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Sport-Stammtisch (vom 21. Juni)

Frauen-WM (jetzt gegen Nigeria), Jungs-EM (6:1 gegen Jovic!) oder gar Messis übliche Agonie im Nationaltrikot bei der Copa America (1:1 gegen Paraguay) – was ist das Thema der Woche unter Fußball-Fans jeglicher Geschlechtspräferenz? Natürlich … Hummels’ Wechsel zum BVB. Hauptthema in der Influencer-Klientel allerdings: Kommt Cathy mit nach Dortmund?
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Angesprochen und abgehakt. Fußball soll heute nicht unser Thema sein. Nur bei seiner geschlechtsspezifischen Problematik wollen wir kurz verweilen. Zuletzt meinte ich, es sei gleichermaßen unsinnig, wenn kämpferische Frauenrechtlerinnen im Fußball gleiche Bezahlung fordern (= Äpfel sind Birnen) oder plumpe Machos den Frauenfußball verachten (= Äpfel sind gar kein Obst). Da stimmt jetzt die Zeit zu und warnt, »den Frauenfußball als Rammbock für feministische Reformen zu gebrauchen«. Die Forderung nach gleicher Bezahlung mit der »entfesselten globalen Entertainmentbranche« im Profifußball der Männer ziehe das »berechtigte Anliegen unnötig ins Absurde«.
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Sag ich doch. Letztes Wort dazu, am Beispiel unserer großartigen hessischen Sprinterin Lisa Mayer: Wer sie laufen sieht, bewundert ihren ästhetischen Stil und würdigt ihre sportliche Leistung, ohne auch nur eine Sekunde an einen Vergleich mit den Männern zu denken. Auch auf die Idee, für unsere Sprinterinnen die gleiche Bezahlung zu fordern, kommt niemand. Höchstens im Umkehrschluss die Sprinter selbst …
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Tele-Quote der Frauen-WM in Frankreich. Die werberelevante Gruppe der 14- bis 49-Jährigen wird kaum erreicht, dafür aber vor allem … alte weiße Männer über 65! Das ist ja … interessant? Nein. Warum nicht? Später.
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Wann ist ein Mann ein Mann? In der schier unendlichen Semenya-Geschichte wurde jetzt die Urteilsbegründung des Sportgerichtshof CAS für die Sperre veröffentlicht, danach sei Caster Semenya »biologisch ein Mann«. Dennoch hob ein Gericht in Lausanne die Sperre auf. Fortsetzung folgt.
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Warum überhaupt die ganze Aufregung? In ihrer Emma löst Alice Schwarzer die Geschlechter-Frage radikal in bzw. zu ihrem eigenen Wohlgefallen auf. Sie schreibt über ein Treffen mit Prostituierten, dass »350 Frauen kamen, darunter viele Männer«. Der Spiegel steckte den Satz in seine Stilblüten-Sammlung im »Hohlspiegel«, doch ich vermute, Schwarzer hat nicht unabsichtlich geschludert, sondern sich einen Jux erlaubt. Jedenfalls kommt sie damit meinem alten Ansatz in der Eins-zwei-viele-Geschlechter-Frage nahe: Denkt man das Problem zu Ende, gäbe es keine zwei Geschlechter im Sport (und nicht nur diesem), keine 50, keine 200, sondern mehr als sieben Milliarden. Denn jeder ist eine Klasse für sich.
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Obwohl es zum Beispiel der Astrophysik gut tut, dass in dieser männerdominierten Sportart eine Frau sagt, was Sache ist. Nachdem die Jungs einen Welterklärungs-Weltrekord nach dem anderen gestartet haben, von Urknallen bis Multiversen, bittet die promovierte Physikerin, Forscherin und Buch-Autorin Sabine Hossenfelder: »Jemand muss mir meinen Verdacht ausreden, dass theoretische Physiker kollektiv einer Wahnidee anhängen.« Nein, warum den Verdacht ausreden lassen? Etwa von Alexander Vilenkin, dem Erfinder des Multiversums, der behauptet, der Urknall »war kein einmaliges Ereignis, sondern es gab viele Knalle«? – So viele, dass noch heute jeder seinen eigenen Knall hat. Verdacht nicht ausredbar.
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Was für mich der Urknall, ist für Charlie Brown von den Peanuts eine Wolke. Linus, Lucy und Charlie liegen auf einer Wiese und starren in die Wolken. Lucy: »Was siehst du, Linus?« – Linus: »Die Wolke da oben sieht ein bisschen aus wie das Profil von Thomas Eakins . . . und die Wolkengruppe da drüben erinnert mich an die Steinigung des Stephanus . . . « – Lucy: »Wow, das ist gut . . . und was siehst du in den Wolken, Charlie Brown?« – Dieser, intellektuell eingeschüchtert: »Ach, ich wollte sagen, dass ich ein Entchen und ein Pferdchen sehe, aber ich hab’s mir anders überlegt.« – Warum denn, Charlie!? Mit deinen Entchen und Pferdchen bist du erkenntnistheoretisch weiter als die Linusse aller Multiversen. Und am Jüngsten Tag werden sich sowieso alle wundern, wenn Bild mit der letzten Schlagzeile herauskommt: »Alles ganz anders!«
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Vom Sport ganz schön weit abgedriftet. Sorry. Zurück zum eigenen Zuständigkeitsbereich. Aber mit Stephen Hawking, der bewiesen hat, dass sogar die kreativsten theoretischen Physiker wissen, wo es eine unüberschreitbare Grenze der Erkenntnis gibt. Denn selbst der große Hawking wusste, dass Fußball »eines der großen Mysterien der Wissenschaft bleiben wird«.
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War diese Kolumne trotz aller Abschweifungen interessant zu lesen? Hoffentlich nicht. Ein über hundert Jahre altes Büchlein über »Allerhand Sprachdummheiten« klärt mich auf, dass interessant zu den »nichtsnutzigsten Klingklangwörtern« gehöre. Dieses »Fremdwort« (Lateiner wissen: inter = zwischen, esse = sein) sei »völlig inhaltslos«, es gebe kaum ein deutsches Adjektiv, das »nicht durch interessant übersetzt werden könnte«, ein derart »nichtssagendes Bummelwort sollte doch anständigerweise in keinem Buche und keinem Aufsatz mehr vorkommen«. – Richtig! Und sehr interessant!  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)