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Sonntag, 16. Juni, 6.20 Uhr

Nass, es nieselt, bewölkt. Der „heißeste Tag des Jahres“? Schlagzeile in der FAS: „Grüne erwägen Kanzlerkandidatur“ – nicht aus Daffke, nicht selbstironisch, sondern selbstverständlich, da nach Umfragen auf bzw. schon über Augenhöhe mit CDU und SPD. Sachen gibt’s.

Heute nacht war doch Boxen? Schnell mal reingucken … „Blitz-K.o. in Runde 2!“ (Bild online). Na ja, vergessen wir’s. Tom Schwarz hatte seine paar Minuten Berühmtheit, die Warhol jedem vorausgesagt hat.

Die Jugend von heute … (siehe Blog von vorgestern) ist zum Glück ganz anders als die Jugend der frühen 30er Jahre, über die Ödön von Horvath in „Jugend ohne Gott“ schreibt. Seit ich im Franz-Marc-Museum in Murnau war und von seinem Kreis erfuhr, zu dem auch v. Horvath gehörte, wollte ich ihn lesen, bin jetzt erst dazu gekommen, schaffe aber immer nur zwei, drei Seiten pro Tag. Dann wechsle ich zu Jan Brandt und Gerhard Roth über, bin also derzeit Triple-Leser. Weil mich „Jugend ohne Gott“ runterzieht. Nicht, weil mir das Buch nicht „gefällt“, im Gegenteil, aber die zeitgemäße und wohl auch realistische Schilderung der rohen, wilden jungen Nazibande kann depressiv machen.

Horvaths Stil beinhaltet kurze Sätze, lapidar, schmucklos … bei „lapidar“ fällt mir eine Online-Überschrift (aus der eigenen Zeitung …) ein, in der zu lesen war, dass der Grund (für eine Straftat, welche habe ich vergessen) „lapidar“ gewesen sei. Gemeint war offenbar: eine Lappalie. Zufall? Schludrigkeit? Oder modernes Nichtwissen?

Mein aktuelles Nichtwissen ist das übliche am Sonntagmorgen: Was schreib ich bloß in den „Montagsthemen“? Auf dem Zettel sind Stichworte notiert, die mir momentan nicht viel sagen: Jugend / 17. Juni / WBI, Umfrage / Kenia, Muskelschmelze / Hummels / Kahn, als weider, Camus / Boxen.

Mal vorsortieren: „Jugend“ – von Horvath? Eher nicht / 17. Juni – wg. Feiertag? Eher nicht / WBI, Umfrage – Auflösung und Namen, dazu Habeck. Nur falls Platz bleibt / Kenia, Muskelschmelze – ah, ja, großes Thema im Spiegel, mit Erinnerung an meine Fake-News in der FAZ. Bisschen peinlich, aber das mache ich wohl / Hummels – wahrscheinlich zum BVB. Kommt rein / Kahn, als weider, Camus – schönes Thema, finde ich; zum 50. von Olli Kahn. Kommt rein. / Boxen – Tom Schwarz, klar, kommt nicht rein, oder doch, aber nur als Anfangs-Schlenker mit Warhol-Berühmtheit.

Wort zum Sonntag von Ödön von Horvath bzw. des Lehrers in „Jugend ohne Gott“ über seine Schüler, die zu fünft einen Mitschüler verprügelt hatten, einfach so, weil’s Spaß macht. Einer der Prügler hatte im Aufsatz geschrieben: „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul.“

Da sitzen sie nun vor mir. Sie hassen mich. Sie möchten mich ruinieren, meine Existenz und alles, nur weil sie es nicht vertragen können, dass ein Neger auch ein Mensch ist. Ihr seid keine Menschen, nein! (…) Es ist eine schreckliche Bande! (…) Alles Denken ist ihnen verhasst. Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein, Schrauben, Räder, Kolben, Riemen – doch noch lieber als Maschinen wären sie Munition: Bomben, Schrapnelle, Granaten. Wie gerne würden sie krepieren auf irgendeinem Feld! Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.

Halt! Nicht weiter! Depri-Alarm.

Ödön von Horvath starb 1938 und erlebte nicht mehr, was er im Roman vorweg nahm.

Schönen Sonntag noch!

Nachtrag 7.30 Uhr: Schön? Schön nass und kalt. Dunkel wie im Herbst. Es nieselt nicht, es schifft gerade. Cats and Dogs. Ich friere am Schreibtisch. Die Beste ist Feld-und-Waldi-unterwegs. Die Arme. Das wird ja ein heißer Sonntag. 36 Grad? Sonne?