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Sport-Stammtisch (vom 14. September)


 


Bohrende Langeweile beim Spiel gegen Nordirland. Ausschalten gilt nicht. Gucken ist Kolumnistenpflicht. Aber die Gedanken sind frei. Sie treiben ab, während das Spiel dahin plätschert. Nordirland. Irland. Backstop. Brexit … halt, keine Politik. Sport also. Wie viele britische Mannschaften gibt es? England, Schottland, Wales, Nordirland, Irland. Dürfen alle mitspielen. Warum? Darum. Tradition. Mutterland und so. Bei Olympia gibt es nur Großbritannien und Irland. Und in der EU? Und nach dem Brexit? Back, stop … Auf dem Bildschirm taucht eine neuer Zahl auf. Statt 0:0 0:1. Tor für Deutschland. Wer hat’s geschossen?
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Klosterhalfen? Quatsch, die schießt nicht, die läuft. Wenn’s sein muss bis nach Oregon. Klostermann? Knapp vorbei. Halstenberg. Nicht Havertz. Der spielt nicht mit. Noch nicht. Wie bei Sané. Wenn sie jung und frisch sind, lässt Löw sie erst mal hängen. Warum? Weil er Bundestrainer ist. Und Weltmeister. Kritik kratzt ihn nicht. Sind doch alles Popel. Nur die eigenen jucken manchmal. Siehe Youtube.
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Nordirlands Goalkeeper hält. Eine echte Robinsonade. Wie kommen die Wörter plötzlich in den Kopf? Goalkeeper, lange nicht mehr gehört. Greenkeeper schon. Das ist der Job, den Matthäus nicht kriegt. Nicht in München. Wie heißt das Bübchengesicht im nordirischen Tor? Egal. Im Kopf ist’s noch immer Harry Gregg. WM 58, beim 2:2 bringt er das DFB-Team zur Verzweiflung. Später sitzt er im Flugzeug, das in München abstürzt. Überlebt, rettet mehrere Mitspieler, unter anderen Bobby Charlton, wird mit dem königlichen MBE-Orden ausgezeichnet und gibt noch später zu, mit Amphetaminen gedopt zu haben. Nahm ihm niemand übel.
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Aber die Robinsonade? Das war nicht Gregg, sondern … Smartphone gezückt … »literarisches Motiv der unfreiwilligen Isolation … Gulliver … Odyssee …« – erst mit dem Zusatz »Fußball« findet sich Jack Robinson, »englischer Fußballtorhüter und Namensgeber der Robinsonade«. Also ein Flieger für die Galerie. 1899 gewann er mit Southampton 6:0 in Wien und begeisterte das Publikum mit »seiner Flugkunst«. Nach dem Spiel die Zugabe: »Sein Tor soll mit sechs Bällen gleichzeitig beschossen worden sein, und dennoch habe Robinson nahezu jeden pariert«. Wie das?
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Bevor ich über die Unmöglichkeit sinnieren kann, sechs Bälle robinsonierend gleichzeitig zu halten, öffnet sich die Tür. Die Dame des Hauses beendet ihr mehr als freiwilliges Fußball-Exil. »Na, wie war’s?« – »Du kannst dir nicht vorstellen, wie langweilig das war.« – »DOCH!« – Der Form halber fragt sie: »Wer hat gewonnen?« – »Deutschland. 1:0.« – Sie deutet auf den Bildschirm: »Und warum steht da 0:2?« – Och!? Stimmt. Gnabry spielt ja immer.
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Fortsetzung mit anderen (Stil-)Mitteln. Im Internet begleitet »Sport, Gott & die Welt« die »gw«-Kolumnen. Mit einer großen Bandbreite an Themen. In der »Mailbox« findet sich zum Beispiel die sehr hübsche Kritik von Barbara Tomsch aus Friedberg, die Marten T’Harts »abschätzige Typisierung als Superschlampe« nicht auf sich sitzen lassen kann« (siehe »Montagsthemen« vom 7.9.). Barbara Tomsch ist 71, hat sich soeben ihr drittes Tattoo stechen lassen, einen Tigerkopf, den man bei Facebook unter »ink-house-tattoo« bewundern kann. Die »Tiger-Oma« bleibt trotz T’Hart »ein fröhliches, tätowiertes Mitglied Ihrer liebsten Zielgruppe«! Danke! – Auf der anderen Seite der Bandbreite setzt der hessische SPD-Politiker und -Denker Gerhard Merz dort den Schlusspunkt unter unseren Dialog über »Empathie und Flüchtlinge«  (siehe »Anstoß« vom 15 Juli). Unbedingt lesen!
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Und sonst? Sprinter Christian Coleman darf trotz dreier verpasster Dopingtests bei der WM starten und behauptet: »Ich bin der größte Befürworter eines sauberen Sports.« War Carl Lewis ebenfalls. Dem wurde schon damals auf Coleman-Art geholfen. Weiß nur kaum jemand. Böser Ben, guter Carl, und Christian ist ein ehrenwerter Mann. So geht das.
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Nicht ärgern, nur wundern. Auch über die Naturrettung, die sich der grüne Turbokapitalismus auf die Fahnen geschrieben hat. Ölheizungen verbieten , neue kaufen, SUV verbieten, E-Autos kaufen – Wachstum, Wachstum über alles. Den Teufel mit Beelzebub austreiben?
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Aber der Natur geht’s ja wirklich schlecht. Viele Arten verschwinden, neue, monströse tauchen auf. Wie die mittelhessische Riesenspinne. Die alarmierte Polizei wiegelt ab: nur ein Gummikrake. Oder der Taxifahrer in München, der meldet, einen riesengroßen Feldhamster mit großen Zähnen überfahren zu haben. Die Polizei beschwichtigt: nur ein Wildschwein. Ich weiß es besser. In dieser Woche auf der Landstraße zwischen Wettenberg und Frankenbach. Neben der Straße liegt ein riesiger Feldhamster mit soo großen Hauern. Sie sind unter uns! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)