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Sport-Stammtisch (vom 17. August)

Folgt ein Experiment. Bakary Jatta hat noch nie für einen Fußballklub gespielt, ist 17, kommt aus Gambia, gilt als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Afrika, männlich, jung, Flüchtling, geduldet – da wissen wir doch gleich Bescheid, oder!? Nach der Begrüßungsorgie mit Blumen am Bahnhof und politischen Jubelrufen, die noch im letzten afrikanischen Dorf als »Kommt, wir schaffen das!« freudig vernommen wurden, schwingt das deutsche Gemütspendel jetzt in die andere Richtung. Leidtragende werden Migranten sein, die sich integrieren wollen oder schon integriert sind. Sie leiden unter der Politik, die nun am liebsten alles abschieben möchte, was sich abschieben lässt. Das werden oft genug die Falschen sein. Der Mob der Un-Kultur von Köln und anderswo ist clever genug, um Abschiebung weniger fürchten zu müssen als eine integrationswillige Familie.
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Ende des Experiments. Im gw-Archiv entdeckt, dass ich über Jatta schon einmal geschrieben habe. Im Januar 2016. Las den Text nach (siehe oben), wollte wissen, ob und wie sehr ich mich getäuscht habe. Ergebnis: »Nie für einen Fußballklub gespielt« und »17« bleibt fraglich, zu allem anderen stehe ich. Auch zum Schluss des Textes: Bakary Jatta erinnert an Jay-Jay Okocha, der ebenfalls als 17-Jähriger mutterseelenallein nach Deutschland kam. Ich tausche einen Okocha gegen tausend aggressive Dumpfbacken aller Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß. – Fazit: Zwischen allen Stühlen sitzend.
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Zur Ablenkung eine Abschweifung. »Sitzend«, Partizip Präsens, also Mittelwort der Gegenwart. Bin ich, wenn ich sitze, ein Sitzer oder ein Sitzender? Wenn ich studiere ein Student oder ein Studieren … nee, nee, es gibt Wörter, die ich nicht schreiben kann. Wegen Schüttelfrost. Immerhin sitze ich damit wieder fest auf einem Stuhl. Aber nicht als Stuhlender, das wäre missverständlich. Ernsthaft: Dass die »sprachliche Bedeutung auf dem Altar politischer Korrektheit geopfert wird«, erklärt uns Helmut Glück in der FAZ vom 8. August. Sehr empfehlenswerter Artikel über die Grundbedeutung des Partizips und den kleinen, feinen Unterschied zwischen Studenten und Studieren… schüttel, schüttel.
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Zu den Fußballernden. Es gab einmal einen Torwart, dem nachgewiesen wurde, was Jatta erst noch bewiesen werden muss: Er erschlich sich mit einem Trick die Spielberechtigung. So stand er im Tor eines Außenseiters, dem ein regulärer Treffer verweigert wurde. Aus Protest zog er vor einem gegnerischen Stürmer die Mütze, verbeugte sich und lud ihn in still-ironischem Protest zum Torschuss ein. Der Angreifer nahm die Einladung dankend an. Die Mannschaft des Torwarts verlor. Ihm war die Moral existenziell wichtiger als der Sieg. Er blieb sich später treu und wurde in einem anderen Metier weltbekannt. Und noch ein Torwart: Im deutschsprachigen Raum berühmt durch nur eine Partie, bei der alle Spieler bis zu den Knöcheln im Matsch standen. Als gegnerische Stürmer wie wilde Tiere auf unseren Torwart zu stürmten, schlug er in letzter Sekunde geistesgegenwärtig … ja, womit schlug er den Angriff zurück? Vorname reicht. Beim nur moralisch siegenden Torwart genügt der Nachname. – Sie lasen soeben die neue Rate-Runde von »Wer bin ich?« (Einsendeschluss: 21. August).
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Und dann ist da noch die Doping-Opfer-Hilfe (DOH), deren einst befreundet am selben Strang ziehende Mitanführer sich derart in die Wolle gekriegt haben, dass sie sich jetzt, ein älterer Herr und ein noch viel älterer, ein öffentliches Handgemenge geleistet haben. Es geht darum, ob sich auch Täter als Trittbrettfahrer unter die Opfer mischen (ja, sicher), denen jeweils 10 500 Euro Opferhilfe zustehen, und ob es nicht Quatsch sei, Nachkommen gedopter DDR-Sportler »transgenerationale Traumatransmission« zuzubilligen, also Opferstatus-Vererbung (ja, ist Quatsch). Ich schaue dem Hick-Hack amüsiert zu, zumal ich durch Sportfreunde aus alten DDR-Kadern einigermaßen Bescheid weiß. Auch über die Praktiken im Westen. Unsere Sieger-Krähe hackt der anderen beide Augen aus. Olympiasieger Harting (den älteren, nicht so verhaltensauffälligen) nervten die Proteste von DDR-Dopingopfern einst derart, dass er ihnen am liebsten seinen Diskus an den Kopf geworfen hätte. So aggressiv bin ich nicht, ich greife mir nur selbst an den Kopf.
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Und sonst? Meine Jahrgänge feiern Woodstock genauso beseelt, wie sie voriges Jahr »68« gefeiert haben, also in verklärender Erinnerung und geschönter Selbstbeweihräucherung. Jungs und Mädels, glaubt das nur nicht! Wir, jedenfalls die meisten, hatten wahrscheinlich auch nicht mehr Sex, Drugs & Rock’n’Roll als ihr, und die Revolution war nur ein eskapistisches Spielzeug wie heute euer Fortnite.
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Aber eine Frage noch: Wer schützt dieses seltsame Mädchen vor sich und seinen Nutznießern und Vermarktern? Das könnte böse enden. Für sie. Für die Welt endet es später sowieso böse.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)