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Paul-Ulrich Lenz: Tönnies, Rassismus und die Systemfrage

Es ist gewiss nicht an der Zeit, Herrn Tönnies in Schutz zu nehmen. Seine Sätze sind schlicht brumsdumm. Sie haben allerdings, was gerne unterschlagen wird, Anteil an einem vorurteilsbehafteten Denken über  Farbige, wie es bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht. Vor Jahrzehnten konnte Fürstin Gloria von Thurn und Taxis noch mit einigem Kopfschütteln davonkommen, als sie sagte: „Der Schwarze schnackselt halt gern.“ Damals unwidersprochen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Vor Jahrzehnten konnte auch noch, gleichfalls unwidersprochen, „wissenschaftlich“ diskutiert werden, ob die Muskelstruktur schwarzer Läufe die Ursache für ihr höheres Tempo sein könnte. Ist das schon Rassismus oder nur doof? Und Ältere mögen sich noch an das Staunen erinnern, als die ersten Farbigen tatsächlich und erfolgreich Tennis spielen konnten.

 

Mir scheint, dass der rasch erhobene Vorwurf Rassismus davon suspendiert, sich Gedanken machen zu müssen.  Über den respektvollen Umgang mit anderen. Über die Chancengleichheit, die wir Westeuropäer in unserem Wachstumswahn längst zerstört haben. Über die „strukturelle Gewalt‘ (Johan Galtung, alter Buchtitel aus den sechziger Jahren ) die vom Westen in Richtung Afrika, Asien und anderswo ausgeübt wird.  Man kommt einfacher davon, wenn man ein paar Leute als Rassisten entlarvt, anstatt die Systemfrage zu stellen.

 

Ein Lerneffekt wird allerdings gratis mitgeliefert. Auch das Erreichen von millionenschwerem Besitz bewahrt nicht vor unsäglicher Dummheit. Reiche und Einflussreiche, öffentliche Personen sind nicht wie von selbst klüger als Ärmere, die keiner kennt.   (Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R./Schotten)