
*
Die Hitze geht, der Herbst kommt, ich habe andere Sorgen. Armbanduhr kaputt. Karstadt. Uhrenabteilung. Lange Schlange. Der alte Herr vor mir ist dran, rückt mit dem Rollator vor, nestelt eine Uhr aus der Tasche. Nuschelt etwas. Sein Gegenüber versteht nicht, bleibt aber engelsgeduldig. Endlich wird klar, dass ein Glied aus der Kette entfernt werden soll. Die Uhr schlackere am Handgelenk. Reparateur (skeptisch): »Ein Glied? Bringt nichts. Da müssen drei weg.« Kunde (störrisch): »Nein, ein Glied.« – Nach einigem Hin und Her gibt der gleichbleibend freundliche Angestellte auf. »Also gut. Bringt zwar nichts, kostet aber sechs Euro.« – Kunde (jetzt ungenuschelt, laut und vernehmlich): »Beim letzten Mal war das aber umsonst!« – »Tja, wahrscheinlich noch Kulanz.« – Der alte Herr schnauft empört, nimmt die Uhr, stampft mit dem Rollator auf. Schneidend scharf: »Guten Tag! Ich werde Sie weiterempfehlen!« Geht ab. Freundliche, unaufgeregte Reaktion: »Tun Sie das. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.« – Ich bin dran. Wir reden nicht über die Szene, zwinkern uns nicht zu. Aber wir verstehen uns.
*
Hoffentlich werde ich nicht auch so ein Griesgram, denke ich beim Weggehen. Da kommt ja noch einer! Ich sehe ihn nur aus den Augenwinkeln, schaue nicht richtig hin, aber mir fällt es sofort wieder auf: Warum wirken ältere Männer oft so griesgrämig? Es ist nur ein Moment, vielleicht nur eine Hundertstelsekunde, in der mir der Gedanke durch den Kopf schießt. Denn augenblicklich erkenne ich den Mann. Im Spiegel hinter der Schaufensterscheibe. Das bin ja ich!
*
Griesgram. Nicht schön, einer zu sein, aber schön das alte deutsche Wort. Abgeleitet vom mittelhochdeutschen grisgram (»Zähneknirschen«). Goethe, wer sonst, hat ihn verewigt: »doch hat er einen harten kopf, / der widerwärtige sauertopf, / das ganze menschliche geschlecht / machts ihm, dem griesgram, nimmer recht.«
*
Ich will kein Griesgram sein. Auszusehen wie einer gehört nicht zu den Lastern, sondern den Lasten des Alters. Schwerkraft und Muskelerschlaffung vermiesen die Miene, sind aber mann- und frauhaft zu ertragen. Innerlich sind wir Alten doch alle, also fast alle, Gute-Laune-Bärchen. Obwohl – die Jugend von heute ….
*
Ich fahre nach Hause. Auf dem Radweg vor mir eine Gruppe Jugendlicher. Sie unterhalten sich. Ein Rad steht auf dem Weg, aber nicht so, dass man nicht vorbei könnte. Einer sieht mich kommen, will das Rad wegziehen, ich knurre »geht schon«, fahre vorbei, der Junge ruft »Danke«, und: »Gute Fahrt noch!«, ich rufe zurück: »Euch auch!«, die Gruppe unsisono: »Danke!« Staunend fahre ich weiter.
*
Zu Hause googele ich den Griesgram (daher mein Schlauberger-Wissen, siehe oben). Plötzlich ploppt auf, was in letzter Zeit oft aufploppt. Spam-Mails mit Angeboten zur Penisverlängerung kommen schon lange nicht mehr, aber diese nervige Werbung stört immer öfter: »Ihre Tabletten-Erinnerung …« Ich lese gar nicht erst weiter, klicke das lästige Ding weg.
*
Später überlege ich, was das sein soll, diese Tabletten-Erinnerung. Ein Kästchen, in das man seine Tabletten nach Uhrzeit geordnet ablegt? Die zwei, drei Pillen kann ich mir doch merken! Kopfschüttelnd wende ich mich wieder dem Griesgram zu. Plötzlich durchzuckt es mich … heute früh habe ich vergessen … oder etwa nicht? Was nun? – Beim nächsten Aufploppen lasse ich mir mehr Zeit.  (gw)