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Montagsthemen (vom 17. Juni)

In Zukunft wird jeder für 15 Minuten berühmt sein, sagte Andy Warhol voraus. Noch ist es nicht ganz soweit, das Viertelstündchen von Tom Schwarz dauerte nur fünf Minuten. Da hält ja Robbi, der grüne Knuddelbär, schon länger durch.
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Andy Warhol? Der lebte zu jener Zeit, liebe Kinder, als der 17. Juni noch ein Feiertag war, weil einerseits ein trauriger Tag, andererseits ein mutmachender, mit ArbeiterI*nnenstolz vor schäbigen Bonzen-Schemeln. Schiller schrieb zwar vom »Männerstolz vor Königsthronen« – aber so etwas muss heute vorne zurechtgegendert und hinten historisch korrekt eingeordnet werden.
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Zurück zur Kernkompetenz dieser Kolumne. Die Frau neben dem Knuddelbären war eine der beiden Gesuchten der letzten »Wer bin ich?«-Folge: »1. Grünenchefin Annalena Baerbock, ehemalige Trampolinspringerin. 2. Sophie Passmann, Autorin, die jetzt erst entdeckt hat, was wir alten Handballer schon lange wissen: Handball ist top!« (Wolfram Spengler/Hüttenberg). Außer ihm sammelten zwei Punkte: Wolfgang Egerer (Rosbach), Dieter Neil (Buseck), Karola Schleiter (Florstadt), Walther Roeber (Bad Nauheim), Rüdiger Schlick (Reichelsheim), Horst-Günter Schmandt und Reinhard Schmandt (beide Pohlheim), Paul-Gerhard Schmidt (Nieder-Ohmen), Prof. Peter Schubert (Friedberg), Manfred Stein (Feldatal) und Ingrid Wittich (Mücke-Merlau). – Mehr dazu online im Blog »Sport, Gott & die Welt«.
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Mats Hummels ist schon viel länger berühmt als Tom, Robbi, Annalena und Sophie. Nun scheint er vom absteigenden Ast zu springen, zurück zum BVB, wo es für ihn nur aufwärtsgehen kann. Das passt. Selbst sein Manko, der fehlende Speed, kann im BVB-Verbund ausgeglichen werden, wogegen sein größtes Plus, die berühmte »Spieleröffnung«, der Mannschaft neben seinen anderen Vorzügen in Kopf und Fuß eine neue Qualität geben sollte.
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Eine »neue Qualität« auch, dass Kenias Wunderläufer »Unter Generalverdacht« (aktuelle Spiegel-Schlagzeile) stehen. Neu? Als alle Welt und unser damaliger Leichtathletik-Mitarbeiter R. H., einer der bundesweit Besten seines Fachs, von den »sauberen« Ostafrikanern schwärmten, die nur durch Naturtalent, frische Luft und mit der Basis eines 10-km-Schulwegs in die Weltspitze preschten, fuchste mich das mächtig. Denn das ging immer gegen die Werfer, deren aufgeblasene Figuren schon verrieten, ätzte die Presse, dass sie Anaboliker waren. In der Szene selbst wussten aber alle: Zwischen dürren Kenianern und monströsen Deutschen gab es keinen Unterschied. Um PR-Arbeit in eigener Sache zu machen, steckte ich unserem Fachjournalisten die »Exklusivinformation«, dass ein neuer Trend entstünde, mit leichteren, schnelleren, explosiveren Kugelstoßern (was nicht stimmte, die gab’s schon immer). Der gewünschte Effekt trat ein. Ein paar Tage später erschien in der FAZ ein Artikel von R. H. in meinem Sinne. Überschrift: »Muskelschmelze der Kugelstoßer.« Was ham’ wir Werfer gelacht.
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Kein Ruhmesblatt, ich weiß. Ich erwähne es nur, um auch mit Blick auf aktuelle außersportliche Schlagzeilen zu unterstreichen, dass alles, was selbst der bestinformierte Journalist »aus erster Hand« erfährt (oder auf Video sieht), nur aus zweiter Hand stammt, und die hat immer ihre eigenen Interessen.
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Zu wirklich guter Letzt die drei großen Geburtstage der vergangenen Woche: Donald Duck wurde 85 (9. Juni), Steffi Graf (14.) und Oliver Kahn (15.) feierten ihren Fünfzigsten. Allen gratuliere ich so, wie es die Donaldisten auf ihren wissenschaftlichen Kongressen nach besonders gelungenen Beiträgen über die Entenhausener Historie tun. Dann wird heftig applaudiert – nicht mit den Händen, sondern onomatopoetisch laut rufend, wie in Donald-Sprechblasen: »Klatsch, klatsch, klatsch.«
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Meine regionalhistorische Forschung hat ergeben, dass Olli Kahn hessische Wurzeln hat und zudem von Sisyphus geprägt ist. Sein berühmtestes Zitat – oder zweitberühmtestes, nach »Eier! Wir brauchen Eier!« – ist die Langfassung einer alten hessischen Devise, von Albert Camus umständlicher ausgedrückt und von Kahn nach dem Schlusspfiff spontan am Mikro verdichtet: »Niemals aufgeben! Immer weitermachen! Immer weiter! Immer weiter!« Später sagte er, mit weniger Adrenalin im Blut: »Was mich antreibt? Ich möchte einmal das Gefühl haben, der Perfektion nahe zu sein. Das habe ich vielleicht mal im Training, eine Minute, 30 Sekunden lang, wo du denkst: Ich bin unschlagbar. Dann ist das Gefühl schon wieder weg.« Camus sticht etwas höher: »Der Kampf um den Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen.« Was beide ausdrücken wollen, heißt beim Hessen lapidar: Als weider!
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Bleibt nur die bange Frage, die jeden Kolumnisten plagt: Wie reagiert der Leser? »Klatsch, klatsch, klatsch?« – oder »Ächz, würg, ggrrg«? In diesem Fall sage ich mit Tom Schwarz: „Tut mir leid, Deutschland.“
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)