Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Gerhard Merz: „Anstoß“ vom 15. Juli

Ich lese den „Anstoß“ immer, wenn ich die Zeitung in die Hände bekomme – schon allein deswegen, weil ich weiß, dass ich gelegentlich darin vorkomme…..

Auch dieses mal habe ich ihn aufmerksam gelesen und mich an der Fundsache Richard Kirn erfreut.  Dessen nüchterne Beurteilung des Hosiannah-Kreuziget-Ihn-Verhaltens teile ich nach einem Leben als Politiker (und vor allem als Sozialdemokrat!) in vollem Unfang. Leider haben die historischen Kenntnisse Kirns mit seiner Lebensklugheit nicht Schritt gehalten. So gehörte die Türkei dem Dreibund überhaupt nicht an, auch nicht in der staatsrechtlichen Form des Osmanischen Reiches, das zu Beginn des 1. Weltkrieges ja noch bestand. Auch Österreich und Ungarn gehörten ihm nicht an, denn sie waren damals noch Österreich-(Sic!)Ungarn. Dafür gehörten ihm aber das Deutsche Reich und Italien an, nach dem Ausscheiden Italiens war es dann eben nur noch der Zweibund. Sonst stimmt aber fast alles.

Jugoslawien wiederum gehörte dem „mächtigen Reich der Habsburger“ (s.o.) schon allein deshalb nicht an, weil es Jugoslawien damals, also vor dem und während des 1. Weltkriegs, noch gar nicht gab, weder als Königreich, wie vor, noch als Republik, wie nach dem 2. Weltkrieg. Von seinen Teilstaaten gehörte zumindest der wichtigste, nämlich Serbien, nicht zur kuk-Monarchie, sonst hätte ja Österreich vielleicht auch keinen Krieg gegen Serbien eröffnet, was ja bekanntlich der Anfang des 1. Weltkriegs war, an dessen Ende Jugoslawien entstand, das freilich der kuk-Monarche wegen deren Ableben infolge Kriegseinwirkung nicht mehr beitreten konnte.

Ob der „linksliberale Mainstream“, von dem Harald Schmidt spricht, tatsächlich existiert, lasse ich mal offen. Harald Schmidt mutiert ja immer mehr zur männlichen Ausgabe von Alice Schwarzer – oder zur nicht-jüdischen von Henryk M. Broder. Aber unterstellt, es gäbe ihn: Wie kommen Sie dazu, Leuten, die es z.B. für nicht von vorneherein human halten, Menschen im MIttelmeer ersaufen zu lassen, also z.B. Leuten wie mir, fehlende Empathie zu unterstellen bzw. die Unfähigkeit, sich in Andersdenkende oder gar nicht Denkende hineinzufühlen? Küsst die Faschisten, wo Ihr sie trefft, ist das die Parole, bloß dieses mal ernst gemeint? Und täuschen Sie sich nicht: für die von Ihnen beschworenen Anders- oder gar nicht Denkenden sind Sie, lieber Herr Steines, genauso „liberaler Mainstream“ wie ich – und es wird uns beiden nichts nützen, dass wir weder Liberale (im klassisch-politischen Sinne) noch Mainstream (gewesen) sind. Der „Andersdenkende“ denkt nicht nur anders – wenn er denkt -, er handelt auch anders – wenn er handelt!

Mencken, um noch ein Letztes zu sagen, war gewiss kein lupenreiner Demokrat. Ich lese ihn trotzdem mit Vergnügen, wie ich ja auch Karl Kraus, Thomas Mann, Theodor Fontane, Goethe, Shakespeare, Dante oder Sophokles und viele andere Dichter und Autoren mit Vergnügen lese, die entweder nie oder (wie z.B. Thomas Mann) nur in bestimmten Lebensabschnitten Demokraten waren.

Den „Anstoß“ werde ich jedenfalls auch weiterhin mit Vergnügen lesen, nicht nur oder auch nur in erster LInie weil ich weiß, dass Sie ein lupenreiner Demokrat sind. (Gerhard Merz, MdL, Sozial- und familienpolitischer Sprecher, Stellv. bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Vorsitzender des SPD-Stadtverbandes Gießen und der SPD-Stadtverordnetenfraktion)