Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 15. Juli)

Wimbledon-Finaltag, erste Bergetappen der Tour, ein Meilen-Weltrekord mit »Güte«siegel Salazar/NOP, und im Fußball geheimnissen sie alles Mögliche und Unmögliche in die Trainingsspielchen der Bundesligisten hinein, viel los im Sport, aber … Ich bitte Sie, einen Augenblick den Atem anzuhalten, Sie alle, Hochbegeisterte, Hingerissene, Hymniker und Ekstatiker …
*
… denn dieser Tage jährten sich auch die deutschen Endspielsiege von 2014 und, jaaa!, von 1954. Blick zurück auf den Jahresband 1954 des Sport-Magazins (ein Kicker-Vorläufer), Nr. 27 vom Montag, 5. Juli. Titelblatt natürlich: »Deutschland ist Weltmeister«. Auf Seite zwei eine Kolumne von Richard Kirn, legendärer Sportjournalist und Feuilletonist. Frühe »Montagsthemen« in Idealform, da die großen Themen nur anreißend (und gab es jemals ein größeres als das »Wunder von Bern« tags zuvor?) und über sie hinaus scheinbar ziellos zu »Sport, Gott & die Welt« abschweifend.
*
Nach dem Epochalen (siehe oben) provoziert Kirn: … Sie alle frage ich: Wie haben Sie sich an dem Tag verhalten, an dem der 1. FC Kaiserslautern gegen Hannover 96 unterging? – Rückblende: Vor der WM hatten die Lauterer das DM-Endspiel 1:5 verloren, Herberger wurde hart kritisiert, dass er fünf von ihnen zur WM mitnahm und keinen aus Hannover (Hannover! Man stelle sich bloß vor, Herberger hätte fünf aus Hannover nominiert!). – Es ist erst ein paar Wochen her. Ich gestatte mir, submissest daran zu erinnern. Oh, dieses ewige »Hosianna!«, dem das ebenso ewige »Kreuziget ihn!« folgt. – 2019. Nichts hat sich geändert, nur verschärft.
*

Aber schon kommt Kirn scheinbar vom Weg ab, in Wahrheit aber auf echt montagsthematischen Kurs. Grotesker Zufall: Deutschland hatte es in der Weltmeisterschaft mit Österreich, Ungarn, Türkei zu tun. Das wäre der Dreibund von 1914. Ist das nicht seltsam? Jugoslawien kann man ausnehmen: Es gehörte 1914 noch dem mächtigen Reich der Habsburger an.
*
Nach weiteren Abschweifungen (ein FAZ-Feuilleton über »Kunst und Sport«, Wimbledon und die Tour de France werden gestreift) kommt Kirn zu einer 110 kg schweren indischen Ringerin namens Hamila, die zu Hause alle Männer aufs Kreuz gelegt hat und jetzt auf Europa-Tournee geht. Fünfziger-Jahre-PR-Clou: Wer sie besiegt, den will sie heiraten. Dazu Kirn, der als gebürtiger Wormser seine Nibelungen kennt: Wer glaubt … in mir den richtigen Partner für Hamila entdeckt zu haben, hat sich getäuscht. Wenn man aus Worms stammt, ist man noch lange nicht imstande, jede Brunhilde aufs Kreuz zu legen. In bin kein Siegfried. – Und ich leider kein Richard Kirn. Einfach genial!
*
Auf seine allerdings oberfiese Art ebenfalls genial war Lance Armstrong, und er bleibt es auch in einem NBC-Interview, in dem er endlich »zugibt«, warum er gedopt hat. Europa ist schuld! Gedopt haben sie hier wie die Teufel, daher musste auch er zur Waffengleichheit »in den Waffenladen« gehen. Aber gedopt oder ungedopt, er hätte sowieso gewonnen, weil er einfach der Beste war. Und so hat Armstrong Amerika schon früh »great again« gemacht.
*
Dreist wie Trump. Leider mit einem unfeinen Unterschied. Armstrong ist bei allen untendurch, Trump aber umso mehr obenauf, je heftiger er angegriffen wird. Denn dem »linksliberalen Mainstream« (Wort von Harald Schmidt/siehe »Sport-Stammtisch«) fehlt jene Form der Empathie, die sich auch in den Andersdenkenden oder gar nicht Denkenden hineinfühlen kann, der Trump um so eher wählen wird, je mehr dieser von Menschen angegriffen wird, die ihm (dem Anders- bzw. Nichtdenkenden) unangenehm aufstoßen. Ich denke da an eine US-Fußballerin, neue Ikone der Anti-Trump-Aktivisten, an einen gewissen Dokumentarfilmer oder an Unbekannte wie den Widerling, der (bzw. die) einen Trump-Sohn angespuckt hat – allesamt gut für ein paar Wahl-Prozentpunkte mehr. Leider für, nicht gegen Trump.
*

Da fällt mir das neue Posting eines SPD-Politikers ein, der (zumindest ab und zu) gw-Kolumnen liest und schon von daher meine Sympathien besitzt. Er zitiert ein Wort des satirischen US-Autors Henry Louis Mencken, der sinngemäß sagte, wenn die Demokratie sich weiter entwickele wie bisher, spiegele der Präsident »immer exakter die innere Seele des Volkes. Eines großen und glorreichen Tages wird sich der Herzenswunsch der einfachen Leute erfüllen und das Weiße Haus mit einem wahren Idioten verziert sein.« Geschrieben 1920! 99 Luftballon-Jahre später ist der Herzenswunsch in Erfüllung gegangen.
*
Im Posting heißt es auch, es lohne sich, mehr von Mencken zu lesen. Ich hab’s getan und unter anderen diesen Satz gefunden: »Demokratie ist die Theorie, dass das gemeine Volk weiß, was es möchte, und verdient es zu bekommen, und zwar von vorne und hinten.« – Wie ist das denn bitte bloß zu verstehen!?
*
Bleibt mir nur noch das »Bitte kein Graffiti. Danke«-Schild, gesehen im »Hohlspiegel« des Spiegel. Nicht, weil ich als Oberlehrer den Finger höbe (Einzahl Graffito, Mehrzahl Graffiti), sondern weil neben dem Schild ein Graffito hingeschmiert ist: »O.k.!« Ganz mein Humor! Aber vielleicht wäre »Bitte!« noch besser. Unvermeidlich zum Schluss daher mein Lieblings-Graffito, einst an eine Gießener Behördenhauswand geschrieben und nicht nur Armstrong und Trump voraus nehmend: »Ich glaub euch nix!« (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)