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Gerhard Merz: Empathie und Flüchtlinge

„Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Ein damit korrespondierender allgemeinsprachlicher Begriff ist Einfühlungsvermögen.“ Das ist die Wikipedia-Definition. Ich denke, dass sie brauchbar ist. So verstanden hätte ich eine Menge Empathie für die Menschen, die sich auf PEGIDA-Demonstrationen tummeln, AFD wählen, Asylbewerberheime angreifen uswusf. Deren Motive sind mir aus langjährigen Begegnungen und natürlich auch aus politischer und wissenschaftlicher Auseinandersetzung nur zu gut bekannt. Ich verstehe sehr gut, dass und unter welchen Bedingungen Menschen die sie umgebende Realität – und ihre eigene – nur verzerrt wahrnehmen, warum sie sich ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Probleme nur auf der Basis von Phantasmagorien und Feindbildern erklären können, warum sie Ablehnung gegen und Hass auf andere entwickeln (der übrigens meiner Meinung nach nichts anderes ist als der nach außen gerichte Selbsthass!). All das verstehe ich, aber ich bin nicht bereit, das als Entschuldigung für das Handeln dieser Menschen hinzunehmen und Mitgefühl oder Mitleid zu empfinden. Niemand wird gezwungen, Rassist zu sein. Es gibt auch in den braunsten Gegenden Sachsens (und es gab auch in den antisemitischsten Flecken Oberhessens, das ja historisch viele davon hatte und hat!) und bei gleicher sozialer Lage Menschen, die Rassismus und Antisemitismus nicht anheimgefallen sind. Es ist kein düsteres Schicksal oder Verhängnis, Rassist oder Antisemit oder Flüchtlingshasser zu werden. Und um solche handelt es sich bei den Menschen, über die wir hier reden. Wenn jemand zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf PEGIDA-Demonstrationen herumläuft oder AFD wählt (oder eine andere rechtsextremistische oder neonazistische Organisation), dann weiß er oder sie genau – oder kann es zumindest wissen – , auf wen er oder sie sich da einlässt. Und meist handelt es sich ja auch nicht um „stillschweigende“ Zustimmung. In den meisten Fällen werden solche Leute die Gesinnung, die durch ihre Teilnahme an Demos oder ihre Wahlentscheidung zum Ausdruck kommt, auch bei anderen Gelegenheiten und auf die unterschiedlichste Weise zum Ausdruck bringen. Das Gerede von den „Protestwählern“ verdeckt die Frage, warum der Protest sich diese und keine andere Ausdrucksform sucht. Dass die meisten mit ihrem Verhalten und ihren Entscheidungen übrigens in der Regel gegen ihre eigenen objektiven Interessen, z.B. als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, verstoßen, belegt nur die Unfähigkeit und den Unwillen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Es ist die Trägheit der Herzen und die Trägheit des Verstandes, die hier zum Ausdruck kommt. Beides ist – zumindest auch – selbst verschuldet. Wie schon Kant gesagt hat: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Wer sich darin bequem einrichtet, muss die Konsequenzen tragen. Mitleid und Mitgefühl sind hier ganz unangebracht. Was ich an Mitleid und Mitgefühl aufzubringen in der Lage bin, gehört ganz und gar den Opfern solcher Geisteshaltungen und der daraus resultierenden Handlungen.

Zur Frage der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer: Vor 40 Jahren begann Rupert Neudeck, mit der „Cap Anamur“ vietnamesische Flüchtlinge aus dem südchinesischen Meer aufzufischen. In der Bundesrepublik wurden diese Flüchtlinge aufgenommen, ohne dass die Frage gestellt worden wäre, ob es sich um „politische“ oder um „Wirtschaftsflüchtlinge“ handelt. (Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich persönlich halte diese Unterscheidung für ziemlich absurd, angesichts der realen Lage in den Haupt-Herkunftsländern der Flüchtlinge). Ich füge hier einen Link zu einem Interview mit Christel Neudeck ein, in dem sie auf die offenkundigen Parallelen aufmerksam macht.

https://www.spiegel.de/geschichte/cap-anamur-start-vor-40-jahren-seenotrettung-der-boatpeople-aus-vietnam-a-1280891.html

Niemand ist meiner Erinerung nach seinerzeit so weit gegangen, von den Neudecks als von einer „Schlepperbande“ zu sprechen, niemand ist auf den Gedanken gekommen, Menschen würden sich auf das riesige südchinesische Meer wagen, weil sie sicher wären dort gefunden, gerettet und an einen sicheren Ort gebracht zu werden. Von „Schlepperbanden“ war übrigens auch nie, jedenfalls nicht meiner Erinnerung nach, bei jenen die Rede, die Menschen in der DDR bei der Flucht in die BRD halfen, obwohl dabei in durchaus nicht wenigen Fällen Geld im Spiel war.

Und genau das ist auch heute absurd. Alle ernst zu nehmenden Studien besagen, dass von einem „Pull-Faktor“ auch bei den derzeitigen Flüchtlingsbewegungen nach Europa  (die ja nur ein kleiner Bruchteil der weltweiten Flüchtlingsbewegungen sind) nicht die Rede sein kann. Das „Geschäftsmodell“ der Schlepper beruht darauf, Menschen, zum Teil mit brutaler Gewalt, in Boote zu zwingen, denen nach ihrem langen Weg aus den Herkunftsländern – und die Toten auf dem Marsch durch die Wüste bleiben ungezählt – nichts mehr geblieben ist und die deshalb – und nur deshalb – in diese Boote steigen. Den Schleppern ist es vollkommen gleichgültig, ob da draußen auf dem Mittelmeer ein Rettungsschiff unterwegs ist oder nicht. Und die Flüchtlinge kennen ihr Risiko nur allzu gut. Oder glauben Sie im Ernst, dass jemand sein eigenes Leben, aber vor allem das seiner Familie, auf eine so vage und im Grunde unwahrscheinliche Hoffnung hin aufs Spiel setzen würde?

Aber selbst wenn es anders wäre: Wäre es dann ethisch und moralisch vertretbar, sozusagen aus Gründen der Abschreckung Männer, Frauen und Kinder jämmerlich ersaufen zu lassen? Diese unsägliche, unmenschliche Alternative – die die ZEIT zu ihrer ewigen Schande ernsthaft diskutieren zu können glaubte – ist inakzeptabel. Schon jetzt und seit langem ersaufen mehr Menschen als gerettet werden. Wenn die Verhältnisse insbesondere in den afrikanischen Herkunftsländern sich nicht ändern, werden sich Menschen weiterhin auf den Weg machen. Wenn keine anderen Wege offen sind und die Verhältnisse in Libyen so bleiben wie sie sind, werden Menschen weiter in die Boote gezwungen werden. „Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden.“ Das galt für die Bremer Stadtmusikanten, die Flüchtlinge hoffen das auch, aber für viele von ihnen gilt das nicht. Nein, ich glaube in der Tat, dass es Menschen, „die es z.B. nicht von vorneherein als alleinig human halten, Menschen im Mittelmeer retten zu lassen, weil das zum Geschäftsmodell der Schlepper gehört und dadurch noch viel mehr Elend hervorruft“, nicht nur an Empathie mangelt, sondern auch an Realitätssinn. (Gerhard Merz/Gießen)